Grant Morrison: Popkultur als Philosophie

Nur bei wenigen Comic-Künstlern ist die Verbindung zwischen Biografie und Werk so eng miteinander verflochten wie bei Grant Morrison. Geboren 1960 in Glasgow und aufgewachsen in der Donnelly Street in Bishopbriggs, einer schottischen Vorstadt geprägt von Arbeiterkultur, wurde Morrisons Fantasie von Beginn an durch ein doppeltes Bewusstsein geformt. Einerseits durch die alltägliche Realität der Industriestädte, andererseits durch die schillernden, kosmischen Welten amerikanischer Superhelden-Comics, die er geradezu verschlang. Dieser innere Gegensatz bildet das Fundament seiner kreativen Weltsicht.

7.19.11GrantMorrisonByLuigiNovi2
Grant Morrison von LuigiNovi

Die britische Comicszene der frühen 1980er-Jahre, in der Morrison seine Fähigkeiten entwickelte, war von einer unvergleichlich pulsierenden Energie erfüllt. Mit dem Magazin 2000 AD als Inspirationsquelle und Alan Moore als dominierender kreativer Figur sah sich eine ganze Generation britischer Talente vor die Herausforderung gestellt, den Weg zu finden, den man nach dem Dekonstruktivismus einschlagen konnte. Während Moore die Superhelden-Mythologie radikal zerlegte – wie etwa in Watchmen oder The Killing Joke –, nahm Morrison eine vollkommen entgegengesetzte Haltung ein. Er setzte auf eine Art feierliche Neubewertung des Altbekannten.

Dieser Ansatz war von zentraler Bedeutung. Schon früh erkannte Morrison nämlich einen vermeintlichen Irrtum in der Dekonstruktion des Superhelden.  Die Vorstellung, dass Komplexität zwangsläufig mit Entmythologisierung gleichzusetzen sei, teilte er nicht. Im Gegensatz dazu wollte er beweisen, dass Mythologien in ihrer ursprünglichen, archetypischen Kraft eine tiefere Wahrheit transportieren, die ihrer Entzauberung trotzt und gerade in ihrer Unmittelbarkeit eine universelle Bedeutung entfaltet.

Weiterlesen