Die Veranda

Das phantastische Leben in der alten Spinnerei

Seite 56 von 80

Nymphentag 28 (+Audio)

Es mag sein, dass es im Traum geschah

Ich probiere mich derzeit an unterschiedlichen Playern für den geplanten Nymphenpod aus. Meine Sprache ist ein Vehikel, das selten ohne meine Stimme auskommt. Das hier ist jetzt also die einfachste Variante, und wenn sie funktioniert, bleibe ich dabei, auch um meine “Stories” einzulesen. Womöglich muss ich die längeren dann in mehrere Klafter unterteilen. Klafter aber erst after … (hehe).

Ich brauche jetzt unbedingt Eis. Heidelbeere. Klar. Und Fürsiche in Form von Naktfürsichen, sprich: Nektarinchen.

Magnetische Felder

Vor einem Jahr 

Wo ich hingehöre wenn ich fort muss
ist eine wache Nacht, eine Nacht
der Organe, die sich reiben über
magnetische Felder hinweg. Das Lauschen
der Strömung, der Ruf, der die Welt zwingt,
sich neu zu gestalten, der ihr vorschlägt,
dass jetzt und ab heute die Vermählung beginnt.

 — Doc. Mit dem Rad wie durch einen Silberbrunnen rauschen. Ich komme zu mir, als ich bereits da bin. Ich muss nicht warten, bekomme an der Rezeption, was ich brauche. Kann gleich wieder (wie siehst du denn aus?) weiter, muss weiter, (Nun, wie sehe ich denn aus?) bin noch nicht mit Kaffee in Berührung gekommen, die volle Tasse steht auf dem Fußboden, ihr Inhalt wird kalt, (Als würdest du zum Strand gehen) ich schreibe (Ich schreibe), bringe meine Briefe selbst zu den Adressen, das spart mir Unverlässlichkeiten, (In Strandbekleidung?), ich denke da nicht an einen Strand, ich denke da an nichts mehr, während ich selbstverständlich an alles denke. Die Sonne wird abgefedert, bevor sie meine Blumen erreicht.

Terra Incognita

Man könnte ja weder klöppeln, kloppen, noch rasten, säße man nicht am Rande der Weltscheibe und ließe sich von dem zur Mitte fließenden Blut besingen. Dass es dort draußen noch etwas gäbe, singt der Song, etwas außerhalb der Blödmuckelei, Terra incognita, so weit man überhaupt möchte, und wo ein Punkt gemacht wer­den soll, entspringt sogleich ein Gut, auf dem man seiner Ruhe beipflichtet und bleibt. Sollte alles nur rund sein, werden wir uns nicht entkommen und schließlich aufessen müssen.

Nymphenbad 27

Heute also Tag des Venusbergs. Die Venus selbst ist kurz vor drei los, um schon mal Vorarbeiten zu leisten, heißt, sich beschlüsseln zu lassen. Die Hitze treibt mir indes schon wieder die Wut hoch, Hitze macht bekanntermaßen blöde. Aber es ist alles noch viel schlimmer, denn der Venus sprotzte das Küchenwasser fontäniert um die Ohren, justamente in dem Moment, wo ich in Keselground verzweifelt und erfolglos nach Illustrierten aus den 70er Jahren fahndete. Tittenmagazine gäbe es zu kaufen, nix aber darüber, was die Gesellschaft dazumal so getrieben hat. Das ist überhaupt das Manko der Geschichtsschreibung, dass sie nur verklausuliert nachzuschlagen ist. Was dagegen ist ein Zeugnis at this point wert? Ich lese da manchmal vom Leben im Mittelalter, fantasiereich und mit allen literarischen Wassern gewaschen, aber wie spielten sich die Szenen zu den Begebnissen ab? Genügen hierzu Wahrscheinlichkeiten? Nie!, man muss sich hinein=kontemplieren, in den Gockel, den Tschukel, den Äpfeldieb. Wie fühlt sich ein Mühlrad an, wenn man aufgekeltert wird? Man träume davon!

Nimrod

Nichts ist mir zu heiß in diesem Land des Nimrod, nichts ist mir die Sonne, der Sand, vor allem aber die Sonne, die wankt, den gan­zen Tag wankt, die mich anglüht. Eile du nur vorwärts! eile zu den Gärten, erblicke die große nichtssagende Schönheit, die alles ent­hält : das Ganze und dich; jede Blume, auch dich!
Unter der Zunge schwärt die Lüge, die große große Saat. Ich möchte mich niedersetzen auf den Sternenstein, sinnieren mit keimenden Trollblumen, über die Nebel hinweg schauen. Ich möchte an der Hitze erfrieren; die weiße Erde erstarrt.
Was willst du dich beklagen, dass du lebst, wenn du lebst und alles andere stirbt. So weit der Weg nach Mitternacht, der schwar­zen Frucht der Finsternis. Dein Herz klopft dort noch leise weiter, wird gehört von Tausenden, die wie du am Kragen schlottern.
Nichts ist mir dunkel wie die Stunde, die ich nicht verlassen kann. Wenn sie endet, ende ich. »Will jemand mit mir speisen?« fragt Nimrod dort am ersten Stein, der lag, wo sich dann Babylon erhob. Nie sagte jemand Nein zu Datteln, nicht zu Wein. Jeder dachte an die große Geschichte, die noch zu schreiben war.

Nymphenbad 26

Die Bibliothek ist in den nächsten Tagen zu trennen, was muss unbedingt in das Arbeitsumfeld “Venusberg”, dem ich der Tannhäuser sein werde, anderes kann in Keselground als “Rückgriff-Bibliothek” verbleiben. Von den Schreibmaschinen nehme ich nur die Olympia SG mit, auf der ich dann die “Sandsteinburg” zurechtzimmere. Ich habe durchaus versucht, mit dem angeblich bequemeren Laptop zu arbeiten, aber es gelingt mir nicht, weil es ganz im Gegenteil viel umständlicher ist und zum Schluss für mich auch überhaupt nicht funktioniert. Die abervielen Zettel, die über die letzten zehn Jahre zusammengetragen wurden, sind natürlich ebenfalls neu zu sortieren.

Wo sie früher stand: Keselground

Da pure sweetness einen Schreibtisch anschleppen wird, hört dann auch das Tischeruckeln auf, sobald man ordentlich anschlägt. Die Finger benötigen alle Härte des Widerstands, der Buckel des Schreibgebäudes darf nicht ächzen, nicht bitten, nicht murren. Widerstand ist hier nicht sinnlos.
Ausstehende Bücher: Carlos Fuentes – Chac Mool, Martin Walser – Ehen in Philippsburg, Walter Berg – Grenz-Zeichen Cortázar, Fanny Esterhazy – Arno Schmid, eine Bildbiographie (wobei Letzteres wohl neben Zettels Traum das schwerste Objekt meiner Sammlung werden dürfte).

Unter Huf & Egge

Alle Gewässer fallen zusammen und alle Städte fallen zusammen, am Strom, am großen Knoten, Zeitenkelch; der Brunnen gibt und nimmt das Wasser. Die Tropfen in den Kelchen, Pfannen, Augen, sie kochen hoch und regnen davon. Ich suche dich und finde mich, ich brenne aller Feuer mit. Willst du mich wiedersehen, dann reise in das Gestern Zug um Zug, nur langsam mit den Stunden. Erschüttert von den Jahren, die nicht wiederkehren, die neu geträumte Erde jeder Nacht, die heißen Rätsel ihrer Mitte. Als ich die Schatten sehe, spreche ich sie an: »Was tut ihr dort im Morgenrot?«
»Wir ernten«, sagen sie. »Wie weit willst du noch wandern?«
Die tausend Wege haben tausend Köpfe, nichts habe ich für mich getan. Ich will den Blick nach innen wagen, wie viele das schon vor mir taten, wie so viele, die sich ins Feld gesetzt und san­gen für den Mais. Die große Schlange ist Ernährer und fordert ihre Opfer ein. Wenn der Sänger das Symbol erforscht, wird er hinter den Verstand geführt, hinter die Spiegel und Pfützen.
»Hier erschaffen wir neues Ackerland«, sagen sie. »Unsere Erde ist unter Huf und Egge.«

Nymphentag 25

Obwohl ich dem Geschmack der lesenden Masse streng zuwider laufe, habe ich mich dazu durchgerungen, die Sammlung “Gespenstersuite” als eBook herauszugeben. Das ist immerhin besser, als wenn die Stories in meinen zahllosen Kisten Staub ansetzen. Hauptgrund ist also nicht die Idee möglichst vieler Leser (die kann ich mir in meiner Eigenheit kaum vorstellen, um es gelinde auszudrücken), sondern dass ich die fertigen Texte in irgend einer Form aus dem Sinn bekomme. Ihr Bestehen und ihre Häufung hinderten mich daran, konsequent an der “Sandsteinburg” weiterzuschreiben. Das traf auch auf die Chimären zu, die ich aber hier im Weblog ablege. Wichtig ist mir nur, keine Kompromisse zu machen. Da ich Tag und Nacht arbeiten kann, wie es mir beliebt, gilt es, dem Wahnsinn wieder mehr anheim zu fallen. Ich bin da in einer günstigen Position, weil ich mich um gesellschaftliches Leben keinen Deut schere und keine andere Verpflichtung habe als zu schreiben. Da mich die grandiose Albera in meinem Wahnsinn nicht nur unterstützt, sondern ihn auch regelrecht fordert, wird auch mein gezieltes Eintauchen in die Sprache keine Stürze ergeben, wie ich sie in der Vergangenheit oft erleben musste. Ich muss einfach nur schreiben; die Welt ist mir dabei herzlich egal.

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén