Alan Moore und die unversöhnliche Kunst, ein Medium zu seinen tiefsten Möglichkeiten zu zwingen

Northampton und die Topographie des Zorns

Es wäre zu simpel, Alan Moore als wütenden Mann zu beschreiben – obwohl er das auch ist. Der am 18. November 1953 in Northampton geborene Sohn einer Druckerin und eines Brauerei-Arbeiters trägt die Topographie dieser englischen Mittelstadt tief in seiner Imagination: Northampton, eine Stadt ohne Glamour, mit einer Geschichte, die unter der Oberfläche der Gegenwart brodelt wie Unterwasser-Geologie, hat Moore zu einer Art mythologischem Koordinatensystem gemacht. Kaum ein bedeutender Autor hat seinen Geburtsort so konsequent in sein Werk eingeschrieben – von den viktorianischen Pflastersteinen in From Hell bis zu den elizabethanischen Geisterstimmen in Voice of the Fire, seinem einzigen Prosawerk. Northampton ist für Moore, was Dublin für Joyce war: ein ontologischer Grund.

Diese Verwurzelung hat nicht etwa mit Nostalgie zu tun. Sie ist eine politische und ästhetische Entscheidung. Moore hat London nie als Gravitationszentrum seiner Karriere akzeptiert, Amerika nie als kulturelle Heimat, obwohl sein Name in der Geschichte amerikanischer Comicverlage unauslöschlich eingeschrieben ist. Er blieb in Northampton, ließ sich einen Bart wachsen und legte sich auch sonst eine Physiognomie zu, die ihn wie einen viktorianischen Propheten aussehen lassen – und schrieb von dort aus Werke, die die Koordinaten des Mediums für immer verschoben.

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