Im Februar 2025 erscheint Steward Turtons dritter Roman Der letzte Mord am Ende der Welt“, und es ist jetzt schon sicher, dass es wieder eines der Bücher des Jahres sein wird. Vorwegnehmen kann ich das nicht, aber wer die Originalität des Autors kennt, der wird hier sicherlich zustimmen. Zeit also, noch einmal die beiden vorangegangenen Roman zu sichten, begonnen mit „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“, gefolgt von „Der Tod und das dunkle Meer“.
Stuart Turtons Debütroman „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ ist ein origineller, hochkomplexer Kriminalroman, der als eine Mischung aus Robert Altmans Gosford Park und Christopher Nolans Inception beschrieben wird, allerdings in Anlehnung an Agatha Christies „Mord im Orient Express“, denn obwohl es sich hier um die Aufklärung eines Mordes handelt, ist der übergeordnete Hintergrund eher in der Phantastik zu suchen.
Als der Roman 2018 erschien, konnte es für viele Kritiker keinen Zweifel geben, dass dieser höchst originelle Krimi das beste Buch des Jahres sein würde, und so bekam Stuart Turton auch gleich den Costa Book Award für das beste Debüt.
Stuart Turtons Erstling „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ ist ein Buch voller Überraschungen. Der Roman folgt dem Protagonisten Aiden Bishop, der versucht, den Mord an eben jener Evelyn Hardcastle aufzuklären – und im Idealfall sogar zu verhindern. Jeden Morgen wacht Bishop in einem neuen Körper auf und muss denselben Tag acht Mal wiederholen. Außerdem muss er den Mord an Evelyn vor Ablauf der acht Tage aufklären, um nicht zu riskieren, dass er die gesamte Erfahrung vergisst und alles noch einmal von vorne beginnt. Wie Aiden dorthin gekommen ist, weiß er nicht.
Das heruntergekommene Anwesen, auf dem das geschieht, gehört den Hardcastles, die Freunde und Bekannte zu einer Party versammelt haben, bei der um 23 Uhr ihre Tochter Evelyn ermordet wird, und dieser Tag wiederholt sich in einer Schleife. Aiden kann diesen Ort nur dann verlassen, wenn er das Rätsel des Mordes löst.
Wenn Aiden in seine acht verschiedenen Körper schlüpft, ist er gezwungen, mit acht verschiedenen Persönlichkeiten und Instinkten zu interagieren. Aidens erster Wirt ist zum Beispiel Sebastian Bell, ein Arzt. Bell ist ein kleiner Mann, der neugierig, ängstlich und intelligent ist. Als Aiden zum ersten Mal in Bell erwacht, findet er sich verwirrt im Wald des Anwesens wieder. Er kann sich nur an einen Namen erinnern: Anna. Erst bei seinem zweiten Wirt merkt Aiden, dass er zwischen den Körpern hin und her springt. Mit seinen zusätzlichen Tagen und seiner zusätzlichen Zeit ist er entschlossen, Evelyns Mord nicht nur aufzuklären, sondern ihn gar nicht erst geschehen zu lassen. Doch dazu müsste es ihm gelingen, den Ablauf zu verändern.
Selbst der einzige scheinbar immer gleiche Teil des Romans, das Anwesen selbst, verändert sich langsam mit der fortschreitenden Ermittlung. Turton konzentriert sich in die verwilderte europäische Landgut-Ästhetik, die er im Buch anlegt. Der Leser stößt ständig auf Fragmente des großen Hauses und des weitläufigen Geländes. Trotz des isolierten Schauplatzes bekommen wir durch die Perspektivwechsel jeden neuen Körpers, den Aiden ins Abenteuer schickt, andere Details und Erkenntnisse präsentiert.
Allerdings hat der ständige Wechsel der Perspektive auch seinen Preis. Natürlich zeichnet sich der Roman durch seine ungewöhnliche und kreative Prämisse aus, ist aber nicht in der Lage, die Handlung auszufüllen und die Figuren zu einem befriedigenden Ende zu führen. So muss der Leser eine Wendung nach der anderen hinnehmen – die meisten davon sind nicht vorhersehbar und entbehren in der Regel jeglicher Logik, auch wenn sie höchst unterhaltsam sind.
Aufgrund des ständigen Wechsels zwischen den Charakteren fühlen sich selbst die am stärksten ausgeprägten Personen ein wenig stagnativ an. Der größte Teil der Charakterentwicklung findet parallel zu den eben erwähnten Wendungen statt, so dass die Charaktere oft eine große äußere Entwicklung, aber eine erzwungene innere Entwicklung erfahren. Selten wird den Figuren eine Hintergrundgeschichte gegeben, wenn aber doch, dann meist in Form eines plötzlichen Ereignisses, an dem die Figur fast augenblicklich reift und wächst, was eine effiziente, aber letztlich künstliche und unbefriedigende Art ist, Turtons Figuren kennenzulernen.
Der Roman neigt auch dazu, mehr Fragen aufzuwerfen als zu beantworten. Es gibt einen Unterton im Werk, einen ständigen Strom von Fragen, die den Leser wahrscheinlich verwirren und sein Interesse aufrechterhalten sollen. Dies kann zwar ein wirksames Mittel innerhalb des Genres des Kriminalromans sein, doch wird der Leser nie richtig in die Lage versetzt, diese Fragen selbst zu lösen, was zu Enttäuschung und Unzufriedenheit führt, die nicht mit der durch die Handlung beabsichtigten Gesamtspannung in Einklang stehen. Trotz dieser Kritikpunkte ist Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle eine äußerst kreative und unterhaltsame Lektüre. Auch wenn das Buch selbst in seinem Genre nicht bahnbrechend ist, gelingt es ihm doch, den klassischen Krimi-Tropen einen einzigartigen Dreh zu geben. Es ist ein Whodunit, der auf höchst faszinierende Weise erzählt wird.
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