Mutter weiß es am besten

Wenn dir als Kind etwas Angst macht – ein böser Traum oder ein Monster unter dem Bett – was tust du dann? Du forderst den ultimativen Schutz: deine Mutter. Aber was passiert, wenn Mütter selbst monströs sind, und was macht sie zu diesen Monstern? Mütter – Frauen in der Horrorfiktion ganz allgemein – kommen nicht so gut weg. Sie leiden unter dem Problem “Sei verdammt, wenn du es tust / Sei verdammt, wenn du es nicht tust”, und werden zu einer Quelle des Terrors, weil sie zu mütterlich oder nicht mütterlich genug sind.

Die monströsen Schreckensmütter haben ihre Wurzeln in Mythen und Märchen, mit den bösen Stiefmüttern in Geschichten wie Schneewittchen als klassischem Beispiel. Die Brüder Grimm popularisierten diesen Archetyp zwar, aber in vielen der ursprünglichen Geschichten, auf denen ihre Märchen basieren, waren die Stiefmütter das Böse. Im typischen Muster dieser Geschichten sah die Mutter/Stiefmutter eifersüchtig auf die Jugend und Schönheit ihrer Tochter hinab und versuchte sie dafür zu bestrafen oder zu vernichten. In den extremsten Fällen führte das sogar zu Kannibalismus. Als die Grimms ihre Märchen von Müttern zu Stiefmüttern entwickelten, schufen sie eine nützliche Dichotomie. Auf der einen Seite die böse, eifersüchtige Stiefmutter, auf der anderen die reine, liebevolle Mutter, die aufgrund ihres Todes makellos ist. “Mutter weiß es am besten” weiterlesen

Die Anfänge der Schauerliteratur

Zu Beginn

Gleich zu Beginn müssen wir zunächst über eine übersetzungstechnische Definition sprechen. Schauerliteratur meint hier Gothic Fiction. Das ist – wie so oft – kein adäquater Ersatz, soll uns aber hier vorerst genügen.

Was genau ist Schauerliteratur?  Und auch hier stellen wir fest, dass es keine konkrete Definition gibt, ob wir das Genre nun Gothic nennen oder nicht. Aber es gibt einige Elemente, die Schauergeschichten tendenziell gemeinsam haben. Aber nicht alle Schauermären, ob nun als Literatur oder als Film, enthalten all diese Elemente.

Es verhält sich etwa so wie bei dem Wort “postmodern”. Es ist ein unglaublich schwer fassbarer Begriff, der sich einer strengen Definition und Kategorisierung entzieht und oft mehrere Dinge auf einmal bedeuten kann.

In der Schauerliteratur geht es weniger darum, welche Art von Handlung, Setting oder Figuren enthalten sind, sondern mehr um das Gefühl, das davon hervorgerufen wird. Wir verbinden die Schauerliteratur mit alten Burgen und Geistern, weil dies beliebte Elemente innerhalb des Genres sind – aber Autoren wie Mary Shelley, H.P. Lovecraft und Robert Louis Stevenson schrieben Schauergeschichten, die ohne diese Elemente auskamen.

Untersuchen wir doch einfach die Tropen, die das verbinden, was wir unter Gothic Fiction verstehen. “Die Anfänge der Schauerliteratur” weiterlesen

Tontafelkalender vom 29ten Hartung xx20, einem Mittichen

Todorov, dem ich einige Dummheiten unterstelle, zählt Kafkas “Verwandlung” zum Beispiel nicht mehr zur Phantastik, weil hier das Übernatürliche von Anfang an vorgesehen sei. Es geht ihm hier um das fehlende Überraschtsein angesichts der phantastischen Ereignisse. Dass die Psychoanalyse der phantastische Literatur ersetzt habe, ist eine weitere Merkwürdigkeit; doch angemerkt werden muss, dass aus heutiger Sicht selbst die Psychoanalyse ein überholtes Modell darstellt. Längst hat sich alles den Neurowissenschaften zugewandt. Es gibt natürlich andere Kandidaten, die Todorov widersprechen, aber auch sie überzeugen letzten Endes nicht. Hans Richard Brittnacher ist so jemand, wenn er behauptet, dass das Phantastische im Grunde kein ästhetisch innovatives Potential mehr entwickeln könne. Das Problem der deutschen Phantastikforschung wird da schon mitgeschrieben, denn sie stecken diese Begrifflichkeit einfach zu eng, weshalb unbedingt angeraten ist, den germanistischen Ansatz völlig hinter sich zu lassen und sich der angloamerikanischen Literaturwissenschaft anzuvertrauen. Es mag manchen staubigen Backen nicht gefallen, dass hier Phantastik und Fantasy im Grunde auf das gleiche abzielen, indem das Wunderbare und Übernatürliche genügt, um einen Text als phantastisch erscheinen zu lassen, denn “im Laufe des Jahrhunderts ist das Phantastische selbst zur Dominante des modernen Romans geworden”, wie Bernhard Cornwell feststellt.

Drachen

Diese seit menschengedenken in allen Kulturkreisen bekannten Wesen, die die Länder und Lüfte spielend eroberten wie kein anderes, sind in den Köpfen der Menschen, besonders in Literatur und Film, bis heute existent. Faszinierende Mischwesen mit einem großen langen Schwanz, die manchmal ihren Gegnern sogar vielköpfig Feuer unter’m Hintern machten. Manchmal mit einem Löwenkopf, manchmal mit einem Krokodils-, Panther- oder Wolfskopf. Einem Vogel gleich seien sie, da sie Flügel (häufig Flughäute) hätten, mit denen sie fliegen könnten. Schuppige Reptilien seien sie, die einer Schlange sehr ähnlich sähen. Ebenso aber seien sie Raubtiere mit riesigen greifartigen Klauen oder Tatzen an den Vorder- und Hinterbeinen, die verspeisen würden, was sie fassen könnten. In Klassen unterteilt wurden sie. Und so gab es auch jene, die man zu den Wyvern zählte, die vor allem in der Heraldik Einzug hielten, die nur zwei Vorderbeine, Flügel und einen schlangenartigen Unterleib hatten. Als auch jene, die man den Kriechdrachen zuordnete, die ganz ohne Füße auskommen mussten.

Im Lateinischen draco genannt, im Altgriechischen δράκων, was häufig mit “Schlange” übersetzt wird, jedoch streng genommen “der starr Blickende” bedeutet. Also dem Blick einer Schlange verwandt. So will man uns weismachen. Jedoch ist bedenkenswert, dass das, was uns den Blick einer Schlange als “starren” erscheinen lässt, auch von einer anderen Tatsache herrühren könnte, der Tatsache nämlich, dass sie über keine Augenlider verfügt, die sie vor ihrer Umwelt schützen. Weshalb wir uns überlegen können, ob dem so ist oder war. Oder ob es nicht durch viele Zeiten hindurch unserem Blick zuzuschreiben ist, der starr erblickte, was er, mindestens seit den Babyloniern, erblicken wollte. “Drachen” weiterlesen

Warum wir Fantasy-Literatur brauchen

J. R. R. R. Tolkiens “Der Herr der Ringe” hat sich weltweit rund 150 Millionen Mal verkauft, was ihn zu einem der meistverkauften Romane aller Zeiten macht. Einige behaupten sogar, es sei das größte Buch des zwanzigsten Jahrhunderts. Während Tolkiens Geschichten um Mittelerde immer beliebter werden, weigern sich viele Gelehrte immer noch, sie ernst zu nehmen. Die meisten Kritiker ignorieren sie nicht nur, sondern verachten sie mit feuriger Leidenschaft. Kritiker der jüngeren Generation konzentrieren sich – vor allem, weil sie müssen – auf die vermeintlichen sozialen Probleme in Mittelerde, wie Rassismus oder Sexismus. Aber die erstaunlichsten Aussagen kommen vor allem von der älteren Generation der Literaturkritiker, die behaupten, dass Tolkiens Schreiben einfach schrecklich ist.  In der Einführung zu Harold Blooms kritischen modernen Interpretationen behauptet er, dass Tolkiens Schreibstil “steif, künstlich antiquiert und überladen” sei. Bloom ist nicht in der Lage zu verstehen, “wie ein erfahrener und reifer Leser etwa fünfzehnhundert Seiten dieses malerischen Materials aufnehmen kann”. Diese Kritik ist ebenso absurd wie komisch. Wenn überhaupt, dann ist der “Herr der Ringe” antirassistisch und antisexistisch und wunderschön geschrieben. Natürlich ist der Wert jeder Arbeit im Wesentlichen subjektiv und die Geschmäcker sind verschieden. Dennoch muss man sich fragen, was die Ursache für die verächtliche Kritik und die ungerechtfertigte Gleichgültigkeit sein könnte, auch wenn viele Aussagen zum “Herr der Ringe” völlig selbstentlarvend sind. Es wäre nicht das erste und einzige Mal, dass sich Literaturkritiker, die leider ihr Geld damit verdienen, sich als literarische Idioten darstellen. “Warum wir Fantasy-Literatur brauchen” weiterlesen

Steve Erikson: Im Reich der Sieben Städte / Im Bann der Wüste (Das Spiel der Götter 2)

Deadhouse Gates ist das zweite Buch in Steven Eriksons epischer Fantasy-Serie The Malazan Book of the Fallen. Es wurde von Blanvalet in die beiden Teile Im Reich der Sieben Städte und Im Bann der Wüste gespalten. Hier gibt es die Besprechung zum ersten Teil Die Gärten des Mondes – zu lesen; und hier das Vorgespräch zum Spiel der Götter.

Wenn es etwas gibt, das man über Steven Erikson sagen kann, dann, dass er keine Angst hat, Risiken einzugehen. Die Gärten des Mondes war ein Roman, der sich weigerte, seine Vision aufzugeben, auch wenn das bedeutet, dass viele Leser Mühe haben werden, mit ihr Schritt zu halten. Deadhouse Gates, das zweite Buch in der Serie Malazan Book of the Fallen, erfordert vom Leser ähnliche Zugeständnisse, aber es sind Zugeständnisse anderer Art. Am Ende von Die Gärten des Mondes gibt es eine ganze Menge narrativer Impulse, in in den Konflikt mit der Pannionischen Domäne führen, die aber erst im dritten Buch – Memories of Ice – aufgenommen werden. Stattdessen lässt Deadhouse Gates fast alle Charaktere aus dem ersten Buch zurück, zugunsten einer anderen Geschichte, die auf einem anderen Kontinent spielt. “Steve Erikson: Im Reich der Sieben Städte / Im Bann der Wüste (Das Spiel der Götter 2)” weiterlesen

Denis Scheck: Schecks Kanon

Es ist nicht so einfach, eine Hundertschaft Werke auszuwählen, wenn man über Genre- und Zeitgrenzen seine Pfeife ausbeutelt. Scheck scheint diesbezüglich gar kein deutscher Literaturkritiker zu sein, denn er besitzt Geist, Witz – und ihm fehlt das ignorant Deppenhafte etwa jener Gestalten des Literarischen Quartetts. Scheck kommt aus der Komparatistik und sein Spruch: “Ich weiß, was ich tue!”, stimmt vollumfänglich. Er hat sich nie in der Gosse der Schubladen aufgehalten, genießt vielmehr, was wirklich zählt. Einer Meinung mit ihm muss man längst nicht immer sein, aber man sollte ihm zuhören, weil er die Literatur wirklich liebt, unbenommen von ihrer lebensrettenden Funktion spricht. So findet sich Lyrik, Jugendbuch, Fantasy, Kriminalliteratur und Comic neben bekannten Klassikern. Einen “wilden Kanon” legt der Kritiker vor und weiß um die “Frivolität” dieses Unterfangens. Interessant sind in dieser Hinsicht immer die Diskussionen darüber, was dem ein oder anderen Leser fehlt, auf welchen Grundstock man sich aber einigen kann. Liest man Schecks Argumente zu den einzelnen Werken (die zugegeben nicht immer schlüssig sind), weiß man aber sofort, in welche Richtung dieser Kanon führt. Wäre das vorliegende Buch nicht so erfrischend anders, wäre es weder lesenswert, noch nützlich, denn der Begriff des Kanons ist überholt, wenn auch Leselisten nicht unwichtig sind im Schmodder der Veröffentlichungspandemie. “Denis Scheck: Schecks Kanon” weiterlesen

David H. Keller

Nach dem Ersten Weltkrieg veröffentlichten Amerikas Pulp-Magazine zunehmend Science-Fiction neben den üblichen Genres Western, Fantasy und Horror. Redakteure waren auf der Suche nach neuen Autoren in diesem aufstrebenden Segment, und Ende der 1920er Jahre “gab es nur einige wenige Autoren, die in der Lage waren, hochwertige Science-Fiction zu produzieren”, schreibt der britische Literaturhistoriker Mike Ashley. “Die besten in diesen frühen Jahren waren Miles J. Breuer und David H. Keller, beide faszinierend, Ärzte.” Beide Autoren verbrachten auch den Ersten Weltkrieg im Army Medical Corps; während seines Dienstes half David H. Keller (ein Neuropsychiater) bei der Behandlung von Granatenschockopfern. “David H. Keller” weiterlesen

Elizabeth Kostova: Der Historiker

Der in Schäßburg (wo man heute noch sein Geburtshaus besichtigen kann) geborene Vlad Tepes war bereits zu seinen Lebzeiten eine Legende. Über seine Grausamkeiten kursieren im Westen die unterschiedlichsten Geschichten (während im Osten ganz andere Variationen kursieren), und nicht zuletzt lieferte er einen Teil der Blaupause zu Bram Stokers “Dracula”. Aufzeichnungen vermuten sein erstes Grab in der Kirche des Klosters einer Insel im Snagov-See. Als man es öffnete, fand man es allerdings leer. Das passt als Grundlage für den Vampirmythos recht gut ins Bild, denn wenn er nicht in seinem Grab liegt, könnte das durchaus bedeuten, dass er noch lebt. In Elizabeth Kostovas vielgerühmten Roman tut er das tatsächlich.

Wenn jemand in der heutigen Zeit zehn Jahre an einem Roman über Dracula schreibt, kann das nur bedeuten, dass sich da jemand in etwas verliert, dem man kaum mehr etwas Neues abgewinnen kann. Zumindest muss das von außen so aussehen. Wir reden hier nicht über einen fast schon alltäglich gewordenen Fantasy-Zyklus über Vampire, sondern über ein ambitioniertes Werk, das seinen Namen “Der Historiker” nicht umsonst trägt. Genau aus diesem Grund musste Kostova so lange recherchieren und schreiben. Das Ergebnis ist erstaunlich und weit entfernt von Teenager-Romanzen und bissigen Horror-Tropen. Wenn auf dem Umschlag zu lesen ist: Der Roman gibt einen vielschichtigen Einblick in 500 Jahre südosteuropäische Geschichte, dann ist das keineswegs gelogen. Kostova geht als Romanautorin exakt so vor, wie ein Historiker das tun würde. Natürlich schlüpft sie dabei in die Rolle ihrer 16-Jährigen Protagonistin, die namenlos bleibt (bis auf einen einzigen Hinweis, der leicht zu überlesen ist), und selbst Historikerin, aber auch Tochter eines Historikers und einer Anthropologin ist.

Während wir in diese ungeheuerliche Geschichte eintauchen, sind wir viel auf Reisen, während ihr Paul (ihr Vater) von der Erkenntnis seines unheilvollen Erbes erzählt, immer in Sorge, die Tochter könnte ebenfalls darin verwickelt werden, was sie längst schon ist. Diese Reiseberichte sind enzyklopädisch. Kostovas Beschreibungen der Sehenswürdigkeiten, Geräusche, der eigentümlichen Gerüche und der einzigartigen Köstlichkeiten sind derart stark, dass sie durchaus auch abschreckend wirken können. Allerdings wäre die dunkle, unheimliche Atmosphäre ohne diese Zutaten vielleicht zeitgemäßer, aber weniger erstaunlich.

Während dieser Reisen schlägt wieder und wieder die Dunkelheit zu, und zwar in einer Art und Weise, die viel erschreckender ist als die meisten plakativ zur Schau gestellten Entwürfe einschlägiger Schriftsteller des Genres.

Es ist wohltuend, ein Buch über kultivierte Menschen zu lesen. Das schwingt in diesem Buch nicht aufgesetzt und beiläufig mit, es ist sozusagen das Fleisch all dieser Einblicke. Das mag manchen Lesern zu langatmig vorkommen – tatsächlich las ich davon, dass die Autorin durch ihr akribisch ausformuliertes Setting etwaige Spannungsbögen zunichte mache – jedoch ist Spannungsliteratur (ohnehin ein unschönes Wort) hier nicht das Prädikat. Es geht vielmehr um das Interessante, aus dem der Effekt entstehen kann, und dazu braucht es Tiefe, die ein Spannungsroman nun einmal nicht hat. Offenbarungen und Enthüllungen gibt es reichlich in diesem Roman, der eben nicht nur tief, sondern auch breit angelegt ist. Statt Aktion gibt es hier Aktivitäten, und auch wenn es Vampire gibt, so sind sie alles anderes als Pulp-Gestalten, sondern so glaubhaft eingebettet, dass zwischen der faktischen Historie, die ohnehin sehr interessant ist, und dem Mythos kein Unterschied mehr besteht, was zeigt, dass es immer noch vom Talent des Autors abhängt, wie eine Geschichte wahrgenommen werden kann.

Die verschiedenen Einzelinstanzen sind eine Reminiszenz an Bram Stokers “Dracula”, der ja auch mehrere Stimmen vereint, um die Geschichte vorzutragen. Es sind hauptsächlich Briefe und Dokumente, durch die sich die Erzählung entblättert, und es gibt Rückblicke, die der Vater seiner Tochter nach und nach enthüllt und die sein Leben als jungen Historiker beleuchten, der ein normales akademisches Leben führte, bis sein Professor und Mentor Rossi eines Tages spurlos verschwindet, was ihn auf eine epische Suche führt – der Suche nach Dracula.

Die Autorin sagte über ihr Buch, sie habe gerade Mal eine Tasse Blut vergossen; dafür aber zeigt sie die Stärke der Stille exakt auf. Die Gespräche scheinen mehr geflüstert als gesprochen zu werden, in denen es dann aber zu großen Erkenntnissen kommt. Überall scheinen schattenhafte Gestalten zu lauern, und niemand will belauscht werden. Ein Teil der Handlung findet hinter dem Eisernen Vorhang statt, und diese ist gespickt mit einer gewissen Paranoia, die zu der des grundsätzlichen Rätsels – nämlich wo sich das Grab von Vlad, dem Pfähler befindet – hinzu kommt.

“Der Historiker” ist eine große Liebesgeschichte, eine Geschichte über eine Vater-Tochter-Beziehung, eine wunderbare Erzählung über die Geschichte selbst und exotische Orte in Europa, eine saubere Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart im Dracula-Mythos. Als scholastisches Rätsel findet ein Großteil der Handlung in Bibliotheken, Archiven und Privatstuben statt.

Von Elizabeth Kostova gibt es gegenwärtig zwei weitere Romane und an einem anderen arbeitet sie gerade. Wie sie selbst sagt, wird dieser das Thema der Schauerromantik aufgreifen, aber auch eine Detektivgeschichte enthalten. Bleibt ihre Neigung für historische Settings konstant, kann das nur Gutes bedeuten.

Robin Hobb: Die Tochter des Drachen (Penhaligon)

Die große Robin Hobb ist zurück, und damit ein Garant nicht nur für durchschnittliche Fantasy, wie sie gegenwärtig den Markt überflutet, sondern für die Spitze des Genres, wo vielleicht nur eine Handvoll Autoren überhaupt zu finden sind. Als “Fool’s Assassin” 2014 im Original erschien, war gleich klar, dass dies wahrscheinlich die beste Veröffentlichung des Jahres werden würde. Bis es auch zu uns herüberschwappte, dauerte es zwar ganze fünf Jahre, aber Penhaligon hat dadurch den Vorteil, auch die gesamte neue Trilogie um einen der beliebtesten Charaktere der ganzen Fantasy in einem Atemzug vorzulegen, was in diesem Jahr mit Band 1: “Die Tochter des Drachen”, Band 2: “Die Tochter des Propheten” und Band 3:  “Die Tochter des Wolfs” dann auch geschehen ist. Über die merkwürdige Übersetzung der Titel kann man sich wie immer genauso lange streiten wie über das stereotype und lustlose Cover, nach dem Motto: One Fits All. Hast du ein Cover, reicht das für 1000 Bücher. Damit ist Penhaligon allerdings nicht allein. Keiner scheint mehr eine müde Mark in sein Artwork zu stecken. Wozu auch? Die Leser scheint es ohnehin nicht zu interessieren. Trotzdem muss ich eine Lanze für den Verlag brechen, denn Penhaligon hat es geschafft, alle drei Trilogien zeitnah zugänglich zu machen, und zeigt damit nicht nur eine herausragende Veröffentlichungspolitik, sondern auch, dass eben nicht nur eine Flut zweitklassiger Fantasy den deutschen Sprachraum dominiert.

Einst rettete Fitz Chivalric Weitseher seinen König und befreite den Kronprinzen. Bereits auf vielerlei Arten beschützte er das Reich. Er bewahrte sogar einen Drachen vor dem Tod. Für viele ist er ein großer Held! Doch ausgerechnet seine Tochter Biene hat Angst vor ihm. Sie scheint zu spüren, dass er ein Mörder ist. Erst ein schrecklicher Schicksalsschlag führt die beiden näher zusammen. Fitz will Biene um jeden Preis vor den Intrigen des königlichen Hofs von Bocksburg und den damit verbundenen Opfern und Gefahren beschützen. Um das zu erreichen, muss er sie verlassen. Dabei erkennt er viel zu spät, dass nicht er selbst, sondern seine Tochter das Ziel einer geheimnisvollen Gruppe von Verschwörern ist. — Klappentext.

Hobb wird oft an die Seite von George R.R. Martin gestellt, und das nicht ohne Grund. Wie Martin hat sie – begonnen bei der legendären ersten “Weitseher-Trilogie” eine Welt mit einer reichhaltigen Geschichte aufgebaut und greift ebenfalls auf eine leichte, aber umso erschreckendere Form von Magie zurück. Aber wo Martins “Lied von Eis und Feuer” eine groß angelegte Erzählung mit vielen Charakteren ist, bevorzugt Hobb Intimität und lässt uns schon Mal ein ganzes Buch mit nur ein oder zwei Stimmen im Kopf verbringen. Fitz hadert oft mit seinem Platz in der Welt, die wenig Sinn für Bastarde, aber ein großes Bedürfnis nach Helden hat. Es braucht einen geschickten Autor, um sicherzustellen, dass die unterschiedlichsten Parteien, die täglichen Aufgaben und das Gerede über entfernte Politik nicht langweilig werden, aber Hobb schafft es, ihre Welt farbenfroh und einladend zu gestalten, auch wenn der Schatten zukünftiger Tragödien über allem schwebt. So wie Bocksburg als bedeutendes Anwesen in der Weitseher-Trilogie diente, so ist auch das Herrenhaus Weidenhag eine wichtige Station, die mit ihren eigenen Geheimnissen angereichert ist – ein überraschend passendes Zuhause für einen ehemaligen Assassinen. Denn selbst in Weidenhag kann Fitz dem Mann, der er einmal war, nicht entkommen. Und wenn die Außenwelt in seinen sicheren Hafen eindringt, muss sich Fitz wieder einmal entscheiden, wer er sein will und wo seine Loyalität liegt. Das erweist sich als etwas schwierig bei den anstehenden Veränderungen seiner Familie.

Hobb ist eine unglaublich versierte Schriftstellerin, die sich intensiv mit dem Innenleben ihrer Figuren beschäftigt. Sie kann den Leser über den Tod eines Charakters weinen lassen, aber sie kann ihn auch über ein Gespräch zwischen einem Mann und einer Frau seufzen lassen, die endlich zueinander gefunden haben, ohne die Elemente des Kitsches bemühen zu müssen. Ihre Figuren sind lebendig und man möchte seine Lesezeit gerne mit ihnen verbringen, auch wenn gleich gesagt werden muss, dass Hobb nicht zu jenen Schriftstellern gehört, die ein oberflächliches Actionfeuerwerk abbrennen. Sie nimmt sich die Zeit, die notwendig ist, um das vorzubereiten, was sich ganz sicher im Verlauf der Trilogie zu einem richtigen Abenteuer entwickeln wird. Trotz des schleppenden Beginns sorgt Hobbs unnachahmlicher Stil dafür, dass auch jene dabei bleiben können sollten, die mit ihrer Aufmerksamkeitsspanne ein Problem haben. Aber ohne Frage ist das vorliegende Buch eher ein pastorales Familiendrama und ich halte es für notwendig, die beiden vorangehenden Trilogien gelesen zu haben, die eine andere Konzeption besitzen. Hobb hat hier aber nicht nur ein sich langsam entwickeltes Buch geschrieben, sondern auch einen Perspektivwechsel vorgenommen, der dem ganzen Weitseher-Zyklus eine zusätzliche Note verleiht. Zwar kehrt der Leser auch hier in Fitzens Kopf zurück und kann dadurch wie gewohnt zuverlässig (oder wenn man will unzuverlässig) die Handlung seiner Umgebung interpretieren. Wir sind in jeden seiner Gedanken eingeweiht, einschließlich der Tagebucheinträge, die er über längst vergangene Tage schreibt. Das ist eine einfache, aber sehr effektive Möglichkeit, den Leser daran zu erinnern, was vorher passiert ist. Doch Fitz wird diesmal durch eine zweite Perspektive unterstützt, die ebenfalls in der ersten Person geschrieben ist und ohne Abgrenzung vorwärts und rückwärts springt. So herausfordernd das sein mag, wird dadurch das schleppende Tempo der Geschichte zu einem interessanten Lesevergnügen. Man könnte auch sagen: Diese Passagen sind ein Jugendroman innerhalb eines Erwachsenenromans, denn sie werden von Biene vorgetragen und erinnern natürlich an formelhaftes Erzählen. Die Balance zwischen Biene und Fitz ist hervorragend. Bestimmte Ereignisse werden kontrastierend dargestellt, und so machen die jeweiligen Erzähler Aussagen über den anderen, die außerhalb der Realität dieser Figuren liegen. Auf diese Weise ergeht es Biene nicht anders wie Fitz. Auch sie kämpft darum, sich ihrer Umgebung anzupassen. Und wie Fitz ist sie oft nicht in der Lage, die Absicht derer um sie herum zu entschlüsseln und das Schlimmste anzunehmen, nicht einmal in ihrer eigenen Familie. Sie wird oft missverstanden, dabei ist sie weitaus fähiger, als irgendjemand der Erwachsenen das erwartet.

Hobbs alternative Sichtweise mag hier unter einigen kleinen Fehlern leiden, aber wenn man das Gesamtkonstrukt betrachtet, erhält der Leser dadurch einen viel umfassenderen Einblick in das vorgelegte Thema. Obwohl “Die Tochter des Drachen” keine Tour de Force ist, gelingt es Hobb in großem Stil, ihre Figuren funkeln zu lassen, weil selbst dieses ruhige Milieu perfekt strukturiert ist. Es gibt wenige Autoren auf dieser Welt, die solch eine Meisterschaft besitzen.

Mit Dank an das Rezensionsexemplar von Penhaligon.