Turmzimmer zu Karstenfels (Re-up mit Bild)

Ich muß erneut eingeschlafen sein. So viele Schlafe, da mag ein Schlaf getrost kein Schlaf sein. Schlaff natürlich wird der Körper, daher kommt’s; aufstehen, erschlaffen und so fort. Ich stecke im Hotelzimmer meiner Chimären fest, das vorzeitige Erwachen betrifft nur meine doppelte Existenz. Jede der beiden will die Oberhand gewinnen. Das könnte sich als wichtig erweisen, wenn es einmal darum geht, wer ich bin, wer ich heute bin, wer ich gestern war. Der Ausschluß anderer Existenzen ist der konsequente Wegfall vieler alternativer Möglichkeiten, aber die Existenz selbst ist so schwammig, daß jedes Philosophieren darüber nur ein weiteres Spiel bleibt, ein Zeitvertreib; jeder Gedanke an ein anderes Leben ein Schatten, der nie wirklich da ist, aber auch niemals ganz verschwunden; mauvaise foi.

Unter verklebten Lidern befindet sich noch ein Rest der wirklichen Umgebung, eine dampfende Laterne, von Faltern umschwärmt. Da ist keine Erinnerung, nur eine trockene Kehle. Körperfunktionen halten inne, der Puls ist ein kleinwüchsiges Klopfen, die Säfte sind erstarrt, tief ins Gewebe zurückgezogen; die letzten Inseln lauernder Funktionslosigkeit. Bilder kehren mit dem Blut zurück zum Herzen, reisen mit Transferrin im Eisenbahnwaggon, Schubtore geschlossen, damit während der Langsamfahrt niemand aufspringen kann, Rucksack in die Ecke, Guitarre raus (ein Hobo!). Nichts gegen den King Of The Delta Blues Singers oder Steve Earle, wir aber reden hier von Gedanken, von Geschehnissen. Das ist kein Swamp-Soundtrack, das ist eine Geige, die sich Ritzen sucht. Da fällt durch, was sie ausscheidet, klagende, kratzende Diarrhoe.

Das Licht spielt, wie es von jeher mit der Welt spielte. Planetenstaub, angebumst von koronalen Massenauswürfen, Tiktaalik rosea, der dann Affe wurde. Bettzeug, das nach barocken Liebeslagern muffelt. Die Zunge der Zeit hat hier mit fetten Zotten den frischen Geschmack in den Rachen befördert. Der Eindruck ist nur noch ein finsteres, oxidierendes Relief. Wo bin ich? Ich will nur meine Stimme hören, die mir der Katzenjammer zugesteht. Es gibt Märchen, da antwortet der Teekessel überschwappend der magischen Brühe : »Rauss mitt diiir, bevor man die Prinsesssin skalpiert!«

Und ein Pferd tritt ein (Ah! es ist ein Friesenhengst, mit Hafer in den Ganaschen!), der junge Held von burlesker, ganymed’scher Schönheit tränkt seinen Körper im jetzt golden dahinfunkelnden Sonnenschein, der durch die Risse der garstigen Schwiegermutterscheiben taumelt. Dann ein recht merkwürdiger Name, sagen wir, Behrokh, sagen wir, Behrokh Espenlauba, die zitternd mit noch blonder Mähne im Turmzimmer zu Karstenfels ganz oben unterm Dach dem Einen harrt, der eine sehr, sehr durstige Kehle hat. Das Märchen beschreibt das runde, zugige, und von außen abgeriegelte Zimmer mit ein, zwei romantischen Paradesätzen, verschweigt die Bettpfanne, den stinkenden Essenstrog, erwähnt allerdings die Unmöglichkeit, das Gemäuer zu erklimmen. Viele haben’s schon versucht, hört man da, alle sind sie schauerlich deformiert und zerbreit an ihrem Leib ins Geisterreich gefahren.

Egon Brunswick

Brunswick ist in den dunklen Gefilden der Leidenschaft zu Hause. Es sei möglich, im Blut zu lesen, behauptet er, hat sein Kunststudium abgebrochen, um sich den Tableaus hinterlassener Installationen zu widmen, die, wenn man den Standpunkt teilt, abscheuliche Verbrechen darstellen, aber wie alles, was der Mensch in Angriff nimmt, künstlich erscheinen, es sei denn, es handelt sich um Vatermord, aus dem in Darwins Urhordentheorie die Zivilisation erwuchs, die sich wiederum zu diesen beeindruckenden Gebilden befähigt zeigt. Stets tauscht Brunswick das Wort Mörder gegen Künstler, spricht von Arrangements und nicht vom Tatort – und wird deshalb von seinen Kollegen gemieden, gerät nicht selten selbst in den Verdacht, sich der Kriminalistik nur deshalb genähert zu haben, um jene Bluthochzeiten (wie er manche Tableaus zu nennen pflegt) nicht selbst ausrichten zu müssen, um aber nahe dran zu sein, sozusagen in der Tat zu stehen, geschweige denn vom Blutgeruch betört über einer Interpretation zu schweben, die ihn oft auf unerklärliche Weise den Künstler spüren und aufspüren lässt. 

Esrabella Gräf – Die Witwe

Esrabella Gräf, die viele für die Jezi Baba hielten, von der die meisten dachten, sie sei stumm wie ein Fisch, sprach in Wahrheit mit ihren Hühnern. Manchmal konnte man sie hören, wenn sie sich unbeachtet fühlte, wie sie nach Elster und Fango rief, den beiden Ausreißern ihrer Zucht. Esrabella Gräf also erwähnte gegenüber Krippner, dass die Wölfe einen menschlichen Gefährten hatten, der ihnen den Weg in den Schwarzenhammer wies. Erstaunt lauschte der Jäger dem rostigen Knarzen und dachte darüber nach, was sie denn damit meinte, wenn sie sagte: »Då Wulf is niert ålloi kummer!«

Das Porzellanmädchen


Da er kein Ziel hatte, wäre es auch nicht wirklich ein Umweg gewesen, aber die Figur winkte ihn zu sich heran. Von da, wo er stand, sah sie aus wie eine alte Gänsemagd, ein Sommerhütchen auf die orangeroten Locken mit einer roten Schleife gebunden; ein weißer Wickelrock – oder was immer das sein sollte – begann unterhalb eines ebenfalls roten Jäckchens, das über einer weißen Bluse geschlossen den Gesamteindruck der Halluzination verstärkte. Nicht wegen der Kleidung an sich – über Moden konnte er sich nicht viel Meinung machen –, sondern weil das Mädchen aussah, als wäre es aus Porzellan.

Hüter der Gänse

»Darf ich wenigstens deinen Namen erfahren?«
»Mein Name ist nicht von Belang. Ich hüte die Gänse, und so nennt man mich hier auch. Den Gänsehüter.«
»Du hütest den ganzen Tag die Gänse?«
»Das ist schließlich meine Aufgabe, so wie Johanna diesen Pullover häkeln muss, dabei habe ich allerdings nur darauf zu achten, dass die Tiere in ihrem Gatter bleiben, unten am alten Weeth. Johanna indes ist in einer größeren Schleife gefangen; sie ist nahezu deswegen heilig, weil sie Sinnloses mit einer allergrößten Andacht zu tun vermag.«

Wild Bill (Der Volontär)

Er war jetzt ein halbes Jahr in der Redaktion und hatte es bereits geschafft, in jede gemeldete Tanzveranstaltung eine Verschwörung hinein zu lesen, ein mystisches Komplott, wollte okkulte Botschaften nicht nur von seinem rückwärts drehenden Plattenspieler empfangen, sondern identifizierte das Rotbäckchen, das aussah, als hätte man es mit Fäusten verprügelt, auf dem gleichnamigen Saft, der nicht umsonst mit einer magischen Formel auf Werbefeldzug ging, als Gesicht der modernen Hexerei. Immer auf der Suche nach der Geschichte, nannte er das. Weder der Artikel: Die Beatles beten zu Satan, oder hängen zumindest verdächtig oft mit der LaVey und Manson-Clique ab, nämlich in diesem Haus in 10050 Cielo Drive, Bel Air, Los Angeles, Kalifornien, wo Sharon Tate von Sadie Atkins zerfleischt wurde – noch jener, in dem er schilderte, wie die Industrie mit versteckten Mantras auf die Menschheit einwirkt, wurden je gedruckt. Hätte man ihn auf einen soliden schönen Verkehrsunfall losgelassen, wäre er mit einem Roswell-UFO zurückgekehrt, mit geomantischen Störungen oder einer alten keltischen Handelsroute, vielleicht hätte er an der bezeichneten Stelle sogar Menschenopfer vermutet.

Fridolin, der Philosoph

»Ein großer Mann, der leider keine Ratte war – also nicht so richtig«, fuhr Fridolin fort, »kam der Sache schon ziemlich nahe. Das ist lange her. Obwohl der Mann Grieche war, hieß er so wie das spanische Wort für Teller. Er hieß also Plato, und er sagte, dass hinter allem eine Idee stecken muss. Nimm mich! Ich bin eine Ratte – gut, okay, ich bin eine Albinoratte, gehöre aber zu den Wanderratten, bin also eine mus norvegicus. Bevor es irgendeine Ratte gab, war da die Idee der Ratte in der Natur, sozusagen die Kuchenbackform. So eine Kuchenbackform gibt es von allem, von jeder Pflanze und jedem Tier.«

Dumdidum Wisch

Dumdidum spürt, was ein selbstbewußter Wind spürt, wenn er seine luftigen Kapriolen schlägt, Capricen vorbereitet, wie ein Schloßgespenst lacht. So ein Wind kann sich von den Hauswänden prallen lassen, sich rauschend in dichten Zweigen verfangen, dem Zugriff der Tannenzweige bereits wieder entkommen, eine Pfütze aus ihrem Bett treiben, den Kaminen Töne entlocken, die vom tiefen Heulen bis hin zu Regenrinnenpfeifen eine ganze Klaviatur enthielt.