John Crowley und das Geheimnis der Frauen

1. Und das Nachtragende …

“Mein Schreibmodell ist Shakespeare: nicht jeder Leser wird ein Buch von mir unmittelbar verstehen, aber es wird mit jedem Wiederlesen durchschaubarer.”1

Allein dieser Ausspruch dürfte ausreichen, eine Vielzahl von Lesern abzuschrecken. Das hört sich nach harter Arbeit und nicht gerade nach entspannender Lektüre an. Und doch liegt der entscheidende Vorteil dieses Schreibmodells auf der Hand: Ein Buch, das sich immer wieder lesen lässt, ist für die Ewigkeit gemacht. Was ist dagegen das kurze Vergnügen eines Reißers, den man kein zweites Mal lesen will?
John Crowley ist seit vielen Jahren so etwas wie eine graue Eminenz in der Literatur. Seine Bücher verleiten inzwischen insbesondere Schriftstellerkollegen zu euphorischen bis ehrfürchtigen Äußerungen. So ließ Peter Straub sich mit den Worten zitieren: “Crowley ist so gut, dass er jeden anderen im Staub zurückgelassen hat.”2
Hervorgegangen aus dem Science-Fiction-Umfeld, wird er heute auch vom Literatur-Adel akzeptiert. Inzwischen wird er als Mainstream-Autor, nicht mehr als Fantasy-Autor, promoted. Einen “Wechsel” von der Science-Fiction-Literatur zur Literatur-Literatur sieht Crowley lediglich nach verkaufstechnischen Gesichtspunkten:

“Es ist ja nicht so, dass du dein ursprüngliches Publikum verlassen willst. Du willst nur, dass so viele Leute wie möglich dein Buch lesen, und du willst, dass es so ernst wie nur möglich genommen wird.”3

Genau das ist inzwischen verstärkt der Fall. Sein bislang jüngster Roman Love & Sleep erzielte eine sehr gute Presse, und ein amerikanischer Rezensent sagte ihm eine ähnlich steile Karriere voraus wie Cormac McCarthy. Mit der Begründung, er sei “ein außergewöhnlicher Stilist und bezwingender Geschichtenerzähler”, wurde Crowley mit dem American Academy of Arts and Letters Award ausgezeichnet. Der prominente amerikanische Literaturwissenschaftler Harold Bloom listete Crowleys Romane Little, Big, Ægypt und Love & Sleep unter den Standardwerken der amerikanischen Moderne auf — Büchrücken an Buchrücken mit Namen wie Salinger und Hemingway. In seinem Essayband The Western Canon bezeichnet Bloom Crowley als einen “Meister in Sprache, Plot und Charakterisierung”. Irgend etwas muss an John Crowley dran sein. “John Crowley und das Geheimnis der Frauen” weiterlesen

Drei Jazz-Storys

Peter Straub – Pork Pie Hat

Pork Pie Hat ist die Geschichte der fiktiven Jazzlegende gleichen Namens. Der Erzähler der Geschichte lässt die Zeit, als er noch ein College-Student war, Revue passieren, während der er von dem Saxophonisten Hat fasziniert war.

Als er Hat ein Stück spielen hört, bittet er den Musiker um ein Interview. Obwohl der sehr zurückhaltend ist, akzeptiert er die Fragen des Erzählers. Während des Interviews beweist der Erzähler, dass er wirklich ein Kenner von Hats musikalischer Karriere ist und der Musiker bietet ihm an, eine Geschichte zu erzählen, die er noch niemals erzählt hat, wenn der Erzähler einwilligt, sie niemals zu publizieren.

Was folgt, ist aus Hats Perspektive erzählt, dem seit seiner Kindheit Erinnerungen an ein unsagbares Erlebnis quälen, das er im Alter von elf Jahre in der Nähe des verbotenen Waldes mit dem Namen “The Back” machte. Jetzt, da er krank ist und sich sein Leben dem Ende nähert, das der Alkohol und die Depression für ihn vorsieht, ist die Zeit gekommen, zu offenbaren, was er sah und vor allem: was er tat.

Straub verwendet große Aufmerksamkeit darauf, Hat lebendig darzustellen, porträtiert einen Mann mit unglaublichen musikalischen Talent, der von zahllosen persönlichen Dämonen verfolgt wird. Er entspinnt die Geschichte detailbesessen und langsam. Herausgekommen ist ein Meisterwerk an Charakterisierung und Stimmung.

T.E.D Klein – Der schwarze Mann mit dem Horn

In dieser Geschichte geht es eigentlich überhaupt nicht um Jazz, auch wenn mit dem Titel ein Plattencover von John Coltrane und seinem Saxophon einhergeht. Es ist die Erzählung eines alternden Schriftstellers, der in seiner Jugend ein guter Freund H.P. Lovecrafts war, und der nun, da er die Geschichte erzählt, 77 Jahre alt ist. Es handelt sich um Frank Belknap Long, mit dem Lovecraft einen regen Briefwechsel führte. Der Erzähler ist darüber verbittert, dass ihm Leben und Glück so einfach durch die Finger gleiten, gleichzeitig ist seine Freundschaft zu Lovecraft aufrichtig. Er ist eifersüchtig, aber doch ehrlich mit sich selbst, was sein Talent gegenüber dem Lovecrafts für einen Stellenwert besitzt. Man kommt nicht umhin, Mitleid mit dem Erzähler zu haben – und das ist der Punkt, an dem Klein den Horror loslässt.

Julio Cortázar – Der Verfolger

Cortazár schrieb formvollendete Erzählungen. Sein phantastischer Realismus, der stark vom Noveau Roman, mehr aber noch durch den Surrealismus geprägt wurde, ist bis heute solitär und einzigartig geblieben. Während Borges durchaus seine Epigonen fand, scheint es bei Cortázar unmöglich, seinen Stil auch nur annähernd zu erfassen. Zu viele Silhouetten, zu viele Variablen, zu viele technische Meisterleistungen lassen ihn – und nur darin gleicht er Poe – unnachahmlich bleiben.

Von den drei vorgestellten Erzählungen ist diese die einzige, die wahre, die dem Jazz huldigt, zumindest aber einer seiner Legenden und Ikonen: Charlie Parker, von seinen Freunden “Bird” genannt, dem Cortázar diese Geschichte widmet. Posthum, versteht sich.

Laut Cortázar wohnt dem Konzept des Schreibens eine musikalische Handlung inne, basierend auf dem Rhythmus des Textes. Ohne einen angemessenen Rhythmus verfehlen sich Autor und Leser in ihrer Kommunikation.

Also vergleicht Cortázar den Rhythmus, den er in seinen Geschichten wählt, mit dem Swing des Jazz. Er fügt hinzu, dass Jazz auf dem Prinzip der Improvisation basiert. Diese Improvisation nutzt Cortázar als Vehikel für seine Arbeit, Improvisation nämlich als Prozess und nicht als Produkt. Der Charakter im Text, der Parker nachempfunden ist, heißt Johnny Carter. Bruno hingegen ist ein Jazz-Kritiker und hat vor kurzem Johnnys Biographie veröffentlicht. Diese beiden Protagonisten verkörpern völlig gegensätzliche Persönlichkeiten. Johnny, der intuitive Jazz-Improvisateur und Bruno, der westliche Intellektuelle, der einem logischen System verbunden ist. Die Geschichte beginnt in Johnnys Apartment. Bruno trifft nach einem Anruf von Dédée, Johnnys Partner, dort ein, der ihn davon unterrichtete, dass es Johnny nicht besonders gut gehe.

Zeit bildet, nach dem Verständnis unserer gegenwärtigen kapitalistischen Wirtschaftswelt, die Grundlage für Effizienz und Produktivität. Das kapitalistische Individuum bewegt sich nach der Uhr. Im Falle von Bruno bedeutet das, er arbeitet für die Zeitung. Johnny begreift die konventionelle Konzeption von Zeit nicht als den Begleiter durch die tägliche Realität. Sein ‘Wahn” besteht darin, Brunos Logik herauszufordern und in Frage zu stellen. Für ihn besteht der eigentliche Wahn darin, die sozialen Normen zu akzeptieren, wie im Falle der Zeit. Der Leser bekommt den grundlegenden Beweis dafür, wie es möglich ist, durch Improvisation über die Logik hinaus zu gehen, um ein anderes Verständnis von Realität zuzulassen.

Robert Aickman

Robert Aickman ist selbst in seinem Heimatland England ein vergessener Autor. Der 1914 geborene und 1981 an Krebs gestorbene Schriftsteller ist für Peter Straub der “tiefgründigste Verfasser” von Horrorstories des 20. Jahrhunderts. Eine Leserschaft, die ihn über den Kultstatus hinaus brachte, fand er zu seinen Lebzeiten nicht. Der  renommierte britische Verlag Faber & Faber hat das zu Aickmans Hundertsten Geburtstag 2014 geändert und veröffentlichte eine Sammlung seiner lang nicht mehr in Druck befindlichen Erzählungen.

48 strange stories, wie er seine Geschichten selbst nannte, sind von ihm bekannt. Für seine “Pages from a Young Girl’s Journal” bekam er 1975 den World Fantasy Award.

Um Aickman zu verstehen, muss man viel Aickman lesen. Laird Barron sagte, dass dies Arbeit bedeute. Man kehrt zu seinen Geschichten zurück, sucht nach einem Zugang, einer Nahtstelle oder dem versteckten Haken. Und sobald man ihn glaubt, gefunden zu haben, wird man später, wenn man wieder zu diesen Geschichten zurückkehrt, bemerken, daß sich alles verändert und verschoben hat. Aickman ist einer jener raren Autoren, die einen Virus im Gehirn hinterlassen. Mit diesem Autor zu interagieren, bedeutet, eine Art der Quantenverschränkung zu erleben. Seine Geschichten nehmen das Unterbewusstsein und mutieren es in einer Weise wie es die Aufgabe transgressiver Literatur ist.

Aickman assistierte seinem Vater in dessen Architekturbüro, bevor er 1944 seine eigene Firma gründete. 1951 veröffentlichte er ein Buch mit Kurzgeschichten zusammen mit seiner Sekretärin Elizabeth Howard, zu dem er drei Erzählungen beitrug.

Strange Stories

1964 wurde seine erste eigene Sammlung veröffentlicht, “Dark Entries”. Zu seinen Lebzeiten erblickten weitere fünf Bände das Licht der Welt, sowie ein Roman und eine Autobiographie. Zwischen 1964 und 1972 war er als Herausgeber der ersten acht Bände der Serie “Fontana Book of Great Ghost Stories” tätig.  Posthum wurde eine letzte Sammlung, ein Roman und der zweite Teil seiner Autobiographie veröffentlicht. Seine besten strange stories wurden in dem Band “The Wine Dark Sea” (1988) und “The Unsettled Dust” (1990) veröffentlicht.

Aickmans Großvater war der viktorianische Schriftsteller Richard Marsh, der 1897 seinen Besteller mit “The Beetle” hatte (dt. “Der Skarabäus”), der sogar Bram Stokers Dracula auf die Plätze verwies.

In deutscher Übersetzung ist es natürlich noch schwieriger, etwas von Aickman zu finden, aber nicht aussichtslos. So sollte man nach “Glockengeläut” sowie “Schlaflos” aus DuMonts Bibliothek des Phantastischen suchen.

Aickmann war ein kultivierter Ästhet und befasste sich mit Ängsten, die auch jene Kafkas gewesen sein könnten, in einem präzisen, etwas erhöhten Stil, als ob er hinter einem Schleier der Gelehrsamkeit stünde, von wo aus er den Leser anspricht. Aber Aickman gehörte zu einer späteren Generation und war freier, so dass er die wirbelnden Ströme der Sexualität tiefer in seinen eindringlichen Geschichten einarbeiten konnte. So behält auch der Titel seines Buches “Dark Entries” etwas von der finsteren Doppeldeutigkeit des Nachtaktiven und Obszönen.

In Aickmans Geschichten wird niemals die vorrangige Natur des Merkwürdigen enttarnt, das seine Figuren belauert. Zur Hälfte sind diese an ihrem eigenen Untergang mitbeteiligt, wenn sie mit schlafwandlerischer Sicherheit ins Unbekannte gezogen werden wie in einen Traum.

Aickmans ‘seltsame Geschichten’ sind Geheimnisse ohne Lösung, jede endet mit einer wehmütigen Note über unsere zweifelhaften, unzulänglichen Kenntnisse, über die Mehrdeutigkeit der Wirklichkeit.

Marvin Keye schrieb in seinem Vorwort zur Anthologie “Masterpieces of Terror and the Supernatural”, die er herausgab, dass er zunächst zögerte, die Geschichte “The Hospice” (dt. “Das Hospiz”) in die Sammlung aufzunehmen, weil er nicht herauszufinden im Stande war, was sie aussagen wolle.

Die exemplarische Geschichte

“Glockengeläut” beginnt dann auch mit dieser exemplarischen Geschichte. Die beiden Bände der Bibliothek des Phantastischen, die einst bei DuMont erschienen, haben wir Frank Rainer Scheck zu verdanken, und auch wenn es zu Beginn der 90er üblich war, eine Mischung aus mehreren Originalveröffentlichungen zu präsentieren – was aus heutiger Sicht ein Ärgernis ist – können wir uns glücklich schätzen, überhaupt zwei schmale Bände in Übersetzung vorliegen zu haben, denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein deutscher Verlag jemals wieder etwas von Aickman veröffentlicht, tendiert schändlicherweise gegen Null.

“Das Hospiz” ist wohl eine von Aickmans wichtigsten Geschichten. Auf relativ wenigen Seiten legt er Fragen des Übergangs, der Identität und des Handelns auf den Tisch. Die Veränderlichkeit der Wahrnehmung, das dünne Furnier von Loyalität und Sicherheit. Aickmans Arbeit stellt oft eine wichtige These der ganzen unheimlichen Literatur vor: Das Leben ist viel seltsamer, als wir annehmen. Er fragt oft, was wissen wir eigentlich? Die Antwort kann nur immer die gleiche sein: Nichts, und möglicherweise noch weniger.

Man liest diese Geschichte sechs oder sieben Mal (vielleicht auch öfter), und kommt immer noch nicht dahinter. Das aber ist genau das, was sie beabsichtigt. Die besten Geschichten sind jene, die ins Unterbewusstsein kriechen und flüstern und rätselhaft bleiben. Sie führen uns in die Dunkelheit und lassen uns dort allein. Vielleicht finden wir wieder heraus, vielleicht auch nicht. Viele Geschichten von Kafka funktionieren so, viele von Cortàzar tun es ebenfalls – und natürlich die meisten von Aickman. Aber Aickman ist keineswegs ein Avantgardist, der krude Rätsel für seine Leser zusammenspinnt. Das Hospiz ist in einer einfachen Sprache gehalten, fast flach, mit einem Minimum an Erschütterung und Bewegung: Ein Reisender verirrt sich auf einer Straße irgendwo in den West Midlands, kommt durch eine Siedlung, die aussieht wie im 19. Jahrhundert, mit hohen Bäumen und einsamen Häusern, sieht das Hinweisschild, das gutes Essen und andere Annehmlichkeiten verspricht, außerdem hat er fast kein Benzin mehr. Zu allem Überfluss wird er auch noch von etwas, das eine Katze gewesen sein könnte, ins Bein gebissen, als er kurz aussteigt, um sich grob zu orientieren. Diese Biss, der sich vielleicht entzünden könnte, spielt im weiteren Verlauf nur die Rolle, dass er da ist und schmerzt. Das ist die erste Irreführung der Erwartungshaltung.

Im Hospiz wird er freundlich aufgenommen und kommt gerade richtig, um am Abendessen teilzunehmen. Die Schilderungen und Geschehnisse sind immer nur knapp neben einer gewohnten und erwarteten Reaktion, einer bekannten und nachvollziehbaren Szenerie, aber sie treffen niemals das Bekannte, das jemals Erlebte.

Ihm wird also das Essen in mehren Gängen serviert, die exorbitant sind, gewaltig und unbezwingbar – und damit beginnt ein merkwürdiger Reigen, der sich zwar niemals ins Groteske zieht, aber einiges aus der Atmosphäre des Theater des Absurden schöpft.

Sexualisierte Metafiktion

Ein weiteres Beispiel einer Geschichte, die ihre Kraft durch das Wiederlesen erst entfaltet, ist “Ravissante” (französisch für bezaubernd oder hinreißend). Gleichzeitig ist diese faszinierende Erzählung eine von Aickmans Ungewöhnlichsten, die durchaus ins Perverse abdriftet. Der für Aickman typische introvertierte Erzähler macht auf einer Cocktailparty die Bekanntschaft eines Malers. Ein spröder und unnahbarer Mann, in seinem Auftreten eher enttäuschend, aber ein Maler mit einer gewissen Ausdruckskraft. Seine Frau ist noch kühler und uninteressanter, nur die Karikatur einer Frau, die fast nie etwas sagt. Der Maler stirbt und hinterlässt dem Erzähler sein gesamtes künstlerisches Schaffen, von dem er nur ein Gemälde und einen Stapel Briefe und Schriften behält. Was er nicht nimmt, wird von der Witwe verbrannt.

Die eigentliche Erzählung beginnt, als der Erzähler eines dieser Papiere liest, das den Aufenthalt des Malers in Belgien dokumentiert. Der Inhalt bezeugt den Besuch bei der steinalten Witwe eines symbolistischen Malers. Es ist offensichtlich, dass dieses Haus, in dem Madame A. lebt, auf einer anderen Realitätsebene existiert. Die Witwe selbst ist herrisch, das Haus schwach beleuchtet, und die Realität scheint einen unangenehmen, fließenden oder verschwommenen Aspekt anzunehmen. Madames Ausführungen sind merkwürdig und beklemmend, und als auch noch ein geisterhafter Pudel mit Spinnenbeinen durch den Raum streift, zieht Aickman die Schrauben des Unheimlichen an.

Der Aufenthalt des Malers wird von Mal zu Mal bizarrer und erreicht seinen befremdlichen Höhepunkt, als Madame ihn einlädt, die Kleidung von Crysothème, der abwesenden Stieftochter, zu berühren und zu untersuchen, indem sie ihm Befehle gibt, darauf zu knien, darauf zu treten und die Wäsche zu küssen. Der Maler gehorcht jedem dieser unmöglichen Schritte. Diese psychosexuelle, fetischistische  Auseinandersetzung mit Chrysothèmes Kleidung gipfelt in der Einladung, eine Truhe voller Unterwäsche zu öffnen. Wiederum, sowohl von Madames Befehlen als auch von seinem eigenen Drang getrieben, gehorcht er und erklärt, dass der Duft berauschend war. Verloren in dieser Träumerei, vergisst er die Zeit, bis er bemerkt, dass ihm kalt ist und er seinen Geruchssinn verloren hat. Als er auch noch ein Bild an der Wand entdeckt, das er selbst gemalt hat, hat er genug und flieht aus dem Haus. Auf dem Weg nach draußen folgt ihm die Madame mit einer Schere und fleht ihn an, ihr eine Haarlocke als Souvenir zu geben.

Die Geschichte endet mit der Erosion des Glaubens an eine materielle Realität. Aickman listet diffuse Symbole und Manifestationen auf, die er auch in der Erzählung verwendet. Der Maler zweifelt an allem, was er bei Madame erlebt hat und ruft damit auch die Zweifel des Lesers hervor. Die mögliche Erklärung für all dies ist die klassische freudsche Trinität von Ich, Über-Ich und Es; mehr oder weniger tritt der Maler in die Substanz seines eigenen Bewusstseins ein, wörtlich und bildlich. Das entspricht Aickmans Vorstellung von einer gelungenen Gespenstergeschichte, nämlich dass der Autor das Unterbewusstsein für poetische Zwecke nutzen sollte. Dennoch befriedigt diese Erklärung – wie bei vielen Aickman-Geschichten – nicht, oder genauer: Aickmans Geschichten gehen über dieses vereinfachte System hinaus.

Der umgekehrte Succubus

Das Thema, das sich durch “Ravissante” zieht, ist das des Künstlers, der sich von seinen eigenen kreativen Prozessen entfremdet fühlt. Der fragliche Maler glaubt, dass sein Werk von “jemand anderem” stammt. Das wäre dann ein Beispiel für Inspiration als Besitz. Betrachtet man die Geschichte unter diesem Aspekt, wird sie metafiktional. Unser Maler kommt durch einen schattigen und fleischigen ontologischen Tunnel zu einem Haus, der seinen eigenen Geist repräsentiert. Dort wird er an die Quelle seiner eigenen Inspiration herangeführt. Der Muse selbst kann er allerdings nicht persönlich begegnen. An diesem Punkt ist er von dieser Quelle auf eine ziemlich unheimliche, onanistische Weise besessen. Obwohl es sich um einen Besitz handelt, der durch gebrauchte Gegenstände vermittelt wird – nämlich durch Kleidung, die auf seltsame Art und Weise als Substitut benutzt wird – handelt es sich nach wie vor um einen fruchtbaren Besitz. Chrysothème ist nicht so sehr ein Sukkubus, der Energie entzieht, sondern – paradoxerweise – ein weiblicher Inkubus, der Energie liefert. Sie ist ein abwesender Inkubus, aber dennoch ein Inkubus.

Diese beiden Beispiele sind unvollständig in ihrer kurzen Analyse, die im Grunde nur dazu dienlich ist, sich der Faszination von Aickmans strange stories auszuliefern, sie so rar auf uns gekommen sind und die mehr Aufmerksamkeit verdienen, weil sie zur Basis jeden Verständnisses über die moderne Weird Fiction gehören, ohne deren Kenntnis ein schrecklich großer Teil für immer fehlen wird.

Peter Straubs “Esswood House”

Peter Straub kennt sich nicht nur im Jazz gut aus, sondern auch in der Literatur. So wundert es nicht, dass sein Werk vor Referenzen geradezu wimmelt. Einem unbedarften Leser macht das nichts aus, weil er gar nicht weiß, über was er gerade hinweggelesen hat, für alle anderen ist diese Art der Rhizomatik ein Gewinn. Straub macht keinen Hehl daraus, sich seine Denkanstöße aus der Literatur zu holen, die er bewundert und die ihn dann zu eigenen Werken inspirieren.

Im vorliegenden Fall war der Auslöser ein Vorwort, das Straub zu Robert Aickmans The Wine Dark Sea verfassen sollte. Aickmans Titel ist dabei selbst bereits ein Homer-Zitat. Vermutlich war von Straub zunächst gar nicht intendiert, Esswood House wie Aickman klingen zu lassen, aber das in dieser Sammlung Gelesene hat ihn lange und anhaltend verfolgt, und so ist es kein Wunder, dass Straubs eigentliche Stärke, die ansonsten in seiner Originalität liegt, hier Platz macht für eine fremdgeführte Hand. Nur selten jedoch wird hier Aickmans ungeheuerliche Stärke auf dem Gebiet des diffusen Horrors erreicht. Liest man das Buch allerdings weder in der Hoffnung, Aickman zu finden, noch den gewohnten Straub, ist es ein außerordentlicher Gewinn.

Esswood House ist die Geschichte des College-Professors William Standish, der in einem Dreieck aus Enttäuschungen gefangen ist: da wäre erstens die Enttäuschung über das Dasein als Lehrer an einer zweitrangigen Highschool, zweitens die Enttäuschung über seine Frau, die eine Affäre hat, und schließlich die Enttäuschung über sich selbst, weil es ihm nicht gelingt, die für seinen Berufsstand notwendigen kritischen Essays zu verfassen. Als er gerade dem Druck, der auf seinem Leben lastet, zu erliegen droht, bekommt er eines der begehrten Stipendien in einem englischen Herrenhaus, genannt Esswood, das der Familie Seneschal gehört. (Interessant an diesem Namen ist die Tatsache, dass “Seneschall” die mittelalterliche Bezeichnung für einen Haushofmeister ist, der damals für die Betreuung eines Anwesens verantwortlich war. In gewissem Sinne sind die Seneschalls der Erzählung auch die Verwalter der unglaublichen Bibliothek, die sich schließlich als das Herz der Geschichte ausmachen lässt. Den einzigen Menschen, denen Standish im Haus begegnet sind dann tatsächlich die Haushälterin und der Hausmeister der Bibliothek, beide also Verwalter des Hauses. Das aber nur am Rande.)

Dieses Herrenhaus, in das nur wenige Wissenschaftler jemals eingeladen worden sind, steht im Ruf, eine Bibliothek voller persönlicher Schriften großer und nicht ganz so großer Autoren zu beherbergen, die Zeit auf dem Anwesen verbracht hatten. Für Standish bedeutet das, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: a), eine dringende Pause von den Strapazen seiner Ehe zu nehmen, und b), in den persönlichen Papieren seiner Stiefgroßmutter Isobel Standish forschen zu können, einer kleinen Dichterin des 20. Jahrhunderts, deren einzige veröffentlichte Arbeit, Crack, Whack and Wheel, sich mithilfe einer dekonstruierten Sprache so in die Macht der Worte vertieft, dass nur noch die Essenz des Sagbaren übrig bleibt. (Vielleicht am ehesten mit unserer Konkreten Poesie zu vergleichen). Letztlich plant er eine Reihe von Essays und Bücher über dieses Thema und verspricht sich davon die Rettung seiner Karriere.

Dies ist die Geschichte einer physischen wie psychischen Reise. An der Oberfläche ist es eine ganz gewöhnliche Forschungsreise, unter dieser allerdings liegt die Unterströmung des sich verändernden Bewusstseinszustands des Protagonisten. Von Anfang an ist offensichtlich, dass Standish mit seinem Leben unglücklich ist. Der Erzähler spart dann auch nicht mit Anspielungen auf Ereignisse in dessen Vergangenheit. Im Laufe der Geschichte werden diese Bezüge bis zu einem gewissen Grad ausgestaltet, wobei man immer mehr beginnt, die Zuverlässigkeit des Erzählers hinsichtlich der Abwärtsspirale der geistigen Gesundheit in Frage zu stellen. Die eigentliche Einsicht kommt jedoch ziemlich spät, gegen Ende der Geschichte, weil Straub es geschickt einfädelt, dem Leser glauben zu machen, er läse eine dunkle und beunruhigende Geistergeschichte. Nach Beendigung des Buches und im Rückblick auf alle Hinweise, können die Beschreibungen Standishs leicht als die Verquickungen eines von Größenwahn und Wahnvorstellungen geplagten Menschen gesehen werden. Am Ende wird Standish selbst das Monster, das er wahrnimmt, zerstört nicht nur sich selbst, sondern auch etwas Altes und Schönes. Aus der Zerstörung erhebt sich die Schöpfung, aus der Dekonstruktion die Essenz des Lebens, auch wenn dieses Leben in sein Gegenteil verkehrt und aus purem Bösen gewirkt wurde.

Eine kürzere Version von Esswood House (Mrs. God) erschien ursprünglich in der Sammlung Haus ohne Türen (1990).

Stephen King: Feuerkind

Als Firestarter (Feuerkind) im Jahre 1980 veröffentlicht wurde, war Stephen King bereits ein echtes Phänomen. Er lebte in seinem berühmten Herrenhaus in Bangor, Maine, verdiente mehr Geld als er ausgeben konnte und sein neuer Vertrag mit New American Library war ein echter Glücksfall. Sie behandelten ihn dort besser als jemals bei Doubleday, aber was wirklich zählte: sie verstanden es besser, seine Bücher zu verkaufen. Ob es an seinem massiven Alkoholkonsum liegen mochte, oder an seiner neu hinzugewonnenen Kokainsucht; die Bücher, die er in dieser Periode seines Schaffens schrieb gehören zum dunkelsten und gemeinsten, aber auch zu den weniger umfangreichen Romanen seiner Karriere. Außerdem enthüllten sie eine wesentliche Tatsache über King: er schrieb überhaupt keinen Horror.

Bill Thompson, der Herausgeber von Doubleday, der King entdeckt hatte, hatte sich noch Sorgen gemacht, dass King als Horrorschriftsteller eingestuft werden würde, als dieser ihm Salem’s Lot vorgelegt hatte – und wieder, als King ihm die Handlung von Shining erzählte. „Zuerst das telekinetische Mädchen, dann die Vampire, jetzt das Spukhotel mit dem telepathischen Kind. Du wirst gebrandmarkt sein,“ hatte er angeblich gesagt. Für Doubleday war Horror schmierig und sie arbeiteten mit King nur widerwillig. Die Bücher wurden billig gedruckt, hatten armselige Cover, und die hohen Herren konnten sich nicht mal an seinen Namen erinnern, so dass sich Thompson wieder und wieder in der Rolle wiederfand, King, der ihnen allen ihr Urlaubsgeld einbrachte, im eigenen Hause publik zu machen.

New American Library hingegen war ein Taschenbuchverlag, der die Macht der Genreliteratur verstand. Sie investierten erheblich mehr in Kings Karriere als es Doubledy je getan hatte. Für Doubleday war King eine Überraschung, für New American Library war er eine Marke.

Gibt es aber über das Marketing hinaus etwas, das King als Horrorschriftsteller auszeichnet? Sieht man sich heute seine frühen Bücher an – Dead Zone (ein Mann plant ein politisches Attentat), Feuerkind (Vater und Tochter auf der Flucht vor der Regierung), und Cujo (tollwütiger Hund stellt Frau und Kind in einem Auto), dann kommt man zu der Erkenntnis, dass ohne Horror-Boom, der sich diese Titel einverleibte, ohne die Marke „King-Horror“, die auf die Cover gedruckt wurden, heute diese Bücher eher als Thriller verkauft werden würden. King selbst behauptete, er schriebe Spannungsromane. Kurz bevor Feuerkind veröffentlicht wurde, gab er dem Minnesota Star ein Interview, in dem er sagte:

„Ich sehe den Horrorroman als nur einen Raum in einem sehr großen Haus, das man als Spannungsroman kennt. Dieses besondere Haus schließt solche Klassiker wie Hemingways Der alte Mann und das Meer und Hawthornes Der scharlachrote Buchstabe mit ein.“

Und natürlich seine eigenen Bücher.

In einem anderen Interview sagte King:

„Die einzigen meiner Bücher, die ich für unverfälschten Horror halte sind Brennen muss Salem, Shining, und jetzt Christine, weil sie keine rationale Erklärung für all die übernatürlichen Geschehnisse anbieten. Carrie, Dead Zone, und Feuerkind haben mehr mit der Science Fiction- Tradition zu tun … The Stand wiederum steht mit je einem Bein in beiden Lagern …“

Warum also greift das Horror-Etikett?

King schreibt über Menschen in Extremsituationen, deren Gefühle von Angst, Schmerz und Hilflosigkeit dominiert werden, die dunkel und drohend selbst dann durchscheinen, wenn noch gar nichts passiert ist. Er ist ein Meister, wenn es darum geht, die Spannung aufrecht zu erhalten. Er verwendet viel Zeit auf die Beschreibung des menschlichen Körpers, verweilt bei den physischen Details der Unvollkommenheit und des Verfalls (Altersflecken, Verwachsungen, Akne, Narben), wie er auch die Körperlichkeit an sich feiert (Sex, Erektionen). Seine Charakterzeichnungen sind mit breiten Strichen gesetzt, im Zentrum stehen meist die körperlichen Makel (Schuppen, Glatzen, schlechte Haut, Fettleibigkeit, Magersucht), was viele seiner Figuren ins Groteske verzerrt. King schreibt viel über Kinder und Jugendliche, seine Hauptfiguren sind in der Mehrzahl attraktiv.

Es sind diese intensiven Szenen, bestehend aus Sex und Gewalt, den attraktiven Hauptfiguren, und die Betonung der Angst und Spannung, die sein Publikum an den Horrorfilm erinnert, wo Sex, Gewalt, Jugend und Angst sich in der Regel tummeln. Als King seine erfolgreichste Phase hatte, boomte auch der Horrorfilm (1973 – 1986 war die goldene Ära der amerikanischen Horrorfilme), und es ist nicht schwer, das eine mit dem anderen in Verbindung zu bringen. Der Vergleich von Kings Werken mit Filmen ist das, worauf es Kritiker von Anfang an angelegt hatten, und King selbst betonte oft genug, dass er ein extrem visueller Schriftsteller sei, der nicht in der Lage ist, zu schreiben, bevor er nicht die Szene im Kopf hat. Die öffentliche Meinung, King sei ein Horrorschriftsteller, wurde durch die Verfilmungen von Carrie und Shining noch zementiert. Wenn etwas also als „Horror“ vermarktet wird, wenn es die Leute an „Horror“ erinnert, und wenn der Autor kein Problem damit hat, als Horrorschriftsteller zu gelten, dann ist es Horror. Obwohl King darauf hinweist, dass Science Fiction ein besseres Label für seine Arbeiten wäre.

Feuerkind ist eines der Bücher von King, wo das Label Science Fiction hervorragend passt. Der Roman wurde als Verfilmung ein Flop und seitdem hat sich das Interesse an Firestarter im Laufe der Zeit getrübt. Das ist nur eins von vielen Beispielen, wo ein mieser Film ein gutes Buch quasi ruiniert.

1976 begonnen, gab King das Buch zunächst auf, weil es ihn zu stark an Carrie erinnerte. Der Hauptcharakter war ein Ebenbild seiner zehnjährigen Tochter Naomi. King war zunächst fasziniert von Pyrokinese und dann von einer Figur wie Carrie White, die ihre psychischen Kräfte an ihre Tochter weitergegeben hatte.

Das Buch liest sich wie eine paranoide, politisch linke Phantasie auf Amphetaminen, die mit der zehnjährigen Charlie McGee und ihrem Vater Andy beginnt. Sie befinden sich auf der Flucht vor einer Regierungsorganisation, die sich „Die Firma“ (The Shop) nennt. Andy und seine Frau hatten in den 60ern an einem Regierungsexperiment teilgenommen, bei dem ihnen die LSD-artige Substanz Lot 6 verabreicht wurde. Die Droge aktivierte ihre latent vorhandenen psychischen Kräfte, die an Charlie weitervererbt wurden. Ihr ist es möglich, allein durch ihre Gedanken, Feuer zu legen, was ihr aber von ihren Eltern als eine böse Sache verboten wurde. Charlies Mutter wurde von der Firma getötet, und Andy hat nur die Fähigkeit, den Geist anderer zu kontrollieren, was allerdings jedes mal, wenn er seine Fähigkeit anwendet, Schäden an seinem Gehirn zurücklässt.

In die Enge getrieben überredet Andy Charlie, ihre Kräfte von der Leine zu lassen und sie lässt eine friedlich gelegene Farm in einem Inferno untergehen und tötet dabei Dutzende von Agenten auf ihrer Flucht. Ein paar Monate später werden sie von dem Auftragskiller John Rainbird gefangen genommen. Das letzte Drittel des Buches ist eine Chronik dieser Gefangenschaft, wo Rainbird ein Psychospiel mit Charlie beginnt, indem er sich anfangs als einfache Ordonanz ausgibt, um sich mit ihr anzufreunden und ihre Kooperation für die Firma erlangt. Von seiner Tochter getrennt mutiert Andy zu einem übergewichtigen Pillensüchtigen. Alles endet in einer Scheune, wo Charlie Rainbirds Spiel durchschaut und den Tod ihres Vaters mitansehen muss.

Das klingt nach einer einfachen Geschichte, aber zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere feuert King aus allen Rohren, und so ist sie alles andere als das. Voller Handlungsabläufe, die derart lebendig beschrieben sind, dass sie an verschiedenen Stellen in surrealistische Poesie übergehen (explodierende Hühner rennen umher, Wachhunde werden verrückt vor Hitze und wenden sich gegen ihre Halter), ist der Roman gespickt mit subjektiven Eindrücken der Figuren, die sich in fast schon wahnwitzig lyrischen Ergüssen äußern. King wurde vorgeworfen, er würde sich vor Sexszenen scheuen (Peter Straub sagte einmal: „Stevie hat Sex bisher noch nicht entdeckt.“), aber in Feuerkind ist die grundlegende Geschichte die von Charlies sexuellem Erwachen.

Es gibt nur wenige Dinge, die kraftvoller sind als die Beziehung zwischen Vätern und Töchtern, die Popkultur hat enorm viel Aufwand betrieben, das Unbehagen der Väter angesichts der Sexualität ihrer Töchter zu thematisieren, angefangen von der Kontrolle, die Väter über den Kleidungsstil ihrer Töchter ausüben wollen. Zu Beginn des Buches ist Charlie ein kleines Mädchen, die an der Hand ihres Vaters spaziert und nicht weiß, was sie zu tun hat. Am Ende des Buches ist ihr Vater tot. Zwar kann sie ihre pyrokinetische Fähigkeit noch nicht voll kontrollieren, die aber ist wesentlich stärker als irgendjemand angenommen hatte, und sie befindet sich auf dem Weg nach New York, um ihre Geschichte zu erzählen.

Sexualität und Feuer sind linguistische Zwillinge („Brennende Leidenschaft“, „Das Feuer der Begierde“, „Glimmende Augen“) und es ist ein Freudianischer Witz, dass sie von ihren Eltern das Verbot bekommt, die „böse Sache“ zu tun. Schnell verwandeln sich diese Stellen von Subtext in Blanktext, dann nämlich, wenn Rainbird sich ihr widmet, um „ihre Verteidigung zu durchdringen“, sie „wie einen Safe zu knacken“ und um sie zu töten, während er ihr tief in die Augen schaut.

„Es ist eine sexuelle Beziehung“, sagte King später über diese beiden Figuren in einem Interview. „Ich wollte das Thema eigentlich nur streifen, aber es macht den Konflikt nur noch monströser.“

Als ihre Hemmungen fallen, ihre Fähigkeit einzusetzen, genießt Charlie ihre neuentdeckte Stärke, die ihr besondere Privilegien einbringt und sie zum Mittelpunkt eines jeden Mannes im Buch macht. Wiederholt wird darauf hingewiesen, dass, wenn sie ihre Kräfte nicht zu beherrschen lernt, sie die Welt zerstören könnte; ein Klischee über die weibliche Sexualität (wenn sie einmal anfangen, hören sie nicht mehr auf). Als Charlies Sexualität mehr und mehr erwacht und eindeutiger wird (sie hat sogar Träume, in denen sie nackt auf einem Pferd zu John Rainbird reitet), werden auch die heimlichen Wünsche der Männer, die Kontrolle über sie ausüben, selbstzerstörerischer. Andy versucht einen letzten Ausbruch mit Hilfe seiner Gabe, was aber im Unterbewusstsein der Opfer ihre geheimen Obsessionen entfesselt und sich in Selbstzerstörung äußert. Für Dr. Pynchot, dem zuständigen Psychiater von Charlie und Andy äußert sich das Verdrängte in Form eines Missbrauchs, den er einst durch Kommilitonen erleiden musste. Seine Besessenheit betrifft den „Vulva-ähnlichen“ Abfallzerkleinerer. Er kleidet sich mit der Unterwäsche seiner Frau und tötet sich, indem er die Hand hineinsteckt, während er läuft. Der Kopf der Organisation, Cap Hollister wird von eingebildeten, glitschigen Schlangen heimgesucht, die überall auf ihn warten, um ihn zu beißen.

Eines der stärksten Bilder des Buches ist Charlie, wie sie vor der brennenden Scheune steht, nachdem die Wildpferde durch die Holzwände gebrochen sind, ringsherum die verwüsteten Utensilien der Armee, ihr toter Vater hinter ihr, grenzenlose Freiheit vor sich. Ein kraftvolles und kitschiges Bild von einer jungen Frau und ihrem sexuellen Erwachen. Weit entfernt davon, lächerlich zu sein. Feuerkind war das mittlere seines „Werk-Trios“ zu dieser Zeit, bestehend aus Dead Zone, Feuerkind und Cujo. Für welches man sich auch entscheiden will: zu diesem Zeitpunkt ahnte die Welt noch nichts von Cujo

Dennis Etchison: Metahorror

Dennis Etchison tut gut daran, in seinem erfrischenden Vorwort die herausragende Rolle der kurzen Erzählung für den phantastischen Literaturbereich herauszuheben und merkt an, dass die Tendenz der Leser zum Roman eher plakativ und verlags-, das heißt marktgewollt ist. Tatsächlich sind Romane meist breitgewalzte, vormals gute Ideen – oder es sind mehrere Kurzgeschichten, die aneinandergekettet und hingepuzzelt werden.

Etchison lässt Tennessee Williams zu Wort kommen: Es kommt auf die Konzentration an. Das Furchtbare muss komprimiert dargestellt werden. Das hatte ähnlich bereits Edgar Poe gefordert und erläutert das in seinem hervorragenden Essays “The Poetic Principle” und “The Philosophy of Composition” mit der Einheitlichkeit des Effekts:

“Und es liegt auf der Hand, dass solche Einheitlichkeit nimmermehr durchgehalten werden kann in Werken, welche nicht in einem Zuge zu Ende gelesen werden können.”

Wie man auch immer heutzutage dazu Stellung bezieht, steht es für mich außer Frage, dass eine Kurzgeschichte das wahre Talent nicht verbergen kann, dass sie die Paradedisziplin der ganzen Literatur darstellt, was nicht automatisch bedeutet, dass es keine Romane gibt, die es zu lesen lohnt.

Hier haben wir eine Anthologie vor uns, deren Herausgeber also Dennis Etchison ist, bei uns – wie sollte es anders sein – relativ unbekannt, auffällig geworden höchstens durch Blut & Küsse (1990). Hier hat er also 21 Storys zusammengetragen, die die phantastische Literatur zu diesem Zeitpunkt (1992) repräsentieren.

1. Teil : Etwas ist geschehen

1. The Blues and the Abstract Truth ist ein Jazz-Album von Oliver Nelson aus dem Jahre 1961. Desweiteren ist es der Titel einer Story von Barry N. Malzberg, die er zusammen mit Jack Dann geschrieben hat. Beide Autoren sind mehr im Science-Fiction-Bereich tätig als in der phantastischen Literatur, dort aber sehr erfolgreich.
Von welchem der beiden Autoren nun die Jazz-Verweise in dieser kurzen Geschichte (dt. “Melancholie und die abstrakte Wahrheit“) ausgehen, ist leicht zu entdecken. In einem Interview von 2002 sagte Malzberg:

“Wenn Sie mich fragen, was ich liebe, werde ich antworten: Science Fiction. Ich denke, Science Fiction ist, gemeinsam mit Jazz, Amerikas großer Beitrag zur Weltkultur, genauso groß wie Jazz, genauso verschwenderisch und genauso wunderbar.”

Man könnte sagen, Melancholie gibt es, weil die Zeit vergeht und mit ihr die Dinge, die nur in unserer Erinnerung verbleiben. Wir könnten sagen, die abstrakte Wahrheit ist das, was wir erfahren, wenn wir plötzlich wissen, wo wir im Leben landen werden, der Riss, der uns in die Zukunft wirft. Anders: Malzberg & Dann sprechen Dich an. Sie sprechen natürlich auch Mich an. Zumindest fühle ich mich ertappt. Ein bisschen vielleicht.

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2. Die folgende Erzählung würde ich als Midlife-Crisis-Horror bezeichnen. Sie  bedient sich (wie die erste Story in Teilen auch) der eigenwilligen Erzählhaltung des “Du” (Zweite Person).
Dreimal nominiert für den Bram Stoker Award in der Kategorie “Short Story” als Autor, und viermal für den Hugo Award als Herausgeber, hat Scott Edelmann mehr als 75 Kurzgeschichten verfasst, die in Magazinen wie “Twilight Zone” erschienen sind und deren Auflistung hier zu nichts führen würde, weil sie bei uns völlig unbekannt sind. Bekannter hingegen sind seine Arbeiten für Marvel Comics wie Captain America oder X-Men.

Die Geschichte, um die es hier geht, heißt “Are you now?” (dt. “Sind Sie oder waren Sie?“), ein starkes, literarisches Stück, das in der McCarthy-Ära positioniert ist und in jedem Satz Anspielungen enthält, die man nicht ohne weiteres versteht, wenn man nicht genau weiß, um was es da ging. Hierzulande dürfte die Kenntnis über diese dunkle amerikanische Zeit, in der sich Freund gegen Freund wendete und viele Künstler zum Schweigen gebracht wurden – alles unter dem Banner der Hetzjagd gegen Kommunisten in den USA – noch viel weniger im Gedächtnis präsent sein als in den Staaten selbst. Scott Edelman vergrub sich in Bücher über jene Zeit und beschäftigte sich mit den Anhörungen, in denen sehr oft die ominöse Frage “Are Yo Now?” auftauchte (was in der deutschen Übersetzung ohne Fußnote kaum einen Sinn ergibt.)

3. Lawrence Watt-Evans ist bekannt für seine Fantasy-Sagas wie die “Die Herren von Dus”. Da ich derartige Literatur kaum lese, kann ich dazu nichts sagen. Für die phantastische Literatur ist möglicherweise “The Nightmare People” interessant, das aber nicht in Übersetzung erhältlich ist.
In der von James Turner herausgegebenen Sammlung “Spur der Schatten. Neue Geschichten aus dem Cthulu-Mythos” (Bastei/Lübbe) taucht Watt-Evans mit der Verwurstelung von Lovecrafts “Pickman’s Modell” unter dem Titel “Pickman’s Modem” auf. In “Metahorror” bleibt “Stab” (dt. “Ein Stich“) eine der schwächeren Geschichten um einen Mörder, der mit seinem in jungen Jahren ausgeführten Todesstich davongekommen ist und ihn nicht vergessen kann.

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4. Auch Richard Matheson hat eine sehr knappe Erzählung beigesteuert, “Mutilator” (dt.”Verstümmler“) genannt. Seine Arbeiten seit “I am Legend” sind mehr oder weniger durchwachsen. Er legte stets mehr Wert darauf, mit dem Strom zu schwimmen, was ihn auf den Science Fiction-Boom der 50er Jahre aufspringen ließ und schließlich auch zum Film brachte (unter anderem schrieb er die Star Trek Folge “The Enemy Within (1966).
Anne Rice konstatierte Mathesons Novelle “A Dress of White Silk” als frühen Einfluss, durch den sie auf phantastische Literatur überhaupt aufmerksam wurde. Und Steven Spielberg steckt ihn in einen Topf mit Bradbury und Asimov.
Wie dem auch sei, “Verstümmler” hätte sich Etchison für diese Anthologie sparen können.

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5. Die hochdotierte Autorin Joyce Carol Oates, die aus irgendeinem Grund den Literaturnobelpreis noch nicht gewonnen hat, hat mit “Martyrdom” eine harte Geschichte geschrieben, die auch von Jack Ketchum stammen könnte, wäre er ein besserer Autor. Die Erzählung trifft hervorragend die Definition von Oates Auffassung einer Horror-Geschichte:

“Sie besitzt immer eine stumpfe Körperlichkeit, die keine erkenntnistheoretische Exegese auzutreiben vermag.”

Und:

“Wir sind gezwungen, sie schnell zu lesen, mit einem steigenden Gefühl des Schreckens.”

Dieser “Schrecken” kommt in Form zweier parallel verlaufender Erzählstränge, die am Ende aufeinander treffen.
Im ersten wird mit dem simulierten, dumpfen Bewusstsein einer Ratte die Jagt auf diese Spezies, die Folter im Labor usw. dargestellt. Im zweiten geht es um eine junge Frau, die von Geburt an nur als Lustmädchen betrachtet wird. Die Begegnung dieser beiden ist nicht nur ein symbolischer Klimax.

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6. Kim Antieau hat mit “Briar Rose” (dt. “Heckenrose“) ein poetisches Stück geschaffen. Einer Parabel gleich wird einer jungen Frau, die ihre Erinnerung verloren hat, diese von einem mysteriösen Tätowierer auf die Haut gestochen. Gleichermaßen zeigt diese Geschichte eine Katharsis auf, als die über und über tätowierte Frau ihre schmerzhaften Erinnerungen an ihr Leben in Form ihrer Haut wieder verliert. Auch sie hat einige Beiträge zu “Twilight Zone” geliefert, ist darüber hinaus mehr für ihre Jugendbücher (Das Leuchten der Sternschnuppen) bekannt.

2. Teil : Noch lange hin bis zum Morgen

7. Höchstwahrscheinlich machte Lisa Tuttle‘s Kolaboration mit George R.R. Martin ihren Namen auch hierzulande bekannt (Sturm über Windhaven), wobei auch noch die Sammlung “A Nest of Nightmares” (dt. “Ein Netz aus Angst” – die Übersetzung zeigt sehr gut, wie unglücklich Verlage diesbezüglich agieren), zu erwähnen ist. Die Geschichte “Replacements” (dt. “Ersatz“) ist in dieser Sammlung allerdings nicht enthalten.
Tuttle, die eine bekannte Feministin und Herausgeberin des Sachbuchs “Encyclopedia of Feminism” ist, arbeitet in ihrem ganzen Werk vornehmlich mit starken Frauenfiguren.
In “Ersatz” geht es vornehmlich um die Unsicherheit eines Ehemanns, als seine Frau ihre Unabhängigkeit durch ein blutsaugendes Haustier stärkt. Tuttle sagte in einem Interview (Fantastic Metropolis):

“Das war meine erste Post-Natal-Story. Meine Tochter war gerade sieben Monate alt und ich musste mich in irgendeiner Weise mit meiner Mutterschaft beschäftigen. Denken Sie jetzt, was Sie wollen.”

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Ich selbst bin stets angetan von merkwürdigen Bildern. Ob es sich nun um “Das ovale Portrait” von Edgar Poe handelt, “Das Bild im Haus” von Lovecraft oder selbstverständlich um “Das Bildnis des Dorian Gray” von Oscar Wilde, bei dem man nur bedauern kann, dass er nur diesen einen Roman geschrieben hat.

8. Donald R. Burleson hat mit “Ziggles” ebenfalls dieses Thema aufgegriffen, zumindest am Rande (und nicht besonders originell). Ziggles ist der Name einer Bleistiftzeichnung, die zunächst zusätzlich auf Bilderrätseln auftaucht, um dann irgendwann – Überraschung! – lebendig zu werden.
Burleson ist Autor einer Lovecraft-Studie, in denen er 13 Geschichten mit Hilfe dekonstruktiver Methoden untersucht, taucht in die faszinierenden ethymologischen Labyrinthe ein, benennt die reichlichen Unklarheiten und die unterschiedlichen Bedeutungsebenen. Aber das wäre dann ein anderes Kapitel.

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9. Ramsey Campbell fehlt fast in keiner Anthologie. Und deshalb natürlich auch nicht in dieser. Obwohl er als Lovecraft-Epigone anfing, gelang es ihm im Laufe der Zeit, eine eigene Handschrift zu entwickeln.
“End of the Line” (dt.”Am anderen Ende“) soll wohl etwas Humor transportieren, was aber bleibt, ist das recht chaotisches Surrogat einer möglichen Erzählung.

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10. Auch Karl Edward Wagner ließ sich von einem großen der “Weird Tales”- Fraktion inspirieren, nämlich von Robert E. Howard, und das gleich derart präzise, dass er sich Howards Figur Kane einfach aneignete und auch die Finger von Conan nicht lassen konnte. In den 70er und 80er Jahren galt Wagner als eines der herausragenden Talente der Phantastik, bevor er in den Alkoholismus abrutsche und schließlich dieser Sucht zum Opfer fiel. Did They Get You To Trade? (dt. “Tote sind das einzig Wahre“) ist durch diesen Hintergrund nahezu kryptobiographisch zu lesen. Es ist das Portrait eines alternden Punkrockers, der weiß, dass er seine Zeit überlebt hat.

“Jeder Künstler hat etwas in sich – etwas Einmaliges, Erstklassiges -, das er geben kann. Manche haben mehr, manche weniger; aber es ist immer nur eine begrenzte Menge.”

Diese Geschichte bekommt in Anbetracht Wagners späterer Umstände eine gespenstische Note, die dem Geschriebenen erst einmal nicht zu Grunde liegt.

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11. Der als stilistischer Perfektionist bekannte Science-Fiction-Autor M. John Harrison ist mit einer sehr rätselhaften und schier unergründlichen Erzählung vertreten, die “Gifco” überschrieben ist. Was Gifco ist, bleibt genauso im Schatten der Buchstaben hängen wie die ganze Geschichte. Paradox und komplex nennt das die Zeitschrift “Cemetary Dance”. Es gibt wohl wenige Autoren, denen man gerne über dreißig Seiten hinweg folgt ohne hinter den Sinn der ganzen Sache zu kommen. Gifco ist besser aufgehoben in der Sammlung “Things that never happen”, aus der sie entnommen wurde. Die Sammlung hat dabei den Vorteil, dass sie chronologisch aufgebaut ist und man die Herangehensweise und den Stil Harrisons, der aus Fixierungen und Kuriositäten besteht, so besser kennen lernen kann.

12. Als Whitley Striebers “The Wolfen” 1978 erschien, lieferte er einen Bestseller, an dem auch Hollywood nicht vorbei kam, als er in den 80er Jahren behauptete, von Aliens entführt worden zu sein und zwei Bücher darüber schrieb, erntete er selbstverständlich Spott. Man kann vieles sein oder behaupten: nichts davon hindert einen daran, ein guter Schriftsteller zu werden, ganz im Gegenteil ist Normalität eher hinderlich.
“The Properties of the Beast” (dt. “Eins mit dem Tier“) stammt von 1992 und spielt im Reich von Ken und Barbie. Nichts hindert daran, eine gute Geschichte zu erzählen, insofern man es kann. Bei Strieber bin ich mir nicht sicher.

3. Teil : Willkommener Tod

13. Thomas Tessiers “In Praise Of Folly” (dt. “Zum Lob der Narretei“) aus “Ghost Music and Other Tales” ist ein kleines makaberes Stück, das mit einem archaischen Ritus im alten Italien spielt, nur dass sich das Ganze auf amerikanischem Boden befinden, in einem verfallenen Miniaturpark nämlich. Die Geschichte ist außer in Metahorror ebenfalls in “Poe’s Children: The New  Horror” enthalten. Der Herausgeber ist kein geringerer als Peter Straub.

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14. William F. Nolan ist ähnlich wie Ramsey Campbell ein gern gesehener Gast in Anthologien (er soll in rund 200 davon vertreten sein). Er ist ein enger Freund Bradburys und wie dieser häufig mit Science Fiction beschäftigt. Bekannt wurde er durch “Logan’s Run”, der auch als Film adaptiert wurde (Flucht ins 23. Jahrhundert).
“The Visit” (dt. “Der Besuch“) dreht sich um die Befragung eines Serienkillers. Die Geschichte lebt von der Pointe des letzten Satzes.

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15. George Clayton Johnson ist der bekannte Drehbuchautor (unter anderem Co-Autor von “Flucht ins 23. Jahrhundert”) der die erste Star-Trek-Folge überhaupt geschrieben hat. Auch “Ocean’s Eleven” gehört zu seinen Werken. Interessanter sind seine Beiträge zu “Twilight Zone” und die Sammlung “All Of Us Are Dying”
“Phantastik, sagt er, “muss von etwas handeln, sonst ist sie einfach nur dumm. Es muss darin um die Menschen gehen, über die menschliche Art und Weise, muss einen anderen Blick auf die Unendlichkeit zulassen. Phantastik muss ein anderer Weg sein, das Paradoxe an unserer Existenz zu erkennen.
Johnsons Leben indes ist legendär: er wurde 1929 in einem Stall geboren. Vom Schicksal nicht gerade begünstigt, gab er seinem Leben selbst eine Form. Im Alter von 15 begann er als Schuhputzer. Später, in der Armee, war er Zeichner, und daran beteiligt, die komplizierten unterirdischen Leitungssysteme des Panamalkanal zu kartographieren. Ab den 50ern konzentrierte er sich auf die Arbeit als Schriftsteller, und das führte zu der ungeheuerlichen Geschichte eines Casino-Bankraubs in Las Vegas.
Die Erzählung “The Ring Of Truth” (dt. “Der Klang der Wahrheit“) ist in dieser typischen Twilight-Zone-Manier geschrieben, lebt daher natürlich ebenfalls von der Pointe.

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16. David Morrell ist natürlich der Vater von Rambo, von dem wirklich jeder halten darf, was er will.
“Nothing Will Hurt You” (dt. “Keiner wird dir etwas tun“) ist solide Massenkost, vor allem etwas zu dick vorgetragen hat die Story atmosphärisch nichts zu bieten. Der ‘Twist’ ist schnell durchschaut und wird so penetrant angekündigt, dass man der Meinung sein könnte, Morrell dachte wohl, der Leser würde sonst nicht begreifen, was vor sich geht. Im Grunde ein typischer Vielschreiber-Text, mit dem ich nicht viel anzufangen weiß.

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17. Die mehrfach ausgezeichneten Geschichten von Steve Rasnic Tem sind auf deutsch nie erschienen. Auch er ist ein Opfer unserer kruden Verlagslandschaft, obwohl es ihn selbst wahrscheinlich kaum stören wird. Oft wird seine Arbeit mit Ray Bradbury und Shirley Jackson verglichen, ohne jedoch epigonal zu wirken. Ganz im Gegenteil fährt Tem ein Sammelsurium auf, das gerade richtig gelegen kommt für den Kenner der ‘weird fiction’. Empfehlenswert wäre der Roman ‘Deadfall Hotel’, und wer sowieso seine Bücher in Englisch liest (was anderes bleibt ja kaum übrig), wird hier richtig bedient. “Underground” (dt. “Unter der Erde“) ist die Geschichte, in der sich die Erde, dem Meer gleich, eine Stadt zurückholt. Der Geschichte fehlt entschieden etwas an Kraft, um wirklich erstaunlich zu sein, dürfte daher kaum mehr als eine Gelegenheitsarbeit sein, betrachtet man seine anderen Arbeiten.

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18. Robert Devereaux arbeitet in “Bucky Goes To Church” (dt. “Bucky geht zur Kirche“) mit einem gedemütigten Teenager, der die halbe Stadt ausmerzt. Das ist aber nicht der Clou der Geschichte, der vielmehr darin besteht, was geschieht, nachdem er selbst von der Polizei niedergestreckt wurde. Das ist durchaus eine philosophische Überlegung wert.
Devereaux versichert, dass die Phantasie die Pflicht habe, all die bösartigen Orte so gut wie möglich zu beschreiben. Ebenso die Charaktere mit ihren Marotten, Macken und Extremen.

Die schön gemachte Ausgabe, die im Original 1992 von Donald M. Grant als Sonderedition herausgegeben wurde, besticht nicht zuletzt durch die Unterschriften aller darin enthaltener Autoren. 2009 lag der Sammlerwert gerade mal bei 79.99 Pfund Sterling. Das dürfte sich bis heute mehr als verdoppelt haben.