Karambol

In den ersten Minuten ist diese fleckfiebrige Luft nicht einzuatmen, die in Krankenzimmern, Gefängnissen, unterirdischen Kellern, Brunnen etcetera zur Hypochondrie führt und die es darauf abgesehen hat, sich in seinem Organismus auszubreiten. Das zwar alles Leben über die ‚funiculus umbilicalis‘ eingetrichtert wird, sein Blut aber das Blut seiner Babet, von ihrem Blut sein Blut übrigbleiben würde, lange über das Leben hinaus. Also balgte er die Lungen & und schrie der Welt ins Gesicht, klapperte mit den Zähnen & beruhigte sich schließlich, als sein Kopf zwischen der sanften Hügelkette Platz nahm.

‚Mane, Mane witte, giv iusen Kind de Titte‘, wie es in einem Kinderlied heißt. Kam, historisch betrachtet, eine Kugel im Karambol, angerollert, nachdem sich der ewig liebende Protagonist selbst schon kein Wort mehr glauben konnte, in seinem Kellerzimmer zeltete, nicht ahnte, daß es die Welt, in der er scheinbar festsaß, nicht gab.

Faran, faran, Wanderer, fahre hinaus in ein üppiges Fantasma! In Babylon wurden in der Zwischenzeit immer noch die Toten mit Ocker bestreut in Ost-West-Richtung niedergelegt & mit Kaurischnecken geschmückt, die Vulva für die Wiedergeburt, Neumutter, Erdmutter, Liebesöffnung! Sei in meinem Ring der Erde Gast!

Und um noch einmal auf den Verlust zu sprechen zu kommen, ist das Entschlüpfen ein säugetierisches Ent-Eiern, dem das Abnabeln folgt, der Verlust der Urhöhle in anderen Fällen zu denken als die Pyrenäenhöhle in Tuc d‘ Audoubert, in der noch die Fersenabdrücke der Tänzer zu sehen sind, rund um eine aus Ton modellierte Gruppe einer Bisonkuh & eines Bullen im Augenblick des Bespringens.

Worte der Prärie

Feuer und Hunde in weißem Taft, Plüschbalkone. Als ob sie den Gesang studierten, schrieen sie ihre formanten Töne ineinander, erschufen Klangquadrate und Sinuskurven voller Zauber.
An den Händen, die aus dem dickflüssigen Meer ragten, erkannten sie sich wieder. Die Hände, mit denen sie sich besprochen hatten unter dem Einfluss deformierter Sekunden, die wie Seifenblasen laut schmolzen, Speichel zurück ließen, kenterten.
Worte der Prärie. Die Sätze wachsen wasserlos, sind Waisen ohne Quelle; morgen sagt sie ein anderer, jetzt aber konzentriert sich der Insekteninstinkt auf die Beute. Schmerz des Hungers, Wahn der Lust. Es ist nicht einerlei, was das Spinnentier sagt.

Das Crimson’sche Semikolon

Die Erklärung, daß Staub nur Staub ist, ist ein gut gekleideter Irrtum. So viel die Himmel sich verdunkeln, gräbt mein Herz nach Abenteuern. Es bleibt nichts, die Ewigkeit endlos, die Dämonen der Chetin Bat Scheba, der Mutter des Salomon, Autorin der Tora, Kompilatorin des Tanach, Erfinderin des blasphemischen und skandalösen Gottes Jahwe, sticht aus eisigen Wolken hervor, steckt ihre Klauen in die staunenden Münder, reißen jedwedes Wort von der Zunge (die Lippen zerfetzen sich selbst).
Formen werden zu Brüsten, Brüste werden zu Bergen, nehmen das Gesicht zwischen ihre Höcker, irgendwo die fremde Stimme, kommt sie doch von außerhalb, dringt an das Ohr im Dämmerzustand, eingeklemmt zwischen zwei Brüsten.
„Ich habe noch eine Dose Nescafé; wenn einer noch eine Dose Nescafé hat, ist seine Lage nicht völlig aussichtslos, er kann noch eine Weile durchhalten.“

Im Lande Ingwäoni

Hatten nicht immer die Frowen die Kunst verstanden die in Stäbe eingeritzten ›Buohstaben‹ zu deuten, Buohstaben=Künstlerinnen, die das Raunen losten, die durch das, was sie durch das rizzan gelost, dem Reißer huldigen, wie heute noch, ob brüllig ob klein
ist die Alliteration geglückt, darf er sich im Bade mit ihr suhlen
(schreibt nicht jeder für die Weps?)
Kepse mio
im Lande Ingwäoni: die Flattermannen, die Bernsteingefäße voller Rabenblut, ›dies martis‹ erzähle ich das Gerücht nun weiter, wir sind nicht an dem Städtebau interessiert, leben abseits lieber als in seiner Nähe, nicht wie ihr in Rom, die ihr gut und gerne aufeinander hockt, den Schweiß des anderen deutet
(ein Moschusgeflecht auf Pergament)
ihr habt sie lange nicht mehr gesehen: Druckgeister, Manwulfe, Alben und Wichte mit ihrem König Oberon, Alraunen, Feen und Wahl=Küren, eure Gespinster sind euer eigener Gestank
schlanke Wirrnis Welt, stand auf dem Telegramm, ich hatte es mir selbst geschrieben, habe einen falschen Namen angegeben
(Solipsismus und das Problem des Fremdseelischen)
was ist der Mensch ohne Menschen, aussterbendes Tier, Nahrung der Unterdrückter
(ganze Jahre lang, unendliche Tage)
letzte löchrige Bibliothek, Chronik eines Überlebens, Fantasma, Biograf für niemanden mehr, Sucher nach dem Anderen
(da wird doch wohl noch einer)
für meine eigene Erinnerung, die aufsaugt, was ich fabriziere, in der eigenen Suppe wende ich mich
(nachts)
ich drehe mich um, es sind Geräusche da, sie stammen nicht von mir, die Gedanken lassen mich nicht schlafen, hängen von der Leber ab, die Säfte gären dort, Begierden, umfangen der Gipfel leuchtet ein Morgenrot, gewälzt in dampfrosschwerem Schweineschweiß, jetzt warten auf das Nimmerlein sakrosankt.

Trolle & Barstukken

Die Erinnerung ist aus den Gegenständen herausgeblasen, ihre Be­ deutung leer. Es scheint für alles einen Zwilling zu geben, jeder real existierende Gegenstand ist gleichzeitig das Requisit eines Traumes. Diese Regale hier unten sind müde Bretter, aus einem toten Forst gebrochen, verwandelt, unseren Knochen so ähnlich, wenn sie zerstoßen, zermahlen, genagelt oder verschraubt die Flaschen Wein umkrallen, im Kellerstaub auf Nachschub warten, denn es sind noch Plätze frei.

Der Mond leuchtet den Wichteln, Trollen, Barstukken, leuchtet je­ nen, die selbst nicht glühen und in ihrer hölzernen Hand keine La­ terne mitspazieren lassen. Stock und Stein, Wurzeln, Farne: leuch­ tet der Prozession hinunter ins Dorf! Wölfe küssen feucht.

»Was ist mit den Räubern?« Sie lercht, lächelt nicht in ihren Gum­ mistiefeln, die ihr bis knapp unter die Knie reichen; sie bie­ gen sich noch kaum, starren um ihr schmales Gesöck herum, stempeln die halbtrockene (halbnasse) Erde, ritzen Dagewesenes hinein.

Und dann gibt die Erde nach; sie stampft noch etwas tiefer, blickt mit gemarterten Augen auf zu den Gesichtswipfeln, die vor einem aschfahlen Himmel wippen, Bärte daran gekauert.

In der Nacht wollte sie die Erinnerungen zähmen. Am Tage, sagte sie, gelänge ihr das nicht, weil sie ständig in die Einsamkeit hin­ einsehen müsse, die sie zwischen zwei Menschen entdecke. Sie sagte, sie suche gern Dinge oder Orte, mit denen sie einen Pakt zur Animation ihres persönlichen Dramas geschlossen habe, wieder auf.

Überschüsse im Gesicht eines Mannes

Die Natur spuckte aus, es war Stille im Universum.
Nur die Steine sprachen miteinander. Fünfzehn Stufen
lagen vor mir, und die erste fand ich hell erleuchtet.

Nebel, die Stufen aus Knochenmark geformt, in der Mitte schwielig,
Braun zurückgelassener Fußabdrücke, Dornenstaub darüber,
Gestalt des Wahnsinns.

Hört auf, mich zu halten, Skelette!
Würmer kriechen aus euren Mündern, an den Kiefern kleben
niemehrkauend gelbe Zähne, Knochenhälse recken aus dem Morast,
Mooszyrrhose. Man krönte mich zum König,

man hängte mir geräucherte Würste um den Hals,
man baute mir ein Bett aus Gammelmais und Daunen,
dreizehn Nymphen, kleiner als ein Daumennagel, putzen meinen Körper.
Prinzessinnen wollen saubere Kandidaten.

Kraft meines Amtes
darf ich entscheiden, wem man heute die Augen aussticht,
ich entscheide mich für einen Bankier,
der Augensaft, die Tränke der Nymphen;
das Geschrei des Sterbenden wird untermalt von Pauken,
bucklige Glöckner schwingen den Klöppel.

Ich bin der König der Skelette, ich bin
der gesäuberte, bezirzte neue König, werde in Plasma gebadet
und besteige hierzu eine gusseiserne Glocke,
meine Augenbrauen verfärben sich rot.

Der Fremde blieb fremd, tastete nach seinem Hals:
»Verzeihen Sie mir, ich suche eine Inspiration und weiß nicht, wo ich suchen soll!«

Sitzt an meinem Tisch und beobachtet mich
mit Zonulafasern, Linse, Augenstiel.
Beinahe hätte ich ein Lied daraus gemacht: Oh Zonula Augenstiel,
Netzhaut, Binde-hau-tsa-hack!

Er beugte sich über die Schreibmaschine (Hermes Baby),
roch nach Moschusdrüsen und Schweiß, und bellte,
die Lippen straff geöffnet,
künstliches Loch, die Zunge wie ein Rollmops;
als wisse der, wer ich bin.

Am Morgen

Die Reichhaltigkeit des Frühstücks ist im stets ruhig dahinfließenden Garten zu verorten, unter Glucken, hinter Eierbergen, der Hahn wandert auf den täglichen Blumen. Es begab sich, dass er dem zerfetzten Brot folgte; die Stille, in der nichts geschieht außer Stille. Der Frühstückstisch mit integriertem Wecker, eine Uhr, die (in der modernen Welt angekommen) Brote schmiert, durch eingestreute Gerüchte für aufmerksames Zuhören sorgt. Alles dreht sich wie in einem gurgelnden Bach. Alles verweht sich wie Sand. Die Nacht bricht entzwei. Die Zeiger öffnen sogar die Türen, vornehme Kleider über dem Unterarm. Am Morgen steckt da noch ein Rest Absolution in den Augenwinkeln, frisch gebügelte Gesichter nehmen ihre Plätze ein. Folgende Angebote: Froschcocktail, lebendig püriert, Schnecken, Schafsaugen in Tomatensaft, Leipziger Milbenkäse, Marmelade aus verbotenen Früchten, eingekochte Kaulquappen, ein Œuvre Complete ekelerregender, zutiefst menschlicher Küche. Welt drückt sich aus in einer obszönen Blüte, ein Regenwurm ist reinster Magen.

Das Labyrinth

Das Labyrinth ist ein Zeichen, das viele verschiedene Zeichen in sich birgt. In einer Fülle komplexer Darstellungen und Deutungsmöglichkeiten führt es hin und her, biegt immer wieder ab und führt schließlich zur Mitte.

Eine der Bedeutungen des Labyrinths ist, dass alles, was existiert, sich niemals schlussendlich festlegen lässt. Das frühgeschichtliche Labyrinth, das man bei Ausgrabungen eines Palastes in Pylos in Griechenland fand, hat einen kreuzungsfreien und vorgegebenen Weg, der auf verschlungenen Pfaden sicher zum Ziel und wieder hinaus führt. Man kann durchaus davon ausgehen, dass das Labyrinth mit Initiationsriten, erotischen Hochzeitsspielen und Tod-Wiederkehr-Mysterien in engem Zusammenhang steht, denn die ältesten Zeichnungen sind nahe an Kultanlagen platziert.

In der Ilias wird ein Pendeltanz im Zusammenhang mit einem Herbstritual beschrieben. Tanzvorstellungen sind auch auf alten Tonkrügen zu sehen, die hier Kranich- oder Jungferntanz bedeuten.

Das Labyrinth (und das soll hier nicht verschwiegen werden) ist ein weibliches Symbol, es steht immer in Verbindung mit der Göttin oder der Erde. Erinnern wir uns:
Ariadne hatte den Faden des Wissens in der Hand und gab ihn weiter.

Ich habe das Labyrinth als Sinnbild meines Werkes gewählt. Ich bin weder der erste, noch werde ich, da bin ich mir sicher, der letzte sein. Der Unterschied aber zu allem, was man über das Labyrinth weiß, ist in der Literatur ein anderer gegenüber den historischen Tatsachen. Schlegel führte 1798 die Arabeske in die Literatur ein und verband damit die Vorstellung märchenhafter Phantastik, ironischer Leichtigkeit und überquellender Fülle, von Poe wissen wir, dass er in seinen Geschichten vom Arabesken den Akzent auf eine groteske Verzerrung der Welt hin zum Dämonischen legte. Besehen wir uns die Ornamentik einer arabesken Darstellung, fällt es uns sehr leicht, darin ein Labyrinth zu erkennen. Denken wir uns ebenfalls eine Wüste als Labyrinth und: eine Bibliothek.

Ich kann mich täuschen, aber die besten Dichter waren labyrinthische Schreiber, die stets mehr wagten, als bornierte Beschreibungen in die Welt der Unterhaltung zu liefern. Ein Labyrinth unterhält nicht sondern bietet nicht weniger als den Zusammenhang des ganzen Universums.

Und es wird erzählt von einem Weibe, das sich hat ihre Schamlippen ritzen lassen, so dass darauf, auf ihrer zarten Haut, ein Schmetterling zu sehen war, und dieses Weib wohnt im Hause der Labrys, das umgeben von schweren Steinpfeilern die Doppelaxt in ihren Händen hält. Das Haus ist in der ganzen Welt als Labrynthios bekannt.

Die Reise der Blicke verspeisen

Sie ist dann gelaufen wie ihre Wörter auf der Zunge wirren da kamen Leut’ in das Dorf geschlichen, hatten Mörder=Wänste und fahle Wangen und zertretene Schuhe redeten, lag in 1 Kammer keine Fenster und keine Öffnung und auch nur 1 Türe. Früher hing dort der Polnische Wurstbalg die Schwarz=Schinken an 1 Leine jetzt ist sie das einzige Fleisch vergißt man die Mäuse die sich über den ärmlichen Haushalt beschweren so viel wiegen sie. Sie läuft auf Sand auf Scherben plantscht in Kettenrinnen überquert Schienen und Gräber schläft bei den unruhigen Toten und 1 X in einer Leichenkutsch (als es gar zu arg regnet) die Weisen in den Mauer die Seelensauger die aus Wänden kommen. Diese merkwürdigen Orte – Oasen der Dunkelheit und der Kälte fackelndes Geschwür unvermittelt tauchen sie in 1 Landschaft auf rauben dieser alles von ihrer irdischen Schönheit. Dora nahe an der Tür : – Sie ist in der Kammer, aber ich werde sie jetzt nicht wecken.
Im Norden gibt es Fickfabriken an 1 Fließband hat sie ja schon einmal gearbeitet, es dauert lange genug dieses Material herzustellen und gut gefüttert werden sie auch.

Standort: 1944 Schalkhausen, Lebensbornheim.