Ein Verbrechen in der Nacht

Was immer der Kriminalroman ist – das Unheimliche, das Böse, das Verbrechen, das Rätsel – beherbergt er wohl aller Menschen Los. Was aber, wenn einmal kein Verbrechen geschieht? Dann ist die Fiktion immer noch ein Rätsel, mehr als es das Leben ist. Und vielleicht ist schon mit aller Existenz ein Verbrechen im Gange, nur gelöst werden kann es nicht.

Zur Nacht – ich mag an einer bestimmten Stelle der Nacht Müdigkeit empfinden – aktiviert sich das Nachtgehirn, das sich ganz und gar von dem des Tages unterscheidet. Vielleicht tritt es gerade durch die Erschlaffung der körperlichen Funktion hervor. Ich ging auf und ab vor meiner Bücherwand; gehe ich nahe an sie heran, sind es viele, trete ich etwas zurück, bemerke ich vor allem das Fehlen jener Bücher, die noch nicht da sind. Dieses Fehlen fällt mir auf, weil noch Wand zu erkennen ist. Ich habe Mühe, die Nacht zu verschlafen – ein Traum ist ja nicht garantiert. Eine Nacht ohne Traum währe allerdings vertan, also muss der Ersatz, der sichere Ersatz, die Lektüre sein. Nicht das lineare Zeilenfolgen, sondern das Fliegen durch auffällige Bände, die sich anbieten durch ihr leichtes Vorstehen, das Durchbrechen der sauberen Linie.

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    Die Domäne der heißeren Zerstörung hatte das Land ergriffen, in das er jetzt hineintrat und ihm war es, als fiele er von einem heißen Sommermonat in ein kaltes Kneippbecken, um ihn vom Leben selbst zu kühlen, denn als er gerade noch das Grün einer wilden Botanik durchstreifte, war er von einer Sekunde zur nächsten der blühenden Pflanzengesellschaft verloren. Noch dachte er, dass sich das Land schnell verändert haben musste, während er in Gedanken war, denn der Keim aller Trostlosigkeit steckte in diesem abrupten Wechsel, und es wollte ihm gar nichts nützen, dass er zunächst instinktiv zurückschreckte und überrascht hinter sich blickte: der Eindruck blieb nämlich bestehen, so als habe er sich mit der Vorstellung des Üppigen selbst getäuscht. Er war wie so oft an eine Seifenblase gekettet, die von innen unzerstörbarer anmutete als das von außen der Fall war. Diese zerstobene Blase ließ ihn jetzt die Wahrheit erkennen und zum ersten Mal in seinem Leben fragte er sich, wo er war und wie er dort hin gekommen sein konnte. Seine Vergangenheit war ein plötzlicher Morast, bestehend aus Winkelzügen einer unzuverlässigen Erinnerung, die ihn bedrängte und zur Selbstbefragung nötigte, ob er sich nicht ebenfalls seine Wanderungen eingebildet haben könnte, ob er nicht wie im Traum nur durch Fassaden eines Gedankenpulvers gefallen war, dessen Millionen Körner ihm eine feste Welt vorgegaukelt hatte. Womöglich war er farbenblind geworden, oder war er es schon immer gewesen? War denn die Erinnerung überhaupt in einer Strecke zu fassen, im Vorbeigleiten der Geschehnisse, die wie Gebäude in Reih und Glied am Saum einer Straße aufgeknüpft standen, einer Trabantenstadt so ähnlich wie er selbst der fernen Beschreibung eines nur vage wahrgenommenen Tiers?

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    Wir kletterten freitags zu deinem Badefenster hoch, Mull of Kintyre, ich erkannte dich nicht durch die verschleierte Scheibe, aber ich ahnte dich stets in deinen Kleidern, machtest den Augen das Wasser schaumfrei, stelltest dich hin mit deiner Seife in der Hand. Dunkles Gewölk hinterm Schleier. Du warst nicht meine Inanna und Emma war nicht meine Inanna, aber sie war die erste, die meine Federn zählte, die mir Kamillentee brachte, als ich in die Badewanne spie, fiebrig wie ein Destillierkolben. Den großen Unbekannten erwartete sie, in Dorn glaubte sie ihn gefunden. Nicht ich war es, dem sie näher Schwester war. Und trotzdem trug sie eifersüchtige Züge in ihrem Gesicht, wenn sie davon hörte, von diesem Ritual am Freitag, an Claudias Badetag. Das Klavier taktet ein Jubilee zwischen den Hämmern hervor, der Klang erschafft sich Räume, begehbar, sauber gekehrt, aber verfänglich. Wenn Carisma von dem Wolf und den sieben Geißlein erzählte, brannte Adam darauf, sie zu fragen, woumallesinderwelt dieser Uhrenkasten steht, wovon redet seine Großmutter da? Hielt den Uhrenkasten dann für einen schönen Kirschholzschrank in der Wohnstube, der nach Leinöl riecht, wenn man ihn öffnet. Die schönen Sachen sind dort verstaut. Das wird dem Wolf (dem Groenendael) den Geruchssinn kosten. Nie benutztes Service kostet die Speise, die abgelegten Bilder kosten das Herz.

    »Du siehst nicht gut aus, möchtest du dich nicht hinlegen?«

    Emma kommt, nachdem Adam sie angerufen hat. Er hat sonst niemanden, er hat keine Ahnung davon, dass sie alle über ihn sprechen, vom Verrecken eingeholt, dass sie sagen : Den hat es aber schlimm erwischt. Der sitzt jetzt allein da in seinen fünf Zimmern.

    »Bring mir noch den Stein, von dem ich träumte, Wegweiser nach der Wüste hin!«

    Emma nimmt nicht wahr, was er da faselt, ausgespuckt ein Zwiegespräch, schwimmt mit einer schäumenden Geste über das Spiegelbild, erinnert sich an den Teich.

    Zweiundzwanzig Uhr.

    Manch Stundenschlag meint Gegenwart. Unter die Chaiselongue gekrochen, Staub geatmet, die bessere Zeit. Hier zeigt sich, dass sie eben nicht vergeht.

    In die Schule kommen. Knöchern die Masquerade anziehen.

    Ein Bild: Wie sie da stehen, ein Bild von einem Bruder, den die Linse ernster nimmt als mich. Noch keine Magenentzündung wegen der Zigarettenfresserei, die duftenden Gifte.

    Der Zug rast hinter den alten Hütten vorbei, Bewegung kommt ins Leben, wir werfen Steine nach der flüchtenden Kuh.

    »Es gibt schlimmere Dinge als die Wölfe im Winter!«

    Murmelt nur, erbricht sich erneut, aber jetzt hängt sein nackter Arsch dazu über dem Badewannenrand.

    Zweiundzwanzig Uhr zweiundzwanzig.

    Die böhmischen Grenzposten an der Eger, wo sie als Grenze herumalbert und eigentlich schön ist, sehr glatt, von Bisamratten durchschwommen wird, wo die Mädchen sich Kleider nähen, um sie ausziehen zu können, der angefrorene Urin die Ritzen verfestigt, wo der Staub unter der Chaiselongue Zweiundzwanzig Uhr zweiundzwanzig eines bestimmten Tages bedeutet, Carisma oben drüber einschläft, das Fernsehprogramm zur Musik von Donna Summer eine Rakete in den Himmel schießt, Wolken vor ihrem Mund, Science Fiction, die Sonne auch im Schlaf nicht zu sehen (wenn es je eine Sonne gab). Yul Brynner läuft durch einen hypermodernen und tödlichen Freizeitpark, in der nächsten Woche wächst Tarantula ins Unermessliche.