Ein Mann läuft im Regen herum, Zwischen Hammerschlägen der Dunkelheit eingefasst. Alles ist vage, der Nebel ist vage und schwarz. Tropfen fallen seitwärts aus der Öffnung,
Vorgesehen, der Zukunft zu entkommen. Andere Schritte gibt es nicht, nicht jene, Die lautlos schleichen, auch nicht jene, die Auf dem Tablett geliefert werden, Auf dem er Nahrung zu sich nimmt wie Licht.
Die Stadt mehrt sich durch Spiegelung, Schließt nahtlos dort an, wo alles endete, Wo jetzt eine ausgeweidete Tanne auf ihre Beerdigung wartet, Luftschlangen sich
Tarnen als Tang. Die Lippen sind Fürchterlich anzusehen, geöffnet in einen Stillen Bereich hinein; dort kam es niemals Zu einer Begegnung zwischen dem Wunsch,
Das Richtige zu tun, und dem Taxifahrer, Der den Pfützen ausweicht, der die Welt Aus Bilderbüchern kennt, deren Texte Ausradiert wurden, um damit
Anzudeuten, es sei egal. Ein verbündeter der Schnecken und der Lokomotiven. Im abgestorbenen Gras Vergnügen sich die Mücken damit, einen
Kadaver zu besiedeln, eine neue Metropole aus Dem Nichts oder aus einem gebrochenen Schädel Heraus. Es wird Zeit, eine Pause zu machen, Den Hut zu wechseln, die Schuhe allein
Weiter gehen zu lassen. Der eigene Schatten Überfällt dich in einer unbelebten Seitenstraße Dieser Welt. Ein Klingelschild lässt ahnen, Wer einst hier sein Domizil suchte,
Dann aber doch nicht einzog. Der Blitzableiter Am Bett wehrt manche Träume ergebnislos ab. Es regnet hier in der Küche durch das Loch im Kamin. Schwarze Tropfen, die du als Tinte verwenden
Wirst, wenn du eines Tages aufschreibst, Was das alles soll.
Träne um Träne, eingeteilt in große und dicke und zarte Wasserperlen. Man nannte sie Namen wie Elfuhrdreißigtränen oder auch Vierzehnuhrtränen, Abendtränen, Nachttränen. Schmachtende Wasserfälle waren das, die infantile Verwandlung eines einfachen Kissens in ein zu huldigendes Herz. Hingebeugt in den Herd der Unruhe: gutes Kind, hast nie vergessen, wie man den Wahnsinn kultiviert. Ich aber gleite weiter, ich bin bereits nicht mehr einzuholen. Niemand, der ein Wort an mich richtet, da draußen ist keine Welt, wir alle sind Gespenster. Es überlebt kein Wetterfrosch, wenn Asche niederfällt; die Nüstern der Stuten wittern das Feuer, das nicht mehr existiert. Filigran der Beischlaf heute Nacht, das geöffnete Fenster. Ich blicke hinaus, der Unsterblichkeit ins Gesicht. Ist aber der Mythos voller ewig gültiger Wahrheit, bleiben unsere Aussagen Hypothesen, die sich ständig erneut vor der Empirie zu bewähren haben, doch der Mythos (im Gegensatz zu den sich ständig verändernden Aussagen der Wissenschaft) hat nichts von seiner Kraft eingebüßt, seine Motive sind konservierend und nicht expansiv. Unter den Gehörnten will ich speicheln wie ein Gott. Da draußen ist keine Welt, wir sehen die Gespenster der Gaslaternen, der Strommasten, der Kraftwerke, der Windmühlen. Wir sehen einen Stall, in dem abgetragene Schuhe stehen. Auf die Tische, ihr barocken Engel! In unserem Herzen lebt ein Wurm; wir kaufen ihm die Trauben ab. Vor unseren Türen tobt ein Sturm, es gehen Schatten auf und ab und über das gespreizte Feld von Annas Flügel fegt ein wolkenreicher Himmel. Die Asche ist kühl, das Porzellan hat Flecke. Komm, setz’ dich! Komm, setz’ dich ins kalte Neon, ins geflutete Tal! Wir ließen Berge schwimmen. Die Schattenrose blüht. »Sie sind doch noch ganz Ohr?« Ich bestehe aus nichts anderem. Die festliche Umrandung nur gehauchter Worte, das Brausen des Ozeans, Mirovia um Kenorland, gischtende Syntax, Bilder im semantischen Kreislauf, Autopoiesis. Siehe : ich schmettere felswärts, reinige mich der Lieder, sehe mir Bilder von ihr an, den Stuhl, auf dem sie saß. Dinge verwandeln sich stetig vollständig mit ihrer ganzen Form aus dem Haus ging ich, um eine Salatgurke zu kaufen, unterwegs dachte ich daran, noch Orangensaft dazuzupacken aus dem Orangensaft wurde ein Fass Wein, aus der Salatgurke Toast und Ananas und Schinken und Käse und man kann es auch nicht ändern, die Gegenstände zerfließen förmlich.
Wie groß müsste ein Briefkasten sein, um alle Briefe, die je geschrieben wurden, zu fassen? Oder: alle Briefe, die geschrieben wurden und noch existieren, denn die meisten dürften weggeworfen, verbrannt worden, verloren gegangen sein. Oder sollten uns nur die verschollenen Briefe intersssieren, aufgeteilt in die Zerstörung durch die Elemente – morgen alle verbrannten, übermorgen alle durch Wasser enttinteten, übermorgen die davongewehten, und am Tag danach die vergrabenen? Die mit einer beigeletgten Fotografie sind gesondert zu betrachten, ‚denk an mich‘, denn auch ein Bild ist eine Schrift.
Ich habe alle Briefe der Welt geschrieben und auch alle empfangen. Wie groß wäre mein Briefkasten, wenn sie alle nur ausgedacht worden wären, ein Raum, der das Ausgedachte enthält, ohne Schrift, wie ein endloser Wurm, wie lang wäre dieser Wurm? Wir wären der Sonne schon längst auf die Pelle gerückt mit ihren zehntausend Grad.
Manchmal setze ich mich auf dem Dachboden in den Sessel, der in der Wohnung seinen Platz für ein freies Teppichfeld räumen musste. Die Geruchsmischung aus altem Gebälk, weichgespülter Wäsche und der gewaltigen Enzyklopädie mit vergoldeten Schnittkanten, die ebenfalls vorerst aus meinem Arbeitszimmer verschwunden ist, weil sie einen ungemein bibliothekaren Duft verströmt, oder besser und wahrer gesprochen, weil ich in diesem Zimmer sonst nicht mehr treten kann, verleitet mich dann dazu, eine Pfeife anzustecken. Ich sitze da und betrachte die vertraute Wäsche. Wie wäre es, wenn ich unter dem Dach leben würde? Das ginge nicht ohne Hut. Ich gehe also hinunter in die Wohnung und wähle einen, den ich selten trage, schließlich sitze ich auch selten unter der Wäsche; wieder oben angekommen, finde ich das Tableau, das ich mit mir darin selbst nicht sehen kann, perfekt vor. Vielleicht aber habe ich die falschen Schuhe an, weil man das, was ich anhabe, nicht Schuhe nennen kann. Morgen aber, wenn ich die Wäsche abnehme, werden es die richtigen sein.
Unsere Romantiker waren nicht so gut auf die französische Metropole zu sprechen. In seiner „Reise nach Frankreich“ notiert Friedrich Schlegel:
In Paris findet man alles für die Sinnlicheit, aber nichts für die Phantasie.
Verwundern darf das nicht; auch nicht, dass Kleist etwas Ästhetisches vermerkt, denn in der Großstadt zeigten sich anscheinend Entfremdung und psycho- wie soziopathische Zustände des modernen Menschen und seiner zweiten, von der Zivilisation deformierten Natur besonders krass.
Die Gasbeleuchtung gab es erst am 1817, die Boulevards waren ebenfalls noch nicht erbaut. Haußmann hatte das geniale Paris noch nicht geschaffen.
Was Kleist, Tieck und Eichendorff jedoch als Gemeinplatz in ihre Schriften einfließen ließen, war ja nicht zuletzt die Klage gegen die vorgefundene Dominanz des kalten Verstandes über die Empfindungen.
Eine Parallele zu heute hieße: vor lauter Pornographie entdecken wir den Körper nicht mehr. Wir fühlen uns frei, nach Herzenslust zu vögeln – jeder Körper ist austauschbar. Doch unter dem Schein dieser angeblichen Freiheit ist die Sinnlichkeit gänzlich abwesend und die Unzufriedenheit nimmt gefährliche Züge an.
In der Staraba, einer Bar am Rande der Stadt, die bekannt war für ihre zwielichtigen Dienstleistungen – sogar eine Wochenzeitung gab man heraus, die gespickt war mit Kleinanzeigen, die ein Normalsterblicher nie hätte entziffern können – saßen Mention Handsome, der seine Frau umbringen lassen wollte und Carl Canal, der Chefredakteur besagter Wochenzeitung 23 Minuten vor der Sperrstunde am Tisch mit der Nummer 7. Die Zeitangabe ist nicht so wichtig, man sehe es mir als eine Marotte nach, die Tischnummer allerdings, die dürfen Sie sich merken, wenn Sie wollen.
“Wenn du die Sache perfekt erledigt wissen willst, gibt es nur einen, den ich empfehlen kann: Kleewald Robinson“, sagte Carl.
“Du weißt, dass ich so gut wie keine Erfahrung im Umgang mit … dieser Sache habe. Ich werde dir vertrauen müssen, auch wenn es mir nicht schmeckt.“
Mention Handsome, der gerne etwas getrunken hätte, aber kein Geld bei sich trug, was er für die Zukunft zu ändern gedachte, befummelte die Tischplatte. Seine Finger hinterließen einen schmierigen Film auf dem Polymer.
“Kleewald Robinson ist der, den du brauchst. Schlag ein oder lass es.“ “Erzähl mir was über ihn.“ “Hm. Das wird schwierig sein am Telefon.“ “Telefon? Was für ein Telefon?“
“Sagen wir so: ich fühle mich in deiner Gegenwart immer wie am Telefon. Und da rede ich nun mal nicht gern. Aber ich kann dich hinbringen. Vielleicht erzähle ich dir unterwegs, was ich weiß. Ich hol‘ dich in einer Viertelstunde ab. Ich leg‘ jetzt auf.“ “Sag mal, Carl … übertreibst du das mit dem Telefon-Gefühl nicht etwas?“