Der große Gott Pan

Arthur Machen veröffentlichte eine erste Version von Der große Gott Pan im Jahre 1890 im Magazin The Whirlwind; später schrieb er die Geschichte um und erweiterte sie, bis sie 1894 dann, zusammen mit der thematisch sehr ähnlich gelagerten Geschichte, Das innerste Licht,  als Buch erschien. Es ist eine faszinierende Arbeit, die ihre beängstigende Stimmung hauptsächlich durch indirekte Hinweise speist. Von heute aus gesehen, entdeckt man eine sehr “viktorianische” Einstellung gegenüber Frauen. Zur Zeit ihres Erscheinens löste die Geschichte durch die angedeutete Sexualität einen regelrechten Skandal aus.

Machen wurde 1863 in Wales als Arthur Llwellyn Jones-Machen geboren; ‘Machen’ war der Mädchenname seiner Mutter, den er später zu seinem Künstlernamen machte. Weil die Familie zu arm war, um Machen auf eine Universität zu schicken, entzündete sich sein Interesse für das Verborgene und Unheimliche, das ein Leben lang anhalten sollte, durch seinen schon früh vorhandenen Lesehunger, den er in der Bibliothek seines Vaters, der ein Geistlicher war, befriedigte. Später lebte Machen dann in London als Übersetzer und Journalist. Er heiratete 1887 und lernte durch seine Frau den Okkultisten A.E. Waite kennen (den Urheber eines der berühmtesten Tarotdecks). Seine Frau starb 1897; im Jahre 1900 trat Machen Waites Order of the Golden Dawn bei. 1901 wurde er Schauspieler und heiratete 1903 noch einmal. Aber er schrieb auch weiter, und 1914 erschien eine seiner Kurzgeschichten, “The Bowmen”, die die urbane Legende der Engel von Mons verbreitete. Er starb 1947.

Machens literarischer Ruf schwankte während seiner Lebenszeit erheblich. Die Kontroversen um Der große Gott Pan hatten seinem Namen nicht gerade gut getan, allerdings änderte sich das in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts. H.P. Lovecraft bezeichnete ihn als Meister der Übernatürlichen in der Literatur, nicht zuletzt, weil Lovecraft erheblich von Machens Arbeiten beeinflusst wurde.

Die Geschichte beginnt in Wales, im Haus des Wissenschaftlers Dr. Raymond, der seinem nervösen Freund Clarke sein nächstes Experiment erklärt. Raymond ist ein Hirnspezialist, ein Student der “transzendentalen Medizin”, der eine Operation an der an einem sieben Jahre alten Mädchen namens Mary vornehmen will; seine Absicht ist es, einige Teile des Hirngewebes zu durchtrennen, so dass sich für sie “der Schleier hebt” und sie eine tiefgreifendere, spirituelle Welt wahrzunehmen vermag. Möglicherweise gibt es Risiken, aber Raymond sagt: “Ich rettete Mary aus der Gosse und vor dem sicheren Hungertod, als sie ein Kind war; ich denke, ihr Leben gehört mir, und ich kann damit verfahren, wie es mir beliebt.” Er vollzieht die Operation, Mary jedoch bleibt dadurch geistig erheblich geschädigt.

Einige Jahre später, Clarke lebt, mitgenommen von Raymonds Experiment, in London; er meidet das Übernatürliche und alles, was nicht alltäglich ist – außer das, was ihm dabei behilflich ist, ein Buch aus Erinnerungen zusammenzustellen, um die “Existenz des Teufels” zu beweisen. Und so trägt er Daten über ein Mädchen namens Helen V. zusammen.  Im Laufe einiger Jahre wurde sie dabei beobachtet, merkwürdigen Kontakt mit seltsamen kleinen Menschen in einem Waldstück an der Grenze zu Wales zu unterhalten. Später nahm sie auch ein anderes Mädchen dorthin mit, eines Tages verschwand sie auf mysteriöse Weise. Die Erzählung wechselt zu einem Mann namens Villiers, der einen alten Freund namens Charles Herbert besucht. Herbert ist gewissermaßen ruiniert oder von seiner Frau halb in den Wahnsinn getrieben worden, bevor sie ihn verließ. Villiers untersucht Herberts Fall, findet einiges über dessen eigentümliche Frau heraus und bespricht die Ergebnisse mit Clarke; der erkennt auf einem Bild von Herberts noch-Ehefrau eine starke Ähnlichkeit mit Raymonds Mary.  Im nächsten Kapitel diskutiert Villiers die äußerst seltsame Geschichte mit seinem Freund Austin, und entdeckt, dass Mrs. Herbert in irgendeiner Weise an dem mysteriösen Tod eines talentierten Malers in Südamerika beteiligt war.

Das nächste Kapitel beginnt mit einem allwissenden Erzähler, der von einer sonderbaren Selbstmordserie unter reichen Männern der modischen Londoner Gesellschaft berichtet. Über die nächsten Kapitel gelangen Villiers und Austin zu der Erkenntnis, dass hierfür die Gastgeberin von Gesellschaften, Mrs. Beaumont verantwortlich ist – und dass Mrs. Beaumont niemand anderes ist als die ehemalige Mrs. Herbert. Villiers verkündet Austin seine Entscheidung, der Dame einen Besuch abzustatten, und sie vor die Wahl zu stellen: Selbstmord oder eine Erklärung.

Der Abschluss der Geschichte präsentiert Fragmente von Texten unterschiedlicher Prägung: da wären erstens die persönlichen Erinnerungen eines Arztes, der eine eigentümliche Leiche untersucht. Es folgen Auszüge aus zwei Briefen. Der erste ist von Clarke an Raymond und spielt auf die Endgültige Begegnung mit Mrs. Beaumont an, Helen, beschreibt seinen Besuch in Wales, wo er eine römische Ruine sah, in der eine Inschrift, dem Gott Nodens gewidmet, auffiel: “dem Gott der Gr0ßen Tiefe, des Abgrunds”. Der zweite Brief ist von Raymond an Clarke, der ihm erzählt, dass Mary Helens Mutter war, und andeutet, dass Pan ihr Vater war.

Alles in allem ist das eine wirklich absonderliche Geschichte. Die zusammenfassende Wiedergabe hebt die wacklige Struktur der Handlung hervor. Die einzelnen Figuren heben sich nicht groß voneinander ab; wir bekommen nur einige Fakten über den ein oder anderen an die Hand (Clarkes Abkehr vom Übernatürlichen, als Beispiel), aber diese scheinen nur selten ihre Taten zu beeinflussen. Außerdem scheinen sich alle untereinander zu kennen, so als wäre London nur ein kleines Nest. Die schließliche Konfrontation bleibt nebulös. Helen begeht ohne ersichtlichen Grund Selbstmord – was hat sie von einer “Erklärung” zu befürchten? Und wie kann ihr Tod unangezeigt bleiben?

Die Konstruktion der Erzählung ist ebenfalls ungewohnt. In ihrer Mitte befindet sich eine Art Vakuum: Helen sagt nicht ein einziges Wort, sie scheint ohne Motivation zu agieren, ihr fehlt sämtliche Persönlichkeit. Hier haben wir eine Horrorstory ohne Horror in seinem Kern. Nur Tod, Selbstmord und den grundlosen Ruin. Es gibt auch keine wirkliche Aktivität, die aus der Handlung hervorgeht; nach der ersten Szene, reihen sich nur die Zwischenfälle aneinander, die eine (männliche) Figur der anderen (männlichen) Figur erzählt. Wie kommt es, dass dennoch alles zusammenläuft?

Und zusammenhalten tut es. So merkwürdig alles ist, es ist effektiv. Der erste Grund ist die Sachlichkeit, die in Machens Prosa grundsätzlich vorhanden ist. Die Figuren sprechen direkt und einfach, normale Menschen versuchen, die abnormalen Vorgänge um sie herum zu verstehen. Es steckt eine gewisse Klarheit in der Ausdrucksweise, die sich modern anhört, was im Widerspruch zum altertümlichen Horror der Geschichte steht. Und diese Klarheit hat die Fähigkeit, unmerklich Schatten in die kraftvolle Anrufung der Emotionen zu entlassen.

Der größte Teil der Darbietung von Der große Gott Pan, hat viel von einer Club-Story: einer erzählt seine Erlebnisse oder Erinnerungen einer anderen Person oder einer Gruppe. Der Schrecken der Geschichte dient dazu, den traditionell geschützten Raum (für eine Erzählung) in einem Club zu untergraben. Trotz dieses Form finden wir hier eine dialoglastige Struktur vor; die Art wie einige der Figuren den anderen Informationen vorenthalten – Erzählpassagen, Texte, überlappende Sequenzen: all das wirkt wie ein Puzzle, das bis zum Ende hin nicht klar sichtbar ist.

Machen nutzt diese Struktur geschickt, um einige wirksame und gelegentlich widersprüchliche Effekte zu erzeugen. Bemerkenswert ist, dass trotzdem die Geschichte durch das gegenseitige Berichten vorangetrieben wird, die Schlüsselpunkte des eigentlichen Horrors ausgespart bleiben. Es fehlen Puzzleteile. Das Bild als Ganzes ist nur zu erraten. Inmitten der geradlinigen, nüchtern erzählten Geschichte, klaffen Lücken.

Da wir ins späte viktorianische Zeitalter blicken, und da einer der Männer, die Helen zerstörte, ihr Ehemann war, dem sie in der Hochzeitsnacht schreckliche Geheimnisse offenbarte, ist die herkömmliche Annahme, zu erklären, dass all das, was nicht gesagt wurde, mit Sexualität zusammenhängt. Der Gebrauch des Pan, dem Gott des Sexus und der Fruchtbarkeit als Sinnbild für Marys spirituelle Erfahrung, stützt diese Annahme. Von einem bestimmten Punkt aus gesehen, könnte man sagen, die Geschichte handelt davon, was geschieht, wenn Sex zu Horror wird, oder Pan zur Panik. Nicht über Sex zu sprechen, den Trieb sozusagen zu verdrängen, weckt destruktive Kräfte. Von diesem Punkt aus, ergibt das Ende einen symbolischen Sinn: das Wagnis, den Schrecken bloßzustellen, offen darüber zu sprechen, vertreibt ihn.

Innerhalb der Phantastischen Literatur belegt Der große Gott Pan einen interessanten Platz. Selbst vielleicht inspiriert von Mary Shellys Frankenstein – Raymond kommt der modernen Vorstellung eines verrückten Wissenschaftlers vielleicht sogar näher als Frankenstein – hat die Erzählung einen enormen Eindruck auf künftige Schriftsteller gemacht. Lovecraft und Stephen King haben lautstark für sie geworben – und das PHANTASTIKON tut es auch.

Machens Erzählung hat nie den Ruhm von Frankenstein oder Dracula erreicht, weil ihr vermutlich ein repräsentatives Monster fehlte. Wo die anderen beiden Erzählungen eine echte und charismatische Bedrohung darstellen, ist Helen weniger eindeutig, distanzierter. Schwieriger auch zu verstehen. Obwohl das nicht notwendigerweise eine Schwäche bedeutet. Es ist das Testament von Machens Kunstferigkeit. Er verstand sich auf das Indirekte und Subtile. Er wusste, was er tat, wenn er den direkten Horror vermied und wenn er uns ein Spiegelbild unserer eigenen Abgründe vor Augen führte. Der große Gott Pan ist eine faszinierende, beunruhigende Geschichte mit großen Einfluss. Mehr kann man sich nicht vorstellen. Sie ist effektiv und in ihrer Wirkungsweise nicht einfach zu erklären.

Erotik im literarischen Horror

American Horror Story © FX

Der Sexus bestimmt unser Handeln.

Das jedenfalls nehme ich stark an, entspringt meiner Wahrnehmung, die ich habe, blicke ich mich um, beobachte ich, wie Wesen und Dinge auf mich wirken. Was mit mir und ihnen geschieht, interagiere ich, empfange ich – ganz nüchtern formuliert – Informationen, die mir meine Umwelt bietet, weil ich ihr meine anbot und versendete. Meine Umwelt. Eine Welt um mich herum. Eine, in der ich jemand anderem Umwelt bin. In der mir der Andere Umwelt ist. Und das in aller Pluralität.

Der Andere. Die Anderen. Das Andere. Das Unbekannte, das mich konfrontiert.

Das im Dunkeln Liegende. Zu Erforschende. Nicht selten Angst machende. Der Horror in der Welt. Der Horror in mir. Die Fähigkeit zur Furcht, die uns angeboren ist. Die im Laufe unseres Lebens, über ein kollektives Gedächtnis hinaus und sich doch aus diesem speisend, die verschiedensten Gestalten und Formen annehmen kann, die in unserem Handeln ihren Ausdruck findet. Sich gar in unserer Erscheinung, unseren Verhaltensweisen, ganz allgemein in Codes niederschlägt. Nicht zuletzt in den Künsten. Wie z.B. der Literatur, die dem Horror und der Erotik ganz eigene Zweige und Nischen gönnt. Eros (Amor) und Psyche. Wie sie in der griechischen Mythologie beschrieben sind. Und im Grunde von nichts anderem erzählen als vom Resultat der Trennung des Kugelmenschen in Mann und Frau. In zwei sich Suchende, die sich wieder vervollkommnen und erkennen wollen. Zwei Körper, die sich zwar wesentlich aber doch nicht so wesentlich unterscheiden, als dass sie nicht auch als ein Gleiches zu verstehen sind. So könnte z.B. der Penis des Mannes auch als ausgestülpte Vagina gesehen werden.

Studie von Leonardo da Vinci von 1492, aus der Perspektive des Forschers zur Erklärung der Vorgänge des männlichen Orgasmus und der Befruchtung

Einzig die Fortpflanzung, der Fortbestand unserer Art braucht die Differenz der beiden Geschlechter. Den Samen des Mannes, die Eizelle der Frau. Besonders aber die Tatsache, dass wir zu den Säugetieren zählen, spielt beim Eros, wie auch beim Horror und wie wir ihn wahrnehmen, die entscheidende Rolle. Bindungswille und Bindungserfahrung sind für uns nicht nur überlebenssichernde Faktizitäten, sie befähigen uns auch zur Kunst, zur Poesie, zur Musik, ganz allgemein zur Phantasie. Und zu guter Letzt zur Liebe. Verlust und Sehnsucht. Schmerz und Freude. Jedoch öffnen sich somit auch die Tore zur Angst, aufgrund dessen, dass diese Faktizitäten gegeben sind. All das, weil wir ein Soma haben. Eines zudem, das stetig den Anschluss zur Welt sucht. Nur sind diese seelisch-somatischen Nabelschnüre keine sichtbaren, wie die eine, die uns einst mit dem Mutterkuchen verband. Das mag uns stark an eine Matrix erinnern, wie sie in der Literatur und im Film, besonders im Science-Fiction-Genre, immer wieder zum Gegenstand wurde. Ebenso erinnert es an Gigers Biomechanoide und ihr Angeschlossensein. An die Mutter, das Kind, die Welt, das Leben selbst. Der seelische Ausdruck wird uns und unserer Umwelt durch unsere Körper, unser Erscheinungsbild gewahr. In dem von mir sog. Soma, so, wie ich es verstehe. Der Seele und wie sie sich darin zeigt. Auch in ihrem Horror.

Die Angst, die ein gewaltiger Niederschlag in unseren Körpern ist. Die ihrerseits, droht Gefahr, sofort reagieren. Unsere Härchen stellen sich auf, wir machen uns größer. Die Atmung und der Puls beschleunigen sich, wir sind zur Höchstleistung bereit. Der Angstschweiß lässt uns glitschig werden, damit Feinde uns nicht greifen können. Die Regenbogenhaut akkommodiert unsere Pupille, sie vergrößert sich, als rängen wir im Dunkeln nach Licht. Hormonausschüttungen, wie die des Adrenalins, machen aus uns in den meisten Fällen, stocken wir nicht vor Angst, rasende Furien, die sich und ihre Lieben bis aufs Blut verteidigen würden. Was uns wiederum darin entlarvt, dass wir uns nicht nur durch das Unbekannte, das Fremde definieren, sondern dass wir uns auch als zugehörig erfahren, als nicht monadisch, Säugende und Sorgende sind. All das, was wir seit der Entstehung im Mutterbauch durch unsere uns gegebenen Sinne erleben. Kultur und Familie spielen dabei die größte Rolle. Und auch sonst einfach alles, was zur Sozialisation eines Menschen hinzugezählt werden darf. Darüber hinaus betrachtet die Wissenschaft noch andere uns prägende Aspekte, die sich mit den Memen als auch mit dem genetischen Gedächtnis beschäftigen. Der Evolution im weitesten Sinne. Also der Veränderung / Transformation der Wesen in Abhängigkeit zu ihrer sich ebenso stets verändernden Umwelt. Und es scheint, trotz allen Wandeln, denen wir unterliegen, so etwas wie Urformen des Horrors zu geben. Ängste, die entgegen allen Fortschritts, oder auch wegen diesem, doch in ihrem Wesen, seit den ersten Menschen und der Sage vom Garten Eden, in der Welt existieren, wenn sie auch in ihrer Erscheinungsform sich stets verändernde sind. Wir erkannten, dass wir nackt waren. Und somit zog neben dem Eros auch der Horror in die Welt.

Nehmen wir nur einmal diverse Protagonisten, die uns nach dem Leben trachten, um ihren eigenen Bestand zu sichern, wie sie in der Phantastik, der Grusel- und Horrorliteratur dieser Welt zu finden sind. Seien es Vampire, Werwölfe, Hexen, Zombies, Ghule, Dämonen, Mumien, Geister und andere bizarre Wesen. Einige entstammen den Märchen. Andere wieder Reichen, die dem Glauben entspringen. Und ganz andere lassen uns spüren, dass der Tod ein jenseitig eigenes, undurchmessbares Reich darstellt. All jenen Aufgezählten begegnen wir jedoch schon in diesem Leben, zwischen Himmel und Hölle, je sensibler wir sind. Wir können sie uns vorstellen, wir phantasieren, vermuten, spüren, nehmen wahr. Wir werden ansichtig. Sie beleben uns, wie wir sie beleben. Und beileibe, das ist das, was wir seit frühester Kindheit können.

Da ist was.

Was ist das?

Das Was. Ein Etwas. Das noch Undefinierte / Unbekannte. Der Phantasie Freigegebene. Ein Es. Wie wir es seit eh und je kennen, ohne es zu kennen. Oder wie es uns Stephen King mit seinem Roman Es eindringlich aus der Sicht von einer Gruppe Kindern geschildert hat, die sich und ihre Sexualität in ihrer, der sie umgebenden Umwelt, entdecken. Hier geschieht dies besonders in Abgrenzung zu den Eltern und allen anderen erwachsenen Einwohnern der Stadt. Zusammengenommen, und das bildet die Kluft: zu den ihrer Kindheit entwachsenen. Wir entdecken, decouvrieren, blößen und werden geblößt.

“Sinnenrausch” von Franciszek Żmurko, um 1890

Die Sexualität des Menschen, das Erwachen jenes Selbst, das des anderen Geschlechts und des eigenen gewahr wird, des Lebens und woher es kommt, wie es sich gebiert und stirbt, und immer wieder gebiert. Der Eros oder die Erotik, die sich mit dem Trieb Thanatos verbindet. Der Liebesakt, der schon lange als ‘kleiner Tod’ bezeichnet wird, trägt dieses voneinander untrennbare, sich bedingende Verhältnis vom Horror und der Erotik in sich.

Den Begriff der Erotik möchte ich hierbei jedoch als einen in seiner Erscheinungsform zu Tage tretenden verstanden wissen, also als einen, der als konturierender fungiert, der seine (Vor-)Züge darbietet und preisgibt, während der Begriff des Eros für mich der grundlegend motivierende, der lebenskonstituierende ist.

Schon Poe formulierte einst, durch den Tod seiner jungen Frau geprägt:

„Der Tod einer schönen jungen Frau ist ohne Zweifel das poetischste Thema der Welt.“

Morbidität und nekrophile Züge, wie wir sie auch in Poes Werken finden, sind besonders in der Horrorliteratur keine Seltenheit. Die Monstrositäten, die wir uns erschreiben und erlesen, sind so faszinierend und phantastisch, wie wir selbst es sind. Dass hierbei dem Begriff des Ekels ein tragender Stellenwert eingeräumt werden muss, liegt, denke ich, nahe, da sich diverse Ängste in diesem auf mannigfaltige Weise äußern. Der Ekel vor Tieren, vor Essen, dem Geschlecht, vor anderen Menschen, vor Krankheiten usw.. All das, was uns aus Erfahrung von Generation zu Generation noch immer vorsichtig sein lässt. Wie wir z.B. nichts Verdorbenes oder uns ganz und gar Fremdes, hat es noch niemals unseren Magen-Darm-Trakt passiert, essen oder erst einmal nur mit Vorsicht genießen sollten. Unser Magen reagiert sofort. Auch Tiere können uns gefährlich werden, wie wir wissen. Sporen, Bakterien und Viren können uns krank machen. Die Überträger sind nicht selten wir. Die Anderen. Der Andere. Alles, was uns daran erinnert, dass wir sterblich und endlich sind. Der Ekel vor dem Leben, dem Zerfall. Dass das aber alles mit irrationalen Ängsten einhergehen kann, wie sie sich z.B. in Phobien und Zwangshandlungen manifestieren und äußern, liegt nicht selten an wiederum anderen, heutigen neuen Ängsten, die den Menschen im Zuge des Fortschritts in die Mangel nehmen, die ihrerseits an eben diesen Urängsten und ihren Erscheinungsformen rühren. Interessant ist dabei aber doch, obwohl wir mit unseren Vorfahren nicht mehr die selben Habitate, und wie sie in ihnen lebten und überlebten, teilen, dass wir uns grün darüber sind, dass die Fressen-und-Gefressenwerden-Angst, jene, die uns unsere Sterblichkeit besonders vor Augen führt, eine nicht zu eliminierende und ständig vorherrschende ist. Waren es früher Tiere, die uns potenziell reißen konnten, ist es heute die Diktatur des Kapitalismus.

aus American Horror Story © FX

Und wieder, spätestens mit der Industrialisierung, verloren Mann und Frau ihre geschlechtliche Identität auf eine neue und andere schmerzliche Weise, die bis dahin schon durch die kirchliche Doktrin und ihre Teufelspsychose gemartert worden war. Sie verloren ihre aus der Trennung voneinander resultierende, aus sich selbst gegebene Vorstellungskraft, die eine sich gegenseitig nährende ist. Wir wurden selbst zur Ware. Zu einer Stuff-only-Gesellschaft. Unser Sexus, die eigentliche Kraft, die uns in allen Lebensbereichen unsere Positionen finden lässt und befeuert, ausverkauft. BDSM-Praktiken, in denen wir unsere Sexualität und unseren Schmerz vor allem durch Rollenspielhierarchien erfahren, in denen das unschuldige, das liebkosende Element völlig fehlt, sind die Folge. Sie sind gar zu einer Erlebniskultur von wirtschaftlichem Interesse geworden. Zwar ist die uns gegebene Fähigkeit zur Pervertierung etwas, das es uns auch ermöglicht weiterzumachen, die Dinge für uns zu wandeln, sie zu nutzen, wie sie uns benutzen, jedoch erinnert es uns allenfalls an einen Schmerz durch einen gesetzten Schmerz. Wir lernen darüber nicht, ihn auch wieder durch die Freuden und Zuwendungen zu empfinden, die wir in der Vereinigung beim Liebesakt erfahren. Und zwar dann, wenn wir uns nicht allein nur in eingleisigen Rollen begegnen, die eine Repräsentative eines Systems darstellen, das uns unentwegt Gewalt antut. Dann, wenn wir uns im und durch den Liebesakt mit oder ohne Rollenspiele demaskieren, fern eines jeglichen Leistungsdrucks. Ohne den auszukommen wir immer weniger in der Lage sind und sein werden. Wir verunmöglichen uns.

“Adam and Eve” von William Blake, 1808

Dem steht die Literatur, stehen die Künste entgegen. Vielleicht letzte Bastionen, Spiegel unserer Seele, solange wir das Du noch aufrecht erhalten können, die diese, unsere Monstrositäten verstoffwechseln, in denen wir uns spiegeln und uns auch erkennen. Das, was uns Angst macht, uns durchdekliniert und eintreibt. Wir müssen selbst zu Monstern werden, um zu verstehen, was das sich Zeigende ist. Wir phantasieren, pervertieren und erzählen. Und das ist auch notwendig. Der Horror, dem wir uns seit der Verweisung aus dem Paradiese, dem hortus conclusus ausgesetzt sehen, erfährt durch die Literatur Kontur. Die Erotik kann hierbei als ein evozierendes Moment verstanden werden, als auch als ein Verletzliches, Bedrohtes. Dass Mann und Frau, die Geschlechter selbst in all ihren Attributen ebenso monströse und bizarre Erscheinungsformen annehmen können, steht außer Frage, und gilt ebenso für ihre Fähigkeiten, die sie darüber und in der Konfrontation mit dem Horror ausbilden und erlangen. Anders wiederum verhält es sich, sind sie, die Geschlechter, selbst Gegenstand des Horrors, der aus ihnen erwächst. Eddie M. Angerhubers Visionen von Eden gibt hierfür ein grausames Beispiel. Sie erzählt von einer verfallenen Post-Armageddon-Stadt, in der nur wenige überlebt haben. Und das nur, weil sie sich vom Fleisch der Toten ernähren, die sie noch finden – und deshalb auch weiterhin überleben – und sich zu einer neuen Art entwickeln, die doch nur als Kinder der Untergegangen zu verstehen ist. Als tierisch, hungrig und krank werden sie beschrieben. Wir finden Frauenkörper in Verschlägen, denen teilweise der Kopf, die Arme und Beine fehlen, die von einer Art Elektromotor betrieben werden, da Kabel in ihre Stümpfe laufen, der sie durch unregelmäßige Entladungen zu heftigen Zuckungen veranlasst. Torsi, die von invaliden Männern zum Kopulieren genutzt werden. Wir befinden uns in einer Welt, in der der Mensch sich mutterseelenallein vorfindet. Hier hat der Horror die Erotik sogar getilgt. Und doch ist sie im Eros, in den toten Torsi der Frauen noch enthalten, auch wenn sie nicht wirklich stattfindet. Da es tatsächlich ausschließlich Frauenkörper sind. Keine Männer-, Kinder- oder Tierkörper. Oder gar etwas anderes. Wenn auch beidseitig alle Reanimationsversuche fehlgehen. Die der Männer, da sie mit einem toten Frauenkörper kopulieren. Wie auch die Körper der Frauen, die durch die Stromstöße nur scheinbar belebt werden. Es zeigt, dass wir vermöge sind in den feindlichsten und unwirtlichsten Umgebungen zu überleben. Doch zu welchem Preis?

“Odysseus zwischen Skylla und Charybdis” von Johann Heinrich Füssli, um 1794 / 96

Schauen wir uns den Lovecraftschen Horror an, finden wir uns in ebenso lebensfeindlichen Welten wieder, in einem Kosmos „der großen Alten“, in dem wir uns weniger als Pfifferlinge wert fühlen. Hochgradig unwirtliche Welten, in denen aber doch, schaut man sich Studien an, die das Werk H. P. Lovecrafts unter Zuhilfenahme seiner Biographie betrachten, der Eros, die Erotik eine ganz und gar pervertierte Rolle spielt. Wir wissen, dass sich der Autor vor allem, was aus dem Meer kommt, geekelt hat. Wir wissen, dass es ihm Zeit seines Lebens kaum vergönnt war eine gesunde und intakte Beziehung zu führen. Worte der Liebe waren ihm unmöglich. Wir wissen, dass seine Mutter ihm Mädchenkleider angezogen hat. Nun mag man einwenden, dass ein Werk nicht den biographischen Schlüssel zur Not hat, es mit einem solchen gar zu einer eindimensionalen Leseerfahrung im Modus einer Psychoanalyse kommt. Aber doch ist auch das ein Weg ein Werk zu erfahren. Besonders die Fischartigen wie z.B. Cthulhu oder Dagon, die dem Meer zugeordnet sind, werden als abnorme Wesen ausgedeutet, die in ihrer Gestalt, unter genau dieser Prämisse, einer Sicht auf beide Geschlechter entspringen, die als bedrohlich, vernichtend, mit einem starken Ekel einhergehend empfunden wird. Ähnlich wie wir es auch von der vagina dentata kennen. Oder von den Ungeheuern Charybdis und Skylla aus Homers Odyssee, die jene Meeresenge bewachen, die in der Argonautensage von Iason mit der Argo passiert wird.

Ganz anders verhält es sich mit dem Vampir, unserem wohl populärsten Wesen der Grusel-, Schauer- und Horrorliteratur, der hier herausgehoben sei, obgleich es noch viele andere faszinierende Kreaturen gibt. So hat Joseph Sheridan Le Fanu mit seiner 1872 erschienenen Novelle Carmilla zu jener Zeit einen eigenen, heute fast vergessenen Vampirmythos in die Welt gehoben, der unserem Gedächtnis einen Prototyp des weiblichen Vampirs zurückgibt, der noch anderen Gesetzen gehorcht, als jene, die wir nunmehr kennen, die stark von Stokers Mythos beeinflusst sind, dem genau dieses Werk für seinen epochemachenden Dracula zur Inspirationsquelle wurde. Und hat sich nicht auch Lawrence Durrell in Pursewardens Erzählung schwärmerisch ausgelassen über ein Rendezvous mit einem Vampir? Und noch weit davor Philostratos, der die Geschichte einer untoten Empuse erzählt, die nach allen Regeln der Kunst einen schönen Jüngling verführt? – Insbesondere die Romantiker waren es, die die erotischen Vamps zur Metapher erblühen ließen. Die vielleicht sinnlichste Vampirin aller Zeiten wurde jedoch von Théophile Gautier ersonnen: Die Kurtisane Clarimonde, die den jungen Priester Romuald in Liebesraserei versetzt. „Ich habe geliebt wie kein Weltlicher jemals geliebt hat“, gesteht er, dem Clarimonde mit einem Stich ihrer goldenen Haarnadel die Adern öffnet. Behende stürzt sie sich auf die Wunde, die sie mit dem Ausdruck unbeschreiblicher Wollust aussaugt. Ein Wesen also, das es schon immer vermochte in allen Genres der schreibenden Zunft zu hausen, nach dem Blute zu gieren, aus dem es entspringt und dabei, durch verschiedene Kulturen geprägt, seine ganz eigene Genese erfahren hat. Das nicht tot zu kriegen ist. Wie denn auch?! Ihm / ihr beikommen? Ein Wesen pfählen, dass Sie immer noch an den Menschen erinnert, den Sie lieben? Würden Sie, ohne mit der Wimper zu zucken, Ihre Frau, Ihren Mann, Ihren Vater, Ihre Mutter oder Ihr Kind pfählen? Schaffen Sie das? Ich vermute: Sie schaffen es nicht. Vielleicht würden Sie sich sogar beißen lassen, nur um weiterhin mit ihren Lieben sein zu können. Das ist menschlich. Und Fluch zugleich. Vielleicht aber auch ein Segen, manchmal, wenn es gut ist, dass Blut dicker als Wasser ist. Denn was wären wir ohne Bande, Familie, Weggefährten, wenn wir niemals so etwas wie Bindung erfahren hätten? Wahrscheinlich das, was ein Vampir nicht sein will, was ihm über die vielen Jahrhunderte, die er durchwandelt, zum Fluch, zur ewigen Hölle wird, das er selbst ist und seit jeher schon war: ein Vampir. Abhängig vom Blut derer, die es noch nicht sind, jedoch stets Gefahr laufen, es zu werden. Und so erfüllt, in all seinen diversen Erscheinungsformen, in seinem Bedürfnis nach Erlösung, das aus seinem Daseinszustand resultiert, besonders der Vampir für mich den Superlativ einer Sirene. Er ist die Personifizierung des betörend abgründigen Gesangs jener fischschwänzig Wissenden, die uns und unser Geschlecht ganz gut kennen, die nicht wenige in die Tiefe gerissen haben, haben sie es auf ihrer Odyssee nicht schnell genug geschafft, sich die Ohren mit Wachs zu verpropfen. An was es uns mangelt, nach was es uns ruft, zeigt uns der Vampir auf eine gewaltige Weise, besonders weil das mit Blut geschriebene Elektrokardiogramm feinste Ausschläge nachzeichnet, wie uns die Autoren der einzelnen Genres lesen lassen. So auch Michael Perkampus, der in dieser kurzen Impression, das Wesen der Liebe und die mit ihr verbundene Furcht zu zeigen vermag:

Vampyradonna

„Wie soll ich dich denn lieben, wenn du mich andauernd beißt!“
Die Vampirin erschrickt, nackt. Ihr Mund ist erschöpft, ihre Brüste schneeweiß.
„Schau dir diese Sauerei nur an!“ Er hält seinen Arm vom Körper weg, sie schaut dem Tropfen des Blutes zu. Sie weiß nicht, was ihm denn diesen Glanz aus den Augen raubt, der sie überhaupt veranlasste, ihm zu folgen. Ist es das herausrinnende Blut? Ja, sein Blut hat anderes zu tun, als seine Leidenschaft wieder aufzurichten. Es geht um sein Leben, um ein Leben, das sie nicht kennt.
„Wenn ich von dir lasse, wirst du sterben.“
Er tollt herum, jetzt außer sich, weil er weiß, dass sie recht hat. Er dreht sich im Kreis.
„Jetzt ist es genug! Du musst mir gehören!“
Er sackt auf die Knie, der Arm ist angebissen. Wenn er so an sich herabschaut, dann sieht er noch viel mehr Wunden. Sie geht langsam auf ihn zu, ganz das verschüchterte Ungeheuer.
„Geh weg!“
„Wenn du das wirklich wolltest …“
Die Bäume rauschen, bilden einen dunklen Chor. Die Nacht ist mondhell, die Vampirin kommt näher. Er kniet, sie kommt näher, aber zögernd, denn sie will ihm nichts tun. „Du verblutest, wenn ich nicht …“
Nur Blut; ihm schwinden die Sinne.
„Wenn ich nicht weitermache“, beendet sie den Satz.
„Was bist du?“
„Aber ich bin doch nur wegen der Nacht und wegen dir hier!“
Schon kommt der Tod, seine Arme fuchteln, Blutrubine spritzen davon, während er fällt, nach frischem Eisen duftet. Sie hat ihn schwer erwischt, das kann man nicht leugnen. Er verblutet und sie kann nichts weiter tun, als sich so allein neben der Leiche zu fürchten.

“Hexenkopf” von August Natterer, Sammlung Prinzhorn, um 1915

Ein weiteres, kaum bekanntes aber doch sehr spannendes Kuriosum – und daher sei es hier aufgeführt – ist das Old-Hex-Syndrom, das dem des Vampirs in seinem Wesen verwandt ist und das wir am ehesten bei den Romantikern verstoffwechselt sehen. Eine wahre Horror-Erscheinung. Nicht wirklich ergründet, befiel es viele Schreiber zu jener Zeit. Vor allem junge Männer, die zwischen 20 und 35 Jahre alt waren. Heute ist dieses Phänomen auch in medizinischen Fachkreisen durchaus bekannt. Es beschreibt den Augenblick zwischen Wachsein und Schlaf, wenn die Seele langsam abgleitet – wir wissen nicht, wohin. Auf einmal erscheint sie: ein altes Weib: die Hexe, obgleich sie zuvor vielleicht eine junge schöne Verführerin war. Sie nähert sich dem Bett, umkrallt mit eisernem Griff die Schulter des Beinaheschlafenden, legt sich wie Blei auf die Brust des jungen Mannes – ein völlig realer Eindruck, wie Walter von Lucadou von angsterfüllten Patienten erfuhr. Das Geschehen ist unheimlich, grauenhaft: das Atmen fällt schwer, der Bedrängte bekommt keine Luft. Das erinnert stark an die Kippbilder, die uns zu spontanen Gestalt- bzw. Wahrnehmungswechseln anregen. Wie es auch Charles Baudelaire in Die Verwandlung des Vampirs zu zeigen imstande war:

Das Weib mit rosigem Mund begann den Leib zu recken,
Wie sich die Schlange dreht auf heißem Kohlenbecken, …

Wir haben Ängste. Ein aus der Erkenntnis kommendes Vermögen, das unserer Fähigkeit entstammt, uns im Anderen zu spiegeln. Der Du-und-Ich-Annahme, die uns alle in einem frühen Stadium unseres Lebens ereilt und mir nichts anderes bedeutet, als dass wir diesen Zustand, in dem wir kurze Zeit als Neugeborene noch waren, in dem es kein Außen und Innen gab, in dem wir noch mit der Welt untrennbar verwoben alles waren: die Mutter, der Vater, das Kind, der Raum, das Geräusch des Baumes vor dem Fenster, der Windzug, der Duft der frisch gewaschenen Kleidung, das Kleidchen selbst …, wieder versuchen. Wir sollten uns durchspielen, wie es die Autoren in ihren Geschichten tun bzw. ihre Protagonisten auch mit ihnen. Wir sollten auch verstehen, warum. Um dann nicht mehr mit der Wimper zu zucken, weil man uns die Augen auswäscht, bis wir uns nicht mehr sehen, zu blinden Spiegeln werden, da uns die Sinne versiegelt wurden. Daher noch einmal: Der Sexus bestimmt unser Handeln. Ebenso nehme ich an: Auch Ängste tun das. Notwendigerweise! Politisch geschürte Ängste, die nichts anders zur Grundlage haben als ein wirtschaftliches Interesse, wiederum, wie bereits erwähnt, martern unser Geschlecht.

American Horror Story © FX

Und so kann ich mich fragen, ob es besonders das Horrorgenre ist, das am häufigsten mit erotischen Konnotationen und Expliziten durchwirkt ist, das sich nicht selten den Vorwurf gefallen lassen muss, als besonders pornes Genre zu gelten. Woran sich mir die wiederum die Frage schließt, was sind die Grenzen eines Genres? Was sind die Kriterien, die erfüllt sein müssen, um von einem solchen, von uns bestimmten zu sprechen? Und wo nehmen wir sie her, um Zuweisungen zu machen? Meiner Auffassung nach gibt es sie nicht. Denn je mehr ich mich diesen Grenzen nähere, umso mehr weichen sie an vielen Stellen auf, werden durchlässig. Dass wir aber – bleiben wir der Einfachheit halber beim Genrebegriff – besonders im Horrorgenre weite Gefühlsspektren aufgeworfen vorfinden, wie wir es ebenso von der Erotischen Literatur kennen, mag an der existenziellen Verbindung der uns von Geburt an gegebenen zwei Fähigkeiten liegen: dem Vermögen Furcht und Horror zu empfinden, als auch vermöge zu sein, uns in einer Weise zu begegnen, die dem Gott Eros manchmal in nichts nachsteht. Schon gar nicht in der Literatur. Schon Platon war so schlau, fiktional oder nicht, Sokrates dem Leser von Diotimas Unterweisungen in Sachen Eros künden zu lassen. Und so kann ich festhalten: Die Horror-Literatur bietet die Erotik auf eine Weise feil, wie es andere Genres nicht tun. Wir empfinden ihn besonders durch unser Geschlecht. Dem Ich und Du. Weil es uns angeht, uns etwas versehrt und gefährdet. Der Horror und die Erotik. Das will zusammen. Will verstoffwechselt, pervertiert und gesponnen werden. Zwei enorme Sujets, die miteinander kollidieren und fusionieren. Was dem Einen zum Dirnenvorwurf gereicht, ist mir ein breites Spektrum, dessen Farben vom Existenzialistischen bis zum Phantastischen reichen.

 

Dieser Essay erschien bereits im >>>IF Magazin für angewandte Fantastik #666 Horror: Fünfzehn Erzählungen schlagen einen Bogen von der klassischen Geistergeschichte hin zum Horror des Realen, ohne dabei den Boden des Fantastischen zu verlassen. Mit Stories von: Adam Nevill, Bernhard Reicher, Christian Weis, Erik R. Andara, Holger Vos, Ina Elbracht, Jörg Kleudgen, Markus Korb, Michael Buttler, Michael Perkampus, Philipp Schaab, Tobias Bachmann, Tobias Reckermann, Ulf R. Berlin und Uwe Durst. Artikel: Adam Nevill, Albera Anders, Björn Bischoff, Erik R. Andara, Frank Duwald, Karin Reddemann, Michael Perkampus und Tobias Reckermann. Illustrationen: Daniel Bechthold, Erik R. Andara, Jonathan Myers, Jürgen Höreth, Peter Davey, Serhiy Krykun, Thomas Hofmann und Ulf R. Berlin.

Andockbare Ziele

In vielen Textformen spüre ich nach der Essenz des Andockens. Man spricht so oft von dem, was zwischen den Zeilen steht, nur steht da nichts (ich habe nachgeschaut). Der wahre Autor weiss nicht, was er tut und kann deshalb auch nichts zwischen die Zeilen schreiben. Völlig absichtslos aber widerfahren ihm andockbare Ziele. Die wahre Sprache besteht nicht aus dem, was gesagt wird und auch nicht aus einer rhetorischen Figur. Das alles ist Augenwischerei. Ob jemand trivial oder literarisch schreibt ist unerheblich. Ein Text ist immer nur ein Text. Unser Grunzen, das wir in Zeichen gießen, bedeutet gar nichts. Wir können uns damit nicht einmal mit einer anderen Spezies unterhalten. Ich las meinem Hund und meinen Katzen jene Passagen vor, zu denen ich gerne ihre Meinung gehabt hätte, aber erst, als ich mich mit ihnen um einen Trog versammelte, um auch mein weiches Flotzmaul in den weichen Matsch zu pressen, zeigten sie eine andere Reaktion als aufmerksame Langeweile. Entsetzt waren sie nicht, denn sie hatten mich ja noch nie etwas – nach ihren Maßstäben – auf vernünftige Weise essen sehen. Immer saß ich an einem Tisch und bröselte zu ihnen hinunter. Mit Literatur war ihnen nicht geholfen. Und bei meinen Pflanzen bin ich mir auch nicht sicher. Ich hatte es mit Lovecraft, Antonin Artaud, Friederike Mayröcker und Stephen King versucht (ich glaube, bei Mayröcker schlugen ihre grünen Schuppen leicht aus).

Ich frage mich also, was das sein soll, wenn man sich in seinem Leben ausschließich mit Literatur beschäftigt (abgesehen von einigen Ausflügen in die Klangschalen der Musik, die ich jedoch noch nie abseits der Poesie verortet habe, auch nicht, wenn es richtig kracht und scheppert. Ich höre mir eine Band, die klingt, als hätte man sie zusammen mit ihren Instrumenten die Kellertreppe hinuntergetreten, ebenso an wie den göttlich-gestörten Schumann. Berührungsängste habe ich nur bei Idioten, also bei Idioten, die mit jeder Äußerung ihres Gemüts danach schreien, Idioten genannt zu werden. Demnach bei fast allen.) Gestern habe ich mir den zweiten Brenner-Film angeschaut, weil ich vor lauter Müdigkeit und Kopfschmerzen nicht lesen konnte. Fast täglich kommen die noch fehlenden Kanonbücher herein, Jonathan Lethem, Egon Loesers, Edward Carey.