Nichtsuhr (Laterna magica)

Es schlug die Mitternachtsstunde, rief zum Geläut die dunkle Nacht. Einbalsamierte Sterne hinter Attrappenhimmeln, und ein Licht, als wäre es ausgefallen statt nicht vorhanden.

Ich wüsste nicht zu überzeugen mich von den Dingen und Dingen in den Dingen. Die Nacht hat schon manches Schöne gesagt und manches Sinistres. Sie erzählt offenkundig von der Blindheit, die das Licht verursacht. Die zwölf Schläge dienen der Natur, denn in Wirklichkeit ist es null Uhr. Kein Uhr. Nichtsuhr.

Eines ist den Tagen eingeschrieben, der Kuss von dir und das Lied einer Meise
am See am Fluss am Horizont die Linie heißer Schatten, fruchtig gelb und rot
Es kann der Wald nur der Seele Sprache verstehen, gebunden an ein Rätsel sind sie beide

Ich habe mir angewöhnt, in den leeren Raum hinein zu sprechen, einen Ereignishorizont zu ersprechen, ganz Magie die lummeligen Worte, die keinen Sinn, aber eine Melodie ergeben, die einen Sinn ergibt.

Ich habe eine spezielle Laterne
und sie ist magisch

Vielleicht ist meine Waschlappigkeit darauf zurückzuführen, dass ich zur Poesie neige, die muss ja nicht immer beholfen ausgedrückt werden. Sie kann mit der Faust in die Torte patschen, muss das in manchen Fällen sogar, weil die Torte sonst nicht wüsste, wo ihr Platz ist. Erhabenheit ist nur ein Gimmick. Ich habe es genutzt, um eine schöne Silhouette hinter dem Fenster abzugeben, wenn es draußen stürmt und ich lächelnd am kalten Glas den Atem verweigere.

Sommer

& es war Sommer & alles
von innen nach außen ge
stülpt oder sowieso schon dort.
Geschmolzene Häuserzeilen, Fenster
Transit, hockt die warme Luft
in jedem Gespür, fortgehen
ist keine Alternative, sie folgt
dem Fliegenschweiß, den dicken
Scheißhausfliegen, treibt das Wasser
aus der Körpermelone, der
Aufenthaltsort ist ein brennender Park
Platz, gummifressender Asphalt.

Spider-Man – Die Last der Verantwortung

spider-man
Amazing Spider-Man #1 © Marvel Comics

Auch nach über fünfzig Jahren macht sich Spider-Man als Außenseiter immer noch recht gut. Man versucht immer wieder, ihn zu verfilmen, und er schafft es irgendwie, sowohl bei Kindern als auch bei seinen langjährigen Fans authentisch zu bleiben. Spidermans anhaltender Erfolg hat allerdings wenig mit seiner Fähigkeit zu tun, Wände hochzukrabbeln, seinen übermenschlichen Kräften oder seinem coolen Kostüm. Die Fans lieben Spiderman, weil er Probleme damit hat, seine Miete zu bezahlen. Er war nicht gerade der beliebteste Kerl in der Schule und hatte auch nicht immer Erfolg bei Mädchen. Comicleser (oder „die wahren Gläubigen“, wie Stan Lee sie nannte) folgen dem Netzschwinger wegen seines menschlichen Alter Egos Peter Parker, der mit den gleichen täglichen Herausforderungen zu kämpfen hat wie sie selbst.

Der Versager als Held

Bevor Spider-Man im August 1962 debütierte, waren Batman und Superman die beiden populärsten Comichelden. Diese beiden und viele andere in ihrem Dunstkreis wurden als gottgleich gezeichnet. Sie schienen omnipräsent zu sein und hatten die körperlichen Eigenschaften eines Adonis. Da gab es eine ganz klare Linie zwischen den Helden und den Menschen, die sie beschützten. Stan Lee und Steve Ditko verwischten diese Grenze, als ihr Wandkrabbler in der 15. Ausgabe von Marvel Comics’ Amazing Fantasy seinen ersten Auftritt hatte.

Stan Lees Verleger Martin Goodman hielt die Idee für absurd: Ein Teenager als Superheld? Ein Held mit echten Alltagsproblemen? Ein Held, der von seinen Mitschülern schlechter behandelt wird als von seinen Feinden? Goodman ließ die Geschichte nur erscheinen, weil das Magazin ohnehin eingestellt werden sollte. Und dann wurde Amazing Fantasy #15 zu einer der meistverkauften Ausgaben des Jahres. Und Spider-Man bekam eine eigene Serie.

„Martin sagte mir drei Dinge, die ich niemals vergessen sollte“, erklärt Lee in einem Interview. „Er sagte, die Leute hassen Spinnen, deshalb könne man einen Helden nicht ‚Spiderman‘ nennen. Als ich ihm dann sagte, dass der Held am Anfang ein Jugendlicher sein sollte, meinte Martin, dass ein Jugendlicher unmöglich ein Held sein könne, höchstens ein Gefährte. Als ich ihm dann noch sagte, dass ich ihn nicht gerade erfolgreich bei den Mädchen sein lassen wollte, sondern eher an einen pickligen Schüler dachte, fragte Martin mich, ob ich überhaupt eine Vorstellung davon hätte, was ein Held sei.“

Den Lesern wird Peter Parker als ein schüchterner, hochintelligenter Außenseiter vorgestellt, der bei seiner Tante May und seinem Onkel Ben lebt. Er ist das Opfer vieler Späße der angesagten Jungs und ein Objekt der Verachtung der Mädchen. Peter, ein einsames Waisenkind, hat nur zwei Freunde: seine Tante und seinen Onkel.

Sein Leben ändert sich, als er auf einer Schulfahrt von einer radioaktiven Spinne gebissen wird. Plötzlich verfügt er über außergewöhnliche körperliche Kräfte und die Sinne einer Spinne. Zunächst führt er heimlich eine Nebenbeschäftigung als „The Spider-Man“ aus, bei der er nach der Schule in zirkusähnlichen Shows als Catcher auftritt. Bei einer dieser Shows weigert sich „The Spider-Man“, einen Räuber aufzuhalten, der vor einem Polizisten flieht. Dieser Räuber wird später Peters Onkel Ben bei einem Einbruch töten und den gequälten Teenager so dazu bringen, sein Leben und seine Kraft dem Kampf für Gerechtigkeit zu widmen. Spider-Man hat die Lektion gelernt, die sein Onkel ihm kurz vor seinem Tod mit auf den Weg gab:

„Aus großer Macht folgt große Verantwortung.“

Kein anderer Satz in der Geschichte des Superhelden-Comics hat das Wesen des Genres so präzise und vollständig benannt. Und kein anderer Satz ist so teuer erkauft worden.

Der produktivste Streit der Comicgeschichte

Stan Lee – Konzept & Autor

Lee wollte einen Teenager-Helden erschaffen, der mit ganz alltäglichen Problemen zu kämpfen hat – finanzielle Sorgen, Schwierigkeiten in der Schule, Herzschmerz. Im Jahr 1962 stellte das eine Revolution in einem Genre dar, das Helden klassischerweise als erwachsene, gefestigte und moralisch eindeutige Figuren porträtierte. Lees Gespür für emotionale Tiefe prägte Spider-Mans grundlegendes Konzept: die Spannung zwischen Stärke und Scheitern.

Steve Ditko – Zeichner & Co-Schöpfer

Steve Ditko verlieh Peter Parker nicht nur sein ikonisches Aussehen, sondern schenkte ihm – so sind sich viele Comic-Historiker einig – auch seine psychologische Tiefe. Ditkos Darstellung von Spider-Man zeigte einen körperlich schmächtigen, tollpatschig wirkenden Teenager, der jedoch hinter der Maske eine völlig andere Körpersprache an den Tag legte. Diese subtile Transformation ist ein perfektes Beispiel dafür, wie sich Charakterisierung allein durch Zeichnungen erzählen lässt.

Die Auseinandersetzung zwischen Stan Lee und Steve Ditko über Spider-Man zählt zu den bedeutsamsten Kreativkonflikten in der Geschichte des Superhelden-Genres. Beide beanspruchten im Laufe der Zeit verschiedene Anteile an der Schöpfung der ikonischen Figur. Während Lee seine Ideen zur Konzeption hervorhob, legte Ditko den Schwerpunkt auf seine zeichnerische Arbeit und die Entwicklung von Spider-Mans Charakter. Der Konflikt erreichte seinen Höhepunkt, als Ditko nach der Veröffentlichung von Amazing Spider-Man #38 im Jahr 1966 das Projekt verließ. Ohne eine Erklärung, ohne formellen Abschied und ohne dass Lee je nachvollziehen konnte, warum Ditko diesen drastischen Schritt wagte, endete eine der einflussreichsten Partnerschaften der Comic-Geschichte abrupt.

Ditkos letztes Panel

Steve Ditko prägte die ersten 38 Ausgaben der Serie „The Amazing Spider-Man“, bevor er plötzlich aus dem Projekt ausstieg. Was viele nicht wissen: In seiner letzten Ausgabe geschah etwas Bemerkenswertes – Peter Parker offenbarte seinem Erzfeind, dem Grünen Goblin, seine wahre Identität. Gleichzeitig wurde die Maske des Grünen Goblins gelüftet, womit sich herausstellte, dass Norman Osborn, eine zentrale Figur der Reihe, hinter der finsteren Rolle steckte.

Interessant daran ist, dass Ditko den geheimnisvollen Grünen Goblin über Jahre hinweg zeichnete, ohne je sein Gesicht zu enthüllen. Doch kurz bevor dieser große Moment in der Geschichte kommen sollte, verließ er das Projekt überraschend. Ob dieses Timing purer Zufall war oder doch ein bewusstes Statement von Ditko, bleibt bis heute ein Rätsel. Der Künstler selbst hat niemals erklärt, warum er die Serie an diesem entscheidenden Punkt verließ, wodurch Raum für Spekulationen bleibt. Was hingegen sicher ist, ist sein bleibender Einfluss auf die Spider-Man-Erzählungen und sein Vermächtnis als einer der kreativsten Köpfe in der Geschichte des Comics.

Verantwortung als Last

Spider-Man ist die einzige Figur im Superhelden-Genre, bei der die Superkraft von Anfang an eng mit einem moralischen Fehltritt verknüpft ist. Peter Parker erhält seine Spinnenkräfte durch den zufälligen Biss einer Spinne. In derselben Nacht sieht er einen Räuber entkommen und entscheidet, nicht einzugreifen, da er selbst frustriert und knapp bei Kasse ist. Er denkt sich, das sei nicht sein Problem. Doch genau dieser Räuber tötet später Onkel Ben. Die Kräfte waren zuerst da, doch das Verständnis für Verantwortung entstand erst aus diesem Scheitern, es wurde ihm nicht einfach als Geschenk mitgegeben.

Innerhalb der Struktur des Superhelden-Genres stellt dies eine grundlegende Abweichung dar. Superman wurde mit moralischen Werten geboren. Batman wählte diese aus einem traumatischen Erlebnis heraus. Spider-Man hingegen erwarb sie durch die Bürde der Schuld. Dadurch wird sein moralischer Kompass sowohl zerbrechlicher als auch authentischer als in jeder anderen Heldenfigur des Genres. Er kennt die Folgen, wenn man Verantwortung nicht übernimmt. Dieses Wissen hat er sich hart erarbeitet, und er trägt kontinuierlich die Konsequenzen. Sei es durch finanzielle Sorgen, komplizierte Beziehungen oder die Last eines Lebens, das niemals einfach wird, egal wie groß seine Kräfte sind.

Gwen Stacy – der Tod, der nicht rückgängig gemacht wurde

Am 17. Mai 1973 veränderten die Ausgaben #121 und #122 von The Amazing Spider-Man (auch bekannt als „The Night Gwen Stacy Died“) das Superhelden-Genre für immer. In einer Geschichte, die sowohl schockierte als auch die Grenzen des Mediums auslotete, wurde Gwen Stacy, die große Liebe von Peter Parker, Opfer des Grünen Kobolds. Dieser wirft sie von der George-Washington-Brücke, und Spider-Man versucht verzweifelt, sie mit seinem Netz zu retten. Doch diese Rettung endet tragisch: Gwen ist tot.

Amazing Spider-Man #121 © Mrvel Comics

Die Frage, was genau zu ihrem Tod führte – das Netz, das ihr Genick brach, der Sturz oder die Hand des Kobolds selbst – bleibt bis heute ungeklärt. Die Macher des Comics entschieden sich bewusst dafür, diese Ursache im Dunkeln zu lassen und schufen damit eine der brutalsten und emotionalsten Wendungen, die jemals in der Welt der Comics erschienen sind. Dieser Moment markierte nicht nur den Verlust einer geliebten Figur, sondern auch eine neue Ära des Storytellings, in der Helden mit moralischen Dilemmata und echten Konsequenzen kämpfen müssen.

Gwen Stacy war bis dahin die stabilste Beziehung in Peters Leben. Nicht das klassische „Damsel in Distress“, sondern eine selbstständige junge Frau mit eigener Persönlichkeit und einem Verhältnis zu Peter, das auf Augenhöhe basierte. Ihre Beziehung war das Einzige in Peters Leben, das wirklich zu funktionieren schien. Und dann töteten Gerry Conway und Gil Kane sie, mit der vollen Absicht, zu zeigen, dass Spider-Man manchmal verliert. Wirklich verliert. Endgültig und nicht nur vorübergehend.

Das war das Ende des Silver Age. Die Unschuld, die Superman, Batman und die frühen Spider-Man-Geschichten noch bewahrt hatten , die Gewissheit, dass der Held am Ende immer gewinnt, war tot. Sie starb mit Gwen Stacy. Auf einer Brücke in New York. 1973.

Die beeindruckendste Schurkengalerie im Marvel-Universum

Spider-Man verfügt über die wohl reichhaltigste und konzeptionell durchdachteste Schurkengalerie, die das Marvel-Universum zu bieten hat — und das kommt nicht von ungefähr. Es ist das Ergebnis einer guten Planung hinter seiner Figur. Da Peter Parker ein ganz normaler Mensch mit alltäglichen Problemen ist, verkörpern seine Gegner diese Probleme in übernatürlichen, oft grotesken Formen. Der Green Goblin steht für den korrumpierten Vater. Doctor Octopus repräsentiert den Wissenschaftler, zu dem Peter hätte werden können, hätte er eine andere Entscheidung getroffen. Der Vulture ist ein Sinnbild für das Alter, das Peter eines Tages erwartet. Und der Rhino verkörpert rohe Gewalt ohne Verstand, die Konsequenz von Macht ohne Verantwortung.

Diese Spiegelstruktur gehört zu den bedeutendsten kreativen Entscheidungen, die von Steve Ditko und Stan Lee getroffen wurden: Spider-Mans Widersacher sind sie personifizierte Aspekte seines Lebens, überhöht und in Bedrohungen verwandelt. Dadurch wird jeder Kampf zu einem symbolischen Dialog darüber, wer Peter ist, wer er sein könnte und vor welchen Wegen er sich bewusst hütet.

J. Jonah Jameson, der streitlustige Chefredakteur des Daily Bugle, ist eine der interessantesten Figuren im Umfeld von Spider-Man – nicht zuletzt deshalb, weil er den Helden systematisch als Kriminellen diffamiert, während er gleichzeitig dessen Fotos kauft. Dabei ist Jameson ein Mensch mit einer festen Überzeugung, die er als moralisch gerechtfertigt ansieht. Und in gewisser Weise liegt er nicht ganz falsch: Ein maskierter Rächer stellt tatsächlich eine Herausforderung für die Prinzipien einer demokratischen Gesellschaft dar. Er adressiert damit Fragen, die das Superhelden-Genre oft umgeht: Wer entscheidet, ob jemand das Recht hat, die Rolle der Polizei zu übernehmen? Für Peter bleibt diese Frage letztlich unbeantwortet.

Kravens Last Hunt

J.M. DeMatteis und Mike Zecks Kraven’s Last Hunt aus dem Jahr 1987 gilt als eines der literarisch anspruchsvollsten Werke, das je von Spider-Man geschaffen wurde. Der sechsteilige Handlungsbogen behandelt Sergei Kravinoff, auch bekannt als Kraven der Jäger, als eine tief tragische Figur und schickt Spider-Man symbolisch in den Tod, indem er ihn betäubt und lebendig begräbt, in dessen Kostüm schlüpft, und die Rolle des Netzschwingers übernimmt. Später begeht er schließlich Selbstmord, nachdem er seinen letzten Triumph vollendet sieht: als Spider-Man besser zu sein als das Original, vor allem brutaler und tödlicher.

In der Mythologie der Schurken im Genre ist dies ein herausragender Moment. Ein Antagonist, der nicht nur siegt, sondern vollständig und unbestreitbar triumphiert, nur um diesen Sieg als innere Leere zu empfinden. Kraven strebte nicht danach, Spider-Man aus Hass zu besiegen. Sein Ziel war es, sich selbst seine Überlegenheit zu beweisen. Doch als ihm dies endlich gelingt, bleibt nichts zurück. Kein Triumph, keine Genugtuung, lediglich die Erschöpfung eines Lebens, das seinen Sinn stets in der Jagd fand und jetzt ohne Beute dasteht.

DeMatteis verarbeitete das Werk mit Anspielungen auf Dostojewski und die russische Seelenliteratur. Diese Verweise funktionieren, weil Kravinoff ein russischer Aristokrat ist, dessen Nihilismus tief in seiner Kultur verwurzelt ist. Sein tragisches Ende erscheint als die unvermeidliche Folge einer Philosophie, die allein Stärke als höchsten Wert anerkennt. Es ist eine Geschichte, in der Spider-Man als Spiegel dient, um zentrale Fragen nach Tod, Sinn und dem, was nach dem Erreichen des letzten Ziels übrig bleibt, zu erkunden.

Der zweite Spider-Man

Als Miles Morales im Jahr 2011 von Brian Michael Bendis und Sara Pichelli zum Leben erweckt wurde, markierte dies einen Meilenstein in der Geschichte des Spider-Man-Universums. Er wurde nicht nur zu einer der mutigsten kreativen Entscheidungen in der langen Marvel-Tradition, sondern auch zur bedeutendsten Erweiterung des ikonischen Superheldenkonzepts. Miles, ein afroamerikanisch-hispanischer Teenager aus Brooklyn, übernimmt im Ultimate Marvel Universe nach dem tragischen Tod von Peter Parker die Rolle des neuen Spider-Man und beweist, warum diese Entwicklung so entscheidend war.

Was macht Miles als den Nachfolger von Peter Parker genau richtig? Es ist die universelle und zeitlose Natur des Spider-Man-Motivs. Spider-Man ist eine Idee. Ein New Yorker Teenager, der plötzlich mit großer Macht und ebenso großer Verantwortung konfrontiert wird, der lernt, Herausforderungen zu überwinden, Rückschläge hinzunehmen und dennoch weiterzumachen. Dieses Konzept überschreitet ethnische und kulturelle Grenzen. Es gehört nicht Peter Parker allein, es gehört allen, die sich in dieser Geschichte wiederfinden. Miles Morales verkörpert diese Idee auf wunderbare Weise.

Bendis verstand es meisterlich, Miles eine glaubwürdige Tiefe zu verleihen. Er füllt das Leben seines neuen Spider-Man mit all den alltäglichen Elementen, die die Figur seit ihrer Ursprungsstory im Jahr 1962 so greifbar machen: Schule, Familie, Freundschaften und das Gefühl, anders zu sein. Gleichzeitig bringt Miles eine völlig neue Perspektive in die Welt von Spider-Man. Er steht stellvertretend für eine Generation, die mit digitalen Technologien und dem wachsenden Bewusstsein für Identität und Diversität groß geworden ist. In einer Zeit, in der Repräsentation eine zentrale Rolle spielt, bietet Miles nicht nur eine frische Stimme für das Spider-Man-Franchise, sondern zeigt auch, dass Helden uns allen gleichermaßen gehören.

Miles Morales ist mehr als ein zweiter Spidey. Er ist das Symbol dafür, dass Superhelden auch in der Lage sind, sich an die Gesellschaft anzupassen und weiterzuentwickeln. Seine Geschichten sind eindrucksvoll und inspirierend, ein Beweis dafür, dass auch gut etablierte Heldenbilder Platz für Veränderung haben.

Der kontroverseste Moment

One More Day (2007) von Joe Quesada markiert eine der umstrittensten redaktionellen Entscheidungen in der Geschichte der Marvel-Comics – und das in einem Feld mit reichlich Konkurrenz. Die Prämisse: Peter Parker geht einen Pakt mit Mephisto, dem Teufel, ein, um das Leben seiner sterbenden Tante May zu retten. Der Preis dafür ist, dass seine Ehe mit Mary Jane Watson ungeschehen gemacht wird. Sie haben nie geheiratet. Es hat nie stattgefunden. Das gesamte Universum vergisst es.

Die Reaktion der Fans war von einer Wut geprägt, die bis heute nicht vollständig abgeklungen ist. Und diese Empörung ist schon allein aus der künstlerischen Perspektive nachvollziehbar, aber auch, weil diese Entscheidung das Herzstück von Spider-Mans Charakter berührt. Spider-Man war immer jener Held, der sich den Konsequenzen seines Handelns stellt. Der Tod von Onkel Ben. Der Tod von Gwen Stacy. Jede Entscheidung und deren Folgen tragen Gewicht in seiner Geschichte. Doch eine Figur, die durch einen Pakt mit dem Teufel ihre eigene Vergangenheit auslöscht, entzieht sich genau jener Verantwortung, die sie definiert, und damit ihrem eigenen erzählerischen Fundament.

Dennoch hat One More Day etwas Bedeutendes ans Licht gebracht: eine Wahrheit über das Superhelden-Genre, die immer wieder durchscheint. Die kommerziellen Interessen des Systems, das diese Figuren kontrolliert, sind niemals neutral. Sie prägen die Geschichten, die erzählt werden. Quesada wollte Peter Parker wieder jünger und ledig machen, weil er davon überzeugt war, dass dies den Charakter zugänglicher machen würde. In einer rein marketingstrategischen Hinsicht mag das zutreffen. Doch aus erzählerischer Perspektive gleicht es einer schwerwiegenden Verstümmelung.

Die Filme

Drei Schauspieler, drei Perspektiven auf eine ikonische Figur: Tobey Maguire, Andrew Garfield und Tom Holland haben jeweils ihre eigene Version von Spider-Man auf die Leinwand gebracht, wobei jede Interpretation eine einzigartige Facette des Helden beleuchtet. Maguire verkörperte die Melancholie von Peter Parker, den Schmerz des Verlusts, die Last der Schuld und die Tragik eines Teenagers, der gezwungen war, viel zu früh erwachsen zu werden. Unter der Regie von Sam Raimi erhielten diese Filme eine emotionale Tiefe und Ernsthaftigkeit, die im Superhelden-Genre bislang selten wieder erreicht wurde.

Garfield brachte Peters Intelligenz und Einfallsreichtum zum Ausdruck: den Wissenschaftler, den kreativen Problemlöser und den jungen Mann, der sich weigert, sich von einer feindseligen Welt kleinhalten zu lassen. Zwar litten die Amazing-Spider-Man-Filme unter konzeptionellen Schwächen, doch Garfields Darstellung war durchgehend mitreißend. Sein Peter Parker strahlte eine Würde aus, die das Franchise nie vollständig zu würdigen wusste.

Holland schließlich personifizierte Peters Jugendlichkeit: den echten Teenager, der stolpert und scheitert, dessen Bewunderung für Tony Stark ihn manchmal die eigene Bedeutung in der großen Erzählung vergessen lässt. Der Film No Way Home aus dem Jahr 2021 vereinte alle drei Schauspieler auf bewegende Weise. Besonders eindrucksvoll war die Szene, in der Maguire Holland in die Arme schließt und ihm sagt: „Es ist nicht deine Schuld.“ Mit diesen Worten fasste er die Essenz der gesamten Geschichte zusammen und schuf einen Moment, der tief berührte.

Der erfolgreichste Held

Spider-Man gilt als die erfolgreichste Superheldenfigur weltweit – ob in Comics, Merchandise-Produkten, Filmen oder jeder anderen Form, die das Genre hervorgebracht hat. Es das Ergebnis einer bahnbrechenden Entscheidung von 1962: Ein Held, der mit alltäglichen Problemen zu kämpfen hat, ist ein Held, mit dem sich jeder identifizieren kann. Jeder war einmal ein Teenager. Jeder hat schon finanzielle Sorgen erlebt. Und jeder hatte schon Momente, in denen er Entscheidungen traf, die er bereute, nur um später lernen zu müssen, mit den Folgen umzugehen.

Batman spricht jene an, die das Böse bekämpfen wollen. Superman inspiriert diejenigen, die an das Gute glauben möchten. Spider-Man jedoch verkörpert die Realität derer, die wissen, dass das Leben oft schwieriger ist, als es scheint, und die dennoch weitermachen, weil sie begriffen haben, dass Aufgeben keine Option ist.

Das verbindet mehr als Kryptonit oder traumatische Erlebnisse. Es ist die Essenz des Menschseins, versteckt unter einem Kostüm in Rot und Blau und einem Netz, das sich zwischen den Hochhäusern von Queens spannt.

Peter Parker ist inzwischen sechzig Jahre alt. In diesen Jahren hat er die Welt unzählige Male gerettet, Verluste betrauert, geliebte Menschen verloren, geheiratet und wieder nicht geheiratet, seine Identität preisgegeben und wieder verborgen, mit Göttern ebenso wie mit Teufeln verhandelt, und sich dennoch jeden Tag aufs Neue bemüht, die Miete irgendwie aufzubringen. In Sachen normales Leben ist er nicht besser geworden. Ebenso wenig im Vergessen oder im Loslassen.

In einem Genre, das oft Wachstum und Transformation idealisiert, ist das eine bemerkenswerte Entscheidung: Peter Parker wächst nicht über seine Menschlichkeit hinaus. Er bleibt, was er immer war — menschlich. Ein Mensch mit Fehlern und Schwächen, überfordert, von Schuldgefühlen geplagt, aber auch liebend, fallend und aufstehend. Seine außergewöhnlichen Kräfte ändern daran nichts. Das ikonische Kostüm ebenfalls nicht. Sogar der berühmte Satz über die Verantwortung, den sein Onkel ihm nie wirklich gesagt hat, der aber sein Leben definiert, ändert daran nichts.

Als Stan Lee und Steve Ditko ihn 1962 ins Leben riefen, war er ein Teenager, eine Figur, die der Verleger für eine schlechte Idee hielt. Doch was sie schufen, war die authentischste Figur ihres Genres. Ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass Superhelden-Geschichten in ihrer essentiellsten Form von Verlust und Schuld handeln, und von dem unerschütterlichen Willen, dennoch weiterzumachen.

Durch das Gezeter

Es entsteht ein neues Vakuum, wenn man ohnehin wie ein gehetzter Nachtvampir (ja, es gibt sie auch am Tage) abgeschirmt von jeglichem Menschengestank haust. Dieser ganze Oberflächenwahn, nicht die Erde, sondern die ganze Welt als Scheibe. Das Vakuum entsteht durch eine Neuausrichtung aller Wege und wo ihr nächster Knotenpunkt sei. Eine Wohnung schlürft Schatten oder bringt sie überhaupt erst hervor.

Ich wandere tatsächlich durch David Friedrichs Nebel und Reise an Virgils Hand durch das Gezeter.

the Bad, the Ugly

Es gibt das Gute nicht im Universum. Aber gibt es darum auch kein Böses? Oh doch!
Das Böse aber ist nicht das Gegenteil des Guten, es ist das Fundament von allem.
Nicht zu sein wäre dem nicht angemessen, also wird kreiert, um sich am Elend zu ergetzen.
So ist das Böse nichts als der Status Quo des Seins.
Im Akt der Schöpfung mag Liebe stecken, in der Schöpfung selbst aber nicht.

Nein, ihr seht: wandle ich diesen Zustand, bleibt dennoch etwas übrig. Und ob man sich wundert oder nicht:
die Prädatoren sind frei – und mehr noch! – sie feiern in ihrem Freudenhaus, wo draußen die Herden durch die Schatten schleichen.
Ich bin vom Finstern nicht in gleichem Maße entsetzt wie vom Licht.

Veloziped

Es sah auch schon aus wie für eine Matrone entworfen.
Mit ausladenden Schwüngen ergoss sich der Rahmen nach oben in den Lenker, den jeder Hirsch zu tragen alles getan hätte.
Der Rüssel dieses Viechs nahm mir alles weg. Ein freier Platz war eine Unmöglichkeit. Der Sattel allein hätte eine Waschmaschine empfangen können. Bei Wunsch gefällig. Wir niesen hier keinen Nutz vom Balkon.

Aber jetzt zur handelnden Figur:

Früher trieb ich eine Menge Unfug, also hob ich auch jetzt dazu an. Ich stellte mich schützend vor das Nichts vor dem Veloziped, das einer Monarchin ihr ganzes Alter vergessen ließ.
Vergleiche sind meist das, was sie nicht sind. Ich kenne diese vagen Gedanken, die aus den Hütten ragen.

Fluch des weißen Lichtes

es ist so ein Lautsein mit dem Wetter dieser Tage, ein sehr drohendes Gebäude
das mit seiner Magie Unwägbarkeiten manipuliert, dabei wurde das Gelb der Sonne
schon lange weggerissen, ein obszöner Glühstern ist übrig, ein Nackedei-popo-Chai
Fluch des weißen Lichtes

Meermaden

Eine Meermaden-Geschichte, wenn man mich fragt, weiberische Fische, ständig am Baden, aber auch mit einem magischem Dreizackigen. Und so schwimmen sie und – ach, kuck mal, wie die schwimmen – zerzacken mit Gehack. Ausgeschlossen ist es nicht, wenn auch sehr zu hinterfragen (da im Turm unten in der Kammer, weißt schon), was sie treiben was sie tun. Ich habe so ein klitschiges Thing nie gesehen geschweigedenn besucht im Suhl da unter den Wassermeilen.

Siediesiedavielbaden

Hör mal, zwitscher dein Hemdilein! Soll ich dir dein Handtuch rollen? Ist wenigstens der Oven heiß? Der immerwieder Nachschub sprüht, so dass dein Wasser nie die Wärme lasse und lasse auch nix unberührt! Ich bin schon einmal in Sandalen so sehr weit gekommen, wüsste nicht, wie’s barfuß besser ginge. Soll man doch noch eine Geschichte erzählen, Schicht um Schicht schön aufgeladen und verschnürt. Bin ich denn ein blöder Mann? Schau, ich leb‘ nun auch schon seit Sekunden.

Hin, unter

Irgendein Geisterschiff wird versunken sein dort im Schlot. Ich denke: so wird es sein dort im Schlot, und die Meermaden – ich habe es nicht verstanden, möchte es aber wiedergeben, weil meine Lippen eine Spur zu nachlässig sind – die Meermaden haben ihr bös-lumpiges Monsterum verloren, als die flotte Flut das Schiff zerschieferte. Einen Fröschekerl, einen Schlupp Gelupp, einen Luftsackbacken! Dringt durch feste Materie wie ein Schneepflug und wimmert leise vor sich hin, weil sein Bedarf an Röstmais nicht gedeckt werden kann.

Glatt hat sich eine unter uns gemischt, sie badet gern als Tarnung und schwamm bereits mit Maman in den Trümmern von R’lyeh. Ein Genuss im Hokuspokus irdischer Gefäße, so dann und wann verleihe ich einen Affen zum Lausen gegen eine unnennbare Gebühr.

Grendel – Das Böse wählt

grendel

Das Böse als Idee

Unter den Figuren dieser Dokumentationsreihe ragt Grendel als das wohl radikalste konzeptionelle Experiment hervor. Grendel ist mehr ein Prinzip als eine Person, verkörpert weder den Helden noch den Schurken, sondern erscheint als eine Art Geist des Bösen, der von Mensch zu Mensch und von Epoche zu Epoche wandert. Dabei prägt er nicht nur jene, die ihn aufnehmen, sondern wird gleichzeitig auch von ihnen geprägt. So entfaltet sich eine Erzählung, die sich über Jahrtausende hinweg spannt, von der Gegenwart bis in eine ferne und düstere Zukunft.

Matt Wagners Grendel hatte 1982 einen Kurzauftritt im Comico Primer #2, einer Anthologie des kleinen Verlags Comico Comics, in der unbekannte Autoren ihre Figuren vorstellten. Der erste Eindruck war wenig berauschend: ein in Schwarz gekleideter Killer mit einer zweiköpfigen Gabelwaffe, der nachts Verbrechen beging. Es deutete wenig darauf hin, dass aus diesem Auftritt eines der ambitioniertesten Comicprojekte der amerikanischen Indie-Geschichte werden würde. Das wusste selbst Wagner zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Der Name

Matt Wagner, der Langstreckenläufer des Indie-Comics

Matt Wagner – Schöpfer, Autor, Zeichner

Bereits als Student begann Wagner mit der Arbeit an Grendel, ein Projekt, das zunächst unfertig und tastend wirkte, geprägt von einem ausgeprägten Gespür für Dunkelheit, das seiner technischen Reife noch voraus war. Was Wagner jedoch von anderen unabhängigen Autoren seiner Generation abhob, war seine Ausdauer und die Bereitschaft, ein langfristiges Werk zu schaffen: Über Jahrzehnte widmete er sich diesem Projekt, ließ einzelne Epochen von anderen Autoren und Zeichnern gestalten und behielt dennoch die konzeptionelle Leitung. So erschuf er ein umfassendes Universum, das sich über die gesamte Zukunft der Menschheit erstreckt.

Die Comico-Ära im Kontext der Indie-Comics von 1982

Comico Comics war Teil einer aufstrebenden Welle kleiner, unabhängiger Verlage, die Anfang der 1980er Jahre durch das Direct-Market-System an Bedeutung gewannen. Dieses Vertriebsnetz, das sich auf spezialisierte Comicläden fokussierte, ermöglichte es Verlagen, unabhängig von den herkömmlichen Vertriebswegen an Zeitungskiosken zu operieren. Neben Comico gehörten auch Verlage wie Pacific Comics und Eclipse Comics zu diesem Trend. Dank dieser neuen Struktur konnten innovative Werke wie Wagners Grendel oder später Kirkmans Invincible entstehen, die in der traditionellen Verlagswelt kaum eine Chance gehabt hätten.

Wagners Entwicklung als Autor über die Grendel-Jahrzehnte hinweg ist eine Geschichte für sich, die es verdient, erzählt zu werden. Der frühe Wagner arbeitete noch an den Hunter-Rose-Geschichten, gezeichnet in einem manchmal hastig wirkenden Schwarzweiß. Hier war noch die Energie und Direktheit zu spüren, die in seiner reiferen Phase manchmal verloren geht. Der spätere Wagner, der die Kontrolle an andere Autoren abgab und selbst nur noch als konzeptionelle Instanz fungierte, zeigte eine in der Indie-Comicwelt seltene Souveränität: die Bereitschaft, das eigene Kind loszulassen, damit es wachsen kann.

Der erste Wirt

Hunter Rose

Hunter Rose ist die Figur, mit der Grendel beginnt, und für viele Leser ist er DER Grendel, obwohl er nur einer von vielen Trägern dieses Namens ist. Rose ist ein Wunderkind: hochbegabt, schön, mit einer Eleganz, die an Oscar Wilde erinnert, und einem Humor, der niemals nachlässt, selbst dann nicht, wenn er tötet. Er ist Schriftsteller, wird gefeiert und gelesen und ist Teil der Gesellschaft. Nachts ist er Grendel, der gefürchtetste Verbrecherkönig der Stadt. Er kämpft mit einer Zweizackwaffe und zwingt dem Verbrechenssyndikat der Stadt seine eigene Ordnung auf.

Was Hunter Rose zu einer der spannendsten Figuren des amerikanischen Comics macht, ist die Absolutheit seiner Widersprüche. Er ist kein Mensch, der nachts zum Verbrecher wird, er ist beides gleichzeitig, ohne Kompromisse. Der Schriftsteller Hunter Rose ist genauso real wie der Verbrecherkönig Grendel. Beide sind er. Und beide zusammen sind etwas, das das Böse durch seine Intelligenz verkörpert.

Hunter Rose · Das Paradox

Die wichtigste Beziehung in Hunters Leben ist die zu Stacy Palumbo, einem Mädchen, das er adoptiert hat und das er so sehr liebt, wie er eben kann. Letztlich ist es Stacy, die sein Ende herbeiführt. Stacy entdeckt, wer Hunter wirklich ist und versucht, ihn zu verraten. Und Hunter, der sonst alles kontrolliert, trifft auf etwas, das er nicht kontrollieren kann: echte menschliche Zuneigung, die sich gegen ihn wendet. Er stirbt durch das Einzige, das er je liebte. Das ist in seiner Tragik ein Stoff, den die griechische Dramatik nicht eleganter hätte konstruieren können.

Grendel als Idee

Was Grendel von allen anderen Figuren dieser Dokumentationsreihe unterscheidet, ist die konzeptionelle Prämisse, die Wagner im Laufe der Serie entwickelte. Grendel ist kein Mensch. Er ist ein Geist, eine Idee des Bösen, eine Kraft, die Träger sucht und findet, von jedem Träger Besitz ergreift und ihn verändert. Nach dem Tod oder dem Scheitern des Wirts geht sie zum nächsten über, in die nächste Epoche.

Diese Prämisse ermöglichte Wagner etwas, das im Superhelden-Genre strukturell unmöglich ist, nämlich eine Geschichte zu erzählen, die sich über Jahrhunderte erstreckt, ohne an eine einzige menschliche Figur gebunden zu sein. Hunter Rose ist Grendel in den 1980ern. Christine Spar ist Grendel in einer nahen Zukunft. Brian Li Sung ist Grendel kurz danach. Eppy Thatcher ist Grendel in einer anderen Form. Und in den Zukunftsepochen des Grendel: War Child und Grendel: Devil by the Deed-Zyklus ist Grendel zu einem politischen System, zu einer Weltreligion, zu einer planetarischen Kraft geworden.

Wagner stellte die Frage: Was, wenn das Böse kein einzelner Schurke ist, den man einfach besiegen kann? Was, wenn es sich um eine Idee handelt; und Ideen nicht mit dem Tod derjenigen verschwinden, die sie erschaffen haben?

Das ist also eine Frage, die das Superhelden-Genre strukturell vermeidet, da es auf der Annahme basiert, dass das Böse durch Personen verkörpert wird, die besiegt werden können. Grendel aber sagt: Vielleicht ist das Böse eine in der menschlichen Natur liegende Möglichkeit, die sich jeden Träger sucht, den sie braucht. Das ist eine pessimistische Weltanschauung, die Wagner auch nicht verschönt.

Von der Gegenwart in die Zukunft der Menschheit

Hunter Rose

Erster Wirt · Gegenwart

Verbrecherkönig, Schriftsteller, Wunderkind. Die reinste und eleganteste Inkarnation. Wagner zeichnet selbst.

Eppy Thatcher

Vierter Wirt

Ein Priester, der zur Gewalt gezwungen wird. Grendel als religiöses und moralisches Trauma. Wagner beginnt, die Idee kosmisch zu dehnen.

Christine Spar

Zweiter Wirt · Nahe Zukunft

Hunters Enkelin, Journalistin. Sie nimmt die Maske auf, um ihren entführten Sohn zu finden. Grendel als Reaktion auf Verlust – und als Falle.

Orion Assante

Ferner Wirt · Zukunft

Ein Politiker, der Grendel als Machtprinzip übernimmt. Grendel als politische Ideologie, das Böse institutionalisiert sich und wird zu dem, was wir heute kennen.

Brian Li Sung

Dritter Wirt

Christines Geliebter, der die Maske gegen seinen Willen übernimmt. Grendel als Fluch, als unfreiwillige Übertragung.

Grendel Prime

Fernste Zukunft

Ein kybernetischer Kämpfer in einer Welt, in der Grendel zur Weltreligion wurde. Das Böse als System, als Zivilisation, als das Einzige, was bleibt.

Die Reise durch diese unterschiedlichen Epochen bildet das zentrale Element von Wagners Werk und hebt sich hinsichtlich ihrer strukturellen Kühnheit von allem ab, was im amerikanischen Comic zu finden ist. Wagner zeigt, wie sich Grendel im Laufe der Zeit von einer individuellen Manifestation von Brillanz und Gewalt über ein dynastisches Vermächtnis hin zu einer politischen Ideologie und schließlich zu einer globalen Religion wandelt. Jede dieser Transformationen bietet eine tiefgehende Reflexion über die Natur des Bösen. Sie veranschaulicht, wie das Böse an wahrnehmbarer Bedrohung verliert, sobald es in Institutionen eingebettet wird, wie es an Grazie einbüßt, wenn es immer mehr Macht erlangt, und letztlich, wie es zu einer allumfassenden Struktur wird, die niemand mehr als böse erkennt, schlicht weil sie zur einzigen verbliebenen Realität geworden ist.

Das Werkzeug

Bident

Grendels Waffe ist eine zweiköpfige Gabel, auch Bident genannt. Sie ist mit Neptuns Dreizack verwandt, jedoch asymmetrisch und somit eine Waffe der Wendigkeit statt der Kraft. Sie ist das visuelle Erkennungszeichen der Figur durch alle ihre Inkarnationen. Hunter Rose trägt sie mit der Eleganz eines Fechters, Christine Spar mit der Verzweiflung einer Suchenden und Grendel Prime mit der Mechanik eines Kriegers. Dieselbe Waffe, drei völlig verschiedene Arten, sie zu halten.

Die Wahl des Bidents ist keine zufällige Ästhetik. Sie verbindet die Figur mit einer sehr alten Tradition der Unterwelt-Symbolik: Der Dreizack gehört Poseidon, dem Herrn des Meeres. Der Bident gehört Hades, dem Herrn der Untoten. Grendel ist damit visuell in einer Mythologie des Todes und der Unterwelt verankert, die Hunter Roses elegante Oberfläche untergräbt. Er ist in der Tiefe, ein Wesen des Todes.

Schwarzweiß als Moral und Farbe als Verfall

Die frühen Geschichten von Grendel, in denen Matt Wagner selbst die Schwarzweiß-Zeichnungen für Hunter Rose anfertigte, spiegeln eine klare, kontrastreiche Welt wider. In dieser Realität sind die Moralvorstellungen eindeutig. Schwarz und Weiß stehen dabei für das Böse und das Andere, für Eleganz und Brutalität. Ein Zwischenbereich existiert hier nicht, Grautöne fehlen vollständig.

Mit dem narrativen Fortschreiten der Serie und dem Wechsel zu zukünftigen Epochen ändert sich jedoch nicht nur die Farbpalette, sondern auch das moralische Gefüge. Die neue Ästhetik ist farbig, aber keineswegs lebendig. Stattdessen dominieren gedämpfte, industrielle Töne und hin und wieder ein schockendes Rot. Die Welt, in der Grendel zur Weltreligion geworden ist, vermittelt den Eindruck von erstorbener Vitalität, einer Existenz also, die nicht mehr lebt, sondern nur noch mechanisch funktioniert.

Dies ist eine der subtilsten Aussagen Wagners über die Natur des Bösen. In seiner reinsten Form, verkörpert in Hunter Rose, hat es eine ästhetische Schärfe, die verführt. Wird es jedoch institutionalisiert und zu einer Religion oder einem politischen System, verliert es diese Schärfe, und gewinnt dabei eine Unentrinnbarkeit, die schlimmer ist als alle Eleganz.

Die zweite Trägerin

Christine Spar ist Hunters Enkelin, allerdings nicht biologisch, sondern durch Stacy Palumbo, das Mädchen, das Hunter adoptiert hatte und nach dessen Tod ebenfalls adoptiert wurde. Sie ist Journalistin, hat ein Kind und lebt ein normales Leben. Doch dann verschwindet ihr Sohn, entführt von einem Vampir-Entertainerkult in einer nahen Zukunft, in der solche Dinge existieren.

Christine findet Hunters Waffe, seine Aufzeichnungen und das Kostüm. Und sie entscheidet sich, es anzulegen, weil sie ihr Kind zurückwill. Das ist Wagners eleganteste Aussage über die Übertragbarkeit des Bösen. Es braucht keine Korruption, keine Gier und keine Bösartigkeit. Es braucht nur genug Verzweiflung. Grendel wartet auf den Moment, in dem jemand bereit ist, alles zu tun, und dann ist es bereits zu spät.

Christine findet ihr Kind, verliert dabei jedoch sich selbst. Ihre Geschichte gipfelt in der Frage, was bleibt, wenn man das Werkzeug des Bösen einsetzt, um Gutes zu erreichen: eine Frau, die nicht mehr weiß, wer sie ist, weil Grendel inzwischen ein unverzichtbarer Teil von ihr geworden ist. Es ist die emotionalste und menschlichste Erzählung des gesamten Grendel-Zyklus, denn im Gegensatz zu Hunter Rose hat Christine niemals bewusst entschieden, böse zu sein.

Die Quellen des Bösen

Grendel sitzt an einer Kreuzung mehrerer literarischer Traditionen, und Wagner hat keine von ihnen verschleiert. Der Name selbst verweist auf Beowulf, das älteste überlieferte Epos der englischen Literatur, in dem Grendel das Monster ist, das von außen kommt und die menschliche Ordnung zerstört. Wagners Grendel invertiert das. Sein Grendel kommt nicht von außen, er kommt von innen. Das Monster ist nichts Fremdes, es ist eine menschliche Möglichkeit.

Die Verbindung zu Nietzsche bleibt unausgesprochen, ist jedoch strukturell deutlich spürbar. Hunter Rose verkörpert den Übermenschen im Sinne Nietzsches, jenseits herkömmlicher Moralvorstellungen, ausgestattet mit einer außergewöhnlichen Stärke und Intelligenz, die allen gängigen Maßstäben entwachsen. Wagners Zyklus zeigt dabei auf, welche Folgen es hat, wenn der Übermensch institutionalisiert wird. Er verfällt zum System, verliert seine Individualität und verwandelt sich in eine Ideologie. Für Nietzsche wäre dies wohl ein Verrat an seinem Konzept gewesen. Wagner hingegen betrachtet es als unausweichliche Konsequenz.

Die Verbindung zu Miltons Satan, dem elegantesten und überzeugendsten personifizierten Bösen der englischsprachigen Literatur, ist bei Hunter Rose am deutlichsten spürbar. Wie Miltons Satan ist Hunter Rose von einer Intelligenz und einem Charisma, die den Leser verführen, auf seiner Seite zu stehen. Damit entsteht ein ähnliches Unbehagen wie bei Milton. Wenn das Böse so überzeugend ist, was sagt das über den Leser aus, der es bewundert?

Das Böse als System

Grendel ist im amerikanischen Comic ein besonders überzeugendes Beispiel dafür, dass das Böse nicht an eine einzelne Person gebunden ist. Diese These stellt das Genre auf den Kopf, denn wenn das Böse keine Person darstellt, kann man es nicht direkt besiegen. Stattdessen kann es nur erkannt, verstanden und womöglich daran gehindert werden, sich weiterzuverbreiten.

Wagner entwickelte dieses Argument über vier Jahrzehnte hinweg mit einer Konsequenz, die im Indie-Comic einzigartig ist. Er ließ das Böse wachsen, sich institutionalisieren und zur Religion sowie zur planetarischen Kraft werden. In Devil’s Odyssey lässt er es schließlich als letzten Repräsentanten einer ausgestorbenen Spezies ins Universum hinaus, auf der Suche nach einem neuen Planeten, den es heimsuchen kann. Das ist eine Trauergeschichte darüber, was von der Menschheit übrig bleibt, wenn man das Böse bis zum Ende denkt.

Dass Grendel nie den kommerziellen Durchbruch im Mainstream schaffte, ist keine Überraschung. Wir haben hier eine Figur, die von einem kleinen Verlag stammt, bei einem anderen kleinen Verlag fortgesetzt, nie verfilmt, nie Teil einer Animationsserie war und nie von einem der großen Verlage übernommen wurde. Sie existiert in dem Raum, den Image Comics für Spawn, Fantagraphics für seine Literaturcomics und das Indie-System generell für kompromisslose Werke freihält.

Das Böse sucht immer weiter

Hunter Rose liegt längst unter der Erde. Christine Spar ist gestorben. Brian Li Sung ist fort. Ein Wirt nach dem anderen hat seinen Weg beendet, und Grendel hat sich immer weiterentwickelt, hat sich verändert, hat sich zu einer Institution erhoben, hat Religionen, Kriege und ganze Zivilisationen überdauert. Schließlich hat das Wesen den Planeten verlassen, um im Universum nach einem neuen Ort zu suchen, an dem es wieder sein kann, was es stets war: eine lauernde Möglichkeit.

Matt Wagner startete 1982 als Student damit, einen coolen, schwarz gekleideten Killer zu zeichnen. Was er über die nächsten vier Jahrzehnte hinweg erschuf, ist ein Werk von beeindruckender Konsequenz, das im Independent-Comic-Bereich seinesgleichen sucht. Es stellt das wohl tiefgründigste und gleichzeitig düsterste Argument über die Natur des Bösen dar, das das Medium je hervorgebracht hat. Dabei gelingt es ihm, diese Thematik in einer Form zu präsentieren, die unterhält, fasziniert und letztlich beängstigt, nicht zuletzt, weil Grendel so erschreckend überzeugend ist.

Das ist das Paradox, mit dem Wagner von Anfang an arbeitete und das er nie auflöste: Das Böse ist faszinierend. Das ist sein Werkzeug. Und wer es faszinierend findet, hat bereits ein Stück davon in sich.

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