Das süße Gift der Adoleszenz (2)

In diesem Frühjahr stach das süße Gift der Adoleszenz zum ersten Mal in Adams Lenden. Sicher lag es an dieser besonderen Jahreszeit mit ihren neugeborenen Düften und ihrer überbordenden Schönheit. Das funkelnde Perlenspiel der Sonne mit dem fortspringenden Wasser, Erwachen der gewaltigen Natur. Und er stand ja bereits auf der Warteliste, schielte die Mädchen seiner Klasse an, als brüteten sie ein Geheimnis aus – was sie auch taten – und lud mit der Abfolge ihrer Bewegungen, dem glockenhellen Lachen oder auch nur mit einer momentanen und unbedarften Geste seine Träume auf, die ihn bei nicht mehr vollem Bewusstsein, jedoch noch nicht im Schlaf, überfielen, die dennoch irgendwo aus ihm selbst zu kommen schienen, aus seinem Bauch möglicherweise (er spürte da einen dunklen Nebel auf, noch nicht in Sichtweite; aber er wagte es dennoch nicht, dorthin zu gehen, um sich zu vergewissern, was denn dahinter verborgen lag, ob der Nebel vielleicht nur ein Schleier sei, ein Tuch.). Verantwortlich aber war sein Kopf, der diese Bilder langanhaltend zu speichern vermochte und in ständigen Permutationen wiedergab.

Sicher lag es am Frühling, und sicher lag es an der Zeit, vor allem aber lag es an diesem Geistermädchen, dem er am 13. Mai tiefer in den Wald gefolgt war. Im Laufe all der Jahre, denen er ihr also folgen sollte, fand er nicht heraus, wer sie wirklich war. Vielleicht ist sie nur jemand in mir, dachte er, vielleicht verfolge ich mich selbst. Das könnte stimmen; ich würde ihm gern zurufen : »Das kann sehr gut möglich sein!« Aber erstens würde er nicht auf mich hören, und zweitens kann er es auch gar nicht. Ich bin keine der vielen Stimmen in seinem Kopf – ich bin Adam selbst noch nie begegnet. Vielleicht mag Sie das verwundern, schließlich schreibe ich über ihn, aber : schreibe ich wirklich über ihn oder benutzt er mich nur für seine Zwecke? Ist der übergeordnete Autor vielleicht nur ein Trick? Schreibt er am Ende gar über sich selbst und maskiert sich sozusagen mit mir? Vielleicht ist das Geistermädchen jemand in mir. Wie war das mit Narzissus? Er verliebte sich in sein eigenes Spiegelbild. Aber Adam sah an diesem Maitag tatsächlich ein Mädchen, sogar zwei. Zugegeben: nur er konnte sie sehen, aber ob sie nicht auch ein anderer hätte sehen können, wissen wir nicht.

Die Luft des Waldes ist ein Freund der Sinne, zumindest dann, wenn man keinen Heuschnupfen hat. Jedes Land ist im Besitz seines eigenen Geruchs, der sich im Honig der Umgebung einnistet, in der Milch und im Geschmack der Sonntagsbraten, die in den Suden des Wassers schmoren, das gestrandete Pollen von den Ufern reißt, sich durch die Installationen siebt, die frisch nach dem Krieg erneuert wurden – danach nicht mehr. Adam entkommt in den sich vom Winterspeck freimachenden Tag durch das Fenster der Bibliothek, das ebenerdig in den hinteren Teil des Gartens hinausführt, der zum Fluß hin abfällt. Sein Ziel ist das Rondell, das in der Mitte des ehemaligen Parforce-Jagdgartens um eine alte Linde kreiselt, nebenan der Ameisenbunker, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingezäunt ist. Schnurgerade achteln sich hier die Wege in die Himmelsrichtungen, dazwischen wogt das Unterholz, das sich an den einstigen Urwald erinnert, ihn aber nicht nachzubilden weiß. Adam denkt an nackte Haut, ruft sich schlanke Fesseln aus dem Gedächtnisspeicher, Pfirsichwaden, stets tanzend : seine Mädchen hüpfen auf den Ballen durch die Welt und schwenken ihre Röcke. Ihn zieht es zu ihren Füßen, denn ganz plötzlich erinnert er sich an eine seiner ersten Pollutionen mitten in der Nacht, und er erinnert sich an den Traum, aus dem er mit rasendem Herzen erwachte – aber er erzählt ihn uns nicht. So läuft er unter den rauschenden Tannen hinweg, entkleidet sich und sprintet die Futterwege des Damwilds entlang, hinein in einen Rausch, der durch die Illusion entsteht, ein Jäger längst vergangener Tage zu sein. Seine Geschwindigkeit ist seine Kraft, er spürt das tiefe, junge Tier und die Konzentration, dem Gestrüpp, den Ästen dadurch auch in rasendem Tempo ausweichen zu können. Noch ist er darauf bedacht, nicht in die Hexenkreise der Pilze zu geraten, aber auf Dauer wird ihm das nicht gelingen. Die Kettenglieder der überall synchron sich abwickelnden Welt führen ihn von einem Ring zum nächsten, die Absonderungen seiner schäumenden Poren legen eine Fährte, die ein einfacher Spaziergänger nie zu legen im Stande gewesen wäre. Das unbewußte Wissen von der Welt mit ihren traumartigen Strukturen aus Folgerung und Erkenntnis kommt zuerst, das Ich bildet sich gezwungenermaßen heraus als das Resultat des frustrierenden Einflusses der Wirklichkeit, die in Adam niemals richtig greifen wird. Vor sich entdeckt er diesen hellen Schein. Er kennt das schnelle Blitzen in den Augenwinkeln, das auch gleich wieder verschwindet. Carisma hatte ihm erklärt, das seien Waldgeister, vielleicht Dryaden, vielleicht Meliaden. Man kann sie nicht direkt ansehen, dazu reicht unsere kosmische Anonymität nicht mehr aus. Das Blitzen in den Augenwinkeln sei der Rest, der uns vom wirklichen Sehen geblieben ist. Doch dieser Schimmer hier raste vor ihm her und nahm zunächst keine Form an. Adam rannte rückwärts in der Zeit, rannte zurück zu seinen Vorfahren (welch langer Weg!), aber er kam näher – bis er im Hier und Jetzt entdeckt wurde.

Er war gerade dabei, eine der großen Adern zu überqueren, die auf das Rondell zuführten, als ihn Jessica, die hier mit ihrer Großmutter spazieren ging, überraschte. Die Zeitmaschine stoppte, Adam drehte ohne nachzudenken bereits bei, um wieder im Dickicht zu verschwinden. »Bleib du mal stehen, ich kennʼ dich doch!«, rief ihm die Alte hinterher, obwohl sie nur seinen nackten Hintern gesehen haben konnte, aber Adam blieb natürlich nicht stehen. Sein Herz legte einen weiteren Zahn zu. Zurück zu seinen Klamotten, er musste um jeden Preis seine Kleider wiederfinden. Jessica stand wie angewurzelt, während ihre Großmutter am Rand des Gesträuchs versuchte, in die Tiefe des Waldes zu spähen, um etwas zu erkennen. Sie hörte es jedoch nur knirschen und knacken, der Faun war unaufmerksamer als zuvor.

»Hast du das gesehen?« Jessica nickte. Sie wusste, wer da splitternackt durch den Wald geisterte, sagte aber nichts, weil sie glaubte, sich dadurch nur verdächtig zu machen.

»Das war doch einer von den Buben aus dem Dorf!«

»Ich weiß nicht, da war ja nichts zu sehen.«

»Na, noch weniger als nichts! Ist das nicht unerhört?«

Die wohlerzogene Jessica, die einmal die Frau eines Zahnarztes werden sollte, dessen Fetisch ihre Zähne waren, nickte erneut. Sie wusste sich nicht zu helfen, aber sie fühlte sich ihrer Großmutter gegenüber beinahe schuldig an dieser Begegnung. Dabei kannte sie Adam kaum. Sie wusste, dass er die Straße runter, nahe beim Schloss lebte.

Als Adam seine abgelegten Kleider bereits sehen konnte, entdeckte er auch das Geistermädchen. Es materialisierte sich aus dem taschenlampenähnlichen Licht, das er bei der Jagd durch den Wald vor sich her schweben sah. Das Gefühl, sie zu kennen, erreichte seine Nervenfasern noch vor dem Schrecken. Er ging in die Hocke, um nicht entdeckt zu werden und fragte sich, was er nun unternehmen sollte, denn das Mädchen machte sich eindeutig an seinen Kleidern zu schaffen, betrachtete jedes einzelne Stück, legte alles wieder ab, lief dann im Kreis darum herum und setzte sich zum Schluss darauf. Im Grunde wirkte sie ganz normal, trug Hose und Bluse – aber doch auch wieder nicht. Sie wirkte heller, wenn man das so sagen konnte, wie angeleuchtet. Die Farben stimmten nicht, um ihre gesamte Erscheinung herum kräuselte sich die Luft. Er entschied, dass er erst einmal abwarten wollte, was sie vorhatte. Irgendwann, so hoffte er, würde sie ja wohl wieder verschwinden. Aber das tat sie nicht. Sie saß nur da wie eine Skulptur und schien ihrerseits zu warten. Das Geistermädchen hatte selbstverständlich die Zeit auf seiner Seite. Es wusste, dass er da hinten im Gesträuch kauerte und zu ihr herübersah. Sie war sich nur nicht sicher, wie er sich in dieser Situation verhalten würde, dabei war er es, der sie erschaffen hatte. Der Traum ließ zu, dass sie sich näherte. Sie entstand wie eine sich entwickelnde Fotografie, die Kontraste traten aus dem Nebulösen und schärften ihre Konturen. Die ersten Versuche hatte er an den Schlaf verloren, aber er gedachte ihrer jede Nacht, bis sie sich von selbst zu lösen vermochte. So wurde sie der Succubus seines täglichen Rituals. Die Stimme erklang direkt zwischen seinen Augen : »Ich kann hier sehr lange sitzen.« Sofort öffneten sich seine Rankenarterien und sein Kolben erhob sich über das Wurzelgras. »Vistitez ma tente!«, sagte das Geistermädchen und war verschwunden. Adams körperliche Verwirrung allerdings blieb. Seine Hosen, Strümpfe, Schuhe, alles war mit dem Mädchen verschwunden. Stattdessen wuchs nun reichlich Solanum dulcamara, der Nachtschatten Hirschkraut (oder Bittersüß) in etwa der gleichen Anordnung, wie sein Kleiderhaufen dort gelegen hat. Seine Rute deutete nach Hause, ihm blieb wohl nicht erspart, sich unentdeckt zurückzuschleichen. Wer war sie? Die Frage musste er sich eigentlich nicht stellen, denn die Antwort musste er im Traum finden. Etwa zur selben Zeit (was eine problematische Formulierung ist, denn wir haben es hier mit Feldern und nicht mit Räumen zu tun) kamen Jessica und ihre Großmutter von ihrem Spaziergang zurück und traten Seite an Seite durch die wie ein Wolfsrachen gestaltete Tür des letzten Hauses in der Schulstraße. Noch beeindruckt von der flüchtigen Begegnung mit Adam, begab sich Jessica in ihr Zimmer und begann zu phantasieren. Freilich hatte die Natur eine Magie zu bieten, über die sie nachdenken wollte. »Es ist geschehen, wie er gesagt hat!« murmelte sie vor sich hin. »Oder ist es geschehen, weil er es gesagt hat?«

Die Großmutter indes setzte sich an ihren klobigen Küchentisch und versuchte, sich an ihre Kindheit zu erinnern. Das gelang ihr am besten, wenn sie die Tischplatte lange genug anstarrte, bis sie das Gefühl bekam, in sie eindringen zu können. Die Maserungen und Aststellen begannen ihr dann zuzuflüstern – und wenn sie jemand dabei gestört hätte, hätte sie auf der Stelle einen Herzinfarkt bekommen. Aber niemand störte sie. Zunächst erschien es ihr, als erblicke sie ihre Enkelin in den feinen Ziselierungen des Holzes, dann veränderte sich die Perspektive und sie sah Jessica mitten im Wald sitzen. Sie rührte sich nicht, saß nur da und richtete die Augen in die Ferne. »Sie sieht aus, wie ich einmal ausgesehen habe«, murmelte sie, »ist, wie ich einmal gewesen bin. Wenn wir geboren werden, nehmen wir einen Platz in der Welt ein, der bereits gedacht ist. Wir können ihn ausfüllen oder nicht, aber wir werden glücklicher leben, wenn wir es tun.«

Während Adam sich hinter Hecken versteckte, durch Gras robbte, von Baum zu Baum sprang, um sich zurück zum Fenster der Bibliothek zu schleichen, warf Jessica Adams Kleider unter ihr Bett. »Vistitez ma tente!«, sagte sie leise, legte sich auf die Tagesdecke und schlief ein.

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    Vielleicht bleibe ich unter einem Fenster stehen und bilde mir die Vision einer einsamen Existenz heraus, die dort im dämmrichten Erker ihre Sonette niederschreibt, nicht ahnend, dass die Unsterblichkeit kein Archiv besitzt, jetzt, da Bibliotheken fallen und die Erinnerung nur noch bis gestern reicht. Unter Brüdern bin ich auf Friedhöfen, grüße die Wurmlebendigen, die Simse umflappt von Falterstaub, ein letzter Kerzenschimmer über den Giebeln bleckt ein langes Gesicht, darunter gähnen Schluften und Hohlwege, Grottendämpfe zerwehen, vergehen an den Nostern, ausgeschnaupt und angesogen. Ich weiß viel von dunklen Wanderherzen, die sich vom Mondenschein zerklüften lassen, niederlassen an den Strecken, an den Bäumen, leisberauscht vom Zeiselwind. Dichtet euch hinfort, ihr Scharen lappiger Lappsäcke! Vom Frohn bestuhlt erschlafft euch die Zunge im Maule: Mistel, Kinster, Mahrentacken, Mahre, Gaul und Roß! In meinem Sehnen spinnt er sich ein, der Bruder Wurm – und verweigert sich den Zöglingen der Verderbnis. Er schreibt; steht ganz sinnlos und allein vor seiner Wirtin, die ihm den Mietzins aus dem letzten Auge sticht.

    So nenne ich dem leeren Fenster die Zeit und streune weiter, während die letzten ausgerufenen Sekunden zu mir zurückfließen wie Sternentaler. Denn wenn’s den Poeten nicht mehr gelingt, in dieser prosaischen Welt ein Herdfeuer zu entdecken, stirbt jeglicher Geist in den Dingen für immer hin, ersteht nie wieder, hebt nicht mehr den Odemkorb des letzten Hauchs. Ich finde mich im Nachtwind wohl, beobachte durch die kleppernden Läden das Zuendegehen eines Lebens, das noch Duft genannt werden kann, denn der da liegt freut sich offenkundig an der ewigen Wiederkunft und hält und bekommt gehalten das Händchen im Kreise seiner liebsten Kerzen, die so lichterloh scheinen und ihm das Angesicht wie einen Motor vorglühen, auf daß er ohne zu stottern und murren über den Gjöll blicken kann, zur Holle, dem Holunder hin. Noch ist der Jüngling nicht hinüber, beharrt, man kann es sehen, auf sein Recht, das Kissen aufgeschüttelt zu bekommen, um Freund Hein gebührend empfangen zu können, sodann nach einem Trunk mit ihm gemeinsam hinzufahren.

    Ich bin nachtwach, ein Schläfer bei Tage. Ich trage den Traum wie einen Anzug. Ins tiefere Tief hinein weht mich die Melange der späten Stunde, ein zerklüftetes Bäumelein auf einer Insel umgeben von Staub, die Raschelblätter in den ewigen Raum gebeugt.

    Dort hindert den noch Lebenden das Leben selbst am Scheiden. Die Kammer gehört ihm als Gast, der sich um den Abschied kümmert. Fragt ihn die Liebste nicht schon, wohin er gehe? Seine Lippen bewegen sich wie zum Gedicht, man meint, sie küssen sich in Bälde, doch wölbt sich sein Mund hin an ihr Ohr, und der Wiederschall meiner Rufe zersplittert wie ein gläsernes Wolkenschaf an einer Kerkerwand. Um die Errettung der Seele ist’s niemanden mehr, man weiß nichts mehr vom Tod zu sagen, als dass er nach wie vor verlässlich steht wenn aller Schmerz nicht mehr das Leben lindert.