Der Quinkunx / Walter de la Mare

Walter de la Mares „Der Quinkunx“ ist eine Geistergeschichte, die erstmals im Dezember 1906 in Lady’s Realm veröffentlicht und später für die Sammlung A Beginning and Other Stories (1955) überarbeitet wurde. Die Erzählung folgt einem namenlosen Protagonisten, der von seinem Freund Walter in ein kürzlich geerbtes Haus eingeladen wird, um ihm bei einem Problem zu helfen.

Diese Erbschaft erfolgte nach dem Tod von Walters Tante, deren Präsenz im Haus auf gespenstische Weise spürbar bleibt. Besonders ihr Porträt verhält sich unheimlich: Es dreht sich nachts auf mysteriöse Weise wieder nach vorne, obwohl Walter es explizit umgedreht oder gar entfernt hatte. Diese verstörenden Vorkommnisse deuten auf einen übernatürlichen Versuch hin, die Entdeckung eines verborgenen Geheimnisses zu verhindern. Walter bittet nun den Erzähler, im Zimmer mit dem Bild Wache zu halten, um das Rätsel zu lösen.

Der Höhepunkt der Geschichte liegt in der Entdeckung des Erzählers eines Quinkunx – eines Musters aus fünf Punkten, das im Porträt versteckt ist und als eine Art Karte zu einem verborgenen Schatz oder einer tiefen Wahrheit dient. Doch das genaue Geheimnis der Tante wird nicht aufgedeckt. Der Erzähler beschließt letztlich, das Mysterium zu bewahren, indem er die Karte vernichtet und seinem Freund nichts davon erzählt.

Eine der auffälligsten erzählerischen Entscheidungen in dieser Geschichte ist daher das bewusste Verschweigen des eigentlichen Geheimnisses. Dieses offene Ende verstärkt das Gefühl der Unruhe und Unsicherheit, das die ganze Geschichte durchzieht. Statt einer eindeutigen Enthüllung bleibt der Leser mit Fragen zurück: War es wirklich ein Schatz, ein dunkles Familiengeheimnis oder etwas Übernatürliches, das die Tante zu schützen versuchte?

Gerade in der Unaufgelöstheit des Mysteriösen zeigt sich die Kunst de la Mares. In seinen Gespenstergeschichten geht es selten um das Offensichtliche oder eine konkrete Bedrohung, sondern vielmehr um eine tiefe, unheimliche Atmosphäre und das Gefühl, dass die Vergangenheit nicht einfach vergeht. Die Erzählung verweigert dem Leser eine rationale Erklärung und steht damit in der Tradition subtiler, psychologisch orientierter Spukgeschichten.

Die Bedeutung des Quinkunx

Quinkunx

Das Quinkunx-Muster – vier Punkte in den Ecken eines Quadrats mit einem zentralen Punkt – ist ein altes Symbol, das in unterschiedlichen Kontexten für Balance, kosmische Ordnung und das Verborgene steht. In der Renaissance galt es als esoterisches Zeichen für die Verbindung zwischen Himmel und Erde. In der Heraldik taucht es als Symbol für Geheimhaltung und Schutz auf.

Hier deutet das Muster möglicherweise auf die verborgenen Strukturen menschlicher Beziehungen hin, die sich erst bei genauerem Hinsehen offenbaren. Es kann auch als Symbol darauf verstanden werden, dass die Vergangenheit unweigerlich mit der Gegenwart verwoben ist – ein zentrales Thema in de la Mares Werk. Die Tante mag tot sein, aber ihre Präsenz ist unauslöschlich, und die Geheimnisse, die in ihrer Vergangenheit verborgen sind, wirken auf die Lebenden fort. Sie sollen nicht entdeckt werden, und schon gar nicht von einem so gierigen Menschen wie Walter, der mit seiner Tante nicht gut auskam.

Walter de la Mares Geistergeschichten

De la Mare ist bekannt für seine subtilen, oft melancholischen Spukgeschichten, die sich vom direkten Schockeffekt abwenden und stattdessen eine tiefere, oft psychologische Beunruhigung hervorrufen. Seine Werke bewegen sich in einer Grauzone zwischen Konsens-Realität und Traum, zwischen Leben und Tod. Ihn interessiert weniger das klassische Spukhaus-Szenario als vielmehr die inneren Ängste, Erinnerungen und Traumata seiner Figuren.

In Der Quinkunx ist das Übernatürliche nicht eindeutig als äußere Bedrohung definiert, sondern verschmilzt mit den psychologischen Wahrnehmungen der Figuren. Der Spuk des Hauses ist ebenso eine Manifestation von Schuld, Erinnerung und ungelösten Angelegenheiten wie eine tatsächliche Geistererscheinung. Diese Ambivalenz ist typisch für de la Mares Werk und macht seine Geschichten besonders eindringlich.

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    Meine Balladen werden sie in Schenken plärren, am Galgen noch ein letztes Wort, solange ihnen der Kragen noch nicht zu eng geworden. Rühmen werden sie sich, mich gekannt zu haben, den Vagant und Desperado, den einen oder anderen Körper mit mir zusammen bestiegen zu haben. Doch geliebt habe ich immer alleine. Welch üppige Mahlzeit bereitete mir ein rotes Weib! Wie ergoss ich mich in den Sommern! Man erkannte mich lange genug an der Henkers-schlinge um meinen Hals, die ich zum Spott in jede Stadt hineintrug wie ein kostbares Schmuckstück, das ich in Wirklichkeit nie besaß. Da gafften sie, nicht wahr, ihr gafftet alle! Denn soviel Frevel schien euch der Allmächtige nicht in eurem Verstand unterzubringen. Ich bin der Rotz, der Deibel, der Aussatz. Habt ihr das nicht gesagt? Von der Brut aller Huren! Und das Leben ergab sich mir wie ein Geschenk, es wollte gelebt werden von mir, denn es galt, einen Pakt zu erfüllen: Mir das Leben, dafür aber Acht und Bann! Mir den Gesang, dafür eine durstige Kehle! Mir die guten Fötzlein, dafür niemals eine Gefährtin!

    Aber wer im Nehmen konnte besser sein als ich, denn ich nahm den freien Himmel und ich nahm jedes Stückchen Staub in diesem Räuberkessel der Welt. Wenn es eine Hölle gibt, dann haben sie sich dort eingerichtet mit ihrem Silber und Gold, denn an welchem Platze könnte man seinem Lotterleben besser frönen, als unter den Verängstigten und Eigenen? Dahin haben sie mich nie gebracht und nun sind sie mich los, weil ich verschwunden bin. Spurlos. Nein, ich werde nicht die geringste Spur von mir hinterlassen, nicht eine! Ich werde verstummen, denn mein Testament wurde längst geschrieben.

    Oh Guillaume! Nur an dich gedenke ich noch in Freundschaft! Deine verzeihende Hand lässt mich auch in dieser Stunde nicht los und berührt mich da, wo auch ich das Herz sitzen habe, Hund und Ungeheuer, das man mich schimpft. Ja, Guillaume! Dein missratener Pflegesohn steht in diesem Herbst vor den geöffneten Toren des Abyssos und träumt. Und er wird den Weg gehen, hinaus aus des Menschen Pfuhl. Wie oft habe ich ihnen meine Venusinen vorgetragen? Daran werden sie noch denken, wenn sie dem Schwulst und der Schnörkel der Dichter überdrüssig sind, jenen gansigen Männlein, die noch nie ein Elend angefasst, außer ihrem eigenen! Die sich in der Wirklichkeit flüchten, weil ihnen die bunte Welt nicht taugt und sich Doktrin über Doktrin geben lassen von Parteien und Gemeinschaften, die ihnen Schnallen ums Maul binden. Was wären diese doch für armselige Kreaturen, dächten sie einmal nur der Freiheit Sinn und verlören ihren Brotherrn! Denen sprechen sie nach dem Maul in fetten Versen und herzloser Schmiererei! Aber mich wollen sie zum Schund und Schmutze werfen. Ja, genau! Das Leben ist eine kostbare Vulgarität, das kann man sich nicht abwaschen im Bade, im Parfum. Laben sich an des Königs Lambretten und ich trag tagein tagaus den Bettelsack, weil ich doch sehen will, woʼs hingeht und woʼs ankommt, was ich aus meinem Bauch herausfließen lasse. So istʼs ein Teil von mir, dem ich nicht abscheulich bin.

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