GrammaTau

  • Pastos von der Nachbarin

    Vielleicht schafft einer ein Gedicht
    in einem Jahr, schreibt es so nieder,
    wie er sitzt, und hat dann Worte gemacht,

    über die er nachdenken muss, früh und spät
    (nur mittags ruht er sich aus),
    nach zwei Wochen hat er bereits ein Wort verändert,

    nichts, von dem er weiß, vielleicht
    ist er nicht verantwortlich für sein Gedicht,
    vielleicht sind seine Spuren nicht so wichtig,

    seine Gestalten im Laternenlicht,
    zum Gruß erhob’ne Hand, die Mittelstreifen
    existieren noch, die Häuserschluchten,

    die ihn verlachen, weil er
    Buchstaben ohne Statik bildet,
    wenn er zur U-Bahn wechselt,

    die Straße unterquert, alle Warnungen
    im Schutt der Stadt entdeckt, wie sie
    Karten spielen, sich wie kleine Köter balgen,

    wenn einer auftaucht, den sie vorher noch
    nie geseh’n. Am Abend berichtigt er das Wort,
    um am nächsten Tag jene Dinge vorzufinden,

    die er zum Leben benötigt, als da wären :
    zwei Koteletts vom selben Schwein wie immer
    und eine Kaffeepflanze, die ihren Samen Namen gibt,

    so dass er sich über ein entgangenes Zwiegespräch
    nur dann ärgern muss, wenn seine Nachbarin
    klingelt, um ihr Porzellangeschirr

    für einen langen Nachmittag abzugeben.
    Nie kommt sie über die Schwelle, sagt nur :
    „Sie haben nicht vergessen, Ihr Wort zu ändern“,

    während er bereits den Kopf schüttelt.
    Sie überwacht ihn, weiß, wann er eine
    schwache Minute aus dem Schrank holt,

    aber mit ihrem Nachschlüssel gelangt sie nur
    bis zur Miniatur einer Toilette in Antwerpen,
    was sie ängstigt. Was wäre denn, wenn er das schriebe?

    Ihren Kopf ist sie ohnehin bereits los,
    aber sie würde gerne ihre Hände behalten,
    um ihm weiter das Geschirr zu bringen.

    Was wüsste sie sonst von der Welt – allein
    und ohne Türspion? Gedichte sind nun genau jene
    Partikel, aus denen sich die Welt zusammensetzt.

    
    	
  • Worauf du achten wirst

    I,

    Wenn wir wirklich sehr vorsichtig sind mit
    Der Wahrheit, dürfen wir unsere Laster behalten,
    Zumindest behaupten das die alten Bücher,

    Die hinter der Kommode in der Küche
    Deiner Mutter sitzen, ihre Flügel strecken, flattern.
    Aufmerksam wurde ich durch ein knarzendes

    Dielenbrett. Worauf spielt es an? Im
    Universum geht Energie nur dann verloren,
    Wenn wir nicht mehr sind.

    II,

    Der gespannte Gummi wäre lieber die Saite
    Einer Konzertguitarre, erträgt das Spiel
    Der hüpfenden Beine jedoch klaglos, denn

    In der Vergangenheit gab es einige Vorkommnisse,
    Von denen die Mädchen wussten. Wer in einem
    Solchen Ausmaß Bescheid weiß, ist längst

    Kein Gegner mehr, sondern jemand, der
    Die weite Reise tun muss, und ahnt,
    Dass er selbst viele künstliche Stoffe enthält.

    III,

    Ich springe nicht gern in dieses Wasser hinein,
    Das vor Entengrütze steht; verloren
    Geglaubt das Schmuckstück, eine Vermutung nur.

    Könnte man hineinsehen, hätte man
    Überhaupt Augen, um Vergessenes zu betrachten,
    Stünde ich nicht hier im Regen, um darauf

    Zu warten, bis das Geschmeide mir
    Auf den Kopf fällt. Jetzt reichst du mir
    Meine Badehose und sagst, es wäre besser so.

  • Wer sagt nun seinen Namen?

    : und dann pfählen wir
    die Nacht vielleicht
    ihren Schmetterling. Lass

    es fahren, wir wissen es doch
    ohnehin niemals genau! Kannst
    du dich erinnern?

    Das Feuer sang, es sang
    atonale Giguen
    auf dem Rücken des Holzes,
    die Glut eine Stadt im Fluge. Je

    mand spielte die Grasflöte memorierend, tat
    Klänge hinein, einer Flüssigkeit entnommen,
    die durch Dachleisten nieselt. Sonderbare

    Keimlinge, nabelfrei, trugen
    Schlachtplatten durch ein
    Gewirr tiefer Stimmen, lose,
    majestätisch, kühn. Ach,

    der Luftzug einer Seele, ein
    fünfter Wind im Würfel einer Kluft. Die
    Augenzahl wie die Tage unbekannt.

  • So kam es

    Wir driften im wasserblauen Ozean
    in wasserblauen Blumen fort von
    allen Leibern, die wir bewohnt, die

    wir an Tische setzten, und manchmal
    kam uns das nur so vor. Aber eines
    war unaufhaltsam aus uns geworden:

    das Rinnsal, der Spuk, oder die
    Bresche, die fast ausschließlich mit
    wütenden Lücken gefüllt sich fand.

    This is how it happened

    We drift away in the water-blue ocean, 
    in water-blue flowers, from
    all the bodies we have inhabited,

    which we set at tables. And sometimes
    it just seemed that way. But one thing
    had become unobtrusive:

    the trickle, the haunting, or the
    breach that found itself filled
    almost exclusively with angry gaps.
  • Schluchten

    Zerrüttet ist das Schiff
    zersprungen an der Kehle
    Ein
    Gigant
    der außer sich
    die Taue kämmt

    Eine Zahl wievieler Welten, den Nordwind
    unterm Hemd, das den Applaus beginnt.
    Beschwert sind die Lider, geduckt die Membran
    wo Aberwitz ins Tal gelassen

    Möchtest du deine
    Schluchten schluckend schlürfen?