Ist es möglich, rief ich verwundert aus, daß die Mädchen noch immer so lachen, wie zu der Zeit, da wir beide jung waren? Ist es möglich, daß es noch immer Glocken gibt?
szene 1 einer möglichen bartstämmigkeit
dann habe ich es mir in der letzten woche in der handschrift
gütlich getan und scribiere was ein wilder warmer wind
nicht wahrhaben kennte. so ein falsch gesetztes wort im klang
wiederholung ist des schlusses schluss
darob tüten die tüten darob
hüften die hüften
darob
eine rückfälligkeit eine bartstämmige barbarei
ein bodenloser boden
ja sie können das alles als kunst verkaufen warten sie ich gebe ihnen noch einen eimer tapetenkleister mit für die kleinen ja ihnen dann auch
Niemand war unendlich
Die Zirkus hat die Stadt verlassen, aber alle Parabeln
im Hinterzimmer verstaut, möge sie finden, wer
immer im Hinterzimmer sucht, früher ein Treffpunkt
für Ideen und das Sinnenrauschen, angeheizt von
parfümiertem Qualm, dem Parfüm an sich, das
im Innenfutter des Mantels dunstet, von den obligatorischen
Umtrünken
Nichts. Man will Nektar verkaufen
granatenhaft (zupackend die Wirkung erzielen)
Der Zirkus hat die Stadt verlassen, aber ein Clown purzelt
stets hintendrein immer hinterher. Jeder Gedanke
um ein Bleiben könnte sein Gehen verhindern.
In den Nomadenstuben dunkles
Eingemöbel und die Matratze
auf dem Boden voller splitterharter
Brotkrumen und
ein Gedeck am Mittag, ein nächstes dann um vier,
ein Mitternachtsmahl geisterhaft zwischen Rittern, die
zu ihren Rüstungen ein enges Verhältnis pflegten, und
einen Kamin, der all die abgesonderten Gedanken
als Nebel über die Dächer schickt.
Niemand war unendlich,
aber die Eindrücke lebten fort.
Jeff Lemire: Der Kartograph der Einsamkeit
Ein Blick auf den Mann, der die ländliche Stille in einen der eindrucksvollsten Schauplätze des zeitgenössischen Comics verwandelt hat.
Essex County und die Geographie der Stille
Jeff Lemire wurde 1976 in Essex County, Ontario, geboren, jenem flachen, weitläufigen und wenig glamourösen Landstrich am Nordufer des Lake Erie in Kanada, der geprägt ist durch Weite, Stille und der spezifische Melancholie kleiner Gemeinschaften, in denen alle einander kennen. Essex County ist ein gewöhnlicher Ort, doch in Lemires künstlerischem Schaffen steht genau diese Gewöhnlichkeit als unerschöpfliche Quelle von Tiefe und Bedeutung im Mittelpunkt.

Diese Überzeugung ist im Medium des Comics eine Seltenheit, da dieses strukturell oft dem Außergewöhnlichen zugeneigt ist: Superkräften, kosmischen Gefahren und historischen Ausnahmeereignissen. Lemire hat sie nie aufgegeben, weder in seinen unabhängigen Werken, in denen sie unverstellt zum Tragen kommt, noch in seinen Mainstream-Arbeiten für Marvel und DC, in denen sie als Unterströmung spürbar bleibt und manchmal gegen die Erwartungen des Genres verstößt. Lemire ist ein Autor der stillen Gesten, der ausgedehnten Pausen und jenes unbeantworteten Blicks zwischen zwei Figuren. Diese besonderen Qualitäten hat er in ein Medium eingebracht, das seinen Reiz oft aus Gewaltexplosionen und Spektakel bezieht.
Lemire erhielt seine Ausbildung an der Sheridan College School of Animation in Oakville, Ontario. Die dort erlernten Techniken beeinflussten seinen Zeichenstil, ohne ihn jedoch zu glätten oder zu perfektionieren. Was seine Bildsprache besonders auszeichnet, ist ihre bewusst beibehaltene Unvollkommenheit, ob nun die leicht zitternden Linien, die groben Schraffuren, oder die anatomisch ungenauen Figuren, die gerade dadurch eine tief menschliche Ausstrahlung entwickeln. Diese Ästhetik erinnert an das visuelle Pendant einer handgeschriebenen Notiz im Vergleich zum gedruckten Text. Alles wirkt direkter, persönlicher und ist spürbar von der Hand des Künstlers geschaffen.
Das Fundament und seine drei Schichten
Essex County (Top Shelf Productions, 2007–2008) ist das dreibändige Graphic-Novel-Werk von Jeff Lemire über das Leben in seiner Heimatregion. Dieses Werk markierte den Durchbruch des Autors und wird oft als sein vollständigstes Schaffen angesehen, trotz aller späteren Veröffentlichungen. Es ist in drei Teile gegliedert – „Tales from the Farm”, „Ghost Stories” und „The Country Nurse” –, die zunächst eigenständige Erzählungen zu sein scheinen. Ein Junge lebt nach dem Tod seiner Mutter bei seinem Onkel auf einer Farm, ein alter Hockeyprofi versinkt in Demenz und kann Vergangenheit und verpasste Entscheidungen nicht trennen, eine Krankenschwester, die durchs ländliche Essex County fährt, dabei Menschen begegnet und allmählich die unsichtbaren Verbindungen zwischen ihnen erkennt. Erst am Ende enthüllt sich, dass alle drei Geschichten in einem einzigen Geflecht aus Familien, Verlusten und zeitübergreifenden Abhängigkeiten verankert sind.

Was Essex County aus dem Rahmen des klassischen Autorencomics heraushebt, ist die beeindruckende Feinfühligkeit, mit der das emotionale Spektrum gestaltet wird. Jeff Lemire gelingt es, Sentimentalität zu umgehen, obwohl sie ihm thematisch gut zu Gesicht stünde, indem er sich einer strengen und reduzierten Erzählweise bedient. In Ghost Stories etwa wird die schmerzhafte Sehnsucht des gealterten Eishockeyspielers Lou Lebeuf nach seinem längst verstorbenen Bruder Wendell nicht durch tränenreiche Gefühlsausbrüche illustriert, sondern durch leises Schweigen. Ein besonders eindringliches Beispiel hierfür ist eine Szene, in der Lou allein auf seiner Veranda sitzt. Es passiert scheinbar nichts, während lediglich die Zeit verrinnt, und doch wird die tiefe Leere in der Umgebung und in seiner Seele zugleich spürbar.
Diese besondere Gestaltung der Seiten (die bewussten Pausen, das leere Panel, das Einsetzen von Stille als erzählerisches Element) gehört zu Lemires herausragendsten Leistungen als Comicautor. Comics besitzen die einzigartige Fähigkeit, Stille auf eine Weise darzustellen, die Filmen verwehrt bleibt. Während Filme in ständiger Bewegung sind und Stille daher nur zeitlich begrenzt existieren kann, bietet das Comic die Möglichkeit des Verweilens. Eine leere Seite hält so lange an, wie der Leser es wünscht. Genau dieses Potenzial erkennt Lemire und setzt es mit einer Konsequenz um, die im Mainstream-Comic nur selten anzutreffen ist.
Sweet Tooth und die Post-Apokalypse als Familiengeschichte

Sweet Tooth (DC/Vertigo, 2009–2013, vollständig von Jeff Lemire geschrieben und gezeichnet) zeigt eindrucksvoll, dass Lemires persönliche, intime Erzählweise auch in einem Genre-Setting nicht verloren geht, sondern vielmehr eine neue Ausdrucksform findet. Die Handlung spielt in einer postapokalyptischen Welt, die von einer rätselhaften Seuche heimgesucht wurde, welche die Menschheit stark dezimiert hat. Gleichzeitig werden neue Kinder als hybride Wesen aus Mensch und Tier geboren. Im Zentrum steht Gus, ein junges Hirschkind, das abgeschottet mit seinem Vater im Wald gelebt hat. Nach dem Tod seines Vaters ist Gus gezwungen, sich einer harten und gefährlichen Außenwelt zu stellen. Während die Geschichte vordergründig als Science-Fiction erscheint, entfaltet sie sich im Kern als tiefgreifende Erzählung über Themen wie Vaterschaft, Kindheit, Schutz und die Unausweichlichkeit des Scheiterns dieses Schutzes.
Jeff Lemires Entscheidung, Sweet Tooth selbst zu illustrieren, statt, wie bei späteren Mainstream-Projekten, mit anderen Künstlern zusammenzuarbeiten, zählt zu seinen prägendsten künstlerischen Weichenstellungen. Sein Zeichenstil, der in Essex County die Textur realer Landschaften einfangen konnte, nimmt in Sweet Tooth eine gänzlich andere Gestalt an. Er wirkt wärmer, sanfter und folgt fließenden, organischen Linien. Dadurch entsteht um die Figur des Gus, dessen Hörner und die großen, unschuldigen Augen eine kindliche Anmutung verleihen, eine zärtliche Verletzlichkeit, welche die brutale Welt um ihn herum umso deutlicher kontrastiert. Diese Spannung zwischen der sanften Ästhetik der Zeichnungen und der Gewalt des Inhalts entfaltet zugleich ein tiefgreifendes formales Statement. Sie verdeutlicht, dass das Kindliche und das Schreckliche nicht nur nebeneinander existieren, sondern einander auf gewisse Weise bedingen.
Sweet Tooth ist die authentischste Erzählung über Kindheit, die das Comicmedium in den letzten zwanzig Jahren hervorgebracht hat. Denn sie versteht, was Kindheit im Innersten auszeichnet: jene Phase, in der man noch daran glaubt, dass Schutz tatsächlich existiert.
Die Serie folgt dem klassischen Muster einer Reiseerzählung durch eine postapokalyptische Welt, in der Gus bei jeder Etappe neuen Gefahren begegnet und gelegentlich eine weitere Bezugsperson findet. In ihrer Grundstruktur ist die Geschichte archetypisch angelegt: ein Kind, das nach Schutz sucht, ein Weg, der eine Art Initiation darstellt, und Begleiter, die eine vorübergehende Familie bilden. Lemire weicht von diesem Aufbau nicht ab, weil er auf dessen Wirkkraft vertrauen kann. Er weiß, dass Archetypen ihre Stärke daraus ziehen, dass sie tief in der menschlichen Erfahrung verwurzelt sind. Allerdings erweitert Lemire diese Struktur um ein entscheidendes Element: das Bewusstsein für ihre Grenzen. Sweet Tooth endet nicht in einem triumphalen Finale, wie es die Genre-Konvention oft diktiert.
Arbeit im Auftrag als künstlerische Praxis
Jeff Lemires Mainstream-Werke für Marvel und DC, zu denen Animal Man (DC, 2011–2014), Green Arrow (DC, 2013), Moon Knight (Marvel, 2014–2015, illustriert von Greg Smallwood), Old Man Logan (Marvel, 2016–2018) sowie Black Hammer (Dark Horse, ab 2016) zählen, stellen die facettenreichste und qualitativ uneinheitlichste Phase seiner Karriere dar. Diese Arbeiten erfordern eine andere Art der Wertschätzung als seine unabhängigen Projekte, da sie unter gänzlich anderen Rahmenbedingungen entstanden sind: Sie basieren auf fremden Figuren, wurden von den Erwartungen großer Verlage geprägt und in Zusammenarbeit mit Künstlern umgesetzt, deren Stil nicht Lemires eigener ist.
Zur Frage der Kollaboration
Jeff Lemire als Autor ohne eigene Illustrationen ist ein anderer Künstler als der Lemire, der selbst zeichnet. Das ist weniger eine Kritik als eine Erkenntnis über die Funktionsweise des Mediums. In der Zusammenarbeit mit Dustin Nguyen an Descender entsteht etwas Einzigartiges, das keiner von beiden alleine hätte schaffen können. Nguyens filigrane Aquarell-Texturen verleihen Lemires intimen Charakterszenen eine zusätzliche visuelle Tiefe, die mit Lemires eigenem Zeichenstil in diesem Format nur schwer zu erreichen wäre. Ähnlich zeigt sich das bei seiner Arbeit mit Andrea Sorrentino an Old Man Logan und später Green Arrow. Sorrentinos dynamischer und ausdrucksstarker Seitenaufbau verleiht Lemires oft zurückhaltenden Skripten eine zusätzliche Energie, die sie weit über ihre ursprüngliche Wirkung hinaushebt.
Die überzeugendsten Mainstream-Werke von Lemire entstehen vor allem dann, wenn er nicht nur für die Illustration verantwortlich ist, sondern gleichwertig am kreativen Prozess beteiligt wird. Dies erfordert sowohl Vertrauen als auch die Bereitschaft, Kontrolle abzugeben. Für einen Autor wie Lemire, der seine stärksten Arbeiten aus seiner eigenen Feder schöpft, ist diese Fähigkeit etwas, das erst im Laufe der Zeit entwickelt werden muss.

Moon Knight mit Greg Smallwood zählt zu den herausragendsten Arbeiten von Jeff Lemire im Mainstream-Bereich und gehört zu den besten Superheldencomics des frühen 21. Jahrhunderts. Die Erzählung über eine Hauptfigur mit dissoziativer Identitätsstörung beeindruckt durch ihre konsequente formale Umsetzung, bei der die psychologische Zerrissenheit des Protagonisten auch in die Struktur der Seiten selbst übergeht. Smallwoods Layouts sind fragmentiert, geometrisch in ihre Einzelteile zerlegt und lösen sich in Momenten der Dissoziation komplett auf. Diese visuelle Darstellung bildet ein perfektes Gegenstück zu Lemires inneren Monologen, die die Unschärfe und Mehrdeutigkeit der Wahrnehmung sprachlich einfangen. Das Ergebnis ist eines der formal ambitioniertesten Werke, die das Marvel-Universum je hervorgebracht hat.
Black Hammer (erschienen bei Dark Horse ab 2016, illustriert von Dean Ormston) ist Jeff Lemires persönlicher Kommentar zum Superheldengenre und zugleich das Werk, in dem er seine ambivalente Haltung dazu mit einer Mischung aus Distanz und Zuneigung am klarsten offenbart. Die Geschichte folgt einer Gruppe gealterter Superhelden, die nach einem epischen Kampf in einem kleinen, abgelegenen Dorf gestrandet sind. Gefangen an diesem mysteriösen Ort, können sie weder entkommen noch ihre Kräfte nutzen, während sie langsam altern und ein scheinbar gewöhnliches Leben führen, eingesperrt in eine Normalität, die sie weder verstehen noch als befreiend empfinden. Das Bild des Superhelden, der das Alltägliche nicht als Rettung, sondern als Strafe wahrnimmt, ist gleichermaßen melancholisch wie prägnant. Es fungiert zugleich als eine Art Selbstreflexion des Autors. Während Lemire das Gewöhnliche als die eigentliche Quelle von Bedeutung betrachtet, erschafft er Figuren, die dazu nicht imstande sind, und wirft damit die Frage auf, was verloren geht, wenn man die Welt nur noch durch die Linse des Ausnahmezustands betrachten kann.
Descender, Roughneck und die Skala der Einsamkeit

Descender (Image Comics, 2015–2018), illustriert von Dustin Nguyen, ist Jeff Lemires bislang umfangreichstes Science-Fiction-Projekt. Die Handlung dreht sich um den Kinderroboter TIM-21, der in einem Universum existiert, das von anti-maschineller Paranoia erschüttert wird, nachdem riesige mechanische Wesen die bewohnten Planeten angegriffen haben. Auf den ersten Blick erscheint Descender als klassische Space Opera, doch in seinem Kern greift es eines von Lemires wiederkehrenden Motiven auf: die Erkundung dessen, was es bedeutet, ein Außenseiter zu sein, ein Wesen, das aus der Norm fällt, nicht hineinpasst und wiederholt daran gehindert wird, einen Platz der Zugehörigkeit zu finden.
Tim-21 kann als Jeff Lemires Entsprechung zu Mike Mignolas Hellboy gesehen werden. Eine Existenz, die sich über ihre ursprüngliche Bestimmung erhebt, Entscheidungen gegen ihre vorprogrammierte Natur trifft und dadurch ihre wahre Menschlichkeit zum Ausdruck bringt. Der entscheidende Unterschied zur Figur Hellboys liegt jedoch im Tonfall. Während Mignola sich stark auf das Mythische stützt, bewegt sich Lemire im besten Sinne des Wortes auf einer emotionaleren Ebene. Er erkundet einen Bereich, in dem Gefühle in ihrer ganzen Intensität zugelassen werden, samt der Risiken und Verletzlichkeit, die damit verbunden sind.
Roughneck – Das unbekannte Meisterwerk
Roughneck (2017) ist vielleicht Jeff Lemires reifstes Werk, obwohl es oft weniger Beachtung findet. In dieser Graphic Novel geht es um Derek Ouellette, einen ehemaligen Eishockeyspieler, der nach dem Ende seiner Karriere in einer kleinen kanadischen Stadt ein trostloses Dasein fristet. Erst die unerwartete Ankunft seiner Schwester bringt Bewegung in sein erstarrtes Leben, als beide gemeinsam gezwungen sind, vor ihrer Vergangenheit zu fliehen. Das Werk beleuchtet das Thema Männlichkeit als komplexe menschliche Realität mit all ihren Herausforderungen und Schattenseiten. Derek ist kein schlechter Mensch; aber er ist gezeichnet von den narbenreichen Erfahrungen seines Lebens, unfähig, sich mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln das aufzubauen, was er wirklich braucht. Die Zeichnungen in Roughneck strahlen eine rohe, ungeschönte Intensität aus, die selbst Essex County übertrifft, wirken weniger poliert und schroffer, fast so, als ob hier die emotionale Schwere der Geschichte die Hand des Künstlers geführt hätte.
Im weiteren Sinne hat Roughneck eine tiefere Bedeutung. Hier wird Jeff Lemires Herkunft aus dem ländlichen Ontario als moralischer Orientierungspunkt genutzt. Die Weite der kanadischen Landschaft wird in diesem Werk aber nicht verklärt oder romantisiert; sie wirkt teilnahmslos und neutral, bringt also weder Trost noch Spannung mit sich. Sie ist schlicht da, und genau in dieser Gleichgültigkeit spiegelt sich das Innenleben des Protagonisten wider. Derek existiert, ohne zu wissen, wofür.
Das Gewöhnliche als Abgrund
Lemires ästhetische Haltung lässt sich in einem Gedanken zusammenfassen, den er zwar nie wörtlich geäußert, der sich jedoch deutlich in seinem Werk zeigt. Das Gewöhnliche steht nicht im Gegensatz zum Abgrund. Es ist der Ort, an dem der Abgrund am tiefsten ist. Die tiefgreifendsten Verluste, die schmerzhaftesten Brüche und die erdrückendste Einsamkeit manifestieren sich nicht in den außergewöhnlichen Momenten der Superheldenwelt, sondern vielmehr in alltäglichen Szenen. In Küchen, auf Veranden oder an Küchentischen, wo Menschen stumm nebeneinander sitzen, unfähig, in Worte zu fassen, was sie wirklich empfinden.
Diese Überzeugung hat Lemire zu einem der eigenwilligsten Autoren im modernen Comicmedium gemacht, und zu einem der nicht leicht zu vermarkten ist. Seine unabhängigen Werke sind alles andere als leicht verdaulich. Sie fordern vom Leser die Fähigkeit, sich auf Stille einzulassen, Langsamkeit nicht als Mangel zu deuten und das Ungeklärte als wesentlichen Teil der Antwort zu akzeptieren. Das Publikum, das diese Bereitschaft mitbringt, ist kleiner als die Zuschauermenge, die sich für Superhelden-Blockbuster begeistert, ein Umstand, dessen sich Lemire völlig bewusst ist. Trotzdem bleibt er seinem unverkennbaren Stil treu. Er erzählt von der Würde des Alltäglichen und davon, wie es dargestellt wird.
Lemire hat ein unverstelltes und authentisches Verhältnis zu seiner eigenen Biografie. Essex County ist sowohl der Ort seiner Geburt, als auch die Essenz seines imaginativen Schaffensraums. Sein Vater, die Kindheit auf dem Land, die Eishockeyspieler seiner Jugend und die Landschaft, die man nicht wegen ihrer Schönheit liebt, sondern wegen der Erfahrungen, die man in ihr gemacht hat, bilden das Fundament seiner Erzählungen. Ganz gleich, ob die Geschichten in einer kanadischen Kleinstadt oder im Weltraum spielen, diese autobiografische Verankerung verleiht seinem Werk eine einzigartige Tiefe. Es entzieht sich der einfachen Kategorisierung als Fiktion und wird vielmehr zu einem Ausdruck einer Zeugenschaft.
Der Kartograph und seine Karten
Unter den Autoren dieser Essay-Reihe hebt sich Jeff Lemire durch seine geringe Neigung zur Mythologie besonders hervor. Er ist der einzige, der bewusst das Kleine dem Großen vorzieht und diese Wahl als Ausdruck seiner Überzeugung begreift. Obwohl er weder einen neuen Kosmos noch eine politische Grammatik oder eine formale Revolution in das Comicmedium eingeführt hat, hat er ihm dennoch etwas Außergewöhnliches und Präzises verliehen, den Nachweis, dass dieses Medium die Stille tragen kann.
Zu den Werken, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen werden, zählen Essex County als das vollständigste Zeugnis von Lemires einzigartiger Erzählstimme, Sweet Tooth als Beleg dafür, dass Genrevielfalt und intime Charakterzeichnung harmonieren können, Moon Knight (zusammen mit Smallwood) als das formal kühnste seiner Mainstream-Arbeiten sowie Roughneck als ein stilles Meisterwerk, das noch darauf wartet, umfassend gewürdigt zu werden. Ergänzt werden diese durch einige Mainstream-Serien, die trotz eingeschränkter kreativer Rahmenbedingungen überzeugen und beweisen, dass Lemires Stärken selbst in einem Medium bestehen, das oft schnelleres, lauteres Erzählen bevorzugt. Und natürlich gibt es da noch Essex County selbst, den realen, weiten und stillen Landstrich am Nordufer des Lake Erie. Es ist der Ort, an dem alles begann und aus dem seine Geschichten entspringen. Lemire hat diesen Platz wie ein Kartograf in das Medium Comic transponiert und dabei gezeigt, dass auch das Unspektakuläre einen festen Platz auf der Landkarte verdient. Vielleicht sogar den wichtigsten.
Der Narrentanz zu Strasbur

In den Annalen der Geschichte gibt es einige Ereignisse, die sich einer rationalen Erklärung entziehen. Überhaupt scheinen wir nicht weit gelangt zu sein, wenn wir uns um die Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen konzentrieren. Ein solches Ereignis ist die Tanzwut von 1518. Mehrere Menschen begannen in Strasbur aus heiterem Himmel unkontrolliert zu tanzen, so als sei etwas in sie gefahren, das nie wieder hinaus möchte. In den Chroniken wird eine Frau namens Troffea genannt, aber sie könnte genauso gut auch Baldegunde heißen. Ihr Beruf war zumindest der einer Holzschichterin, die gar keinen Grund hatte, ihren Körper an einem gewöhnlichen Tag unter der Woche aufjauchzen zu lassen. Die Füße überrennen sich und platschen rechts und links davon und Staub kriecht in die Nase. Der Rücken wiegt sich Stumpf, noch zaghaft eckig und von einer Buckelkraxe zusammengehalten. Fein. Jetzt müsste die Füße scheppern und der Tanz als völlig nutzlos zu erkennen sein. Stattdessen wir Baldegunde interessiert betrachtet, bevor man erst in ihre Fußstapfen stieg, und dann ihren völlig unzauberhaften Gang nachahmte. Wer sich sonst im Leben nie außer dem Notwendigen bewegte, suchte sich einen Anhaltspunkt. Und der einzige Anker war die Frau Troffea, die eindeutig tanzte, wenn auch sich ihr Gesicht nicht dazu entschließen konnte, mitzumachen. Sie verlor ihr Meckerchen und gewann ihr Neckerchen. Allerdings waren die sechs Tage, die ihr noch lebendig vergönnt waren von überhaupt keiner Pause geprägt. Nachbarn kamen vorbei und sprachen mit ihr, aber sie japste meistens nur. Die Fähigkeit ein ordentliches Gespräch zu führen, wenn der andere hopst und schwankt, ist dann doch recht eingeschränkt. Also stimmt man sich auf diesen unhörbaren Rhythmus ein, weicht aber so weit von den Windmühlen einiger weniger zurück, wie man überhaupt nur kann. Will man selbst aufhören, gelingt das nicht und das fremd geführte Fleisch dreht sich um Troffea herum.
Treibsand
"Es ist Treibsand, ich bin mir sicher!" Diesen Satz
sagt er so häufig, dass TREIBSAND die normalste Sache der
Welt wurde. Ob beim Essen
(Es ist Treibsand, ich bin mir sicher!)
oder beim Einkaufen, wenn die Kasse streikte
(Es ist Treibsand, ich bin mir sicher!)
Madame Blandot: Im Atelier
Hier kamen wir zusammen, in diesem brausenden Atelier. Die Wärme flirrte um die Hälse, die neugierig aus ihren Anzügen und Kleidern spähte. Gottsucher, Flüchtlinge und Künstler aus aller Welt reichten sich die Hände, umgingen sich und gestikulierten sich hermetische Grüße zu, verabredeten sich nach dem Tod oder vor dem Leben. Madame Blandot hatte all die bocksköpfigen Fruchtbarkeitsgötter durch ihre Hände geboren, sie befingerte sie, massierte sie aus namenlosen Klumpen zu Lustgestalten heran, oder schlug sie aus lebendigem Fels, ganz wie sie selbst es wohl vorgaben. In ihr pochten dann die Membrane und alles Wasser schwang sich aus ihrem Meer, der kalte Stein in ihrem Universum, Muttermund, der kalte Kuss, der Sog der Kreatur am Schaffen, wirkt um die Schafferin und zieht ihr sanft behütend das Höschen über die erschrockenen Wangen, doch nur kurz, bevor der Rausch nicht mehr alleine ist und ihr die Gestalt folgt, die Hände
(nass vor Aufregung)
reiben, die Äderchen klopfen den Stein, den Ton, den Teig, sie sägen das Holz, den Sand, das Moos, die Augen formen Wonne, sehen nicht zu Sehendes, fahren die Konturen nach, das aufgerichtete Glied, das zu besitzen sich Madame sorgsam ausmodelliert, feilt, glättet, dann aufsitzt, gilvt, jauchzt, vergeht, Bockskopf, musst es mir sagen, ich beseele dich mit meiner Glut, ich erfriere innerlich, wenn ich deinen Steinphallos reite, allein ich kann keinem aufrechten Gang widerstehen. Kerzen und Rauch wurden entzündet und erfüllten den Raum mit milchigem Dunst, die Schwaden aufwärts, der Nebel allwärts, Mondlicht durchs Fenster herein, in die Duftbänke hinein, durch diese wehte Madame auf die Gäste zu, und wie es schien, durch sie hindurch wie ein Geist, der sich mit den Schwaden liaisoniert, neben mir entdeckte ich ein Holzgestell, auf dem die noch nicht ganz fertiggestellte Holzplastik eines Mannes mit Hörnern stand, samt Zwillingspaar, das in geschmeidigen und raubtierhaften Zügen geschnitzt war, es handelte sich um Panther-Frauen, wundersame Begleiterinnen, hinreckend zur Kraft des Gehörnten, das Toben der Energie in Strünken, oh Salz, oh Geweih, oh allerliebstes Fluid und Soma, heiler Äther, aus dem Nebenraum erschien nun die Hierophantin, die sich als tartarische Adlige ausgab, und die kurz darauf wieder in einem Nebenraum verschwand, der mit glänzenden Tüchern abgeteilt war. Dorthin zog sie sich mit den jungen Damen zurück, um sie in den seltsamsten Liebesdingen zu beraten, den Geheimnissen des Vaginalmuskels, der tantrischen Vulva, dem Melken der Prostata und dem Yoga des Beischlafs, dem Ausstreifen der Energie aus dem Stab, der sich in den jungen Rachen ergießen wird, der Macht des Tanzes der Mitte der Unendlichkeit, dem allumfassende Beingriff, dem Drängen und Bezirzen. »Alles Unglück ist über die Welt gekommen, weil man der Frau ihre Berufung als Priesterin geraubt hat!«
An diesem Abend wurde Glas um Glas kräuterversetzten Wodkas getrunken, der Zigeuner Erich Zann funkelte mit den Augen und entlockte seiner Violine jene rasenden Töne, durch die der maßlose Georg Rasputin einst zu einer seiner zahllosen Liebesumarmungen, Prophezeiungen über die Reiche und Offenbarung seiner sagenhaften Heilkräfte gekommen ist, von Zeit zu Zeit verbeugte sich Madame Blandot vor dem Gehörnten und flüsterte seine Namen: »Pan, Leschy, Tschernibog, Perkampus.«
Clocmeoc und Fulimus
Eine Fiktion beginnt in einem einzelnen Moment. Der Namensgebung. Vorher mag die Beschreibung passend gewesen sein, das Ungefähre, die Idee von etwas, das noch ein wenig klump und ungar ist. Jetzt hat die Figur einen Namen. Der Einfluss startet jetzt. Die Maschinen schlottern, warten auf ihr Kommando. Und jetzt kommt das Kommando: Das Kommando lautet:
CLOCMEOC
FULIMUS, der Wassernarr, überstrahlte auf seiner Wiese alles, halb in einen geschwungenen Wassertank gekleidet, wirken die Hydranteaugen nicht nur hypnotisch, sie sind es auch (und durch Druck abnehmbar). Ohne die schöne Glasbläserei auf dem Scheitel sähen wir einen recht mageren, aber dennoch gigantisch gewachsenen Glatzkopf, der allerdings nur deshalb ein Glatzkopf ist, weil auf einer silbernen Metallschale nun einmal keine Haare wachsen wollen.
Edber Shakin und … der Rharbarbermops des Frühlings
Wenn Edber Shakin eins konnte, dann war es warten. Bis die Straße leer ist und die Lichter anspringen. Bis die edlen Damen der Stadt schmuckbeladen im Handstreich von ihren Galanen durch die Tanzlokale gezerrt werden. Bis jemand wieder rauskommt. Oder nie mehr rauskommt, weshalb Shakin aber dann trotzdem weiter wartete, um zu sehen, wer den Rhabarbermops des Frühlings abholen kam. Der Name des Prinzen. Durchlaucht Rhabarbermops. Der erste, soweit ich weiß.
Überspringt man die ganzen lästigen Einzelheiten, dann lässt sich justamente in diesem Augenblick feststellen, dass Edber sich überhaupt noch nicht groß bewegt hatte. Offenbar nutze sein Gehirn auch die letzten Tropfen seiner Blase, um Wahrscheinlichkeiten zu berechnen. Er hätte garnichteinmal sagen können, wie lange er schon saß und auf den Eingang starrte.
Natürlich trug er einen Hut; das tun alle Detektive.
Aussterbende Detektive bedeuten immer auch den Untergang der Hutindustrie der jeweiligen Region.
Der Detektiv benötigt seinen Hut aus drei äußerst spezifischen Gründen:
- damit es ihm nicht ins Gesicht regnet
- Haarbüschelausfall tut sich schwer, ihn mit Argumenten zu verteidigen
- damit sich manchmal Vögel auf ihn setzen
Abgesehen davon macht ein Hut unsichtbar und im besten Fall – also, wenn es ein wirklich guter Hut ist – unverwundbar. (‚Unverwunderlich‘ wäre eigentlich das Wort gewesen, das er suchte: „Ich verwunder‘ mich, wie wunderlich!“ – das alles schnell gesprochen und so oft, bis es keinen Sinn mehr ergibt.
Der Rharbarbermops des Frühlings war tot, und natürlich versammelte sich der ganze Versailler Hof hier vor dieser Einfamilienhütte in der Schlitterschiergasse 63a (wobei die Sektoren b/c/d und e direkt angebaut waren). Nicht überall wurden schon genügend Breithäuser gebaut. Sie zu beobachten war schwer. Alles sah gleich aus, also sahen alle Bewohner ebenfalls gleich aus. Shakin fragte sich, ob er das früher schon einmal bemerkt haben könnte. Die Sonnenfinsternis für einen kleinen nichtssagenden Ort, in dem zufällig der Prinz ermordet wurde. Shakin hatte es gesehen, indem er es nicht gesehen hatte. Er war dabei, obwohl er eigentlich nur in der Nähe weilte, stoisch wie ein … Stoiker.
Shakin sah das prall angefüllte und in Seide gehüllte Pusteblumensofakissen auf des Prinzen Gesicht sich stürzen, und ganz ohne Zähne, Rachen, Schlund den Sack zumachen. Törichte Wolken schoben sich zwischen Edber Shakins Phantombilder und der schlichten Kammer, in der ein Prinz von einem Blumenkissen gemeuchelt verschied.
Das hatte er hervorragend zusammengepasst. Er hatte den Fall gelöst und würde niemandem etwas davon erzählen.
Die Legatoria Bieffe und das reine Reinschreiben


Das Moleskine ist nicht mehr von Nöten, danke. Ich nehm‘ die Nebelkrähe, die sich – golden wie sie ist – auf Buchrücken niederlässt. Und die Seiten sind für einen Fountain Pen gemacht! dem Füllfederhalter! dem Springbrunnen-Stift!