arthur conan doyle

  • Ein Toast auf Edgar Allan Poe

    Zu Jahresbeginn ist der Himmel in Baltimore stets bewölkt, es ist kalt, und Schnee perlt aus einem dunklen Himmel. Im Schrank hängt eine nicht zu verachtende Garderobe, aber das darf es heute nicht sein, heute hat der etwas abgetragene Mantel seine große Stunde. Auf dem Kaffeetisch liegt ein Band der von James Albert Harrison herausgegebenen siebzehn Bände umfassenden Reihe der Complete Works of Edgar Allan Poe von 1902.

    Die Nacht senkt sich schnell, es ist die perfekte Bühne für einen namenlosen Mann, der sich wie jedes Jahr am 19. Januar in einer frostigen Nacht aufmacht, um auf dem alten Westminster-Friedhof drei Rosen und eine Flasche Cognac auf das Grab der berühmten Gedenkstätte zu legen. So geheimnisvoll wie der Unbekannte er gekommen ist, verschwindet er auch wieder. Vielleicht ist sein Kopf angefüllt mit Gedichten, die einen unglaublichen Klang besitzen, wenn man sie laut ausspricht. Wie Zaubersprüche, nur noch wirksamer.

    Once upon a midnight dreary, while I pondered, weak and weary…
    Mitternacht umgab mich schaurig, als ich einsam, trüb und traurig…

    Die Identität des Mannes wurde nie enthüllt, obwohl das Grabmal schon seit mindestens sechzig Jahren besucht wird. Nie war das Gesicht des Fremden zu sehen, Geschickt hielt er es unter einem schwarzen Filzhut und einem Schal verborgen.

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  • Die Macht des Ortes in gotischen Settings

    Man mag sich fragen, was das Geheimnisvolle an einer gotischen Umgebung ausmacht, eine gewisse Empfänglichkeit für das Schöne der Vergänglichkeit vorausgesetzt. Es ist das Zusammenspiel von Licht und Schatten, das Flüstern des Unbekannten und die uralte Anziehungskraft von Gebäuden, die den Lauf der Zeit erlebt haben und in denen jeder Stein ein Geheimnis birgt. Die sich abzeichnenden Strukturen, das ferne Heulen und die nebelverhangene Luft schaffen eine Umgebung voller Spannung, und es ist diese Vorahnung, die den Betrachter anzieht und ihn nach mehr verlangen lässt, nach der Entschlüsselung der verborgenen Schichten.

    Manderley
    Manderley
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  • Doyle, Dickens und der Spiritualismus

    Die Fox-Schwestern

    Es war kurz vor Mitternacht Ende März 1848, als die beiden Mädchen Katie und Maggie Fox aus ihrem gemeinsamen Schlafzimmer in Hydesville, New York, nach ihren Eltern riefen. Rätselhafte Klopfgeräusche hallten durch das Zimmer und hielten die Mädchen wach. Die Familie Fox durchsuchte das Haus bei Kerzenlicht, konnte aber keine Quelle für die Geräusche finden. In der nächsten Nacht waren die Geräusche wieder da. Und in der folgenden Nacht – und jede Nacht in den nächsten zwei Wochen. Das Klopfen dauerte jede Nacht mehrere Stunden und machte die Familie Fuchs ängstlich, verwirrt und müde.

    Am 31. März wurden die Mädchen früh ins Bett geschickt, um die verlorene Ruhe nachzuholen. Fast sofort begannen die Klopfgeräusche wieder. Diesmal reagierte Katie auf die Geräusche, indem sie selbst an die Wand klopfte. Erstaunlicherweise antwortete das Klopfen. Maggie schloss sich an und bat das, was die Geräusche machte, „es mir gleich zu tun“. Sie klopfte viermal und das Klopfen antwortete viermal. Mehrere Stunden lang interagierten die beiden Mädchen mit der Quelle der Geräusche. Durch diese Befragung kamen die Mädchen zu dem Schluss, dass es sich um eine „unsichtbare Intelligenz“ handelte, den Geist eines ermordeten Blechhändlers namens Charles B. Rosna, dessen Überreste noch immer unter dem Haus begraben waren. Als ihre Mutter Margaret versuchte, mit dem Geist zu sprechen, hörte das Klopfen auf. Offenbar wollte der Geist nur mit Katie und Maggie kommunizieren.

    Fox Schwestern 1
    Die Fox-Schwestern
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  • Die Geschichte des Kriminalromans

    Genrebeschreibungen sind selten eine klare Sache, aber nur deshalb kann man darüber diskutieren. Wäre immer alles klar und für jeden ersichtlich, würde ein Lexikoneintrag genügen und die Sache wäre erledigt. Heute widmen wir uns dem wohl beliebtesten literarischen Genre überhaupt. Dem Kriminalroman.

    Dabei ist zu berücksichtigen, dass es niemals eine erschöpfende Aussage über ein Genre geben kann, und so ist auch dies nur ein kleiner Überblick.

    Es gibt so viele verschiedene Arten von Kriminalromanen, dass bereits in den 1920er Jahren eine der ersten „Queens of Crime“, Dorothy L. Sayers, darüber klagte:

    „Es ist unmöglich, den Überblick über all die Krimis zu behalten, die heute produziert werden. Buch um Buch, Zeitschrift um Zeitschrift strömt aus der Presse, vollgestopft mit Morden, Diebstählen, Brandstiftungen, Betrügereien, Verschwörungen, Problemen, Rätseln, Geheimnissen, Nervenkitzel, Verrückten, Gaunern, Giftmischern, Fälschern, Würgern, Polizisten, Spionen, Geheimdienstlern, Detektiven, bis es scheint, als müsse die halbe Welt damit beschäftigt sein, Rätsel zu erfinden, damit die andere Hälfte sie lösen kann.“

    Beginnen wir unseren kleinen Rundgang jedoch mit einer grundsätzlichen Unterscheidung zwischen Rätselgeschichte und Kriminalroman, bevor wir uns einigen historischen Daten zuwenden.

    Dorothy Sayers
    Dorothy Sayers

    Wenn man sich nicht ausschließlich auf die deutsche Terminologie beschränkt, ist es von vornherein angebracht, die hierzulande gebräuchlichen Gattungsbezeichnungen fast ausnahmslos zu verwerfen. Englisch ist die literarische Leitsprache der Populärliteratur, daran ändern auch länderspezifische Besonderheiten nichts. Ein Beispiel von vielen ist die „Mystery Fiction“, also die „Rätselgeschichte“, die hierzulande kaum als Begriff verwendet wird. Stattdessen wird der englische Begriff “Mystery” beibehalten und für eine Form der phantastischen Erzählung verwendet, die eigentlich der Weird Fiction nahe steht, während “Mystery Fiction” zur Kriminalliteratur wird. Diese wäre eigentlich Crime Fiction, die sich wiederum von der Mystery Fiction unterscheidet.

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  • Die Detektive des Paranormalen

    Wir haben bereits in einem anderen Beitrag über die „okkulten Detektive“ gesprochen und streng genommen sind sie die Urväter all jener Ermittler, die sich in der modernen Urban Fantasy tummeln. Und vielleicht ist es diese moderne Umsetzung, die einen Trennstrich zieht, denn die okkulten Detektive hatten äußerst wenig mit dem zu tun, was moderne Detektive des Paranormalen leisten, obwohl auch ihre Fälle die Grenzen des Plausiblen überschreiten und sie sich ebenfalls in die gespenstischen Bereiche des Paranormalen vorwagen. Ihre Heldentaten beschränken sich nicht auf die Grenzen der physischen Welt, sondern überbrücken die Kluft zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten, dem Greifbaren und dem Ätherischen.

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  • Holmes Bd. 1: Abschied von der Baker Street

    Eigentlich ist dem Kanon von Sherlock Holmes nichts mehr hinzuzufügen, vor allem auch, weil durch unzählige Filme und grauenhafte Weiterschreibungen mittlerweile ein recht dreckiges und unansehnliches Wasser entstanden ist. Es gab nach Arthur Conan Doyle nur wenige autorisierte Autoren, die sich diesem Kanon mit allem gebührenden Respekt näherten. Von allem anderen sollte man tunlichst die Finger lassen, wenn man sich wirklich für den Mythos interessiert.

    Jetzt könnte man natürlich reflexartig auch das Werk von Luc Brunschwig, das von Cécil gezeichnet wurde als apokryphen Nonsense verwerfen, aber das wäre dann doch ein wenig verfrüht. Die Prämisse, die hier geboten wird, ist nämlich eine, die durchaus auch schon von den Sherlockians diskutiert wurde: Wie weit ging Sherlocks Kokainsucht? Was könnte daraus resultieren?

    Zeichnung: Cécil
    Die gewohnte Idylle: Mrs Hudson serviert Tee, Watson liest die Times und Sherlock sinniert mit seiner Pfeife am Fenster. (c) Jacoby & Stuart; Zeichnung: Cécil

    Am 4. Mai 1891 verschwand Sherlock Holmes in den Reichenbachfällen und nahm Professor Moriarty, seinen größten Feind, mit in den Tod. Doch ist der große Detektiv wirklich tot? Wenn ja, warum lässt sein Bruder Mycroft die Baker Street 221b räumen und alle Akten verbrennen, an denen er in den letzten zwei Jahren gearbeitet hat? Warum enthält die Moriarty-Akte, die Inspektor Patterson vom Yard ausgehändigt wurde, nur leere Blätter? Je mehr Dr. Watson ermittelt, desto größer wird das Rätsel…

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  • Der Mann, der Sherlock Holmes tötete

    Sherlock Holmes

    Sherlock Holmes ist ein nimmermüde werdendes Thema, das hat vor einigen Jahren die großartige BBC-Modernisierung hinlänglich bewiesen (gegenwärtig macht auch Alice (aus dem Wunderland) wieder ein paar Fortschritte). Die Zahl der „Leichenfliegen“, wie ich jene Autoren nenne, die sich einer Figur annehmen und ihr Schindluder damit treiben, ist Legion. Die können wir – abgesehen von Horowitz, der tatsächlich die legitimen neuen Sherlock-Holmes-Fälle vorgelegt hat, aus unserem Gedächtnis streichen.

    Graham Moore freilich geht einen anderen Weg und präsentiert uns Conan Doyle höchstselbst, denn schließlich ist er der Mann, der Sherlock Holmes umgebracht hat. Der Originaltitel lautet The Sherlockian, und ausnahmsweise finde ich hier den deutschen Titel etwas besser, weil er sprechend ist. Tatsächlich ist ein Sherlockianer der Protagonist des zweiten Erzählstranges.

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  • King Kong (Das erste Filmmonster)

    King Kong ist eine der berühmtesten Figuren der Kinogeschichte. Seit seinem ersten Erscheinen 1933 wird er wieder und wieder rezipiert, neu aufgelegt, anders erzählt – und hat, wie es einer echten Berühmtheit geziemt – sämtliche Medien in Beschlag genommen. Selbst mehrere Fahrgeschäfte in Freizeitparks brüsten sich mit dem gigantischen Gorilla.

    In den frühen 1930er Jahren versuchten viele Produzenten, an den Erfolg der Verfilmung von Sir Arthur Conan Doyles Science Ficton-Roman „Die vergessene Welt“ anzuknüpfen, einem epischen Abenteuerfilm über eine Expedition zu einer Hochebene voller prähistorischer Tiere, die von Willis O’Brien zum Leben erweckt wurden, der später eine bedeutende Rolle spielen sollte. Merian C. Cooper und Edgar Wallace haben sich die Geschichte über eine Insel ausgedacht, die von Dinosauriern und natürlich einem riesigen Gorilla bevölkert ist. Die Geschichte handelt von Carl Denham, einem Filmemacher, der sich auf die abgelegene Insel „Skull Island“ begibt, um Kong zu fangen, eine riesige Kreatur, die von den Einheimischen mit einer gewaltigen Barriere in Schach gehalten wird, die das Tier in seinem ursprünglichen Dschungel gefangen hält. Ann Darrow und John Driscoll werden in das Abenteuer hineingezogen: Ann wird von Kong gefangen genommen und ins Innere seiner Insel verschleppt, und John leitet die Rettungsmission, um sie zurückzubringen. Unterwegs werden die Entdecker von verschiedenen Dinosauriern angegriffen. Schließlich fangen sie den Gorilla ein und bringen ihn mit in die Zivilisation, wo Kong sein Ende auf dem Empire State Building findet. Der Film ging als eines der großen Filmabenteuer in die Geschichte ein, die in dieser Zeit produziert wurden, und gilt heute als Klassiker.

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  • Darf’s ein roter Hering sein?

    Geheimnisvoll. Dieses Wort allein erzeugt in uns ein Gefühl von Spannung, ein Kribbeln in den Venen, einen Schub von Neugier im Gehirn. Denn wir sind von Natur aus wissbegierige Wesen. Wir lieben die Herausforderung, verwickelte Probleme zu lösen, verschlüsselte Rätsel zu knacken und unvollständige Puzzles zu vervollständigen. Und kein anderes literarisches Genre weckt diese Neugier und Entdeckungsfreude mehr als der Krimi. Aber im Kern eines jeden faszinierenden Geheimnisses ist auch die kunstvolle Täuschung enthalten.

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  • Alan Bradley: Mord im Gurkenbeet (Flavia de Luce #1)

    Die Streußel schmecken süß, jedoch
    viel süßer schmeckt der Boden noch.“

    Eines muss ich vorweg schicken: Wir haben es hier nicht definitiv mit einem Jugendroman zu tun, obwohl man sich natürlich glücklich schätzen kann, wenn Jugendliche diesen Roman lesen und auch genießen können. Sicher ist Flavia de Luce ein elfjähriges Mädchen, aber – wie wir gleich sehen werden – unterscheidet sie sich in fast jeder Hinsicht von dem, was man von einem 11-jährigen Mädchen erwarten kann. Tatsächlich ist die ganze Reihe vom Goldenen Zeitalter der Krimis durchtränkt, beeinflusst von der Wertschätzung des Autors für die Arbeit von Chesterton, Agatha Christie, Conan Doyle oder Dorothy L. Sayers. Das heißt, dass es sich um herrlich altmodische Krimis handelt, die mit einigen intellektuellen Seitenhieben aufwarten.

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