Fridolin, der Philosoph

»Ein großer Mann, der leider keine Ratte war – also nicht so richtig«, fuhr Fridolin fort, »kam der Sache schon ziemlich nahe. Das ist lange her. Obwohl der Mann Grieche war, hieß er so wie das spanische Wort für Teller. Er hieß also Plato, und er sagte, dass hinter allem eine Idee stecken muss. Nimm mich! Ich bin eine Ratte – gut, okay, ich bin eine Albinoratte, gehöre aber zu den Wanderratten, bin also eine mus norvegicus. Bevor es irgendeine Ratte gab, war da die Idee der Ratte in der Natur, sozusagen die Kuchenbackform. So eine Kuchenbackform gibt es von allem, von jeder Pflanze und jedem Tier.«

Dumdidum Wisch

Dumdidum spürt, was ein selbstbewußter Wind spürt, wenn er seine luftigen Kapriolen schlägt, Capricen vorbereitet, wie ein Schloßgespenst lacht. So ein Wind kann sich von den Hauswänden prallen lassen, sich rauschend in dichten Zweigen verfangen, dem Zugriff der Tannenzweige bereits wieder entkommen, eine Pfütze aus ihrem Bett treiben, den Kaminen Töne entlocken, die vom tiefen Heulen bis hin zu Regenrinnenpfeifen eine ganze Klaviatur enthielt.

Hohenner, Salon, Vorfreude

Hohenner sah ein paar Minuten nachdenklich drein, hielt sein Kinn mit der rechten Hand fest und stakte, scheinbar tief in sich versunken, auf der Lichtung herum. Richard und Ludwig sahen sich an. Es war kaum zu merken, dass sich die beiden Männer spinnefeind waren. Der Arzt blieb abrupt stehen, richtete sich auf, klatschte in die Hände und sagte: »Also gut. Ich will die Augen!«

Schnackelhupferiade

Die andere Geschichte nannte sich die vom ›Schnackelhupfer‹, und die entstammte keiner archaischen Resteverwertung. Vielleicht war sie einst wesentlich harmloser als das Märchen vom Hägelmoo gewesen, zumindest aber war sie realer. Und sie spielte um den Badeweiher herum. Nackt, nur mit Gummistiefeln an den weißen dürren Beinen, hieß es, tanzte dort ein alter, ekelhafter Schmerbauch herum, sobald sich Kinder sehen ließen, knetete seinen riesengroßen Sack und schlenkerte sein Gemächt durch die Luft. Er meckerte wie ein Ziegenbock und roch wie verdorbene saure Sahne. Aber wirklich gesehen hatte ihn niemand.

Anna, die Fliegenpilzin, leibhaftig

Die Stimme war hinter mir erklungen und löste die Erstarrung von meiner Haut. Ich drehte mich, gewohnt, den Stimmen zu begegnen, herum.

»Ich bin Anna, die Fliegenpilzin, und Ihr seht aus, als wäret Ihr etwas aus der Fasson geraten.«

Mit kindlicher Grazie machte Anna große runde Augen, es sollte Unschuld symbolisieren, doch dahinter lauerte eine nicht unbedeutende Gefahr, die mich körperlich anging. Gekleidet war sie wie ein Rotkäppchen, ihr Alter war überdies schwer zu schätzen. Ihr eigen schienen sämtliche Zeitalter zu sein. [Sandsteinburg-Story: Die Fliegenpilzin (Weg nach Raha)]

Neu zum Bild: Hinter mir erklang eine Stimme, die durch ihre hauchzarte Schwingung dafür sorgte, dass sich mein Körper zu ihr ausrichtete und meine Erstarrung von mir abließ.

„Ich bin Anna, die Fliegenpilzin, und du siehst aus, als wärest du reichlich irritiert.“

Sie machte große Augen, wobei ihr die kindliche Grazie dabei half, Unschuld zu markieren. Doch hinter der Fassade lauerte eine nicht unbedeutende Gefahr, die mich bereits körperlich anging. Gekleidet war sie wie ein Rotkäppchen, und aus einem einfachen roten Rock stürmte der Stamm ihres Halses hinauf zu ihrem Gesicht, das von einem leuchtendroten Hut mit weißen Tupfen eingerahmt wurde.

Unerwarteter Besuch

Aus alten Aufzeichnungen: Kleewald hört förmlich ihr Erstarren. Der Auftrag ist leicht: Eine solche Matrone wird in erster Linie verblüfft sein, wenn er das Spiel beginnt und in dieser weinroten Robe mit Posamentenverschlüssen vor sie tritt. Zunächst will er jedoch abwarten, ob sie es tatsächlich wagt, aus dem Badezimmer zu kommen. Die Wohnung ist geräumig, ein richtiger Bungalow, in dem er sich sogar verstecken könnte, falls sie sich mit einer Schere oder einer Haarnadel dem Unbekannten stellen will.