Dorothy Gale (Wir sind nicht länger in Kansas)

Ob man nun durch das originale Kinderbuch von L. Frank Baum aus dem Jahr 1900 oder durch die Verfilmung mit Judy Garland aus dem Jahr 1939 zur Geschichte kam, Der Zauberer von Oz ist Teil eines gemeinsamen emotionalen Eigentums geworden, das sich tief in der kollektiven persönlichen und kulturellen Psyche verankert hat. Jüngst haben Filmwissenschaftler aus einer groß angelegten Studie die Erkenntnis gewonnen, dass besagter Film der einflussreichste aller Zeiten ist. Das mag das deutsche Publikum etwas staunen lassen, denn hierzulande kennt man Dorothy Gale zwar auch, hält das Phänomen aber wohl für ein rein amerikanisches. Und das stimmt eben nicht. Millionen Menschen auf der ganzen Welt haben unvergessliche Verbindungen zu dieser Erzählung voller Wunder, Gefahren, Freundschaft und Gegenspieler. Natürlich sind das Erfahrungen, die oft durch die nostalgische Linse der Kindheit verstärkt werden, aber nur wenige Geschichten wurden mythologisiert wie Oz. Nein, selbst Mittelerde nicht.

Natürlich konnte Baum nicht vorhersehen, wie die Massenmedien eines Tages den Einfluss von „The Wonderful Wizard of Oz“, so der Originaltitel, vervielfachen würden. Und wie auch? Als das Buch erschien, steckten bewegte Bilder noch in den Kinderschuhen. Aber unabhängig davon, welches Phänomen daraus noch entstehen sollte, war Baums unmittelbarer Einfluss auf die amerikanische Imagination bereits damals von Bedeutung.

Von Anfang an schien Baum zu spüren, dass er hier etwas Besonderes in den Händen hielt. “Dorothy Gale (Wir sind nicht länger in Kansas)” weiterlesen

T. E. D. Klein – Botschafter des Grauens und der Romantik

1.

QUAL DES SCHREIBENS

Die gesammelten Widersprüche des T. E . D. Klein

 Wenn es in der zeitgenössischen Literatur einen Autor gibt, der sich dem Schreiben durch puren Masochismus verbunden fühlt und sich in seiner Qual trotzdem wegweisende Werke abringt, dann ist das wohl T. E. D. Klein, der Autor eines bemerkenswert schmalen aber wahrlich nicht unbedeutenden Œuvres.
„Ich bin einer dieser Leute, die alles tun würden, um dem Schreiben auszuweichen. Alles!”1,  sagt er. „Ich finde das Schreiben von Fiktion irrsinnig hart. Ich denke, ich bin ein extrem guter Lektor für anderer Leute Werke, […] aber es ist eine entsetzlich harte Arbeit für mich, irgendetwas Eigenes zu produzieren.“2
In einem Zeitraum (wir sprechen von mehr als 25 Jahren), in dem Stephen King ein ganzes Hochregallager mit seinen Büchern füllen kann, hat T. E. D. Klein einen Roman (The Ceremonies), fünf längere Erzählungen bzw. Novellen („The Events at Poroth Farm“, „Petey“, „Black Man With a Horn“, „Children of the Kingdom“ und „Nadelman’s God“) und etwas Kleinzeug (ein paar Kurzgeschichten, Essays und Rezensionen) zustande gebracht. Warum das so ist, erklärt er Carl T. Ford, dem Herausgeber des britischen Fanzines Dagon wie folgt:

Ich lese schnell, viel zu schnell und schreibe viel zu wenig und viel zu langsam. Ich bin ein Zeitschriften-Junkie, und ich kann Stunden glücklich damit verbringen, mich durch einen Berg von Zeitschriften zu lesen. Ich unterbreche nur mal kurz, um ein paar Artikel herauszuschnippeln, die es wert sind, sie zu behalten oder einem Freund zu schicken. Du würdest entsetzt sein, wenn du sehen würdest, was ich jede Woche über in der Post habe: Literatur-Magazine, Finanz-Magazine, regionale Magazine, politische Magazine jeglicher Färbung3, Reise, Humor, Wissenschaft, Film, sogar Magazine über Postkartensammeln und Fliegen (was ich beides nur in meiner Phantasie tue).4

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Huckleberry Finn (Der Philosoph in der Tonne)

Wie viele herausragenden Ikonen ist auch Huckleberry Finn eine zutiefst amerikanische. Die Zeiten, in denen man die Figur halbwegs auch bei uns verstehen konnte, sind anscheinend vorbei, und doch führen seine Spuren durch die gesamte Kultur der westlichen Welt. Seine ursprüngliche Wildheit und Seltsamkeit mag Huck im Laufe der Zeit wohl verloren haben, er hat der heutigen Zeit jedoch mehr zu sagen, als man vermutet.

Ein Jahrhundert voller Filme, Cartoons, Comics, versteckter und weniger versteckter Anleihen in Romanen, sagten vor allem eines aus: wie frei und unschuldig die Kindheit früher war. Aber es gab auch im viktorianischen Amerika Banden, Schulschießereien und die Ängste der Eltern, dass ihre Kinder der gewalttätigen Popkultur ausgeliefert sind. Mark Twain schrieb über all das. Für heutige Eltern, die sich um ihre Kinder und deren Kontakt zu dekadenten Medien sorgen, sich über die Natur oder eine standardisierte Bildung Gedanken machen, ist Huck Finn kein Rückfall in eine unschuldigere Zeit, sondern erinnert sie nur daran, dass die gleichen Debatten seit mehr als einem Jahrhundert stattfinden.

Würde man Mark Twain sagen können, dass sich sein Buch im 20. Jahrhundert 20 Millionen Mal verkaufen würde, würde er sich wahrscheinlich freuen. In den USA war das Buch allerdings Schullektüre, und das hätte ihm weniger behagt. Ganz im Gegenteil brachte er seinen eigenen Kindern das Lesen bei, indem er ihnen verbot, Bücher zu lesen. Damit machte er sie zu einem begehrten und geheimnisvollen Objekt. Huck Finn sollte nie ein staubiger Klassiker werden, und das ist er ja auch nur zum Teil, denn die ganze zeitgenössische Jugendliteratur, angefangen von Harry Potter, wäre ohne Twain gar nicht denkbar. “Huckleberry Finn (Der Philosoph in der Tonne)” weiterlesen

Der große Gott Pan

Arthur Machen veröffentlichte eine erste Version von Der große Gott Pan im Jahre 1890 im Magazin The Whirlwind; später schrieb er die Geschichte um und erweiterte sie, bis sie 1894 dann, zusammen mit der thematisch sehr ähnlich gelagerten Geschichte, Das innerste Licht,  als Buch erschien. Es ist eine faszinierende Arbeit, die ihre beängstigende Stimmung hauptsächlich durch indirekte Hinweise speist. Von heute aus gesehen, entdeckt man eine sehr “viktorianische” Einstellung gegenüber Frauen. Zur Zeit ihres Erscheinens löste die Geschichte durch die angedeutete Sexualität einen regelrechten Skandal aus.

Machen wurde 1863 in Wales als Arthur Llwellyn Jones-Machen geboren; ‘Machen’ war der Mädchenname seiner Mutter, den er später zu seinem Künstlernamen machte. Weil die Familie zu arm war, um Machen auf eine Universität zu schicken, entzündete sich sein Interesse für das Verborgene und Unheimliche, das ein Leben lang anhalten sollte, durch seinen schon früh vorhandenen Lesehunger, den er in der Bibliothek seines Vaters, der ein Geistlicher war, befriedigte. Später lebte Machen dann in London als Übersetzer und Journalist. Er heiratete 1887 und lernte durch seine Frau den Okkultisten A.E. Waite kennen (den Urheber eines der berühmtesten Tarotdecks). Seine Frau starb 1897; im Jahre 1900 trat Machen Waites Order of the Golden Dawn bei. 1901 wurde er Schauspieler und heiratete 1903 noch einmal. Aber er schrieb auch weiter, und 1914 erschien eine seiner Kurzgeschichten, “The Bowmen”, die die urbane Legende der Engel von Mons verbreitete. Er starb 1947.

Machens literarischer Ruf schwankte während seiner Lebenszeit erheblich. Die Kontroversen um Der große Gott Pan hatten seinem Namen nicht gerade gut getan, allerdings änderte sich das in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts. H.P. Lovecraft bezeichnete ihn als Meister der Übernatürlichen in der Literatur, nicht zuletzt, weil Lovecraft erheblich von Machens Arbeiten beeinflusst wurde.

Die Geschichte beginnt in Wales, im Haus des Wissenschaftlers Dr. Raymond, der seinem nervösen Freund Clarke sein nächstes Experiment erklärt. Raymond ist ein Hirnspezialist, ein Student der “transzendentalen Medizin”, der eine Operation an der an einem sieben Jahre alten Mädchen namens Mary vornehmen will; seine Absicht ist es, einige Teile des Hirngewebes zu durchtrennen, so dass sich für sie “der Schleier hebt” und sie eine tiefgreifendere, spirituelle Welt wahrzunehmen vermag. Möglicherweise gibt es Risiken, aber Raymond sagt: “Ich rettete Mary aus der Gosse und vor dem sicheren Hungertod, als sie ein Kind war; ich denke, ihr Leben gehört mir, und ich kann damit verfahren, wie es mir beliebt.” Er vollzieht die Operation, Mary jedoch bleibt dadurch geistig erheblich geschädigt.

Einige Jahre später, Clarke lebt, mitgenommen von Raymonds Experiment, in London; er meidet das Übernatürliche und alles, was nicht alltäglich ist – außer das, was ihm dabei behilflich ist, ein Buch aus Erinnerungen zusammenzustellen, um die “Existenz des Teufels” zu beweisen. Und so trägt er Daten über ein Mädchen namens Helen V. zusammen.  Im Laufe einiger Jahre wurde sie dabei beobachtet, merkwürdigen Kontakt mit seltsamen kleinen Menschen in einem Waldstück an der Grenze zu Wales zu unterhalten. Später nahm sie auch ein anderes Mädchen dorthin mit, eines Tages verschwand sie auf mysteriöse Weise. Die Erzählung wechselt zu einem Mann namens Villiers, der einen alten Freund namens Charles Herbert besucht. Herbert ist gewissermaßen ruiniert oder von seiner Frau halb in den Wahnsinn getrieben worden, bevor sie ihn verließ. Villiers untersucht Herberts Fall, findet einiges über dessen eigentümliche Frau heraus und bespricht die Ergebnisse mit Clarke; der erkennt auf einem Bild von Herberts noch-Ehefrau eine starke Ähnlichkeit mit Raymonds Mary.  Im nächsten Kapitel diskutiert Villiers die äußerst seltsame Geschichte mit seinem Freund Austin, und entdeckt, dass Mrs. Herbert in irgendeiner Weise an dem mysteriösen Tod eines talentierten Malers in Südamerika beteiligt war.

Das nächste Kapitel beginnt mit einem allwissenden Erzähler, der von einer sonderbaren Selbstmordserie unter reichen Männern der modischen Londoner Gesellschaft berichtet. Über die nächsten Kapitel gelangen Villiers und Austin zu der Erkenntnis, dass hierfür die Gastgeberin von Gesellschaften, Mrs. Beaumont verantwortlich ist – und dass Mrs. Beaumont niemand anderes ist als die ehemalige Mrs. Herbert. Villiers verkündet Austin seine Entscheidung, der Dame einen Besuch abzustatten, und sie vor die Wahl zu stellen: Selbstmord oder eine Erklärung.

Der Abschluss der Geschichte präsentiert Fragmente von Texten unterschiedlicher Prägung: da wären erstens die persönlichen Erinnerungen eines Arztes, der eine eigentümliche Leiche untersucht. Es folgen Auszüge aus zwei Briefen. Der erste ist von Clarke an Raymond und spielt auf die Endgültige Begegnung mit Mrs. Beaumont an, Helen, beschreibt seinen Besuch in Wales, wo er eine römische Ruine sah, in der eine Inschrift, dem Gott Nodens gewidmet, auffiel: “dem Gott der Gr0ßen Tiefe, des Abgrunds”. Der zweite Brief ist von Raymond an Clarke, der ihm erzählt, dass Mary Helens Mutter war, und andeutet, dass Pan ihr Vater war.

Alles in allem ist das eine wirklich absonderliche Geschichte. Die zusammenfassende Wiedergabe hebt die wacklige Struktur der Handlung hervor. Die einzelnen Figuren heben sich nicht groß voneinander ab; wir bekommen nur einige Fakten über den ein oder anderen an die Hand (Clarkes Abkehr vom Übernatürlichen, als Beispiel), aber diese scheinen nur selten ihre Taten zu beeinflussen. Außerdem scheinen sich alle untereinander zu kennen, so als wäre London nur ein kleines Nest. Die schließliche Konfrontation bleibt nebulös. Helen begeht ohne ersichtlichen Grund Selbstmord – was hat sie von einer “Erklärung” zu befürchten? Und wie kann ihr Tod unangezeigt bleiben?

Die Konstruktion der Erzählung ist ebenfalls ungewohnt. In ihrer Mitte befindet sich eine Art Vakuum: Helen sagt nicht ein einziges Wort, sie scheint ohne Motivation zu agieren, ihr fehlt sämtliche Persönlichkeit. Hier haben wir eine Horrorstory ohne Horror in seinem Kern. Nur Tod, Selbstmord und den grundlosen Ruin. Es gibt auch keine wirkliche Aktivität, die aus der Handlung hervorgeht; nach der ersten Szene, reihen sich nur die Zwischenfälle aneinander, die eine (männliche) Figur der anderen (männlichen) Figur erzählt. Wie kommt es, dass dennoch alles zusammenläuft?

Und zusammenhalten tut es. So merkwürdig alles ist, es ist effektiv. Der erste Grund ist die Sachlichkeit, die in Machens Prosa grundsätzlich vorhanden ist. Die Figuren sprechen direkt und einfach, normale Menschen versuchen, die abnormalen Vorgänge um sie herum zu verstehen. Es steckt eine gewisse Klarheit in der Ausdrucksweise, die sich modern anhört, was im Widerspruch zum altertümlichen Horror der Geschichte steht. Und diese Klarheit hat die Fähigkeit, unmerklich Schatten in die kraftvolle Anrufung der Emotionen zu entlassen.

Der größte Teil der Darbietung von Der große Gott Pan, hat viel von einer Club-Story: einer erzählt seine Erlebnisse oder Erinnerungen einer anderen Person oder einer Gruppe. Der Schrecken der Geschichte dient dazu, den traditionell geschützten Raum (für eine Erzählung) in einem Club zu untergraben. Trotz dieses Form finden wir hier eine dialoglastige Struktur vor; die Art wie einige der Figuren den anderen Informationen vorenthalten – Erzählpassagen, Texte, überlappende Sequenzen: all das wirkt wie ein Puzzle, das bis zum Ende hin nicht klar sichtbar ist.

Machen nutzt diese Struktur geschickt, um einige wirksame und gelegentlich widersprüchliche Effekte zu erzeugen. Bemerkenswert ist, dass trotzdem die Geschichte durch das gegenseitige Berichten vorangetrieben wird, die Schlüsselpunkte des eigentlichen Horrors ausgespart bleiben. Es fehlen Puzzleteile. Das Bild als Ganzes ist nur zu erraten. Inmitten der geradlinigen, nüchtern erzählten Geschichte, klaffen Lücken.

Da wir ins späte viktorianische Zeitalter blicken, und da einer der Männer, die Helen zerstörte, ihr Ehemann war, dem sie in der Hochzeitsnacht schreckliche Geheimnisse offenbarte, ist die herkömmliche Annahme, zu erklären, dass all das, was nicht gesagt wurde, mit Sexualität zusammenhängt. Der Gebrauch des Pan, dem Gott des Sexus und der Fruchtbarkeit als Sinnbild für Marys spirituelle Erfahrung, stützt diese Annahme. Von einem bestimmten Punkt aus gesehen, könnte man sagen, die Geschichte handelt davon, was geschieht, wenn Sex zu Horror wird, oder Pan zur Panik. Nicht über Sex zu sprechen, den Trieb sozusagen zu verdrängen, weckt destruktive Kräfte. Von diesem Punkt aus, ergibt das Ende einen symbolischen Sinn: das Wagnis, den Schrecken bloßzustellen, offen darüber zu sprechen, vertreibt ihn.

Innerhalb der Phantastischen Literatur belegt Der große Gott Pan einen interessanten Platz. Selbst vielleicht inspiriert von Mary Shellys Frankenstein – Raymond kommt der modernen Vorstellung eines verrückten Wissenschaftlers vielleicht sogar näher als Frankenstein – hat die Erzählung einen enormen Eindruck auf künftige Schriftsteller gemacht. Lovecraft und Stephen King haben lautstark für sie geworben – und das PHANTASTIKON tut es auch.

Machens Erzählung hat nie den Ruhm von Frankenstein oder Dracula erreicht, weil ihr vermutlich ein repräsentatives Monster fehlte. Wo die anderen beiden Erzählungen eine echte und charismatische Bedrohung darstellen, ist Helen weniger eindeutig, distanzierter. Schwieriger auch zu verstehen. Obwohl das nicht notwendigerweise eine Schwäche bedeutet. Es ist das Testament von Machens Kunstferigkeit. Er verstand sich auf das Indirekte und Subtile. Er wusste, was er tat, wenn er den direkten Horror vermied und wenn er uns ein Spiegelbild unserer eigenen Abgründe vor Augen führte. Der große Gott Pan ist eine faszinierende, beunruhigende Geschichte mit großen Einfluss. Mehr kann man sich nicht vorstellen. Sie ist effektiv und in ihrer Wirkungsweise nicht einfach zu erklären.

Stephen King: Frühling, Sommer, Herbst und Tod

Es schien wie ein Uhrwerk zu laufen: Stephen King beendete den ersten Entwurf eines Romans, legte ihn zur Seite und schrieb dann eine Novelle. Als er fertig war, legte er sie in eine Schublade und reichte sie nie zur Veröffentlichung ein. Aber in den frühen 80er Jahren, als er sich von einem bloßen Autor zu einem Markennamen entwickelte, packte er vier davon in ein Buch namens “Frühling, Sommer, Herbst und Tod”. Es sollte eine kleine Abwechslung sein, ein Buch mit Nicht-Horror-Geschichten, die als Atempause gedacht waren, bevor er mit “Christine” wieder in den Horror abtauchte. Aber es geschah viel mehr als das. “Different Seasons” wurde Königs meistverkaufter Bestseller seit Jahren, brachte ihm den Vorwurf des Plagiats ein, lieferte den Hintergrund für zwei seiner bekanntesten Filme und überzeugte schließlich die Leserschaft, dass Stephen King in der Lage war, mehr als “nur Horror” zu schreiben.

King schreibt in der Regel zwei Entwürfe seiner Romane, dann eine Endfassung. Im ersten Entwurf erzählt er sich die Geschichte selbst, schlachtet sie dann aus und bringt sie zu Papier. Im zweiten Entwurf nimmt er “alles heraus, was nicht zur Geschichte gehört”, passt Motive und Charakterisierungen an, kürzt Abschweifungen und verfeinert. Normalerweise gibt er das Manuskript danach seinen ersten Lesern und nimmt ihre Ideen und Änderungen auf und schickt dann alles an seinen Herausgeber. Wenn er das Manuskript von seinem Redakteur zurückkommt, nimmt er dessen Notizen in eine letzte Politur auf, obwohl er sagt, dass sich diese letzte Politur seit der Umstellung auf das Schreiben am Computer eher wie ein völlig neuer dritter Entwurf anfühlt.

Zwischen dem ersten und dem zweiten Entwurf lässt er das Buch sechs Wochen ruhen. In dieser Zeit schreibt er eine Novelle. “Es ist so, als ob ich nach der großen Arbeit noch genug Benzin im Tank hätte, um eine ziemlich vernünftige Novelle rauszuhauen,” sagte er einmal. Nach Brennen muss Salem schrieb er “Die Leiche”. Und nach der Fertigstellung des ersten Enwtwurfs zu Shining schrieb er “Der Musterschüler”. Nach der Korrektur von Das letzte Gefecht hatte er noch genug Saft übrig, um “Pin-up” hervorzubringen. Dabei dachte er kein einziges Mal daran, diese Stories auch zu veröffentlichen. Es gab einfach keinen Markt für Non-Horror-Novellen.

Als 1981 Kings fünfter Bestseller in Folge veröffentlicht wurde, begannen die Leute zu scherzen, dass er seine Wäscheliste veröffentlichen könnte, und sie würde ein Hit werden. “Nun”, dachte sich King angeblich, “ich habe keine Wäscheliste, aber ich habe einige Novellen …” Er wandte sich mit dieser Idee an Viking und die New American Library und sie waren dabei. Anfangs waren es jedoch nur drei Novellen. Da im Titel jedoch “Seasons” stand, sollten es laut Kings Verleger vier sein. Also fügte er noch “Atemtechnik” ein. Das Buch kam 1982 heraus und verkaufte sich im Hardcover wie warme Semmeln.

Die Anordnung der Geschichten ist dabei fast das genaue Gegenteil der Schreibreihenfolge und macht “Pin-Up” (Shawshank) zur ersten im Buch, obwohl sie die jüngste der Novellen war. 1982 gab es von King nichts auf dem Markt, das nicht in die Kategorie Horror fiel. Höchstwahrscheinlich war die Geschichte eines Gefängnisausbruchs ein Schock für seine Fans.

King wird gelegentlich mit Charles Dickens verglichen und nirgendwo sind die Parallelen deutlicher als in “Pin-up”. Sentimental und voller Hoffnung ist es ein Stück, in dem die Reichen Schweine sind und die Armen edel, gutherzig und unterdrückt. Erzählt von “Red” Ellis, der im Gefängnis von Shawshank wegen des Mordes an seiner Frau lebt, beginnt die Geschichte 1948 mit der Ankunft eines weiteren verurteilten Frauenmörders, Andy Dufresne. Er bittet Red, ihm zu helfen, ein paar Paraphenalien und ein Poster von Rita Hayworth zu bekommen. Jahre später, nachdem er mit dem frommen, sadistischen und zutiefst korrupten Aufseher in Konflikt geraten war, verschwindet Dufresne aus seiner Zelle. Weitere Untersuchungen zeigen, dass das Rita Hayworth-Plakat Teil eines jahrzehntelangen Fluchtplans war. Andy wird nie wieder eingefangen und lebt wohl den Rest seiner Tage im sonnigen Mexiko.

Hervorragend geschrieben, stets mitreißend, manchmal lustig, immer aber optimistisch und voller edler Gefühle, den menschlichen Geist betreffend, ist “Pin-up” heute als Film von 1994 mit Morgan Freeman und Tim Robbins mit dem Titel “Die Verurteilten” bekannt. Obwohl der Film an der Kinokasse floppte, wurde er für sieben Oscars und zwei Golden Globes nominiert. Er gilt bis heute als die beste King-Verfilmung überhaupt.

In einem Interview sagte King einmal: “Ich habe noch nie ein Kind getroffen, das ich für wirklich gemein hielt”, und seine Faszination für den Glanz und das Groteske der Kindheit zeigt sich in der großen Zahl seiner klassischen Figuren, die Kinder sind: Carrie White in Carrie, Mark Petrie in Brennen muss Salem, Danny Torrance in Shining, Charlie McGee in Feuerkind, Chris Chambers in “Die Leiche”, alle Kinder in Es, und so fort. Bei so vielen jungen Protagonisten in seinen Büchern ist es kein Wunder, dass sich so viele Menschen in ihrer frühen Jugend in Stephen King verlieben. Anders als viele andere Schriftsteller ist King stets fair mit Kindern umgegangen, indem er sich weigerte, sie zu bevormunden, aber auch, sie zu sentimentalisieren. “Der Musterschüler” fühlt sich demnach so untypisch für King an, dass es schwer zu glauben ist, dass die Geschichte vom selben Autor stammt.

Todd Bowden, ein dreizehnjähriger amerikanischer Junge, ist ein Holocaust-Liebhaber, der herausfindet, dass der ältere Arthur Denker, der gegenüber wohnt, ein flüchtiger Nazi-Kriegsverbrecher namens Kurt Dussander ist. Bowden erpresst Dussander, damit er ihm “all das gruselige Zeug” über den Holocaust erzählt, und beide werden langsam wahnsinnig, eingesperrt in einem psychosexuellen Totentanz, der Bowden verrückt macht und Dussanders Nazismus wiedererweckt. Hier wird alles geboten: Kätzchen, die in Öfen vergast werden, feuchte Träume über Nazi-Folter, bis hin zu mehrfachen Hammermorden an Obdachlosen.

Es ist nicht zu leugnen, dass die Geschichte originell ist, und sie ist ebenfalls eine unwiderstehliche Lektüre, aber es gibt auch etwas Fehlerhaftes und Einseitiges daran. Dussander ist ein gut ausgearbeiteter Charakter, ein schreckliches Monster, aber auch ein erbärmlicher alter Mann. Bowden jedoch bleibt ohne Hintergrund und Tiefe. Er ist nur ein rein amerikanischer Junge, bis ins Mark verrottet. Für Dussander empfindet man eine kleine Sympathie für seine begrenzten Mittel, seinen Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden, seiner Schuld wegen seiner Verbrechen, aber Bowden ist nur ein Monster, das voll ausgebildet und soziopathisch ankommt, der schon so geboren wurde, mit keinen anderen Zielen als der Erfüllung seines eigenen sadistischen Appetits.

Mit der nächsten Geschichte geht es weiter, denn wenn King etwas geschrieben hat, das Teil des amerikanischen literarischen Kanons sein sollte, dann ist es wahrscheinlich “Die Leiche”, die uns eine wunderbar detaillierte Kehrseite der 1950er Jahre gibt, die mit einer Schar nostalgischer Rock ‘n’ Roll-Melodien punktet und von einem echten Gefühl von Wut und Verlust durchdrungen ist. King verbrachte seine Kindheit in den 50er Jahren, er wuchs in armen Verhältnissen auf und anstatt uns eine protzige Vision vom aufstrebenden Amerika zu zeigen, schreibt er über die Arbeitertypen, die beim großen Sprung nach vorne zurückgelassen wurden. Offensichtlich ist es die Geschichte von vier Jungen, die sich eines Nachts aufmachen, um die Leiche eines von einem Zug getöteten Kindes zu finden. Die Geschichte ist traurig, seltsam, lustig, eindringlich und mit der gerechten Wut über die Erniedrigungen durch Armut angereichert, dass sich von ihr ausgehend ein Schatten auf die anderen drei Geschichten in dieser Sammlung wirft.

“Die Leiche” basiert auf zwei Ereignissen aus Kings Kindheit, und er erinnerte sich nur an das erste, weil er von anderen Menschen davon erzählt bekam. Eines Tages, als er vier Jahre alt war, kam er blass und schockiert nach Hause. Seine Mutter konnte ihn nicht dazu bringen, ihr zu erzählen, was passiert war, aber nachdem sie sich erkundigt hatte, fand sie heraus, dass er gesehen hatte, wie sein Freund von einem Güterzug erfasst und getötet wurde, während sie spielten. Obwohl er keine Erinnerung an den Vorfall hat, scheint das Ereignis für King entscheidend zu sein, und er hat in Interviews oft darüber gesprochen. Weniger bekannt ist der zweite Vorfall. Als King etwas älter war und in Durham, Maine, lebte, kam sein Freund Chris Chesley eines Tages vorbei und fragte: “Willst du eine Leiche sehen?” King, ein weiterer Freund, und Chesley machten sich auf den Weg nach Runaround Pond, wo gerade eine ertrunkene Bootsfahrerin aus dem Wasser gezogen worden war. “Sie hatten die Leiche noch nicht bedeckt”, erinnerte sich Chesley. “Es war eine lehrreiche Erfahrung für uns alle. Es war kein schöner Anblick.”

Aber es gibt eine dritte, noch wichtigere Quelle für “Die Leiche”. Die Novelle ist Kings altem College-Freund und Mitbewohner, George McLeod, gewidmet, was ein unbeabsichtigter Akt der Grausamkeit sein kann. Eines Tages, als King in Orono lebte, fragte er McLeod, woran er arbeitete. McLeod beschrieb eine Kurzgeschichte, die er aufgrund eines Vorfalls aus seiner Kindheit schrieb, in der er und seine Freunde entlang der Eisenbahnschienen aufgebrochen waren, um die Leiche eines toten Hundes zu sehen. McLeods Geschichte enthielt alle Vorfälle, die später in Kings Novelle auftauchten, aber McLeod hat sie nie fertig geschrieben. Als er seine unvollendete Geschichte Jahre später als “Die Leiche” erscheinen sah, beschloss er, das Ganze auf sich beruhen zu lassen. Aber als die Verfilmung “Stand By Me” herauskam, sah McLeod einen TV-Spot dafür und beschloss, King zu kontaktieren. Er bat um seinen Namen für den Film und um einen Teil des Geldes. King lehnte ab und ihre jahrzehntelange Freundschaft ging zu Ende.

Dieser Vorfall wird in “Haunted Heart” von Lisa Rogak, einer nicht autorisierten Biographie über Stephen King, erzählt. Rogak zitiert McLeod und ein paar andere Freunde von King, die ähnliche Vorfälle berichten. “Wenn er sich in der Nähe von etwas befindet, wird er es wie einen Schwamm aufsaugen”, sagt McLeod. “Es ist seine Stärke und natürlich auch seine Schwäche.” Wenn dieser Bericht wahr ist, macht er das Motto des Erzählclubs in “Atemtechnik”, der letzten Geschichte, noch brutaler: Die Geschichte zählt, nicht der, der sie erzählt.

Atemtechnik entstand kurz nach Cujo, um die Sammlung abzurunden, und es handelt sich dabei um eine klassische Geistergeschichte. Sie ist eine von zwei Werken Kings, die in einem privaten Manhattan-Club in der 249B East 35th Street angesiedelt sind. Dort treffen sich alte Männer, um sich Geschichten zu erzählen (die andere ist “Der Mann, der niemandem die Hand geben wollte” in der Sammlung “Blut”).

Das Clubgebäude enthält eine unendliche Anzahl von Zimmern und Gängen, einen mysteriösen Butler namens Stevens, dessen Ursprünge von düsteren Andeutungen und dunklem Getuschel verhüllt sind. Dort versammeln sich alte Männer, spielen Billard, lesen Bücher und erzählen sich gelegentlich Geschichten. “Atemtechnik” spielt zur Weihnachtszeit, einer traditionellen Zeit für Geistergeschichten, und betrifft einen Geburtshelfer und seine Patientin, die entschlossen ist, zu gebären, egal was mit ihr geschieht. So belanglos es sich auch anhört, “Atemtechnik” ist ein lustiges, atmosphärisches Beispiel dafür, wie King sich an einer eher traditionellen Horrorgeschichte versucht und sie aus dem Feld schlägt.

“Frühling, Sommer, Herbst und Tod” enthält eine witzige, aber leichte Geschichte (Atemtechnik), eine ehrgeizige, aber fehlerhafte Geschichte (Der Musterschüler), eine gut geschriebene Geschichte, die sich im Mittelfeld ansiedelt (Pin-up) und einen echten Klassiker (Die Leiche). Die Sammlung kam an einem Punkt in seiner Karriere, als King es leid war, “nur” als Horrorautor etikettiert zu werden, zu einer Zeit, als er beweisen wollte, dass er anders war als die grauenhaften Legionen des Horror-Massenmarktes mit ihren schrillen Covern. Das Buch markierte die Lücke zwischen Cujo und Christine, als Kings Rockstar-Verhalten ein wenig außer Kontrolle geriet und seine Sucht dabei völlig ausbrach. Und damit lieferte er den Bewies, dass er wirklich ein origineller und talentierter Schriftsteller war, jederzeit in der Lage, unterhaltsame Bücher zu schreiben, egal um welches Thema es sich handelte.

Erotik im literarischen Horror

Der Sexus bestimmt unser Handeln.

Das jedenfalls nehme ich stark an, entspringt meiner Wahrnehmung, die ich habe, blicke ich mich um, beobachte ich, wie Wesen und Dinge auf mich wirken. Was mit mir und ihnen geschieht, interagiere ich, empfange ich – ganz nüchtern formuliert – Informationen, die mir meine Umwelt bietet, weil ich ihr meine anbot und versendete. Meine Umwelt. Eine Welt um mich herum. Eine, in der ich jemand anderem Umwelt bin. In der mir der Andere Umwelt ist. Und das in aller Pluralität.

Der Andere. Die Anderen. Das Andere. Das Unbekannte, das mich konfrontiert.

Das im Dunkeln Liegende. Zu Erforschende. Nicht selten Angst machende. Der Horror in der Welt. Der Horror in mir. Die Fähigkeit zur Furcht, die uns angeboren ist. Die im Laufe unseres Lebens, über ein kollektives Gedächtnis hinaus und sich doch aus diesem speisend, die verschiedensten Gestalten und Formen annehmen kann, die in unserem Handeln ihren Ausdruck findet. Sich gar in unserer Erscheinung, unseren Verhaltensweisen, ganz allgemein in Codes niederschlägt. Nicht zuletzt in den Künsten. Wie z.B. der Literatur, die dem Horror und der Erotik ganz eigene Zweige und Nischen gönnt. Eros (Amor) und Psyche. Wie sie in der griechischen Mythologie beschrieben sind. Und im Grunde von nichts anderem erzählen als vom Resultat der Trennung des Kugelmenschen in Mann und Frau. In zwei sich Suchende, die sich wieder vervollkommnen und erkennen wollen. Zwei Körper, die sich zwar wesentlich aber doch nicht so wesentlich unterscheiden, als dass sie nicht auch als ein Gleiches zu verstehen sind. So könnte z.B. der Penis des Mannes auch als ausgestülpte Vagina gesehen werden.

Einzig die Fortpflanzung, der Fortbestand unserer Art braucht die Differenz der beiden Geschlechter. Den Samen des Mannes, die Eizelle der Frau. Besonders aber die Tatsache, dass wir zu den Säugetieren zählen, spielt beim Eros, wie auch beim Horror und wie wir ihn wahrnehmen, die entscheidende Rolle. Bindungswille und Bindungserfahrung sind für uns nicht nur überlebenssichernde Faktizitäten, sie befähigen uns auch zur Kunst, zur Poesie, zur Musik, ganz allgemein zur Phantasie. Und zu guter Letzt zur Liebe. Verlust und Sehnsucht. Schmerz und Freude. Jedoch öffnen sich somit auch die Tore zur Angst, aufgrund dessen, dass diese Faktizitäten gegeben sind. All das, weil wir ein Soma haben. Eines zudem, das stetig den Anschluss zur Welt sucht. Nur sind diese seelisch-somatischen Nabelschnüre keine sichtbaren, wie die eine, die uns einst mit dem Mutterkuchen verband. Das mag uns stark an eine Matrix erinnern, wie sie in der Literatur und im Film, besonders im Science-Fiction-Genre, immer wieder zum Gegenstand wurde. Ebenso erinnert es an Gigers Biomechanoide und ihr Angeschlossensein. An die Mutter, das Kind, die Welt, das Leben selbst. Der seelische Ausdruck wird uns und unserer Umwelt durch unsere Körper, unser Erscheinungsbild gewahr. In dem von mir sog. Soma, so, wie ich es verstehe. Der Seele und wie sie sich darin zeigt. Auch in ihrem Horror.

Die Angst, die ein gewaltiger Niederschlag in unseren Körpern ist. Die ihrerseits, droht Gefahr, sofort reagieren. Unsere Härchen stellen sich auf, wir machen uns größer. Die Atmung und der Puls beschleunigen sich, wir sind zur Höchstleistung bereit. Der Angstschweiß lässt uns glitschig werden, damit Feinde uns nicht greifen können. Die Regenbogenhaut akkommodiert unsere Pupille, sie vergrößert sich, als rängen wir im Dunkeln nach Licht. Hormonausschüttungen, wie die des Adrenalins, machen aus uns in den meisten Fällen, stocken wir nicht vor Angst, rasende Furien, die sich und ihre Lieben bis aufs Blut verteidigen würden. Was uns wiederum darin entlarvt, dass wir uns nicht nur durch das Unbekannte, das Fremde definieren, sondern dass wir uns auch als zugehörig erfahren, als nicht monadisch, Säugende und Sorgende sind. All das, was wir seit der Entstehung im Mutterbauch durch unsere uns gegebenen Sinne erleben. Kultur und Familie spielen dabei die größte Rolle. Und auch sonst einfach alles, was zur Sozialisation eines Menschen hinzugezählt werden darf. Darüber hinaus betrachtet die Wissenschaft noch andere uns prägende Aspekte, die sich mit den Memen als auch mit dem genetischen Gedächtnis beschäftigen. Der Evolution im weitesten Sinne. Also der Veränderung / Transformation der Wesen in Abhängigkeit zu ihrer sich ebenso stets verändernden Umwelt. Und es scheint, trotz allen Wandeln, denen wir unterliegen, so etwas wie Urformen des Horrors zu geben. Ängste, die entgegen allen Fortschritts, oder auch wegen diesem, doch in ihrem Wesen, seit den ersten Menschen und der Sage vom Garten Eden, in der Welt existieren, wenn sie auch in ihrer Erscheinungsform sich stets verändernde sind. Wir erkannten, dass wir nackt waren. Und somit zog neben dem Eros auch der Horror in die Welt.

Nehmen wir nur einmal diverse Protagonisten, die uns nach dem Leben trachten, um ihren eigenen Bestand zu sichern, wie sie in der Phantastik, der Grusel- und Horrorliteratur dieser Welt zu finden sind. Seien es Vampire, Werwölfe, Hexen, Zombies, Ghule, Dämonen, Mumien, Geister und andere bizarre Wesen. Einige entstammen den Märchen. Andere wieder Reichen, die dem Glauben entspringen. Und ganz andere lassen uns spüren, dass der Tod ein jenseitig eigenes, undurchmessbares Reich darstellt. All jenen Aufgezählten begegnen wir jedoch schon in diesem Leben, zwischen Himmel und Hölle, je sensibler wir sind. Wir können sie uns vorstellen, wir phantasieren, vermuten, spüren, nehmen wahr. Wir werden ansichtig. Sie beleben uns, wie wir sie beleben. Und beileibe, das ist das, was wir seit frühester Kindheit können.

Da ist was.

Was ist das?

Das Was. Ein Etwas. Das noch Undefinierte / Unbekannte. Der Phantasie Freigegebene. Ein Es. Wie wir es seit eh und je kennen, ohne es zu kennen. Oder wie es uns Stephen King mit seinem Roman Es eindringlich aus der Sicht von einer Gruppe Kindern geschildert hat, die sich und ihre Sexualität in ihrer, der sie umgebenden Umwelt, entdecken. Hier geschieht dies besonders in Abgrenzung zu den Eltern und allen anderen erwachsenen Einwohnern der Stadt. Zusammengenommen, und das bildet die Kluft: zu den ihrer Kindheit entwachsenen. Wir entdecken, decouvrieren, blößen und werden geblößt.

Die Sexualität des Menschen, das Erwachen jenes Selbst, das des anderen Geschlechts und des eigenen gewahr wird, des Lebens und woher es kommt, wie es sich gebiert und stirbt, und immer wieder gebiert. Der Eros oder die Erotik, die sich mit dem Trieb Thanatos verbindet. Der Liebesakt, der schon lange als ‘kleiner Tod’ bezeichnet wird, trägt dieses voneinander untrennbare, sich bedingende Verhältnis vom Horror und der Erotik in sich.

Den Begriff der Erotik möchte ich hierbei jedoch als einen in seiner Erscheinungsform zu Tage tretenden verstanden wissen, also als einen, der als konturierender fungiert, der seine (Vor-)Züge darbietet und preisgibt, während der Begriff des Eros für mich der grundlegend motivierende, der lebenskonstituierende ist.

Schon Poe formulierte einst, durch den Tod seiner jungen Frau geprägt:

„Der Tod einer schönen jungen Frau ist ohne Zweifel das poetischste Thema der Welt.“

Morbidität und nekrophile Züge, wie wir sie auch in Poes Werken finden, sind besonders in der Horrorliteratur keine Seltenheit. Die Monstrositäten, die wir uns erschreiben und erlesen, sind so faszinierend und phantastisch, wie wir selbst es sind. Dass hierbei dem Begriff des Ekels ein tragender Stellenwert eingeräumt werden muss, liegt, denke ich, nahe, da sich diverse Ängste in diesem auf mannigfaltige Weise äußern. Der Ekel vor Tieren, vor Essen, dem Geschlecht, vor anderen Menschen, vor Krankheiten usw.. All das, was uns aus Erfahrung von Generation zu Generation noch immer vorsichtig sein lässt. Wie wir z.B. nichts Verdorbenes oder uns ganz und gar Fremdes, hat es noch niemals unseren Magen-Darm-Trakt passiert, essen oder erst einmal nur mit Vorsicht genießen sollten. Unser Magen reagiert sofort. Auch Tiere können uns gefährlich werden, wie wir wissen. Sporen, Bakterien und Viren können uns krank machen. Die Überträger sind nicht selten wir. Die Anderen. Der Andere. Alles, was uns daran erinnert, dass wir sterblich und endlich sind. Der Ekel vor dem Leben, dem Zerfall. Dass das aber alles mit irrationalen Ängsten einhergehen kann, wie sie sich z.B. in Phobien und Zwangshandlungen manifestieren und äußern, liegt nicht selten an wiederum anderen, heutigen neuen Ängsten, die den Menschen im Zuge des Fortschritts in die Mangel nehmen, die ihrerseits an eben diesen Urängsten und ihren Erscheinungsformen rühren. Interessant ist dabei aber doch, obwohl wir mit unseren Vorfahren nicht mehr die selben Habitate, und wie sie in ihnen lebten und überlebten, teilen, dass wir uns grün darüber sind, dass die Fressen-und-Gefressenwerden-Angst, jene, die uns unsere Sterblichkeit besonders vor Augen führt, eine nicht zu eliminierende und ständig vorherrschende ist. Waren es früher Tiere, die uns potenziell reißen konnten, ist es heute die Diktatur des Kapitalismus.

Und wieder, spätestens mit der Industrialisierung, verloren Mann und Frau ihre geschlechtliche Identität auf eine neue und andere schmerzliche Weise, die bis dahin schon durch die kirchliche Doktrin und ihre Teufelspsychose gemartert worden war. Sie verloren ihre aus der Trennung voneinander resultierende, aus sich selbst gegebene Vorstellungskraft, die eine sich gegenseitig nährende ist. Wir wurden selbst zur Ware. Zu einer Stuff-only-Gesellschaft. Unser Sexus, die eigentliche Kraft, die uns in allen Lebensbereichen unsere Positionen finden lässt und befeuert, ausverkauft. BDSM-Praktiken, in denen wir unsere Sexualität und unseren Schmerz vor allem durch Rollenspielhierarchien erfahren, in denen das unschuldige, das liebkosende Element völlig fehlt, sind die Folge. Sie sind gar zu einer Erlebniskultur von wirtschaftlichem Interesse geworden. Zwar ist die uns gegebene Fähigkeit zur Pervertierung etwas, das es uns auch ermöglicht weiterzumachen, die Dinge für uns zu wandeln, sie zu nutzen, wie sie uns benutzen, jedoch erinnert es uns allenfalls an einen Schmerz durch einen gesetzten Schmerz. Wir lernen darüber nicht, ihn auch wieder durch die Freuden und Zuwendungen zu empfinden, die wir in der Vereinigung beim Liebesakt erfahren. Und zwar dann, wenn wir uns nicht allein nur in eingleisigen Rollen begegnen, die eine Repräsentative eines Systems darstellen, das uns unentwegt Gewalt antut. Dann, wenn wir uns im und durch den Liebesakt mit oder ohne Rollenspiele demaskieren, fern eines jeglichen Leistungsdrucks. Ohne den auszukommen wir immer weniger in der Lage sind und sein werden. Wir verunmöglichen uns.

Dem steht die Literatur, stehen die Künste entgegen. Vielleicht letzte Bastionen, Spiegel unserer Seele, solange wir das Du noch aufrecht erhalten können, die diese, unsere Monstrositäten verstoffwechseln, in denen wir uns spiegeln und uns auch erkennen. Das, was uns Angst macht, uns durchdekliniert und eintreibt. Wir müssen selbst zu Monstern werden, um zu verstehen, was das sich Zeigende ist. Wir phantasieren, pervertieren und erzählen. Und das ist auch notwendig. Der Horror, dem wir uns seit der Verweisung aus dem Paradiese, dem hortus conclusus ausgesetzt sehen, erfährt durch die Literatur Kontur. Die Erotik kann hierbei als ein evozierendes Moment verstanden werden, als auch als ein Verletzliches, Bedrohtes. Dass Mann und Frau, die Geschlechter selbst in all ihren Attributen ebenso monströse und bizarre Erscheinungsformen annehmen können, steht außer Frage, und gilt ebenso für ihre Fähigkeiten, die sie darüber und in der Konfrontation mit dem Horror ausbilden und erlangen. Anders wiederum verhält es sich, sind sie, die Geschlechter, selbst Gegenstand des Horrors, der aus ihnen erwächst. Eddie M. Angerhubers Visionen von Eden gibt hierfür ein grausames Beispiel. Sie erzählt von einer verfallenen Post-Armageddon-Stadt, in der nur wenige überlebt haben. Und das nur, weil sie sich vom Fleisch der Toten ernähren, die sie noch finden – und deshalb auch weiterhin überleben – und sich zu einer neuen Art entwickeln, die doch nur als Kinder der Untergegangen zu verstehen ist. Als tierisch, hungrig und krank werden sie beschrieben. Wir finden Frauenkörper in Verschlägen, denen teilweise der Kopf, die Arme und Beine fehlen, die von einer Art Elektromotor betrieben werden, da Kabel in ihre Stümpfe laufen, der sie durch unregelmäßige Entladungen zu heftigen Zuckungen veranlasst. Torsi, die von invaliden Männern zum Kopulieren genutzt werden. Wir befinden uns in einer Welt, in der der Mensch sich mutterseelenallein vorfindet. Hier hat der Horror die Erotik sogar getilgt. Und doch ist sie im Eros, in den toten Torsi der Frauen noch enthalten, auch wenn sie nicht wirklich stattfindet. Da es tatsächlich ausschließlich Frauenkörper sind. Keine Männer-, Kinder- oder Tierkörper. Oder gar etwas anderes. Wenn auch beidseitig alle Reanimationsversuche fehlgehen. Die der Männer, da sie mit einem toten Frauenkörper kopulieren. Wie auch die Körper der Frauen, die durch die Stromstöße nur scheinbar belebt werden. Es zeigt, dass wir vermöge sind in den feindlichsten und unwirtlichsten Umgebungen zu überleben. Doch zu welchem Preis?

Schauen wir uns den Lovecraftschen Horror an, finden wir uns in ebenso lebensfeindlichen Welten wieder, in einem Kosmos „der großen Alten“, in dem wir uns weniger als Pfifferlinge wert fühlen. Hochgradig unwirtliche Welten, in denen aber doch, schaut man sich Studien an, die das Werk H. P. Lovecrafts unter Zuhilfenahme seiner Biographie betrachten, der Eros, die Erotik eine ganz und gar pervertierte Rolle spielt. Wir wissen, dass sich der Autor vor allem, was aus dem Meer kommt, geekelt hat. Wir wissen, dass es ihm Zeit seines Lebens kaum vergönnt war eine gesunde und intakte Beziehung zu führen. Worte der Liebe waren ihm unmöglich. Wir wissen, dass seine Mutter ihm Mädchenkleider angezogen hat. Nun mag man einwenden, dass ein Werk nicht den biographischen Schlüssel zur Not hat, es mit einem solchen gar zu einer eindimensionalen Leseerfahrung im Modus einer Psychoanalyse kommt. Aber doch ist auch das ein Weg ein Werk zu erfahren. Besonders die Fischartigen wie z.B. Cthulhu oder Dagon, die dem Meer zugeordnet sind, werden als abnorme Wesen ausgedeutet, die in ihrer Gestalt, unter genau dieser Prämisse, einer Sicht auf beide Geschlechter entspringen, die als bedrohlich, vernichtend, mit einem starken Ekel einhergehend empfunden wird. Ähnlich wie wir es auch von der vagina dentata kennen. Oder von den Ungeheuern Charybdis und Skylla aus Homers Odyssee, die jene Meeresenge bewachen, die in der Argonautensage von Iason mit der Argo passiert wird.

Ganz anders verhält es sich mit dem Vampir, unserem wohl populärsten Wesen der Grusel-, Schauer- und Horrorliteratur, der hier herausgehoben sei, obgleich es noch viele andere faszinierende Kreaturen gibt. So hat Joseph Sheridan Le Fanu mit seiner 1872 erschienenen Novelle Carmilla zu jener Zeit einen eigenen, heute fast vergessenen Vampirmythos in die Welt gehoben, der unserem Gedächtnis einen Prototyp des weiblichen Vampirs zurückgibt, der noch anderen Gesetzen gehorcht, als jene, die wir nunmehr kennen, die stark von Stokers Mythos beeinflusst sind, dem genau dieses Werk für seinen epochemachenden Dracula zur Inspirationsquelle wurde. Und hat sich nicht auch Lawrence Durrell in Pursewardens Erzählung schwärmerisch ausgelassen über ein Rendezvous mit einem Vampir? Und noch weit davor Philostratos, der die Geschichte einer untoten Empuse erzählt, die nach allen Regeln der Kunst einen schönen Jüngling verführt? – Insbesondere die Romantiker waren es, die die erotischen Vamps zur Metapher erblühen ließen. Die vielleicht sinnlichste Vampirin aller Zeiten wurde jedoch von Théophile Gautier ersonnen: Die Kurtisane Clarimonde, die den jungen Priester Romuald in Liebesraserei versetzt. „Ich habe geliebt wie kein Weltlicher jemals geliebt hat“, gesteht er, dem Clarimonde mit einem Stich ihrer goldenen Haarnadel die Adern öffnet. Behende stürzt sie sich auf die Wunde, die sie mit dem Ausdruck unbeschreiblicher Wollust aussaugt. Ein Wesen also, das es schon immer vermochte in allen Genres der schreibenden Zunft zu hausen, nach dem Blute zu gieren, aus dem es entspringt und dabei, durch verschiedene Kulturen geprägt, seine ganz eigene Genese erfahren hat. Das nicht tot zu kriegen ist. Wie denn auch?! Ihm / ihr beikommen? Ein Wesen pfählen, dass Sie immer noch an den Menschen erinnert, den Sie lieben? Würden Sie, ohne mit der Wimper zu zucken, Ihre Frau, Ihren Mann, Ihren Vater, Ihre Mutter oder Ihr Kind pfählen? Schaffen Sie das? Ich vermute: Sie schaffen es nicht. Vielleicht würden Sie sich sogar beißen lassen, nur um weiterhin mit ihren Lieben sein zu können. Das ist menschlich. Und Fluch zugleich. Vielleicht aber auch ein Segen, manchmal, wenn es gut ist, dass Blut dicker als Wasser ist. Denn was wären wir ohne Bande, Familie, Weggefährten, wenn wir niemals so etwas wie Bindung erfahren hätten? Wahrscheinlich das, was ein Vampir nicht sein will, was ihm über die vielen Jahrhunderte, die er durchwandelt, zum Fluch, zur ewigen Hölle wird, das er selbst ist und seit jeher schon war: ein Vampir. Abhängig vom Blut derer, die es noch nicht sind, jedoch stets Gefahr laufen, es zu werden. Und so erfüllt, in all seinen diversen Erscheinungsformen, in seinem Bedürfnis nach Erlösung, das aus seinem Daseinszustand resultiert, besonders der Vampir für mich den Superlativ einer Sirene. Er ist die Personifizierung des betörend abgründigen Gesangs jener fischschwänzig Wissenden, die uns und unser Geschlecht ganz gut kennen, die nicht wenige in die Tiefe gerissen haben, haben sie es auf ihrer Odyssee nicht schnell genug geschafft, sich die Ohren mit Wachs zu verpropfen. An was es uns mangelt, nach was es uns ruft, zeigt uns der Vampir auf eine gewaltige Weise, besonders weil das mit Blut geschriebene Elektrokardiogramm feinste Ausschläge nachzeichnet, wie uns die Autoren der einzelnen Genres lesen lassen. So auch Michael Perkampus, der in dieser kurzen Impression, das Wesen der Liebe und die mit ihr verbundene Furcht zu zeigen vermag:

Vampyradonna

„Wie soll ich dich denn lieben, wenn du mich andauernd beißt!“
Die Vampirin erschrickt, nackt. Ihr Mund ist erschöpft, ihre Brüste schneeweiß.
„Schau dir diese Sauerei nur an!“ Er hält seinen Arm vom Körper weg, sie schaut dem Tropfen des Blutes zu. Sie weiß nicht, was ihm denn diesen Glanz aus den Augen raubt, der sie überhaupt veranlasste, ihm zu folgen. Ist es das herausrinnende Blut? Ja, sein Blut hat anderes zu tun, als seine Leidenschaft wieder aufzurichten. Es geht um sein Leben, um ein Leben, das sie nicht kennt.
„Wenn ich von dir lasse, wirst du sterben.“
Er tollt herum, jetzt außer sich, weil er weiß, dass sie recht hat. Er dreht sich im Kreis.
„Jetzt ist es genug! Du musst mir gehören!“
Er sackt auf die Knie, der Arm ist angebissen. Wenn er so an sich herabschaut, dann sieht er noch viel mehr Wunden. Sie geht langsam auf ihn zu, ganz das verschüchterte Ungeheuer.
„Geh weg!“
„Wenn du das wirklich wolltest …“
Die Bäume rauschen, bilden einen dunklen Chor. Die Nacht ist mondhell, die Vampirin kommt näher. Er kniet, sie kommt näher, aber zögernd, denn sie will ihm nichts tun. „Du verblutest, wenn ich nicht …“
Nur Blut; ihm schwinden die Sinne.
„Wenn ich nicht weitermache“, beendet sie den Satz.
„Was bist du?“
„Aber ich bin doch nur wegen der Nacht und wegen dir hier!“
Schon kommt der Tod, seine Arme fuchteln, Blutrubine spritzen davon, während er fällt, nach frischem Eisen duftet. Sie hat ihn schwer erwischt, das kann man nicht leugnen. Er verblutet und sie kann nichts weiter tun, als sich so allein neben der Leiche zu fürchten.

Ein weiteres, kaum bekanntes aber doch sehr spannendes Kuriosum – und daher sei es hier aufgeführt – ist das Old-Hex-Syndrom, das dem des Vampirs in seinem Wesen verwandt ist und das wir am ehesten bei den Romantikern verstoffwechselt sehen. Eine wahre Horror-Erscheinung. Nicht wirklich ergründet, befiel es viele Schreiber zu jener Zeit. Vor allem junge Männer, die zwischen 20 und 35 Jahre alt waren. Heute ist dieses Phänomen auch in medizinischen Fachkreisen durchaus bekannt. Es beschreibt den Augenblick zwischen Wachsein und Schlaf, wenn die Seele langsam abgleitet – wir wissen nicht, wohin. Auf einmal erscheint sie: ein altes Weib: die Hexe, obgleich sie zuvor vielleicht eine junge schöne Verführerin war. Sie nähert sich dem Bett, umkrallt mit eisernem Griff die Schulter des Beinaheschlafenden, legt sich wie Blei auf die Brust des jungen Mannes – ein völlig realer Eindruck, wie Walter von Lucadou von angsterfüllten Patienten erfuhr. Das Geschehen ist unheimlich, grauenhaft: das Atmen fällt schwer, der Bedrängte bekommt keine Luft. Das erinnert stark an die Kippbilder, die uns zu spontanen Gestalt- bzw. Wahrnehmungswechseln anregen. Wie es auch Charles Baudelaire in Die Verwandlung des Vampirs zu zeigen imstande war:

Das Weib mit rosigem Mund begann den Leib zu recken,
Wie sich die Schlange dreht auf heißem Kohlenbecken, …

Wir haben Ängste. Ein aus der Erkenntnis kommendes Vermögen, das unserer Fähigkeit entstammt, uns im Anderen zu spiegeln. Der Du-und-Ich-Annahme, die uns alle in einem frühen Stadium unseres Lebens ereilt und mir nichts anderes bedeutet, als dass wir diesen Zustand, in dem wir kurze Zeit als Neugeborene noch waren, in dem es kein Außen und Innen gab, in dem wir noch mit der Welt untrennbar verwoben alles waren: die Mutter, der Vater, das Kind, der Raum, das Geräusch des Baumes vor dem Fenster, der Windzug, der Duft der frisch gewaschenen Kleidung, das Kleidchen selbst …, wieder versuchen. Wir sollten uns durchspielen, wie es die Autoren in ihren Geschichten tun bzw. ihre Protagonisten auch mit ihnen. Wir sollten auch verstehen, warum. Um dann nicht mehr mit der Wimper zu zucken, weil man uns die Augen auswäscht, bis wir uns nicht mehr sehen, zu blinden Spiegeln werden, da uns die Sinne versiegelt wurden. Daher noch einmal: Der Sexus bestimmt unser Handeln. Ebenso nehme ich an: Auch Ängste tun das. Notwendigerweise! Politisch geschürte Ängste, die nichts anders zur Grundlage haben als ein wirtschaftliches Interesse, wiederum, wie bereits erwähnt, martern unser Geschlecht.

Und so kann ich mich fragen, ob es besonders das Horrorgenre ist, das am häufigsten mit erotischen Konnotationen und Expliziten durchwirkt ist, das sich nicht selten den Vorwurf gefallen lassen muss, als besonders pornes Genre zu gelten. Woran sich mir die wiederum die Frage schließt, was sind die Grenzen eines Genres? Was sind die Kriterien, die erfüllt sein müssen, um von einem solchen, von uns bestimmten zu sprechen? Und wo nehmen wir sie her, um Zuweisungen zu machen? Meiner Auffassung nach gibt es sie nicht. Denn je mehr ich mich diesen Grenzen nähere, umso mehr weichen sie an vielen Stellen auf, werden durchlässig. Dass wir aber – bleiben wir der Einfachheit halber beim Genrebegriff – besonders im Horrorgenre weite Gefühlsspektren aufgeworfen vorfinden, wie wir es ebenso von der Erotischen Literatur kennen, mag an der existenziellen Verbindung der uns von Geburt an gegebenen zwei Fähigkeiten liegen: dem Vermögen Furcht und Horror zu empfinden, als auch vermöge zu sein, uns in einer Weise zu begegnen, die dem Gott Eros manchmal in nichts nachsteht. Schon gar nicht in der Literatur. Schon Platon war so schlau, fiktional oder nicht, Sokrates dem Leser von Diotimas Unterweisungen in Sachen Eros künden zu lassen. Und so kann ich festhalten: Die Horror-Literatur bietet die Erotik auf eine Weise feil, wie es andere Genres nicht tun. Wir empfinden ihn besonders durch unser Geschlecht. Dem Ich und Du. Weil es uns angeht, uns etwas versehrt und gefährdet. Der Horror und die Erotik. Das will zusammen. Will verstoffwechselt, pervertiert und gesponnen werden. Zwei enorme Sujets, die miteinander kollidieren und fusionieren. Was dem Einen zum Dirnenvorwurf gereicht, ist mir ein breites Spektrum, dessen Farben vom Existenzialistischen bis zum Phantastischen reichen.

 

Dieser Essay erschien bereits im >>>IF Magazin für angewandte Fantastik #666 Horror: Fünfzehn Erzählungen schlagen einen Bogen von der klassischen Geistergeschichte hin zum Horror des Realen, ohne dabei den Boden des Fantastischen zu verlassen. Mit Stories von: Adam Nevill, Bernhard Reicher, Christian Weis, Erik R. Andara, Holger Vos, Ina Elbracht, Jörg Kleudgen, Markus Korb, Michael Buttler, Michael Perkampus, Philipp Schaab, Tobias Bachmann, Tobias Reckermann, Ulf R. Berlin und Uwe Durst. Artikel: Adam Nevill, Albera Anders, Björn Bischoff, Erik R. Andara, Frank Duwald, Karin Reddemann, Michael Perkampus und Tobias Reckermann. Illustrationen: Daniel Bechthold, Erik R. Andara, Jonathan Myers, Jürgen Höreth, Peter Davey, Serhiy Krykun, Thomas Hofmann und Ulf R. Berlin.

Andockbare Ziele

In vielen Textformen spüre ich nach der Essenz des Andockens. Man spricht so oft von dem, was zwischen den Zeilen steht, nur steht da nichts (ich habe nachgeschaut). Der wahre Autor weiss nicht, was er tut und kann deshalb auch nichts zwischen die Zeilen schreiben. Völlig absichtslos aber widerfahren ihm andockbare Ziele. Die wahre Sprache besteht nicht aus dem, was gesagt wird und auch nicht aus einer rhetorischen Figur. Das alles ist Augenwischerei. Ob jemand trivial oder literarisch schreibt ist unerheblich. Ein Text ist immer nur ein Text. Unser Grunzen, das wir in Zeichen gießen, bedeutet gar nichts. Wir können uns damit nicht einmal mit einer anderen Spezies unterhalten. Ich las meinem Hund und meinen Katzen jene Passagen vor, zu denen ich gerne ihre Meinung gehabt hätte, aber erst, als ich mich mit ihnen um einen Trog versammelte, um auch mein weiches Flotzmaul in den weichen Matsch zu pressen, zeigten sie eine andere Reaktion als aufmerksame Langeweile. Entsetzt waren sie nicht, denn sie hatten mich ja noch nie etwas – nach ihren Maßstäben – auf vernünftige Weise essen sehen. Immer saß ich an einem Tisch und bröselte zu ihnen hinunter. Mit Literatur war ihnen nicht geholfen. Und bei meinen Pflanzen bin ich mir auch nicht sicher. Ich hatte es mit Lovecraft, Antonin Artaud, Friederike Mayröcker und Stephen King versucht (ich glaube, bei Mayröcker schlugen ihre grünen Schuppen leicht aus).

Ich frage mich also, was das sein soll, wenn man sich in seinem Leben ausschließich mit Literatur beschäftigt (abgesehen von einigen Ausflügen in die Klangschalen der Musik, die ich jedoch noch nie abseits der Poesie verortet habe, auch nicht, wenn es richtig kracht und scheppert. Ich höre mir eine Band, die klingt, als hätte man sie zusammen mit ihren Instrumenten die Kellertreppe hinuntergetreten, ebenso an wie den göttlich-gestörten Schumann. Berührungsängste habe ich nur bei Idioten, also bei Idioten, die mit jeder Äußerung ihres Gemüts danach schreien, Idioten genannt zu werden. Demnach bei fast allen.) Gestern habe ich mir den zweiten Brenner-Film angeschaut, weil ich vor lauter Müdigkeit und Kopfschmerzen nicht lesen konnte. Fast täglich kommen die noch fehlenden Kanonbücher herein, Jonathan Lethem, Egon Loesers, Edward Carey. 

Stephen King: Cujo

Das Buch, das King als nächstes angehen sollte, bekam den Namen Cujo, und es handelte nicht von Gespenstern oder übernatürlichen Machenschaften. Ähnlich wie damals, als er nach Colorado zog, um Shining und Das letzte Gefecht zu schreiben, war er auf der Suche nach Inspiration. Im Herbst 1977 besuchte er zu diesem Zweck England und schrieb dort einen experimentellen Thriller, der bis heute seines gleichen sucht. Und obwohl er in einem Interview sagte, dass er verrückt würde, wenn er ständig über Maine schriebe, siedelte er Cujo in Maine an, in einem Sommer, der äußerst heiß daher kam.

England war jedoch nicht das, was King erwartet hatte. Seine ganze Familie hatte dort keine gute Zeit, und er selbst brachte kein Wort zu Papier. Er fühlte sich ausgebrannt und uninspiriert. Das Haus, in dem sie lebten, war nicht warm zu bekommen, und so brachen sie ihren Aufenthalt, der ein ganzes Jahr dauern sollte, ab und kehrten nach bereits drei Monaten nach Hause zurück. Allerdings hatte King das entscheidende Detail zu Cujo in England erhalten. Dort nämlich las er einen Artikel in der Zeitung, der davon handelte, wie ein Kind in Portland von einem Bernhardiner getötet wurde. King war schon immer ein Meister darin gewesen, die Dinge miteinander zu verknüpfen, und so dachte er an seinen Motorradausflug, den er im Jahr davor unternommen hatte, als sein Motorrad im Nirgendwo plötzlich stehen blieb. Ihm gelang es gerade noch, das Bike zu einem Mechaniker in der Nähe zu bewegen, bevor es endgültig den Geist aufgab. Von der anderen Straßenseite hörte er ein unheimliches Knurren und sah einen riesigen Bernhardiner, der sich gerade bereit machte, ihn anzugreifen. Der Hund gab nur nach, weil der Mechaniker zu ihm hinüberschlenderte und ihm einen Schlag mit dem Steckschlüssel gegen die Hüfte verpasste.

Als nächstes dachte King an den zerschundenen alten Pinto, den er und Tabitha sich von seinem Vorschuss für Carrie gekauft hatten. King fragte sich, was wäre, wenn diese alte Karre im Nirgendwo den Geist aufgegeben hätte? Was, wenn seine Frau den Pinto gefahren hätte? Was, wenn sie eines ihrer Kinder dabei gehabt hätte, und wenn niemand gekommen wäre, um den Bernhardiner zu besänftigen? Tja, und was wäre, wenn der Bernhardiner tollwütig gewesen wäre?

Relativ schnell spielte King das Szenario durch: die Mutter sollte gebissen werden und sich mit Tollwut anstecken. Dann sollte sie darum kämpfen, nicht ihrerseits ihren Sohn anzugreifen. Er hatte bereits die ersten siebzig Seiten geschrieben, als er herausfand, dass die Inkubationszeit für Tollwut bei dieser Idee nicht ganz mitspielte. Aber King brannte förmlich, und eher er sich versah, hatte er die ersten hundert Seiten seines neuen Buches vor sich liegen, das heute als das „Suffbuch“ bekannt ist.

In Das Leben und das Schreiben verewigt er Cujo mit folgenden Worten:

„Am Ende meiner Abenteuer trank ich einen Kasten Bier am Abend, und daran, Cujo geschrieben zu haben, kann ich mich gar nicht erinnern. Ich mag das Buch, ich wünsche, ich könnte mich daran erinnern, wie ich die guten Stellen schrieb.“

Was Schriftsteller trinken ist manchmal berühmter als das, was sie schreiben – und diese Aussage hat die Virtuosität des Romans vielleicht für immer überschattet. King hat eine Menge hineingepackt in dieses für ihn schlanke Buch.

Jeder kennt das Hauptthema – eine Frau und ein Kind, in einem liegengebliebenen Auto gefangen von einem tollwütigen Bernhardiner – aber das Buch selbst hat eine sehr seltsame Unterströmung. Viele Thriller arbeiten mit zwei oder drei Handlungssträngen, die sich dann irgendwo treffen. Cujo hat drei Handlungsstränge, und in jedem von ihnen unterschiedliches Personal, und keiner von ihnen hat etwas mit dem anderen zu tun.

Im Mittelpunkt stehen Donna Trenton und ihr vierjähriger Sohn Tad, die gemeinsam zu Joe Camber hinausfahren wollen, um den alten Pinto reparieren zu lassen. Als sie an der Werkstatt ankommen, ist bereits das halbe Buch rum, und als der Pinto mit letzten Zuckungen in der Einfahrt stehen bleibt, kennen wir Donna ziemlich gut. Sie ist selbständig, nicht all zu pfiffig, und verhält sich passiv innerhalb ihrer Beziehungskrise mit Tad.

Tad selbst ist ein Kind, das in sich eine Menge Wut angestaut hat und Angst vor seinem eigenen Schatten hat. In einer langen Beschreibung zeigt King, dass Tads Bewältigungsstrategien aus sinnlosen Tätigkeiten bestehen, weil er sich nur allzu bewusst über die Probleme seiner Eltern ist. King hat hier wieder einmal seine Parademomente, denn wenn man ihm eins nicht absprechen kann, dann ist es sein fast schon unheimliches Verständnis gegenüber seinen Figuren und deren Innenleben.

Der kleine Pinto wird zum Schauplatz einer psychologischen Studie, in dem sich Donna in eine Kriegerin verwandelt, für die es allerdings zu spät ist, jemanden außer sich selbst zu retten.

Handlung Nummer zwei erzählt die Geschichte von Donnas Ehemann Vic, dessen kleine Werbefirma gerade seinen größten Kunden dank verunreinigter Frühstücksflocken verloren hat. Vics Werbeagentur wird zum Sündenbock im folgenden PR-Desaster. Er und sein Partner Roger müssen nach New York fliegen, um zu retten, was noch zu retten ist. In der Nacht, bevor er fliegt, entdeckt er, dass Donna eine Affäre mit einem lokalen Tennisprofi hatte.

Der dritte Handlungsstrang gehört Joe Camber, dem Besitzer Cujos, selbst. Camber ist ein übler Hinterwäldler, der seine Frau mit einem Gürtel schlägt und für den es das Größe ist, am Wochenende nach Boston zu fahren, um dort die Zeit mit Nutten, Schnaps und Baseball zu verbringen. Er hat ein Händchen für Maschinen, aber das ist auch das einzig Gute an ihm. Die wirklich eindrucksvolle Figur jedoch ist seine Frau Charity. Sparsam, fromm, sittsam und gerecht. Normalerweise wäre sie eine von Kings bösartigen Christinnen, aber hier versetzt sich King in ihre Lage und schafft nach Cujo selbst den charismatischsten Charakter.

Nichts an diesen Plots ist neu, aber King wäre ja nicht einer der besten Erzähler aller Zeiten, wenn er nicht einige Kühnheiten in der Hand hätte. Hier besteht sie aus Parallelmontagen. Im Augenblick der höchsten Spannung im alten Pinto, als es so aussieht, als würde Tad an Dehydrierung sterben, schwenkt King auf eine Szene mit Charity und ihrem Sohn Brett, die bei Charitys Schwester gemeinsam frühstücken. Oder er zeigt uns, wie Vic und Roger sich überlegen, wie sie ihre Firma retten können. Außerdem ist es bemerkenswert, dass sich die Handlungsfäden nicht berühren. Trotzdem sind überall Spannungsmomente erster Güte eingebaut, und alles zusammen ergibt das Gesamtbild.

Seltsamerweise sind die beiden anderen Plots zwingender als der eigentliche Hauptteil, obwohl darin Donna und Tad um ihr Leben kämpfen. Vielleicht liegt das an der vorzüglichen Kontrastierung der Figuren. Charity ist da aktiv, wo Donna passiv ist, stark dort, wo sie schwach ist. Alle Figuren stehen vor überwältigenden Problemen, aber Donna hat keine Wünsche über den Tag hinaus. Vic und Charity wollen beide ihre Umstände ändern – und das führt sie in unerwartete Situationen.

King teilte Cujo ursprünglich in Kapitel ein, aber er wollte, dass sich das Buch anfühlt wie „ein Ziegelstein, den jemand durch die Scheibe wirft, wie ein wirklicher Angriff. Es ist anarchisch, wie eine Punkrock-Scheibe.“ Das Ergebnis ist ein Buch, in dem die Worte ununterbrochen dahinfließen, und sich einen Weg bahnen, den physischen Schmerz bei Lesen spüren zu können.

Was wir von der Geschichte um Donna und Tad bekommen sind lange innere Monologe Donnas. Ihre Handlungsabschnitte im Buch werden immer weniger, während sich der Text in ihrem Kopf mehr und mehr entwirrt und auf etwas – irgendetwas – wartet. Man eilt schneller und schneller durch ihre Absätze, King verzögert die Spannungsmomente so stark, dass man sich fast persönlich in Bedrängnis fühlt. Als Cujo dann seine Attacken startet, scheinen sie in Zeitlupe abzulaufen, weil endlich die Spannung der vorherigen Passagen abfällt. Das ist eine Filmtechnik – und King hat diese schon immer unbewusst benutzt.

Cujo selbst ist der tragische Held, ein guter Hund, der nichts dafür kann, dass er aufgrund der Tollwut durchdreht. Es ist diese Hilflosigkeit, die das ganze Buch durchzieht. Aufwand wird nicht belohnt, stattdessen kommen die Belohnungen zufällig.

Stephen King: Feuerkind

Als Firestarter (Feuerkind) im Jahre 1980 veröffentlicht wurde, war Stephen King bereits ein echtes Phänomen. Er lebte in seinem berühmten Herrenhaus in Bangor, Maine, verdiente mehr Geld als er ausgeben konnte und sein neuer Vertrag mit New American Library war ein echter Glücksfall. Sie behandelten ihn dort besser als jemals bei Doubleday, aber was wirklich zählte: sie verstanden es besser, seine Bücher zu verkaufen. Ob es an seinem massiven Alkoholkonsum liegen mochte, oder an seiner neu hinzugewonnenen Kokainsucht; die Bücher, die er in dieser Periode seines Schaffens schrieb gehören zum dunkelsten und gemeinsten, aber auch zu den weniger umfangreichen Romanen seiner Karriere. Außerdem enthüllten sie eine wesentliche Tatsache über King: er schrieb überhaupt keinen Horror.

Bill Thompson, der Herausgeber von Doubleday, der King entdeckt hatte, hatte sich noch Sorgen gemacht, dass King als Horrorschriftsteller eingestuft werden würde, als dieser ihm Salem’s Lot vorgelegt hatte – und wieder, als King ihm die Handlung von Shining erzählte. „Zuerst das telekinetische Mädchen, dann die Vampire, jetzt das Spukhotel mit dem telepathischen Kind. Du wirst gebrandmarkt sein,“ hatte er angeblich gesagt. Für Doubleday war Horror schmierig und sie arbeiteten mit King nur widerwillig. Die Bücher wurden billig gedruckt, hatten armselige Cover, und die hohen Herren konnten sich nicht mal an seinen Namen erinnern, so dass sich Thompson wieder und wieder in der Rolle wiederfand, King, der ihnen allen ihr Urlaubsgeld einbrachte, im eigenen Hause publik zu machen.

New American Library hingegen war ein Taschenbuchverlag, der die Macht der Genreliteratur verstand. Sie investierten erheblich mehr in Kings Karriere als es Doubledy je getan hatte. Für Doubleday war King eine Überraschung, für New American Library war er eine Marke.

Gibt es aber über das Marketing hinaus etwas, das King als Horrorschriftsteller auszeichnet? Sieht man sich heute seine frühen Bücher an – Dead Zone (ein Mann plant ein politisches Attentat), Feuerkind (Vater und Tochter auf der Flucht vor der Regierung), und Cujo (tollwütiger Hund stellt Frau und Kind in einem Auto), dann kommt man zu der Erkenntnis, dass ohne Horror-Boom, der sich diese Titel einverleibte, ohne die Marke „King-Horror“, die auf die Cover gedruckt wurden, heute diese Bücher eher als Thriller verkauft werden würden. King selbst behauptete, er schriebe Spannungsromane. Kurz bevor Feuerkind veröffentlicht wurde, gab er dem Minnesota Star ein Interview, in dem er sagte:

„Ich sehe den Horrorroman als nur einen Raum in einem sehr großen Haus, das man als Spannungsroman kennt. Dieses besondere Haus schließt solche Klassiker wie Hemingways Der alte Mann und das Meer und Hawthornes Der scharlachrote Buchstabe mit ein.“

Und natürlich seine eigenen Bücher.

In einem anderen Interview sagte King:

„Die einzigen meiner Bücher, die ich für unverfälschten Horror halte sind Brennen muss Salem, Shining, und jetzt Christine, weil sie keine rationale Erklärung für all die übernatürlichen Geschehnisse anbieten. Carrie, Dead Zone, und Feuerkind haben mehr mit der Science Fiction- Tradition zu tun … The Stand wiederum steht mit je einem Bein in beiden Lagern …“

Warum also greift das Horror-Etikett?

King schreibt über Menschen in Extremsituationen, deren Gefühle von Angst, Schmerz und Hilflosigkeit dominiert werden, die dunkel und drohend selbst dann durchscheinen, wenn noch gar nichts passiert ist. Er ist ein Meister, wenn es darum geht, die Spannung aufrecht zu erhalten. Er verwendet viel Zeit auf die Beschreibung des menschlichen Körpers, verweilt bei den physischen Details der Unvollkommenheit und des Verfalls (Altersflecken, Verwachsungen, Akne, Narben), wie er auch die Körperlichkeit an sich feiert (Sex, Erektionen). Seine Charakterzeichnungen sind mit breiten Strichen gesetzt, im Zentrum stehen meist die körperlichen Makel (Schuppen, Glatzen, schlechte Haut, Fettleibigkeit, Magersucht), was viele seiner Figuren ins Groteske verzerrt. King schreibt viel über Kinder und Jugendliche, seine Hauptfiguren sind in der Mehrzahl attraktiv.

Es sind diese intensiven Szenen, bestehend aus Sex und Gewalt, den attraktiven Hauptfiguren, und die Betonung der Angst und Spannung, die sein Publikum an den Horrorfilm erinnert, wo Sex, Gewalt, Jugend und Angst sich in der Regel tummeln. Als King seine erfolgreichste Phase hatte, boomte auch der Horrorfilm (1973 – 1986 war die goldene Ära der amerikanischen Horrorfilme), und es ist nicht schwer, das eine mit dem anderen in Verbindung zu bringen. Der Vergleich von Kings Werken mit Filmen ist das, worauf es Kritiker von Anfang an angelegt hatten, und King selbst betonte oft genug, dass er ein extrem visueller Schriftsteller sei, der nicht in der Lage ist, zu schreiben, bevor er nicht die Szene im Kopf hat. Die öffentliche Meinung, King sei ein Horrorschriftsteller, wurde durch die Verfilmungen von Carrie und Shining noch zementiert. Wenn etwas also als „Horror“ vermarktet wird, wenn es die Leute an „Horror“ erinnert, und wenn der Autor kein Problem damit hat, als Horrorschriftsteller zu gelten, dann ist es Horror. Obwohl King darauf hinweist, dass Science Fiction ein besseres Label für seine Arbeiten wäre.

Feuerkind ist eines der Bücher von King, wo das Label Science Fiction hervorragend passt. Der Roman wurde als Verfilmung ein Flop und seitdem hat sich das Interesse an Firestarter im Laufe der Zeit getrübt. Das ist nur eins von vielen Beispielen, wo ein mieser Film ein gutes Buch quasi ruiniert.

1976 begonnen, gab King das Buch zunächst auf, weil es ihn zu stark an Carrie erinnerte. Der Hauptcharakter war ein Ebenbild seiner zehnjährigen Tochter Naomi. King war zunächst fasziniert von Pyrokinese und dann von einer Figur wie Carrie White, die ihre psychischen Kräfte an ihre Tochter weitergegeben hatte.

Das Buch liest sich wie eine paranoide, politisch linke Phantasie auf Amphetaminen, die mit der zehnjährigen Charlie McGee und ihrem Vater Andy beginnt. Sie befinden sich auf der Flucht vor einer Regierungsorganisation, die sich „Die Firma“ (The Shop) nennt. Andy und seine Frau hatten in den 60ern an einem Regierungsexperiment teilgenommen, bei dem ihnen die LSD-artige Substanz Lot 6 verabreicht wurde. Die Droge aktivierte ihre latent vorhandenen psychischen Kräfte, die an Charlie weitervererbt wurden. Ihr ist es möglich, allein durch ihre Gedanken, Feuer zu legen, was ihr aber von ihren Eltern als eine böse Sache verboten wurde. Charlies Mutter wurde von der Firma getötet, und Andy hat nur die Fähigkeit, den Geist anderer zu kontrollieren, was allerdings jedes mal, wenn er seine Fähigkeit anwendet, Schäden an seinem Gehirn zurücklässt.

In die Enge getrieben überredet Andy Charlie, ihre Kräfte von der Leine zu lassen und sie lässt eine friedlich gelegene Farm in einem Inferno untergehen und tötet dabei Dutzende von Agenten auf ihrer Flucht. Ein paar Monate später werden sie von dem Auftragskiller John Rainbird gefangen genommen. Das letzte Drittel des Buches ist eine Chronik dieser Gefangenschaft, wo Rainbird ein Psychospiel mit Charlie beginnt, indem er sich anfangs als einfache Ordonanz ausgibt, um sich mit ihr anzufreunden und ihre Kooperation für die Firma erlangt. Von seiner Tochter getrennt mutiert Andy zu einem übergewichtigen Pillensüchtigen. Alles endet in einer Scheune, wo Charlie Rainbirds Spiel durchschaut und den Tod ihres Vaters mitansehen muss.

Das klingt nach einer einfachen Geschichte, aber zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere feuert King aus allen Rohren, und so ist sie alles andere als das. Voller Handlungsabläufe, die derart lebendig beschrieben sind, dass sie an verschiedenen Stellen in surrealistische Poesie übergehen (explodierende Hühner rennen umher, Wachhunde werden verrückt vor Hitze und wenden sich gegen ihre Halter), ist der Roman gespickt mit subjektiven Eindrücken der Figuren, die sich in fast schon wahnwitzig lyrischen Ergüssen äußern. King wurde vorgeworfen, er würde sich vor Sexszenen scheuen (Peter Straub sagte einmal: „Stevie hat Sex bisher noch nicht entdeckt.“), aber in Feuerkind ist die grundlegende Geschichte die von Charlies sexuellem Erwachen.

Es gibt nur wenige Dinge, die kraftvoller sind als die Beziehung zwischen Vätern und Töchtern, die Popkultur hat enorm viel Aufwand betrieben, das Unbehagen der Väter angesichts der Sexualität ihrer Töchter zu thematisieren, angefangen von der Kontrolle, die Väter über den Kleidungsstil ihrer Töchter ausüben wollen. Zu Beginn des Buches ist Charlie ein kleines Mädchen, die an der Hand ihres Vaters spaziert und nicht weiß, was sie zu tun hat. Am Ende des Buches ist ihr Vater tot. Zwar kann sie ihre pyrokinetische Fähigkeit noch nicht voll kontrollieren, die aber ist wesentlich stärker als irgendjemand angenommen hatte, und sie befindet sich auf dem Weg nach New York, um ihre Geschichte zu erzählen.

Sexualität und Feuer sind linguistische Zwillinge („Brennende Leidenschaft“, „Das Feuer der Begierde“, „Glimmende Augen“) und es ist ein Freudianischer Witz, dass sie von ihren Eltern das Verbot bekommt, die „böse Sache“ zu tun. Schnell verwandeln sich diese Stellen von Subtext in Blanktext, dann nämlich, wenn Rainbird sich ihr widmet, um „ihre Verteidigung zu durchdringen“, sie „wie einen Safe zu knacken“ und um sie zu töten, während er ihr tief in die Augen schaut.

„Es ist eine sexuelle Beziehung“, sagte King später über diese beiden Figuren in einem Interview. „Ich wollte das Thema eigentlich nur streifen, aber es macht den Konflikt nur noch monströser.“

Als ihre Hemmungen fallen, ihre Fähigkeit einzusetzen, genießt Charlie ihre neuentdeckte Stärke, die ihr besondere Privilegien einbringt und sie zum Mittelpunkt eines jeden Mannes im Buch macht. Wiederholt wird darauf hingewiesen, dass, wenn sie ihre Kräfte nicht zu beherrschen lernt, sie die Welt zerstören könnte; ein Klischee über die weibliche Sexualität (wenn sie einmal anfangen, hören sie nicht mehr auf). Als Charlies Sexualität mehr und mehr erwacht und eindeutiger wird (sie hat sogar Träume, in denen sie nackt auf einem Pferd zu John Rainbird reitet), werden auch die heimlichen Wünsche der Männer, die Kontrolle über sie ausüben, selbstzerstörerischer. Andy versucht einen letzten Ausbruch mit Hilfe seiner Gabe, was aber im Unterbewusstsein der Opfer ihre geheimen Obsessionen entfesselt und sich in Selbstzerstörung äußert. Für Dr. Pynchot, dem zuständigen Psychiater von Charlie und Andy äußert sich das Verdrängte in Form eines Missbrauchs, den er einst durch Kommilitonen erleiden musste. Seine Besessenheit betrifft den „Vulva-ähnlichen“ Abfallzerkleinerer. Er kleidet sich mit der Unterwäsche seiner Frau und tötet sich, indem er die Hand hineinsteckt, während er läuft. Der Kopf der Organisation, Cap Hollister wird von eingebildeten, glitschigen Schlangen heimgesucht, die überall auf ihn warten, um ihn zu beißen.

Eines der stärksten Bilder des Buches ist Charlie, wie sie vor der brennenden Scheune steht, nachdem die Wildpferde durch die Holzwände gebrochen sind, ringsherum die verwüsteten Utensilien der Armee, ihr toter Vater hinter ihr, grenzenlose Freiheit vor sich. Ein kraftvolles und kitschiges Bild von einer jungen Frau und ihrem sexuellen Erwachen. Weit entfernt davon, lächerlich zu sein. Feuerkind war das mittlere seines „Werk-Trios“ zu dieser Zeit, bestehend aus Dead Zone, Feuerkind und Cujo. Für welches man sich auch entscheiden will: zu diesem Zeitpunkt ahnte die Welt noch nichts von Cujo

Stephen King: Dead Zone

Nachdem sich King in Das letzte Gefecht mit zahlreichen Figuren auseinandergesetzt hatte, reduzierte er diese für sein nächste Buch radikal nach unten und präsentierte sein bis zu diesem Zeitpunkt vollendetstes Werk. Noch lange danach, als er schon längst weitere Meisterwerke wie Friedhof der Kuscheltiere, Christine, Cujo oder Feuerkind geschrieben hatte, sagte er in einem Interview:

„Das beste das ich bis heute geschrieben habe ist The Dead Zone, weil es ein wirklicher Roman ist. Das Buch ist sehr komplex und es behandelt eine aktuelle Geschichte. Die meisten meiner Geschichten bestehen aus einfachen Situationen, die sich selbst entwickeln können. Diese hier hat mehrere miteinander verwobene Ebenen, eine thematische Struktur, die im Hintergrund abläuft, und sie funktioniert auf fast all dieser Ebenen hervorragend.“

Dead Zone war nicht nur Stephen Kings erster Nummer 1 – Bestseller im Hardcover wie auch im Taschenbuch (was er der Sorgfalt seines neuen Verlages zuschrieb, New American Library), es war auch das Buch, bei dem King ein großes Risiko einging und genau das ausmacht, was King so erfolgreich werden ließ.

King betrachtete The Dead Zone als einen neuen Abschnitt in seiner Karriere, er sagte „was nach Das letzte Gefecht herauskam, das waren ganz andere Bücher als zuvor“. Das waren sie zunächst einmal, weil sie nicht mehr bei Doubledy erschienen, und weil King mit weniger Charakteren arbeitete. Das sollte bis Es auch so bleiben. Trotz einiger Unterschiede, war Dead Zone natürlich trotzdem ein Stephen King Buch. Das bedeutet, dass es darin um psychische Kräfte ging (es war das vierte von fünf Büchern, die sich mit paranormalen Ereignissen beschäftigten), und die Protagonisten waren tatsächlichen Einwohnern Maines nachempfunden. Dennoch ist es unbestreitbar, dass sich King seinen vertrauten Themen mit einer neuen Reife näherte.

Dead Zone greift ins Zentrum dessen, was King so erfolgreich machte. Viele Horror-Autoren schreiben über etwas, das außerhalb der Welt steht – ein Spukhaus, einen Serienkiller, über Zombies – mit denen die Protagonisten zu tun bekommen, aber King schrieb von seinen frühesten Kurzgeschichten an, „Ich bin der Torweg“ (1971) und „Graue Materie“ (1973), bis heute über Menschen, die sich in jemand oder etwas anderes verwandelten. Ob es sich um Carrie White handelt, die sich langsam in ihre eigene Mutter verwandelt, um Jack Torrance, der sich in Shining seinem eigenen gewalttätigen Vater nähert, oder besonders rigoros, die Bürger von Jerusalem’s Lot, die zu Vampiren werden. King mag es, auf seinen gewaltigen Seitenzahlen seinen Hauptakteuren die Menschlichkeit zu nehmen und sie in Monster zu verwandeln.

Den Hauptprotagonisten oder jemanden, der ihm nahe steht zu einem Monster werden zu lassen ist ein Markenzeichen vieler der erfolgreichsten Horrorromane (Der Exorzist, Rosemarys Baby, Spuk in Hill House) und Kings spätere Bücher bringen es diesbezüglich zur absoluten Meisterschaft (denken wir an den gemütlichen Cujo, der sich in einen reißenden Killer verwandelt, oder an die heldenhaften Kinder in ES, die sich in abgerissene Erwachsene verwandeln und sich dann zurück in ihre Kindheit begeben). Das spiegelt auch Kings eigene Verwandlung wieder, der sich zu dieser Zeit dank Kokain, Literweise Bier und einem Batzen Geld selbst in ein Monster verwandelte. In Dead Zone, wie auch in Feuerkind und Shining geht diese Verwandlung jedoch mit Psychokräften einher.

Als Danny Torrance seine Kräfte kennenlernte, wurde er von einer Entität besessen oder kontaktiert, die er Tony nannte. In Dead Zone und Feuerkind verwandeln sich Johnny Smith und Charlie McGee tatsächlich in einen Tony, indem sie ihre Fähigkeiten nutzen. Ihre Augen verändern ihre Farbe, ihre Stimmen klingen wie die von jemand anderen und ihre Persönlichkeiten werden hart und unnachgiebig. In diesen beiden Büchern ist demnach eine weitaus größere Transformation am Werk. In Feuerkind verwandelt sich Charlie von einem kleinen Mädchen in eine unabhängige Frau, in der eine Macht wohnt, die kurzerhand die ganze Welt in Flammen aufgehen lassen könnte. In Dead Zone verwandelt sich Johnny von einem freundlichen, gewöhnlichen Lehrer, dem niemand jemals böse sein konnte, in einen gemeingefährlichen Attentäter.

In Das Leben und das Schreiben machte King deutlich, dass die Arbeit an Dead Zone aus zwei Fragen bestand: „Kann ein politisch motivierter Attentäter jemals richtig handeln? Und wenn das so ist, taugt so jemand als Hauptfigur eines Romans?“ King mischt die Karten zu Johnnys Gunsten, indem er ihm die Möglichkeit verleiht, die Zukunft zu erkennen, so dass, als er sich Greg Stillson als Ziel aussucht, der gerade den dritten Weltkrieg vorbereitet, keine Zweifel bestehen, dass er das Richtige tut. Jahre später, in Das Leben und das Schreiben, kompliziert King das Thema, indem er schreibt:

„Johnny unterscheidet sich von anderen gewalttätigen, paranoiden Geheimnisträgern nur insofern, als dass er die Zukunft tatsächlich sehen kann. Aber sagen sie das nicht alle?“

Zu Beginn des Buches ist Johnny ein frisch verliebter, netter Schullehrer. Glücklicherweise kann King über freundliche Menschen schreiben, ohne jemanden zu Tode zu langweilen. Vergleichen wir das Paar Johnny/Sarah einmal mit Ben Mears und Susan Norton, erkennen wir sofort, dass Kings Versuch aus Brennen muss Salem, ein junges Paar darzustellen, etwas Gestelztes und Aufgesetztes hatte, während Johnny und Sarah sich echt und glaubwürdig präsentieren. Das kommt uns als Leser entgegen, denn die ersten 40 Seiten handeln von ihrer Begegnung.

Und zugleich wird uns auch gleich das große Symbol des Buches gereicht, als Johnny nämlich versucht, das Schicksalsrad zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Es dauert etwas, bis wir bemerken, dass wir ein Stephen King Buch in Händen halten. Sarah beginnt, nachdem sie einen schlechten Hot Dog gegessen hat, alles vollzureihern, und Johnny bringt sie nach Hause. Gentleman, der er ist, nutzt er die Gelegenheit nicht aus, sondern nimmt sich ein Taxi, um seinerseits nach Hause zu gelangen. Ein böser Fehler, denn es kommt zu einem Verkehrsunfall, bei dem Johnny in ein Koma fällt, aus dem er viereinhalb Jahre lang nicht erwachen wird. Als er das Bewusstsein wiedererlangt, ist Sarah bereits verheiratet. Johnny kann kaum gehen und sieht die Zukunft, sobald er etwas berührt. Vera Smith, seine verrückte christliche Mutter verkündet, dass Gott ihn für eine Mission ausgerüstet habe. Das hat Ähnlichkeiten mit Mrs. Carmody in Der Nebel und Margeret White in Carrie. Man kann sich darüber beklagen, dass King immer wieder auf christliche Stereotypen zurückgreift, darf dabei aber nicht vergessen, dass sowohl Margeret White als auch Vera Smith Recht mit ihren Aussagen haben. Carrie erledigt die Arbeit des Teufels und Johnny ist wirklich auf einer göttlichen Mission, auch wenn es Zweifel darüber gibt, woraus diese Mission besteht.

Johnny verbringt nun Jahre damit, die Folgen des Komas zu überwinden und die Sehnen und Muskeln wieder zu aktivieren. Dann kann es endlich los gehen. Der Sheriff von Castle Rock (und hier wird die fiktive Stadt zu ersten Mal genannt) bittet die Öffentlichkeit um Mithilfe auf der Suche nach einem Serienkiller. Johnny stürzt sich in die Untersuchungen und wird berühmt, weil er seine Kräfte dazu einsetzt, den Täter zu fassen. Der Medienzirkus macht ihm jedoch zu schaffen und er verschwindet von der Bildfläche, um Privatlehrer zu werden.

Sein erster und einziger Schüler ist Chuck Chatsworth, das verwöhnte und behinderte Kind eines reichen Vaters. Johnny hilft ihm, seine Leseschwäche zu überwinden. An Chucks Abschlusstag, warnt Johnny dessen Eltern vor einem Feuer, das während der Feierlichkeiten ausbrechen wird. Chuck und hundert andere Kinder bleiben zu Hause, aber 81 feiernde Studenten kommen bei dem Brand ums Leben (30 weitere erleiden schwere Verletzungen). Und erneut geht die Presse steil, Johnny versteckt sich erneut, weiß aber mittlerweile, dass seine göttliche Mission daraus besteht, den Kongressabgeordneten (und damit potentiellen Präsidentschaftskandidaten) Greg Stillson zu töten.

Er konnte nämlich Greg Stillsons Hand während einer Wahlveranstaltung schütteln und somit erkennen, dass er den dritten Weltkrieg vorbereitet.

Stillson wird von einer Rockerband unterstützt, die unliebsame Reporter verschwinden lässt und die Familien der Gegenkandidaten einschüchtert. Zuerst begegnen wir ihm, als er einen Hund zu Tode tritt, während er gerade dabei ist, Bibeln zu verkaufen. Stillson ist verrückt wie eine Scheißhausratte.

Allerdings ist Johnny, als er sich mit Stillson beschäftigt, selbst schon verrückt. Er leider unter mysteriösen Kopfschmerzen, distanziert sich zunehmend von seiner Familie und von seinen Freunden und es zeigt sich, dass sich bei ihm außerdem einen Gehirntumor entwickelt hat. Der Leser aber ist nach wie vor auf seiner Seite, weil er Johnny kennenlernte, bevor der sich in ein Monster verwandelte.

Besorgt darüber, dass ein künftiger Präsidentschaftskandidat Dead Zone zu seinen Einflüssen zählen könnte, schrieb King ein Ende, bei dem Johnnys versuchter Anschlag bei Stillson eine Panikreaktion heraufbeschwört, als der sich nämlich ein Baby schnappt und als Schild benutzt. Fotos von seiner Feigheit laufen durch die Presse und ruinieren seinen Einfluss. Für Johnny allerdings kommt all das zu spät, er stirbt in einem Kugelhagel. King selbst bezeichnete das Ende unverblümt als einen “Rückzieher”, und damit liegt er nicht falsch. Er schreibt die Geschichte über einen jungen Soziopathen und versaut das Ende. Es kann nicht das sein, was King damals beabsichtigt hat, aber es gibt ja auch noch eine andere Leseart: Was ist, wenn Johnny wirklich verrückt ist? Wir gehen davon aus, dass Johnnys Mission daraus besteht, Stillson zu töten, allein weil diesem so viele Seiten gewidmet werden. Was aber ist, wenn Johnnys Mission die war, Chuck und seine Familie vor dem Feuer zu retten und die Tötung Stillsons nur ein Missverständnis? Während wir das Buch lesen, gibt es keinen Grund, an Johnnys Visionen zu zweifeln, aber Kings Notizen in Das Leben und das Schreiben lassen erkennen, dass auch er an eine alternative Leseart glaubt. Was, wenn Johnnys Hirntumor seine Visionen beeinflusst hat? Schließlich weist King darauf hin, dass Johnny zwar behauptet, die Zukunft zu sehen, dass dies aber schließlich alle versoffenen Irren mit einer Pump-Gun und pochenden Kopfschmerzen tun. Stillsons Feigheit während des Mordversuchs erlaubt den Figuren des Buches, ihn als gemeingefährlichen Irren zu entlarven. Wäre es aber so gewesen, dass Stillson bei dem Anschlag ums Leben gekommen wäre, ginge die offizielle Geschichte so, dass Stillson, als Held des Volkes, von einem Verrückten getötet wurde, der behauptete, in die Zukunft zu sehen.

Wie auch immer man es betrachten mag, es ist ein beunruhigendes Buch. Im Nachhinein betrachtet war sich King der Größe seines Buches zu jederzeit bewusst. Und er wusste, dass man beide Versionen darin unterbekommen konnte. In dieser Phase seiner Karriere brannte King als Autor förmlich, und auch ein “Rückzieher” konnte der Klasse seiner Werke nichts nehmen. Das letzte Kapitel in Dead Zone ist erstaunlich. Darin besucht Sarah Johnnys Grab und trauert über die verlorene Zukunft, die sie beide hätten haben können. Sie ist davon überzeugt, dass aus ihnen etwas hätte werden können und sie glücklicher wäre als sie es jetzt ist. Da bekommt sie auf einmal das Gefühl, dass Johnny, immer noch der alte Johnny, plötzlich da wäre. Und unter dem Einfluss dieser geisterhaften Präsenz gelingt es ihr, sich mit ihrem Hier und Jetzt anzufreunden, setzt sich in ihr Auto und fährt davon.