Das Privatgespräch

Es ist stets die Frage, warum man die Faulheit und Bequemlichkeit der Leser berücksichtigen sollte, warum man sich einer zeitgeistigen Sprache bedienen sollte, die diesen geistigen Rost miteinbezieht, warum man alle Kunst, die Sprache betreffend, zu Grabe tragen sollte. Diese Frage stelle ich allerdings nur mir selbst, der ich zwischen der obligaten Lesbarkeit und der Gewissheit, gewisse Wahrnehmungen nicht ohne irritatives Moment darstellen zu können, schwanke. Es geht – wie immer – um Konventionen. Was ist eine private Sprache wert, die ungebräuchlichen Elementen den Vorzug gibt? Ist das Zwiegespräch mit sich selbst am Ende gar der einzig gangbare Weg?

Früher schwebte mir ein Museum vor, bestehend aus Klangskulpturen und Texten, Reflexen und Selbstbeobachtung. Aber was ich da beobachtet hatte …. das war der Beobachter selbst, da gab es kein Objekt mehr. Nun, das gibt es nie. Nur wenn man kein Beobachter mehr ist, sondern ein flüchtig Sehender.

Eine neue Prosa widersetzt sich vor allem dem leicht Verständlichen. Wir sprechen nicht die gleiche Sprache, die Dichter und das Volk. Während in der „Gesellschaft“ keiner weiß, was Sprache ist, gefällt sich der Dichter in seinem Instrumentendasein, weiß ebenfalls nicht, was Sprache ist, ist allerdings der Quell des Universums, an dessen tatsächlichen Rätseln beteiligt. Der Dichter lebt nicht mit. Ich lebte nie mit, ein Außenseiter durch und durch (to the bones), nie gab es eine Gestalt wie mich in meinem Umfeld, nie war eine Verständigung in ihren Grundsätzen möglich. Der Beobachter nach innen. Eine kurze Zeit der Wahrnehmung war mir gewährt, in der ich nach draußen drang, aber auch da war ich ein Quell, dem man brachte.

Von der Lebensgefahr beim Schreiben

Wer schreibt, liest. Das eine bedingt das andere: eine Binsenweisheit. Nur ist es nicht immer so, dass man das schreibt, was man liest. Der Leseprozess selbst ist ein Schreibprozess, zumindest dann, wenn man lesen kann. Was sich wie Provokation anhört, ist gar nicht so unerhört, denn beim Lesen entsteht ein Gedankenraum im Leser, der vom Autor gar nicht intendiert war, von dem er nie Kenntnis haben wird, denn der Autor wird nie Leser seines Buches sein, sondern immer nur der anderen. Der Autor ist also vom Lesen ausgenommen, auch wenn es sich bei dieser Blockade nur um seine Bücher handelt. Der Schreiber öffnet einen Gedankenraum, den er vom Lesen kennt, und dann taucht er seine Feder ein und zeichnet aufs Papier, was er beim reinen Lesen ohne seine Hand erkennt. Jeder spürt die Gefahr, die beim Schreiben vom ersten Augenblick da ist. Die meisten ignorieren sie, andere lassen sich von dieser Gefahr treiben. Diese Lebensgefahr wird sie zur Meisterschaft bringen.

Camus – Newton – Tesla

Ich bin in einer Welt gefangen, zu der ich nicht nur nicht gehöre, sondern seit meinem ersten Atemzug nicht gehörte. Und dennoch ist – wie Camus sagt – der Selbstmord zwar eine immerwährende Option, aber nie die richtige Wahl, um sich dem Absurden zu stellen. Das ließ sich für jemanden, der 1960 ermordet wurde, etwas leichter formulieren als jetzt (auch wenn Camus das nicht wusste). Nun, die Endzeit begann mit Newton (was tatsächlich zu erklären wäre) und erreichte ihren Höhepunkt mit dem Ausschalten Teslas (was ebenfalls zu erklären wäre). Nimmt man den Apfel, der zur Vertreibung aus dem Paradies führte, dann hat er seine zweite Schuldigkeit damit getan, dass er einem Universalgelehrten auf den Kopf fiel. Nun, er wusste freilich nicht, dass die Natur keine Gesetze hat. Was ein Alchimist nicht alles angerichtet hat. Aber freilich – auch ihn trifft keine Schuld.

In reach for the stars

Ob mich die Hexe schoss oder ein Schoß verhexte: im tiefen Muskelwald sprang ein Seil aus dem Gleichgewicht, in reach for the stars, aber eigentlich, als ich einen neuen Scheißhausdeckel montierte, im Halbstehen, so nach vorne gebeugt, wie wenn / als ob ich die Brunzauflage tragen wollte.

Gauloises

Als würde ich die Stätte der Städte sehen, den realen Ort, der unter den aufragenden Trümmern liegt, der zum Verständnis darüber führt, wie sich alles verändert, wenn sich dort andere Räume auftun, die in sich kleine Universen bilden (und manchmal einen Spuk beherbergen). Die Landschaft davor (aus der sich dann Raha erhebt). Zunächst sind da ein paar Hütten und Äcker, Hohlwege und Trampelspuren, doch schon bald weicht die Natur dem Eindringling und wird sich in Geduld üben müssen, bis der Zauber fällt. Erst müssen alle Anstrengungen ins Leere führen, dann sollte ein Beben den Juckreiz dazu veranlassen, alles einstürzen zu lassen, damit Windwände und Wassermuskeln den Grind verräumen. Die Hohlwege bestehen lassen, denn sie könnten ein extravagantes Fließen beherbergen, das sich mit Mineralien anreichert. Um zuzusehen, rauche ich dann doch Gauloises.

Zwei Faszinationen

Erinnern ist wie träumen, zumindest in Fällen, in denen erinnern nicht erinnern, sondern träumen ist, womit ich bei einem Schrank angekommen wäre, der in einer Zimmernische steht, eine Bausünde, den der hineingeschobene Schrank rettet (die Schubladen lassen sich nicht ganz herausziehen, aber Sperriges wirft man ohnehin obenauf oder verstaut es im Keller oder auf dem Boden, der kein Boden ist, sondern unter dem Dach). Aber das ist nicht alles: später schob ich dort das Bett hinein (kam nachts der Schwindel, war die baldige Wand äußerst praktisch). Ich träume, dass die Nische nicht so sehr Nische war, das Bett ragte etwas in den Raum, aber als der Schrank da noch stand, war es genau das. Erste Faszination: gut versteckt sein, um das eigene Volumen richtig einschätzen zu können, Augen hereinblicken lassen, wenn der Blick ohnehin vom Fenster aus erfolgt. Zweite Faszination: das Andere. Jegliches Andere, dessen Bewusstsein nicht dem eigenen entspricht. Ein von innen beobachteter Raum kann von außen leicht gefunden werden, weil Bewusstsein nun einmal nicht von einer Wand getrennt werden kann.

Elefantengroße Esser

wir sind auf die Vernichtung der Realität angewiesen, weil ein Grün kein Grün ist, weil nur der Beobachter zählt und jegliche Interpretation ein Fehler unseres Gehirns ist, was nicht sein müsste, gar nicht sein müsste, gäbe es nicht diese unsäglich leeren Zusammenhänge und Türen und Korridore im Sumpf unter dem Keller. Dort sind die Maden feine Gesellen und mampfen den Dreck unserer Ideen, was sie zu großen Viehhikeln der Erde macht, zu elefantengroßen Essern, die schlechte Erde in etwas Nutzbares verwandeln und es vor uns – besser so – verbergen