Auch nur ein Hund

Und die Ursel näht den Knopf an und die Ursel kann auch kochen. Königsberger Klopse. Das ist das Beste von ihr. Zunächst die Pellkartoffeln kochen. In der Zwischenzeit die Zwiebeln fein würfeln und in zehn Gramm Margarine glasig dünsten. Da huscht sie um den Tisch herum und ganz verstohlen blickt der Kurt auf seinen angenähten Knopf. Abgekühlt zum Hack geben. Das frische Hack hat der Herr Lekywizc selbst durch den großen Fleischwolf gedreht. Zuvor hat er selbst das Kalb entleibt. Davor hat er es selbst aus dem Uterus gerissen. Davor hat er es selbst gezeugt.

Das Hack mit dem Ei, Paniermehl, Pfeffer und Salz gut vermischen.

Sie zeigt ihm die Hände und dann lachen sie sich an. Mit feuchten Händen große Klopse formen. Die Brühe aus Kalbsknochen nach dem Kochen auf die kleinste Stufe schalten und die Klopse etwa fünfzehn Minuten ziehen lassen. In einem anderen Topf aus zwanzig Gramm Margarine und zwanzig Gramm Mehl eine helle Einbrenne bereiten. Mit Weißwein ablöschen und mit einem Viertelliter Brühe auffüllen. Sahne und Kapern zufügen. Die Klopse in der fertigen Sauce warm halten, bis die Pellkartoffeln gar sind.

Was liegt in unserer Hemisphäre, das uns eines Tages sagen lässt: Das ist schon lange her? Ich habe die Geburt gesehen. Man kann sie nicht verneinen, nicht in aller Ewigkeit. Der Geborene bestimmt seine Verneinung selbst, seine Existenz ist ein Feuerball, rein, glühend, enorm. Der Mensch fürchtet sich einzig vor dem Tode, weil er die Erinnerung an seine Geburt besitzt! Jemand, der dieses unauslöschliche Trauma nicht kennt, fürchtet nichts, muss sich die Furcht nicht eingestehen, er kennt das Geheimnis des Schmerzes nicht und wird auch einen Verlust nicht beweinen. Das Leben scheint es gut mit ihm zu meinen, denn das Schicksal gab ihm nichts zu lernen auf. Anders jene, die auf den Küchenboden plumpsen, unbemerkt, bis zu diesem Zeitpunkt zwischen Waschzuber und Kernseife, speckigen Handtüchern und dampfenden Kesseln. Das Leben zeigt ihnen sogleich ihr Herzstück und der Hund rührt sich in der Ecke, weil er an dieser Stelle, an der nun neues Leben noch am Nabel hängt, die gebrochenen Knochen des Fasans von gestern zerbeißen durfte, ein heruntergefallenes Ei verschlang.

„Du hast da was!“ Kurt raucht Pfeife und seine ungekürzten Fingernägel zeugen vom Gilb des Nikotins. Der Bart wird grau, doch die Speichelfäden lassen ihn silbern schimmern.

Der Hund ist heran und schnüffelt. Ursula sieht zwischen ihre Beine, der Sabber läuft an ihren Beinen herunter. „Was ist das?“

„Heb’s auf, Mama!“ Er steht jetzt auf. „Dreideibl, das ist ein Kind!“

Sie hebt das Bündel auf, wobei sie breitbeinig stehen bleibt; der Alte kramt nach der Geflügelschere, der Hund bettelt und schlotzt ihre Beine ab. Sie tritt nach ihm und verliert beinahe das Gleichgewicht wegen des schleimigen Bodens. Der Alte ist mit der Schere da und schneidet die Nabelschnur irgendwo ab, die jetzt wie ein Bandwurm aus ihrer Möse hängt. Das Kind schreit gleich los, ohne dass es etwas bräuchte und wird von schwieligen Händen im Spülwasser gebadet. „Wieso kriechst dun Kind?“, kläfft der Alte, der Hund schnappt nach der baumelnden Nabelschnur zwischen ihren Beinen, bekommt sie aber nicht zu fassen und wartet weiter auf seine Gelegenheit. „Weil du mich gefickt hast, du alter Ochse!“, brüllt sie und spült das kreischende Kind, bis es aussieht wie ein runzliger Wurm, ganz rosa, ganz lebendig. Der Alte fängt zu zittern an. „Es ist einfach auf den Boden geflutscht!“, sagt er fassungslos. Hast Du das denn nich’ gemerkt, du dumme Kuh?!“

„Hol Decken!“, antwortet sie und er holt Decken. Dann plätschert es zwischen ihren Beinen und die Nachgeburt fällt runter. Diesmal reagiert der Hund sofort und alle Tritte helfen nichts. Man lässt ihn, man lässt ihm ein Stück vom Leben, er ist auch nur ein Hund.

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