Pendelnichts

Die Vergangenheit entgleitet mir mehr und mehr, und das ist gut für die Bewegung außerhalb des Zentrums, das nun überall sein kann, so wie wir es von Foucault her kennen. Nichts ist quasi das, was wir haben. Ich bin frei in meiner Auswahl der Stoffe, also schaue ich mir gerne das Verlixteste an, das ich kenne. Eine undenkbare Welt spiegelt sich im Innern, darin findet sich nur immer das Symbol eines weiteren Symbols; ich glaube, die wahre Befriedigung ist die Ohnmacht, eine Rückkehr zur vertrauten Nabelschnur. Das ist anscheinend mit Paradies gemeint, der Apfel ist demnach die Geburt. „Lass den Apfel hängen, wo er ist, Eva!“ Wie würden wir uns denn dann in unserer kleinen Kammer einrichten, mit einer Mutter, die wie ein Wal auf den sieben Meeren treibt?

Mich fasziniert die zunehmende Distanz zu einer Welt, die einst war. Sobald die Momente in die Vergangenheit gleiten, werden sie rein fiktional. Jede Erinnerung, jede Beschreibung… Dieser eine Punkt, den wir zu greifen suchen, ist wieder einmal nur nichts, ein Pendel mit einem Radius, dessen Aufhängung wir nicht begreifen.

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    Man könnte sich mit der Natur verbinden, und wann immer ich – selten genug – einmal umringt bin vom Rauschen des Wassers, von Vogelstimmen und Bäumen – klärt sich mein Blick für ein Damals, das ich zur Gänze hinter mir weiß. Obwohl ich nicht mehr obsessiv an einer Erinnerungskunst festhalte, die für mein eigenes Schreiben essenziell war, bin ich weiterhin nur an der Vergangenheit interessiert. Und das, obwohl gerade jetzt die spannenden Dinge geschehen, wo die Wissenschaft am Boden liegt und zugeben muss, nichts erreicht zu haben. Gut, sie haben Schlaftabletten erfunden … und die professionelle Zahnreinigung.

    Eine interessante Passage bei Paula Hawkins‘ „Die blaue Stunde“ (die ich jetzt am Morgen fertig gelesen haben werde), erinnert mich daran, wie ich von einem offensichtlich fremden Mann aus der geheiligten Schulstraße 5a geholt wurde, von dem man behauptete, er sei mein Vater. Das stimmte zwar, aber ich war die ersten drei (vielleicht nur zwei) Jahre nicht mit ihm konfrontiert gewesen.

    Hawkins schreibt:

    Als ihre Eltern sie am nächsten Morgen abholen wollten, bekam sie eine Riesenpanik. Sie wollte nicht mit ihnen mitgehen und klammerte sich heulend an die Stationsschwester. Sie war davon überzeugt, dass das nicht ihre wahren Eltern waren, dass ihre echten Eltern sie im Stich gelassen hatten, dass sie sie nicht mehr wollten und an ihrer Stelle diese Eltern-Darsteller gekommen waren.

    Das Verhältnis zu meinem Vater war immer dies: er war nicht mein Freund, hätte vielleicht nicht einmal mein Vater sein sollen. Etwas ist schief gelaufen, ich selbst nahm einen falschen Platz ein. In einer Parallelwelt hatte meine Mutter überlebt, weil sie einen anderen geheiratet hatte. Einen Vater, den ich als solchen damals womöglich erkannt hätte.

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    Literatur ist erst einmal gar nichts. Wir wissen ja, dass es alle Geschriebene umfasst. Literatur ist nicht mündlich, ist im Grunde keine Erzählung. (Wobei nicht alles Mündliche an Erzählungen geknüpft ist und die Erzählung nicht ans Mündliche). Interessant wird das alles erst, wenn wir die Effekte begreifen. Da stehen zunächst nur irgendwelche Krakel, aber dann entsteht Magie. Tatsächlich handelt es sich um nicht anderes als Magie. Literatur ist in jeglicher Erscheinung irrational, ein Konstrukt, dem wir Kategorien zuweisen, die nicht im Geringsten natürlich sind. Magie selbst aber ist natürlich. Des Wortes Träger jedoch ist nicht irgendein angenommener Intellekt, sondern Wasser. Wie gesagt: des Wortes Träger. Ein Wort macht noch keine Literatur; bei einem Satz kann die Sache schon völlig anders aussehen. Jetzt haben wir es nicht mehr nur mit einem Wort zu tun, sondern mit einer Bedeutung (ohne dass ich damit sagen will, ein Wort hätte an sich allein stehend keine Bedeutung, aber um ein Wort zu erklären, benötigen wir durchaus mindestens einen Satz, um den Satz zu erklären einen Absatz usw.).

    Da spreche ich jetzt nicht von einem Gedicht, wie ich es schreibe. Ich kümmere ich nicht um eine Erklärung, sondern um die direkte Magie. Um das Wirken von Magie und nicht um den Prozess der Magie, den Worte grundsätzlich auslösen.


    Ich bin heute mit halbsieben spät dran und auch nicht gleich zu einem Kaffee gekommen (überhaupt sitze ich erst einmal eine halbe Stunde vor mich hin, bevor ich mich Richtung Küche bewege).

    The Mill
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    In den letzten Monaten waren hier viele Anomalien am Nachthimmel zu beobachten gewesen. Seltsam scheint es mir, dass dieses weltweite Phänomen hierzulande nicht wahrgenommen wurde; wobei: was man nicht wahrnimmt, darüber kann man schwerlich sprechen. Gerade die Deutschen sind ein sehr dummes Volk. Das Mond tat ebenfalls, was er wollte, obwohl das nicht stimmen kann, weil sonst alle Wasser aus der Büchse geschwemmt wären, unser eigenes hätte uns wohl das Gehirn zertrümmert. Kein Jammer.

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