Rollender Kiesel

In Zeiten, in denen das Fleisch dem Willen folgt und sich auch ohne Substanz ernährt. Es sind Zeiten, in denen das Wilde in jedem Funken lauert, der manchmal auch ein Tropfen ist, ein Hauch, ein rollender Kiesel.

Sprühkörper

Unser Wechselritual wurde erfolgreich absolviert. Wir begannen bereits um 18 Uhr mit der Flut an Bildern PLUS musikalischer Untermalung, und es war einfach, sich gegen 2 Uhr in die Liegestatt zu begeben. Das Donnern der Kanonen und Sprühkörper war diesmal ein eher astrales Schauspiel und nicht plump derbe wie in den letzten Jahren. Kempten ist eine ruhige Stadt, und das ist vielleicht der Augenblick, von einer Perle zu sprechen, die sich wohl von den meisten deutschen Städten abhebt, ohne dass es jemand von außerhalb bemerkt. Dafür werde ich heute noch in den Haferschleim tauchen und (wie gestern) in den Kartoffelkanon. Selbstverständlich gibt es die neujährlichen Versuche, verschiedene Änderungen einzuleiten (das Datum verführt stets aufs Neue). Wie will sich etwas ändern, wenn mir noch der Schweiß tropft? Durch einen saugfähigen Pyjama zum Beispiel, durch Tee, der den Magen durchläuft und ausspült, was sich in den Darmschatten verstecken möchte.

Pendelnichts

Die Vergangenheit entgleitet mir mehr und mehr, und das ist gut für die Bewegung außerhalb des Zentrums, das nun überall sein kann, so wie wir es von Foucault her kennen. Nichts ist quasi das, was wir haben. Ich bin frei in meiner Auswahl der Stoffe, also schaue ich mir gerne das Verlixteste an, das ich kenne. Eine undenkbare Welt spiegelt sich im Innern, darin findet sich nur immer das Symbol eines weiteren Symbols; ich glaube, die wahre Befriedigung ist die Ohnmacht, eine Rückkehr zur vertrauten Nabelschnur. Das ist anscheinend mit Paradies gemeint, der Apfel ist demnach die Geburt. „Lass den Apfel hängen, wo er ist, Eva!“ Wie würden wir uns denn dann in unserer kleinen Kammer einrichten, mit einer Mutter, die wie ein Wal auf den sieben Meeren treibt?

Mich fasziniert die zunehmende Distanz zu einer Welt, die einst war. Sobald die Momente in die Vergangenheit gleiten, werden sie rein fiktional. Jede Erinnerung, jede Beschreibung… Dieser eine Punkt, den wir zu greifen suchen, ist wieder einmal nur nichts, ein Pendel mit einem Radius, dessen Aufhängung wir nicht begreifen.

Fragen an die Maus

Wie viele Bücher könnte man mit allen ersten Sätzen füllen, die je geschrieben wurden?
Schmeckte der Apfel im Paradies nach Oxford?
Wie kann ich an einem Kreuzweg wissen, in welche Richtung ich muss?

Wieviel Klopapier-Tissues kann ich essen, bis ich Verstopfung bekomme?

Wie groß war Karl der Große und wie lautet der Quotient gegenüber den Schlümpfen?

Säufer und Sonnenkönig

Die letzte Woche war eine der Dunkelheit, ein Herstellen von Gedankenweite. Die Karfunkel-Zeitungen wahrscheinlich ungeeignet, aber einen Säufer und den Sonnenkönig ausgerupft. Was gäbe es auch schöne Kommentare zur Syphilis, wenn sie nur in Bildern sprächen. Die Technik völlig aus den Augen zu verlieren könnte ein Trost sein.

Es ist erstaunlich, was Altpapier kostet, früher am Straßenrand keines Blickes gewürdigt, nicht ein Gedanke ging zum Kunstwerk, das im sumpfigen Papiermatsch auf seine Erweckung lauert. Wie alles Ästhetische ist kein Tiefenschauplatz je von heute. In seiner Zeitlosigkeit ist er allerdings auch nicht von gestern.

In mir brandete der Zwang, mich ebenfalls der gegenwärtigen Monothematik zu unterwerfen, lange an, bis ich ihn mir aus den Zellen wusch. Selbstverständlich verachte ich die Menschen, was man kaum glauben mag, wo ich mich doch mit „Popkultur“ auseinandersetze.

Zur Bibliothek

Um die besonderen Bücher zu finden, insofern man sie nicht bereits in seiner Sammlung hat, ist es unabdingbar, immer weiter den Spuren zu folgen. Früher war es so, dass man dem Literaturverzeichnis folgte und sich die nächsten Stationen heraus schrieb. Des weiteren fand man – gerade in Taschenbüchern – am Ende ein reichhaltiges Register oder sogar Werbung für ähnliche Werke wie dieses, das man gerade in Hände hielt. Das bedeutet nicht, dass es heute nicht ähnlich funktioniert, aber die Trefferquote ist doch längst nicht mehr so hoch wie zu Beginn eines Leselebens, aber die Spurensuche funktioniert weiterhin überragend bei Sachbüchern, die sich sozusagen per definitionem aus angegebenen Quellen speisen.

Überlegt man sich, wie eine ausgewachsene und nennenswerte Bibliothek überhaupt zustande kommt, dann wird man zugeben müssen, dass – abgesehen vom Grundstock, den jede Bibliothek pflegen sollte, unabhängig davon, in welchen Zweig hinein sie sich später entwickelt – ein Großteil der Anschaffungen zunächst ungelesen eingeordnet wird. Man beginnt ein vielversprechendes Werk und legt es enttäuscht zur Seite, um zum nächsten Buch zu greifen. Manchmal kommt es sogar vor, das im gesamten Pulk nicht das zu finden ist, nach dem man gerade dürstet und schon mit der nächsten Bestellung zugange ist. Selbstverständlich hat man immer etwas zu lesen, es ist ganz und gar unmöglich, leer zu laufen, aber ich spreche hier von besonderen Büchern, von jenen, die sofort in den persönlichen Kanon wandern. Um so mehr Bücher auf den Markt geworfen werden, desto geringer werden die Meisterwerke, desto höher aber auch die Sichtungen, die dann den Umfang der Bibliothek merklich erhöhen.

LiveBook/Lorebuch-Kooperation

Das LiveBook greift selbstverständlich auch aus den visuell gestalteten Seiten hinaus und manifestiert sich in weiteren Texten, die nicht unbedingt einen Weg ins fertige Werk finden müssen. So geschehen (unter der heutigen Arbeitsatmosphäre) beim Gespann ENDLICH SCHULD / SCHWEREMUT, wobei letzter Text in die Sammlung LOREBUCH aufgenommen werden wird.

Auch nur ein Hund – Vorbereitung zur Lektüre

Seltsame Paarungsrufe bekommt man nicht selten als Enkel zu hören. Eine Anekdote, wie sie Anverwandte gerne zwischen zwei Schnäpsen erzählen. Meine Großmutter väterlicherseits – die dunkle Linie also – erzählte eines Tages, wie mein Großvater sich mutwillig einen Knopf von der Strickjacke riss und dachte: Hoppalla | sich unbeobachtet wähnte und doch gesehen wurde von seiner zukünftigen Braut, die ihm den Knopf dennoch annähte, denn sie wollte ja geehelicht werden.

„Und eine Frau, die keinen Knopf annähen kann, heirate ich nicht.“ Ein Satz wie aus alten Fallstricken zusammengeleimt. Interessanterweise fiel mir dieser Satz wieder ein, als ich am Cornelius Schlehenfeuer saß, also ohnehin in den satten Sprachfarben des romantischen Zeitalters fläzte. Ich neige zur Kürze, zu den Augenblicken eines Bildes, einer Szene oder die eines versponnenen Gedankens. Das ist mir mehr wert als eine Erzählung, die erläuternd begleitet wird.

Käsemilben

In all der Zeit hatte ich DIE VERANDA nicht so in Betrieb wie es in long terms sinnvoll gewesen wäre, um sich wie eine Käsemilbe durch Raum und Zeit zu drücken. Die Schwächen überwiegen, auch wenn man sich einbildet, nicht zu kriechen, sondern zu schreiten. Da wir eine verdammte Spezies sind, schreitet hier niemand mehr. Ich kann mich der Sache des Flusses nicht erwehren, der Belanglosigkeit menschlichen Daseins nicht entkommen, jetzt, wo wir keine Deutungshoheit über einen Wahrheitsgehalt mehr haben. Nun, er stand uns zu keiner Zeit zu. Das Spiel ist ein hochprozentiges, denn wir müssen uns diese Kavernen selbst schaffen, in denen wir blind wuseln und nach einem Lichtchen suchen, das nur durch unsere brennenden Gestalten installiert werden kann.

Nichtsdestotrotz ist die Beschäftigung mit Tälern und Bergen das vorherrschende Streben. Gruppen, die sich für Wölfe in ihrem Gebiet halten dürfen an sich bedauert werden, Kleinkinder im platschenden Wasser plantschen mit feuchten Ärmchen um ihr kleines Leben.

Im Hintergrund: Thelonious Monk. Underground.

13.31

In Form gebrachte Gedanken. Ich nutze ein weites Spektrum des Geheimnisvollen ganz im romantischen Stil. Aber eben in einer Welt, in der das neuerdings unbekannt ist, weil CERN ja erst vor ein paar glimmenden Jahren die Realität verändert haben soll.

Sterblichkeit ist keine Option im Hier und Jetzt der Jugendfrische, den schwarzen Krauser dick und locker gedreht. Die Geschehnisse des Lebens bekommen ihre Bedeutung posthum. Das Passende wird installiert – eine literarische Technik, die entweder nicht auf die Ereignisse referiert oder an seiner statt einen Bedeutungshof einberuft, der die ganze Erzählung zu einem Konzept werden lässt: das der verlorenen Freunde, das der eigensinnigen Wahrnehmung, d.h. unbenommen einer gemeinschaftlichen Schein-Wahrnehmung. Das Leben ist ein Mischereignis und besteht meist aus Luft. Rauch, Fetzen musikalischer Untermalung – oder zumindest sich kumulierender Geräusche. Ohne den, der erzählt, wird aus den kleinen Ereignissen nichts; natürlich gibt es die oft zitierte „Alltäglichkeit“ nicht, sie ist nur ein Maschinengeist. Manche Autoren wollen diskutieren, der Dichter aber will es nicht.

Inhalte, Illustrationen, dargestellte Bilder & Fotos sind urheberrechtlich geschützte Werke ihrer jeweiligen Eigentümer*innen.

© 2026 DIE VERANDA | Alle Rechte vorbehalten.