Ich bin die Nacht: 6 Schnackelhupfer

Der Jüngere hatte nicht nur physisch zu Helmut aufgesehen, langhaarig, schmutzig, es hatte Roland auch nicht sehr bekümmert, dass Helmut, das Denk- und Sprachrohr, gern ein anderes Rohr in seinen Mund steckte, während Roland ihm Äste in sein Zweitloch, wie er es nannte, stecken sollte, Zweigerl am Astl, Astl am Ast; Helmut sah dabei wie ein Beamter auf seine Armbanduhr, sachliche, aufgeräumte Geräusche von sich gebend, ein Experiment im Schatten der Jugend, man nimmt, was man bekommen kann. Aus Meidlin machten sie sich nichts, prahlten sie sich gegenseitig vor (auch wenn das nicht stimmte und nur ihr Ungeschick und Unverständnis dem anderen Geschlecht gegenüber kaschieren sollte). Was waren das für Wesen?

»Die sind nicht zu verstehen, und zu allem Unglück beginnen sie, schrecklich zu bluten, wenn man ihnen etwas zwischen den Beinen herumfummelt, wo es nichts sonst zu finden gibt. Scharm-Lippen, versteht du?«

Roland hatte das noch nicht gesehen, aber er vertraute Helmut, wenn er von seinen jüngeren Schwestern sprach, wie ihnen ständig die Wunde wieder aufriss und sogar nachts das Bett mit Blut tränkte, die sich dann einen Lappen in die Unterhose legten, oder eine von Luckis alten Baumwollwindeln. Ihre Väter würden sich der Sache annehmen, sagte er – und meinte damit auch Rolands alten Meister, der sich häufig bei den Finners herumtrieb, um sich die Sache mit dem Blut anzusehen. Einmal hatte Roland Helmut gefragt, ob er das nicht auch einmal sehen dürfe, aber Helmut ließ gynäkophobisch keinen Zweifel daran, dass er sich vor seinen Schwestern ekelte und er unmöglich mit jemandem befreundet sein konnte, der sich dafür ernsthaft interessierte.

Es war einmal ein guter Tag, um baden zu gehen, die Sonne brannte das Blau aus dem Himmel heraus, grillte die wenigen Schäfchen, die da oben herumlungerten und sich nicht von der Stelle bewegten. Auf dem Feld hinter der Fabrik, wo die ruinenhaften und gespenstischen Wasserbassins mit all den ertrunkenen Ratten standen, ratterte der Unimog des Schäfers Herold (seinen wirklichen Namen hörte man nie) über die trockenen Stoppeln und wendete das Heu, dessen Geruch wie Getreidedunst über Wendenschuchs Mühle lag. Die Vögel kreischten und tschilpten heute besonders laut. Die Nacht schien keinen Einfluss auf diese gleißend hellen Sommertage zu haben, an denen selbst die Schatten wie helle Oasen wirkten. Aber sie war da. Sie beobachtete. Sie spähte aus Kellern, hockte in versteckten Winkeln der Dachkammern, der Brutstätte von Spinnen und Käfern herum, lauernd und aufmerksam.

Adam stand am alten Apfelbaum, den Unimog, in dem er oft mit über die Felder fuhr, hatte er verpasst, als Roland, Helmut und Lucki hinter dem langgezogenen, leichengelben Hausklotz hervorkamen.

»Kommst du mit?«, rief Helmut schon von weitem. (Es wäre ein Leichtes gewesen, die Stimme als lauernd zu erkennen, nur: wie will man angemessen reagieren, wenn der ganze Kosmos speit?)

Der Badeweiher: eigentlich kein zum Plantschen angelegter Tümpel, sondern einer der drei Fischteiche der Kaländers, ein richtiges Biotop mit meterhohem Schlamm, Libellen, die unentwegt über die Spiegelfläche propellerten, mit Fröschen und natürlich mit schleimigen Fischen: Karpfen und Hechte. Man musste sich überwinden, vom seichten Rand aus ins Wasser zu gleiten, loste die zu opfernde Extremität aus, wedelte Entengrütze und Wasserläufer plantschend hinfort, aber war man erst einmal drin, war das Wasser schlammig frisch und ölig angenehm. Richtig warm wurde es allerdings nicht einmal im Hochsommer. Die anderen Teiche kamen erst gar nicht in Frage. Man hätte sich selbst bis zu den Knien (und noch weiter) im Morast versenkt, bevor man dem Wasser auch nur nahe gekommen wäre. Außerdem lauerten Hände im Schlamm, die einen nicht mehr los ließen. Grünblaue, aufgedunsene Finger mit langen Krallen. Der Schlamm war ja überhaupt die eigentliche Bestie, ein Torwächter zu noch tieferen Regionen. Wer wusste schon, was sich wirklich in der Erde abspielte? Nichts kam hier ohne Geschichten aus. Die einen nannten das Wesen, das hier herumschlich, und dem die zahlreichen Schlammhände am Grund der Fischteiche gehörten, den ›Hägelmoo‹ oder den ›Nachtkrapp‹. Das war die mystische Variante, die auf den Geschichten vom Schwarzen Mann beruhte, die den Kindern erzählt wurden, wenn sie nicht schlafen wollten. Ganz abgesehen davon, dass man im Turnunterricht ein gleichnamiges Spiel spielte. Ein wildes Durcheinander, bei dem manche sich in der Menge versteckten, um nicht erwischt zu werden. Es gab jene, die den Schwarzen Mann neckten, ihn mit Grimassen aufforderten, sich an ihnen zu versuchen. War der Fänger ein guter Fänger, ließ er sich von nichts und niemandem beeindrucken, hatte sich sein Ziel schon bevor das Spiel begann ausgesucht, und jagte nur den Einen, egal, ob er sich versteckte oder ihn herausfordern wollte. Nur der Eine war wichtig – und den würde er hetzten, bis er ihn hatte.

Die andere Geschichte nannte sich die vom ›Schnackelhupfer‹, und die entstammte keiner archaischen Resteverwertung. Vielleicht war sie einst wesentlich harmloser als das Märchen vom Hägelmoo gewesen, zumindest aber war sie realer. Und sie spielte um den Badeweiher herum. Nackt, nur mit Gummistiefeln an den weißen dürren Beinen, hieß es, tanzte dort ein alter, ekelhafter Schmerbauch herum, sobald sich Kinder sehen ließen, knetete seinen riesengroßen Sack und schlenkerte sein Gemächt durch die Luft. Er meckerte wie ein Ziegenbock und roch wie verdorbene saure Sahne. Aber wirklich gesehen hatte ihn niemand – und das war das Schlimmste an der Geschichte. Es blieb der eigenen Phantasie überlassen, was aus ihm geworden war und wo er jetzt wohl stecken mochte.

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    Gegen Abend hörte ich meine Nachbarin eine Arie anstimmen und war dankbar für das Gekreische, denn ich war gerade mit der Innenfläche der Töpfe beschäftigt, als ich kurz wegnickte. Mein Ziel war es, ein für mich bestimmtes Muster zu finden, die Beobachtung des Geschirrs etwas angenehmer zu gestalten, sicher, dass mir das in den folgenden Tagen, wenn mir Teller, Schüsseln und Besteck gebracht wurden, aufgrund der unterschiedlichen Formen, leichter fallen würde.

    Ich konzentrierte mich vor allem auf die ungleichmäßige Verarbeitung, stellte mir vor, wie man in den Töpfen die verschiedensten Gerichte zubereitete und ging im Geiste die Rezepte durch. Zu jeder Delle dachte ich mir eine weitere Geschichte aus und sah die knetige Masse der Hände, die diese Töpfe gegen die Kugelgestalt ihres Kopfes donnerte so lebhaft vor mir, dass ich unter den Wogen der hysterischen Musik aufgrund der Eindrücklichkeit der Vision erschrak. Aus den Fingerklumpen der Nachbarin wurden meine eigenen, dagegen zarten, Dirigentenstäbe. Ich hieb so fest auf ihr gebirgiges Gesicht ein, dass mir sogleich ein gänzlich neuartiges Rezept in den Sinn kam, das ich mir versprach, aufzuschreiben, sobald die Töpfe wieder verschwunden waren.

    So weit ich das zu beurteilen imstande war, gab es im Treppenhaus außer mir niemanden, der sich mit der Beobachtung fremden Geschirrs beschäftigte, aber es gab noch andere Tricks, die Miete zu begleichen. Ich hatte von Wäscheschindern gehört, von Wandstreichlern und Rundläufern, gesehen hatte ich das nie. Gleich fragte ich mich, ob ich meine Arbeit mit meinen Brotzeitpausen verknüpfen könnte, ob ich nicht die Wurst auf dem fremden Geschirr aufschneiden sollte, denn es ging ja vor allem darum, das mir anvertraute Service nicht aus den Augen zu lassen.

    Nur wie sollte ich anschließend alles wieder sauber bekommen? Du könntest den Teller sauberlecken und mit deinem Hemd polieren! Morgen war der Tag, an dem ich das ausprobieren wollte.

    Sie erschien recht früh, bückte sich und nahm die Töpfe wieder an sich, ohne ein freundliches Wort an mich zu richten. „Es wird heute schlimm werden“, sagte sie ohne Mitleid in der Stimme. „Ich habe mehr Geschirr, als ich dachte.“

    „Wann werden Sie es mir bringen?“

    „Machen Sie sich jede Sekunde darauf gefasst.“ Sie ging davon, und ich konnte endlich meine Türe schließen. Todmüde setzte ich mich in den Gartenstuhl, den ich am Straßenrand gefunden hatte.