kriminalroman

  • Acht perfekte Morde (Peter Swanson)

    Lassen wir uns nicht von der allgemeinen Welle der immergleichen lustlos hingebastelten Cover nicht täuschen, die leider auch dieses Buch getroffen hat (weshalb ich lieber das Original genommen habe, auch wenn das nun auch keinen Preis verdient).

    Der Plot ist nämlich wie geschaffen für Bücherwürmer: Ein Buchhändler wird vom FBI angeheuert, um als Experte eine Reihe von rätselhaften Morden zu lösen. Als Malcolm Kershaw vor Jahren als neuer Buchhändler in einer auf Krimis spezialisierten Buchhandlung in Boston anfing, wurde er von seinem damaligen Chef gebeten, auch Inhalte für den Blog des Ladens zu erstellen. Als langjähriger Leser des Genres beschloss Malcolm, einen Blogbeitrag zu verfassen, in dem er acht perfekte Morde aus der Kriminalliteratur auswählte, von Verbrechen, die von Agatha Christie und Ira Levin bis hin zu Patricia Highsmith und Donna Tartt konzipiert wurden. Seine Liste blieb weitgehend unbeachtet – aber er hatte auch nicht damit gerechnet, dass ein Buchladen-Blog im Internet viel Aufmerksamkeit erregen würde. Stellen Sie sich also vor, wie überrascht Malcolm ist, als Jahre später, an einem verschneiten Tag in Boston, eine FBI-Agentin vor der Tür der Buchhandlung steht.

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  • Die Augen der Heather Grace

    Wir sind nie in den Genuss der bemerkenswerten Krimis gekommen, die David Pirie anfangs der 2000 für die BBC produzierte. Die zweiteilige Geschichte „Murder Rooms: The Dark Beginnings of Sherlock Holmes“ wird auf der Insel zu den besten Präsentationen gezählt, die das Fernsehen auf diesem Sektor je geschaffen hat. Allerdings muss man dazusagen, dass es zu dieser Zeit die Sherlock-Serie noch nicht gab, die erst 2010 ausgestrahlt wurde.

    Insgesamt sollte es die Serie, die an die frühen Hammer-Filme und den amerikanischen Film Noir der 1940er Jahre erinnert, auf sechs Filme bringen. Dass sie trotz des Erfolges eingestellt wurde, ist nach wie vor eines der großen Rätsel, hat aber wohl mit BBC-Interna zu tun. Sie kam viele Jahre zu früh und würde heute ganz anders behandelt werden.

    Die Informationen, die Pirie für die Filme als auch für die Bücher verwendet hat, und die eine der Grundlagen für die Entwicklung der Figuren Holmes und Watson (hier Bell und Doyle) bilden, basieren zum Teil auf den Briefen und Schriften des Dr. Joseph Bell, der Doyles Lehrer und Mentor war, als der junge Autor als Medizinstudent an der Universität Edinburgh eingeschrieben war.

    Dr. Joseph Bell wird die Geburtsstunde der forensischen Wissenschaft zugeschrieben, da er bei seiner Arbeit wissenschaftliche Beobachtungstechniken einsetzte und diesen Aspekt erstmals in die Verbrechensbekämpfung einbrachte.

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  • Die Morde in der Rue Morgue

    Edgar Allan Poe wird häufig als der Erfinder der Detektivgeschichte bezeichnet. Tatsächlich war er nicht der erste, der eine Kriminalgeschichte schrieb (wie ich bereits in einem anderen Artikel dargelegt habe), aber als Vater der modernen Detektivgeschichte muss man ihn durchaus gelten lassen, allein schon, weil er darüber hinaus auch den Grundstein legte für zahllose Ermittlungsverfahren, die dann im zwanzigsten Jahrhundert tatsächlich mit Erfolg angewandt wurden und noch werden. Poe sah die Art und Weise lange voraus, in der Beweise (und nicht bloße Vermutungen) zu einem gültigen Ziel führen, schuf also nicht nur die Formel für die Detektivgeschichte, sondern auch für forensische Untersuchungen.

    Am 20. April 1841 erschien im Graham’s Magazine Edgar Allan Poes „Die Morde in der Rue Morgue“, eine Kurzgeschichte, die weithin als die erste – wirkliche – Detektivgeschichte gilt. Sie handelt von den Ermittlungen in einem brutalen Doppelmord in Paris und stellt die Figur des C. Auguste Dupin vor, eines brillanten Amateurdetektivs, der den Fall mit Hilfe von Logik und Schlussfolgerungen löst.

    Die Geschichte zeichnet sich durch ihre komplizierte Handlung und ihre Liebe zum Detail aus, ebenso wie durch die lebhaften Beschreibungen des Tatorts und der beteiligten Personen. Poes Schreibstil ist sowohl prägnant als auch detailliert und ermöglicht es dem Leser, die Ermittlungen Schritt für Schritt zu verfolgen und die Hinweise zusammen mit Dupin zusammenzusetzen.

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  • Die okkulten Detektive

    Sherlock Holmes ist eine der berühmtesten Figuren der Kriminalliteratur, die 1886 von dem britischen Autor Arthur Conan Doyle erfunden wurde. Seitdem hat er viele Nachahmer inspiriert und Variationen hervorgebracht, die sich in unterschiedlichen Zeiten, Orten und Berufen als Detektive betätigen. Doch schon vor Holmes gab es Geschichten, die sich mit Verbrechen und deren Aufklärung beschäftigten, wie zum Beispiel Georg Philipp Harsdörffers „Der große Schauplatz jämmerlicher Mordgeschichten“ aus dem 17. Jahrhundert oder die sogenannten Newgate-Romane von Edward Bulwer-Lytton im 19. Jahrhundert.

    Die Anfänge der Kriminalliteratur lassen sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen, als Edgar Allan Poe seinen berühmten Detektiv Auguste Dupin in „Die Morde in der Rue Morgue“ (1841) erschuf. Diese Erzählung gilt als eine der ersten Quellen für das Genre, das sich aus der jahrhundertealten Tradition der Schauerliteratur entwickelte. Dabei wurde die Rolle des Gefühls von der Vernunft abgelöst, ohne jedoch auf die schaurige Atmosphäre zu verzichten. So entstand auch die Idee, Geister und andere übernatürliche Phänomene mit kriminalistischen Methoden zu erforschen. Das Genre der „Geisterdetektive“ oder der „okkulten Spürnasen“ war geboren, noch bevor Sherlock Holmes die Bühne betrat, und bewegte sich an der Grenze zwischen Rationalität und Mystik.

    Harry Escott

    Fitz James O’Brien war ein irisch-amerikanischer Schriftsteller, Soldat und Dichter, der oft als einer der frühen Vertreter der Science-Fiction angesehen wird. Er wurde als Michael O’Brien in Irland geboren und wanderte 1852 nach Amerika aus, wo er seinen Namen zu Fitz James änderte. Er schrieb für verschiedene Zeitschriften und Magazine und verfasste auch einige Theaterstücke. Sein bekanntestes Werk ist „Die diamantene Linse“ (1858), eine Geschichte über einen Wissenschaftler, der eine mikroskopische Frau in einem Wassertropfen entdeckt. Diese Geschichte war eine der Favoriten von H. P. Lovecraft . Aber O’Brien schuf auch einen der ersten okkulten Detektive in der Literatur, Harry Escott, den er in „The Pot of Tulips“ (1855) vorstellte. Escott war ein Detektiv ohne übernatürliche Kräfte, aber mit einem großen Wissen über Esoterik und Okkultismus, der rational und wissenschaftlich an paranormale Phänomene heranging. O’Brien schrieb nur noch eine weitere Geschichte mit Escott, „Was war es?“ (1859), die auch die erste Erwähnung einer unsichtbaren Person in der Literatur enthielt – und damit H. G. Wells‘ Der Unsichtbare um vier Jahrzehnte zuvorkam . O’Brien starb 1862 an den Folgen einer Verwundung im Sezessionskrieg .

    Dr. Hesselius

    Sheridan Le Fanu gilt als einer der Meister der klassischen Schauerliteratur und als einflussreicher Vorläufer des modernen Horrorgenres. Er war nicht nur ein begabter Erzähler, sondern auch ein innovativer Schöpfer von Figuren und Motiven, die bis heute faszinieren.

    Im Oktober 1869 veröffentlichte Le Fanu in der viktorianischen Wochenzeitschrift „All The Year Round“, die von Charles Dickens gegründet und herausgegeben wurde, eine Erzählung mit dem Titel „Grüner Tee“. Darin präsentierte er seinen Lesern zum ersten Mal Dr. Martin Hesselius, einen Arzt, Schriftsteller und Kunstfehler-Experten, der sich auf die Behandlung von übernatürlichen Krankheiten spezialisiert hatte. In „Grüner Tee“ untersucht er den Fall eines Geistlichen, der von einem dämonischen Affen heimgesucht wird, den nur er sehen kann. Die Erzählung ist eine spannende Mischung aus psychologischem Thriller, metaphysischer Spekulation und gotischer Atmosphäre.

    Le Fanu war selbst ein zurückgezogener und geheimnisvoller Mann, der nach dem Tod seiner Frau 1858 kaum noch das Haus verließ. Er litt unter Depressionen und Alpträumen, die sich oft in seinen Werken widerspiegelten. Er starb 1873 an einem Herzinfarkt in seinem Haus in Dublin. Sein literarisches Vermächtnis umfasst zahlreiche Erzählungen und Romane, die bis heute gelesen und verfilmt werden. Zu seinen berühmtesten Werken gehören „Carmilla“, eine Geschichte über eine lesbische Vampirin, „Uncle Silas“, ein meisterhafter Schlossroman, und „The House by the Churchyard“, ein historischer Roman mit einem Hauch von Horror.

    Dr. John Silence

    Der okkulte Detektiv ist eine literarische Figur, die übernatürliche Phänomene mit Hilfe von Magie, Esoterik oder Parapsychologie untersucht. Ein bekannter Vertreter dieses Genres ist Algernon Blackwood (1869-1951), ein englischer Autor, der sich selbst als Theosoph und Mystiker verstand. Sein berühmtester Charakter ist Dr. John Silence, ein Arzt und Psychiater, der sich auf Fälle spezialisiert hat, die eine psychische Invasion oder Besessenheit beinhalten. Silence ist eine ambivalente Figur, die einerseits als Retter und Heiler auftritt, andererseits aber auch als arrogant, dogmatisch und gefährlich erscheint.

    Ein Beispiel für seine umstrittene Rolle ist seine erste Geschichte „A Psychical Invasion“ (1908), die in deutscher Übersetzung als „Griff nach der Seele“ in dem Band „Besuch von Drüben“ in Suhrkamps Phantastischer Bibliothek enthalten ist. In dieser Geschichte wird ein Humorist namens Pender von einem bösen Geist heimgesucht, nachdem er eine Überdosis Haschisch genommen hat. Pender verliert seinen Sinn für Humor und wird von Angstzuständen geplagt. Silence wird zu Hilfe gerufen und erkennt, dass Pender von der Seele einer verstorbenen Schauspielerin besessen ist, die ihn für ihren ehemaligen Liebhaber hält. Silence setzt einen magischen Collie namens Flame ein, um den Geist zu vertreiben, und erklärt Pender seine Theorie über die Dynamik der Gedanken und die Fortdauer der Persönlichkeit nach dem Tod.

    Die Geschichte zeigt die gängigen Merkmale des okkulten Detektivs, wie zum Beispiel die Verbindung von Wissenschaft und Magie, die Verwendung von Symbolen und Ritualen, die Betonung der psychischen Ebene und die Konfrontation mit dem Bösen. Allerdings zeigt sie auch einige Probleme auf, die mit dieser Figur verbunden sind. Zum einen ist Silence kein sympathischer Held, sondern ein überheblicher Lehrmeister, der gerne bevormundet und belehrt. Er spricht in einem herablassenden Tonfall und benutzt pseudowissenschaftliche Begriffe, die seine Autorität untermauern sollen. Zum anderen ist Silence kein unfehlbarer Experte, sondern ein riskanter Experimentator. Er setzt den Humoristen Pender einer gefährlichen Droge aus, um ihn empfänglicher für den Geist zu machen, und lässt ihn allein mit einem magischen Collie, während er selbst das Haus verlässt. Er ignoriert auch die Möglichkeit, dass Pender selbst für seine Probleme verantwortlich sein könnte, und schiebt alles auf eine Geisterdame. Schließlich ist Silence kein moralischer Richter, sondern ein willkürlicher Zerstörer, der das Haus des Humoristen abreißen lässt, um den Spuk endgültig zu beseitigen.

    Die Geschichte zeigt also, dass der okkulte Detektiv nicht nur ein faszinierender Charakter ist, sondern auch ein problematischer. Er repräsentiert eine Form von Wissen und Macht, die nicht immer zum Wohl der Menschen eingesetzt wird. Er stellt auch die Grenzen zwischen Realität und Fantasie in Frage und fordert den Leser heraus, seine eigene Position zu bestimmen.

    Carnacki

    Carnacki wurde von dem englischen Autor William Hope Hodgson erschaffen. Er ist der Protagonist einer Reihe von sechs Kurzgeschichten, die zwischen 1910 und 1912 in den Magazinen The Idler und The New Magazine veröffentlicht wurden. Diese Geschichten wurden 1913 zusammen als Carnacki, der Geisterdetektiv gedruckt.

    Carnacki ist natürlich ebenfalls inspiriert von der Tradition fiktiver Detektive wie Sherlock Holmes. Er lebt in einer Junggesellenwohnung in der Nr. 427 Cheyne Walk, Chelsea; die Geschichten werden aus der Ich-Perspektive von Dodgson erzählt, einem Mitglied von Carnackis „streng begrenztem Freundeskreis“, ähnlich wie Holmes‘ Abenteuer aus der Sicht von Doktor Watson erzählt werden. Während die Holmes-Geschichten das Übernatürliche nie benutzen, außer als falsche Fährte, ist dies das zentrale Thema der Carnacki-Geschichten, obwohl einige der Geschichten nicht-übernatürliche Enden haben.

    Jede von Carnackis Geschichten erzählt von einer Untersuchung eines ungewöhnlichen Spuks, den Carnacki identifizieren und beenden soll. Er verwendet eine Vielzahl wissenschaftlicher Methoden bei seinen Untersuchungen, greift aber auch auf traditionellere Folklore zurück. Er verwendet Technologien wie Fotografie und seine eigene fiktive Erfindung, das elektrische Pentakel. Er ist nicht voreingenommen und zieht immer seine endgültigen Schlussfolgerungen aus Beweisen, so dass er in einigen Geschichten entscheidet, dass der Spuk echt ist, während er in anderen feststellt, dass er von einem Gegner aus verschiedenen Gründen inszeniert oder gefälscht wurde.

    Carnackis Fälle drehen sich genauso oft um Männer in Pferdekostümen wie um körperlose Dämonenhände, die ihn durch den Raum jagen. Mit einem völlig erfundenen System vokallastiger Magie (The Incantation of Raaaee, The Saaamaaa Ritual) verbringt Carnacki die meisten seiner Abenteuer zusammengekauert in der Mitte seines elektrischen Pentakels und macht Blitzlichtfotos von seltsamen Monstern wie einem Albtraumschwein („The Hog“), einem Fußboden, der sich in pfeifende Lippen verwandelt („The Whistling Room“), und einem Blutsturm im Haus („The House Among the Laurels“). Sein Markenzeichen ist es, seine Gäste am Ende seiner Geschichten aus dem Haus zu schmeißen und zu rufen: „Raus mit euch! Raus mit euch!“

    Manchmal ist sein Feind der Geist eines Hofnarren, manchmal sind es Iren, und manchmal stellt sich heraus, dass es ein mürrischer alter Seekapitän ist, der sich in einem Brunnen versteckt, oder ein nacktes Geisterbaby. Carnacki findet ebenso viele Betrüger wie Phantasmen, er liebt dumme wissenschaftliche Erfindungen (einen Anti-Vibrator, einen Traumhelm, das elektrische Pentagramm), und er liebt auch John Silence-artige Laser-Lichtshow-Zauberschlachten. Und obwohl er gelegentlich einen Raum zerstört oder ein Schiff versenkt, hat er nicht die Vorliebe für Chaos, die andere okkulte Detektive kennzeichnet.

    Flaxman Low

    Die Flaxman-Low-Geschichten sind ein weiteres Beispiel für die frühe Literatur des Paranormalen. Sie wurden von Kate Prichard und ihrem Sohn, dem Major Hesketh Hesketh-Prichard, unter den Pseudonymen „H. Heron“ und „E. Heron“ veröffentlicht.

    In „Die Geschichte von Baelbrow“ wird er zu einem Herrenhaus gerufen, das von einem rachsüchtigen Geist heimgesucht wird. Der Geist hat sich mit einer ägyptischen Mumie verbündet, die im Keller versteckt ist, und zusammen terrorisieren sie die Bewohner des Hauses. Flaxman Low stellt sich dem übernatürlichen Duo mit Mut und Entschlossenheit. Er schießt auf die Mumie, zertrümmert ihren Schädel und verbrennt sie schließlich.

    Er ist also alles andere als ein zimperlicher Geisterjäger. Er schreckt nicht vor Gewalt zurück, wenn es darum geht, das Böse zu bekämpfen. Seine Methoden sind oft radikal und zerstörerisch. Ob es sich um einen leprakranken Spuk aus Trinidad, einen griechischen Geisterkult oder eine tödliche Pilzinfektion handelt, Flaxman Low findet immer eine Lösung, die meist das Haus in Schutt und Asche legt.

    Die Flaxman-Low-Geschichten sind spannend, gruselig und manchmal absurd. Sie spiegeln die Ängste und Vorurteile der viktorianischen Zeit wider, aber auch den Wunsch nach Abenteuer und Entdeckung.

    … und andere

    Die okkulten Detektive des frühen 20. Jahrhunderts sind also eine bunte Truppe von Figuren, die sich mit dem Übernatürlichen befassen. Erwähnen sollte ich noch Sax Rohmers „Fu Manchu“, ein griesgrämiger Antiquitätenhändler, Moris Klaw, und sein seltsames Kissen, das angeblich okkulte Kräfte hat; Diana Marburg, eine Wahrsagerin und Ermittlerin des Paranormalen, die in „Die tote Hand“ einen sechs Fuß langen elektrischen Aal bekämpft, der für einen Mord missbraucht wurde; Aylmer Vance, ein Mann mit einer zerstörerischen Neigung; Jules de Grandin, ein französischer Detektiv aus New Jersey, der sich mit dem Übernatürlichen auskennt und gerne Ausrufe wie „Beim Bart des Goldfisches!“ und „Sie werden bald einem Schwein im Anzug begegnen!“ von sich gibt (auf Französisch klingt es besser); und John Thunstone, ein Abenteurer mit einem silbernen Schwertstock, der es oft mit einer alten Rasse von Vor-Menschen zu tun hat, die einst Nordamerika bewohnten. Diese Liga der okkulten Detektive ist oft rassistisch, gewalttätig und unwissenschaftlich. Sie zerstören Häuser, töten andere Wesen und sind im Grunde genommen eine Gruppe von schrecklichen Menschen, die keine Ahnung von dem haben, was sie tun.

  • Betibú / Claudia Piñeiro

    Ein Mann mit durchtrennter Kehle wird in seinem Haus in einem geschlossenen Viertel (Barrio Cerrado) in Buenos Aires von seiner Haushälterin aufgefunden. Hat er Selbstmord begangen? Wurde er getötet? Und wenn ja, warum? Hat sein Tod etwas mit dem Mord an seiner Frau drei Jahre zuvor zu tun? Das sind die Rätsel, denen Claudia Piñeiro in ihrem Roman Betibú auf den Grund geht. Eine Geschichte, in der sich Realität und Fiktion, Journalismus und Literatur überschneiden.

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  • Der Fall Alice im Wunderland

    Mit „Der Fall Alice im Wunderland“ gewann Martinez 2019 den spanischen Nadal-Preis und ist die Fortsetzung von Die Oxford-Morde. Beide Romane können dennoch völlig unabhängig voneinander gelesen werden. Was sie verbindet ist der Schauplatz Oxford und die Figuren des berühmten Logik-Professors Arthur Seldom, des argentinischen Studenten Martin, sowie des Polizeiinspektors Petersen. Mit ein paar Sätzen verlässt Guillermo Martínez den vorherigen Roman, einen Fall, der eigentlich schon abgeschlossen war, um sich auf diese neue Geschichte zu konzentrieren, eine Geschichte, deren Hauptfigur nicht Seldom oder Martin ist, sondern Lewis Carroll und das Universum von Alice im Wunderland.

    Guillermo Martínez: Der Fall Alice im Wunderland

    Der Roman basiert auf realen Ereignissen, wie dem Fund eines Zettels, der den Inhalt der aus den Tagebüchern von Lewis Carrol herausgerissenen Seiten zusammenfasst, um einen völlig fiktiven Mordfall zu schaffen.

    Dies geschieht in einem sehr britischen Stil, nicht nur wegen des Schauplatzes Oxford, sondern auch, weil er, wie schon bei den Oxford-Morden, unweigerlich an den Stil der Romane von Agatha Christie erinnert. Denn obwohl er an mehr Schauplätzen spielt als sein Vorgänger, könnte er sehr gut als Theaterstück umgesetzt werden. Es gibt wahrscheinlich mehr Dialoge und Überlegungen als Handlung.

    Alice Liddell als Bettlerin

    Die Geschichte des Romans dreht sich um eine Gruppe von Fans von Lewis Carroll, dem Autor von Alices Abenteuer im Wunderland, eine Bruderschaft, die nicht nur das Werk und das Vermächtnis des Schriftstellers bewahrt, sondern auch seinen Mythos pflegt und sein Andenken schützt. Unter ihnen ist auch Seldom. Es ist ein heikles Thema – vielleicht heute mehr denn je, auch wenn der Roman vor einem Vierteljahrhundert spielt -, denn wie wir wissen, wurde das Werk, das Carroll, der eigentlich Charles Dodgson (1832-1898) hieß, unsterblich machte, von einer der Töchter eines gewissen Henry Liddell, seines Dekans am Christ Church College in Oxford, inspiriert. Dodgson, der Mädchen liebte und ein erfahrener Fotograf war, brachte diese beiden Leidenschaften zusammen und porträtierte Liddells Töchter – wie auch viele andere Mädchen – bei zahlreichen Gelegenheiten. Die Grenze zwischen dieser freizügigen Faszination und ihren dunkleren Konnotationen war schon immer eine Quelle von Konflikten, die zweifellos durch die Falten einer Epoche – der viktorianischen – genährt wurden, deren moralische Strenge voller Widersprüche war.

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  • Die Sünden der Väter / Lawrence Block

    Eine der wichtigsten Konstanten in Lawrence Blocks mehr als 30-jähriger Schriftstellerkarriere, die mehr als 50 Romane und zahlreiche Auszeichnungen – darunter den renommierten Grand Master of Mystery Writers of America – umfasst, ist der Privatdetektiv Matthew Scudder, der erstmals 1976 in „Die Sünden der Väter“ auftaucht. Damit ist Scudder eine der beständigsten Schöpfungen Blocks und des gesamten Krimigenres. Als ehemaliger New Yorker Polizist, der zeitlebens mit Alkoholismus zu kämpfen hatte, tauchte Scudder bisher in 17 Romanen und einigen Kurzgeschichten auf.

    Schon früher beschrieb er die Abgründe, in die junge Erwachsene Anfang der sechziger Jahre gerieten. Es ist eine Welt der Drogen, der Prostitution, der Verkommenheit und der blutigen Wohnungen.

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    Die drei ??? und das Gespensterschloss / Robert Arthur

    Kommen wir noch einmal zu den drei Fragezeichen zurück. Am Anfang (und zu seiner Zeit) war das eine verdammt gute Serie von Robert Arthur, und neben Miss Marple und Sherlock Holmes sicherlich eine der Buchreihen die mich zum Krimi gebracht haben. Insgesamt gibt es 43 Originalbücher, die von 1964 bis 1987 erschienen sind, bevor die drei Detektive zu einer rein deutschen Angelegenheit wurden. Allerdings hören die guten Abenteuer ab Band 29 auf.

    Die Grundidee, die Mitte der 60er Jahre das Licht der Welt erblickte, war, dass drei Jugendliche eine Detektei gründen. Sie hießen Jupiter Jones, Bob Andrews und Peter Crenshaw. Ihr Hauptquartier befindet sich auf dem Schrottplatz von Jupiters Onkel Titus in Rocky Beach.

    Findet mir eine Gespensterschloss!

    Rocky Beach liegt in einer Ebene, die auf der einen Seite vom Meer und auf der anderen von einer Bergkette begrenzt wird, unweit von Los Angeles. Die Stadt selbst ist fiktiv, obwohl es ein echtes Rocky Beach im Indischen Ozean gibt, das heute allerdings Gilchrist Beach heißt. Und natürlich heißen die drei Detektive Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews. Die Hörspiele mit den drei Fragezeichen sind Kult, auch wenn sie nur rudimentäre Versionen der Bücher enthalten und nicht alle Bücher gleich gut sind, aber es lohnt sich, sie noch einmal zu entdecken. Die Abenteuer begannen mit dem Gespensterschloss, das 1964 im Original und vier Jahre später auch bei uns erschien. Es ist nicht gerade das beste Buch über die drei Detektive, aber immerhin das erste. Natürlich geht es um ihre blutigen Anfänge. Sie drucken ihre berühmten Visitenkarten und haben am Anfang noch nichts mit Alfred Hitchcock zu tun, der ihnen später immer wieder Fälle schickt. Er ist zunächst nicht begeistert, als sie sich in sein abgeschirmtes Studio einschleichen, um für ihn ein Geisterhaus für einen seiner Filme zu finden.

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  • Der Mann, der Sherlock Holmes tötete

    Sherlock Holmes

    Sherlock Holmes ist ein nimmermüde werdendes Thema, das hat vor einigen Jahren die großartige BBC-Modernisierung hinlänglich bewiesen (gegenwärtig macht auch Alice (aus dem Wunderland) wieder ein paar Fortschritte). Die Zahl der „Leichenfliegen“, wie ich jene Autoren nenne, die sich einer Figur annehmen und ihr Schindluder damit treiben, ist Legion. Die können wir – abgesehen von Horowitz, der tatsächlich die legitimen neuen Sherlock-Holmes-Fälle vorgelegt hat, aus unserem Gedächtnis streichen.

    Graham Moore freilich geht einen anderen Weg und präsentiert uns Conan Doyle höchstselbst, denn schließlich ist er der Mann, der Sherlock Holmes umgebracht hat. Der Originaltitel lautet The Sherlockian, und ausnahmsweise finde ich hier den deutschen Titel etwas besser, weil er sprechend ist. Tatsächlich ist ein Sherlockianer der Protagonist des zweiten Erzählstranges.

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  • Das Geheimnis des Glockenturms / Elizabeth C. Bunce

    Elizabeth C. Bunce erzählte einmal die Geschichte, wie wie auf den Namen Myrtle kam. Das ist deshalb interessant, weil alle Titel im Original das Wort „Myrtle“ anstelle von „Murder“ beinhalten, was in der Übersetzung leider verloren gegangen ist. So heißt der erste Band, der bei uns bei Knesebeck erschienen ist „Mord im Gewächshaus“, in Wirklichkeit aber „Premediated Myrtle“ anstatt von Premediated Murder, also vorsätzlicher Mord. Der zweite Band – „Mord im Handgepäck“ heißt „How to get away with Myrtle“ anstelle von „Wie man mit Mord davonkommt“ – und der Band, um den es heute hier geht, nennt sich „Cold Blooded Myrtle“, anstelle von Kaltblütiger Mord. Übersetzt wurde der Titel mit „Das Geheimnis des Glockenturms“.

    Myrtle war tatsächlich ein simpler Versprecher ihres Ehemanns, der Elizabeth Bunce einen Artikel über einen vorsätzlichen Mord vorlas und das Wort „Murder“ so herausbrachte, dass es sich wie der Name unserer Detektivin anhörte. Es dürfte klar sein, dass Myrtle etwas zu sagen hatte und sich auf diesem Wege bemerkbar machen wollte.

    Bunce kanalisiert in ihren Romanen geschickt die Energie britischer Detektivgeschichten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Damit ist sie zwar nicht allein, aber während zum Beispiel Robin Stevens in seiner Wells und Wong-Reihe eher den Stil von Agatha Christie als Vorbild nimmt, arbeitet Bunce feministische Themen ein, die häufiger bei Dorothy L. Sayers zu finden sind. Myrtle selbst ist ihrer Zeit weit voraus und kann sich mit Hilfe von Miss Judson, Dr. Munjal und einigen anderen sympathischen Erwachsenen auf eine Weise weiterentwickeln, die vielen Mädchen ihrer Zeit verwehrt blieb – und wir sprechen hier vom viktorianischen Zeitalter.

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    Szene vom Originalcover; Algonquin Young Readers

    In „Das Geheimnis des Glockenturms“ stößt unsere Ermittlerin auf ihren ersten ungeklärten Fall aus der Vergangenheit, etwas, das sich als Cold Case in unseren Jargon gearbeitet hat. Vor Jahren verschwand eine Studentin des örtlichen Colleges unter mysteriösen Umständen, und es wurde nie eine Spur von ihr gefunden. Ein Mord zu Beginn des Romans erinnert an dieses alte Geheimnis, und Myrtle, Miss Judson und die Katze Peoney machen sich auf den Weg, um eine verwickelte Geschichte von Geheimgesellschaften, kryptischen Botschaften, lang vergrabenen Geheimnissen und einem auf Rache sinnenden Mörder zu entwirren.

    Diese Folge spielt in der Weihnachtszeit in Myrtles kleinem englischen Dorf Swinbourne. Festtagskrimis haben eine lange Tradition in der Kriminalliteratur, und viele unserer modernen Festtagsbräuche haben ihren Ursprung im viktorianischen Zeitalter.

    Myrtle ist immer noch so impulsiv, entschlossen und unnachgiebig wie eh und je. Aber nachdem sie nun bereits mit mehreren Morden konfrontiert wurde, hat sich ihre Sicht auf die menschliche Natur definitiv erweitert. In mancher Hinsicht scheint sie verständnisvoller zu sein, aber manchmal ist sie sogar noch misstrauischer gegenüber jedem. Jeder, dem sie begegnet, scheint mörderische Absichten zu haben. In „Das Geheimnis des Glockenturms“ wird Myrtle in ihren bisher persönlichsten Fall hineingezogen, in dem es auch um ihre verstorbene Mutter geht. Myrtle ist in einem Alter, in dem sie beginnt, ihre Eltern als Menschen mit Vergangenheit und Geheimnissen zu sehen, und vielleicht auch mit weniger liebenswerten Eigenschaften. Sie lernt ihre verstorbene Mutter hier aus einer anderen Perspektive kennen.

    Die Myrtle-Hardcastle-Krimis bringen jungen Lesern nicht nur den Spaß an klassischen Detektivgeschichten nahe, sind aber so hervorragend geschrieben und recherchiert, dass sie auch von erwachsenen Liebhabern der gemütlichen Krimis mit Gewinn gelesen werden können. Zum Beispiel sind den einzelnen Kapiteln wie gewohnt Auszüge aus Myrtle Hardcastles Handbüchern vorangestellt. Das sind in jedem Buch andere und in diesem Roman konsequenterweise jene mit dem Titel „Die moderne Julzeit – Ein historischer und wissenschaftlicher Diskurs über Weihnachten & seine altehrwürdigen Traditionen“. Myrtle gibt auch gleich das Datum an, wann sie dies notiert hat, nämlich 1893.

    Ihre Erzählung in der ersten Person zeigt – wie auch besagte Notizen und zahlreiche Fußnoten – ein äußerst aufgewecktes, sehr gebildetes und intelligentes Mädchen, von dem man auch deshalb gerne etwas erfährt, weil sie einen sehr feinen Humor besitzt. Auch dieses Buch ist vollgepackt mit historischen Kuriositäten, neuen Charakteren, neuen Blickwinkeln auf vertraute Mitglieder der bereits bekannten Besetzung und weiteren fabelhaften Schauplätzen des 19. Jahrhunderts, denn englische Dörfer haben viele Geheimnisse, denen es sich lohnt, auf den Grund zu gehen.

    Es versteht sich von selbst, dass ich auch den dritten Band der hervorragenden Myrtle-Hardcastle-Reihe nicht nur jüngeren Lesern, sondern allen, die klassische Krimis lieben, ans Herz legen will. Die Bände erscheinen bei Knesebeck.