Ein Leben als Apologet

Einst war ich der Apologet des Surrealismus, was zu Beginn der 90er Jahre schwierig war, hatte man diesen Ismus in Deutschland doch nie recht verstanden. Wie wäre denn das Unbewusste, das Magische, das Zufällige zu verteidigen gegen einen Zweckrationalismus, unter dessen Ergebnisse wir erst heute so richtg leiden? Der Surrealismus hat heute in der Weird Fiction überlebt, bei uns wagt man das – ich bin vielleicht eine der Ausnahmen – noch immer nicht. Das liegt aber nicht etwa daran, dass wir, die einstige Hochburg der Romantik und des Phantastischen – plötzlich rational geworden wären, die faust’sche Seele wandert noch immer durch unseren Volkskörper, sondern weil wir wie kein anderes Land des Westens um Gleichschaltung bemüht sind, auch wenn die Medien das Gegenteil verlauten lassen. Die Franzosen hatten, als der Surrealismus als Weltanschauung explodierte, den mit Abstand rationellsten Verstand vorzuweisen – und unsere Romantik konnte nur anhand des aufklärerischen Gebarens der sogenannten Goethezeit zur Blüte gelangen. Aber gegen den geistigen Brei, den wir heute erfahren, kann man kaum ankommen, weil das dumpfe Blubbern darin regiert. Trotzdem ist die Phantastik meine Rettung, und natürlich bin ich heute deren Apologet.

Als sie ihn rief, kam der schwarze Reiter

Traurig; so traurig die rosig-rauchigen, mauve-rauchigen Abende im Spätherbst, traurig genug, um einem das Herz zu brechen. Die Sonne verlässt den Himmel in Leichentüchern von bunten Wolken; die Qual erobert die Stadt, ein Gefühl bitterster Reue, eine Sehnsucht nach nie Gekanntem, die Qual des endenden Jahres, der untröstlichen Zeit. Im Amerika nennt man den Herbst the fall, was an den Fall Adams denken lässt, als müsste das fatale Drama des urzeitlichen Obstdiebstahles wiederkehren und immer wiederkehren, in regelmäßigem Zyklus, zu einer Jahreszeit, wo die Schuljungen die Obstgärten plündern, damit im alltäglichen Bilde ein Kind, irgendeines, jedes, sichtbar wird, das vor der Wahl zwischen Tugend und Erkenntnis immer die Erkenntnis wählt, immer den schweren Weg. Obwohl sie die Bedeutung des Wortes „Reue“ nicht kennt, seufzt die Frau auf, ohne besonderen Grund.

Weiche Nebelwirbel dringen in die Gasse ein, steigen wie der Atem eines erschöpften Geistes aus dem trägen Fluss auf, sickern durch die Ritzen der Fensterrahmen, dass die Umrisse ihrer hohen, einsamen Wohnung wanken und verschwimmen. An solchen Abenden sieht man alles so, als wollten einem die Augen gleich mit Tränen übergehen.

Angela Carters dritte Sammlung erschien bei uns im Jahre 1990, fünfzehn Jahre später als das Original.

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Die Anfänge der Schauerliteratur

schauerliteratur

Gleich zu Beginn müssen wir zunächst über eine übersetzungstechnische Definition sprechen. Schauerliteratur meint hier Gothic Fiction. Das ist – wie so oft – kein adäquater Ersatz, soll uns aber hier vorerst genügen.

Was genau ist Schauerliteratur?  Und auch hier stellen wir fest, dass es keine konkrete Definition gibt, ob wir das Genre nun Gothic nennen oder nicht. Aber es gibt einige Elemente, die Schauergeschichten tendenziell gemeinsam haben. Aber nicht alle Schauermären, ob nun als Literatur oder als Film, enthalten all diese Elemente.

Es verhält sich etwa so wie bei dem Wort „postmodern“. Es ist ein unglaublich schwer fassbarer Begriff, der sich einer strengen Definition und Kategorisierung entzieht und oft mehrere Dinge auf einmal bedeuten kann.

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Auf der Suche nach dem wahren Robert E. Howard

Es wird Novalyne Price Ellis nicht leicht gefallen sein, One Who Walked Alone: Robert E. Howard the Final Years zu schreiben. Price Ellis’ Erinnerungen an ihre Beziehung zu Howard (etwa von 1934 bis 1936) sind von ungeschminkter Ehrlichkeit. Sie sind schmerzhaft, manchmal enttäuschend und geradezu frustrierend. Wir können uns in Howards Fantasie flüchten, aber all das ist hier nicht zu finden.

One Who Walked Alone ist mutig. Ellis opfert die Wahrheit nicht zugunsten eines zu wahrenden Gesichts. Howard war ein erfolgreicher Schriftsteller und ein Freigeist, der wilde, lebhafte Geschichten erzählte, die Price Ellis unwiderstehlich fand. Aber der Texaner brachte sie auch in Verlegenheit, weil sie sich nicht mit seinem manchmal seltsamen Verhalten in der Öffentlichkeit abfinden konnte. Enttäuscht darüber, dass er nicht ihren Vorstellungen von Männlichkeit entsprach, begann sie, sich mit anderen Männern zu verabreden, unter anderem mit einem seiner besten Freunde, Truett Vinson, was Howard bis ins Mark erschütterte. Obwohl ihre Reaktion auf den ersten Blick verständlich erscheint, war sie doch recht oberflächlich und unangemessen. Und doch ist diese kompromisslose Ehrlichkeit eher bewundernswert als abstoßend.

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