Ein wenig schade ist es schon, dass in der deutschen Übersetzung – wie so oft – die Anspielung auf das literarische Thema unterschlagen wird. Im vorliegenden Fall steckt in der Übersetzung „Hinter diesen Türen“ das Original von „The Turn of the Screw“ in Form von „The Turn of the Key“. Es mag sein, dass ich stets zu sehr auf unseren fragwürdigen Titeln herumreite, andererseits will ich nicht davon abweichen, etwas auf Akkuratesse zu bestehen, vor allem, weil das – wie gesagt – längst keine Einzelfälle mehr sind.
Wie dem auch sei, schauen wir uns einfach an, was wir hier vor uns haben.
Kreuzt man die abgelegene, malerische Atmosphäre der schottischen Highlands mit der überklaren, schnittigen Modernität eines „Smart House“, hat man sofort das Bild der Kulisse im Kopf, mit der Ruth Ware hier hantiert. Es versteht sich von selbst, dass in den meisten guten Kriminalgeschichten der Schauplatz eine ganz eigene Persönlichkeit und einen eigenen Charakter einnimmt. Das mag auch für andere Genres zutreffen, aber im Mystery-Genre gehört dieser Aspekt zu den allerwichtigsten.
Anna Kavans unverkennbarer, markanter Stil wurde von so unterschiedlichen Autoren wie Brian Aldiss, J.G. Ballard, Doris Lessing und Anais Nin bewundert.
Sie wurde als „Helen Woods“ in Cannes, Frankreich am 10 April, 1901 als Tochter wohlhabender Britischer Auswanderer geboren. Anna verbrachte ihre Kindheit in verschiedenen Europäischen Ländern, in Kalifornien und England. Sie heiratete Donald Ferguson und lebte eine geraume Zeit in Burma. Die Ehe scheiterte, aber es war dies die Zeit, in der sie mit dem Schreiben begann.
Anna Kavan heiratete noch einmal. Aufzeichnungen über diese zweite Ehe existieren nicht. Erneut lebte sie in verschiedenen Europäischen Ländern, bevor sie sich in England niederließ. Es erschienen in dieser Zeit einige Bücher von ihr, die sie unter dem Namen Helen Ferguson veröffentlichte. Zunächst waren das noch traditionelle Erzählwerke. Erst später entwickelte sie ihren einzigartigen und anspruchsvollen Stil.
Um 1926 nahm sie immer öfter Heroin zu sich, um die zeit ihres Lebens auftretenden, teils schweren Depressionen in Schach zu halten. Ihre anhaltende psychische Erkrankung, wie auch die Veränderung ihres Schreibstils, waren das Ergebnis eines Zusammenbruchs. Nach diesem änderte sie ebenfalls ihr Äußeres und ihren Lebenswandel radikal. Das führte schließlich zum Namen Anna Kavan, einer Figur aus ihrem Roman „Let Me Alone“, mit der sie sich identifizierte. Mehrer Male versuchte sie den Entzug, wurde aber wieder und wieder rückfällig. Sie nannte die Heroinspritze ihre „Bazooka“. Selbst während ihrer depressiven Episoden hielt sie am Schreiben fest. Die Zeiten ihrer akuten Phasen verbrachte sie in Kliniken in der Schweiz oder in England. Dort sammelte sie auch Material für ein Werk, das in einer Klinik spielen sollte. Neben ihrer Schriftstellerei brachte sie es in London zu einigen Ausstellungen ihrer Gemälde.
Zeit ihres Lebens blieb sie eine schwierige Person. Je näher ihr Ende rückte, desto mehr zog sie sich zurück. Dennoch besaß sie einen kleinen Freundeskreis, der ihre Probleme und ihr exzentrisches Verhalten wohlwollend übersah. Sie starb, nachdem sie mehreren Selbstmordversuche überlebt hatte am 5. Dezember 1968 an Herzversagen. Ihr bekanntest Roman ist „Ice“.
Auszüge aus: Anna Kavan, Jlia & the Bazooka, 1970 (Julia und die Bazooka. Novellen und Erzählungen)
Übersetzt von Michael Perkampus Der Verkehr brüllt, bellt, schleudert sich selbst in einer reißenden Woge in die Schlacht – Autos schlagen wie urzeitliche Monster um sich. Manche haben das Grinsen teuflischer Lust in ihren bösartigen, rudimentären Gesichtern stehen, Schadenfreude über zukünftige Opfer. Sie ahnen den Moment voraus, in dem ihr mörderisches Gewicht, bestehend aus hartem Schwermetall, weiches, verletzliches, schutzloses Fleisch zerreißt, es zu einem Brei anrührt, in dünnen Schichten über die Fahrbahn verteilt, eine tückische, rutschige Fläche anrichtet, auf der andere Autos im Kreis schleudern, ihre Reifen mit den Wurstpellen aus Gedärm verheddert, das aus dem ganzen Schlamassel platzt. Plötzlich merke ich, dass ein Auto mich als Beute ausgewählt hat und auf direktem Wege durch das Chaos auf mich zusteuert. (p.5)
Da das Universum nur in meinem Kopf existiert, muss ich selbst diesen Ort erschaffen haben, abscheulich und verdorben, wie er ist. (p.8)
Während ich ihn beobachtete, atmete ich die ganze Zeit über seinen natürlichen Geruch ein, den wilden urzeitlichen Duft von Sonnenschein, Freiheit, Mond und zerkleinerten Blättern, kombiniert mit der kühlen Frische fleckiger Tierhaut, noch klamm von der mitternächtlichen Feuchtigkeit der Dschungelpflanzen. (p.11)
Der Vorfall wurde übermäßig verlängert. Das merkwürdiges Katzengeschrei hörte nicht mehr auf, und undeutliche Formen brachen daraus hervor. Als es endlich vorbei war, fuhr ich weiter, als wäre nichts geschehen. Es war ja auch nichts geschehen, wirklich nicht. (p.22)
Alles ging weiter und weiter: der Nebel, der Scheibenwischer, meine Fahrt. Es war so, als wüsste ich nicht, wie man das Auto anhielt, und als müsste ich so lange weiter fahren, bis der Tank leer wäre, oder bis alle Wege zu ihrem Ende kommen würden.(p.22)
Alles, was ich wollte, war, dass alles so weiterging wie bisher, so dass ich in tiefem Schlaf verbleiben konnte, und nicht mehr wäre als ein Loch im Raum, weder hier noch sonstwo, so lange wie möglich, am liebsten für immer. (p.29)
Weiß, still, heiter und kühl, um mich an die unnahbaren, makellosen, schneebedeckten Berge zu erinnern; Rot für den Kontrast, für Liebe und Rosen, für Gefahr, Gewalt, Blut. (p.30)
Unglück türmt sich über ihnen auf wie ein Kreis vereister Berge, die unerbittlich näher rücken. (p.49)
Ich wusste, dass sie es getan hatten, also muss ich sie gehört und gefühlt haben, aber es war in einem anderen Raum geschehen und betraf mich nicht. Ich würde nicht zurück kommen, und es gab nichts, was sie dagegen tun konnten. (p.76)
„Eine Person ist entweder hier oder sie ist nicht hier, stimmts? Und wenn sie nicht hier ist, dann muss sie woanders sein, was bedeutet, sie ist verschwunden…“ (p.77)
Schneebedeckte Gipfel ragen überall in den Himmel, bleich wie Phantome in der Nacht, breite, körperlose Geisterschatten, größer als das Leben. Sie fließen in leuchtender Blässe, die Sichel des Mondes gleitet zwischen sie. Fahre ich oder träume ich? Traumhaft sind diese kolossalen, fantastischen Berge, unnahbar wie Götter. Traumhaft dieser aus dem Himmel fallende Mond. Eine endlose Traumstraße, stets spiralförmig nach oben. Alptraumstraße, stets am Rande schwindelnder Abgründe, eines Messers Schneide, die sich immer steiler und schärfer nach oben dreht. Soll ich überhaupt zur nächsten Biegung gelangen? (p.100)
Die Scheinwerfer werfen erneut ihr Streulicht von sich, stechen vorwärts, verwandeln sich in einen Gegenstand, der etwas aufspießt, etwas ausweidet. Vier Gestalten werden festgenagelt, vier weiße Gesichter, erschreckend nahe. Sie heben sich ab vor dem Hintergrund der taumelnden Berge, weiße Fischgesichter, erstarrt, mit offenen Mündern. Die Luft wird kälter und dunkler, Donnergrollen im Eis; eiskalt von den Anhöhen ausgeatmet wie ein Befehl. Die Vormachtstellung des Hochgebirges macht sich geltend. (p.100-101)
In diesem Buch finden sich die ersten drei ersten Bände um Robert Craven, die zuerst im Gespenster-Krimi erschienen sind (Band 567, 571, 575). Wer dieses Buch gleich nach dem ersten liest, bemerkt hier die stilistischen Unterschiede, die nicht nur darin bestehen, dass Hohlbein Robert Craven in der ersten Person erzählen lässt. Hier ist noch eine Kraft am Wirken, die inspiriert wirkt, während Die Spur des Hexers doch etwas müde wirkt. Trotzdem war es natürlich interessant, die Themen, die in diesem ersten Hexer-GK angesprochen werden, noch einmal ausgearbeitet zu sehen. Und so verbinden sich diese beiden Teile dann doch mehr oder weniger nahtlos, wie es ja auch beabsichtigt war.
Im Juli 1883 reist der 25-jährige Robert Craven mit seinem Mentor Randolph Montague von New York nach London. Wir erfahren, dass Maude Craven, die Robert für seine Tante hält, starb, als er 16 Jahre alt war, und dass Robert sich seitdem mit kleinen Gaunereien über Wasser hielt. Hier klafft natürlich eine erzählerische Lücke, denn Band 1 endet damit, dass H.P. und Roderick den kleinen Robert abholen. Warum (das ist eine berechtigte Frage, die Hohlbein nicht auflöst) kam es dann zu einem erneuten Abschied? Immerhin hatte er, kurz nachdem er den dreijährigen Robert in Mauds Hände gegeben hatte, dies schon wieder bereut, wollte ihn holen und musste feststellen, dass er und Maude entführt worden waren. Wenn Hohlbein schon das Gefühl hatte, den Anfang nachträglich beschreiben zu müssen, dann sollte er ihm wenigstens ein paar Sätze wert sein.
Als der Meister starb
Das Schiff, auf dem Montague und Robert reisen, gerät in dichten Nebel und bleibt stecken. Montague gerät in Panik und spricht von einer Gefahr, die ihn verfolge, ohne zunächst weitere Erklärungen zu geben. Tatsächlich erscheint ein schlangenartiger Krakenarm, der das Schiff beschädigt und einen der Matrosen in den Tod reißt. Nun offenbart sich Montague seinem Schützling Craven: Er erklärt, in Wirklichkeit Roderick Andara zu sein, der in Amerika unter dem berüchtigten Spitznamen „Der Hexer“ bekannt ist. In seine Ausführungen mischen sich immer wieder die in Buch 1 geschilderten Ereignisse, nur hört man sie jetzt zum ersten Mal aus seinem Munde. Er hatte mit einer Gruppe, die der schwarzen Magie mächtig war, das Städtchen Jerusalems Lot gegründet. Hier aber wird erzählt, dass sich die Menschen aus den umliegenden Dörfern zum zweiten Mal zusammenschlossen, um die Zauberer zu töten. (Das erste Mal war der Untergang Salems) – und auch das wird im ersten Band nicht deutlich. Wir haben gelesen, dass Andara vor der Gefahr floh, die anderen Zauberer fühlten sich verraten und verfluchten ihn. Kaum war Andara fort, riefen die Verbliebenen Yog-Sothot, um Roderick aufzuspüren und zu töten. Seitdem ist Roderick auf der Flucht.
Yog…?
Yog-Sothoth gehört nicht zu den “äußeren Göttern”, die Lovecraft besonders detailliert ausgearbeitet hat. Konsequenterweise lässt Hohlbein aber gerade ihn von den Zauberern beschwören, denn Yog-Sothoth wird häufig von Nekromanten angerufen. In “Der Fall Charles Dexter Ward” (1927) schlägt also seine große Stunde. Yog-Sothoth weiß alles und sieht alles. Ihn anzurufen kann Erkenntnis über viele Dinge bringen. Aber – wie überall im Mythos – kann das Wissen um die Dinge in einer Katastrophe enden. Einige Autoren, die sich Yog-Sothoth zu eigen gemacht haben, glauben, dass die Gunst des Gottes entweder ein Menschenopfer oder ewige Knechtschaft erfordert.
Das Wesen erscheint erneut, und wieder müssen Seeleute sterben, bis es Roderick Andara gelingt, den Dämon für einige Zeit in Schach zu halten, bis das Schiff an der schottischen Küste anlegen kann. Doch dann erscheint der Große Alte erneut und zerstört das Schiff mit Dutzenden von dämonischen Tentakeln. Andara wird von dem Dämon tödlich verletzt, doch er, Robert, der Kapitän des Schiffes und drei weitere Matrosen können sich an Land retten. Hier offenbart Roderick Andara sein letztes Geheimnis: Er ist der Vater von Robert Craven, und Robert hat seine Kräfte geerbt. Er müsse den Kampf gegen die Großen Alten weiterführen. Er schickt ihn nach London zu einem Mann namens Howard. Dann stirbt er und lässt Robert mit dem Bewusstsein zurück, dass er nun der Hexer ist.
Der Tyrann aus der Tiefe
Kapitel 2 des Buches ist Gespenster-Krimi Band 571: Der Tyrann aus der Tiefe. Ein Zwischenschritt, auch erzähltechnisch. Robert Craven und die anderen Überlebenden der LADY OF THE MIST kommen in Schottland in einem kleinen Fischerdorf an, genauer: in Goldspie. Ob es sich dabei um einen Schreibfehler handelt oder ob Hohlbein dies bewusst verfremden wollte, sei dahingestellt. Denn ein Goldspie gibt es in Schottland nicht, wohl aber ein Golspie. Das Loch Shin, in dem hier die Bestie haust, der man bei Vollmond Opfer darbringt, ist allerdings fast 50 Kilometer entfernt.
Noch wissen die Überlebenden nichts davon und quartieren sich in einem Hotel ein. Robert ist gerade auf dem Weg zur Bank, um einen der von Andara hinterlassenen Wechsel einzulösen und sich nach einem neuen Anzug umzusehen, als er zum ersten Mal von einem Craal, einer Blutbestie, angegriffen wird. Es handelt sich um eine Kreatur, die allein Hohlbeins Feder entsprungen ist und bei Lovecraft kein Vorbild hat. Ganz anders verhält es sich mit den Beschreibungen von Goldspie. Hier lehnt sich Hohlbein stark an Innsmouth an, ohne jedoch die für Lovecraft typische Degeneration der Bewohner zu verwenden. Denn Goldspie ist natürlich kein Innsmouth. Aber die Blutbestie passt gut in Lovecrafts Universum, ist halb unsichtbar und riecht natürlich nach Fisch. Robert verletzt sich an seinem Schwert und blutet, was eigentlich notwendig ist, um den Craal überhaupt auf seine Spur zu bringen. Hier liegt ein kleiner Fehler im Detail, denn die Blutbestie hat ihn offensichtlich auch ohne den offenen Blutgeruch finden können. Der erste der drei Magier des Dorfes wird nämlich (versehentlich) von Craal getötet, weil ihm bei einem Kampf, in den Robert mit ihm verwickelt ist, Roberts Blut auf die Wange gespritzt wird. Und dem Craal ist es letztlich egal, wen er erwischt.
Es gibt in Goldspie also drei Magier. Wir haben es schon im ersten Band (von Andara, der Mutter Rodericks) gesagt bekommen: drei sind genug, aber auch mindestens notwendig, um von einem Zirkel sprechen zu können).
Zwei von ihnen können getötet werden, aber die Identität des dritten bleibt auch am Ende des Kapitels völlig offen. Wie indes die “Urzeitbestie” in Loch Shin reagiert, nachdem der Polizeichef Donhill – einer dieser Magier – getötet wird, sehen wir ebenfalls nicht. Dabei soll Donhill der einzige gewesen sein, der die Bestie im Zaum halten konnte. Einst ist er gemeinsam mit Leyman (eben derjenige, der von der Blutbestie getötet wird, weil er einen Tropfen von Roberts Blut an die Wange bekommen hat) im Dorf erschienen. Gemeinsam haben sie es unter Kontrolle gebracht und die Bewohner unter ihren Bann gezwungen.
Zwei Dinge bleiben von diesem kleinen Intermezzo in Erinnerung: Roderick Andara erscheint Robert als warnender Geist und unterstützt im Rahmen seiner Möglichkeiten Roberts Flucht. Dabei erwähnt er, dass der Tod nicht das ist, was man gemeinhin glaubt. Und dann noch Priscylla, die Robert und Bannermann bei sich versteckt, als der Mob nach ihnen sucht.
Priscylla bittet Robert, sie mit nach London zu nehmen. Aus heiterem Himmel ist zwischen den beiden die Liebe ausgebrochen. Das mag an der Extremsituation liegen, und wer wäre als Gefährtin besser geeignet als ein blutjunges Mädchen, das bereits mit dem Grauen konfrontiert wurde? Wusste Hohlbein zu diesem Zeitpunkt schon, dass Priscylla der “dritte Hexer” ist? Wenn man die Stelle liest, an der sie nach London gebracht wird, kann man sich das kaum vorstellen. Vielleicht hat es sich ihm beim Schreiben aufgedrängt, obwohl er es am Anfang gar nicht so machen wollte. Hohlbein plottet nicht, er schreibt (das hat er mit Stephen King gemeinsam) einfach drauf los.
Viel mehr gibt die Geschichte nicht her und bleibt trotz Hohlbeins gefälliger Schreibweise im Stereotyp eines Groschenromans stecken. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen, wenn es einen übergreifenden Handlungsbogen gegeben hätte. Und – wollte der Autor nicht eine Ausgabe letzter Hand schaffen? Er hätte es tun sollen. Denn, in London angekommen, erfahren wir nichts mehr über Bannermanns Verbleib. Man ahnt zwar, dass sich ihre Wege trennten, aber es wäre doch schön gewesen, wenigstens in einem kleinen Absatz davon zu lesen. Ich verweise noch einmal auf die (angebliche?) Überarbeitung des Hexer-Zyklus.
Und schon sind wir in London, der von deutschen Autoren so geliebten Stadt. Das ist der Teil, in dem Robert auf Lovecraft trifft (die Figur!), in dem Robert sein Erbe antritt – und in dem der “verschollene” dritte Magier und das Urvieh aus dem letzten Kapitel wieder auftauchen. Wenn ich mir vorstelle, dass diese drei Bände unabhängig von der Heftroman-Norm entstanden wären, weil es Wolfgang Hohlbein eben nicht gelungen ist, in seiner Nachbearbeitung die Unregelmäßigkeiten und Lücken zu schließen – wir hätten ein erstaunliches Buch bekommen. Ich habe im Prolog schon darauf hingewiesen, dass ihm das bei “Enwor” allein atmosphärisch hervorragend gelungen ist (auch wenn die Serie an anderen Schwächen leidet). Und hier offenbart sich vielleicht das größte Manko: eine an sich komplexe Geschichte wie die des Hexers in einen Gespensterkrimi zu packen. Wie wir sehen werden, wird sich dies ändern, wenn Der Hexer zu einer eigenen Serie wird.
Interessant ist dieser Teil nicht einmal durch das Auftauchen des urzeitlichen Dämons in London oder der Hexe Lyssa, die Robert endlich zur Strecke bringen will, sondern durch das Zusammentreffen von Robert, Lovecraft mit seinem Diener Rowlf und dem Anwalt Dr. Gray, der für Robert die Erbschaftsangelegenheiten regeln will. Seit drei Tagen irrt Robert durch London auf der Suche nach dem mysteriösen “Howard”. Er kennt nur diesen Namen und weiß, dass er ihn im Hotel Westminster finden wird. Was er nicht weiß: Es gibt zwei solcher Hotels. Im ersten ist er mit Priscylla abgestiegen, aber ein freundlicher Herr macht ihn darauf aufmerksam, dass es noch eine Pension gleichen Namens gibt. Ein heruntergekommener Schuppen in einem ebenso heruntergekommenen Viertel Londons.
Lovecraft in London
Das mag überraschen, denn Lovecraft war nie in London. Aber er schätzte diese Stadt, wie er überhaupt ein begeisterter und faszinierter Anhänger des Königs war. Denn als Amerikaner sah er sich keineswegs. In seinem Fragment “The Descendant” hat er versucht, eine Studie über London zu schreiben. Und das Commonwealth galt ihm kulturell als das Maß aller Dinge. Hohlbein hat hier der Anglophilie Lovecrafts Rechnung getragen, und man mag davon halten, was man will, aber es ist ein schöner Zug, dass er ihn nach London verlegt hat.
In der Pension Westminster, die ausschließlich von H.P. und Rowlf bewohnt wird, erfährt er unter anderem über seinen Vater, dass er aufgrund seines Erbes zu den zehn reichsten Männern des Landes gehören dürfte. Dr. Gray, ein befreundeter Anwalt – und intimer Freund sowohl Lovecrafts als auch Andaras – soll die Angelegenheit regeln. Doch zuvor wird ihm ein versiegelter Brief seines Vaters übergeben, in dem nichts steht, was Robert neu wäre. Aber darum geht es in diesem Brief auch nicht. Denn wäre Robert nicht Andaras Sohn gewesen, hätte er weder das Siegel brechen noch überleben können. Der wichtigste Teil von Roberts Erbe ist jedoch nicht das Geld, sondern die Bücher, die Rodericks gesamtes magisches Erbe darstellen. Nur sind diese zusammen mit der LADY OF THE MIST vor der schottischen Küste im Meer versunken. Damit ist klar, wie es weitergeht, denn Lovecraft besteht darauf, so schnell wie möglich an den Ort des Unglücks zurückzukehren, um die Bücher zu bergen. Zusammenfassend lässt sich das Vermächtnis also wie folgt zusammenfassen: Geld, Fluch, Hexenkraft, Bücher.
Doch bevor die Abreise vorbereitet werden kann, dringen Schläger in Lovecrafts sicher geglaubtes Haus ein. Dies ist ein Ablenkungsmanöver der Hexe Lyssa, um Priscylla zu entführen. Damit hat sie ein Druckmittel gegen Robert in der Hand und zwingt ihn in ein verlassenes Hafenbecken, wo er dem urzeitlichen Dämon als endgültiges Opfer dienen soll. Hier offenbart sich das doppelte Spiel der Hexe, denn sie ist (wie oben bereits erwähnt) mit Priscylla identisch und hat Robert von Anfang an getäuscht. Im letzten Moment erscheinen Howard, Rowlf und Dr. Gray, die dem Ungeheuer zwar Wunden zufügen können, aber mehr auch nicht – bis sich die riesige Glocke vom Kirchturm löst und dem Ungeheuer den Kopf zerschmettert. (Hier greift erneut der Geist von Roderick Andara ein, der aber nur am Ende von Robert als Hauch wahrgenommen wird).
Howard droht Lyssa damit, sie töten zu wollen, aber unser verliebter Robert verhindert das und glaubt, dass er die Hexenkräfte der jungen Frau austreiben kann. Zunächst aber wird die bewusstlose Frau in ein Sanatorium gesteckt. (Es scheint ein beliebter Sport des Gruselromans gewesen zu sein, Frauen in eine Anstalt bringen zu müssen, wie es ja auch bei Dorian Hunter, dem Dämonenkiller geschehen ist, wenn auch aus anderen Gründen). Na dann, schauen wir mal, wie es weitergeht.
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Sehr guter Zusatz. Bereichert das ganze enorm. Danke!