Turmzimmer zu Karstenfels (Re-up mit Bild)

Ich muß erneut eingeschlafen sein. So viele Schlafe, da mag ein Schlaf getrost kein Schlaf sein. Schlaff natürlich wird der Körper, daher kommt’s; aufstehen, erschlaffen und so fort. Ich stecke im Hotelzimmer meiner Chimären fest, das vorzeitige Erwachen betrifft nur meine doppelte Existenz. Jede der beiden will die Oberhand gewinnen. Das könnte sich als wichtig erweisen, wenn es einmal darum geht, wer ich bin, wer ich heute bin, wer ich gestern war. Der Ausschluß anderer Existenzen ist der konsequente Wegfall vieler alternativer Möglichkeiten, aber die Existenz selbst ist so schwammig, daß jedes Philosophieren darüber nur ein weiteres Spiel bleibt, ein Zeitvertreib; jeder Gedanke an ein anderes Leben ein Schatten, der nie wirklich da ist, aber auch niemals ganz verschwunden; mauvaise foi.

Unter verklebten Lidern befindet sich noch ein Rest der wirklichen Umgebung, eine dampfende Laterne, von Faltern umschwärmt. Da ist keine Erinnerung, nur eine trockene Kehle. Körperfunktionen halten inne, der Puls ist ein kleinwüchsiges Klopfen, die Säfte sind erstarrt, tief ins Gewebe zurückgezogen; die letzten Inseln lauernder Funktionslosigkeit. Bilder kehren mit dem Blut zurück zum Herzen, reisen mit Transferrin im Eisenbahnwaggon, Schubtore geschlossen, damit während der Langsamfahrt niemand aufspringen kann, Rucksack in die Ecke, Guitarre raus (ein Hobo!). Nichts gegen den King Of The Delta Blues Singers oder Steve Earle, wir aber reden hier von Gedanken, von Geschehnissen. Das ist kein Swamp-Soundtrack, das ist eine Geige, die sich Ritzen sucht. Da fällt durch, was sie ausscheidet, klagende, kratzende Diarrhoe.

Das Licht spielt, wie es von jeher mit der Welt spielte. Planetenstaub, angebumst von koronalen Massenauswürfen, Tiktaalik rosea, der dann Affe wurde. Bettzeug, das nach barocken Liebeslagern muffelt. Die Zunge der Zeit hat hier mit fetten Zotten den frischen Geschmack in den Rachen befördert. Der Eindruck ist nur noch ein finsteres, oxidierendes Relief. Wo bin ich? Ich will nur meine Stimme hören, die mir der Katzenjammer zugesteht. Es gibt Märchen, da antwortet der Teekessel überschwappend der magischen Brühe : »Rauss mitt diiir, bevor man die Prinsesssin skalpiert!«

Und ein Pferd tritt ein (Ah! es ist ein Friesenhengst, mit Hafer in den Ganaschen!), der junge Held von burlesker, ganymed’scher Schönheit tränkt seinen Körper im jetzt golden dahinfunkelnden Sonnenschein, der durch die Risse der garstigen Schwiegermutterscheiben taumelt. Dann ein recht merkwürdiger Name, sagen wir, Behrokh, sagen wir, Behrokh Espenlauba, die zitternd mit noch blonder Mähne im Turmzimmer zu Karstenfels ganz oben unterm Dach dem Einen harrt, der eine sehr, sehr durstige Kehle hat. Das Märchen beschreibt das runde, zugige, und von außen abgeriegelte Zimmer mit ein, zwei romantischen Paradesätzen, verschweigt die Bettpfanne, den stinkenden Essenstrog, erwähnt allerdings die Unmöglichkeit, das Gemäuer zu erklimmen. Viele haben’s schon versucht, hört man da, alle sind sie schauerlich deformiert und zerbreit an ihrem Leib ins Geisterreich gefahren.

Räuberisches Haupt

Das Wetter ist unentwegt schön, man glaubt gar nicht, dass irgendwelche Geister gerade heute ihre Geisterhunde spazieren führen wollten, sollte das walk-the-dog-Syndrom auch später noch gelten. Aber diese Schönheit des Tages, diese besondere Bläue des Himmels, lässt die dunklen Falten dennoch gewähren, wahrscheinlich mit einer Anwesenheitsliste, damit man die Schuldfrage schnell abhandeln konnte, wenn es denn erwünscht war und niemand das räuberische Haupt verantworten wollte.

Es ist der Kommunikation so viel anheim gegeben, da reichen komplexe Sprachsysteme nicht aus, da müssen auch die Gesichtsmuskeln mitspielen, die Hände, die ganze Haltung – und dann merken sie, dass sie gar nicht sprechen, jauchzen und jodeln müssen, sondern sich auf Zehenspitzen drehen und hüpfen können – bis sie niemand mehr versteht, gerade so, als würden sie doch reden.

Lass mich tanzen, ich will reden.
Lass mich sitzen, ich will reden.
Lass mich aufstehn, ich will reden.

Die Geister kamen wirklich nicht heraus, ihre Geisterhunde blieben auf ihren Geisterteppichen liegen und wünschten sich eine Geistergasse herbei, aber solcherlei Vergnügungen waren weit. Die Sonne lässt Geister verdampfen und – von brodelnden Kochtöpfen angezogen – könnte die diffuse Gesellschaft in die Nahrungskette eingreifen, Spukkartoffeln zum Beispiel könnten mit einem mal gar sein und im nächsten Moment wieder roh.

Schweremut (zum LiveBook-Event „Endlich Schuld“)

Die Hütte, in der man sie antraf, hieß SCHWEREMUT, und ihre Tage und Nächte verbrachten sie in ihrer abgewirkten Haut, die man ihnen hinterlassen hatte, als man sie floh. Töchter der Baba Yaga, der grausamen Frau mit ihren herabhängenden Brüsten und einem knochigen Bein. Kinder des gefallenen Gottes, in einer Knochenwiege ausgesetzt bei den ramponierten Grabsteinen verscharrter Mörder. Die Schwestern betteten sich in Moder und ihre Blutlust war noch ihre schönste Charaktereigenschaft.

„Dreh diesen Körper zu mir, Santa – ich will die Beschaffenheit des Fleisches mit eigenen Augen sehen.“ Derbas Tunnelaugen wiesen die Nacht in ihre Schranken, als sie sich bereits selbst über die makabre Kulisse stülpen wollte.

In den Hanfseilen unter dem Boden hangelten die Leichen, die ebenfalls umgedreht werden mussten. Clodette war die Todwünscherin der drei Schwestern, gram und grau, deren durchdringendes Gezeter bei Neumond, der rabenschwarzen Nacht, die Schauer von Tür zu Tür wanken lässt. Sie stehlen nicht die Kinder – sie stehlen ihre Gebeine, um sie in marschierende Puppen zu transformieren, mit Kleidern aus der Jahrmarktstonne, von Hüten aus dem Gulag.

Die Kinder im Staub

An manchen Tagen spielten Kinder im Staub und blickten den Fuhrwerken entgegen, die in das Dorf einrollten. Sie spielten, dass sie einen Schatz fänden, sie spielten aber auch, dass sie diese Straße bauten, dass man ihnen dafür dankte, weil die Händler so ihre Ware schneller liefern konnten. Wenn es regnete, führte die Straße, die nicht viel mehr als eine Piste war, direkt in das gesammelte Wasser hinein, so als läge auf dem Grund in diesem zeitweiligen See ein geheimnisvoller Ort, und die Straße wies den Weg. Die Kinder dachten sich dann Abenteuer aus, mit sonderbaren Geschöpfen, die dort hausten. Das taten sie während der Regen fiel und sie spielten. Die Kutschen lagerten an den Streckenposten und alle warteten. Die Kinder warteten nicht, sie träumten. Obwohl sie träumten, brach ein neuer Tag an, an dem ihre eigenen Kinder dort spielten, wo nun Teermaschinen und Walzen die Erde erstickten. Nachdem die Bauarbeiter ihre Maschinen ausgestellt hatten und nach Hause gegangen waren, spielten die Kinder, dass sie nun die Straße planierten und den kochenden Teer verteilten. Sie spielten, dass es gar keine Baumaschinen mehr wären, sondern Raumfahrzeuge. Wenn es regnete, dann roch es komisch. Es roch nach bitterer Hitze, ölige Tropfen rannen von den Dächern der Fahrzeuge. Die Arbeiter warteten in ihrer Halle, bis der Regen nachgelassen hatte. Die Kinder warteten nicht, sie träumten. Und während sie träumten, zog ein neuer Tag herauf, und ihre Kinder spielten am Straßenrand. Wenn ich da jetzt hinginge und nachsähe, könnte auch ich von dem träumen, was einst war. Ich stehe auf der Schulstraße und erblicke nichts als Regen. Es ist Nacht und niemand kommt mir aus dem Brodem entgegen. Das Geistermädchen ist schon längst in den Wäldern verschollen.

Trügerischer Ballsaal

(Erster Absatz der Erzählung „Das süße Gift der Adoleszenz“, überarbeitet und herausgelöscht)


Da sind die schauerlichen Erscheinungen der verblichenen Ahnen, die Sauerkirschblätter oder Goldregen in ihren Porzellanpfeifen paffen, ansonsten aber still in ihren jeweiligen Ecken stehen, von wo aus sie alles überschauen können, was sich ihnen nähert oder von ihnen entfernt. Sie riechen trügerisch nach Puderzucker, dem einzig schmeichelhaften Firn, an den sie sich noch erinnern können. Komm schon, hübsch herüber! Auf allen Kuchen liegt der weiße Staub. Nimm dir nur und nimm dir weiter! Wir waren bereits all das, was du heute bist. Wir hatten nur die Dinge, die uns betrafen, nicht so sehr aus den Augen verloren. Ein Traum, den man nicht selbst ruft, ist eine schäbige Pflanze, die unter strengem Regen bricht. Ich erwache, sobald ich ein Ende erreiche, an dem die Wirklichkeit in ihrem trügerischen Ballsaal wartend zu erkennen ist.

Spintisera

Zunächst war es nur seine rechte Hand, die in einem Buch verschwand, und er dachte sich nichts dabei, da er übermüdet und unkonzentriert las. Es musste ihm also nur so vorgekommen sein, als wäre die Hand beim Umblättern verschwunden. Im nächsten Augenblick war alles wieder wie gewohnt und er fühlte das raue Papier mit seinen Fingerkuppen. Doch blieb das eingenartige Gefühl zurück, für kurz eine Reise unternommen zu haben, und der Holzgeschmack auf seiner Zunge sprach ebenfalls dafür, dass etwas anders war als zuvor. Plötzlich glaubte er die Worte schmecken zu können, die er gerade gelesen hatte oder im Begriff war noch zu lesen, er wusste, wie vergänglich die Eindrücke von einer festen und gelehrigen Sprache waren, und wie es im Buch selbst aussehen musste, so beladen zu sein, übervoll an Bedeutung; und das alles nur wegen einer kaum zu bemessenden Zeitspanne, während der er sich eingebildet hatte, er griffe in den Kern der fremden Existenz, die er bisher nur als Fetisch oder Nutzobjekt verstand, als Medium, das den Geist in einer Trance badete, die selbstverständlich war und darüber hinaus voller merkfähiger Gedanken, aus der Gruft der Vergangenheit herangeweht, aus den Nischen der Körperlosigkeit und des bloßen Einfalls. Er versuchte es erneut, bei vollem Bewusstsein, aber das Buch, das wieder Gegenstand geworden war, wies seine erwartungsvoll tastende Hand zurück. Die Verhältnisse waren geklärt; und er konnte zwar tun, was immer mit einem Buch anzufangen ihm in den Sinn kam, das metaphysische Momentum jedoch schien verloren. Während er weiterlas,um zu erahnen, welche Zaubersprüche seine Hand durch Materie gezogen und seinen Geschmack entfacht hatte, bemerkte er, wie die Oberfläche des Blattes in eine Dreidimensionalität glitt und dahinter sich Buchstaben drehten und verrenkten wie im Veitstanz. Ein ganzes Alphabet an dicken Bäuchen und schlanken Hälsen räkelte sich auf einem gepflegten Rasen, zum Turnsport versammelt, bis er erkannte, dass es sich um Fracks und Ballkleider handelte, die um Leiber geschlungen waren, die geschnitzten Figurinen ähnelten. Ihre Bewegungen blieben abstrakt und im Grunde nicht nachvollziehbar. Außer diesem beweglichen Tableau sah er nichts, denn er wusste ja dass er las und sich die Zeichen in seinem Schädel eine merkwürdige Pläsanterie erlaubten. Auch schmeckte und roch er wieder Holz, zu dem sich Gallussäure und Speck gesellte, denn natürlich hatten seine unvorsichtig unsauberen Finger seit der letzten Mahlzeit kein Handwasser gesehen und etwas Fett auf die Kanten und den Umschlag übertragen. Doch das Atmen fiel ihm leichter in seiner ungelüfteten Stube, denn hier stand, dass jeder, der sich bewegte, auch etwas Luft zugefächelt bekam. Er sah, wie die Buchstaben atmeten, wie sie groß wurden und wieder in ihre ursprüngliche Form zurückfederten, wie sie Lerchenstimmen lauschten, um dann die Bedeutung für ihn zu turnen, weshalb er überhaupt wusste, dass es sich eben um diesen Vogel handelte.

Die Domäne der heißeren Zerstörung hatte das Land ergriffen, in das er jetzt hineintrat und ihm war es, als fiele er von einem heißen Sommermonat in ein kaltes Kneippbecken, um ihn vom Leben selbst zu kühlen, denn als er gerade noch das Grün einer wilden Botanik durchstreifte, war er von einer Sekunde zur nächsten der blühenden Pflanzengesellschaft verloren. Noch dachte er, dass sich das Land schnell verändert haben musste, während er in Gedanken war, denn der Keim aller Trostlosigkeit steckte in diesem abrupten Wechsel, und es wollte ihm gar nichts nützen, dass er zunächst instinktiv zurückschreckte und überrascht hinter sich blickte: der Eindruck blieb nämlich bestehen, so als habe er sich mit der Vorstellung des Üppigen selbst getäuscht. Er war wie so oft an eine Seifenblase gekettet, die von innen unzerstörbarer anmutete als das von außen der Fall war. Diese zerstobene Blase ließ ihn jetzt die Wahrheit erkennen und zum ersten Mal in seinem Leben fragte er sich, wo er war und wie er dort hin gekommen sein konnte. Seine Vergangenheit war ein plötzlicher Morast, bestehend aus Winkelzügen einer unzuverlässigen Erinnerung, die ihn bedrängte und zur Selbstbefragung nötigte, ob er sich nicht ebenfalls seine Wanderungen eingebildet haben könnte, ob er nicht wie im Traum nur durch Fassaden eines Gedankenpulvers gefallen war, dessen Millionen Körner ihm eine feste Welt vorgegaukelt hatte. Womöglich war er farbenblind geworden, oder war er es schon immer gewesen? War denn die Erinnerung überhaupt in einer Strecke zu fassen, im Vorbeigleiten der Geschehnisse, die wie Gebäude in Reih und Glied am Saum einer Straße aufgeknüpft standen, einer Trabantenstadt so ähnlich wie er selbst der fernen Beschreibung eines nur vage wahrgenommenen Tiers?

Der Scherenschnitt als Okkupator

Das Haus stand vermutlich deshalb leer, weil keine Straße hinführte. Es
gab einen Trampelpfad, von Felberich überwuchert, aber mehr Annehmlichkeiten
hatte es nie gegeben, auch wenn die asphaltierte Straße, die in Schlangenrhythmen
durch das langgestreckte Dorf führte, nicht weit entfernt lag. Das Haus hatte
keine Interessenten, weil es niemand zu Gesicht bekam
so verborgen zwischen Gestrüpp und komplizenhaften Bäumen. Auch schien es
niemandem zu gehören und wirklich keiner wusste zu sagen, wer zuletzt darin
gelebt hatte. Man erinnerte sich an ein, zwei vage Bewegungen,
die man einst sah, vergaß aber schnell, was man eigentlich sagen wollte.

Das Haus sah nicht etwa unheimlich aus, eher traurig,
wie alle schon seit langem leerstehenden Häuser. Wenn es Nacht wurde,
wurde es auch im Haus Nacht, und wenn es Tag wurde, wurde es auch im Haus Tag.

Um die leicht offenstehende Haustüre, ganz aus durchweichtem Holz,
huschten Distelsträucher, die aus dem Innern zu strömen schienen. Nicht alle
Doppelglasfenster waren eingeschlagen. Tatsächlich glaubte ich ohnehin
nicht daran, dass jemand hier vorbeigekommen wäre, um auch nur einen Stein
gegen das Haus zu erheben. Die Scheiben waren von unbekannten Kräften
eingedrückt worden, das Alleinsein der verlassenen Räume wird auf diese Weise bestraft.
Damit hätte der Wüterich Anteil am Verfall des kleinen Häuschens in der Mühlgasse.

Alles befand sich an seinem Platz in der Natur, als ich den Schwarzen Mann sah,
wie er dem Haus erst zu nahe kam und dann, die Disteln zerstampfend,
hinter der Tür verschwand, ohne sie ganz zu öffnen. Er hatte nicht
das geringste Licht abbekommen, blieb auf diese Weise zweidimensional
wie ein Scherenschnitt, nur an den Rändern die Konturen gefräst, den
Hut an der Stirn fetstgetackert und schwarz übermalt, damit auch hier
keine Reflexion zu erwarten war. Als ich mich bückte, um die Disteln zu untersuchen,
stellte ich fest, dass sie eben nicht zertrampelt waren. Die geheimnisvolle Erscheinung
war demnach wirklich ein Scherenschnitt, also folgte ich ihm.

Die Tür wollte ich nicht anfassen,
deshalb zwängte auch ich mich durch den offenen Spalt in die
dunkle Kühle eines gemörtelten Flurs hinein. In den einzelnen Zimmern
gab es nichts außer einer vergangenen Möglichkeit. Die Wände wollten sprechen,
aber sie fanden ihre Worte nicht; das verschweißte Atmen ihres Halses
sagte mir, es ist Zeit zu gehen. Ich vermutete, dass sich
der Scherenschnitt in einer der Schubladen versteckt hielt, die noch
zu einem Schrank gehörten. Auch wenn ich blieb, war das Haus allein;
wenn ich aber ging, blieb nur der Schwarze Mann,

Der Geschirrbeobachter

„Hier habe ich zumindest ein paar Töpfe“, sagte sie. „Fürs Erste müsste das reichen; ich stelle sie hier vor die Tür, dann muss ich nicht reinkommen.“

Ich nickte. „Wie lange wird das vorhalten?“

„Das ist schwer zu sagen …“ Sie schielte die Töpfe an, als habe sie sie noch nie richtig betrachtet. „Ich würde auf zwei Tage tippen, die Teller sind dagegen nur Stunden, aber zusammen mit dem Besteck nähert sich das wieder an. Das bekommen Sie dann alles morgen, bevor die Zeit abgelaufen ist.“

Ich suchte in ihrem ausgefallenen Gesicht nach einer Antwort, fand aber nichts. Glichen ihre Augenbrauen nicht dem Futhark? Bildeten die haarigen Runen nicht die eigentliche Botschaft für mich? Mehr müssen Sie nicht wissen, sagte sie robust und kompakt, sie war schließlich in der Überzahl und konnte sich ihre Rindviehhaftigkeit leisten.

Nachdem sie wieder nach nebenan verschwunden war, holte ich einen Stuhl, um die Töpfe zu beobachten. Die Tür ließ ich geöffnet, eine andere Lösung hatte ich nicht, ärgerte mich aber darüber, sie nicht darum gebeten zu haben, die Töpfe in die Küche zu stellen. Jetzt würde es die ganze Nacht Durchzug geben, weil man mir noch keine Fenster eingebaut hatte. In der Probezeit war das natürlich unüblich, man wollte erst sehen, ob ich imstande war, die mir zugeteilten Aufgaben zufriedenstellend zu erledigen.

Gegen Abend hörte ich meine Nachbarin eine Arie anstimmen und war dankbar für das Gekreische, denn ich war gerade mit der Innenfläche der Töpfe beschäftigt, als ich kurz wegnickte. Mein Ziel war es, ein für mich bestimmtes Muster zu finden, die Beobachtung des Geschirrs etwas angenehmer zu gestalten, sicher, dass mir das in den folgenden Tagen, wenn mir Teller, Schüsseln und Besteck gebracht wurden, aufgrund der unterschiedlichen Formen, leichter fallen würde.

Ich konzentrierte mich vor allem auf die ungleichmäßige Verarbeitung, stellte mir vor, wie man in den Töpfen die verschiedensten Gerichte zubereitete und ging im Geiste die Rezepte durch. Zu jeder Delle dachte ich mir eine weitere Geschichte aus und sah die knetige Masse der Hände, die diese Töpfe gegen die Kugelgestalt ihres Kopfes donnerte so lebhaft vor mir, dass ich unter den Wogen der hysterischen Musik aufgrund der Eindrücklichkeit der Vision erschrak. Aus den Fingerklumpen der Nachbarin wurden meine eigenen, dagegen zarten, Dirigentenstäbe. Ich hieb so fest auf ihr gebirgiges Gesicht ein, dass mir sogleich ein gänzlich neuartiges Rezept in den Sinn kam, das ich mir versprach, aufzuschreiben, sobald die Töpfe wieder verschwunden waren.

So weit ich das zu beurteilen imstande war, gab es im Treppenhaus außer mir niemanden, der sich mit der Beobachtung fremden Geschirrs beschäftigte, aber es gab noch andere Tricks, die Miete zu begleichen. Ich hatte von Wäscheschindern gehört, von Wandstreichlern und Rundläufern, gesehen hatte ich das nie. Gleich fragte ich mich, ob ich meine Arbeit mit meinen Brotzeitpausen verknüpfen könnte, ob ich nicht die Wurst auf dem fremden Geschirr aufschneiden sollte, denn es ging ja vor allem darum, das mir anvertraute Service nicht aus den Augen zu lassen.

Nur wie sollte ich anschließend alles wieder sauber bekommen? Du könntest den Teller sauberlecken und mit deinem Hemd polieren! Morgen war der Tag, an dem ich das ausprobieren wollte.

Sie erschien recht früh, bückte sich und nahm die Töpfe wieder an sich, ohne ein freundliches Wort an mich zu richten. „Es wird heute schlimm werden“, sagte sie ohne Mitleid in der Stimme. „Ich habe mehr Geschirr, als ich dachte.“

„Wann werden Sie es mir bringen?“

„Machen Sie sich jede Sekunde darauf gefasst.“ Sie ging davon, und ich konnte endlich meine Türe schließen. Todmüde setzte ich mich in den Gartenstuhl, den ich am Straßenrand gefunden hatte.

Zerberus sucht sich das Weite

Alle Höllenhunde zu mir und um mich herum, der Fährmann schmilzt in seinem Kahn. Es sollte ein Brückenfest geben, die Flüsse der Unterwelt waren reich geschmückt und dann : eine Prozession kriecht bergan und schleudert Federn in die Luft, die sich binnen Sekunden in graue Geier verwandelten und davonstoben, um sich den fliegenden Würmern zu widmen, die in ihrem Bauch wimmerten und keuchten, so dass ein Lied von ungeahnter Traurigkeit entstand. Die Köpfe des Hundes waren Legion, nicht drei, wie man mir sagte. Die Kutte des Fährmannes brannte – es war ein gar heiterer Scherz, den Boten in einen Phönix zu verwandeln, der er freilich nicht war, weshalb er mit seiner ledrigen Hand – nicht knöchern, wie man mir sagte – in die schwarzen Wasser griff und sich sehr langsam beregnete. Nun hatte er Gäste in seinem Totholzkahn, die nicht zu spät ans andere Ufer gelangen wollten. Man hatte ihnen eine spektakuläre Überfahrt zwar versprochen, aber sie empfanden die feurigen Lichtkaskaden unpassend gegenüber ihrem Ableben. Sollte Dante recht behalten, würden sie das Gasthaus noch vor dem Hund erreichen, der sich nun bückte, um über seine vielen Köpfe zu springen, denn die Last war offenbar. Sie konnten schon den hell erleuchteten Eingang sehen, wo sich ein fetter Wirt gerade bückte, um ein oder zwei Augen aufzuheben, die aus der Tür gefallen waren. Nichts war mehr an seinem Ort, und wenn man etwas suchte, musste man vorher einen windigen Dämon beschwören, der gerne die Ohren als Bezahlung nahm. War Hören uninteressant geworden in den Ecken und Kanten und Fugen und Nuten? Nicht zur Gänze, doch die pochende Luft wurde jetzt durch eine größere Antenne in die richtige Abfolge transzendiert. Die Worte waren Bilder geworden, die sich auf allen glänzenden Dingen zeigten. Karl, der hier nun Charon genannt wurde, fischte aus seinem Kleiderschrank ein neues Kostüm; ein Boot mit vielen Wendungen. Die Gäste staunten ihn an, mussten sich aber selbst in die Ruder beugen, während der springende und sprungende Hund nur noch ein paar seiner sinnlosen Köpfe zu überspringen hatte. Wie aber wollte er sich ohne diese zum Mahle setzen, wie die Knochen in kleinste Brocken beißen, wie das sinistre Fleisch aus den Pfannen schlotzen? Und er nutzte seinen Schlund, nicht das Maul, wie man mir sagte, um zu schlingen und zu würgen, bis die Magensäure die Opfergabe ganz und gar in sich versenkte.

Können wir, verehrter Karl jetzt endlich zum Gasthaus gebracht werden, bevor die verdammte Töle uns den Appetit so ganz verdorben hat?

Das Fass lief dem Fährmann über und er beseitigte die Seelen mit einem Handstreich aus seinem Gefährt, die sogleich von den finsteren Wogen aufgeleckt wurden, denn unter ging man hier nicht, wie man mir sagte, man trieb wie ein Kork ganz obenauf, bis sich irgendwo eine Zunge fand, die das Gasthaus wie ein Traum erscheinen ließ.

Der heikle Ritter

Der heikle Ritter hatte keine Gelegenheit, seine saubere Hand noch sauberer zu bekommen. Alle Wasser lagen hinter ihm und vor ihm nur der Suff bitterer Blätter, die seine Hand beschmutzten, bevor sie ihre Wirkung taten. Ein Kavalier ohne Rose, die er jemanden bringen könnte. Er nahm seinen Platz ein neben der Hecke, wo er nicht auffiel, weil sein Mantel die Luft imitierte. Niemand sah ihn da, niemand rempelte gegen seine Aura und schon gar nicht gegen seinen Schwertarm. Die kleinen schiefen Fenster behagten ihm nicht, denn ein gefasstes Glas gebietet Augen. Die Dunkelheit wollte nichts von ihm, aber wie viele unnütze Begegnungen sind erforderlich, um den Weg zu finden, der von allen Himmeln baumelt, aber nur einmal am Tag zur Ruhe kommt. Mann nannte ihn DIE SAUBERE HAND, weil er darauf achtete, nichts Irdenes zu berühren. Ein Ritter ohne Rose, die er jemanden hätte bringen können. Längst ist ein Hügel um ihn geworden, ein bitteres Kraut wächst an seinem Fuße. Es mag sich nicht um Rosen handeln, aber ein Singsang weht im Zwielicht davon, das nur von Glubschohren zu erkennen ist. Diese seltenen Rundungen großer Gehörgänge brechen das Licht auf eine Weise, die dem spreißeligen Holzrücken nahe steht. Der heikle Ritter verwehte, der heikle Ritter verklang. Ohne Rose, die er hätte jemanden bringen können, taugten ihm auch die Jahreszeiten nicht mehr und er verlor seine innere Spannung. In manchen Tälern nahmen sie seine Verwehungen gerne auf, doch längst nicht überall. Dort bewarfen sie seine schlanken Teile mit einem ordinären Dung, der noch nicht einmal gut brannte. Seine Rüstung hatte längst das Weite gesucht, strebte einen Platz in einer sicheren Kommode an, bewacht von Argusaugen, angebracht an der gegenüberliegenden Wand in den Mustern der Renaissance-Tapete. Kalte Augen. Wirklich, der Tapezierer fror. Keine kostbaren Fransen und Borten mehr. Die Rüstung steht gut hier. Und die Rose, die er jemanden bringen könnte. Er schwankte um das rundes Canapé herum und entriss all seine Kleidungsstücke der Garderobe, zumindest so viel, wie er für einen Besuch benötigte. Drunten stand die Eisenbahn, angeschirrt 1 Pferd. Es kam ein Gast und noch 1 Pferd und immer so weiter, bis alle Pferde alle Lücken ausfüllten und es weder Lücken noch lose Pferde gab. Nachts um drei wurde er endlich zum Ritter geschlagen, das Tapezierhandwerk ließ er vorsichtshalber aus seiner Etikette streichen.