Ein Regenwurm ist reinster Magen

Die Reichhaltigkeit des Frühstücks ist im stets ruhig dahinfließenden Garten zu verorten, unter Glucken, hinter Eierbergen, der Hahn wandert auf den täglichen Blumen. Es begab sich, dass er dem zerfetzten Brot folgte; die Stille, in der nichts geschieht außer Stille. Der Frühstückstisch mit integriertem Wecker, eine Uhr, die (in der modernen Welt angekommen) Brote schmiert, durch eingestreute Gerüchte für aufmerksames Zuhören sorgt. Alles dreht sich wie in einem gurgelnden Bach. Alles verweht sich wie Sand. Die Nacht bricht entzwei. Die Zeiger öffnen sogar die Türen, vornehme Kleider über dem Unterarm. Am Morgen steckt da noch ein Rest Absolution in den Augenwinkeln, frisch gebügelte Gesichter nehmen ihre Plätze ein. Folgende Angebote : Froschcocktail, lebendig püriert, Schnecken, Schafsaugen in Tomatensaft, Leipziger Milbenkäse, Marmelade aus verbotenen Früchten, eingekochte Kaulquappen, ein Œuvre Complete ekelerregender, zutiefst menschlicher Küche. Welt drückt sich aus in einer obszönen Blüte, ein Regenwurm ist reinster Magen.

Bestiale Kekse

“Hol’s der Teufel!” ist nun kein Ausdruck, der gewöhnlich Kekse mit einschließt. Auch kann man in den Grimoiren oder der Büchern von Fausts Höllenzwang nicht nachlesen, dass sich der Trickster jemals für Backwaren interessiert hätte. Eine Ausnahme mag es geben, die allerdings sehr weit hergeholt ist: gegeben nämlich, in den Keksen fänden sich, aus welchen Gründen immer mag der Leser selbst entscheiden, Seelen eingefangen. Nun hat jedoch die Großmutter des Prunus, anders wie Cornelis selbst, niemals ein verbürgbares Interesse an der Alchimie besessen, es sei denn, man zähle eben jene Backkünste hinzu (die Konfiserien übertreiben nicht, wenn sie von ihren Produkten in zauberischer Verklärung berichten), die allerdings zu kaum einer Zeit als Hexerei galten. Da zählte nicht das Geheimnis der Herstellung sondern das, was man damit anstellen konnte. Im Falle von Keksen wäre das naschen. Anders gesehen werden mag das, wenn die Kekse vergiftet sind.

Ab Werk

Ferlingale hatte angeordnet, dass man alle Aufzeichnungen, die er jemals gemacht hatte, nach seinem Tode zu verbrennen habe. Die Poesie sollte nur sein Leben sein, darüber hinaus war sie nichts. Die Eitelkeit des Dichters reichte nicht aus, sich gefleddert zu wissen und bereits jetzt die Zukunft ob seines Namens zu lieben.

In der Totalen erinnert dieses Vorgehen an Kafka, in der Halbtotalen an Nabokovs Versuch, die Karteikarten zu Das Modell für Laura nicht erscheinen zu lassen. Das sind keine Einzelfälle – auch von Boccaccio wissen wir, dass er nach einer Krise selbst Hand an seine Arbeit legen wollte. Es mag eine Gerechtigkeit geben, die sich den literarischen Außenseitern annimmt, die ein Werk über einen gewissen Zeitraum, der zugegeben sehr lange währen kann, auf die Vorsprünge des Olymp legt. Es mag die Lesequalität ändern oder der verstaubte Text in die Hände eines Apologeten fallen, der eine Schlüsselrolle bekleidet. Wir kennen nur die glimpflichen Fälle (auch der Anton Reiser gehört dazu) und seufzen bei dem Gedanken, was uns verloren gegangen wäre, wenn die Katastrophe der Vergessenheit sich nicht dazu entschlossen hätte, eine kleine Lücke offen zu lassen. Für jene, die aufmerksam sind.

Zurück im Laboratorium

Als Cornelius das Laboratorium betrat, galvanisierte der Meister Vollpferd justament seine Augäpfel.
“Du erscheinst mir jetzt rot!” rief er dem jungen Alchymisten zu. “Was wohl, wenn ich die Stromstärke steigere? Es ist gerade so, als ob man dich in dein Gegenteil verkehrte!”
“Ich glaube viel mehr, dass ihr bald erblinden werdet mit all den Volta-Experimenten! Die Weltformel, das ist allein die Liebe!”
“Das spricht nicht dein Kopf und schon gar nicht dein Herz, wie du glaubst! Die Lenden sinds.”
“Ach, und wenn”, sagte der Cornelius müde ob der frischen Begegnung mit dem diabolen Keksedieb, worüber er eigentlich das Wort führen wollt, und warf sich auf die staubbelasteten Polster.
“Es findet sich in allem alles!” Meister Vollpferd blitzelte und brutzelte. “In dir ist bereits das Müde und Schlaffe sichtbar, so wie in mir die Ungeburt, der Impuls und Drang zum Leben hin, noch fleischlos, rein und – sozusagen – der Gedanke daran. Alles was wird und noch nicht ist, oder vielleicht niemals sein wird. Denn, was ist aus all dem geworden, frage ich, das niemals wurde! Das, mein lieber Cornelius, muss schließlich auch irgendwo sein.” 

Mangel an klarem Weg

Sein Sie mir so gut und rächen mich. Sein Sie mir so gut und führen mich zu Ende. Oder aber, Sie tun so, als hätten Sie mich nicht gekannt. Mein Leben könnte ja entschieden nicht von mir gelebt worden sein. Und das entstandene Vakuum könnte etwas auslösen, das gar nicht absehbar ist, ich als gefallener Baustein des Universums. Und vor allem: wer sind Sie? Nach allen Mustern, die ich mir ansehen konnte, dürfte es Sie noch nicht geben. Gäbe es Sie, würde ich Sie nicht bemerken, noch weniger würde ich aber Ihnen auffallen, zu verwirrend sind meine Spuren. Mangel an klarem Weg.

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Das knappe Wunderhorn

Soweit das Plündern: Worte sind im Alfa-Bett; zu Wildern kam ich auf die Welt. An einem Tisch (rechts saß das Radio: Siemens – 2SB460GW – auf einem Sockel mit Gamaschen, wartete, bis es sprechen durfte: der Ton kam erste 40 Sek. nach dem Einschalten!) In der Küche: Die Welt lag zugedeckt vorm Herd herum; Form in Schultüten, die bald ihre Zauberwerke, ihr Russisches Brot, ihr Stelldichein/Stelldichan, ihr – : wie viele Augen zeigt der Würfel?, wie nennt man die Karte mit der Muttersau? ›Herr Klebe‹ hieß der Lehrer, viel jünger als ich heute bin, der mich und all die Vielen be-, unter- überrichtete; bespitzelte das Verhalten: Betragen war kein Lernfach. Es gab keine Tafel an der Wand neben Moritz von Schwind; ein Haus gab es mit ABC: Alraun, Bergahorn, Chrysanthemum – dahinter eins mit DEF: Douglasie, Eisenhut, Flammenröschen. Mochte die Sprache (ich) & die Mengenlehre (über der man schön verrückt wird, Herr Cantor, recht hübsch mit bunter Fliege!). So viele Mädchen (in der Menge), dass ich nicht alle auf einmal heiraten konnte, sie mich nicht / wir noch besser in der Mengenlehre aufpassen mussten {} das La-Ladio am Nachmittag – zur Wiederholung kotzerbärmliche Dinge, die auch mit Rohrreiniger nicht aus den Ohren zu bekommen waren, spielte auf vor ›Onkel Tucas‹ leeren Kisten auf dem Schrank (im Schlafzimmer mit dem weiß melierten Schrank) das erste Lesebuch schrieb ich ganz ab und bekam nie wieder Strafarbeit, musste statt dessen das Morgenlied singen – mit eingequetschten Fingern ganz hoch zur Uhr geblickt: da war es 8 Uhr 5 und blieb es 8 Uhr 5 bis ich mich setzte, sang aus ›Des Knaben Wunderhorn‹: ›Das bucklige Männlein‹, ›Es ist ein Schnitter‹, ›Will ich in mein Gärtlein gehen‹.

Standort : Marktleuthen 1975, das Schulgebäude wurde 1915 errichtet, ein Traum wie ein Schloß, daneben der Friedhof.

In der Gesellschaft von Bildern

Wenn ich Bilder vorgesetzt bekomme und mich nicht gleich sehen kann, weil ich so erschreckend verzaubert dreinsehe, so als wäre ich gar nicht vorhanden, durscheinend, obwohl alle Glieder vorhanden sind.
Ich verschmelze mit den Hintergründen, die Hintergründe haften nahezu an mir, ich könnte selbst ein Hintergrund für etwas sein (und bin es auch, bin der Hintergrund für so manchen Blick, der nicht auf dem Bild haftenbleibt).
Man erkennt neuerdings alles in seinem eigenen Gesicht, was noch vor einem liegt. Wie eine geheimnisvolle Schrift ragen die Augen aus dem Kopf (woher stammt diese Lebendigkeit?), so als wäre das nicht nur ein Bild, sondern eine Begegnung.
Hallo!
und ich auch:
Hallo!
Kennst du mich?
Und ich muss ehrlich sagen : nein, ich kenne dich nicht mehr, du bist schon weit entschwunden, ich kann dich nicht erreichen, nicht so, wie du mich erreichen kannst, das steht fest. Aber wenn du mich jetzt sehen kannst, wie ich dieses Bild betrachte, du mehr siehst, als ich sehen kann, dann kann ich mich vielleicht an den Tag erinnern, als mir plötzlich einfiel, dass es dich da draußen gibt und dass du einen weiten Weg gegangen bist.