Die kleine Schattenkunde


Warum nicht noch einmal einen Podcast versuchen. Es wird sich wieder um einen handeln, der sich nicht dadurch auszeichnen wird, viel gehört zu werden (wenn überhaupt). Da ich allerdings seit Jahrzehnten mit der Audioperspektive arbeite (begonnenen 2005 mit der Sammlung „Ouroboros Stratum“) und die vielen Versuche mich bis heute unkommodiert zurück lassen, müsste ich die nächste Stufe vorbereiten.

Als mein Weblog 2006 in Die Veranda umbenannt wurde, lief er ein ganzes Jahr unter dem Namen „work in progress“ – eine Reminiszenz an den Ulysses von James Joyce, aber völlig passend für meine Literatur des ewigen Tanzes, der ewigen Veränderung, aus der Fertiges nur herausgeklaubt wird, um es in Druck zu geben. Es wäre von innerer Ignoranz zu sprechen, würde ich nicht zugeben, dass ich nicht verschiedene Bücher schreibe, sondern immer wieder denselben inneren Raum zu betrete, auch wenn dieser Raum mit seinen vielen Spiegeln und Masken die Unendlichkeit markiert.

Es sind dieselben Fragen, Symbole, Motive, Obsessionen – und jede Veröffentlichung ist nur ein weiteres Fenster zu diesem inneren Kontinent, ein geschlossenes Imaginarium mit wiederkehrenden Orten, Bildern, Mustern, oft metaphysisch, traumhaft oder existenziell. Das eigentliche Buch entsteht nie ganz; es nähert sich nur an. Ich bin dem asymptotischen Schreiben verfallen.

Es fühlt sich an, als schreibe ich nicht Texte, sondern ein Bewusstsein, das sich ein Leben lang erforscht. Hier ist das Bild das ich benutzen werde:

Das Original stammt von Petrus van Schendel, ein niederländisch-belgischer Genremaler der Romantik, der sich auf nächtliche Szenen spezialisiert hatte, die durch künstliches Licht wie Kerzenlicht, Lampen oder offenes Feuer beleuchtet wurden, und heißt dann auch – wie sollte es anders sein – „Lektüre bei Kerzenlicht“.

Ich bin mir natürlich bewusst, dass diese Privatdinge auch Privatdinge bleiben; es gibt schlicht keinen Grund, irgendetwas zu tun, außer die Notdurft zu akzeptieren, gegen die man ohnehin kaum einen Kampf gewinnt. Ricardo Piglia hat es in seinem Roman MUNK so dargestellt

„Sie wissen, dass sich dort draußen kein Mensch für Literatur interessiert und sie die letzten verbliebenen Hüter einer glorreichen, in die Krise geratenen Tradition sind.“

Ich werde an entsprechender Stelle darauf zurückkommen.

Im Grunde gab es in meiner Arbeit drei wichtige Annäherungen. Die poetische Sprache sollte auch in Prosa möglich sein; ein Tagebucheintrag sollte davon nicht ausgenommen werden; wie kann man das, was man erlebt, jemals in Worte fassen.

Ein Audiokunstwerk ist im Grunde kein Podcast, das dürfte niemand bestreiten. Ich glaube, man hat auch von Radiokunst gesprochen – und wenn man das Wort Radio heute noch so benutzen würde, wäre es mir recht. Also: Strahlenkunst. Noch früher sicher: Speichenkunst.

Auch nur ein Hund – Vorbereitung zur Lektüre

Seltsame Paarungsrufe bekommt man nicht selten als Enkel zu hören. Eine Anekdote, wie sie Anverwandte gerne zwischen zwei Schnäpsen erzählen. Meine Großmutter väterlicherseits – die dunkle Linie also – erzählte eines Tages, wie mein Großvater sich mutwillig einen Knopf von der Strickjacke riss und dachte: Hoppalla | sich unbeobachtet wähnte und doch gesehen wurde von seiner zukünftigen Braut, die ihm den Knopf dennoch annähte, denn sie wollte ja geehelicht werden.

„Und eine Frau, die keinen Knopf annähen kann, heirate ich nicht.“ Ein Satz wie aus alten Fallstricken zusammengeleimt. Interessanterweise fiel mir dieser Satz wieder ein, als ich am Cornelius Schlehenfeuer saß, also ohnehin in den satten Sprachfarben des romantischen Zeitalters fläzte. Ich neige zur Kürze, zu den Augenblicken eines Bildes, einer Szene oder die eines versponnenen Gedankens. Das ist mir mehr wert als eine Erzählung, die erläuternd begleitet wird.

Käsemilben

In all der Zeit hatte ich DIE VERANDA nicht so in Betrieb wie es in long terms sinnvoll gewesen wäre, um sich wie eine Käsemilbe durch Raum und Zeit zu drücken. Die Schwächen überwiegen, auch wenn man sich einbildet, nicht zu kriechen, sondern zu schreiten. Da wir eine verdammte Spezies sind, schreitet hier niemand mehr. Ich kann mich der Sache des Flusses nicht erwehren, der Belanglosigkeit menschlichen Daseins nicht entkommen, jetzt, wo wir keine Deutungshoheit über einen Wahrheitsgehalt mehr haben. Nun, er stand uns zu keiner Zeit zu. Das Spiel ist ein hochprozentiges, denn wir müssen uns diese Kavernen selbst schaffen, in denen wir blind wuseln und nach einem Lichtchen suchen, das nur durch unsere brennenden Gestalten installiert werden kann.

Nichtsdestotrotz ist die Beschäftigung mit Tälern und Bergen das vorherrschende Streben. Gruppen, die sich für Wölfe in ihrem Gebiet halten dürfen an sich bedauert werden, Kleinkinder im platschenden Wasser plantschen mit feuchten Ärmchen um ihr kleines Leben.

Im Hintergrund: Thelonious Monk. Underground.

13.31

In Form gebrachte Gedanken. Ich nutze ein weites Spektrum des Geheimnisvollen ganz im romantischen Stil. Aber eben in einer Welt, in der das neuerdings unbekannt ist, weil CERN ja erst vor ein paar glimmenden Jahren die Realität verändert haben soll.

Sterblichkeit ist keine Option im Hier und Jetzt der Jugendfrische, den schwarzen Krauser dick und locker gedreht. Die Geschehnisse des Lebens bekommen ihre Bedeutung posthum. Das Passende wird installiert – eine literarische Technik, die entweder nicht auf die Ereignisse referiert oder an seiner statt einen Bedeutungshof einberuft, der die ganze Erzählung zu einem Konzept werden lässt: das der verlorenen Freunde, das der eigensinnigen Wahrnehmung, d.h. unbenommen einer gemeinschaftlichen Schein-Wahrnehmung. Das Leben ist ein Mischereignis und besteht meist aus Luft. Rauch, Fetzen musikalischer Untermalung – oder zumindest sich kumulierender Geräusche. Ohne den, der erzählt, wird aus den kleinen Ereignissen nichts; natürlich gibt es die oft zitierte „Alltäglichkeit“ nicht, sie ist nur ein Maschinengeist. Manche Autoren wollen diskutieren, der Dichter aber will es nicht.

Fleuchende Idioten

Jedes Buch verändert sich beim Lesen; liest man es erneut, steht etwas völlig anderes darin. Auch wenn man in erwartender Vorfreude denkt: Gleich kommt die Szene, in der…, selbst dann wird es nicht die gleiche Szene sein, sondern nur die Konzeption der Szene ist ein Wiedererkennen wert. Zumindest verhält es sich so bei guten Büchern (was keine Klasse beschreibt und akademisch gearteten Dreck garantiert nicht meint). Arno Schmidt klagte seiner Zeit bereits über künstlerischen Abfall; welche Worte müsste er heute finden, da die letzten klugen Menschen andere Welten durchstreifen. Der 2016 verstorbene Umberto Eco, dann der von John Ashbery 2017 und Friederike Mayröcker 2021 hat unserern Feuerball führungslos gemacht und tatsächlich liegt alles Wesentliche in Ruinen. Ist es nicht die fürchterlichste aller denkbaren Welten, in der ausschließlich Idioten fleuchen?

Wünschenswerte Apokalypse

Ich verhalte mich so, als gäbe es keine Menschen mehr – was von einer Tatsache nicht weit entfernt ist. Ich frage mich dann: würde ich schreiben und sprechen, wenn diese – für mich im Grunde wünschenswerte – Tatsache einmal eintreten sollte. und die Antwort ist: natürlich. Ja, das würde ich, denn ich tue es ja jetzt auch; und der Unterschied ist nur marginal.

Schmierige Tage

Es sind schmierige Tage, diese Tage – und die Nächte sind ein Dilemma für sich, die mich auch am Tag nicht loslassen. Wie sollten sie auch, wüssten sie doch mit ihren Klauen sonst nichts anzufangen. Das Unbekannte geht mir ungeheuer auf die Nerven. Wie kann man eine Fleischmaschine nur derart verhöhnen, ihr immer nur das Gefühl geben, sie hätte für sich selbst etwas entdeckt, für sich selbst etwas evaluiert, die schiefen Sandmäuerchen am Strand durch eigenes Denkmanöver vor das Meer gepflanzt, das nun gar nicht zu bemerken scheint, dass der Gegner an Land mit seiner Plastikschaufel unüberwindbar ist. Die Welt erinnert mich durchaus an eine Weißwurstpelle, die im Aschenbecher des Hofbräuhauses liegt. Ich habe die Geschichte schon erzählt, wie einst dort Beutelschneiderinnen, die sich als Klofrauen ausgaben, das Schwanzkommando, das gegen die Wände pisste, dirigierte. Nur waren das keine schmierigen Tage, sondern lebendige Höfe in einem Taschenuniversum. Zumindest von hier aus gesehen.

Neu bezahnt

Ich bin neu bezahnt, nachdem meine Lücken absonderliche Zischlaute hervorbrachten, die es mir unmöglich machten, einen vernünftigen Satz zu vertonen, wobei gerade das Vertonen mir jetzt gar nicht mehr wichtig erscheint, schließlich habe ich genug Beispiele, Nebenspiele, Hauptspiele und Unsinnigkeiten vertont. Zu schweigen von den Podcasts, die noch nicht alle in der Veranda angekommen sind. Das hat Zeit, scheint unwichtig, gerade weil die Veranda im stillen vor sich hin wächst, selbst ein absonderliches Konstrukt ist – ziellos und im Grunde nur dazu da, Tinte zu sparen, die gar nicht gespart werden müsste (denn ich schmiere ohnehin erst in ein Heft, bevor ich taste). Es ist sehr viel Wandel im Gange und paradoxerweise scheint mir nichts wichtiger als ein Gedicht. Als ich mit dem Lorebuch 2018 begann, war es ein Gedicht, das jetzt zu einem Langgedicht wird. Andererseits widerspricht das meinen Momentaufnahmen, der Vorstellung (alles ist Vorstellung), dass ich niemals den gleichen Ton treffe, nachdem ich den Stift beiseite gelegt habe. Das bedeutet: selbst wenn ich fünf Gedichte an einem Tag schreibe (was vorkam, wenn auch selten), sind sie nicht unbedingt in der gleichen Fason, wenn auch doch im gleichen Stil. Das hat mit Zähnen sehr wenig zu tun, spielt sich aber in der gleichen Luft ab, im gleichen Luftraum, insofern man seine Träume nicht auslüftet.

Das eigentliche Unikat

Es gibt einen neuen Klang, einen Ton nach dem Lorebuch, die unter dem LIVEBOOK entstehen. In der Lorebuch-Endphase dachte ich noch, dass dieser 2018 begonnene Abschnitt weitergeführt werden müsste (und könnte), aber eines der merkwürdigsten Instrumentierungen (insofern ich mich als „bestückt“ bewerte), hat mit den unsichtbaren Grenzen zu tun, die eine Stimmung von der anderen trennt. Nie könnte ich zB wieder an den Stratumgedichten arbeiten, GrammaTau und Huntertprosa fielen etwas leichter, würden aber den Punkt nicht mehr treffen. Diese unidentifizierbaren Ströme sind es, die mich durch ein Dichterleben navigieren, das ich nun nicht umhinkomme, als solches endgültig zu akzeptieren. Meine vehemente Abwehr gegen jegliche Art des Schreibens war nicht ertragreich. Keine Gegenwehr hat sich als erfolgreich herausgestellt. Ich hasse das Schreiben nicht mehr, hasse nicht mehr die Destination, zu der es nicht führt. Ich bin kein Dichter wie irgendein anderer lebender Dichter. Ich bin das eigentliche Unikat in einer deformierten Welt.