Esrabella

Horrido Krippner ging nicht gleich ans Telefon in seinem Haus, einem Waldchalet von einer Größe, als ob der fränkische Hubertus selbst drin residierte. Gerade noch durchwühlte er das Hirschfleisch und befingerte die perlmuttglänzenden Organe, ob er nicht eine Vision erhaschen könnte, wenn er, wie an der Wunderlampe, daran rieb. Er fand nicht gleich das Handtuch, um sich den roten Saft von den Fingern zu wischen. Verärgert über die Störung, die an diesem Tag nicht die letzte bleiben sollte, bellte er ins Telefon: »Ein Wolf? Warʼs nicht vielleicht ein Hund oder ein Fuchs? Die Sauferei macht dir die Augen fertig, dies ließ mich selbst schon manche Geister sehen, das Moosweiblein nicht zuletzt genannt.«

Jetzt gehen die Jäger noch einmal den Waldrand ab. Sie glauben nicht an einen Mythos, würden verrückt werden, wenn sie wüssten, was sich in ihren Wäldern abspielt, wollten den Schädel mit den Pfoten und dem Balg, abgezogen und gesalzen, auf einem Tisch präsentieren. »Da habt ihr euer Monster!« Lachend, scherzend, aber noch war es nicht soweit.

Kaum zurück, poltert es an des Hubertus Tür. Krippner schielt sehnsüchtig zu den Eingeweiden hinüber, bevor er irritiert öffnet. »Fortuna! Die Witwe Gräf!«

Er erstickt fast an seinem Speichel, der plötzlich aus allen Drüsen spült. Jetzt weiß er nicht mehr weiter, wie formuliert man das? Da hebt sie schon ihre faltige Hand.

Keine Frage, sie zetert mit ihm, ein Loch in einer Felswand der Mund. Ich habʼs gewusst, da drin ist alles schwarz! Die alte Gräf, wie alt mag sie sein? 102, 104? Es gibt niemand im Dorf, der nicht erst ankam, als sie bereits da war. Jahre später würden sich die latenzperiodischen Kinder in dem zu dieser Zeit schon leerstehenden Haus am Mühlgraben darüber unterhalten, wie sie einst die Asche ihres Alten getrunken habe und ihre Kleider davon für immer schwarz geblieben seien.

Esrabella Gräf, die viele für die Jezi Baba hielten, von der die meisten dachten, sie sei stumm wie ein Fisch, sprach in Wahrheit mit ihren Hühnern. Manchmal konnte man sie hören, wenn sie sich unbeachtet fühlte, wie sie nach Elster und Fango rief, den beiden Ausreißern ihrer Zucht. Esrabella Gräf also erwähnte gegenüber Krippner, dass die Wölfe einen menschlichen Gefährten hatten, der ihnen den Weg in den Schwarzenhammer wies. Erstaunt lauschte der Jäger dem rostigen Knarzen und dachte darüber nach, was sie denn damit meinte, wenn sie sagte: »Då Wulf is niert ålloi kummer!«

»Schau mal, Elster, wenn ich jetzt nicht den Mund aufmache, wird das in diesem Leben gar nicht mehr geschehen«, sprach sie ihr Huhn an. »Diese Tölpel denken, es hätte etwas mit dem Winter zu tun. Natürlich, das hat es auch, aber …« Sie fährt dann noch etwa fünf Minuten damit fort, ihrem Lieblingshuhn Anweisungen zu geben, für den Fall, dass sie unterwegs der Schlag treffen sollte. Das war allerdings unwahrscheinlich, sie würde eher dann umkippen, wenn sie ihren Schubkarren nicht mehr durch die Wiese manövrieren konnte, ihre Hände, schwielig wie die Landstraße um die Ecke, die nach Hebanz hinaufführt, nicht mehr durch gekutterte Würmer fahren ließ. Tatsächlich wird sie eines Tages, wir greifen vor, im Stehen sterben, nicht aber schwerkrafthörig zu Boden sinken. Sie wird einfach aufhören, sich zu bewegen, das Blut wird erkalten. Von frühmorgens um dreiviertel sechs bis zum Sonnenuntergang gegen neunzehn Uhr zehn wird sie von allen möglichen Leuten gesehen werden, die Mistgabel im Heu, unbeweglich wie eine Statue in Witwentracht, ihren Porzellanfigürchen nicht unähnlich. Nur die Gummistiefel sind grün wie tiefsitzender Rotz. Elster wird von diesem Tage an den Tretakt mit dem Hahn verweigern. Ein halbfertiges Ei ohne Kalkschale wird sie sich noch abzwingen, dann ist Schluss.

Zwei Tage nach dem stante pede intermorior wird sich Elster einer Katze anbieten, aber verschmäht werden. Auch unter Tieren gilt die Furcht vor dem Fluch. Die Spur des treuen Tieres verliert sich im Gestöber der Unschärfe, mit der jegliche Geschichtsschreibung zu kämpfen hat. Auch der Verbleib des statarischen Leichnams packt sich zu den Mirabeln, reiht sich spielend ein in die Liste der Rätsel, die hier offenkundig gar nicht abreißen.

Aber all das ist Zukunftsgeheul, und keiner weiß, ob es wirklich so geschehen wird.

»Sie muss verrückt geworden sein vor Trauer«, erzählte man im Dorf. Die Wahrheit aber ging anders.

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    das Ich tappt im Dunklen herum,

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    »Du?«

    »Ja. Ich bin es wirklich.«

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    ohne dass die Gefahr bestanden hätte, dass sie davonlief.

    Fraktale Welt, Frakturen des Erlebens;

    hingestreckt erwachen ihre Finger.

    Siziliumhände, Schwefelhauch,

    Eisenknochen, Aluminiumhaar.

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    Höre, draußen geht ein Sturm; den rufen wir:

    Los, Donnerhand! Den knechten wir mit Eisenband,

    und führn ihn an der Lorelei vorbei

    und lachen über dieses sich kämmende Monster.

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    ein Regen ist geworden; und all das

    fasst nicht an, womit das Herz bewohnt sein will.

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    und wundert sich, wieʼs draußen geht. Doch hier

    im Stübchen glüht der Herd,

    bereitet warmen Mündern Speisen.

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    sie seufzt den silbernen Baum-Mond an,

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    Wir passieren das Karmesinauge des großen Gottes Mars.

  • Einer, der in den Katakomben schläft

    Ich hatte mich am Denken gehindert
    und stopfte alles in mich hinein, das mich
    an ein Zwiegespräch erinnern könnte.
    Es war wie ein Frieden, auf einmal war Frieden.
    Mir sollten die Tage nicht lang genug werden,
    denn die Dämmerung zog früh schon heran.
    Ich genieße die Beschreibung, aber ich selbst fülle nur
    die Korridore aus, nie die Zimmer. Ich bin
    noch keinem Leuchten begegnet, das mir nicht auswich.
    Es liegt das Fremde nie weit entfernt,
    es setzt sich in der Nähe an den nächsten Tisch.
    Und an den nächsten. Es kann alle Fassaden erklimmen
    und in allen Gläsern zuhause sein, so lange man
    nur nicht weit entfernt erspäht werden kann.

    Ich könnte mich hinabwinden in die Katakomben von Paris,
    die dem Schlund der Hölle entsprechen. Ich werde nicht
    ankommen in meinem verlorenen Paradies, aber wenn ich
    dort eine kleine Bastion in Form eines Appartements
    hätte, mit Licht und einer gemütlichen Uhr,
    die nicht nur den Staub vertreibt – die finsteren
    Momente wären nur noch Willkür. Ich dürfte nur
    nie versuchen, wieder an die Oberfläche zu kommen,
    denn der Weg wäre mörderisch und führte
    direkt in den Wahnsinn.

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    Hinter mir brillt die Sonne, schmähschmettert brennendheiße, achGott : knutheiße Fingerzippel vonner Wand wech aufmeim Rükken. Ich steh so da, so steh ich da & yep : uhu=riniere schlenkernd mitter Hüpfte in die Gondeln rein, pisseundpisse : in die Gondel rein, zwikk zum Schluss die Schinkenpacken (in der Mitte dark gefaltet) an=hei!=nander, um auch noch die kompleksbehafteten Droppen ausser Blase zu scharren – in die Gondel rein (schüttl mich nafreilich selber gut foll, lass den Haut-fleisch=Schlauch noch etwas in der goldnen Backblech=Wärme hängen, hängt ja gutest da). Du Gondel!