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Ins Nichts hinein

Ich dachte mir immer, dass es so sein könnte, dass ich meine Produktion ins Nichts hinaus stelle, möglicherweise ins Nichts hinein. Dass ich für das Universum schreibe, aus wie vielen Taschen es auch bestehen mag. Schriebe ich nicht, bliebe etwas ungeschrieben. Ein bedeutungsloser Teil, fürwahr, aber ein unentbehrlicher bei der Vollendung des Universums.

Ich bin von dieser Situation angezogen | etwas zu tun und etwas nicht zu tun; ein wurmstichiges Haus mag eine Leier ergeben und die Würmer den Chor einer Menge Leiber

am Ende sind wir Partisanen einer utopischen Welt

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    Alvin Gerard war gerade damit beschäftigt, einen Kunststoffbottich, der einmal ein Rührwerk bekommen sollte, mit seiner Ameise zur Weiterverarbeitung durch das Tor in die Betriebshalle zurückzubefördern, als Roland laut rufend aus dem Waldstück gerannt kam. Eigentlich war der Franzose zuständig für den Karosseriebau der Firma Netzsch Kunststoff. Als ein Monteur von Citroen genoss er hier einige Privilegien, fuhr selbst einen Méhari, der in Deutschland wegen der leicht brennbaren Kunststoffkarosserie eigentlich gar nicht zugelassen werden durfte. Hier bei les boches in den montagnes, die sie nach ihren épinettes, den Fichten benannt hatten (obwohl er kaum welche zu sehen bekam), scherte man sich nicht wirklich um sein Auto, das aussah wie ein Spielzeugjeep. Hier war alles etwas anders, sehr anders. Alvin hatte sich daran gewöhnt, er verdiente schließlich eine Menge Geld hier am Arsch des Universums, und wenn er alle zwei Wochen nach Levallois zurückkam, hatte er seinen Freunden eine Menge zu erzählen. Zum Beispiel von einem monsieur du grenier, dem Schwarzen Mann, an den sie hier wirklich glaubten, und den sie Agilmo oder Agil-up-fer nannten. Genau das rief Roland, gefolgt von seinen hechelnden und wesentlich kleineren Spielgefährten, die ihm kaum nachkamen.

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    Um ein Gulyás zu kochen, wäre es unbedingt erforderlich gewesen, ausschließlich Rindfleisch zu verwenden, und so wurde es bei uns heute nur ein Pörkölt, das aus verschiedenen Fleischarten besteht; was aber nimmt man, wenn man kein Schaf zur Hand hat und der Metzger sich nicht vom Fleck rührt, sobald man ihn auffordert, augenblicklich eines zu zerlegen, man bräuchte kleine magere Stücke, und die Wolle für den Überzieher nähme man auch gleich mit? Man schielt zur Sau, man denkt an die Sau, man nimmt die Sau und verdrängt das Gulyás für dieses eine Mal, weil das Rindfleisch zusammen mit dem Schwein heute günstiger angeboten wird. Außerdem flattert draußen ein Wenigelchen Schnee in der Luft herum und man denkt, das sei ein guter Tag für Pörkölt. Man nimmt noch einen ganzen Sack Zwiebeln, weil man davon ebenso viel braucht wie vom Fleisch, und besteigt seinen Schlitten, der, weil dieses verdammt seltene weiße Zeug nicht mehr liegen bleibt in unseren Breiten, seine Kufen bereits nach den ersten Hundert Metern völlig aufgebraucht hat. Das war dann wohl das Zahnfleisch des Transportmittels. Kurt, nimm mir mal den Sack da von dem Schlittern, Kurt, hörst du nicht? – Ah, da kommter!
    „Den Sack, Kurt!“
    „Was gibts denn, Renchen?“
    „Pörkölt!“
    Wenn er jetzt noch lange so kuckt, lange ich ihm eine.

  • Flüssiges Gemälde

    Unter meinem Bild verschwimmt die Farbe. Ich habe dir von dem Bild erzählt, aus dem polimentvergoldeten Rahmen gelaufen, der nicht mehr fasst, was in ihm vor Kurzem noch hin und her geschwappt ist: Ein flüssiges Landschaftsbild, stets neu geschaffen, von der Erinnerung vergrault, aber auch bewahrt. Ich bin der Pinsel, der den locus amoenus nicht vom locus terribilis zu unterscheiden weiß; von Fingern aufgerappelt fahre ich über die Mittelgebirgszüge, füge Stufen und Gefälle ein, hinterlasse Lücken. Ich bin ein Pinsel aus Lehm. Im Schatten der Naturgewalten: Ein Antlitz ganz ohne Mund, hingeschmissen von Händen aus Staub, gezimmert aus Knochen, ohne ein Dach, auf das es regnen könnte. An den Wänden meines Hauses: Bildmetaphern ohne Mund. Doch die Mauern wurden einst von ihrem Geist geküsst. Nie hat ein Maler sie gemalt, nie hat ein Tänzer sie umschlungen, nie hat man sie bei Tag gesehn, nur dieser Mond schlug ihren Schatten auf ein flüssiges Gemälde.

  • Früher hatte man noch Namen

    Emma, gib‘ Mamas Handy her! Emma! – Gott, was für ein Gekreische, das da von den heute typisch ungeschminkt blasswangigen Weleda-Gesichtern durch das Wartezimmer der Praxis meines Gynäkologen galoppiert. Weleda? Das war doch ein Wischmopp, nach dem alle Hausfrauen der 90er Jahre gegriffen haben, weil die Werbung ihnen versprach, sich nach dem Lappen nicht mehr bücken zu müssen. Alles sauber aus dem Stand!

    Und so soll’s wohl heute modern sein, sich abgeschminkt zu zeigen, und sein zopfiges Balg, dem man im Fettzwergenalter, in dem man noch mehr schwankt als selbstbewusst von A nach B sein Dasein fortzusetzen, offenbar affige Haarlänge zugesteht, während man sich selbst mit Ende Zwanzig alle zwei Wochen zur Schur begibt, weil Frau sich heute kurzhaarsportlich an den Mann und Arbeitgeber bringt. Statt der Zeitung die Faszienrolle unter’m Arm. Und die habe ich mir, als ich mal wieder Lust hatte im Sanitätshaus nach atmungsaktiven ledernen Damenschuhen zu schnuppern, gleich einmal zeigen und erklären lassen. Das ist eine Art Yoga-Indien-Brahma-Kautschuk-Rolle, mit der man sich die verkleisterte Muskulatur wieder glattwalzen kann. Nur das man selbst das Nudelholz ist, das man über die Rolle ziehen muss.

    Unsereins brauchte früher nichts anderes als Merz Spezial Dragees, eine kleine Pulle Rotbäckchen in der Handtasche und ein nach Zitrone duftendes Erfrischungstuch. Ach ja, und früher, da hatte man ja noch Namen. Da hie? man Hedwig, Berthamaria-Lilli oder eben Renate. Aus dem Lateinischen stammend (Moment, ich muss erst voller Stolz Atem holen): Renata, die Wiedergeborene! Man hat ja schließlich als Kluge Hausfrau der 4buchstabigen Teufelsbrut durch die Jahrhunderte einen Exorzismus entgegenzusetzen. Nomen est Omen. (Ich frage mich ohnehin, warum man die kleinen Dinger nicht einfach ABCD ruft). Man gönnt seinen Kindern ja heute Alles und Nichts.

    Emma heißt ja nix. Na gut, nix stimmt jetzt auch nicht. Ich habe mal nachgeschaut, es bedeutet allumfassend (ich stell mir da die plautzigen Hände von meinem Männchen vor) und soll ein eigenständiger Name sein. Ja nun.

    Aber – um dem Teufel mal aus dem Bett zu kraulen – wenn wir Weiber das Ganze rückwärts lesen, schiebt doch glatt die AMME ihr Schnäuzen aus dem Namen hervor, mit Zitzen wie eine birnenförmige Apfelsine. Von welcher Eigenständigkeit sprechen wir denn da? Und allumfassend? Meiner Seel! Das entspricht ja nur dem Entschluss, sich schon elterlicherseits für gar nichts entschieden zu haben. Was soll dann aus dem Kinde werden? Vielleicht braucht es auch schon eine Faszienrolle.

    Ich sag nur: Á la belle poule! Die Damen im 17 Jh. haben sich, als das mit der Hygiene nicht so en vogue war, weil man noch keine Runst empfand, dem auf den Pelz zu schauen, was da inkognito keimte, sogar Flaggschiffe in ihre aufgetürmten Haarhauben setzen lassen, um die Nackenmuskulatur zu stärken.

  • Das forschende Licht blinder Augen

    In das vor den Stadttoren beginnende wallende Brachland einen Fuß zu setzen, ist nicht unmöglich, aber unbesonnen, denn dort nistet das Unheil, das von den Ausscheidungen der Steppengeister angesteckt in den Disteln laicht, die gelernt haben, ihre Dornen harmlos aussehen zu lassen, um dann mit irrwitziger Geschwindigkeit sich in das ungeschützte Etwas zu haken. Hier liegt das letzte Lästerland, und seine Kreaturen mutieren in den Köpfen der Reisenden und der hinter den Felsbrocken Verschanzten. Wohin die Reise geht, entscheidet sich in Träumen.

    Das forschende Licht blinder Augen. Was derart wirklich über uns hingeistert sind Puppen-Tätigkeiten, das ganze Gewirr der Welt ein falsches Tun und Stümpern, keine Fakultät ohne niederste Saukunde, alles ringsum aufgemästet mit der widerwärtigsten Tortur des Lebendig-Losen, so dass ich mich frage: Wann starb der letzte Mensch und lebt vielleicht noch einer?

    Warmer Wind fährt auf den Mauern, von oben herab glotzen Kälber auf den Zuritt und wissen nicht genau, wann sie zu lauten haben, denn auch sie erblicken nur den gestaltlosen Morast, der am Horizont nach hinten kippt, wo gleich einer auftaucht, der die Brunnen mit sich selbst vergiftet.

    Es käme uns sicherer vor, in den Taschen zu forschen, in ihnen zu wühlen wie in einem Fleischkoben, ausgenommen von goldenen Forken aus dem Archiv der Schmuckschatullen des Schlosses. Was auf dem Tisch ausgebreitet werden wird, sollte nur mit dem Kinn über der Schulter besehen werden, mit dem Rücken zum daliegenden Torso, den Fußspitzen zur Tür (geöffnet ist sie eine Wucht gegen ritterliche Gebaren). Neid ungeschmeichelt die Flanken der übrigen Pferde, das Gift nähert sich auch durch die Luft.

    Der Schatten nähert sich mit seinem Auslöser; keine Armee, die anrückt; das Wurzelwerk aller Tage und aller Nächte, noch zu weit entfernt, um die Unruhe zu einer Symphonie werden zu lassen. Doch er wird nichts anderes tun, als sich in jeden Bach, in jedes Rinnsal zu legen, zickzackicht, leise. Die grauen Torturen seiner Haut, die lotternden Schritte, das Kapital der Verrücktheit. Jetzt löst sich der Schatten, denn er will allein sein. Unter der Himmelsuppe keimt die Wildnis aufs Neue, rennt an gegen den schmatzenden Untergang. Wie viele Tage passen in einen Stundengang? Jetzt ist die Rache eine Bilderflut leerer Momente. Er würde sich in Bewegung setzen, um den Brunnen zu erreichen, aber er denkt sich ein blasses Kleid, das ihn beherbergt – und es ward, doch der Schatten trägt es. Ihn kleidete all das Verborgene, doch in diesem Gedankenstaat ist er weithin sichtbar, so dass die Kälber beginnen zu lauten. Pech fällt vom Himmel, aber nie hat eine schwarze Melange sich selbst das Fleisch von den Knochen geschält. Die Schritte verdampfen und können auch Jahrhunderte später nicht mehr rekonstruiert werden. Die Mauern verglühen und vor dem Fiebermann liegt der ersehnte Brunnen, die Wände hinunter kriecht er bar jeder Behinderung durch die Schwerkraft.

    Schnabelratten krümmen sich in von der Wolle angereicherten Pfützen tiefer Kavernen; ihre tränenden, flitzlichtigen Augen registrieren die Ankunft einer willkommenen Entität und zersetzen die liebkosende Fäulnis unter ihren Bäuchen etwas langsamer als zuvor. Das Inner-Unterste bläht sich zu einer neuen Welt. Besprechen wir das ferne Geistern. Komm, besprechen wir das Wesen der Furcht; komm, wir verändern die Ansicht über die Worte, die Lautverschiebung der Zaubersprüche, die der Schlot, der aus deinem Kopfe ragt, weht durch entsetzlichen Gestank! Setzʼ dich zu uns und entschlüpfe deiner Haut! Wir beschreiben sie aufʼs Neue für dich, Fremdling, Todesbote!

    Hirngedanken abgestaubt. Im Biss der Ruin, im Tanz die Wandlung der Fortbewegung. Im Entstehen deiner Sprache, die, aufgesaugt, eine fremde Transzendenz erfährt. Zwischen den Totenbarken wurdest du erschaffen durch Absonderung und Leid. Jetzt schlürfst du aus unserer Pfütze, dein Schatten aber durchdringt warnend die Bauwerke und befielt den Gespenstern, mit ihnen zu kommen. Todesbote! Bringer eines Anderen Todes, krüppelkleines Wehwehchen, verweile! Kälber rotzen von den Scharten und weihen damit die Passion deines abgestellten Herzens. Ich bin mit mir im Reinen, den Ratten, den Schatten, den bösen Wassern der Kavernen.

    Deine vorbildliche Wut. Ich kenne deine Knoten. Bleibt ein Abbild von jeder erdenklichen Welt, ein Katarakt der Tragödien, in einem einzigen Brunnen gefangen, der dann die Welt mit seinen Wassern umspülte? Lose hängen die Staubwände von den Simsen, die herrenlosen Kälber tölpeln durch zerbrochene Fluchten, die Zierde ewiger Ausschau. Jetzt greift der Fiebermann absichtsvoll nach den Erzählungen seiner Furcht, sammelt seine Schwäche in den vorgewölbten Händen und lässt sie für immer los. Hinter ihm wiegt sich das Neuland vor den Bergen, die er nie besucht. Unser glückloses Schwärmen, in Bechern gehalten, flieht vor unserem Durst.

  • Watching The Boys

    The Boys von Garth Ennis habe ich noch nicht gelesen und mich dennoch erbarmt, die Serie anzuschauen (obwohl Comicverfilmungen nie mit den Comics selbst mithalten können; auch bei Büchern gelingt das nur bedingt). Eine fünfte Staffel steht noch aus und wird uns erst 2026 erreichen, dafür bekommen wir im nächsten Jahre bereits ein Prequel. Wie schon bei Preacher ist Ennis‘ Handschrift klar zu erkennen. Das kann man von anderen Adaptionen nun wirklich nicht behaupten. Für mich selbst ist es interessant zu sehen, dass ein Schotte aufzeigt, wie Amerika funktioniert. Nun, ich werde sicherlich noch irgendwann darauf zurückkommen.

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    Irgendwo habe ich gelesen, dass Blogs bereits kurz nach ihrem Aufkommen (zur Jahrtausendwende) totgesagt wurden; allerdings gingen die Foren zuerst. Ich könnte mir auch kaum mehr vorstellen, mich in einem solchen zu tummeln. Durch das Aufkommen der KI werden sicherlich sehr viele Blogs verschwinden, oder eben mit nachgeahmten Beiträgen alles fluten. Doch warum sollte uns das kratzen? Bloggen ist eine Einstellung, so wie es das Schreiben früher ganz generell war. Viele tun das, um sich auszutauschen. Ich aber nicht. Ich habe nicht das geringste Interesse an einem Austausch.