Alfred Hitchcock: Eine Dame verschwindet

Hitchcock und Eisenbahnen gehören zusammen wie eine Lokomotive und ihr Tender. Er liebte sie, sie sind prominent in seinem Werk vorhanden, am wichtigsten jedoch in Eine Dame verschwindet. Vieles von dem, was hier passiert, kann nur auf einer Eisenbahnfahrt passieren – Passagiere, die gemeinsam durch einen Lawinensturz aufgehalten werden, unterschiedliche Klassen, die voneinander getrennt sind, Fremde, die sich begegnen, während sie unterwegs sind, ein Lokführer, der im Kreuzfeuer stirbt, ein Waggon, der auf einen Nebengleis geleitet wird, ein unerschrockener Held, der sich außerhalb eines schnell fahrenden Zugs von einem Wagen zum anderen kämpft, während andere Lokomotiven an ihm vorbeirasen, Hinweise in Form eines Namens, der durch den Dampf auf einem Fenster sichtbar wird, und ein Etikett auf einer Teepackung, das kurz an einem anderen Fenster kleben bleibt, und vor allem die erzwungene Intimität auf dieser rhythmischen Reise, die sich in ihrer eigenen Welt abspielt, unabhängig von der sich verändernden Landschaft draußen. “Alfred Hitchcock: Eine Dame verschwindet” weiterlesen

T. E. D. Klein – Botschafter des Grauens und der Romantik

1.

QUAL DES SCHREIBENS

Die gesammelten Widersprüche des T. E . D. Klein

 Wenn es in der zeitgenössischen Literatur einen Autor gibt, der sich dem Schreiben durch puren Masochismus verbunden fühlt und sich in seiner Qual trotzdem wegweisende Werke abringt, dann ist das wohl T. E. D. Klein, der Autor eines bemerkenswert schmalen aber wahrlich nicht unbedeutenden Œuvres.
„Ich bin einer dieser Leute, die alles tun würden, um dem Schreiben auszuweichen. Alles!”1,  sagt er. „Ich finde das Schreiben von Fiktion irrsinnig hart. Ich denke, ich bin ein extrem guter Lektor für anderer Leute Werke, […] aber es ist eine entsetzlich harte Arbeit für mich, irgendetwas Eigenes zu produzieren.“2
In einem Zeitraum (wir sprechen von mehr als 25 Jahren), in dem Stephen King ein ganzes Hochregallager mit seinen Büchern füllen kann, hat T. E. D. Klein einen Roman (The Ceremonies), fünf längere Erzählungen bzw. Novellen („The Events at Poroth Farm“, „Petey“, „Black Man With a Horn“, „Children of the Kingdom“ und „Nadelman’s God“) und etwas Kleinzeug (ein paar Kurzgeschichten, Essays und Rezensionen) zustande gebracht. Warum das so ist, erklärt er Carl T. Ford, dem Herausgeber des britischen Fanzines Dagon wie folgt:

Ich lese schnell, viel zu schnell und schreibe viel zu wenig und viel zu langsam. Ich bin ein Zeitschriften-Junkie, und ich kann Stunden glücklich damit verbringen, mich durch einen Berg von Zeitschriften zu lesen. Ich unterbreche nur mal kurz, um ein paar Artikel herauszuschnippeln, die es wert sind, sie zu behalten oder einem Freund zu schicken. Du würdest entsetzt sein, wenn du sehen würdest, was ich jede Woche über in der Post habe: Literatur-Magazine, Finanz-Magazine, regionale Magazine, politische Magazine jeglicher Färbung3, Reise, Humor, Wissenschaft, Film, sogar Magazine über Postkartensammeln und Fliegen (was ich beides nur in meiner Phantasie tue).4

“T. E. D. Klein – Botschafter des Grauens und der Romantik” weiterlesen

Alfred Hitchcock: Cocktail für eine Leiche

Cocktail für eine Leiche ist einer der mutigsten Filme, die Alfred Hitchcock je drehte. Hier verwandelt der Meister des “Suspense” ein kleines Spannungsstück in einen ganzen Spielfilm, und zeigt uns die Kehrseite der Thriller, mit denen er sich einen Namen machte. Mord wickelt sich in vielen Filmen mehr über das Motiv als über die Konsequenz ab. Die bösen Jungs planen ihr Verbrechen und sind viel Interessanter, bevor sie ihre Tat bereuen. Cocktail für eine Leiche verwirft diese Formel, lehnt sich an eine wirkliche (und besonders kaltherzige) Geschichte an und macht sich über deren Nachwirkung lustig.

Der Film ist der dunkle Schatten von Das Fenster zum Hof, den Hitchcock sechs Jahre später drehen sollte. Auch hier sehen wir James Steward in der Hauptrolle und auch hier spielt sich die Handlung in einem kleinen städtischen Apartment ab. In diesem späteren Film ist unser (und Stewards) Voyeurismus moralisch gerechtfertigt. Wir glauben, einen Mord beobachtet zu haben, sind uns dessen aber nicht sicher. Die einzige Möglichkeit, die Wahrheit herauszufinden, ruht in der weiteren Beobachtung der Szenerie. In Cocktail für eine Leiche wissen wir ganz genau, welchem kranken Geschehen wir da zusehen, die einzige Frage ist, wie lange wir es aushalten.

Es beginnt mit einem Mord und endet mit einem Pistolenschuss, der die Polizei auf den Plan ruft. Was dazwischen geschieht, wird in fast quälender Echtzeit gezeigt. “Alfred Hitchcock: Cocktail für eine Leiche” weiterlesen

Emil Ferris: Am liebsten mag ich Monster

Die Erstveröffentlichung in den USA – der Comic schlug ein wie eine Bombe – fand am 14. Februar 2017 statt. Zu uns kam er am 25. Juni 2018 und ist bei Panini Comics erhältlich.

Emil Ferris

Es ist Emil Ferris’ Erstlingswerk. Ca. zehn Jahre hat sie es mit sich herumgetragen und daran gearbeitet, sogar als sie zeitweise obdachlos war. Über 400 Seiten zählt der mehrfach prämierte (unter anderem Gewinner des Eisner Awards: in drei Kategorien) erste Teil dieses Meisterwerkes. Eines, an dem eine in die USA eingeschleppte infizierte Stechmücke nicht unwesentlich ihren Anteil hatte. Mit dem West-Nil-Virus infiziert, der Ferris von der Hüfte abwärts lähmte, auch der rechte Arm (wie auch ihre Hand) war betroffen, eroberte sie sich zeichnend ihren Körper weitestgehend zurück und machte sogar einen Abschluss im “Kreativen Schreiben” an der School of the Art Institute of Chicago und erhielt zudem 2010 das Toby Devan Lewis Fellowship in den Bildenden Künsten. Emil Ferris, die wie ihre zehnjährige Protagonistin Karen Reyes selbst in den turbulenten 1960er Jahren aufgewachsen ist und dort heute noch lebt, war in einem früheren Leben Illustratorin und Spielzeugdesignerin für diverse unterschiedliche Kunden. Nach eigener Aussage liebt sie alles, was mit Monstern oder Horror zu tun hat.

Große Arbeit haben auch geleistet: Alessio Ravazzani, der für das Lettering zuständig war, wie auch Torsten Hempelt, der sich um die deutsche Übersetzung gekümmert hat.

Ein wahrlich monströses Kunstwerk!

Dieses üppige Kunstwerk in Form einer großen Kladde in Softcoverversion, an dessen Skizzen, kindlichem Gekritzel, Portraits, Szenenbildern, die teils wie Radierungen wirken, Panels und Gemälden von real existierenden Gemälden ich mich kaum sattsehen konnte, ist zugleich ein mysteriös monströser Psychothriller, ein Familiendrama, ein Geschichtsepos, eine Coming-of-Age-Geschichte, wie auch ein düsterer Krimi. Es ist eine Hommage an die vergangene Ära der Horror-B-Movies, sowie der Pulpmagazine. Liniertes, gelochtes Ringbuch-Schreibpapier, Kugelschreiber, Blei- und Farbstifte waren dabei alles, was Emil Ferris brauchte, um diese düstere aber enorm bezaubernde Geschichte in die Welt zu heben. Alles Utensilien, die den tagebuchartigen Stil noch verstärken. Dabei wird der Comic durch die von Emil Ferris nachgezeichneten Titelbilder der Horrormagazine der 60er Jahre in so etwas wie Kapitel unterteilt. Es ist sprichwörtlich neben dem Gang durch die, wie bereits erwähnt, Zeit- und Kulturgeschichte einer Ära, auch ein Gang durchs Museum. Auch lernen wir die Lebensgewohnheiten und -bedingungen der damaligen ausländischen und armen Arbeiterschicht kennen. Neben den abergläubischen Bräuchen von Karens Mutter kommt auch die griechische Mythologie nicht zu kurz. Die vielen Handlungsstränge, die uns nach und nach eröffnet werden, entwickeln einen enormen Sog. Sprunghaft, uns immer wieder auf Zeitreise schickend, entwickelt Ferris dabei die Geschichte(n) vor unseren Augen, lässt uns aber zugleich verweilen. Dies geschieht zum einen durch die Kraft ihrer Bilder und Details, wie z.B. die kleinen versehentlichen Schmierereien und erkennbaren Eselsohren, oder durch kleine gemalte Notizen, die wir finden können, zum anderen, durch ihre Erzählart, in Szenischem in die Tiefe (in die Seele der kleinen Protagonistin) zu gehen, wie z.B. während der Besuche im Museum, wenn Karen in die Gemälde klettert, oder ein andermal, wenn sie sich im Auge ihrer Mutter auf einer kleinen Insel wiederfindet.

Karen Reyes

Karen Reyes, deren Vater Mexikaner ist und deren Mutter zu einem Teil von irischen Siedlern aus den Appalachen abstammt und zum anderen von amerikanischen Indianern, ist eine Außenseiterin, die nunmehr gemeinsam mit ihrer kranken Mutter und ihrem Bruder Deeze – ein Frauenschwarm und Künstler – in einer kleinen Wohnung in einem turbulenten Chicago lebt, das bald von der Ermordung Martin Luther Kings in politische Unruhen gestürzt wird. Karen hat es in der Welt nicht leicht, von ihren Mitschülern gehänselt, behauptet sie sich als Werwölfin, Zeichnerin und Detektivin. Dabei untersucht sie nicht nur den Mord (der Hauptstrang) an ihrer verrückten Nachbarin und Freundin Anka Silverberg, einer Holocaustüberlebenden. Sie gräbt auch immer tiefer in ihrer eigenen Lebensgeschichte, wie auch in der ihrer weiteren Nachbarn, die alle, wie auch ihre eigene Familie, irgendwie in den Mordfall verstrickt zu sein scheinen. Währenddessen entdeckt sie ihr Geschlecht, ihre Liebe für andere Mädchen. Dabei lernt sie unter anderem Sandy und Franklin kennen, zwei Kinder, die nicht weniger kurios und seltsam sind wie sie es ist. Sie nimmt die beiden unter anderem mit ins Museum, wo sie auf ihre “zuverlässigen” Freunde (die Figuren in den Bildern) trifft, die sie ansonsten oft mit ihrem Bruder besucht, der ihr die Bildende Kunst schon als kleines Kind näher gebracht hat.

Emil Ferris, die besonders von Künstlern wie Goya, aber auch von anderen, den Pulpmagazinen, Horror-Movies beeinflusst wurde, bekam von ihrer Großmutter die illustrierten Dickens-Romane von Colliers, voll mit Stahlstichen. Als Kind ihrer Zeit und in Anbetracht ihrer eigenen familiären Biografie und Sicht auf die Welt der Menschen hat sie sich mit der Werwölfin Karen Reyes auch ein wenig selbst verewigt.

Expressionistisch und surrealistisch

Einen ungeheuren Sog entwickelt dieses üppige, farbstrotzende Kunstwerk, das ich kaum aus den Händen legen konnte, und das ich, obwohl ich es bereits gelesen habe, immer wieder zur Hand nehme, um darin zu blättern und erneut zu lesen. So stark sind die Bilder, so fein und bedacht ist die Sprache. Nichs ist zuviel, alles ist wesentlich. Man kann sich bis ins kleinste Detail, sei es nun wichtig oder nur beiläufig, verlieren. Die Gesichtsausdrücke sind hierbei besonders stark. Es ist ein düsteres Wunderland, in dem selbst ein kleiner, kurz auftauchender weißer Haushase seinen eigenen witzigen Kopf hat. Die gesamte Figurenentwicklung ist grandios, es sind allesamt extreme Charaktere, die uns in ihren Bann ziehen, unter deren Oberfläche, obwohl sie aussehen wie von sich selbst gezeichnete Karikaturen, dunkle und spannende Geschichten wabern. “Am liebsten mag ich Monster” ist surrealistisch, expressionistisch und extrem atmosphärisch. Eine absolut dichte, bezaubernde und nicht selten sehr poetische Erzählung.

Ich kann es kaum erwarten, die Fortsetzung in den Händen zu halten. Und hätte ich mir Band 1 im Comiceck des Kiosk am Bahnhof nicht gleich geschnappt als ich ihn sah, denn ich hatte schon auf der Comic-Messe 2018 in Erlangen sehr mit ihm geliebäugelt, hätte ich ihn mir wohl selbst unter den Weihnachtsbaum gelegt.

Fantômas (Der Herr des Schreckens)

(c) Sotheby’s

Wenn es um Bösewichte geht, ist Fantômas selbst in diesem Zirkel noch der Böse. Er wurde 1911 eingeführt und ist das, was man einen Gentleman-Ganoven nennen könnte, der grausame, aufwendig geplante Verbrechen ohne klare Motivation begeht. Er hängt sein Opfer schon mal in eine Kirchenglocke hinein, so dass, wenn sie läutet, das Blut auf die Gemeinde darunter spritzt. Er versucht Jove, den Detektiv, der ihm auf der Spur ist, zu töten, indem er den Mann in einem Raum gefangen hält, der sich langsam mit Sand füllt. Er häutet ein Opfer und macht Handschuhe aus den Händen des Toten, um die Fingerabdrücke der Leiche am Tatort zu hinterlassen.

Seine Schöpfer nannten ihn das “Genie des Bösen” und den “Herrn des Schreckens”, aber er blieb ein Rätsel mit so vielen Identitäten, dass ihn oft nur Jove erkennen hätte können. Das Buch, das ihn vorstellt, beginnt mit einer Stimme, die fragt: Wer ist Fantômas?

Und es gibt keine echte Antwort:

“Niemand… Und dennoch, natürlich, ist er jemand.”
“Und was tut dieser Jemand?”
“Er verbreitet Angst und Schrecken!”

Von Fantômas über Hitchcock zu den X-Men

Fantômas war zu seiner Zeit unglaublich populär. Inzwischen ist er ein vergessener fiktiver Schurke, der allerdings dazu beitrug, das 20. Jahrhundert zu definieren. Sein Einfluss ist überall sichtbar, von surrealistischen Gemälden über Hitchcock-Filme bis hin zu den X-Men-Comics. Fantômas war so geheimnisvoll, dass er viele Male neu erfunden werden konnte. Aber in all diesen Iterationen gelang es niemandem, den reinen, chaotisch-bösen und ursprünglichen Charakter einzufangen, der er im Original war.

Ersonnen wurde Fantômas von den beiden Pariser Schriftstellern Pierre Souvestre und Marcel Allain, die zunächst als Journalisten zusammenarbeiteten. Den übriggebliebenen Raum, den sie bei ihren Artikeln noch zur Verfügung hatten, füllten sie manchmal mit fragmentarischen Detektivgeschichten, die die Aufmerksamkeit eines Verlegers auf sich zogen. Er beauftragte Souvestre und Allain, eine Reihe packender Romane zu schreiben; ihr Vertrag verlangte von ihnen, einen pro Monat zu produzieren. Sie erfanden Fantômas auf dem Weg zu ihrem Treffen mit dem Verleger und verbrachten die nächsten drei Jahre damit, fantastische Geschichten über ihren Erzbösewicht zu erzählen.

Fantômas war am leichtesten durch seine Verbrechen zu erkennen, die aggressiv und asozial waren. Er hat gestohlen; er hat betrogen; er hat häufig und fast wahllos getötet. In einer Geschichte beginnt eine zerbröckelnde Wand das Blut von den vielen Opfern zu spucken, die dahinter versteckt sind. Seine Motivation scheint die Freude am Verbrechen selbst zu sein.

Als Charakter hat er nur wenige Erkennungsmerkmale. Schon in den Originalbüchern ist die Identität von Fantômas formbar. Er wechselt mehrmals die Aliase und oft erkennt ihn nur Jove, der von ihm besessene Detektiv, in seiner neuen Gestalt. Er ist so geheimnisvoll, dass es manchmal den Anschein hat, dass Jove ihn selbst erfunden haben könnte und die Verbrechen vieler Männer einem von ihm ausgedachten Phantom zuschreibt. Wenn Fantômas “als er selbst” erscheint, ist er in Schwarz gehüllt und eine Maske verdeckt sein Gesicht. “Am Ende eines 32-teiligen Buchzyklus’ bleibt Fantômas genauso ein Geheimnis wie zu Beginn”, schrieb der Filmwissenschaftler David Kalat.

Fantômas ist überall

Dieser schattenhafte Bösewicht eroberte in den frühen 1910er Jahren die Herzen und Köpfe der französischen Öffentlichkeit. Die Buchreihe war ein sofortiger Erfolg, denn das Publikum verschlang die Krimis vielleicht gerade, weil sie so übertrieben waren. Filmgesellschaften kämpften um die Produktionsrechte, und innerhalb weniger Jahre war Fantômas der Gegenstand einer Stummfilmreihe. Die Bücher wurden mit großem Erfolg in Italien und Spanien veröffentlicht, wo der Schurke 1915 sogar Gegenstand eines Musicals wurde. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg gab es ihn überall.

Von Anfang an zog Fantômas Fans in ihren Bann, die ihn für ihre eigenen Zwecke benutzten. Guillaume Apollinaire, der große Dichter, liebte die Serie: Er nannte sie “eines der reichsten Werke, die es gibt”. Er und der Dichter Max Jacob gründeten einen Fanclub, La Société des Amis de Fantômas, die Gesellschaft der Freunde Fantômas’. Die surrealistische Bewegung, die etwas späte aufkam, war von Fantômas besessen, und René Magritte stellte einmal das Cover des ersten Romans als Gemälde nach.

Die Surrealisten fühlten sich von Fantômas auch deshalb so angezogen, weil seine Welt derjenigen entsprach, die sie in ihrer Kunst erschufen. Diese folgte ihrer eigenen Logik und hatte nichts mit den rationalen und zugeknöpften Regeln der gemeinen Gesellschaft zu tun. In einem Film verhaftet Jove Fantômas in einem Restaurant, nur um ein paar gefälschte Arme in den Händen zu halten – der Schurke war entkommen!

“Aber wie kommt es, dass Fantômas ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt gefälschte Arme bei sich hatte? Wenn Sie sich Fragen wie diese stellen müssen, wird Ihnen die Magie des Fantômas entgehen”,

schrieb Kalat. Die Surrealisten liebten das.

Weil die ursprüngliche Fantômas-Serie so beliebt war, verbreitete sie sich schnell in ganz Europa, nach Italien, Spanien, England, Deutschland und Russland, wie der Filmwissenschaftler Federico Pagello dokumentierte. Er war einer der ersten Erzschurken, die es zum Film brachten, und die Reihe wurde von Louis Feuillade geleitet, dem Pionier des Thriller-Genre. Die Fantômas-Serie war eines seiner ersten großen Projekte, und darin experimentierte er mit Erzähltechniken, die er später dann in seinem berühmten Klassiker “Die Vampire” anwenden würde. Hier wurde eine ganze Reihe Fantômasähnlicher Schurken in schwarzer Kleidung gezeigt. Die von Feuillade erfundenen Techniken beeinflussten wiederum Fritz Lang und Alfred Hitchcock.

Szene aus “Les Vampires” (c) Gaumont DVD

Der bereinigte Charakter

Mit dem Aufkommen des Thrillers als Genre verbreiteten sich Fantômas und seine Nachahmer auf der ganzen Welt. Nach den wirklichen Übeln des Zweiten Weltkriegs war Fantômas’ extravagante Schurkerei jedoch nicht mehr attraktiv und er verschwand bis in die 60er Jahre, als er in einer französischen Filmreihe, einem türkischen Film und einem italienischen Comic als Diabolik seine Rennaissance erfuhr. 1975 befasste sich sogar der grandiose phantastische Schriftstseller Julio Córtazar in “Fantômas gegen die multinationalen Vampire” mit dem Stoff, der auch verfilmt wurde.

Jedoch weichte man den Charakter schon vor seiner ersten Neuinterpretation an auf.

“Auf dem Filmplakat war die kindliche rechte Hand des Bösewichts nur eine geballte Faust, während sie auf dem Cover des Romans einen tödlichen Dolch hielt”,

schrieb eine Filmkritikerin. Auch die Handlung änderte sich: In der ursprünglichen Geschichte entkommt Fantômas der Hinrichtung, indem er sich von einem Schauspieler spielen lässt; der Schauspieler wird enthauptet, bevor jemand den Fehler bemerkt. Im Film findet Jove die Charade heraus, bevor der Schauspieler getötet wird und rettet sein Leben.

Noch häufiger wird Fantômas jedoch als tapfer dargestellt. Man wollte ihn als eine Robin-Hood-Figur mit edlen Motiven sehen. Als Fantômas die USA erreichte, wurde er eher als Gentleman-Dieb denn als schwarzherziger Nihilist dargestellt. Als er in den 1970er Jahren als Star einer Reihe mexikanischer Comics wiederbelebt wurde, war Fantômas mehr ein Held als ein Bösewicht; in den X-Men-Comics, in denen eine Figur namens Fantomex 2002 zum ersten Mal auftauchte, versucht er, als gutherziger Dieb zu fungieren. Es wird aber schnell enthüllt, dass er als Teil eines staatlichen Waffenprogramms geschaffen wurde.

Obwohl Fantômas Anfang des 20. Jahrhunderts ein legendärer Schurke war, war er zu dunkel, um in seiner ursprünglichen Form überleben zu können. Schriftsteller zogen es vor, ihre Schurken ein wenig besser erkennbar zu machen, ein wenig rationeller und letztendlich weniger dunkel.

Tatsächlich ist der Mythos um Fantômas in der heutigen Popkultur überall spürbar, aber die reine Essenz des Bösen wurde eben auf mehrere Figuren verteilt und erheblich abgeschwächt. Es scheint, als hätte jeder Angst vor – Fantômas.

Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel

Umberto Eco war mit seinem „Foucaultschen Pendel“ nicht imstande, den unfassbaren Erfolg seines Debüts, „Der Name der Rose“ zu wiederholen, was kaum verwunderlich ist, schließlich wurden von diesem Buch seinerzeit 50 Millionen Exemplare verkauft, eine ungeheuerliche Summe. Das Buch wurde verfilmt, bekam sein Videospiel und drei Brettspiele obendrein, ganz zu schweigen von Baseball-Kappen, Kaffeetassen und einer Ecke im europäischen Disney-Park. Das Foucaultsche Pendel bekam nicht einmal ein lausiges T-Shirt, dabei ist es nicht weniger brillant inszeniert wie sein Vorgänger, enthält dabei jedoch mehr historischen Prunk und philosophische Spekulationen. Und da sind wir beim Kern: das Buch ist so gut, dass es für den Massengeschmack untauglich ist. Wie beim Namen der Rose geht es in diesem Roman um Bücher und die Schwierigkeiten, die sie verursachen können.

Ecos drei Protagonisten arbeiten in der Verlagsbranche, wo ihre Bemühungen hauptsächlich auf trashigen Büchern mit verrückten okkulten Spekulationen und Verschwörungstheorien basieren. Sie empfinden nichts anderes als Verachtung für die Autoren dieser Werke, aber aus reiner Langeweile beginnen sie, ihre eigene halbgare Verschwörungstheorie zu konstruieren.

Dr. Causabon, ein Spezialist für die Tempelritter, die während der Kreuzzüge ihre große Zeit hatten, aber zu Beginn des 14. Jahrhunderts brutal ausgelöscht wurden, ist dabei die treibende Kraft.

Die meisten historischen Berichte gehen davon aus, dass die Templer nach der Hinrichtung des Großmeisters des Ordens, Jacques de Molay, der am 18. März 1314 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, nicht mehr existierten. Aber alternative Theorien deuten auf das Überleben der Templer hin, sogar bis in die Neuzeit, vielleicht unter dem Deckmantel der Freimaurerei oder einer anderen Organisation.

Causabon ist ein Gelehrter mit wenig Sympathie für die Mystiker und Spinner, die von solchen Dingen besessen sind – zumindest anfangs. Aber er findet sich bald selbst in ihren Reihen wieder. Auf halbem Weg durch das Buch beginnt er, sich selbst als eine Art intellektueller Sam Spade zu sehen. Er mietet sogar ein Büro, das einem Raymond Chandler-Roman oder Film Noir-Thriller ähnelt. Doch sein glamouröses Streben, ein Bogart mit einem Doktortitel zu sein, ist nur eine weitere Etappe auf einer Abwärtsspirale hin zu einem Verlust der intellektuellen Integrität und einer unglaublichen Leichtgläubigkeit. Mit der Zeit ist Causabon derjenige, der Spezialisten in ihren eigenen Büros aufsuchen muss … um herauszufinden, ob er nun endgültig den Verstand verloren hat.

Ein Leser, der sich mit dem Hintergrund des Autors Eco, der durch Semiotik und Literaturtheorie geprägt ist, auskennt, fragt sich, ob er nur Spaß macht – oder es vielleicht sogar auf einen heftigen epistemologischen Angriff auf die Dekonstrukteure und Kritiker, die in den letzten Jahrzehnten die Geisteswissenschaften übernommen haben, abgesehen hat. Nein, der Foucault im Titel des Romans ist nicht Michel Foucault, sondern der Physiker Léon Foucault aus dem 19. Jahrhundert, aber die Theoretikerinnen und Theoretiker der Postmoderne werden hier implizit zur Rede gestellt. Eco baut ausgefeilte Deutungsstrukturen auf, nur um sie zum Einsturz zu bringen, während das Reale und Greifbare letztendlich seinen Vorrang vor dem bloßen Begrifflichen offenbart. Eine etwas merkwürdige Wendung für einen Intellektuellen und Professor, der mit postmodernen Tendenzen eng verbunden ist und erst viel später zu einem Schriftsteller wurde (was Eco einmal mit der lapidaren Aussage: „Ich hatte Lust, einen Mönch zu töten“ erklärte).

Für einen Roman, der primär auf der Ebene von Vermutungen und Hypothesen operiert, findet Eco doch Möglichkeiten, genügend Elemente traditioneller Mysterien- und Abenteuergeschichten zu integrieren, um seine Leser tief in den Prozess einzubinden. Causabon und sein Verlagskollege Jacopo Belbo werden von einem Schriftsteller besucht, der unter dem Namen Oberst Ardenti eine phantasievolle Geschichte über ein verschlüsseltes Dokument erzählt, das der Oberst zu sichern und zu entschlüsseln vermochte. Die daraus resultierende Botschaft liefert eine Roadmap für ein großes Geheimnis, das einer Gruppe von überlebenden und im Untergrund operierenden Templern über einen Zeitraum von Hunderten von Jahren offenbart wurde und im 20. Jahrhundert seine Erfüllung finden sollte. Diese Geschichte, die leicht für die Ausgeburt eines Wahnsinnigen abgetan werden könnte, nimmt eine gewisse Glaubwürdigkeit an, als bald darauf die Polizei auftaucht und berichtet, dass Ardenti offensichtlich nach dem Treffen im Verlag in seinem Hotel ermordet wurde, und – noch rätselhafter – die Leiche verschwand, bevor die Behörden eintrafen.

Wir befinden uns jetzt auf dem Feld der spekulativen Literatur, die bei uns gerne als trivial angesehen wird, und Eco zögert noch, dieses Spiel zu spielen, signalisiert von Anfang an, dass er es dem Gelegenheitsleser nicht zu leicht machen wird. Schon in den ersten fünfzehn Seiten stützt er sich auf ein geheimnisvolles Vokabular (Hydrargyrum, Demiurgen, Proglottiden, Ogiven, Plerom etc.).

Das Buch ist allerdings zu keinem Zeitpunkt als zäh zu betrachten, obwohl Eco mit einer stupenden Bildung aufwartet. Im Verlauf dieses Romans darf der Leser ein Candomblé-Ritual in Brasilien verfolgen, durch die Kanalisation von Paris reisen und erhält eine fundierte Ausbildung über 700 Jahre finsterer Machenschaften von Geheimgesellschaften. Eco schreibt auch eine zweite Handlung in dieses arkane Spektakel hinein, die sich auf die Entscheidungen zwischen Heldentum und Feigheit konzentriert, mit dem einige Dorfbewohner in Italien in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs zu tun hatten. Sollte das Foucaults Pendel jemals zu einem Film werden, wird man dieses ganze Zwischenspiel wahrscheinlich auslassen. Aber der Leser täte gut daran, genau hinzuschauen, denn der fast aristotelische Fokus auf Auswahl, Verantwortung und einfache Tugenden ist keine zufällige Ergänzung des Romans, sondern eine klare Aussage des Autors über die Alternative zum dekonstruktiven, quasi-akademischen Innenfokus des Restes der Erzählung.

Umgekehrt kommt es zu einer der aufschlussreichsten Versatzstücke in dieser Geschichte, als Causabons Freundin die große Verschwörungstheorie entlarvt. Nach ein wenig Recherche präsentiert sie einen überzeugenden Fall, dass das geheime Templerdokument, mit dem alles begann, in Wiirklichkeit nur eine Einkaufsliste ist. Natürlich kann eine solche beiläufige Interpretation in einem Roman voller Intrigen und Abenteuern auf gar keinen Fall zugelassen werden, und unsere obsessiven Okkultisten und Verschwörungstheoretiker werden sich weigern, das zu akzeptieren. Dem Leser steht es frei, dies ebenfalls zu tun. Aber Umberto Eco ist kein gewöhnlicher Romanschriftsteller, und hätte er das tatsächlich so beabsichtigt, dann wäre es so, als würde er eine der großartigsten und kompliziertesten Handlungsstränge der modernen Literatur konstruieren, um dann genauso hart daran zu arbeiten, sie zu untergraben.

Stephen King: Cujo

Das Buch, das King als nächstes angehen sollte, bekam den Namen Cujo, und es handelte nicht von Gespenstern oder übernatürlichen Machenschaften. Ähnlich wie damals, als er nach Colorado zog, um Shining und Das letzte Gefecht zu schreiben, war er auf der Suche nach Inspiration. Im Herbst 1977 besuchte er zu diesem Zweck England und schrieb dort einen experimentellen Thriller, der bis heute seines gleichen sucht. Und obwohl er in einem Interview sagte, dass er verrückt würde, wenn er ständig über Maine schriebe, siedelte er Cujo in Maine an, in einem Sommer, der äußerst heiß daher kam.

England war jedoch nicht das, was King erwartet hatte. Seine ganze Familie hatte dort keine gute Zeit, und er selbst brachte kein Wort zu Papier. Er fühlte sich ausgebrannt und uninspiriert. Das Haus, in dem sie lebten, war nicht warm zu bekommen, und so brachen sie ihren Aufenthalt, der ein ganzes Jahr dauern sollte, ab und kehrten nach bereits drei Monaten nach Hause zurück. Allerdings hatte King das entscheidende Detail zu Cujo in England erhalten. Dort nämlich las er einen Artikel in der Zeitung, der davon handelte, wie ein Kind in Portland von einem Bernhardiner getötet wurde. King war schon immer ein Meister darin gewesen, die Dinge miteinander zu verknüpfen, und so dachte er an seinen Motorradausflug, den er im Jahr davor unternommen hatte, als sein Motorrad im Nirgendwo plötzlich stehen blieb. Ihm gelang es gerade noch, das Bike zu einem Mechaniker in der Nähe zu bewegen, bevor es endgültig den Geist aufgab. Von der anderen Straßenseite hörte er ein unheimliches Knurren und sah einen riesigen Bernhardiner, der sich gerade bereit machte, ihn anzugreifen. Der Hund gab nur nach, weil der Mechaniker zu ihm hinüberschlenderte und ihm einen Schlag mit dem Steckschlüssel gegen die Hüfte verpasste.

Als nächstes dachte King an den zerschundenen alten Pinto, den er und Tabitha sich von seinem Vorschuss für Carrie gekauft hatten. King fragte sich, was wäre, wenn diese alte Karre im Nirgendwo den Geist aufgegeben hätte? Was, wenn seine Frau den Pinto gefahren hätte? Was, wenn sie eines ihrer Kinder dabei gehabt hätte, und wenn niemand gekommen wäre, um den Bernhardiner zu besänftigen? Tja, und was wäre, wenn der Bernhardiner tollwütig gewesen wäre?

Relativ schnell spielte King das Szenario durch: die Mutter sollte gebissen werden und sich mit Tollwut anstecken. Dann sollte sie darum kämpfen, nicht ihrerseits ihren Sohn anzugreifen. Er hatte bereits die ersten siebzig Seiten geschrieben, als er herausfand, dass die Inkubationszeit für Tollwut bei dieser Idee nicht ganz mitspielte. Aber King brannte förmlich, und eher er sich versah, hatte er die ersten hundert Seiten seines neuen Buches vor sich liegen, das heute als das „Suffbuch“ bekannt ist.

In Das Leben und das Schreiben verewigt er Cujo mit folgenden Worten:

„Am Ende meiner Abenteuer trank ich einen Kasten Bier am Abend, und daran, Cujo geschrieben zu haben, kann ich mich gar nicht erinnern. Ich mag das Buch, ich wünsche, ich könnte mich daran erinnern, wie ich die guten Stellen schrieb.“

Was Schriftsteller trinken ist manchmal berühmter als das, was sie schreiben – und diese Aussage hat die Virtuosität des Romans vielleicht für immer überschattet. King hat eine Menge hineingepackt in dieses für ihn schlanke Buch.

Jeder kennt das Hauptthema – eine Frau und ein Kind, in einem liegengebliebenen Auto gefangen von einem tollwütigen Bernhardiner – aber das Buch selbst hat eine sehr seltsame Unterströmung. Viele Thriller arbeiten mit zwei oder drei Handlungssträngen, die sich dann irgendwo treffen. Cujo hat drei Handlungsstränge, und in jedem von ihnen unterschiedliches Personal, und keiner von ihnen hat etwas mit dem anderen zu tun.

Im Mittelpunkt stehen Donna Trenton und ihr vierjähriger Sohn Tad, die gemeinsam zu Joe Camber hinausfahren wollen, um den alten Pinto reparieren zu lassen. Als sie an der Werkstatt ankommen, ist bereits das halbe Buch rum, und als der Pinto mit letzten Zuckungen in der Einfahrt stehen bleibt, kennen wir Donna ziemlich gut. Sie ist selbständig, nicht all zu pfiffig, und verhält sich passiv innerhalb ihrer Beziehungskrise mit Tad.

Tad selbst ist ein Kind, das in sich eine Menge Wut angestaut hat und Angst vor seinem eigenen Schatten hat. In einer langen Beschreibung zeigt King, dass Tads Bewältigungsstrategien aus sinnlosen Tätigkeiten bestehen, weil er sich nur allzu bewusst über die Probleme seiner Eltern ist. King hat hier wieder einmal seine Parademomente, denn wenn man ihm eins nicht absprechen kann, dann ist es sein fast schon unheimliches Verständnis gegenüber seinen Figuren und deren Innenleben.

Der kleine Pinto wird zum Schauplatz einer psychologischen Studie, in dem sich Donna in eine Kriegerin verwandelt, für die es allerdings zu spät ist, jemanden außer sich selbst zu retten.

Handlung Nummer zwei erzählt die Geschichte von Donnas Ehemann Vic, dessen kleine Werbefirma gerade seinen größten Kunden dank verunreinigter Frühstücksflocken verloren hat. Vics Werbeagentur wird zum Sündenbock im folgenden PR-Desaster. Er und sein Partner Roger müssen nach New York fliegen, um zu retten, was noch zu retten ist. In der Nacht, bevor er fliegt, entdeckt er, dass Donna eine Affäre mit einem lokalen Tennisprofi hatte.

Der dritte Handlungsstrang gehört Joe Camber, dem Besitzer Cujos, selbst. Camber ist ein übler Hinterwäldler, der seine Frau mit einem Gürtel schlägt und für den es das Größe ist, am Wochenende nach Boston zu fahren, um dort die Zeit mit Nutten, Schnaps und Baseball zu verbringen. Er hat ein Händchen für Maschinen, aber das ist auch das einzig Gute an ihm. Die wirklich eindrucksvolle Figur jedoch ist seine Frau Charity. Sparsam, fromm, sittsam und gerecht. Normalerweise wäre sie eine von Kings bösartigen Christinnen, aber hier versetzt sich King in ihre Lage und schafft nach Cujo selbst den charismatischsten Charakter.

Nichts an diesen Plots ist neu, aber King wäre ja nicht einer der besten Erzähler aller Zeiten, wenn er nicht einige Kühnheiten in der Hand hätte. Hier besteht sie aus Parallelmontagen. Im Augenblick der höchsten Spannung im alten Pinto, als es so aussieht, als würde Tad an Dehydrierung sterben, schwenkt King auf eine Szene mit Charity und ihrem Sohn Brett, die bei Charitys Schwester gemeinsam frühstücken. Oder er zeigt uns, wie Vic und Roger sich überlegen, wie sie ihre Firma retten können. Außerdem ist es bemerkenswert, dass sich die Handlungsfäden nicht berühren. Trotzdem sind überall Spannungsmomente erster Güte eingebaut, und alles zusammen ergibt das Gesamtbild.

Seltsamerweise sind die beiden anderen Plots zwingender als der eigentliche Hauptteil, obwohl darin Donna und Tad um ihr Leben kämpfen. Vielleicht liegt das an der vorzüglichen Kontrastierung der Figuren. Charity ist da aktiv, wo Donna passiv ist, stark dort, wo sie schwach ist. Alle Figuren stehen vor überwältigenden Problemen, aber Donna hat keine Wünsche über den Tag hinaus. Vic und Charity wollen beide ihre Umstände ändern – und das führt sie in unerwartete Situationen.

King teilte Cujo ursprünglich in Kapitel ein, aber er wollte, dass sich das Buch anfühlt wie „ein Ziegelstein, den jemand durch die Scheibe wirft, wie ein wirklicher Angriff. Es ist anarchisch, wie eine Punkrock-Scheibe.“ Das Ergebnis ist ein Buch, in dem die Worte ununterbrochen dahinfließen, und sich einen Weg bahnen, den physischen Schmerz bei Lesen spüren zu können.

Was wir von der Geschichte um Donna und Tad bekommen sind lange innere Monologe Donnas. Ihre Handlungsabschnitte im Buch werden immer weniger, während sich der Text in ihrem Kopf mehr und mehr entwirrt und auf etwas – irgendetwas – wartet. Man eilt schneller und schneller durch ihre Absätze, King verzögert die Spannungsmomente so stark, dass man sich fast persönlich in Bedrängnis fühlt. Als Cujo dann seine Attacken startet, scheinen sie in Zeitlupe abzulaufen, weil endlich die Spannung der vorherigen Passagen abfällt. Das ist eine Filmtechnik – und King hat diese schon immer unbewusst benutzt.

Cujo selbst ist der tragische Held, ein guter Hund, der nichts dafür kann, dass er aufgrund der Tollwut durchdreht. Es ist diese Hilflosigkeit, die das ganze Buch durchzieht. Aufwand wird nicht belohnt, stattdessen kommen die Belohnungen zufällig.

Stephen King: Feuerkind

Als Firestarter (Feuerkind) im Jahre 1980 veröffentlicht wurde, war Stephen King bereits ein echtes Phänomen. Er lebte in seinem berühmten Herrenhaus in Bangor, Maine, verdiente mehr Geld als er ausgeben konnte und sein neuer Vertrag mit New American Library war ein echter Glücksfall. Sie behandelten ihn dort besser als jemals bei Doubleday, aber was wirklich zählte: sie verstanden es besser, seine Bücher zu verkaufen. Ob es an seinem massiven Alkoholkonsum liegen mochte, oder an seiner neu hinzugewonnenen Kokainsucht; die Bücher, die er in dieser Periode seines Schaffens schrieb gehören zum dunkelsten und gemeinsten, aber auch zu den weniger umfangreichen Romanen seiner Karriere. Außerdem enthüllten sie eine wesentliche Tatsache über King: er schrieb überhaupt keinen Horror.

Bill Thompson, der Herausgeber von Doubleday, der King entdeckt hatte, hatte sich noch Sorgen gemacht, dass King als Horrorschriftsteller eingestuft werden würde, als dieser ihm Salem’s Lot vorgelegt hatte – und wieder, als King ihm die Handlung von Shining erzählte. „Zuerst das telekinetische Mädchen, dann die Vampire, jetzt das Spukhotel mit dem telepathischen Kind. Du wirst gebrandmarkt sein,“ hatte er angeblich gesagt. Für Doubleday war Horror schmierig und sie arbeiteten mit King nur widerwillig. Die Bücher wurden billig gedruckt, hatten armselige Cover, und die hohen Herren konnten sich nicht mal an seinen Namen erinnern, so dass sich Thompson wieder und wieder in der Rolle wiederfand, King, der ihnen allen ihr Urlaubsgeld einbrachte, im eigenen Hause publik zu machen.

New American Library hingegen war ein Taschenbuchverlag, der die Macht der Genreliteratur verstand. Sie investierten erheblich mehr in Kings Karriere als es Doubledy je getan hatte. Für Doubleday war King eine Überraschung, für New American Library war er eine Marke.

Gibt es aber über das Marketing hinaus etwas, das King als Horrorschriftsteller auszeichnet? Sieht man sich heute seine frühen Bücher an – Dead Zone (ein Mann plant ein politisches Attentat), Feuerkind (Vater und Tochter auf der Flucht vor der Regierung), und Cujo (tollwütiger Hund stellt Frau und Kind in einem Auto), dann kommt man zu der Erkenntnis, dass ohne Horror-Boom, der sich diese Titel einverleibte, ohne die Marke „King-Horror“, die auf die Cover gedruckt wurden, heute diese Bücher eher als Thriller verkauft werden würden. King selbst behauptete, er schriebe Spannungsromane. Kurz bevor Feuerkind veröffentlicht wurde, gab er dem Minnesota Star ein Interview, in dem er sagte:

„Ich sehe den Horrorroman als nur einen Raum in einem sehr großen Haus, das man als Spannungsroman kennt. Dieses besondere Haus schließt solche Klassiker wie Hemingways Der alte Mann und das Meer und Hawthornes Der scharlachrote Buchstabe mit ein.“

Und natürlich seine eigenen Bücher.

In einem anderen Interview sagte King:

„Die einzigen meiner Bücher, die ich für unverfälschten Horror halte sind Brennen muss Salem, Shining, und jetzt Christine, weil sie keine rationale Erklärung für all die übernatürlichen Geschehnisse anbieten. Carrie, Dead Zone, und Feuerkind haben mehr mit der Science Fiction- Tradition zu tun … The Stand wiederum steht mit je einem Bein in beiden Lagern …“

Warum also greift das Horror-Etikett?

King schreibt über Menschen in Extremsituationen, deren Gefühle von Angst, Schmerz und Hilflosigkeit dominiert werden, die dunkel und drohend selbst dann durchscheinen, wenn noch gar nichts passiert ist. Er ist ein Meister, wenn es darum geht, die Spannung aufrecht zu erhalten. Er verwendet viel Zeit auf die Beschreibung des menschlichen Körpers, verweilt bei den physischen Details der Unvollkommenheit und des Verfalls (Altersflecken, Verwachsungen, Akne, Narben), wie er auch die Körperlichkeit an sich feiert (Sex, Erektionen). Seine Charakterzeichnungen sind mit breiten Strichen gesetzt, im Zentrum stehen meist die körperlichen Makel (Schuppen, Glatzen, schlechte Haut, Fettleibigkeit, Magersucht), was viele seiner Figuren ins Groteske verzerrt. King schreibt viel über Kinder und Jugendliche, seine Hauptfiguren sind in der Mehrzahl attraktiv.

Es sind diese intensiven Szenen, bestehend aus Sex und Gewalt, den attraktiven Hauptfiguren, und die Betonung der Angst und Spannung, die sein Publikum an den Horrorfilm erinnert, wo Sex, Gewalt, Jugend und Angst sich in der Regel tummeln. Als King seine erfolgreichste Phase hatte, boomte auch der Horrorfilm (1973 – 1986 war die goldene Ära der amerikanischen Horrorfilme), und es ist nicht schwer, das eine mit dem anderen in Verbindung zu bringen. Der Vergleich von Kings Werken mit Filmen ist das, worauf es Kritiker von Anfang an angelegt hatten, und King selbst betonte oft genug, dass er ein extrem visueller Schriftsteller sei, der nicht in der Lage ist, zu schreiben, bevor er nicht die Szene im Kopf hat. Die öffentliche Meinung, King sei ein Horrorschriftsteller, wurde durch die Verfilmungen von Carrie und Shining noch zementiert. Wenn etwas also als „Horror“ vermarktet wird, wenn es die Leute an „Horror“ erinnert, und wenn der Autor kein Problem damit hat, als Horrorschriftsteller zu gelten, dann ist es Horror. Obwohl King darauf hinweist, dass Science Fiction ein besseres Label für seine Arbeiten wäre.

Feuerkind ist eines der Bücher von King, wo das Label Science Fiction hervorragend passt. Der Roman wurde als Verfilmung ein Flop und seitdem hat sich das Interesse an Firestarter im Laufe der Zeit getrübt. Das ist nur eins von vielen Beispielen, wo ein mieser Film ein gutes Buch quasi ruiniert.

1976 begonnen, gab King das Buch zunächst auf, weil es ihn zu stark an Carrie erinnerte. Der Hauptcharakter war ein Ebenbild seiner zehnjährigen Tochter Naomi. King war zunächst fasziniert von Pyrokinese und dann von einer Figur wie Carrie White, die ihre psychischen Kräfte an ihre Tochter weitergegeben hatte.

Das Buch liest sich wie eine paranoide, politisch linke Phantasie auf Amphetaminen, die mit der zehnjährigen Charlie McGee und ihrem Vater Andy beginnt. Sie befinden sich auf der Flucht vor einer Regierungsorganisation, die sich „Die Firma“ (The Shop) nennt. Andy und seine Frau hatten in den 60ern an einem Regierungsexperiment teilgenommen, bei dem ihnen die LSD-artige Substanz Lot 6 verabreicht wurde. Die Droge aktivierte ihre latent vorhandenen psychischen Kräfte, die an Charlie weitervererbt wurden. Ihr ist es möglich, allein durch ihre Gedanken, Feuer zu legen, was ihr aber von ihren Eltern als eine böse Sache verboten wurde. Charlies Mutter wurde von der Firma getötet, und Andy hat nur die Fähigkeit, den Geist anderer zu kontrollieren, was allerdings jedes mal, wenn er seine Fähigkeit anwendet, Schäden an seinem Gehirn zurücklässt.

In die Enge getrieben überredet Andy Charlie, ihre Kräfte von der Leine zu lassen und sie lässt eine friedlich gelegene Farm in einem Inferno untergehen und tötet dabei Dutzende von Agenten auf ihrer Flucht. Ein paar Monate später werden sie von dem Auftragskiller John Rainbird gefangen genommen. Das letzte Drittel des Buches ist eine Chronik dieser Gefangenschaft, wo Rainbird ein Psychospiel mit Charlie beginnt, indem er sich anfangs als einfache Ordonanz ausgibt, um sich mit ihr anzufreunden und ihre Kooperation für die Firma erlangt. Von seiner Tochter getrennt mutiert Andy zu einem übergewichtigen Pillensüchtigen. Alles endet in einer Scheune, wo Charlie Rainbirds Spiel durchschaut und den Tod ihres Vaters mitansehen muss.

Das klingt nach einer einfachen Geschichte, aber zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere feuert King aus allen Rohren, und so ist sie alles andere als das. Voller Handlungsabläufe, die derart lebendig beschrieben sind, dass sie an verschiedenen Stellen in surrealistische Poesie übergehen (explodierende Hühner rennen umher, Wachhunde werden verrückt vor Hitze und wenden sich gegen ihre Halter), ist der Roman gespickt mit subjektiven Eindrücken der Figuren, die sich in fast schon wahnwitzig lyrischen Ergüssen äußern. King wurde vorgeworfen, er würde sich vor Sexszenen scheuen (Peter Straub sagte einmal: „Stevie hat Sex bisher noch nicht entdeckt.“), aber in Feuerkind ist die grundlegende Geschichte die von Charlies sexuellem Erwachen.

Es gibt nur wenige Dinge, die kraftvoller sind als die Beziehung zwischen Vätern und Töchtern, die Popkultur hat enorm viel Aufwand betrieben, das Unbehagen der Väter angesichts der Sexualität ihrer Töchter zu thematisieren, angefangen von der Kontrolle, die Väter über den Kleidungsstil ihrer Töchter ausüben wollen. Zu Beginn des Buches ist Charlie ein kleines Mädchen, die an der Hand ihres Vaters spaziert und nicht weiß, was sie zu tun hat. Am Ende des Buches ist ihr Vater tot. Zwar kann sie ihre pyrokinetische Fähigkeit noch nicht voll kontrollieren, die aber ist wesentlich stärker als irgendjemand angenommen hatte, und sie befindet sich auf dem Weg nach New York, um ihre Geschichte zu erzählen.

Sexualität und Feuer sind linguistische Zwillinge („Brennende Leidenschaft“, „Das Feuer der Begierde“, „Glimmende Augen“) und es ist ein Freudianischer Witz, dass sie von ihren Eltern das Verbot bekommt, die „böse Sache“ zu tun. Schnell verwandeln sich diese Stellen von Subtext in Blanktext, dann nämlich, wenn Rainbird sich ihr widmet, um „ihre Verteidigung zu durchdringen“, sie „wie einen Safe zu knacken“ und um sie zu töten, während er ihr tief in die Augen schaut.

„Es ist eine sexuelle Beziehung“, sagte King später über diese beiden Figuren in einem Interview. „Ich wollte das Thema eigentlich nur streifen, aber es macht den Konflikt nur noch monströser.“

Als ihre Hemmungen fallen, ihre Fähigkeit einzusetzen, genießt Charlie ihre neuentdeckte Stärke, die ihr besondere Privilegien einbringt und sie zum Mittelpunkt eines jeden Mannes im Buch macht. Wiederholt wird darauf hingewiesen, dass, wenn sie ihre Kräfte nicht zu beherrschen lernt, sie die Welt zerstören könnte; ein Klischee über die weibliche Sexualität (wenn sie einmal anfangen, hören sie nicht mehr auf). Als Charlies Sexualität mehr und mehr erwacht und eindeutiger wird (sie hat sogar Träume, in denen sie nackt auf einem Pferd zu John Rainbird reitet), werden auch die heimlichen Wünsche der Männer, die Kontrolle über sie ausüben, selbstzerstörerischer. Andy versucht einen letzten Ausbruch mit Hilfe seiner Gabe, was aber im Unterbewusstsein der Opfer ihre geheimen Obsessionen entfesselt und sich in Selbstzerstörung äußert. Für Dr. Pynchot, dem zuständigen Psychiater von Charlie und Andy äußert sich das Verdrängte in Form eines Missbrauchs, den er einst durch Kommilitonen erleiden musste. Seine Besessenheit betrifft den „Vulva-ähnlichen“ Abfallzerkleinerer. Er kleidet sich mit der Unterwäsche seiner Frau und tötet sich, indem er die Hand hineinsteckt, während er läuft. Der Kopf der Organisation, Cap Hollister wird von eingebildeten, glitschigen Schlangen heimgesucht, die überall auf ihn warten, um ihn zu beißen.

Eines der stärksten Bilder des Buches ist Charlie, wie sie vor der brennenden Scheune steht, nachdem die Wildpferde durch die Holzwände gebrochen sind, ringsherum die verwüsteten Utensilien der Armee, ihr toter Vater hinter ihr, grenzenlose Freiheit vor sich. Ein kraftvolles und kitschiges Bild von einer jungen Frau und ihrem sexuellen Erwachen. Weit entfernt davon, lächerlich zu sein. Feuerkind war das mittlere seines „Werk-Trios“ zu dieser Zeit, bestehend aus Dead Zone, Feuerkind und Cujo. Für welches man sich auch entscheiden will: zu diesem Zeitpunkt ahnte die Welt noch nichts von Cujo

Stephen King: Nachtschicht

Niemand wollte eine Kurzgeschichtensammlung von Stephen King veröffentlichen. Als aber The Shining, sein erster Hardcover-Schlager, gleich nach Carrie einschlug wie eine Bombe, begann seine Karriere auf Hochtouren zu laufen. Doubleday hatte King unter Vertrag und verlangte einen weiteren Roman im nächsten Jahr, aber King war zu Gange mit einem Buch, von dem er sagte, es sei sein persönliches Vietnam: Das letzte Gefecht; und es hatte den Anschein, als könne er es niemals beenden. Ohne vorhersagen zu können, wie lange er noch brauchen würde, schlug er seinem Verlag vor, eine Sammlung mit Kurzgeschichten herauszugeben, die er für verschiedene Magazine wie Cavalier, Penthouse und Cosmopolitian geschrieben hatte, zusammen mit einem Vorwort von King selbst und vier neuen Storys. Das wurde widerwillig akzeptiert, und so erschien das Buch ohne Cover-Artwork in einer ersten Auflage von 12 000 Exemplaren. Ehe man sich versah, waren alle Bücher ausverkauft und Doubleday sah sich gezwungen, jene Exemplare, die sie für ihren Buchclub reserviert hatten, ebenfalls auszuliefern und gleich eine weitere Auflage zu drucken, um die Nachfrage zu befriedigen.
Sehen wir uns die Geschichten im Einzelnen an.

“Briefe aus Jerusalem” Bis dahin unveröffentlicht

Natürlich ist der Auftakt zu der herausragenden Sammlung Nachtschicht eine Verneigung vor H.P. Lovecraft. King hat später oft und gerne “Pastiches” geschrieben, d.h. in Anlehnung an einen bekannten Stil. Ich denke da an Arthur Conan Doyle oder Raymond Chandler. Auch ist die Briefform ein beliebtes stilistisches Manöver des 19ten Jahrhunderts gewesen, einem Sachverhalt den Anstrich von Realität einzuhauchen. Heute wissen wir, dass es auch anders geht. Diese Erzählung als Eröffnung zu wählen, ist mutig. Ich entsinne mich, dass ich, als ich dieses Buch als Jugendlicher das erste Mal las, dieser Geschichte nicht so gerne folgen mochte. Jetzt, da ich sie wieder gelesen habe, durchschaue ich sie zwar, aber sie fällt für mich dennoch gegenüber den Hammerschlägen die nach ihr folgen ab. Nicht weil sie schlecht wäre, ganz und gar nicht, sie hat ihre unheimlichen Momente. Aber man merkt ihr allzu deutlich an, dass sie eben “nur” ein Pastiche ist.

“Spätschicht” 1970, Cavalier

Eine der frühen Top-Geschichten Kings und seine erste verkaufte Geschichte überhaupt. Die atmosphärische Beschreibung der Spinnerei, das Arbeitsklima… bereits das ist Naturalismus pur. Gleichzeitig kann man hinter dem “Short-Shocker von Amerikas aufregendstem Autor” durchaus eine Gesellschaftskritik erkennen, die ja immer wieder mal in seinem Werk zu finden ist: Unachtsamer Umgang mit Natur und Umwelt. Hört sich auf den ersten Blick banal an, entfaltet aber bei King immer wieder eine immense Wirkungskraft. In seinen besten Erzählungen gibt es diesen doppelten Boden zwischen Horror und “Realismus” immer zu finden. Ohne moralischen Zeigefinger, völlig unterhaltsam. Aber das Unterbewusstsein weiß Bescheid.

“Nächtliche Brandung” 1974, Cavalier

Stephen King’s Erzählung Nächtliche Brandung kann man getrost als eine erste Skizze zu Das letzte Gefecht verstehen. Captain Trips, sprich; das Supervirus A6 dreht hier das erste Mal seine Runden. Wir begegnen einer handvoll Jugendlicher am Strand in einer bereits post-apokalyptischen Umgebung, die gerade Alvin Sackheim verbrannt haben, der sich diese Supergrippe eingefangen hat. Das ganze war gedacht als ein Menschenopfer, um die “Bösen Geister” davon abzuhalten, die Gruppe ebenfalls zu infizieren. Keiner glaubt natürlich diesen Humbug, aber alle machen mit, um mal etwas Neues auszuprobieren. Die Symptome zeigen sich trotzdem auch innerhalb der Gruppe.

Das ist dann auch schon die ganze Geschichte; und sie ist, wie sie da steht, lau. Allein dass sie zum Radius von The Stand gehört, macht sie etwas attraktiver, für sich allein genommen, bietet sie zu wenig.

“Ich bin das Tor” 1971, Cavalier

Bekanntlich setzen Horror-Kurzgeschichten die höchste Kunstfertigkeit voraus. An ihnen ist vollumpfänglich zu erkennen, was der Autor kann. So wie hier. Auch wenn King sich der Science Fiction zuwendet, tut er das, wie es Horror-Autoren tun. Diese Geschichte ist ein perfektes Kleinod, bei der, angefangen von der Grundidee, die gar nicht spektakulär ist (ein Astronaut fängt sich während einer Venus-Expedition etwas ein, das ihn verwandelt) – bis hin zur Pointe der letzten drei Sätze (auch wenn der so infizierte einen vorübergehenden Sieg erringt, kann er das, was er mitgebracht hat, nicht aufhalten) alles stimmt.

“Der Wäschemangler” 1972, Cavalier

Das Groteske ist eine Urform des Horrors. Nicht zuletzt führt uns die was-wäre-wenn-Frage oder die grenzenlose Übertreibung auf die richtige Fährte. King spielte in seinen frühen Jahren konsequent durch, was geschähe, wenn uns vertraute Dinge oder Maschinen, die uns als Helfer dienen, sich plötzlich gegen uns wenden würden. Ich habe fast ausschließlich gelesen, dass diese Geschichte die lächerlichste sei, die King je schrieb, und ich kann nachvollziehen, woran das liegt. In Wirklichkeit sehe ich in ihr einen boshaften Humor. Eine Sache, die bei King in den letzten Jahrzehnten immer mehr verschwunden ist.

“Das Schreckgespenst” 1973, Cavalier

Es hat den Anschein, als seien in “Nachtschicht” alle grundlegenden Motive des King’schen Kosmos angelegt, zu denen freilich auch gehört, dass sich ‘etwas’ unter dem Bett oder – wie hier – im Schrank verbirgt. Ein Klassiker. Etwa zur gleichen Zeit geschrieben wie The Shining, ist auch dies hier eine Geschichte, in der ein Vater eine Bedrohung für seine Kinder darstellt.

“Graue Materie” 1973, Cavalier

Auch in diesem klassischen Verwandlungsstück über schlechtes Bier finden wir jenen Humor, der Kings Frühphase begleitet. Alkoholiker spielen bei King eine erhebliche Rolle, schließlich weiß er darüber bestens Bescheid. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass er selbst sich manches Mal wie diese Graue Materie fühlte.

Obwohl diese Geschichte sehr einfach gestrickt ist, kann man in ihr den hervorragenden Handwerker erkennen, der King nun eben ist. King beginnt diese Geschichte mit Blind Eddie, dem ‘permanenten Ladendieb’ der Nachteule, einem 24-Stunden-Laden, der das Zentrum der Geschichte ist. King wurde später oft dafür kritisiert, dass er Markennamen inflationär verwenden würde, während man ihn heute als verlässlichen Chronisten amerikanischen Lebens lobt, der es eben fertig bringt, diese für sein Schreiben wichtige Dimension bis heute durchzuhalten.

“Schlachtfeld” 1972, Cavalier

Ein ganz anderes Kapitel in dieser Sammlung sind die vom übernatürlichen Beeinflussten Action-Stories – oder Thriller wie eben “Schlachtfeld”, “Lastwagen”, “Der Mauervorsprung”, und sogar “Quitters Inc.” Sie bedeuten nicht mehr als das, was auf dem Papier steht. Man kann sie schlichtweg genießen wie man einen Marsriegel verschlingt. Die Idee – ein Auftragskiller
bekommt eine Kiste von der Mutter des Konzerngründers einer Spielwarenfabrik, den er eben umgebracht hat. Bei der Kiste handelt es sich um die “Vietnam – Ausgabe” einer Spielzeugsoldateneinheit. Den Rest muss man, glaube ich nicht mehr dazu sagen – diese Idee also ist im Grunde so simpel und beweißt nur eins: gute Autoren benötigen keine abwegigen Plots, um eine solide Geschichte zu gerieren.

“Manchmal kommen sie wieder” 1974, Cavalier

In dieser Geschichte über Zombie-Schukinder, die auf Rache sinnen, treffen zwei von Kings Lieblingscharakteren zusammen. Der Hauptcharakter ist ein High-School-Lehrer, wie man ihn aus Carrie, Brennen muss Salem, Feuerkind, The Shining, Das letzte Gefecht, Christine oder Dead Zone, Es und Die Leiche kennt. Die bösen Jungs sind direkte Nachkommen Billy Nolans aus Carrie: das Haar mit Wachs zurückgekämmt fahren sie ein echtes Stück Detroit-Stahl durch die Gegend, immer höhnisch und bewaffnet mit Springmessern.
Dieses doch sehr auffällig wiederkehrende Szenarium deutet nicht zuletzt auf eine psychologische Verarbeitung Kings hin.

“Erdbeerfrühling” 1975, Cavalier

Diese Geschichte erschien zum erstenmal im literarischen Magazin der University of Maine, und wie alle Geschichten Kings aus dem Umfeld des Ubris Magazine (“Erdbeerfrühling” und “Nächtliche Brandung” aus dieser Sammlung, “Kains Aufbegehren” und “Achtung – Tiger!” aus Blut) ist auch diese mehr im Stil eines Schriftsteller-Workshops geschrieben als dass sie eine persönliche Note abgibt.

Auch hier treffen wir ein Motiv an, von dem King in seiner Anfangszeit besessen schien: ein Mann verwandelt sich in in etwas anderes. Angefangen von “Ich bin das Tor” zu “Graue Materie” oder “Das Schreckgespenst” bis “Shining”, treffen wir dieses Motiv immer wieder an. Aber auch in “Duddits” oder “Tommyknockers”, “The Dark Half” etc. Wer sich den Motivketten Kings öffnet, wird nahezu ein Aha-Erlebnis ernten können. Nehmen wir noch “Feuerkind” und “Dead Zone” dazu; hier sind es Charlie McGee und Johnny Smith, die durch die Ausübung ihrer psychischen Kräfte zu ganz anderen

Menschen werden. Und dann wäre ja noch King selbst, der sich sozusagen in Richard Bachmann spaltete. Ein hinreißendes Thema, über das man lange spekulieren könnte.

“Der Mauervorsprung” 1976, Penthouse

Wie auch “Lastwagen” und “Schlachtfeld” gehört diese Storie zu den straight-forward-Actionstories. Darin ist nicht mehr oder weniger enthalten als das, was auf dem Papier steht. Aber es sind meist die einfachen Geschichten, die der Technik bedürfen – und Kings Talent macht eine großartig effektive Geschichte aus der Tatsache, dass Stan Norris das 43. Stockwerk auf einem 13 cm breiten Mauervorsprung umrunden muss. Dass das natürlich nicht alles ist, versteht sich von selbst.

“Der Rasenmähermann”1975, Cavalier

Ich habe beim “Wäschemangler” bereits von der Groteske als Grund und Boden für Horror-Vibes gesprochen. Diese Geschichte hier ist allerdings reinrassig mit dem Grotesken verbunden und somit eine der Außergewöhnlichsten, die King je geschrieben hat. Stellen wir uns allein dieses Bild vor: ein dicker nackter Mann kriecht auf allen Vieren hinter einem knallroten Rasenmäher her, um das Gras, das dieser abschneidet, aufzuessen. Das hört sich lustig an und irgendwie bizarr – und das ist es auch, denn das Lachen bleibt einem dann später durchaus im Halse stecken. Wichtig in diesem Zuammenhang sind die Verweise auf die Griechische Mythologie, die man leicht überliest oder mit denen man zunächst vielleicht nichts anfangen kann. Es gibt nicht wenige Stimmen, die diese Geschichte für sinnfrei halten – das sind genau jene, die sie nicht vertanden haben und vielleicht nocheinmal lesen sollten.

“Quitters, Inc.” Bis dahin unveröffentlicht

Hier ist nach “Der Mauervorsprung” die nächste straight-forward-Actionstory. Gäbe es die Quitters wirklich, bin ich mir ziemlich sicher, dass die Tabakindustrie dicht machen könnte. Wie so oft bei Kings unglaublichen Short-Schockern, geht es auch hier um die simpelste Abhandlung psychologischer Fragen. An Effizienz mit Sicherheit nicht zu schlagen.

“Ich weiß, was du brauchst” 1976, Cosmopolitan

Eine Geschichte, wie man sie sich auch sehr gut in einem Frauenmagazin vorstellen könnte. Romantik, ein wenig “thrill” durch den Stephen King-Touch, fertig. Man täte der Geschichte unrecht, wenn man sie als schlecht bezeichnen würde, sie ist nämlich – wie immer – gut geschrieben. King – wie man früher behauptete – würde auch dann gelesen, wenn er das
Benutzerhandbuch zu einer Kaffeemaschine schreiben würde. Das sagt viel aus.

“Kinder des Zorns” 1977, Penthouse

Mit seinen dunklen Maisgöttern und verdrehten religiösen Ritualen erinnert auch diese Geschichte an den Einfluss Lovecrafts. Es gibt nicht wenige, die sich diese Story als Roman gewünscht hätten. Das mag der Grund gewesen sein, warum so viele unsägliche Filme sich an diesem Thema abarbeiteten. Keinem davon gelang es auch nur in die Nähe des Geheimnisses zu kommen, das da zwischen den einzelnen Sätzen mitschwingt und die ungeklärt bleiben müssen.

“Die letzte Sprosse” Bis dahin unveröffentlicht

Dies ist keine Horrorstory, aber ohne Zweifel die beste und engagierteste Geschichte der ganzen Sammlung. Hier zeigt King eindrucksvoll, welch herausragender Autor er eigentlich ist. und dass ihn bereits in seiner Frühphase kaum einer das Wasser reichen konnte, was sorgfältig ausgewählte Details, die Beherrschung des Spannungsbogens oder die fesselnde Atmosphäre betrifft. Vertrauen, Einsamkeit, Liebe. Das sind die zentralen Schlagworte – eine Episode aus der Kindheit eines Geschwisterpaars, die mit dem Selbstmord der Schwester als Erwachsene endet. King wird stets aufs neue den Beweis antreten, dass er das Übernatürliche dem Menschlichen unterordnet. Hier hat diese Formel einen ersten Höhepunkt zu verzeichnen.

“Der Mann, der Blumen liebte” 1977, Gallery

Eine simple Geschichte, die wohl mehr einer Fingerübung ähnelt. Eine, in der der Leser bis zum entscheidenden Moment getäuscht wird – oder besser, auf eine falsche Fährte geführt wird, bis der erzählerische Klimax der ganzen Erzählung seinen literarischen Effekt verleiht.

“Einen auf den Weg” 1977, Maine

Eine nachträglich zu “Salem’s Lot” gehörige Geschichte. Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen, vohersehbar wie sie ist. Vielleicht noch dies: Die Hauptfigur Booth scheint ein Probelauf für Stu Redman aus “The Stand” zu sein. An diesem Roman arbeitete King zeitgleich.

“Die Frau im Zimmer” Bis dahin unveroffentlicht

Den Schluss bildet eine weitere ambitionierte Geschichte über einen Mann, der seine krebskranke Mutter vergiftet. Ob sie es so will, bleibt dabei unentschieden. King sah seine eigene Mutter sterben und fing diese Details perfekt ein. Auch hier ist zu erkennen, dass es King in erster Linie um die Figuren geht und erst in zweiter Instanz um das Übernatürliche.

Mit seinen ganzen Höhen und Tiefen ist diese Sammlung Kings Kurzgeschichten-Klassiker schlechthin. Unter den ganzen epochemachenden Romanen, die er schrieb, ging stets fast ein wenig unter, dass King ein Meister dieser wichtigsten aller literarisch-phantastischen Formen ist. Zwischen echten Höhepunkten finden sich immer wieder einige B-Listen-Stories, die aber dennoch von einem erstaunlichen Handwerk zeugen. Und über Kings Phantasie müssen wir uns ohnehin nicht unterhalten.