Monat: Juli 2022

  • Colin Dexter: Der letzte Bus nach Woodstock (Inspector Morse #1)

    Der 2017 verstorbene Norman Colin Dexter formte einen der beliebtesten und berühmtesten Detektive sehr nach seinem eigenen Vorbild. Auch Dexter war ein Liebhaber englischer Kreuzworträtsel (nicht zu verwechseln mit den unsrigen) mit einem blitzschnellen Verstand, ein von Diabetes geplagter Biertrinker und ein Kenner klassischer Musik. Bis zum Schluss kannten die Leser weder den Vornamen des Autors noch den von Morse. Erst später stellte letzterer sich als Endeavour heraus.

    Um sich eine Pause von seinen launischen Kindern zu gönnen, begann Dexter 1972, die ersten Absätze eines Kriminalromans zu notieren. Zunächst war es sein einziges Ziel, sich etwas Zerstreuung zu gönnen. Daraus wurden 13 Romane und die beliebteste britische Fernsehserie aller Zeiten mit John Thaw als Inspektor Morse, die bald ein Prequel und ein Sequel bekam. Der letzte Roman der Morse-Reihe wurde 1999 veröffentlicht und beschließt einen Zeitraum von 25 Jahren. Auf der Liste der besten Detektive aller Zeiten rangiert er auf Platz 7, hinter Sam Spade, aber vor Father Brown.

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  • Robert Galbraith: Der Ruf des Kuckucks

    Der Ruf des Kuckucks
    Blanvalet

    Als „Der Ruf des Kuckucks“ im April 2013 erschien, wurden nur 1500 Exemplare verkauft, was für einen völlig unbekannten Autor dennoch gar kein so schlechtes Ergebnis ist. Als die Sunday Times im Juli des Jahres jedoch verlauten ließ, dass es Hinweise darauf gebe, dass hinter dem neuen Namen Robert Galbraith J. K. Rowling ihr Krimidebüt gegeben hatte, geriet die Welt in einen Kaufrausch und das Buch kletterte ohne Umschweife auf Platz 1 der Amazon-Bestsellerliste.

    Natürlich werden da viele Leser, die mit Harry Potter aufgewachsen sind, allein schon aus einer Gewissen Hoffnung auf einen Nostalgie-Effekt zugegriffen haben, auch wenn sie – wie sie schnell bemerkt haben dürften – mit der Krimi-Rowling dann doch nicht besonders warm geworden sind. Das ist keine pure Behauptung; man lese sich nur zum Vergnügen gerne einige negativ bewertete Aussagen zum Buch durch. Da trifft man reihenweise auf enttäuschte Potterheads.

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  • Das wahre Motiv / Uta Seeburg

    Es steht ohne Zweifel fest, dass das ausgehende neunzehnte Jahrhundert eine Zeit der Innovationen und des Wandels war. Kein Wunder, dass es dort für Autoren aller Art ein Fest der Erzählkunst zu feiern gibt, sobald man seine Figuren und seine Geschichte gefunden hat. Auf Uta Seeburg trifft das zu. Auch ihr zweiter Roman um den „falschen Preußen“ Wilhelm von Gryszinski ist ein sprachliches Fest, gleichzeitig vergnüglich, spannend und historisch mit allen bunten Farben versehen, die eine vergangene Epoche lebendig und authentisch erblühen lässt.

    Umbrüche – Spurenlese – Bratensemmel

    Wenn die Autorin ihr erstes Buch auf die drei Worte „Umbrüche – Spurenlesen – Bratensemmel“ eindampft, trifft sie den Kern zwar haargenau, stapelt aber auch etwas tief, denn sie achtet auf jedes Detail, als wäre sie eine Augenzeugin der Zeit und des Ortes, die sie beschreibt. Auch auf „Das wahre Motiv“ trifft diese Dreifaltigkeit zu, aber eines wird sofort klar: München war nie lebendiger als in den Geschichten der gebürtigen Berlinerin, die neben Komparatistik auch in Kunstgeschichte promovierte.

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  • Höllenjazz in New Orleans

    New Orleans, Mai 1919. Ein mysteriöser Mörder geht um, den man den Axeman nennt. Ähnlich wie im Fall Jack the Ripper gibt es einen Spottbrief, den er an die ansässige Zeitung schickt (beim Ripper war es die Polizei selbst, an die die Briefe adressiert waren), und ähnlich wie Jack the Ripper gab es den Axeman wirklich, auch er wurde nie gefasst, die Morde hörten einfach auf.

    Bei seinen brutal verstümmelten Opfern hinterlässt er stets eine Tarotkarte.

    Die Ermittlungen werden von drei unterschiedlichen Seiten aufgezogen. Da sind Detective Lieutenant Michael Talbot, der ehemalige Polizist und Mafioso Luca D’Andrea, der frisch aus dem Gefängnis entlassen wurde, und Ida Davis, eine Sekretärin der örtlichen Zweigstelle der Detektei Pinkerton, die unabhängig voneinander die Morde untersuchen.

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  • Der Opiummörder / David Morrell

    David Morrell hat in seinen drei De Quincey-Romanen den historischen Kriminalroman unendlich bereichert. Nicht nur, dass sie zum besten zählen, was es auf dem Sektor des viktorianischen London zu lesen gibt, es ist auch eine Meisterleistung der Recherche. Vater und Tochter De Quincey werden im Grunde nur von Sherlock Holmes selbst übertroffen, mit dem einen Unterschied, dass es De Quincey wirklich gab.

    Mord als große Kunst
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  • Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle

    Stuart Turtons Debütroman „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ ist ein origineller, hochkomplexer Kriminalroman, der als eine Mischung aus Robert Altmans Gosford Park und Christopher Nolans Inception beschrieben wird, allerdings in Anlehnung an Agatha Christies „Mord im Orient Express“, denn obwohl es sich hier um die Aufklärung eines Mordes handelt, ist der übergeordnete Hintergrund eher in der Phantastik zu suchen.

    Als der Roman 2018 erschien, konnte es für viele Kritiker keinen Zweifel geben, dass dieser höchst originelle Krimi das beste Buch des Jahres sein würde, und so bekam Stuart Turton auch gleich den Costa Book Award für das beste Debüt.

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  • Stephen King Re-Read: The Stand

    Das letzte Gefecht (The Stand) war ein Meilenstein für Stephen King, und das nicht nur, weil die Größe und das Gewicht des Buches einem tatsächlichen Meilenstein in nichts nachsteht. Es war das letzte Buch für den Verlag Doubleday und brachte ihm seinen ersten Agenten ein, der Stephen King von einem reichen Autor zu einem sehr, sehr reichen Autor machte. In schreibspezifischer Hinsicht gibt es jedoch einen anderen Punkt, der das letzte Gefecht über alles stellt, was der Autor bis dahin geschrieben hatte: es ist lang. Sehr lang. Und das ist wichtiger als man zunächst annehmen mag.

    Nachdem King seinen Roman Shining beendet hatte, dauerte es einen Monat, bis er mit seinem nächsten Buch begann: The House on Value Street. Darin sollte es um die Entführung der Verleger-Tochter Patty Hearst gehen. King war der Meinung, dass diese Entführung nur für einen Romancier Sinn ergeben könnte. Doch nach sechs Wochen Arbeit schaffte er nur ein paar Zeilen. Was aber noch schlimmer ins Gewicht fiel für einen charakterbasierten Schriftsteller wie King: seine Figuren fühlten sich leblos an und aus anderen Büchern entlehnt. So saß er vor seiner toten Schreibmaschine, umgeben von Recherchematerial und dachte an den Dugway-Vorfall von 1968. In diesem Dugway-Areal kam es zu einem Unfall: die Army hatte bei einem Nervengas-Test zufällig 3000 Schafe getötet. Er dachte auch über George R. Stewards Buch Leben ohne Ende nach, in dem eine Pandemie fast die ganze Menschheit auslöscht. Außerdem erinnerte er sich an etwas, das er vor kurzem bei einem christlichen Radiosender gehört hatte: “Einmal in jeder Generation wird die Plage über sie kommen.”

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