Zwietracht und Not

„Alles entsteht durch Zwietracht und Not“, lautet ein Satz des Heraklit; und auch wenn man niemals Sätze aus dem Körper herausfleischen darf, kann man sich auf ein Zentrum eines jeden Satzes berufen, vorausgesetzt der Satz trifft zu. Dann verliert er zwar seine Eigenschaft als bestimmter Satz, beginnt aber – wie ein verwitterter Ziegel, der einst eine Burg zum Halten verpflichtete – ein anderes Haus zu stützen.

Varianten des Tuns. Man kann eine Sache, die man bereits abgeschrieben hat, weil man seine sämtlichen Varianten erprobt hat, durchaus noch einmal unter anderen Voraussetzungen in Angriff nehmen. Diese anderen Voraussetzungen erschafft allerdings nur die Zeit.

Tragetraum

Es wäre falsch zu behaupten, die schwarze Galle kochte mir nicht über. Man entflieht der Welt nur durch Tod oder Wahnsinn, beides ist nicht so recht herzustellen, wenn das Vehikel dabei nicht beschädigt werden soll. Eine Perspektive könnte der Traum sein, den man so lange glättet, bis er sich leicht am Leibe tragen lässt.

Romantische Rosinenbrötchen

Die Briten essen ihre Rosinenbrötchen an Karfreitag und nennen sie „cross buns“, im deutschen Norden ist das Rosinenbrötchen auch als „Heißweck“ bekannt. Auch in Frankreich backt man ein ähnliches kleines Ding, das im Grunde nichts anderes ist als ein Milchbrötchen mit Rosinen, wobei dort eher Rosinenschnecken aus Blätterteig favorisiert werden. Den Hefe- oder Germteig gibt es allerdings schon seit dem Mittelalter. Das Wort Rosine selbst stammt aus dem Lateinischen racemus (Beere); von dort wurde es zum französischen raisin und wurde dann umgebildet, und auch die hat man (etwa in Leipzig) schon 1502 in den Teig gemengt. Unsere Romantiker mampften sich mit Rosinenbrötchen durch ihre Kindheit, die armen Studenten hatten meist gar nichts anderes zu essen, denn so ein Hefebrötchen, leicht gesüßt und mit Rosinen gefüllt, ist mit wenig Geld herzustellen. Ein wenig Mehl und Zucker, Ei und Milch, sowie die wertvolle Hefe – und schon ist die brustförmige Leckerei zum Einsatz bereit. Ein kleines Glück ist dieses goldbraune Ding. Tatsächlich aber ist die Variante, die man bei sogenannten heutigen Bäckern bekommt, meist mit Backtriebmittel oder Trockenhefe aufgeschwemmt und hat wenig von dem vollmundigen, klassischen Geschmack an sich.

Ad Hoc

Ich hatte von der Nacht seltsames vernommen. Ein Klopfen, das sich lose durch eine Winterlandschaft quälte, ohne eigentliche Herkunft. Das Raunen nichtexistenter Türen, als fielen sie in eine altes Schloss. Ich wurde des Atems gewahr, der über die Erde schwebte. Nichts ist je wirklich vergänglich.

Hexenkiel

Noch einmal wiederhole ich: Schwärzer als die Textur der Nacht schält sich ein Symbol aus der dunklen Leere.

Die Gesichter der Vergangenheit sind auch am besten dort aufgehoben, aber ich begegne ihnen manchmal auf den Straßen. Es könnte sein, dass sie mich gar nicht bemerken, nicht bemerken, wie ich kurz zusammenfahre. Der Vergangenheit kann man sich nicht offenbaren, eine gefährliche Begegnung ist das, die Zeit lässt nicht zu, dass man sich versöhnt.

Bilder sind nicht wirklich, sie sind nur eine Erscheinungsvariante. Das Szenario wird beherrscht von der Traumsubstanz. Ob ein Ding fest erscheint oder durchlässig ist, ist ganz und gar unerheblich.

Schutz vor dem Autor

Es ist, wenn man über Bücher schreibt, nicht anderes,  als ob man über sich selbst schriebe; nur ein Vorwand zwischen sich und dem Gedanken, den man formuliert. Auch sucht man selbstverständlich sich selbst, wenn man nach Büchern sucht, die man zu lesen beabsichtigt. Man wartet auf ein Signal, eine Merkwürdigkeit, die aus einem selbst kommt. Bücher sind natürlich keine Lebewesen, auch wenn das ab und zu behauptet wird, sie können nichts leisten ohne unser Zutun, und was wir tun, ist ein Abgleich unserer Selbst mit dem, was ein anderer stellvertretend für uns gedacht hat. Im günstigsten Fall gibt es keine Distanz zwischen dem Leser und dem, der für ihn, unwissentlich, geschrieben hat. Es ist nie verkehrt, wenn der Autor, den man liest, bereits verstorben ist oder zumindest ganz und gar unerreichbar, weil er etwa auf einem anderen Kontinent lebt. Auf diese Weise kann man sich am besten vor ihm schützen und vor all dem, was er über uns weiß.