Die Tigerin von Schächtiz

Langform

Im Abendlicht bog sich das nur schemenhaft zu erkennende Gebäude in die Länge. Das im Nebel liegende Anwesen selbst verlor sich im Nichts der Karpaten. Der Horizont wurde beherrscht von einer drohenden, schwerfälligen Masse unbestimmter Formen, die kaum mehr von einer vergeblichen Sonne durchdrungen werden konnte. Jahrmillionen alte Berge bissen in das weiche, fahle Himmelsfleisch und bildeten einen Klumpen konzentrierter Bösartigkeit.

Durch das darunter liegende Schloss zog die Karawane der Träume, angeführt von allerlei absonderlichen Gestalten, Gauklern und Scharlatanen in dunklen Kleidern.

Dieser abscheuliche Traum entsprang dem Schlaf der Gräfin Báthory, die, vollgestopft mit Opiaten, auf ihrem ausladenden Plüschbett lag. Der Träumenden entrann ein Bach, der sich mit blutigen Tränen füllte. In den Blutkristallen sah sie Gesichter aus längst vergangenen Tagen – und sie wusste nicht, dass es bereits die Gesichter des Wahnsinns waren.

Die osteuropäische Geschichte ist voll von Adeligen, deren Hang zu Mord, Grausamkeit und Blutvergießen beispiellos ist. Manche, wie die Gräfin, sollen sogar Vampire gewesen sein. Zu ihren abscheulichen Verbrechen, die schließlich aufgedeckt wurden, gehörten Folter, Mord und angeblicher Blutkonsum.

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Das Datum dieser Uhrzeit ist Nimmermehr

Wohl sind die Dichter exzentrisch, wissen nicht mehr, wie Dichter zu sein sich ausmacht in einer Welt ganz ohne sie, ganz ohne die durchdringend rhythmische Schau, teils rebellisch, teils völlig in sich gekehrt, aber ohne auch nur die geringste Relevanz. Im Dichten lässt sich nicht mehr sein, ließ sich nie ohne Zweifel sein, ohne eine Ausstattung mentaler Reisebereitschaft und jenseitiger Abenteuerlust, das Sprudelfass im Herzen. Wenn sie nicht mehr sind, sind auch die entlegenen Beobachtungen obsolet, wie etwa, ein Mann stand unter einer Laterne, die ausging …

Ein Mann stand unter einer Laterne
die ausging, doch bevor sie ging
bestäubte sie ihn mit neuer Muse

Ich bleibe ungelesen, weil es unmöglich ist, mir zu folgen, und trotzdem binden meine Syntaxen einen Teil der Übelkeit, die wie ein Kater die Gedärme zerfetzt. Noch nie hatte ich aus einem Fenster geschaut, dessen Hintergrund so permanent verdreckt aufgrund der Patina der Schatten im Mauerwerk ruhte, also ob man auf ein abgelaufenes Werk starrt, das Datum dieser Uhrzeit ist Nimmermehr.

Schreibe

Ich muss schon sagen dass ich vorzüglich aus der Welt gepoltert
und nicht wie sie sagte im einsamen Wald unter einsamen Himmeln
Schreibe zu schreiben (wie Schmiere, nur anders) mich erdächte.

Es kam mir nicht in den Sinn, mich vogelfrei zu wähnen
ob der Gemeinsamkeiten während des Abendmahls am Fuße des Vulkans
lang schon hinfällig, doch keineswegs lahm in seinem Innern.

Scott Snyder und die Mythologie des Schreckens

Scott Snyder

New York und Literatur

Scott Snyder wurde 1976 in New York City geboren und wuchs in einem Umfeld auf, das seine Entwicklung zu einem der literarisch anspruchsvollsten Comicautoren seiner Generation förderte. Er studierte Kreatives Schreiben an der Brown University und der Columbia University und gab mehrere Jahre lang selbst Schreibkurse. Diese akademische Prägung unterscheidet ihn deutlich von seinen Kollegen und verleiht seinem Werk innerhalb des Genres eine außergewöhnliche Note. Mit einem reflektierten Ansatz über das Schreiben verbindet Snyder theoretisches Denken mit seinen Comics, ohne dabei jemals in eine kühle, distanzierte Akademik abzudriften.

Scott Snyder

Seine literarischen Einflüsse sind deutlich erkennbar und werden von ihm selbst offen angegeben. Besonders prägend sind für ihn Stephen King, Shirley Jackson und die amerikanische Horror-Literatur. Diese Strömung betrachtet das Böse nicht als etwas Fremdes in einer ansonsten heilen Welt, sondern als tief in der Erde, der Geschichte und der DNA eines Ortes verwurzeltes Element. Snyder ist vor allem fasziniert davon, wie das Böse sich abhängig von bestimmten Orten und Epochen manifestiert. Genau dies verleiht seinen Geschichten, auch wenn sie im DC-Universum angesiedelt sind, eine spürbare Authentizität und eine bedrohliche Intensität.

Sein Einstieg in die Comic-Welt erfolgte über das Vertigo-Imprint von DC mit der Horrorserie American Vampire (ab 2010, illustriert von Rafael Albuquerque). Die Serie, die sich mit der Geschichte amerikanischer Vampire von der Zeit des Goldrausches bis ins 20. Jahrhundert beschäftigt, mag auf den ersten Blick wie eine klassische Genre-Erzählung wirken. Doch tatsächlich stellt sie eine anspruchsvolle kulturelle Analyse dar. Snyder nutzt den Vampirmythos als Metapher für den amerikanischen Traum, dessen Gewalt, Gier, aber auch seine Fähigkeit zur Erneuerung. Für die ersten Ausgaben der Serie arbeitete er mit Stephen King zusammen, einem Autoren, zu dem Snyder wohl die stärkste künstlerische Verbindung verspürt und dem er mehr verdankt als jedem anderen.

Batman – Die Stadt als Monster

DC

Snyders Arbeit an Batman (DC Comics, 2011–2016), vornehmlich illustriert von Greg Capullo, zählt zu den kommerziell und kritisch erfolgreichsten Batman-Comics seit Frank Millers wegweisendem Werk The Dark Knight Returns. Während Miller Batman als einen kompromisslosen Rächer inszeniert, der die Dunkelheit mit brutaler Überlegenheit bekämpft, wagt Snyder einen anderen Ansatz. Er hinterfragt vielmehr die Natur der Dunkelheit selbst: Kann man sie überhaupt wahrhaftig erfassen? Was geschieht mit jemandem, der glaubt, sie zu begreifen, dabei jedoch einem Irrtum erliegt?

Die zentrale Geschichte des ersten großen Handlungsbogens, The Court of Owls (2011–2012), ist ein exquisites Beispiel für psychologischen Horror im Comicformat. Der Rat der Eulen ist eine mysteriöse Gruppierung von Schurken, die Gotham über Jahrhunderte hinweg aus dem Verborgenen beherrscht haben. Ihr Konzept zählt zu den großartigsten Schurkengeschichten des Batman-Universums der letzten Jahrzehnte, da ihre Existenz Batmans Selbstverständnis auf den Kopf stellt. Bisher war er überzeugt davon, jedes Geheimnis seiner Stadt zu kennen. Schon als Kind durchstreifte er jede Ecke Gothams auf der Suche nach Hinweisen auf verborgene Mächte, und fand nichts. Doch plötzlich offenbart sich: Der Rat der Eulen war die ganze Zeit präsent. Batmans Problem war nie ihre Abwesenheit, sondern seine eigene Unfähigkeit, tief genug zu blicken.

Die Idee ist für die Comichistorie bemerkenswert. Batman ist in den Katakomben des Owls-Labyrinths gefangen. Diese Geschichte entfaltet sich auf einigen wenigen Seiten und das Raster aus neun Bildern ändert sich langsam. Die Leser müssen das Heft drehen, um der Handlung folgen zu können. Das soll zur Verwirrung beitragen, denn sie fühlen, was der Protagonist fühlt. Das ist die beste Beschreibung der psychologischen Situation in Snyders „Run“. Hier zeigt sich, wie Snyder das Medium Comic voll ausschöpft, indem er es nicht bloß als bebilderten Text begreift, sondern als eigenständige erzählerische Kunstform.

Zur Zusammenarbeit

Mit Death of the Family (Tod der Familie, 2012–2013) führt Snyder den Joker wieder ins Rampenlicht und präsentiert eine interessante Neuinterpretation der Figur. Anders als der philosophische Nihilist aus Alan Moores The Killing Joke zeigt sich Snyders Joker als eine tiefere, urzeitlich irrationale Figur. Er sieht sich selbst als Batmans wahre Familie und behauptet, eine Verbindung zu ihm zu haben, die intensiver und ehrlicher sei als jene zu seinen Verbündeten oder Blutsverwandten. Die Vorstellung, dass der Erzfeind derjenige ist, der einen am besten versteht, ist verstörend präzise und fügt der legendären Fehde zwischen Batman und Joker eine neue, psychologisch aufgeladene Dimension hinzu.

Die Horrorliteratur als Heimat

Um das Werk von Snyder wirklich zu verstehen, ist es entscheidend, seine Haltung zum Genre ernst zu nehmen, die er in zahlreichen Interviews immer wieder dargelegt hat. Für Snyder ist Horrorliteratur kein Mittel zur Flucht aus der Realität, sondern vielmehr die unmittelbarste Form, grundlegende Wahrheiten zu vermitteln. Das Grauen in guter Horrorliteratur dient dazu, Ängste aus dem Unbewussten hervorzuholen. Diese Überzeugung, die er offenbar von Stephen King übernommen hat, mit dem er sie teilt, ist ein Schlüsselaspekt seines Schaffens. Sie erklärt auch, warum seine stärksten Werke besonders dann brillieren, wenn es ihm gelingt, Superhelden und Horror eng miteinander zu verweben.

Image Comics

In seinen Comics verleiht Snyder den Schurken eine zentrale Bedeutung. In schwächeren Geschichten dienen Gegenspieler oft lediglich als Werkzeuge, um Konflikte zu erzeugen. In Snyders besten Werken hingegen erscheinen sie als Spiegelbilder der tiefsten Ängste der Helden. Sie verkörpern Aspekte, die die Protagonisten noch nicht über sich selbst erkannt haben. So steht der Rat der Eulen für Batmans Furcht, nicht allwissend zu sein, während der Joker in Der Tod der Familie Batmans Angst verkörpert, dass seine Heldentaten letztlich ein Akt des Selbstbetrugs sein könnten. Diese psychologische Dimension der Gegenspieler mag nicht neu sein, doch Snyder gelingt es, diese Idee mit außergewöhnlicher Konsequenz umzusetzen.

Wytches (Image Comics, 2014–2015, illustriert von Jock) ist einer der direktesten Horrortitel von Scott Snyder außerhalb des Superhelden-Genres und zeigt seine schriftstellerischen Fähigkeiten in ihrer unverblümtesten Form. Die Geschichte dreht sich um eine Familie, die vor ihrer belastenden Vergangenheit flieht und in eine Gemeinschaft gerät, die mit uralten, unterirdischen Kreaturen im Bund steht. Die Hexen in Wytches verkörpern etwas Archaisches, das tief aus der Erde selbst entspringt. Ihr Schrecken liegt in der grausamen Praxis der Menschen, andere Menschen als Opfergaben darzubringen, um eigene Vorteile zu erlangen. Es handelt sich hierbei um typische amerikanische Horrorliteratur, die das Böse als eine Art sozialen Pakt darstellt.

Metal und die kosmologische Eskalation

Dark Nights: Metal (DC, 2017–2018, gezeichnet von Greg Capullo) und das nachfolgende Dark Nights: Death Metal (2020–2021) markieren eine Phase in Snyders Karriere, die in der Fachkritik kontrovers diskutiert wurde und die eine genauere Betrachtung erfordert. Die beiden Werke zeigen, was Snyder kann und wo seine Grenzen liegen. Nirgendwo sonst sieht man diese beiden Seiten so deutlich nebeneinander wie hier.

Die Prämisse von Metal ist auf den ersten Blick simpel: Es existiert ein dunkles Multiversum, verborgen hinter der bekannten Realität. In diesem düsteren Reich existieren albtraumhafte Spiegelbilder der DC-Superhelden. Ein Beispiel hierfür ist eine Variante von Batman, bei der seine Angst vor dem Tod ihn unsterblich macht, eine Ironie, die gleichzeitig durch seine Furcht vor dem Scheitern verstärkt wird – eine Angst, die letztlich genau dies herbeiführt. Snyder nutzt dieses Konzept, um das Böse als die Schattenseite der Hoffnung zu interpretieren, was thematisch an die Werke Grant Morrisons erinnert.

Was Metal jedoch von den besten Arbeiten Morrisons unterscheidet, ist Snyders Umgang mit seinen Ideen. Morrison ist bekannt für seine schier unerschöpfliche Kreativität, neigt jedoch dazu, seine Werke mit einem Übermaß an Konzepten zu überfrachten, was manche Leser überfordern kann. Snyder hingegen strebt danach, zugänglicher zu sein. Er möchte seine Geschichten so erzählen, dass sich das Publikum mitreißen lässt und emotional anknüpfen kann. Diese Klarheit in der Erzählweise sorgt dafür, dass Leser intensiv mitfühlen. Allerdings fehlt seinen Werken manchmal ein Gleichgewichtspunkt, es fehlen Phasen, in denen die Handlung zur Ruhe kommt, um Raum zum Atemholen zu schaffen. Beide Autoren spiegeln somit unterschiedliche Ansätze derselben kreativen Medaille wider.

Snyder erweist sich als ein Autor, der auf intensive und präzise Erzählungen spezialisiert ist. Seine stärksten Werke sind in der Regel kompakte Miniserien oder fokussierte „Runs“. Allerdings zeigt sich regelmäßig, dass er Schwierigkeiten hat, die gleiche Qualität in groß angelegten Event-Comics zu bewahren, jenen umfangreichen Verlagsprojekten, die auf maximale Marktdurchdringung abzielen und große Teile des DC-Universums umfassen. Metal ist ein monumentales Werk, das den Leser gelegentlich durch seine schiere Fülle an Action und Konzepten überfordert. Was auffällt, ist jedoch, dass die stärksten Momente des Comics ganz klar jene ruhigen Augenblicke sind: intime Gespräche zwischen zwei Charakteren oder kleine Szenen, die den Betrachter für einen Moment vom Spektakel ablenken und Raum für Reflexion lassen.

Nocterra, Wytches und die Beständigkeit der Dunkelheit

Snyders wohl bemerkenswertestes Werk außerhalb der großen Verlagsuniversen ist möglicherweise das zugleich erhellendste seiner Karriere. Nocterra (Image Comics, ab 2021, illustriert von Tony S. Daniel) präsentiert eine düstere, postapokalyptische Horrorgeschichte: Die Sonne ist erloschen, und die allumfassende Dunkelheit verwandelt Menschen in monströse Kreaturen. Mit einer klar definierten Prämisse greift die Erzählung eines von Snyders zentralen Motiven auf. Fast schon wie ein lehrbuchartiger Leitfaden wirft das Werk essenzielle Fragen auf: Was passiert, wenn das Licht verschwindet? Welche Werte oder Abgründe tragen wir in uns, wenn die äußere Ordnung zerbricht?

Image Comics

Die Antwort, die Nocterra darauf gibt, ist keineswegs nihilistisch (was für Snyder ohnehin untypisch wäre), doch sie lässt keinen Platz für übertriebenen Optimismus. Wenn das Licht verlischt, bleiben nur die Entscheidungen, die man zuvor getroffen hat. Die Apokalypse offenbart die Moral der Figuren zwar nicht, doch sie stellt diese unerbittlich auf die Probe. Und diese Prüfung ist gnadenlos. Hier zeigt sich Snyders Verwurzelung in der amerikanischen Gothic-Literatur. Das Böse fungiert weniger als Horrorfaktor und vielmehr als Maßstab für innere Stärke.

Snyder ist außerdem ein ungemein aktiver und zugänglicher Autor, der den Austausch mit seinem Publikum nicht scheut. Ob durch Podcasts, Masterclasses oder rege Kommunikation in sozialen Medien – er teilt leidenschaftlich Einblicke in seine Arbeit und macht dabei keinen Hehl aus seinen Inspirationsquellen oder gelegentlichen Fehltritten. Diese Transparenz macht sympathisch und auch zu einer leitenden Figur in der Comicbranche, die anderen Kreativen wertvolle Impulse bietet. Dabei verkörpert er geradezu ein Lehrstück dafür, wie man in einer derart kompetitiven Szene nicht nur Erfolg hat und wie man die Kunst des Schreibens weitergibt.

Angst als Empathie

Scott Snyders Poetik lässt sich auf einen essenziellen Gedanken zusammenfassen, den er in verschiedenen Variationen immer wieder formuliert hat. Angst ist eine Form von Empathie. Die Fähigkeit, Angst zu empfinden, sei es um sich selbst, um andere oder um das, was einem am Herzen liegt, ist ein Zeichen tiefer Verbundenheit. Ein Mensch, der nichts mehr fürchtet, hat sich von der Welt entfremdet und ihr Bezug abhanden gekommen. Diese Überzeugung prägt Snyders Werk und macht verständlich, warum seine Antagonisten dann am eindringlichsten werden, wenn sie die Ängste der Helden spiegeln. Sie fungieren wie ein Seismograf, der den inneren Zustand der Protagonisten sichtbar macht.

Diese Überlegungen tragen bei ihm stets auch eine politische Komponente in sich, die er nicht scheut, offen einzubringen. Werke wie Metal und Nocterra zeigen apokalyptische Bedrohungen, die niemals rein äußerlich sind. Sie entspringen menschlichem Fehlverhalten, kollektiver Ignoranz und einer bewussten Abkehr vom Hinschauen. Dieser Ansatz ist moralisch anspruchsvoll und bewahrt Snyders postapokalyptische Erzählungen vor der Inhaltsleere, die das Subgenre sonst häufig heimsucht. Bei ihm ist das Ende der Welt nie ein unausweichliches Schicksal, sondern immer die Konsequenz von Entscheidungen, und damit zugleich ein moralisches Spielfeld.

Snyders Schaffen hebt sich deutlich von klassischem Horror sowie den traditionellen Superheldencomics ab. Trotz der Dunkelheit seiner Geschichten bleibt sein Glaube an die Menschheit unerschütterlich. Wer die Dunkelheit kennt, lernt das Licht zu schätzen. Das ist eine Einstellung, die aus der Erfahrung des Schreibens stammt, aus der Beschäftigung mit dem Horror und seiner Funktion. Deshalb wirkt sie auch so glaubwürdig.

Der Romantiker im Schatten

Scott Snyder ist unter den Autoren dieser Essays derjenige, bei dem Stärken und Schwächen untrennbar miteinander verwoben sind. Er versteht es meisterhaft, mythologische Motive mit psychologischen Aspekten zu verweben, was seine Werke besonders großartig macht. Gleichzeitig birgt genau das eine Herausforderung. Wenn ihm ausreichend Raum zur Verfügung steht, tendiert er dazu, zu übertreiben und ins Überladene abzudriften. In komprimierter Form entfaltet er sein volles Potenzial, während er in freieren Strukturen manchmal an Stabilität verliert. Diese Beobachtung soll jedoch keine Kritik sein, sondern vielmehr das Bild eines Autors zeichnen, der seinen eigenen Stil noch nicht in jeder Hinsicht vollkommen ausbalanciert hat.

Was von seinem Schaffen bleibt, ist jedoch bemerkenswert: ein Werk, das den Superheldencomic ernsthaft mit den Mitteln der Horrorliteratur verknüpft und somit beiden Genres neue Dimensionen eröffnet. Dem Horror verleiht er eine mythologische Weite und dem Superheldencomic eine tiefgehende emotionale Resonanz. The Court of Owls zählt fraglos zu den beeindruckendsten Batman-Geschichten aller Zeiten. Mit Wytches liefert er den Beweis, dass amerikanische Horrorliteratur im Comicformat mit erzählerischer Kraft und Dichte überzeugen kann wie ihre Pendants in der Prosa. American Vampire wiederum ist ein ambitionierter Versuch, eine Kulturgeschichte in Comicform zu erschaffen, die sich ihren Platz im Genre-Kanon zwar erst noch vollständig sichern muss, diesen aber allemal verdient.

Trotz allem bleibt Snyder ein Romantiker im literarischen Sinne. Ein Erzähler, der an die Bedeutsamkeit innerer Welten glaubt, das Unfassbare als Essenz des Seins begreift und in der Angst ein Zeichen für das Lebendigsein und die Liebe zum Leben sieht. In einem Genre, das oft von oberflächlicher Action geprägt ist, nimmt er damit eine bewusst radikale Position ein. Genau dies ist es jedoch, was seine Werke auszeichnet und sie langfristig im Gedächtnis verankert.

Nichtsuhr (Laterna magica)

Es schlug die Mitternachtsstunde, rief zum Geläut die dunkle Nacht. Einbalsamierte Sterne hinter Attrappenhimmeln, und ein Licht, als wäre es ausgefallen statt nicht vorhanden.

Ich wüsste nicht zu überzeugen mich von den Dingen und Dingen in den Dingen. Die Nacht hat schon manches Schöne gesagt und manches Sinistres. Sie erzählt offenkundig von der Blindheit, die das Licht verursacht. Die zwölf Schläge dienen der Natur, denn in Wirklichkeit ist es null Uhr. Kein Uhr. Nichtsuhr.

Eines ist den Tagen eingeschrieben, der Kuss von dir und das Lied einer Meise
am See am Fluss am Horizont die Linie heißer Schatten, fruchtig gelb und rot
Es kann der Wald nur der Seele Sprache verstehen, gebunden an ein Rätsel sind sie beide

Ich habe mir angewöhnt, in den leeren Raum hinein zu sprechen, einen Ereignishorizont zu ersprechen, ganz Magie die lummeligen Worte, die keinen Sinn, aber eine Melodie ergeben, die einen Sinn ergibt.

Ich habe eine spezielle Laterne
und sie ist magisch

Vielleicht ist meine Waschlappigkeit darauf zurückzuführen, dass ich zur Poesie neige, die muss ja nicht immer beholfen ausgedrückt werden. Sie kann mit der Faust in die Torte patschen, muss das in manchen Fällen sogar, weil die Torte sonst nicht wüsste, wo ihr Platz ist. Erhabenheit ist nur ein Gimmick. Ich habe es genutzt, um eine schöne Silhouette hinter dem Fenster abzugeben, wenn es draußen stürmt und ich lächelnd am kalten Glas den Atem verweigere.

Sommer

& es war Sommer & alles
von innen nach außen ge
stülpt oder sowieso schon dort.
Geschmolzene Häuserzeilen, Fenster
Transit, hockt die warme Luft
in jedem Gespür, fortgehen
ist keine Alternative, sie folgt
dem Fliegenschweiß, den dicken
Scheißhausfliegen, treibt das Wasser
aus der Körpermelone, der
Aufenthaltsort ist ein brennender Park
Platz, gummifressender Asphalt.

Spider-Man – Die Last der Verantwortung

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Amazing Spider-Man #1 © Marvel Comics

Auch nach über fünfzig Jahren macht sich Spider-Man als Außenseiter immer noch recht gut. Man versucht immer wieder, ihn zu verfilmen, und er schafft es irgendwie, sowohl bei Kindern als auch bei seinen langjährigen Fans authentisch zu bleiben. Spidermans anhaltender Erfolg hat allerdings wenig mit seiner Fähigkeit zu tun, Wände hochzukrabbeln, seinen übermenschlichen Kräften oder seinem coolen Kostüm. Die Fans lieben Spiderman, weil er Probleme damit hat, seine Miete zu bezahlen. Er war nicht gerade der beliebteste Kerl in der Schule und hatte auch nicht immer Erfolg bei Mädchen. Comicleser (oder „die wahren Gläubigen“, wie Stan Lee sie nannte) folgen dem Netzschwinger wegen seines menschlichen Alter Egos Peter Parker, der mit den gleichen täglichen Herausforderungen zu kämpfen hat wie sie selbst.

Der Versager als Held

Bevor Spider-Man im August 1962 debütierte, waren Batman und Superman die beiden populärsten Comichelden. Diese beiden und viele andere in ihrem Dunstkreis wurden als gottgleich gezeichnet. Sie schienen omnipräsent zu sein und hatten die körperlichen Eigenschaften eines Adonis. Da gab es eine ganz klare Linie zwischen den Helden und den Menschen, die sie beschützten. Stan Lee und Steve Ditko verwischten diese Grenze, als ihr Wandkrabbler in der 15. Ausgabe von Marvel Comics’ Amazing Fantasy seinen ersten Auftritt hatte.

Stan Lees Verleger Martin Goodman hielt die Idee für absurd: Ein Teenager als Superheld? Ein Held mit echten Alltagsproblemen? Ein Held, der von seinen Mitschülern schlechter behandelt wird als von seinen Feinden? Goodman ließ die Geschichte nur erscheinen, weil das Magazin ohnehin eingestellt werden sollte. Und dann wurde Amazing Fantasy #15 zu einer der meistverkauften Ausgaben des Jahres. Und Spider-Man bekam eine eigene Serie.

„Martin sagte mir drei Dinge, die ich niemals vergessen sollte“, erklärt Lee in einem Interview. „Er sagte, die Leute hassen Spinnen, deshalb könne man einen Helden nicht ‚Spiderman‘ nennen. Als ich ihm dann sagte, dass der Held am Anfang ein Jugendlicher sein sollte, meinte Martin, dass ein Jugendlicher unmöglich ein Held sein könne, höchstens ein Gefährte. Als ich ihm dann noch sagte, dass ich ihn nicht gerade erfolgreich bei den Mädchen sein lassen wollte, sondern eher an einen pickligen Schüler dachte, fragte Martin mich, ob ich überhaupt eine Vorstellung davon hätte, was ein Held sei.“

Den Lesern wird Peter Parker als ein schüchterner, hochintelligenter Außenseiter vorgestellt, der bei seiner Tante May und seinem Onkel Ben lebt. Er ist das Opfer vieler Späße der angesagten Jungs und ein Objekt der Verachtung der Mädchen. Peter, ein einsames Waisenkind, hat nur zwei Freunde: seine Tante und seinen Onkel.

Sein Leben ändert sich, als er auf einer Schulfahrt von einer radioaktiven Spinne gebissen wird. Plötzlich verfügt er über außergewöhnliche körperliche Kräfte und die Sinne einer Spinne. Zunächst führt er heimlich eine Nebenbeschäftigung als „The Spider-Man“ aus, bei der er nach der Schule in zirkusähnlichen Shows als Catcher auftritt. Bei einer dieser Shows weigert sich „The Spider-Man“, einen Räuber aufzuhalten, der vor einem Polizisten flieht. Dieser Räuber wird später Peters Onkel Ben bei einem Einbruch töten und den gequälten Teenager so dazu bringen, sein Leben und seine Kraft dem Kampf für Gerechtigkeit zu widmen. Spider-Man hat die Lektion gelernt, die sein Onkel ihm kurz vor seinem Tod mit auf den Weg gab:

„Aus großer Macht folgt große Verantwortung.“

Kein anderer Satz in der Geschichte des Superhelden-Comics hat das Wesen des Genres so präzise und vollständig benannt. Und kein anderer Satz ist so teuer erkauft worden.

Der produktivste Streit der Comicgeschichte

Stan Lee – Konzept & Autor

Lee wollte einen Teenager-Helden erschaffen, der mit ganz alltäglichen Problemen zu kämpfen hat – finanzielle Sorgen, Schwierigkeiten in der Schule, Herzschmerz. Im Jahr 1962 stellte das eine Revolution in einem Genre dar, das Helden klassischerweise als erwachsene, gefestigte und moralisch eindeutige Figuren porträtierte. Lees Gespür für emotionale Tiefe prägte Spider-Mans grundlegendes Konzept: die Spannung zwischen Stärke und Scheitern.

Steve Ditko – Zeichner & Co-Schöpfer

Steve Ditko verlieh Peter Parker nicht nur sein ikonisches Aussehen, sondern schenkte ihm – so sind sich viele Comic-Historiker einig – auch seine psychologische Tiefe. Ditkos Darstellung von Spider-Man zeigte einen körperlich schmächtigen, tollpatschig wirkenden Teenager, der jedoch hinter der Maske eine völlig andere Körpersprache an den Tag legte. Diese subtile Transformation ist ein perfektes Beispiel dafür, wie sich Charakterisierung allein durch Zeichnungen erzählen lässt.

Die Auseinandersetzung zwischen Stan Lee und Steve Ditko über Spider-Man zählt zu den bedeutsamsten Kreativkonflikten in der Geschichte des Superhelden-Genres. Beide beanspruchten im Laufe der Zeit verschiedene Anteile an der Schöpfung der ikonischen Figur. Während Lee seine Ideen zur Konzeption hervorhob, legte Ditko den Schwerpunkt auf seine zeichnerische Arbeit und die Entwicklung von Spider-Mans Charakter. Der Konflikt erreichte seinen Höhepunkt, als Ditko nach der Veröffentlichung von Amazing Spider-Man #38 im Jahr 1966 das Projekt verließ. Ohne eine Erklärung, ohne formellen Abschied und ohne dass Lee je nachvollziehen konnte, warum Ditko diesen drastischen Schritt wagte, endete eine der einflussreichsten Partnerschaften der Comic-Geschichte abrupt.

Ditkos letztes Panel

Steve Ditko prägte die ersten 38 Ausgaben der Serie „The Amazing Spider-Man“, bevor er plötzlich aus dem Projekt ausstieg. Was viele nicht wissen: In seiner letzten Ausgabe geschah etwas Bemerkenswertes – Peter Parker offenbarte seinem Erzfeind, dem Grünen Goblin, seine wahre Identität. Gleichzeitig wurde die Maske des Grünen Goblins gelüftet, womit sich herausstellte, dass Norman Osborn, eine zentrale Figur der Reihe, hinter der finsteren Rolle steckte.

Interessant daran ist, dass Ditko den geheimnisvollen Grünen Goblin über Jahre hinweg zeichnete, ohne je sein Gesicht zu enthüllen. Doch kurz bevor dieser große Moment in der Geschichte kommen sollte, verließ er das Projekt überraschend. Ob dieses Timing purer Zufall war oder doch ein bewusstes Statement von Ditko, bleibt bis heute ein Rätsel. Der Künstler selbst hat niemals erklärt, warum er die Serie an diesem entscheidenden Punkt verließ, wodurch Raum für Spekulationen bleibt. Was hingegen sicher ist, ist sein bleibender Einfluss auf die Spider-Man-Erzählungen und sein Vermächtnis als einer der kreativsten Köpfe in der Geschichte des Comics.

Verantwortung als Last

Spider-Man ist die einzige Figur im Superhelden-Genre, bei der die Superkraft von Anfang an eng mit einem moralischen Fehltritt verknüpft ist. Peter Parker erhält seine Spinnenkräfte durch den zufälligen Biss einer Spinne. In derselben Nacht sieht er einen Räuber entkommen und entscheidet, nicht einzugreifen, da er selbst frustriert und knapp bei Kasse ist. Er denkt sich, das sei nicht sein Problem. Doch genau dieser Räuber tötet später Onkel Ben. Die Kräfte waren zuerst da, doch das Verständnis für Verantwortung entstand erst aus diesem Scheitern, es wurde ihm nicht einfach als Geschenk mitgegeben.

Innerhalb der Struktur des Superhelden-Genres stellt dies eine grundlegende Abweichung dar. Superman wurde mit moralischen Werten geboren. Batman wählte diese aus einem traumatischen Erlebnis heraus. Spider-Man hingegen erwarb sie durch die Bürde der Schuld. Dadurch wird sein moralischer Kompass sowohl zerbrechlicher als auch authentischer als in jeder anderen Heldenfigur des Genres. Er kennt die Folgen, wenn man Verantwortung nicht übernimmt. Dieses Wissen hat er sich hart erarbeitet, und er trägt kontinuierlich die Konsequenzen. Sei es durch finanzielle Sorgen, komplizierte Beziehungen oder die Last eines Lebens, das niemals einfach wird, egal wie groß seine Kräfte sind.

Gwen Stacy – der Tod, der nicht rückgängig gemacht wurde

Am 17. Mai 1973 veränderten die Ausgaben #121 und #122 von The Amazing Spider-Man (auch bekannt als „The Night Gwen Stacy Died“) das Superhelden-Genre für immer. In einer Geschichte, die sowohl schockierte als auch die Grenzen des Mediums auslotete, wurde Gwen Stacy, die große Liebe von Peter Parker, Opfer des Grünen Kobolds. Dieser wirft sie von der George-Washington-Brücke, und Spider-Man versucht verzweifelt, sie mit seinem Netz zu retten. Doch diese Rettung endet tragisch: Gwen ist tot.

Amazing Spider-Man #121 © Mrvel Comics

Die Frage, was genau zu ihrem Tod führte – das Netz, das ihr Genick brach, der Sturz oder die Hand des Kobolds selbst – bleibt bis heute ungeklärt. Die Macher des Comics entschieden sich bewusst dafür, diese Ursache im Dunkeln zu lassen und schufen damit eine der brutalsten und emotionalsten Wendungen, die jemals in der Welt der Comics erschienen sind. Dieser Moment markierte nicht nur den Verlust einer geliebten Figur, sondern auch eine neue Ära des Storytellings, in der Helden mit moralischen Dilemmata und echten Konsequenzen kämpfen müssen.

Gwen Stacy war bis dahin die stabilste Beziehung in Peters Leben. Nicht das klassische „Damsel in Distress“, sondern eine selbstständige junge Frau mit eigener Persönlichkeit und einem Verhältnis zu Peter, das auf Augenhöhe basierte. Ihre Beziehung war das Einzige in Peters Leben, das wirklich zu funktionieren schien. Und dann töteten Gerry Conway und Gil Kane sie, mit der vollen Absicht, zu zeigen, dass Spider-Man manchmal verliert. Wirklich verliert. Endgültig und nicht nur vorübergehend.

Das war das Ende des Silver Age. Die Unschuld, die Superman, Batman und die frühen Spider-Man-Geschichten noch bewahrt hatten , die Gewissheit, dass der Held am Ende immer gewinnt, war tot. Sie starb mit Gwen Stacy. Auf einer Brücke in New York. 1973.

Die beeindruckendste Schurkengalerie im Marvel-Universum

Spider-Man verfügt über die wohl reichhaltigste und konzeptionell durchdachteste Schurkengalerie, die das Marvel-Universum zu bieten hat — und das kommt nicht von ungefähr. Es ist das Ergebnis einer guten Planung hinter seiner Figur. Da Peter Parker ein ganz normaler Mensch mit alltäglichen Problemen ist, verkörpern seine Gegner diese Probleme in übernatürlichen, oft grotesken Formen. Der Green Goblin steht für den korrumpierten Vater. Doctor Octopus repräsentiert den Wissenschaftler, zu dem Peter hätte werden können, hätte er eine andere Entscheidung getroffen. Der Vulture ist ein Sinnbild für das Alter, das Peter eines Tages erwartet. Und der Rhino verkörpert rohe Gewalt ohne Verstand, die Konsequenz von Macht ohne Verantwortung.

Diese Spiegelstruktur gehört zu den bedeutendsten kreativen Entscheidungen, die von Steve Ditko und Stan Lee getroffen wurden: Spider-Mans Widersacher sind sie personifizierte Aspekte seines Lebens, überhöht und in Bedrohungen verwandelt. Dadurch wird jeder Kampf zu einem symbolischen Dialog darüber, wer Peter ist, wer er sein könnte und vor welchen Wegen er sich bewusst hütet.

J. Jonah Jameson, der streitlustige Chefredakteur des Daily Bugle, ist eine der interessantesten Figuren im Umfeld von Spider-Man – nicht zuletzt deshalb, weil er den Helden systematisch als Kriminellen diffamiert, während er gleichzeitig dessen Fotos kauft. Dabei ist Jameson ein Mensch mit einer festen Überzeugung, die er als moralisch gerechtfertigt ansieht. Und in gewisser Weise liegt er nicht ganz falsch: Ein maskierter Rächer stellt tatsächlich eine Herausforderung für die Prinzipien einer demokratischen Gesellschaft dar. Er adressiert damit Fragen, die das Superhelden-Genre oft umgeht: Wer entscheidet, ob jemand das Recht hat, die Rolle der Polizei zu übernehmen? Für Peter bleibt diese Frage letztlich unbeantwortet.

Kravens Last Hunt

J.M. DeMatteis und Mike Zecks Kraven’s Last Hunt aus dem Jahr 1987 gilt als eines der literarisch anspruchsvollsten Werke, das je von Spider-Man geschaffen wurde. Der sechsteilige Handlungsbogen behandelt Sergei Kravinoff, auch bekannt als Kraven der Jäger, als eine tief tragische Figur und schickt Spider-Man symbolisch in den Tod, indem er ihn betäubt und lebendig begräbt, in dessen Kostüm schlüpft, und die Rolle des Netzschwingers übernimmt. Später begeht er schließlich Selbstmord, nachdem er seinen letzten Triumph vollendet sieht: als Spider-Man besser zu sein als das Original, vor allem brutaler und tödlicher.

In der Mythologie der Schurken im Genre ist dies ein herausragender Moment. Ein Antagonist, der nicht nur siegt, sondern vollständig und unbestreitbar triumphiert, nur um diesen Sieg als innere Leere zu empfinden. Kraven strebte nicht danach, Spider-Man aus Hass zu besiegen. Sein Ziel war es, sich selbst seine Überlegenheit zu beweisen. Doch als ihm dies endlich gelingt, bleibt nichts zurück. Kein Triumph, keine Genugtuung, lediglich die Erschöpfung eines Lebens, das seinen Sinn stets in der Jagd fand und jetzt ohne Beute dasteht.

DeMatteis verarbeitete das Werk mit Anspielungen auf Dostojewski und die russische Seelenliteratur. Diese Verweise funktionieren, weil Kravinoff ein russischer Aristokrat ist, dessen Nihilismus tief in seiner Kultur verwurzelt ist. Sein tragisches Ende erscheint als die unvermeidliche Folge einer Philosophie, die allein Stärke als höchsten Wert anerkennt. Es ist eine Geschichte, in der Spider-Man als Spiegel dient, um zentrale Fragen nach Tod, Sinn und dem, was nach dem Erreichen des letzten Ziels übrig bleibt, zu erkunden.

Der zweite Spider-Man

Als Miles Morales im Jahr 2011 von Brian Michael Bendis und Sara Pichelli zum Leben erweckt wurde, markierte dies einen Meilenstein in der Geschichte des Spider-Man-Universums. Er wurde nicht nur zu einer der mutigsten kreativen Entscheidungen in der langen Marvel-Tradition, sondern auch zur bedeutendsten Erweiterung des ikonischen Superheldenkonzepts. Miles, ein afroamerikanisch-hispanischer Teenager aus Brooklyn, übernimmt im Ultimate Marvel Universe nach dem tragischen Tod von Peter Parker die Rolle des neuen Spider-Man und beweist, warum diese Entwicklung so entscheidend war.

Was macht Miles als den Nachfolger von Peter Parker genau richtig? Es ist die universelle und zeitlose Natur des Spider-Man-Motivs. Spider-Man ist eine Idee. Ein New Yorker Teenager, der plötzlich mit großer Macht und ebenso großer Verantwortung konfrontiert wird, der lernt, Herausforderungen zu überwinden, Rückschläge hinzunehmen und dennoch weiterzumachen. Dieses Konzept überschreitet ethnische und kulturelle Grenzen. Es gehört nicht Peter Parker allein, es gehört allen, die sich in dieser Geschichte wiederfinden. Miles Morales verkörpert diese Idee auf wunderbare Weise.

Bendis verstand es meisterlich, Miles eine glaubwürdige Tiefe zu verleihen. Er füllt das Leben seines neuen Spider-Man mit all den alltäglichen Elementen, die die Figur seit ihrer Ursprungsstory im Jahr 1962 so greifbar machen: Schule, Familie, Freundschaften und das Gefühl, anders zu sein. Gleichzeitig bringt Miles eine völlig neue Perspektive in die Welt von Spider-Man. Er steht stellvertretend für eine Generation, die mit digitalen Technologien und dem wachsenden Bewusstsein für Identität und Diversität groß geworden ist. In einer Zeit, in der Repräsentation eine zentrale Rolle spielt, bietet Miles nicht nur eine frische Stimme für das Spider-Man-Franchise, sondern zeigt auch, dass Helden uns allen gleichermaßen gehören.

Miles Morales ist mehr als ein zweiter Spidey. Er ist das Symbol dafür, dass Superhelden auch in der Lage sind, sich an die Gesellschaft anzupassen und weiterzuentwickeln. Seine Geschichten sind eindrucksvoll und inspirierend, ein Beweis dafür, dass auch gut etablierte Heldenbilder Platz für Veränderung haben.

Der kontroverseste Moment

One More Day (2007) von Joe Quesada markiert eine der umstrittensten redaktionellen Entscheidungen in der Geschichte der Marvel-Comics – und das in einem Feld mit reichlich Konkurrenz. Die Prämisse: Peter Parker geht einen Pakt mit Mephisto, dem Teufel, ein, um das Leben seiner sterbenden Tante May zu retten. Der Preis dafür ist, dass seine Ehe mit Mary Jane Watson ungeschehen gemacht wird. Sie haben nie geheiratet. Es hat nie stattgefunden. Das gesamte Universum vergisst es.

Die Reaktion der Fans war von einer Wut geprägt, die bis heute nicht vollständig abgeklungen ist. Und diese Empörung ist schon allein aus der künstlerischen Perspektive nachvollziehbar, aber auch, weil diese Entscheidung das Herzstück von Spider-Mans Charakter berührt. Spider-Man war immer jener Held, der sich den Konsequenzen seines Handelns stellt. Der Tod von Onkel Ben. Der Tod von Gwen Stacy. Jede Entscheidung und deren Folgen tragen Gewicht in seiner Geschichte. Doch eine Figur, die durch einen Pakt mit dem Teufel ihre eigene Vergangenheit auslöscht, entzieht sich genau jener Verantwortung, die sie definiert, und damit ihrem eigenen erzählerischen Fundament.

Dennoch hat One More Day etwas Bedeutendes ans Licht gebracht: eine Wahrheit über das Superhelden-Genre, die immer wieder durchscheint. Die kommerziellen Interessen des Systems, das diese Figuren kontrolliert, sind niemals neutral. Sie prägen die Geschichten, die erzählt werden. Quesada wollte Peter Parker wieder jünger und ledig machen, weil er davon überzeugt war, dass dies den Charakter zugänglicher machen würde. In einer rein marketingstrategischen Hinsicht mag das zutreffen. Doch aus erzählerischer Perspektive gleicht es einer schwerwiegenden Verstümmelung.

Die Filme

Drei Schauspieler, drei Perspektiven auf eine ikonische Figur: Tobey Maguire, Andrew Garfield und Tom Holland haben jeweils ihre eigene Version von Spider-Man auf die Leinwand gebracht, wobei jede Interpretation eine einzigartige Facette des Helden beleuchtet. Maguire verkörperte die Melancholie von Peter Parker, den Schmerz des Verlusts, die Last der Schuld und die Tragik eines Teenagers, der gezwungen war, viel zu früh erwachsen zu werden. Unter der Regie von Sam Raimi erhielten diese Filme eine emotionale Tiefe und Ernsthaftigkeit, die im Superhelden-Genre bislang selten wieder erreicht wurde.

Garfield brachte Peters Intelligenz und Einfallsreichtum zum Ausdruck: den Wissenschaftler, den kreativen Problemlöser und den jungen Mann, der sich weigert, sich von einer feindseligen Welt kleinhalten zu lassen. Zwar litten die Amazing-Spider-Man-Filme unter konzeptionellen Schwächen, doch Garfields Darstellung war durchgehend mitreißend. Sein Peter Parker strahlte eine Würde aus, die das Franchise nie vollständig zu würdigen wusste.

Holland schließlich personifizierte Peters Jugendlichkeit: den echten Teenager, der stolpert und scheitert, dessen Bewunderung für Tony Stark ihn manchmal die eigene Bedeutung in der großen Erzählung vergessen lässt. Der Film No Way Home aus dem Jahr 2021 vereinte alle drei Schauspieler auf bewegende Weise. Besonders eindrucksvoll war die Szene, in der Maguire Holland in die Arme schließt und ihm sagt: „Es ist nicht deine Schuld.“ Mit diesen Worten fasste er die Essenz der gesamten Geschichte zusammen und schuf einen Moment, der tief berührte.

Der erfolgreichste Held

Spider-Man gilt als die erfolgreichste Superheldenfigur weltweit – ob in Comics, Merchandise-Produkten, Filmen oder jeder anderen Form, die das Genre hervorgebracht hat. Es das Ergebnis einer bahnbrechenden Entscheidung von 1962: Ein Held, der mit alltäglichen Problemen zu kämpfen hat, ist ein Held, mit dem sich jeder identifizieren kann. Jeder war einmal ein Teenager. Jeder hat schon finanzielle Sorgen erlebt. Und jeder hatte schon Momente, in denen er Entscheidungen traf, die er bereute, nur um später lernen zu müssen, mit den Folgen umzugehen.

Batman spricht jene an, die das Böse bekämpfen wollen. Superman inspiriert diejenigen, die an das Gute glauben möchten. Spider-Man jedoch verkörpert die Realität derer, die wissen, dass das Leben oft schwieriger ist, als es scheint, und die dennoch weitermachen, weil sie begriffen haben, dass Aufgeben keine Option ist.

Das verbindet mehr als Kryptonit oder traumatische Erlebnisse. Es ist die Essenz des Menschseins, versteckt unter einem Kostüm in Rot und Blau und einem Netz, das sich zwischen den Hochhäusern von Queens spannt.

Peter Parker ist inzwischen sechzig Jahre alt. In diesen Jahren hat er die Welt unzählige Male gerettet, Verluste betrauert, geliebte Menschen verloren, geheiratet und wieder nicht geheiratet, seine Identität preisgegeben und wieder verborgen, mit Göttern ebenso wie mit Teufeln verhandelt, und sich dennoch jeden Tag aufs Neue bemüht, die Miete irgendwie aufzubringen. In Sachen normales Leben ist er nicht besser geworden. Ebenso wenig im Vergessen oder im Loslassen.

In einem Genre, das oft Wachstum und Transformation idealisiert, ist das eine bemerkenswerte Entscheidung: Peter Parker wächst nicht über seine Menschlichkeit hinaus. Er bleibt, was er immer war — menschlich. Ein Mensch mit Fehlern und Schwächen, überfordert, von Schuldgefühlen geplagt, aber auch liebend, fallend und aufstehend. Seine außergewöhnlichen Kräfte ändern daran nichts. Das ikonische Kostüm ebenfalls nicht. Sogar der berühmte Satz über die Verantwortung, den sein Onkel ihm nie wirklich gesagt hat, der aber sein Leben definiert, ändert daran nichts.

Als Stan Lee und Steve Ditko ihn 1962 ins Leben riefen, war er ein Teenager, eine Figur, die der Verleger für eine schlechte Idee hielt. Doch was sie schufen, war die authentischste Figur ihres Genres. Ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass Superhelden-Geschichten in ihrer essentiellsten Form von Verlust und Schuld handeln, und von dem unerschütterlichen Willen, dennoch weiterzumachen.

Durch das Gezeter

Es entsteht ein neues Vakuum, wenn man ohnehin wie ein gehetzter Nachtvampir (ja, es gibt sie auch am Tage) abgeschirmt von jeglichem Menschengestank haust. Dieser ganze Oberflächenwahn, nicht die Erde, sondern die ganze Welt als Scheibe. Das Vakuum entsteht durch eine Neuausrichtung aller Wege und wo ihr nächster Knotenpunkt sei. Eine Wohnung schlürft Schatten oder bringt sie überhaupt erst hervor.

Ich wandere tatsächlich durch David Friedrichs Nebel und Reise an Virgils Hand durch das Gezeter.

the Bad, the Ugly

Es gibt das Gute nicht im Universum. Aber gibt es darum auch kein Böses? Oh doch!
Das Böse aber ist nicht das Gegenteil des Guten, es ist das Fundament von allem.
Nicht zu sein wäre dem nicht angemessen, also wird kreiert, um sich am Elend zu ergetzen.
So ist das Böse nichts als der Status Quo des Seins.
Im Akt der Schöpfung mag Liebe stecken, in der Schöpfung selbst aber nicht.

Nein, ihr seht: wandle ich diesen Zustand, bleibt dennoch etwas übrig. Und ob man sich wundert oder nicht:
die Prädatoren sind frei – und mehr noch! – sie feiern in ihrem Freudenhaus, wo draußen die Herden durch die Schatten schleichen.
Ich bin vom Finstern nicht in gleichem Maße entsetzt wie vom Licht.

Veloziped

Es sah auch schon aus wie für eine Matrone entworfen.
Mit ausladenden Schwüngen ergoss sich der Rahmen nach oben in den Lenker, den jeder Hirsch zu tragen alles getan hätte.
Der Rüssel dieses Viechs nahm mir alles weg. Ein freier Platz war eine Unmöglichkeit. Der Sattel allein hätte eine Waschmaschine empfangen können. Bei Wunsch gefällig. Wir niesen hier keinen Nutz vom Balkon.

Aber jetzt zur handelnden Figur:

Früher trieb ich eine Menge Unfug, also hob ich auch jetzt dazu an. Ich stellte mich schützend vor das Nichts vor dem Veloziped, das einer Monarchin ihr ganzes Alter vergessen ließ.
Vergleiche sind meist das, was sie nicht sind. Ich kenne diese vagen Gedanken, die aus den Hütten ragen.

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