Es kann verbunden werden, das Geschehen nicht verkleistert, sondern
In einem Rutsch auf das Ziel zugesteuert, das mag im Dunkel liegen,
Mag sich sogar dem Einsatz entziehen, hat aber eine große Geltung
Wenn es darum geht, zu bleiben wie man ist. Die Bewegung treibt sich
Um das fokussierte Etwas herum, schleicht in Schleifen davon, kehrt
Bei mangelndem Licht zurück, um etwas Körperloses zu sagen.
Lorebuch
Alte Flecke (die vorher ganz frisch erschienen)
Wo das Geäst über die blanken Balken der Schänke streicht und
gemeinsam mit dem Wind die Zeit vom Gehäuse schabt, da standen
die verlorenen Erinnerungen, die nicht mehr Geschehen waren, aber
auch keinen Gedanken mehr infizierten, und sahen auf die Uhr, die jemand
von einem Bahnsteig gepflückt und hierher umgepflanzt hatte. Ihre Zeit
des Spukens würde kommen, wenn die Sonne ein anderes Land bereist und
sich nicht für die Schattenspiele hinter ihrem Rücken interessiert. Doch bis dahin
hieß es : verharren! Den Hüttengesang vernahm man schon
von einer großen Entfernung aus, da waren weder ein Giebel, noch ein Strauch zu sehen.
In einen Tonkrug gesungene Phrasen von Treue und Schicksal, von Torkeleien
an den Häfen und dem Mahlstrom auf hoher See. Öffnet man
die unbewegliche Tür, verstummt all das Raunen und alle Flecke werden wieder alt.
Kein großer Rummel
Der Mond sank nicht aus sich selbst heraus unter seine Achse
Manche Bretter stapelten sich zuletzt und von oben hatte man
Ein ganz anderes Gesicht. Nummernlose Wolken. Kein Halsband
Kein großer Rummel. Überhaupt nichts das man
Zur Kenntnis zu nehmen sich befleißigte um Nutzen zwischen
Den Käferleichen auf dem Rücken wippend also doch
Noch nicht ganz Leichen zu verstecken.
Die Vertrautheit verschwindet wie ein Naturgesetz und
Mit einem Mal. Man sieht es nicht kommen weil es nicht kommt
Schon immer dagewesen schleicht es um nichts anderes als
Einen Knopf der an eine Hose gehört um die Abteilungen
Geschlossen zu halten die sonst ja übervoll die Bäuche aus
Ihren eigenen Fenstern hängen müssten. Das mit den Wegen
Ist nur ein Gerücht. Dass sie sich beim Gehen formen.
Nur die Attraktion der anvisierten Punkte pfadet einen Weg und
Treibt die inneren Gäue wie eine Urlandschaft vor sich her
Die Milch gibt wenn man sie höflich danach fragt und nicht
Einfach in ihrem Wasser rührt. Manche Baldowereien müssen
Unbedingt vor dem Essen ausgeführt werden – niemand denkt
Wenn der Bauch nicht denkt. Und niemand kniet wenn
Das Knie nicht kniet.
Die Wirklichkeit verliert ihren hübschen Schmollmund
Die Gespenster verschwinden, sie werden als Erinnerung
blass, Gedanken gehen schon fehl, krachen an die Wand
ein Durchdringen jetzt nicht
ein Raum wie eine Barke
verschwindet sie, bleibe ich zurück
das Lebhafte ist nirgendwo verzeichnet, kein
Abspielgerät zumindest der wichtigsten Knotenpunkte
kein Infostand – mit Reklame für den Frieden
kein Rückspulsekret – verteilt um den
Lautstärkeregler und dann erst das Bild
Es ist die Freude der Erde, wenn sich die Würmer
dazu erbarmen, die Abfälligkeiten zu beseitigen
oder Noblesse walten zu lassen, gelb schon, Zeit schon
aber alles parkt auf dem Rücken der Niederlagen
und der Wettkampf hat begonnen, nicht
schnell genug, Bursche, du wirst noch mehr
Kartoffelsuppe vertragen müssen, wirst dir
andere Schuhe, denn Wandern ist des
Windmühlenbesitzers Lust, wirst nicht mehr
am Rückspulsekret schaben
Räuberisches Haupt
Das Wetter ist unentwegt schön, man glaubt gar nicht, dass irgendwelche Geister gerade heute ihre Geisterhunde spazieren führen wollten, sollte das walk-the-dog-Syndrom auch später noch gelten. Aber diese Schönheit des Tages, diese besondere Bläue des Himmels, lässt die dunklen Falten dennoch gewähren, wahrscheinlich mit einer Anwesenheitsliste, damit man die Schuldfrage schnell abhandeln konnte, wenn es denn erwünscht war und niemand das räuberische Haupt verantworten wollte.
Es ist der Kommunikation so viel anheim gegeben, da reichen komplexe Sprachsysteme nicht aus, da müssen auch die Gesichtsmuskeln mitspielen, die Hände, die ganze Haltung – und dann merken sie, dass sie gar nicht sprechen, jauchzen und jodeln müssen, sondern sich auf Zehenspitzen drehen und hüpfen können – bis sie niemand mehr versteht, gerade so, als würden sie doch reden.
Lass mich tanzen, ich will reden.
Lass mich sitzen, ich will reden.
Lass mich aufstehn, ich will reden.
Die Geister kamen wirklich nicht heraus, ihre Geisterhunde blieben auf ihren Geisterteppichen liegen und wünschten sich eine Geistergasse herbei, aber solcherlei Vergnügungen waren weit. Die Sonne lässt Geister verdampfen und – von brodelnden Kochtöpfen angezogen – könnte die diffuse Gesellschaft in die Nahrungskette eingreifen, Spukkartoffeln zum Beispiel könnten mit einem mal gar sein und im nächsten Moment wieder roh.
Im anständigen Teil der Stadt
Sie drehte sich um und beobachtete, wie der Fremde an ihr vorbei ging,
fragte sich, was ihm zugestoßen sein mochte. Im anständigen Teil
der Stadt beteten sie die Wirklichkeit an. Es brannte nicht mehr, als er
einige Stunden später erwachte.
Die Türen zu allen Geschäften standen offen, manche wie ein Schlund,
eingeschlagen und marode. Im anständigen Teil der Stadt
brachten sie sich zu Anlässen gegenseitig Kuchen. Aus den Kesseln
unter der Stadt dampften Wassersignale.
Die Vehikel schlurften durch die Straßen, obszöne Jäger emsiger Flaneure,
die jeden Tag nur einen kleinen Bissen dieser phänomenalen Aussicht
zu sich nahmen. Im anständigen Teil der Stadt
gab es Prospekte, die alles aus der Ferne zeigten.
Die entblößten Träume
Ich bin auf der Suche nach dem Seltsamen.
Das Leben, die entblößten Träume…
oder mehr noch : der fehlende Sinn, der nur dann fehlt, wenn er wirklich fehlt
und nicht etwa wenn es ihn gar nicht gibt.
Dieser Baustein, der beweisen könnte
dass die Schöpfung eine runde Sache ist, alles
eingerastet und läuft wie geschmiert, wir haben
die Vernunft doch tatsächlich als solche erkannt, hurra.
Die Gebäude und Räume können nur von einer Seite aus betreten werden,
eine Auswahl fällt daher leicht. Im Innern aber
stecken die Möglichkeiten
einer ausgedehnten Traumwanderung, die
– wie eine gute Geschichte – irgendwo anfängt
und irgendwo aufhört. Das Vorher und Nachher ist nur
als Potenz vorhanden, aber es wiegt schwer
in seiner Nichtausgesprochenheit.
Das Leben, die entblößten Träume…
Das Seltsame hat einen anderen Grund als das Gewöhnliche zu konterkarieren,
es führt seinen Tanz in Stille aus und ist
präsent wie ein Bild, das von einer ruchlosen Hand
überpinselt wurde, in der Annahme, niemand würde kratzen
oder schaben oder sich fragen, warum die Farbe
derart monströs aufgetragen wurde,
ob sich da nicht ein Geheimnis finden ließ bei der Entscheidung :
Welches der beiden Kunstwerke soll dem Vergessen
in den Rachen geworfen werden? – von denen eins vielmehr
ein quasi-Kunstwerk ist, mit einem quasi-Dasein.
Zerstören wir das Sichtbare für etwas, das wir nicht kennen –
und wäre ein Vergleich nicht ohnehin töricht? Eine Skizze
ist der erste Beleg für die Dauer,
denn solange immer alles möglich ist,
vergeht kein Gedanke ungedacht.
Schweremut (zum LiveBook-Event „Endlich Schuld“)
Die Hütte, in der man sie antraf, hieß SCHWEREMUT, und ihre Tage und Nächte verbrachten sie in ihrer abgewirkten Haut, die man ihnen hinterlassen hatte, als man sie floh. Töchter der Baba Yaga, der grausamen Frau mit ihren herabhängenden Brüsten und einem knochigen Bein. Kinder des gefallenen Gottes, in einer Knochenwiege ausgesetzt bei den ramponierten Grabsteinen verscharrter Mörder. Die Schwestern betteten sich in Moder und ihre Blutlust war noch ihre schönste Charaktereigenschaft.
„Dreh diesen Körper zu mir, Santa – ich will die Beschaffenheit des Fleisches mit eigenen Augen sehen.“ Derbas Tunnelaugen wiesen die Nacht in ihre Schranken, als sie sich bereits selbst über die makabre Kulisse stülpen wollte.
In den Hanfseilen unter dem Boden hangelten die Leichen, die ebenfalls umgedreht werden mussten. Clodette war die Todwünscherin der drei Schwestern, gram und grau, deren durchdringendes Gezeter bei Neumond, der rabenschwarzen Nacht, die Schauer von Tür zu Tür wanken lässt. Sie stehlen nicht die Kinder – sie stehlen ihre Gebeine, um sie in marschierende Puppen zu transformieren, mit Kleidern aus der Jahrmarktstonne, von Hüten aus dem Gulag.
Die Kinder im Staub
An manchen Tagen spielten Kinder im Staub und blickten den Fuhrwerken entgegen, die in das Dorf einrollten. Sie spielten, dass sie einen Schatz fänden, sie spielten aber auch, dass sie diese Straße bauten, dass man ihnen dafür dankte, weil die Händler so ihre Ware schneller liefern konnten. Wenn es regnete, führte die Straße, die nicht viel mehr als eine Piste war, direkt in das gesammelte Wasser hinein, so als läge auf dem Grund in diesem zeitweiligen See ein geheimnisvoller Ort, und die Straße wies den Weg. Die Kinder dachten sich dann Abenteuer aus, mit sonderbaren Geschöpfen, die dort hausten. Das taten sie während der Regen fiel und sie spielten. Die Kutschen lagerten an den Streckenposten und alle warteten. Die Kinder warteten nicht, sie träumten. Obwohl sie träumten, brach ein neuer Tag an, an dem ihre eigenen Kinder dort spielten, wo nun Teermaschinen und Walzen die Erde erstickten. Nachdem die Bauarbeiter ihre Maschinen ausgestellt hatten und nach Hause gegangen waren, spielten die Kinder, dass sie nun die Straße planierten und den kochenden Teer verteilten. Sie spielten, dass es gar keine Baumaschinen mehr wären, sondern Raumfahrzeuge. Wenn es regnete, dann roch es komisch. Es roch nach bitterer Hitze, ölige Tropfen rannen von den Dächern der Fahrzeuge. Die Arbeiter warteten in ihrer Halle, bis der Regen nachgelassen hatte. Die Kinder warteten nicht, sie träumten. Und während sie träumten, zog ein neuer Tag herauf, und ihre Kinder spielten am Straßenrand. Wenn ich da jetzt hinginge und nachsähe, könnte auch ich von dem träumen, was einst war. Ich stehe auf der Schulstraße und erblicke nichts als Regen. Es ist Nacht und niemand kommt mir aus dem Brodem entgegen. Das Geistermädchen ist schon längst in den Wäldern verschollen.
Das Geistermädchen
Die Schupfentüren knarren auf und zu, die
Bienen schlafen, die Gänse schlafen, die Häuser schlafen,
nur ich schlafe nicht
und so stampfe ich in die fette Dunkelheit des Kellers hinunter
und bilde mir ein, hier sei die Nacktheit eine Präsenz, die nicht nur
vom Lummerlicht der Glühlampen repräsentiert wird, vom kalten, grauen Betonboden,
den Gattern der Parzellen. Sondern von der Vorstellung, dass jeder
einen solchen Keller auch in sich trägt
die Verwandtschaft des Körpers mit einem Haus ist nicht nur
sprichwörtlich als solche zu nehmen. Es spielt keine Rolle, wie viel Uhr es ist,
denn draußen prasseln die Jahreszeiten vorbei,
alles ein dunkelgrüner Fleck, dann Lichtung, dann Rhode, dann Dorf und Feld.
Als erster Mensch (oder letzter Überlebender) nehme ich mir ein Stück Seife
auf die nächtliche Straße hinaus, um mich, im Regen stehend, abzureiben,
während ich das schattige Schloss beobachte, ob es sich vielleicht bewegt. Natürlich
hätte ich auch unten im Fluss baden können, dort aber stank es abscheulich
Die schlafenden Vögel werden nass, aber ich sehe sie nicht, sie schlafen
und machen sich nichts daraus. Feine Nadelstreifen in der Nacht. Im Haus
ist es ruhig, und auch das Schloss bewegt sich nicht. Unvorstellbar ist mir der Gedanke,
dass in seinen zahlreichen Räumen die Zeit gefangen ist, ohne sich auch nur
ein einziges Mal bemerkbar zu machen, am Fenster zu winken, Luft durch den Schlot zu jagen, die Türen zu schlagen.
Lavendelwasser rinnt an mir herunter und verschwindet nur schwach schäumend im Gemenge der flüssigen Massen.
Ein Geistermädchen entschwindet in die Wälder,
morgen werde ich ihr folgen, um ihr zu erzählen,
dass eine Dusche unter freiem Himmel sie wieder lebendig machen kann.
