Die Veranda

Das phantastische Leben in der alten Spinnerei

Schlagwort: traum (Seite 1 von 9)

Der Geburtstag der Friederike (2)

Sandsteinburg #29

Von wahrer Bedeutung fand sie das, was die Bauernmädchen hier veranstalten würden. Heute vielleicht schon. Bei Hofe wurde unter die Kleider geschaut; pralle Früchte zeigte nur das Land. (Arkadia liegt, auf unserer Weltkugel daheim, etwa 1741 km südöstlich von Paris; in der Phantasie ist Arkadia überall.)

Da drüben räubert jemand tageslichtscheu aus dem Küchenflügel, ungelegen geknöpft, ein missglücktes Schauspiel aller Heimlichkeit – (die Speisen müssen auch immer durch den Garten spalieren, was den Vorteil hat, dass keiner unangemeldet nachsehen kommt, was die Küchenkobolde für Hexentaten unterm/aufm Tisch veranstalten : bar=pedes im Pudding passiert scho’Mahl, wenn man so unkommod auf dem Tisch genommen wird!) – schlitternd auf Gekrös’, das ansonsten aus den Fenstern baumelt, auchMahl die Schwerkraft nutzt.

Schinkenklopfen : ein Spiel für kraftstrotzende Backen und einer eleganten Hand beim Versuch, die Poularde schneller einzumürben als der Nacktarschige ein Glas Wein verkosten kann! : Ernst Buguslaw Wobeser! Diese Hofschranze, die ihren weißgepuderten Schwanz, die fettigen Finger obendrein, in jede Öffnung steckt; ein dämmerungsaktiver Buntmarder, der die angekündigte Sonne verschlafen will, an den Fingern suckelnd, den angetrockneten Traubenmatsch ablutschend einschläft.

Die üppig hinunter zu Tisch triefenden Rinnsale ausgestülpter inkompetenter Lippen (und auch Wildbart). Besteckfinger greifen abgekühltes Kochgut Kran Schaufel zwick zwack Wein Bier Kelch Steingut, überschwänglich berankt dicker süßer Blätter, lutherisch lüstern platscht plantscht das Fußbad (Kamillenschaum, Lavendelwasser) die Knochen fallen wo die Hunde lappend Boden suchen züngeln um das Hühnerbein.

Von außen fand man sich gleich in der Welt Carl Gontards wieder, aber die Spiegelscherbenkabinette im Innern waren doch ganz und gar ähnlich vorzüglich wie in der Schlossanlage zu Bayreuth, die man in den ausgewogensten Verhältnissen vorfindet : ein feines, zartes Relief der Gliederung. All das würde sich die Natur eines Tages wieder holen, Busch und Baum, aufsteigend in Fontänen von Strahlen und Strahlenfiguren.

Sie hatte im Traum etwas Orphisches gelesen: »Oh meine liebliche jüngere Schwester! Die Länder, die wir beide gemacht haben, sind noch nicht vollendet. Kehre also zurück!«

Und sie, die Schwesterbraut, antwortet: »Es ist wirklich bedauerlich, dass Ihr nicht früher gekommen seid, denn ich habe bereits von der Nahrung der Unterwelt gegessen.«

Sollte sie jemals ein Schloss ihr Eigen nennen, würde sie es ›Fantaisie‹ nennen; ›Schloss Fantaisie‹. À la longue sollte ihr das gestattet sein. (In Donndorf bei den Kyffhäusern wird sie’s finden und dort Blütenteppiche weben.)

Dann tauchte, wo sie sich gerade zum Pudern aufraffen wollte, diese Person auf, die eine Aura wie ein Geist um sich herum drapiert spazieren führte, ganz adrett gekleidet, aber mit den merkwürdigsten Verzierungen. Nicht wie ein Bauernbursche, aber auch niemand, der sich so bei Hofe sehen lassen konnte : die Arme frei wie ein Ausmister. Ganz durchscheinend näherte er sich, schien zu staunen, als wisse er gar nicht, wo er sich befand.

»Gehört das alles Ihnen?«, sagte er, deutete auf den Gebäudekomplex. ›Von Robbie Schumann zu den Crossroads‹ stand auf seinem Oberkleid mit den abgetrennten Ärmeln. Sollte sie ihn ohrfeigen? Durfte sie sich derart ansprechen lassen von einem Gogue?

»Wie heißt du?«, fragte sie ihn barsch, denn die Situation kam ihr nicht geheuer vor.

»Adam. Aber Sie können mich anders nennen!«

Und wie er spricht, gehört er zum Küchenpersonal; aber wie durchscheinend er ist!

»Solltest du nicht bei der Arbeit sein?«

»Ich arbeite doch noch nicht!«

Er kicherte, er lachte sie aus.

»Ich liege in meinem Bett und schlafe. Gar nicht weit von hier.« Er drehte den Kopf eulenhaft in alle Richtungen, deutete dann zum Jagdgarten hin. »Dort oben an der Eger. Nicht eine einzige Hütte!«

Wenn nur jetzt jemand käme, das Gespenst des Morgens von ihr zu nehmen, denn ganz sicher erkannte sie die Umgebung durch ihn hindurch. Schließlich fragte sie ihn nach seinen Absichten.

»Herausfinden, wo ich lebe. Aber Sie sind neu in meinem Traum!«

Burschen jagten beritten durch die Gänseschar, hackten nach den aufgereckt-aufgeregten Hälsen, die fliegenden Köpfe beschrieben perfekte Parabeln, wurden in den Achselgewölben gesammelt. Rotes Lärmen zementierte die Schau der juvenilen Schweinerei, markierte den Schlachtplatz für die Bauerndirnen, die sich etwas abseits bereits angifteten, während sie noch damit beschäftigt waren, sich jene Kränze aufzusetzen, die sie sich in Augenblicken wieder herunterreißen würden.

Der Gänsehüter, ein Jüngelchen von blassem Hager, hasste diesen Tag, aber an Rache war noch nicht zu denken, also wendete er sich ab, stopfe Margeritenknospen in seine Ohren, bemüht, nicht zu erbrechen.

Das schönste Mädchen der Stadt wurde prächtig aufgeputzt, man legte ihm ein niedliches Knäblein in den Arm und setzte beide auf einen kostbar aufgeschirrten Esel. Die Glocken läuteten und mit großem Pomp wurde die Messe gelesen. Der Eingang, das Kyrie, das Gloria und das Credo wurden jedoch mit dem Ruf des Esels beendet.

Jetzt gingen sich die Maiden an; die eine versuchte, das Gesicht einer anderen zwischen die Hinterbacken zu nehmen, der Kranz fiel von selbst aus dem nassen Kopfgestrüpp. Sie teilten sich platschende Hiebe, grunzende Knietritte und Stampfer ins Abdominale. Wasserfontänen sprotzten Gansfedern auf, die sich im Puls des Furientanzes verhakten oder einfach auf’s Gekrön setzten. Wieder fiel eine in die angerichtete Pfütze und wurde von Zweien gepackt, die selbst über die Gefallene hinweg krakten. Der Spaß war freilich, ihr im Gesicht zu sitzen, der Anderen vielleicht mit einem Knacken die Nase zu brechen, was beiden nicht gelang. ›A mock heroic poem‹ auch hinter deren Rücken, wo man schon Einer die Haut zerkratze, um sie auf einen Balken zu schnallen, um sie also restlos aufgebracht dem Adel darzubieten. Nun war diese keine Diana, unterm Adel kein Aktaion zu finden; der Fleischbeschau blieb ungesühnt, diente nur dem einen Zweck, sich Demut zu erzwingen. Wo alles sich in Fetzen reißt, wo alles übereinander fällt. Nur ein kurzes mörderisches Spiel.

Ein ellenlanger Korridor (2)

Sandsteinburg #27

Die rote Sonne franst über den Häusern aus, die sich an der Egerstraße links und rechts durch den Wald bewegen wie Wanderdünen. Ihr Schlips ist auch ihr Kragen. Elastizität des Innenraums, Chor, Querschiff und Langhaus, der Treppeneffekt der Rippen entspricht der komplizierten Struktur im Innern des Körpers, das Prinzip der Überraschung, reife Früchte aus der Delfter Schale, die Wiedergabe des Fleisches in Abhängigkeit der Pose. Die größte Untugend ist allenfalls ein Mangel an stilistischer Konvention, nie ein Mangel an Können. Selbst durch das Plärren des Radios war das Gurgeln der Flüssigkeit zu vernehmen. Solange wir keine Gelegenheit haben, uns ein Bild zu machen, kommen wir nicht weiter.

Unter anderen Umständen hätte das amüsant sein können, altes Porzellan, Nippsachen, Elfenbeinschnitzerei und ein paar Götzenfigürchen einzupacken. Dieser Sechste Sinn, von dem Carisma behauptete, er gehöre zur Familie, von dem wir gleichwohl so wenig wissen, jener Sinn, den die Phrenologen in einem Organ für Idealität zu lokalisieren versucht haben, um ihn mit Nützlichkeits-Erwägungen zu vermengen, Haarspalterei und kurzsichtige Logik zu betreiben, dieser Sinn erwachte nun in Adam. Als er die toten Fliegen durch den Orion schnellen sah, wusste er: Die Sonne ist jetzt ein Drama der Vertreibung.

          Adams Notizbuch:

          Fast vergessen stürzen die Wände des Küchenflügels in die wartende Erde hinein, Scham bleibt in den Kellern verbuddelt, ein Gespenst mit Glockenrock humpelt schuhlos zu den Kartoffeln aus Gold, wahrgenommen nur von einem Wimpernschlag, die ehemalige Lebendigkeit ist nur ein kitzeliger Gruß, versendet von einer kaum zu spiegelnden Veränderung in den doppelten Kreuzstockfenstern. Ich hörte eine Stimme: »Hör mir zu; wo immer du bist, werde ich zu dir sprechen, wo immer ich durch den Hageldunst stürze, werde ich von dir reden, dir Bilder bereiten, Trabanten aus dem knöchernen Sand graben. In Flammen stürzen. Lausche der Stimme des Sängers, nichts anderes sei dein Ziel, als mir zu folgen. Lasset, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!«

Es gilt, die letzten Lebendigkeiten wegzuräumen, Besitztümer, die eine Existenz jahrzehntelang säumten, eine Ehe, eine Elternschaft ist daraus abzulesen, zusammengefasst unter der Begrifflichkeit ›verwaister Besitz‹, dem es nicht anstand nachzusterben oder sich auch nur in Luft aufzulösen (eine reimlose Zeile innerhalb einer gereimten Strophe).

Die abgestandene Luft riecht nach Milchhörnchen und Pulverkaffee, nach Linoleum und Fensterkitt. Wir gehen einen viele Ellen langen Korridor entlang, gesäumt von toten Insekten. Vorne fällt Licht ein, genau dort, wo die Pfeilspitze der entozentrischen Perspektive am schärfsten ist. Das Geläuf riecht nach totem Chitin, quietscht bei jedem Schritt, als träte man auf den Bauch eines Schweins. Die Dunkelheit ist eine Ferne der Erinnerung, im Traum aber leuchtet jedes Tableau unerschütterlich, solange es betrachtet wird. Ich bin Herr über seine Bewegungen und Taten, ein Impuls schlägt die Unveränderlichkeit in den neblichten Wind. Der Wille des So-Seins. Gerahmte Nacht, in die ich fassen kann, wenn ich die Sinne ausstrecke. Das Gedankenspiel (mein Modellierholz) reinigt die Figuren, die darin schwimmen wie missgestaltete Embryonen.

Doch weit vorn ein Fenster, mindestens eine Öffnung. Licht fällt ein. Der spritzende Fächer belichtet den Spiegel, eine Incluminacio, eingebildet und solitär; ein Brunnen, Bewegung in den Kammern. An Türen lauschen, Ächzen dort, Jammern, Klagen, Trampeln, Möbelrücken. Ich haste vorbei, Kammer um Kammer … ein ellenlanger, so viele Ellen langer Leib ist dieses stillgelegte Schloss.

Die Botanisiertrommel mit dem Perlenstickereiband stecken wir in eine Kiste neben dem Porzellan mit den Elastolin-Figuren; dahin packen wir auch das Cellba-Celluloidmädchen aus den 30er Jahren mit den weißblonden, perlmuttfarbenen Haaren. Als nächstes kommen die Figuren an die Reihe: ein Meißen-Eisbär, ein liegender Elch von Hutschenreuther, einige Metzler & Orloff-Rehe, sechs Herend-Teller mit Hagebuttenmuster – und nicht zuletzt das Biedermeier-Restdejeuner in Empireform, Blauzepter, um 1820 herum, das Deckelkännchen mit Tierkopftülle, das Milchkännchen mit Campanerhenkel. Alles Familienstücke der Ahnenreihe Specht. Adams Schatten hat endlich die richtigen Worte gefunden.

Ein ellenlanger Korridor (1)

Sandsteinburg #26

Im Innern des Küchenflügels roch es nach Linoleum und warmem Holz. Die breiten Treppenstufen quietschten bei jedem Schritt, den Carisma und ihr Enkelsohn taten. Das Geräusch erfüllte auch jene Ecken des Gebäudes, die gar nicht bekannt waren, die sich in fremden Winkeln und Fluchten verschanzten und den Schall mit der Beigabe ihrer Existenz zurückwarfen. Etwas Nachdrückliches lag in dieser Architektur, das sie zu einem vergessenen Bruder des Brandenburger Tors oder der Bayreuther Schlossanlagen machte.

Carisma atmete schwer, als sie die letzten Stufen erklommen hatten und inmitten eines Korridors standen, der hoch und lang in beide Richtungen floh. Unter einem Arm trug sie einen Wäschekorb aus Bast, in den sie beabsichtigte, einige wertvolle Stücke zu packen, die sich zweifellos unter den Hinterlassenschaften der jüngst verstorbenen Johanna befanden. Schon seit geraumer Zeit kam sie jeden Tag hier in den leeren Küchenflügel des ehemaligen Jagdschlosses, um das kleine Erbe zu sichten, zu verschnüren, und von Schmutz zu befreien, denn die Jahre lagen auf allen Dingen. Und heute wollte ihr Adam dabei behilflich sein.

»Wenn ich es nicht besser wüsste … aber diese Treppe scheint jeden Tag ein paar Stufen mehr zu bekommen.«

Adam war mehr an den Lichtspielen interessiert als an den niedergetretenen Holzstücken, er kannte das Innere des Gebäudes aus zahlreichen Besuchen, aber auch aus seinen Träumen. Beim ersten Mal hatte er sich nichts weiter dabei gedacht, außer dass ihm aufgefallen war, wie sehr sich das Gemäuer seitdem verändert hatte. Die Häuser, die nun das ganze langgestreckte Dorf ergaben, waren in seinem Traum nicht vorhanden gewesen. Allerdings bestand das Schloss aus drei großen Flügeln, die wie ein rechtwinkliges Hufeisen mitten im Wald standen. Aus der Luft betrachtet – denn oft genug schwebte er einfach wie ein Ballon über das Land – kam er sich vor, als würde er durch das Nebelgebirge wandern, die Füße in den Wolken verankert, die Felder und Äcker grün und braun, die tiefen Wälder von einem tiefen dunklen Blau, und inmitten das rote Schindeldach des Schlosses.

           Adams Notizbuch:

          Ich sehe die glitzernden Steinchen von hier aus, höre ein Geräusch. Alles ist voller Ameisen, die dann im Schlangensaft ersaufen. Ich wachse mit ihnen, die Hose birst; besser man hat keine an, geht zum Bach: »Ich lege mich jetzt hin, ich habe nichts an!« Man wird den Sukkubus wohl jede Nacht empfangen wie einen Alptraum, der durch intensive Wiederholung zur Qual wird. Ich entferne mich vom Schloss. Als die Bäche versickerten, standen wir am Wehr, schmolzen langsam in den Sand, verwickelt in all diese Geschehnisse, träumend. Hinter den Halmen entstand Tumult, die Leiche des Landes lag wie eine ungeborene Glocke nur halb fertig vor unseren Augen unter einem zerrissenen Himmel, in dem Gespenster lauern. Als es die Nacht noch nicht gab, da lebten wir entgeistert und dem Körper fern.

»Ich weiß nicht, was du immer anschaust, wenn du so in die Luft schaust«, sagte Carisma. »Komm, hilf mir, die toten Fliegen zusammenzukehren.«

Adam schnappte sich einen Reisigbesen und kehrte los. Die Fliegen stoben wie Geschosse gegen die Wand, schnippten durch die dünn geschnittenen Äste einfach davon, eine stellare Staubwolke entstand, die Leben in einer Lichtmasse imitierte. Carisma beugte sich über ihr Zeitungspapier, um darin Porzellanfiguren einzuwickeln.

»Eine Bäurin«, flüsterte sie und erinnerte sich an die Vorbehalte, die ihre zukünftige Schwiegermutter gegen sie hatte. Carlos hatte ihr erzählt: »Eine Bäurin, hat sie etwas pikiert gefragt.« Und jetzt wickelte sie Johannas Kelche und Figuren ein, die einen ansehnlichen Wert darstellten. Afrikanische Negerfrauen, kohlrabenschwarz und gazellengleich, die Miniaturen von Jagdhunden. Johanna, die immer nur Strickte, sagte: »Eine Bäurin?«

»Ja, Mutter, sie stammt von einem Bauernhof, aber ich heirate eine Stenotypistin und keine Bäurin. Ihr Name ist Carisma.«

Ungesehene Winkel

Sandsteinburg #17

Frühlingserwachen mit entferntem Honiggeruch, Kaffee weht schillernd durch den Flur, Schafscheiße ganz sanft im Rachen, prägnante Wolle, Pulloverpollen, der blühende Garten, tempus fugit. Aber er kann das Jetzt riechen, zumindest eine Femtosekunde lang, sogar die Linzer Torte von letzter Woche, deren Krumen im wasserblauen Kunstfaser-Flokati keimen. Und wer weiß: eines Tages hängen vielleicht Kuchen-Nüsse an den jungen Trieben, die Sonne Österreichs.

Alles rinnt den Bach hinunter & eigentlich wäre sie fast ersoffen, wenn nicht ein Lastwagen sie herausgezogen hätte, als schon der Sumpf derart nach ihr gierte, sie schlammdreckig zu machen wünschte (die Kleider klebten an ihrem Portemonnaie & außerdem unter ihrer Haut, durch die Poren drückten sich Moose, Schleimsand, Kraut, die Augen riesengroß / schwarz / rund: oxidierte Schädeldecke, von Fell voll; silbriger Bewuchs des Doppel=Balkons, die Stelzen ruderten quick, mit halber Kraft voraus. Der Lastwagen beschleunigte sauerstoffgegräßig, sie fasste die Anhängerkupplung; voller Schmiere das starke steife Stück. Zwischen ihren Fingern glibschte das Maschinenöl, spritzte ihr Reste ins Gesicht, der Auspuff föhnte ihr Haar zu einer ehernen Skulptur nach hinten. Als sie dann auf der Straße lag, keuchte das dunkle, fordernde Loch.

Autos hupten in langsamer Vorbeifahrt. Sie gehörte niemandem, sie gehörte jetzt niemandem.

Das Aufblitzen der Scheinwerfer eines sich nähernder Knudson-Taunus fräst für kurze Zeit einen gespenstischen Schein in die Nacht. Die Häuser entlang der Schlossstraße wirken wie übriggebliebene Kulissen aus Alain Resnais ›Letztes Jahr in Marienbad‹, wo die Komposition stets wichtiger ist als die Aktion, die Sinneseindrücke persönlicher als die Interpretation. Ansaugen, Verdichten, Arbeiten, Ausstoßen. Ein Schattenregister.

Gitternetz der Beobachtung: verschwunden ist das, was die Pupille nicht streift, ein ungesehener Winkel, möglicherweise ein Scheunentor, ein Stein unter der Brücke, ein Grashalm im Wasser neben dem eigenen Gesicht.

Etwas, das nicht getan wurde, das nie getan wurde, schleppt sich durch die Straßen, wird vielleicht von fremden Gezeiten geträumt, wird vielleicht im späteren Verlauf erinnert, kann nicht aus seiner Zelle entkommen, bleibt in der Wahrscheinlichkeit stecken, in einem falschen Hals, nur eine Gräte der Historie.

Hungrige witternde Rehe stehen unter geschlossenen Kronendächern und ein Fuchs schnürt unruhig um das Dorf, selbst Teil der Low-Key-Beleuchtung, ausgelöst durch versprengt herumeilende Himmelskörper. Die Zeit hat sich aus den Dörfern in die Städte zurückgezogen, in die großen, ruhelosen Metropolen, zu Neonlichtern, zu Fassaden, die pausenlos Reklame ausspeien wie Wahrsager. Die Städte sind ohne ein Jenseits, sind nur Gegenwart, Rotation und Umschlag, hingegen ist in den Dörfern die Zeit entschlafen. In all dieser Zeitlosigkeit aber funkeln bereitwillig Sterne über Schlaf und Traum und reinigen die Skulpturen menschlicher Behausung.

Vir desideriorum

Sandsteinburg #16
Die Songzitate stammen aus: Robert Johnson – Crossroads Blues (Columbia) // Rainbow – Man on the Silver Mountain (Polydor). Diese Beispiele dienen ausschließlich als Zitate.

Ich kannte Adam. Schließlich hatte er mich in die Brennnesseln geworfen (oder ich war gefallen, das sage ich mir wieder und wieder). Mit Bestimmtheit kann ich jedoch sagen, dass er mich bei einem Wettrennen vom Rad stieß, weil ich drauf und dran war zu gewinnen. Ich lag auf dem Schotter, meine Beine bluteten, aufgeschlagen wie die frischen Kalkschalen zweier Hühnereier. Wir waren schicksalhaft aneinander gebunden, vermochten uns nicht aus dem Weg zu gehen, auch wenn wir es noch so sehr gewollt hätten.

Ich weiß, dass unser Bewusstsein auch durch das Land geprägt wird, auf dem sich das Verborgene heranpirscht und erwacht. Aber erst mit den Jahren lernte ich zu verstehen, dass es nicht nur brach liegt oder sich gerne nur betrachten oder durchwandern lässt, sondern, ganz im Gegenteil, eingreift in die Geschicke der Menschen, die ihm mehr oder weniger ausgeliefert sind. Dem Land. Dem, was wir Bewusstsein nennen. Seit diesen Tagen frage ich mich immer, wenn ich mich irgendwo von Neuem niederlasse: Was will das Land von dir, und was ist es bereit, für dich zu tun, wie wird es versuchen, dich zu verführen?

Der Landstrich, in dem wir damals mehr oder weniger angenehm gefangen waren, war vielleicht einfach nur da, um die Wiege Adams zu sein, ihn auf die Reise vorzubereiten, von der wir natürlich alle irgendwann Kenntnis bekamen. Gerüchte gab es allerhand, ob nun der Nachtgiger in den Wäldern gesehen worden war, oder ob die Wölfe wieder über die Böhmische Grenze gekommen sein sollten. Man wob Schauerliches zusammen, es passte eben zur Kulisse. Jene aber, die Bescheid wussten, und die Adam hätten retten können, starben auf mehr oder weniger dramatische Weise. Es gehörte alles zum Plan, sozusagen. Auch ich gehörte dazu. Vieles weiß ich nicht mehr, es ist im dunklen Gewässer der Geschichte verlorengegangen (ich bemerke, wie sich stets ein Schatten über meine Erinnerung legt), dabei war mein Part vielleicht nicht einmal so gering zu werten, wie ich das stets glauben wollte. Ich weiß nichts Genaues, wirklich … ich weiß nichts, aber da ist etwas, das auch mich zeichnete. Wäre ich dort geblieben …

Mit mir zusammen betippte Adam eine kleine rosa Schreibmaschine aus Puppenplastik, wohl seine erste. In den Betriebswohnungen waren wir eingesperrte Küken, wir schwelten als Futter, wenn auch nur vorübergehend, in unseren eigenen Dottermägen. Mit meiner neu zusammengewürfelten Familie lebte ich gegenüber des Granitwerks, das sich nur ein paar hundert Meter weiter die provisorische Straße abwärts von der Kunststoffabrik befand. Folgt man ihr weiter durch den massiven Wald, kommt man in Schwarzenhammer wieder raus. Soweit ich mich erinnern kann, besuchten uns Ludwig und Adam dort nur ein einziges Mal, wir zogen da ja bald aus. Mein Stiefvater baute sein Haus direkt in die Nachbarschaft der Familie Pikid, oben am Waldrand gelegen, direkt neben dem Jagdhaus mit der alten Sonnenuhr an seiner Vorderseite.

Wie ich schon sagte, wir konnten uns nicht voreinander verbergen.

Adam fand mich nicht mehr auf seinem Weg nach Raha, und ich suchte ihn nicht, aber die Blätter und Nadeln der Bäume raunten Geschichten. Ich verstand nicht viel von seinem Gedicht, das er mir bei stillem Lindenfieber und brausendem Sekt in der Badewanne vorlas.

Vir desideriorum; ein Titel wie blanke Ferne. Mann der Sehnsucht, nicht homme de lettres, nein, vir desideriorum, einer, der sich nicht mit dem plumpen Vorhandensein zufrieden gibt. Wir tranken damals leise, nahmen uns den Krimsekt vor, das Flittergetränk meiner Mutter, feierten unsere Zusammenkunft, die gleichzeitig der Abschied war. Staunend lief er über den Marmorboden, betrachtete mich so, dass mir im warmen Wasser kalt wurde (wahrscheinlich wäre mir im kalten Wasser warm geworden). Er stellte diese schreckliche Musik ein, die er betwixt and between nannte, erzählte von Robert Johnson, der an den Crossroads seine Seele dem Teufel verkauft hatte. Standinʼ at the crossroad, tried to flag a ride. Didn’t nobody seem to know me, babe, everybody pass me by – und blickte drein, als hätte er selbst es getan.

Wir befanden uns nicht mehr auf dem Weg, sondern bereits mitten auf der Kreuzung. Ich blieb auf der großen Straße, aber er schlug sich ins Gebüsch. Vielleicht hätte ich ihn allzu früh geliebt, wenn wir nicht mehr oder weniger zusammen aufgewachsen wären (und ohne seine Attacken, die nicht meine Niedergeschlagenheit beabsichtigten, die nur etwas verhindern wollten, aber nicht verhindern konnten, dass wir jetzt hier zusammen saßen).

Du wirst immer Falter sein
Wehe dem Mond

»Ich erinnere mich nur, weil du es nicht vergessen hast!«

Bei den Langbooten aus Kunststoff-Harz, die in einem Lagerschuppen vor dem Teich aufgebahrt waren, fing ich mir die erste Berührung ein, die Brennhaare, die Methansäure des jähen Zorns. Aber war er es, der mich in die Brennnesseln warf, war es nicht das Land, die Luft, war es nicht etwas um ihn herum, das ihn zur Einsamkeit zwingen wollte? Er ahnte nicht, dass ich später, wenn die Zeit reif dafür war, die erste sein würde, die seine Federn zählte, die erste, die Spaß daran hatte, alles in Bewegung zu setzen.

Zunächst lag ich mit meiner Hand zufällig im Schritt halb auf der Seite, aber doch schon bäuchlings, bewegte mich, weil ich träumte, weil mich etwas am Nacken fasste. Ich wollte etwas sagen, aber aus mir heraus kam nur Miauen. Mein Hals fühlte sich rau an, als wären dort mehrere Seile gespannt, auf denen Zugvögel meditieren. Etwas biss mir in den Nacken und erreichte die Hand in meinem Schritt, die sich nicht bewegte, die mucksmäuschenstill da lag und eingeschlafen war. Um sie zu wecken übte ich etwas Druck aus, aber mir explodierte nur mein pulsierendes Organ. Ich sah eine Sonne vor mir, die ihre Arme nach mir ausstreckte, mir war, als hätte ich diese Sonne verschluckt, denn sie befand sich in meinem Bauch und ihre Strahlen sausten mit dem Blut durch meine Adern. Ich miaute, miaute, miaute, ging tiefer in den Schlaf hinein, sah mich nackt unter Rehen stehen, aber nicht ganz nackt, denn auch ich trug ein Fell, waldbraun und sumpfig. Die Rehe nickten mir zu, ich ließ mich hinunter auf alle Viere und trank den Tau von den Grashalmen, den Blüten der Margeriten. Das Flutlicht vierteilte uns, aus der Umkleidekabine drangen ebenfalls Licht, Musik und Gelächter. Aber wir, wir befanden uns ganz alleine auf dem dörflichen Fußballplatz, wir waren Rehe. Niemand schien uns zu beachten, niemand war zu sehen. Und doch fraß uns etwas auf. Keine Bestie, wie wir sie aus Filmen kannte, davor hätten wir fortlaufen können. Es war etwas viel Schlimmeres und es bestand aus einer Traumsubstanz, die nie ganz zu begreifen war.

Man On The Silver Mountain von Rainbow kam aus den Kabinen getönt, wo es nach Lederbällen, Schweiß, Bier, und nach trockenem Holz roch.

I’m the day, I’m the day
I can show you the way
And look, I’m right beside you
I’m the night, I’m the night
I’m the dark and the light
With eyes that see inside you

Irgendwie hörte es sich bereits nach Abschied an. Adam starrte mir auf die nackten Beine, betrachtete das Muttermal, mein Australien an der Wade, klein wie Madagaskar, meine Hand zufällig im Schritt, halb auf der Seite, aber doch schon bäuchlings, während ich träumte, dass er mich am Nacken fasste und ich miaute, dass er mich biss, und ich wie ein Reh meinen Pelz abzog, um im Mondlicht zu tanzen. Blut lief an meinen Beinen herab, sah aus wie Wein, aus meinem Inneren sprudelte Wein, dort öffnete sich die rote Frucht. Ich die Rebe, das Reh, miaute auf der eingeschlafenen Hand, sah eine Sonne, explodierte in der Mitte zu einer Musik, die rief: »Myrrha, Myrrha!« Doch das war nicht der richtige Name, nicht mein Name, mein Name lautete Starstruck, Lady Starstruck, Bad Luck.

»Was tust du da, warum liegst du so lange im Bett? Brütest du etwas aus?« Die Mutter an der Tür. Wenn ich jetzt aufstehe, wird sie mein Fell entdecken, das mir über Nacht auf dem Fußballplatz gewachsen war, und das mich zu einem Opfer stilisierte.

Aber vielleicht habe ich es nur angezogen, übergestreift. Vergangenheit, in die wir niemals wieder zurückkönnen, Vergangenheit wie ein Traum. Ich betrachte mich im Jetzt und denke, dass ich nicht die Frau bin, an die ich mich erinnere, die ich durch Zufall geworden bin. Es ist eine geheimnisvolle Welt in meinem Kopf, und ich frage mich, ob wir dort immer noch sitzen und trinken und Rainbow hören, ob das bereits vor dem Urknall geschehen ist, ob dieses Zeug, das die Welt ausmacht, auf uns gewartet hat und dann in der Mitte explodiert ist; und seitdem bin ich Frau. Ich meine, nicht nur körperlich. Uns allen wurde etwas ausgetrieben damals. Kinder verschwanden. Erscheinungen tauchten auf. Das Schweigen wurde durch billige Lautstärke ersetzt. Man sprach sogar von Ritualmorden, aber das wurde nie bestätigt.

Ich war nun schon lange nicht mehr dort, es ist interessant, das Sie mich das fragen. Aber ich weiß von einer Freundin, dass Schwarzenhammer das Ebenbild einer Geisterstadt ist. Nein, ich war nicht mehr dort, seit Adam zu mir sagte: »Ich muss jetzt gehen. Myrrha, ich muss jetzt gehen!«

Mein Name ist Emma, sagte ich zu ihm. Erinnerst du dich?

Adams Tinte war die erste Tinte, die ich sah, und in mir lähmte sich ein Nerv (oder lähmte mich gar der Stift?). Ich konnte mich – festgenagelt an mein Bett – konnte mich erinnern, wie ich vom Rad flog, in die Brennnesseln, und wie ich auslief. Erst Blut, dann Tränen, dann seine Tinte, die ich in mein Hemdchen schmierte, in die Innenseite, damit niemand auf die Idee käme, zu fragen: »Was ist das?«, die Mutter nicht fragt: »Was ist das?« Denn ich lief ja aus, klebte an ihm fest, und konnte es nicht vermeiden, jeden Tag erneut durch sein Fenster zu krabbeln, um seinen ganz und gar aufrechten Stift zu berühren, mit dem Mund, mit den Füßen. Es ging alles viel zu schnell, schon stürzte ich, aber danach sagte ich: »Das kann doch nicht alles gewesen sein!«

Ich zeigte ihm meine Narben an den Beinen, kleine, beginnende Monde, neue Monde, vergehende Wunden von vor Jahren, als wir der Definition nach noch sächlich waren. Er nannte mein Muttermal: »Dein Australien an der Wade«, weswegen ich mich schämte. Ein tiefer, dunkler Impuls ließ mich jede Nacht mit ihm gehen, damit er sich ausprobieren konnte. Ich lag da und starrte an die Zimmerdecke. Nacht für Nacht brachte er mich auch wieder zurück, sobald ich alles in mir hatte. Jeden Tag wusch ich meine Kleider selbst, aber dann ertappte mich meine Mutter dabei, wie ich mein Höschen ausleckte.

»Was ist das?«

Der dunkle, tiefe Impuls.

Ich durfte Adam nicht wiedersehen, wurde in ein Internat geschickt und bekam eine andere Welt in mein Ohr geblasen, lernte die Dinge neu, blieb auch der Erinnerung fern für allezeit, die Erinnerung an die ersten Dinge, wenn keine Erwartung die Erfahrung trübt, wenn alles ohne Zutun, ohne Tatkraft, ohne Ordnung in das Leben bricht, wenn eine süße Gewalt die Ohnmacht steuert. Heute würde ich an ihm vorübergehen, heute würde ich ihn ansehen und wissen. Ich bin mir heute sicher, dass wir damals unser Leben dadurch retteten, indem wir uns gegenseitig entdeckten.

»Wo kommst du her?«

»Aus Raha.«

»Wer lebt in dieser Stadt?«

»Unverändert wir.«

Jene, die nur Sporen wittern und zur Tränke gehen, wir, die wir dort baden, die weiße Haut ausgelassen von der Sonne. Adam kennt die Nächte dieser weißen Flecken, Adam kennt das Mauerwerk ohne Putz, fünf Gärten für die Sinne. Den Garten der Hesperiden, den Garten des Alkinoos, Olymp und Asgard. Schändlich, wer sich gefangen gibt, und sei es im Namen des allgemeinen Nutzens. Er setzte all seine Erwartungen einzig in seine Ungebundenheit, in diesen Drang, sich treiben zu lassen, um allem zu begegnen, ein Drang, der eine Gemeinschaft zwischen ihm und den anderen ungebundenen Menschen herstellte, als wären sie berufen, sich plötzlich zu vereinigen, mit dem Mund, den Füßen, den Händen. Ich kannte dich in diesen Sommerstunden, dich, der mich aus den Nesseln hob, der mich im Schotter liegen sah, in meiner schwächsten Stunde, die er selbst herbeigerufen hatte.

Die Schnitt’ die Zunge leidet

Sandsteinburg #14

Welcher Sinn lag hinter dem Murmeln, das Bäche simulieren wollte? Das Er­brechen hochangesehener Wörter ist beinahe moderne Literatur. In der Hoff­nung, jemand verstünde also doch; dann die Theorie: Du musst dich ge­täuscht haben, das Verstehen bist nur du.

Tänzer in Glasbehältern in der Stadt tanzen rund um die Uhr, sie pausie­ren nie. Es ist die Freiheit, die Welt zum ersten Mal zu erblicken. Da ist zu­nächst keine Welt, die man sich ansehen könnte. Bunte Zikaden die Stimmen, Augen, die ihre selbstgefällige Freude spiegeln, Münder, hinter denen Töne lauern, wie sie von Schwachsinnigen gebrabbelt werden. So empfängt uns die Welt. Von der Mutter sieht man nichts, schmeckt nur unendliche Milch, die Unendlichkeit des warmen Körpers (Cula, Cali – original orgies since 37). Ist auch alles noch so sehr zersplittert, so sage ich es doch in mein eigenes Zim­mer hinein: wie Scherben, die im hellen Schein erstrahlen, mir unterschiedli­che Geschmäcker bieten, die nur ein Traum in der Morgendämmerung gewe­sen sind; wie Bilder mir ein Wunder sind, wenn sie niemand sonst beachtet; an wie vielen Schnitten die Zunge leidet, sie lispelt, sie zischt unentwegt; mal verharrt sie zwischen Gaumen und dem eigenen Bett, das sich mit Speichel füllt. Ertrunken ist im Nachtgewand noch nie ein Träumer, der ein Eiland weiß.

Es gab einen Sturm (11)

Sandsteinburg #13

Als sie gemeinsam am Küchentisch saßen, die Blicke gebannt in die Holzma­serung drückten, die je nach Phantasie etwas anderes zeigte, sprach keiner ein Wort. Die Natur spuckte aus, es war Stille im Universum. Nur die Steine sprachen miteinander. Die ersten Stufen hell erleuchtet. Nebel, die Treppe aus Knochenmark geformt, in der Mitte schwielig, braun zurückgelassene Fußabdrücke, Dornenstaub darüber, Gestalt des Wahnsinns, Augensaft: die Tränke der Nymphen; Hermann bellte, die Lippen straff und geöffnet, künst­liches Loch, die Zunge wie ein Rollmops, großmütiger Ausdruck; dieses Ge­sicht, das vielleicht eines Tages das eines anderen sein wird, mit Doppelkinn, Tränensäcken, und weiteren Überschüssen im Gesicht eines Mannes.

Sie bemerkten ihre gegenseitige Verlegenheit, schoben ihr Schweigen auf das Wetter und die Jahre ihres gemeinsamen Lebens, wussten aber nicht, was ihre Welt aus dem Gleis gebracht haben könnte. Sie waren sich an die­sem Küchentisch aus Kirschbaumholz so nah wie seit langer Zeit nicht mehr, vielleicht sogar noch nie. Wenn sie darüber geredet hätten, wäre es ihnen klargeworden, so aber blieb die Gemeinsamkeit abstrakt, nur eine Ahnung, die ein verlöschender Stern oder eine ausgehende Kerze in die eigene Nacht schmilzt.

Im Krieg hatte Hermann die Mystifikation des Ausnahmezustands be­reits erlebt, als sie mit den Schnellbooten im Stichansatz in die englischen Häfen rasten, um Minen zu versenken. Oft genug driftete er vor Müdigkeit, Anstrengung und Angst aus seinem Körper, schwebte zeit- und schwerelos über dem rasenden Geschehen, den Zeitlupenexplosionen; seine Ohren schie­nen mit Wasser verstopft nur bestimmte Frequenzen durchzulassen. Irgend­wie war ihm leicht ums Herz, ein Traum und die Gewissheit des Träumens, Zerrspiegel des bewussten, stabilen und koordinationsfähigen Ichs. Das Land war nicht mehr England, das wogende, dunkle Wasser, auf dem vereinzelt Trümmer brandeten, nur eine Luftspiegelung, ein optisches Phänomen auf der Leinwand des Ozons. Er sah Sonnenstrahlen, die durch grüne Zweige tas­teten, obwohl der Himmel dahinter schwarz blieb, sodass die Sonne nur wie eine Funzel kurz vor dem Verglühen wirkte. Dann gesellte sich eine weitere Sonne hinzu, und noch eine, das Gefühl der Ruhe endete ebenso schnell wie es gekommen war, er erkannte die Hölle um sich herum und schoss auf die Suchscheinwerfer.

Das hier war nicht halb so schlimm, und dennoch war es schlimmer. Anna stellte keine Fragen, und er selbst fand sich unfähig, eine zu stellen. Hermann erwog die Möglichkeit, gar nicht hier zu sitzen, vielleicht aus dem Krieg gar nicht zurückgekommen zu sein. Möglicherweise waren all die Jahr­zehnte, an die er sich zu erinnern glaubte, nur die Halluzination eines Ertrin­kenden, ein luzides Träumen, bei dem er nicht sein vergangenes Leben, son­dern die Zukunft, wie sie gewesen sein könnte, erkennen durfte.

»Anna?«

Sie antwortete ihm nicht, starrte weiterhin die Tischplatte an.

»Bin ich wirklich hier?« Er wollte es wissen, also blieb ihm nichts ande­res übrig, als sie danach zu fragen. Hermann schmatzte, hatte den Geschmack von Algen und Öl im Mund, soff im wahrsten Sinne des Wortes ab, aber nicht an der englischen Küste, sondern hier am Küchentisch. Er bekam keine Luft mehr, wollte sich erheben, wirklich überrascht, und fiel mitsamt dem Stuhl nach hinten um, wo er mit dem Hinterkopf auf den Boden knallte. Sein Herz raste und setzte seinen Rhythmus unregelmäßig fort. Anna verwandelte sich von einer leblosen Statue in einen hektischen Wirbel, sprang auf und wusste nicht recht, was sie tun sollte. »Hermann!« rief sie. »Hermann! Großer Gott!« Auch ihr Stuhl fiel um.

Aus seinem Mund, seiner Nase und den Ohren spritze jäh ein Schwall Wasser. Hermann röchelte, umfasste mit beiden Händen seinen Hals, wollte sich auf die Seite rollen, was ihm nicht gelang. Die nächste Fontäne über­raschte Anna, die sich neben ihm auf die Knie warf, seinen Namen schrie, den Herrgott anrief, und ihrem Mann unsinnigerweise auf die Wangen schlug. Das salzige, brackige Wasser sprühte über sie hinweg, benetzte ihr Haar, das wie wilder Flaum eine Aura um ihren Kopf markierte, das entgeisterte Ge­sicht, die zitternden Hände. Sie zerrte an seinen Schultern. Als würde man seinen Kopf langsam mit Tinte befüllen, lief Hermanns Gesicht blau an. Der nächste Schwall kam über den Status des Rinnsals nicht hinaus, wofür ver­mutlich der Seetang verantwortlich war, der aus dem Mund des Sterbenden quoll, dessen Körper sich noch einmal aufbäumte, die Augen verdrehte, die von den geplatzten Äderchen feuerrot glühten, und dann – nichts mehr. Her­mann war ertrunken.

Anna kramte, nachdem bei ihr ein kriminalistisches Tohuwabohu veran­staltet worden war, eine Schallplatte mit den Gesängen der Banshees heraus, spielte allerdings nur eine Hälfte davon ab – und das den ganzen Tag, was an der Mechanik des Elac-Plattenspielers lag. Der Tonarm, der nichts dafür konnte, dass keine andere Scheibe auf der Stapelachse hing, setzte immer wieder von Neuem an, aber vermutlich hätten Seemannslieder besser zur Si­tuation gepasst, denn Anna musste den ganzen Saustall selbst beseitigen, schrubbte sozusagen das Peildeck wie ein einfacher Matrose. Dann suchte und wühlte sie in ihren Habseligkeiten, bis sie in etwa die Garderobe beisam­men hatte, von der sie glaubte, dass es sich dabei um die Kleidungsstücke handelte, die sie sich gekauft hatte, um Hermann wieder auf sich aufmerk­sam zu machen. Ein etwas lächerliches Ansinnen, das keinen Erfolg gezeitigt hatte. Dann ging sie los, um alle Stücke einzeln an eine Eberesche zu hängen.

Erst vor 300 Jahren überträgt die Sprache die Sammelbezeichnung ›Frauenzimmer‹ auf das Einzelwesen, ehe vor 200 Jahren für die Sprache eine frauenzimmerliche Zeit anbricht. Nicht allein ›entflammte Schnurrbärte‹ (wie man verliebte Männer damals humorvoll nannte) schwärmten von ihren ›Frauenzimmerchen‹. Die ganze Sprache wimmelt von Wörtern, deren erster Teil ein ›Frauenzimmer‹ ist: von ›Frauenzimmerhänden‹, ›Frauenzimmermützen‹, ›Frauenzimmerseelen‹, so dass ein Wörterbuch dieser Tage die Frauenzimmer kaum unter­bringen konnte. Der deutsche Physiker Christoph Lichtenberg, berühmt durch seine Entde­ckungen über Elektrizität, spottet in seinen Tagebüchern über die Frauenzimmermode und ihr Decolleté, die Bauernmädchen gingen barfuß, die Vornehmen jedoch ›barbrust‹. Und der norddeutsche Dichter Gotthold Ephraim Lessing stellt damals wohl aus Erfahrung fest, dass es gewisse Dinge gibt, wo ein ›Frauenzimmeraug‹ schärfer sieht als hundert Augen von Mann­spersonen.

Im vorigen Jahrhundert verlor das Wort ›Frauenzimmer‹ seinen ehrbaren Klang (so wie auch ›Dirne‹, ›Jungfer‹, ›Mensch‹ ), zunächst durch Zusätze wie ›gemein‹ , ›liederlich‹, ›unver­schämt‹, ›verdächtig‹, die dann auch wegbleiben konnten. ›Dame‹, ›Frau‹, ›Fräulein‹ und ›Mäd­chen‹ lösten das Wort allmählich ab.

Es gab einen Sturm (4)

Sandsteinburg #6

Wie oft hatte ihn sein alter Herr dafür bestraft, wenn er ihn dabei erwischte, wie er sich versichern wollte, ob sein Hemdkragen gerichtet sei, und dabei zwei, drei Sekunden länger als dafür vorgesehen seine eventuelle Wirkung auf die Außenwelt erwog.

»Bist du ein Weibsbild?«, herrschte sein Vater ihn an, packte ihn dann am Genick wie eine junge Katze, grub seine manikürten, scharfgeschliffenen Fingernägel in seinen Hals und nötigte ihn, nachdem er sein Bildnis bereits verlassen hatte, noch einmal vor den einzigen Spiegel des ganzen Hauses, der für gewöhnlich verhangen in der Küche über dem Spülbecken in die Wand eingelassen war, nicht größer als die Handfläche eines erwachsenen Mannes. »Was siehst du?« Der Atem seines Vaters, der nach Lakritze stank, fuhr ihm ins Gesicht wie ein feuchter Wind, der stets für schlechtes Wetter sorgt. »Mich … ich sehe mich!«

Die scharfkantigen Fingernägel gruben sich tiefer in die Haut und färb­ten die Halbmonde rot, ein plötzlicher Schlag, einstudiert, choreographiert, ließ sein Jochbein erzittern. »Du siehst nicht dich! Du siehst dich verkehrt herum, ins Groteske verkehrt! Du siehst deine verdammte, deine dunkle Sei­te, die des Teufels ist! Vanitas, leerer Schein! Du glaubst, ich habe dein Ver­harren nicht bemerkt, du glaubst, du wüsstest, wie lange man einen Blick als einen Kontrollblick tarnen kann, aber ich habe es in deinem Gesicht gelesen, habe gesehen, wie dich der Hauch der Eitelkeit streifte. Schau dort niemals hinein, wenn du nicht unbedingt musst, hast du das verstanden?«

Sebastian Hohenner hatte verstanden und mied von diesem Zeitpunkt an nicht nur den Spiegel seines Elternhauses, sondern auch den in seinem Klas­senzimmer, schaute statt dessen fortan Mimi tiefer in die Augen als jemals zuvor, während die Haut an seinem Hals, den er mit einem Seidenschal ver­hüllte, brannte wie Feuer, und seine rechte Wange pochte, als säße dort sein Herz.

»Was ist mit meinen Augen?«, hatte sie schüchtern gefragt, als er sie bat, stillzusitzen, eine Weile nichts zu sagen (sie redete gewöhnlich sehr viel und sehr beherzt, vor allem, wenn die Sonne schien). Nichts ist mit deinen Au­gen, hatte er geantwortet, ich kann mich darin spiegeln, das ist alles. Sie setzte zu einer Antwort an, aber sein Finger auf ihren Lippen gebot ihr, zu schweigen, während er sie beinahe hypnotisierte. Ich kann mich ebenfalls in deinen Au­gen sehen, sagte sie dennoch, sagte es leise, so als wäre Flüstern ein Kompromiss. Dann sprach sie erst wieder, als er es ihr erlaubte, jedoch nicht mehr so fröhlich wie zuvor. Wie betäubt richtete sie ihr Haar, obwohl sich daran nichts verändert hatte. Sie fühlte sich beklommen, Sebastians Blick stach wie ein Messer auf sie ein, aber sie hatte das Gefühl, er sah nicht sie, sah nichts anderes als sich selbst.

»Habt ihr viele Spiegel zu Hause?« Auch er flüsterte jetzt, was so gar nicht zu diesem angenehm warmen Nachmittag passte.

»Nicht sehr viele, ich würde sagen, normal viele. Warum fragst du?«

Ob der Glanz in ihren Augen erlöschen würde, wenn sie starb, ob man sich wohl nur in lebenden Augen spiegeln konnte? War es nicht das, was sein Vater meinte? Dass es lästerlich war, sich in toten Dingen zu spiegeln? Liebe bedeutete ihm Härte und Disziplin, Gehorsam und Arbeit. Was, wenn sein Va­ter damals schon gewusst hätte, dass er den Wunsch hegte, Arzt zu werden, dass sein Sohn nichts von diesem in allen Belangen bösartigen Gott hielt? Er hätte ihn ganz sicher auf dem kalten Stein, den er Altar nannte, festgebunden und unter Tränen und Gebeten ausgepeitscht. Du willst also Gott lästern, du eitler, undankbarer Schweinehund! Ein Schlag und dann der nächste Schlag. Unter Tränen, immer unter Tränen und bis zur Unkenntlichkeit gestammel­ten Gebeten.

Mimi war eines Tages verschwunden. Als man sie fand, fehlten ihr die Augen, ansonsten war sie unberührt.

Im Traum sah Sebastian alle toten Menschen aufgestapelt über den Horizont der Erdscheibe schwappen und wie ausgebeinte Rinderhälften in den abyssa­len Rinnstein rutschen. Ihre Ausdünstungen verwesten die Luft, die sich in seine Lungen verirrte und seinen Körper lähmte. Sein Atem gerann und zer­fiel in tausend Stücke, die sich von ihm fortbewegten. Die Bäume schwiegen. Er hörte keine Vögel und spürte keinen Wind. Dann aber betraten fünf Tän­zer die Lichtung, auf der er stand, Engel in ihrer verkommenen Reinheit, die sich betrunken und wie von Sinnen bewegten. Ein schwarzgekleideter, dür­rer Mann mit Borkengesicht näherte sich langsam von links. In seinen Augen waren ›Rote Kobolde‹ gefangen und taxierten die Umgebung. Er beugte sich nach vorne und spuckte aus, traf einen langgestreckten Käfer, der sich zum Trocknen auf den Rücken wälzte. Lange betrachtete Sebastian die ominösen Seraphim und dann die Gestalt, die ihren Zeigefinger in die Luft streckte. So­fort begann dieser, sich in einen Ast zu verwandeln, dessen knorriges Ende Zweige auffächern ließ, die sich mit einem nahegelegenen Baum verbanden.

»Du bist eine gespaltene Person und bereicherst dich an der Grauzone, deren Ausmaße du nicht erahnst!«, sagte der Mannbaum. Dann drehte er sich um und ging geradewegs auf die tanzenden Engel zu, deren Enstase sich ins Unermessliche gesteigert hatte. Der Schaum vor ihrem Mund verklebte ihre Münder und ihre Augen waren unkenntliche weiße Schemen, worin die Pu­pillen in Intervallen zuckten. Die männlichen Tänzer hatten eine Erektion, während die weiblichen Engel rhythmisch ihr Geschlecht massierten.

Die schwarze Gestalt blieb direkt vor ihnen stehen, wartete, bis ein weib­licher Engel grunzend herangestolpert kam, und griff mit dem freien Arm, der sich sofort in einen Ast verwandelte, zu. Augenblicklich verfing sich der anvisierte Engel darin. Der schwarze Mann zog den weiblichen Engel aus dem Kreis der Tänzer, woraufhin diese wie vom Blitz getroffen zu Boden gingen. Er präsentierte ihn mit den Worten: »Sie ist der Schlüssel zu einem Gedan­ken!«

Der nackte Engel lag benommen im Moos und gurgelte und rollte abge­hackte Wörter, die sich in abgestandenen Wein verwandelten, in seinem Ra­chen, der Schaum verschwand, die Augen drehten sich nach innen, die Geis­terstunde war vorbei.

»Ich kam hier her, um mit den Bäumen zu reden, stattdessen fand ich dich«, sagte Sebastian und verschwand hinter einem Vorhang, den er sich ebenfalls nur einbildete.

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