Die Kammer und der Teekessel

Ich sehnte mich nach Ruhe, doch die Sterne
hielten mich wach. Ihr Licht galoppierte
an meinem Augenkranz entlang und verfing sich
dort in meiner Realität, die nicht selten zerbröselte
wie trockener Sandstein. Eine Burg, ja,
wenn man die Regeln der Zeit beachtet. Jedes Konstrukt
haucht sich selbst das Leben ein durch seine Form. Auch
wenn ich versucht war, dem ganzen zu entschwinden,
gehörte ich doch den gesetzlosen Schimären an, die nicht
wissen, was sie tun und deshalb das richtige tun. Ein Entzug
des Beinahen, ein Entzug vom Beinahen,
vom Nahenden, dem Nahenden also auszuweichen –
das alles tat ich, indem ich mich nach Ruhe sehnte.

Doch die Sterne hielten mich wach. Sie glitzerten
wie feuchte Augen, und einem solchen magischen Blick
konnte ich mich noch niemals entziehen.
Wer mag da draußen seine Runden drehen,
ungesehen in der Dunkelheit, der Tiefe von Kavernen?
Man sieht ihn nicht, sieht nicht, was sich unsichtbar
bewegt. Etwas bewegt sich unablässig um das Haus. Es
poltert nicht oder knurrt. Kein Gras knickt unter Hufe, kein
Atem bräst über fremde Lippen.
Nichts.

Ich erhob mich von der Chaiselongue und sah mich
in der Kammer um, in der alle Dinge tanzten. Sie
bewegten sich nicht, aber sie vibrierten, wie alle
Dinge, die eine Nachricht brachten. Auch sie
zog es zum Sternenlicht, von dem sie munter und
halbschattig begünstigt wurden. Nun war der Teekessel
auf meinem Stövchen das einzige Ding, mit dem ich
ein Gespräch beginnen konnte, vor allem
um diese Uhrzeit, wo mir doch alle anderen Utensilien
versuchten, einen Bären aufzubinden.

Du reflektierts den Schein, sagte ich. Wie
meine Augen auch. Glaubst du
denn nicht auch, das Licht sei gekommen,
um uns einen Weg zu bahnen in
unbekanntes Territorium?

Ich würde etwa fünf Minuten warten müssen,
bis sein Wasser kochte und er eine
pfeifende Antwort geben konnte. Derweil
zählte ich die Schnecken in meinem Gesicht, die dort
nach etwas suchten, das ich unter dem Teppich
versteckt hielt. Ich hielt es vor ihnen geheim,
denn falls sie auf die Idee kamen, unter den Teppich zu schlüpfen,
um danach zu suchen, bestünde die
Gefahr, dass ich sie zertrat.

Als das Pfeifen den Raum erfüllt und Dampf aufwallte,
stellte ich mein Gehör etwas nach rechts, fand
erst nicht die korrekte Frequenz, konnte dann
aber die Antwort meines Kessels klar und schwebend
in diesem kargen Zimmer vernehmen, indem ich nun
seit neun Jahren darauf wartete, dass
sich ein Weg zurück fand. Das Sternenlicht war
sicher ein neuer Hinweis, doch der Kessel spottete nur.

Ich koche und kühle ab. Was außen schimmert
erblickt in mir nur verkalkte Reste, so wie du. Ich
kann dir dienen, du mich wienern, du trinkst Tee und
ich pfeife dir die Bereitschaft einer Jahrhunderte alten Gabe.
Aber im ausgeschenkten Wasser
steckt immer auch ein Teil von mir selbst. Mit
Lichtern bin ich weniger vertraut.

Nun stolperte ich über die Heringe eines Zeltes,
das nie aufgebaut worden war. Ich ließ sie liegen,
damit ich mich daran erinnerte, dass es einst eine
Welt gab, die ein Draußen kannte. Schwimmende Räume
ohne Wasser sind instabile Gefährte, sie navigieren
auf unbekannten Bahnen. Der Tee
schmeckte wie Stroh, alt und trocken.

Alles Geisterhafte war mir von Anfang an vertraut

Alles Geisterhafte war mir von Anfang an vertraut. Kein Ort, an dem ich jemals war, der nicht von einem Spuk heimgesucht worden wäre, auch wenn ich längst und viele Jahre schon mein eigener Dämon bin. Doch es könnte sein, dass Geister auch mit der Jugend verschwinden; sie verschwinden vor allem dann, wenn man sie nicht mehr sucht, weil man ein Teil von ihnen geworden ist. Dadurch kehrt eine äußerliche Ruhe ein.

Im Gefüge herumkratzen. Es ist wie einen Körper betrachten. Es hat einen Grund, warum wir ausgerechnet diese Gestalt haben und keine andere. Wir sind immer und zu jeder Zeit, wer wir sein wollen. Und das Schöne ist: Nichts existiert wirklich, alles wird nur von Gedanken aufrecht erhalten, von unseren Beschreibungen und Erzählungen. Die aber wirken, weben also Welt.

Als die Telefonie noch analog verlief

Das Titelbild stammt aus der Reihe „The Painful Chamber Masterworks“. Ich ließ mich in einem Abbruchhaus mit einem zerschlissenen Kleid ablichten, das einen gewissen roten Faden – auch in den Texten – bildet, vor allem aber in der später auftauchenden Erzählung „Das blaue Kleid“.

Als die Telefonie noch analog verlief, kam es vor, dass man mit der Wählscheibe nur halbe Ziffern wählte, weil man nicht bis zum Stopper durchzog. Meist passierte nichts weiter und es blieb still in der Leitung, bis auf das Hintergrundrauschen, das man auch zu hören bekam, bevor ein Freizeichen erschien, wenn auch nur kurz. Das Besetztzeichen hingegen erklang sofort. Die Vorstellung aber, doch durchgestellt zu werden, in eine Zwischenzone zu gelangen, war stets vorhanden. Doch wie lange hätte man warten sollen? Geister rühren sich erst dann, wenn sie erkennen, dass jemand einen langen Atem hat. Geduld ist ihre Währung. Eine andere Sache ist es jedoch, eine Nummer zu wählen, die es schon lange nicht mehr gibt, und die nicht vergeben werden kann, weil ihre Zeichenfolge aus einer anderen Epoche stammt. Man denke an ein Restaurant oder Hotel, weil deren Adressen noch leicht zu eruieren sind. Das Restaurant Schlichter im Berlin der 1920er Jahre, einer Zeit also, die viele verzweifelte Stimmen konservierte. Ausbacher Straße 46, Fernruf Amt Steinplatz 15610. Auch hier ist Geduld von Nöten, aber anders als bei einer Nummer, bestehend aus halben Ziffern, bestand dieser Anschluss in unserer Dimension. Was will man den Concierge fragen? Erkundigt man sich nach einem damals berühmten Gast oder gibt man sich zu erkennen als derjenige, der man ist? Ein verlorengegangenes Schattenwesen.

Morena

Morena erschien mir von unserer ersten Begegnung an als eine überirdische Schönheit, und es darf nicht verwundern, dass sie, die auf einen uralten Stammbaum zurückblicken konnte, im besten Alter für eine Frau, noch nicht geehelicht wurde. Merkwürdig waren die Geschichten, die man sich über ihre Schönheit erzählte, und erste ernstgemeinte Avancen kamen wohl aus Furcht nicht zustande, denn man wusste in den sie umgebenden Kreisen sehr wohl, dass man sich immer auch den Ahnen zu stellen hatte, die das Geschlecht einst groß gemacht. Wehe dem, der sich nicht als würdig erweisen sollte, der zögert, wenn es gilt, nach vorne zu stoßen, oder der, andersherum, voller Übermut eine ganze Bresche allein zu füllen versucht. Ich war weder von der einen noch von der anderen Sorte und wurde wohl von ihr angehört, weil ich weder stürmte und drängte, noch die übliche Furcht vor ihrer Aura zeigte. In ihrer Nähe wurde ich stets von einer Kraft erfasst, die mir ermöglichte, philosophische Höhen zu erklimmen und etwa über Jakob Böhme, der bei diesen Gesellschaften zu dieser Zeit gern diskutiert wurde, zu parlieren, als wäre ich je ein Studiosus gewesen und hätte die Aurora nicht nur gelesen, sondern verstanden. Morena bedachte mich dann mit Blicken, die mich aufforderten, nur weiter so kühn von der alchimistisch-poetischen Machart zu sprechen und gerade den Gedanken vom Widerspruch als ein notwendiges Moment weiter zu verfolgen. So sprach ich oft vor ihr und ahnte nicht, dass ich gerade das, wovor sich die meisten fürchteten, heraufbeschwor.

Auf dem aus der Wand gewölbten Spiegel stand die Rechtfertigung gegenüber meines Verdachts, den ich vielleicht erst etwas später hätte äußern sollen.

»Ich habe nie …« Dabei war dieser Gedanke nie ausgesprochen worden, meine hängende Mundpartie hätte sich gar nicht um die vorgesehenen Worte wölben können. Also schwieg ich.

Ich hatte sie im Raubvogelgehege stehen lassen, konnte mich nicht dazu entschließen, auf sie zuzugehen, beobachtete sie dabei, wie sie einen verbrannten Engel küsste. Aber das war es nicht, was mich veranlasste, ihr zuzusehen und mich dabei hinter einem gefiederten Baum zu verstecken. Meine Augen wären ihr dabei vielleicht nicht willkommen, und wenn nicht meine Augen, dann vielleicht ihr Blick.

Es waren ihre bandagierten Arme, die mich neugierig machten (den Engel erkannte ich, um die Wahrheit zu sagen, auch erst viel später), und nicht zuletzt ihr Atemgerät, das ihr aus dem Gesicht ragte wie eine Radarfalle. Da kannte ich sie noch nicht.

Später traf ich sie noch einmal, sie fiel mir durch ihr verräterisches Kleid auf. Ihre Maske hatte sie nicht mehr bei sich und auch ihre Arme waren ohne Wunden, die eine Verhüllung erforderlich gemacht hätten. Nur ihr Kleid und die Brandflecken darauf. Vor ihr auf dem Tisch stand ein Teller mit in Öl zerlassenen, kleinen Fischen – Sprotten, um es genau zu sagen. Der Ausgang war nicht weit, aber man wurde stets durch ein Schnellrestaurant geschleust, bevor man nach draußen kam. Die Tür öffnete sich erst, wenn man etwas verzehrt hatte (oder wenn man etwas zu Verzehrendes gekauft hatte; ob man es dann liegen ließ oder in den Papierkorb warf – es war pures Kalkül, dass es nur einen Papierkorb gab, so wurde an das moralische Empfinden appelliert – blieb der eigenen Strategie überlassen).

Ich sprach sie natürlich nicht an, aber ich schlenderte hinüber zu ihrem Tisch und grapschte nach jener Brust, die auf meiner Seite lag. Hätte sie die Maske noch getragen, hätte ich es nicht gewagt.

Ihr Teller zerbarst auf dem kargen Boden und die Fische schlitterten über die Fließen, als hätten sie es eilig, wieder zurück ins Meer zu finden. Aber sie fanden es nicht, verteilten nur das Öl und blieben liegen, wo sie waren.

Ich kann nicht genau sagen, was dann geschah. Erst jetzt erinnere ich mich an die krümeligen Reste ihrer Wimpern, die sie im Waschbecken hinterließ, an eine gesalzene Seezunge im Kühlschrank. Ich schaue mir ihre Handschrift auf dem Spiegel noch einmal an: »Ich habe nie …«
Was wollte ich sie fragen?

Das Schneeberg-Habitat

Hoch auf den Schultern des Landes saß der Berg, so dass er noch ein Stück höher reichte und deshalb auch mehr sah. Wenn er sich bewegte, tönte aus seinem Inneren ein heulender Ton, ein Schnaufen lang zurückliegender Zeiten. Es gab kaum Platz an seinen starken Flanken, kaum ein Emporkommen an den Splittern seiner Gegenwart, und seine Krallen waren finstere Bäche, die in Kavernen hinabstiegen und nicht an den Wiesen interessiert waren, die ihnen schöne Augen machten und über Nacht verschwanden. Sie stiegen in ein anderes Tal und brauchten nicht lange für ihre Entscheidung.

Ein Ornament, schöner als ein Filzhut, blieb zurück und drückte sich tief in die Erde, die die Stirn zu runzeln verstand. Diesen Berg bestieg ich aufgrund einer Vorahnung, ein Zeichen, das ich am Grunde eines Suppentellers sah. Es könnte Regen geben und es könnten sich neue Bäche bilden, es könnte ein neues Feld entstehen, abstrakte Muster, die zu lesen waren, wenn der Gipfel nichts dagegen hatte, wenn die Turbulenzen etwas nachgelassen hatten. Noch war die Zeit nicht vorbei, Zöpfe pilgerten die Wangen entlang, blaue Augen starrten in die Nacht aller Nächte hinaus. Ein Bild keiner Sonne. Ein eingerahmter Pflug. Das Schwert vergessener Fahrten. Noch zürnten die heißen Lippen, aber schon tranken sie die nächste Tasse eines fürchterlichen Wimmerns. In den Hütten blieb es still. Der Schlaf ging um und rührte nicht an den Geheimnissen, den unverschlossenen Türen, die in kleine unbenutzte Kammern ohne Fenster führten. Auch dort hingen die Träume bündelweise von der Decke, jeder von ihnen mit einem Preisschild versehen.

Schmerzlindernde Kanzblume

Ich bin im Schloss gewesen, denn dort lebten wir neben der schmerzlindernden Kanzblume am Flussrand, überginstert mit diesem morschen Zaun, der sich die Zähne aushob, frisch gebrochene Latten, von den Fähen im Trittbild wechselnder Schrittlängen mit dem Wildwuchs Hand in Hand (am Johannistag steckt in den Mulden Bergwohlverleih, um den Bilmenschneider zu verschrecken). Schandhaube oder Hahnenkamm, das Geschenk an dich. Es biegt sich um deine Nase, lässt sich für immer Frühling nennen, für immer aufgetanes Wunder, immer First auf Firsten, ochsenköpfig schneebebergt.

Die Novelle: Hört es sagen, von der abgerollten Rolle gelesen; (als stünd’ er da in Stulpen) mit diesem Erlass (und kann die Kurrentschrift schlecht lesen) scharrt auf dem Podest, ein Knopf weist auf eine Schublade hin, die unter dem Rhetor noch andere Rotuli enthält, frikative Labiale (hier etwas Speichel in den Backenofen fahren lassen, an der Zunge zunken, wie eine Zitze zutzellen, schnaupen durch ein einziges Nasenloch, Atem pfeifend ausstoßen, Luft anhalten um einen roten Kopf).

Fast wäre ich es gewesen, der es versäumte, dich reich zu illuminieren. Vom Tal zur Höhe ist es nicht einmal halb so weit wie gedacht, die Abkürzung ist nur ein vorübergehender Schwindel. Das Anrecht, mit den Fingern im Nacken zu graben, hat der Sturm. Schwarz ist die Wolke, schwarz das Licht.

Man kann diese Hände, die aus dem Mauerwerk ragen, nur schütteln, sehʼn kann man sie nicht.

Also: Wieder Nacht; wieder Schlaf – und immer so fort. Die Träume, die ich mir nicht merken kann, lasse ich mir wiederholen. Es bringt hingegen nichts, sich den Tag zu merken, das ist mehr was für die Kleinen, deren Tage randvoll sind mit Ungereimtheiten der eigenen Existenz. Dieser Überfluss, der in die Gräben rinnt, dieser fett sprudelnde Oneirokritikon (wenn so ein Fluss hieße, heißt das); und irgendwo ist immer Licht. Die gebeugten, die gebückten Szenen, würdelos angeflimmert. Ich erinnere mich nicht, ich müsste raten. (Wie du weißt, will ich nicht wirklich wandern, nur Ferngehen ist mein Ziel).

Garn – Garn – Garn

Der Winter schnitt mir Scheiben aus dem Geist und legte Erinnerungen hinein. Wollte ich diese Geschichten erfinden, ich hätte es nicht gekonnt. Michels traf ich nie, aber Hohenner schnürte meinen linken Daumen wieder zusammen, als ich im Rattensteinbruch in eine kaputte Colaflasche fiel. Er musste bereits als Greis aus seiner Mutter evakuiert worden sein. Ich hatte mich gegen die Spritze direkt in die Wunde gewehrt, mit kläglichem Erfolg. Ein andermal schnitt mir die Brotmaschine einen anderen Finger beinahe ab. Aber jetzt kannten wir uns. Ich wusste nicht, dass er mir lieber die Augen verarztet hätte (oder war das Einbildung?), einer, der den Perlen verfallen war, die in Gesichtern glänzen.
Garn – Garn – Garn – ist alles was ich habe.
Garn – Garn – Garn – ist alles, was ich brauchʼ!
Die Tore nach Raha waren nie ganz geöffnet, aber auch nie ganz geschlossen. Wenn die Geschwindigkeit stimmt, sieht man die Zukunft nahen. Es ist ein Spiel der Philosophen. Bin ich am einen Ort, will ich zum anderen.

Ein Schneedämon, der sich von Fleisch ernährt, um danach in die Wälder zu verschwinden, um sich das eiskalte Schnütchen mit jungen Fichten zu putzen, quergelegt und weich. Die Förster hielten das abgescherte Bäumelein für Windfraß, das Schneelager für Holles Bettenzelt, das Bluträtsel für füchsisches Treiben, das Kochfeuer für Magie. Man erzählte es nicht in der Kneipe, sagte nicht: Ich habe heute im Wald einen Herd entdeckt, Nierengulasch war noch übrig, aber ich wollte nicht riskieren, dass dieser weiße Riese erwacht und mir vielleicht Lungen und Herz abfrühstückt.

Eine Künstlerin der Selbstkasteiung

Vorher: Das Bielehaus

Sieben Jahre lang hatte ich nichts von ihr gehört, sie nicht gesehen. Es war, als wäre mein Ende gekommen, als wäre es schwer und schnell gekommen, als würde eine Tonnen schwere Bleikugel zu lange über mir schweben. Gespenster eines weiten Landes prozessierten in einem sich windenden Grau, verschwanden darin, schlummerten darin. In meinem Magen behielten sie Zerberusanteile, Sümpfe und stehende Kloaken zurück. Land nimmt auf, Land speichert Land, Zeiten, Epochen. Ich denke daran, wie lange sie sich nicht bewegen konnte, eingesperrt in einem Karton. Sie malte Puppen, als der Winter schon vor der Tür stand. Es war kein regulärer Winter, keine Jahreszeit, die sich durch vier teilen ließ. Diese Puppen mit den klebrigen Abdomen, die sich gegenseitig ein Auge ausstachen oder sich mit riesigen Messern selbst in Teile schnitten, hatten ihr Aussehen über die Jahre kaum verändert. Sie malte sich selbst ohne Haare, aus ihrem Unterleib spritzte Urin und sie nahm alle Farben des Regenbogens an. Sie war eine Künstlerin der Selbstkasteiung. Auf diesem Wege gelangt, was übrig bleibt, schneller unter die nasse, schwere Erde.

Als ich sie besuchte, fuhr ich mit der Bahn in den Norden. Zwölf Stunden lang konnte ich keinen Platz ergattern und lümmelte auf dem Boden mit jenen, die ihre mit Bier gefüllten Rucksäcke langsam und beständig leerten. Als ich sie das letzte Mal gesehen hatte, lag sie betrunken und nackt im Garten meines dreißigsten Geburtstagsfestes, sehr blass, wie aus Marmor geschlagen. Jemand trug sie die Stufen nach oben und legte sie in ein Bett. Der Retter wusste nicht, wer sie war, aber das wusste sie ja selbst zu keinem Zeitpunkt.

Sieben Jahre: In dieser Zeit erneuert sich der Körper vollständig, man wird ein anderes Wesen sein. Sie hat in dieser Zeit nur durch ihre Bilder gemordet; für die physische Klimax fehlte ihr die Kraft. »Ich male, wie du schreibst: von Verrat und Tod«, empfing sie mich in ihrer Kemenate. Der Boden war voller Glasscherben, Hautfetzen und Blut. „Ich erforsche das Leben nicht, indem ich in Leibern wühle, sondern in mir selbst.“ Sie wischte die purpurnen Lachen mit einem Kleid auf, das sie sich danach überstreifte. Ich leckte die Wunden ihrer Beine, das war die einzige Körperlichkeit, die sie duldete. Das Messer, die Scherben, die Zunge.
Danach fuhren wir ins Krankenhaus, um ihre Schnitte nähen zu lassen.

Gestern zur Geisterstunde sah ich mich erneut in diesem Zug, der nach Gefängnis stank, fahren. Solange man unterwegs ist, kann man sich nicht auf die Festigkeit des Körpers verlassen. Alles ist vage, und die vorbeirauschende Landschaft zeigt, wie Veränderung aussieht.

Rache für den Marmortraum

Ich bin ihr im Traum begegnet, das wolltest du doch wissen? – also : Ich bin ihr im Traum begegnet! Sie stand am Ende der Nacht, ihr Kleid reinster Mond. Ich hätte mich ihr genähert, bestünde mein Unterleib nicht aus reinstem Marmor, aus Karbonatgestein.

Als ich erwachte : Das Wasser bedrängte mich, marmorne Härte stieß gegen die Blüten der Bettdecke. War inmitten der Erregung dennoch erzürnt über die steinerne Fesselung. Ich blickte nicht nach rechts, wo sie schlief (sie stand wohl noch immer in meinem Traum herum, mochte auf die jetzt leere Stelle starren).

Ich schleppte mich ins Badezimmer wie einer, der das Gehen erst erlernt hatte : die Beine schwer, die Blutschläuche noch angefüllt mit flüssigen Basalt. Ich schlug mir das Wasser ab. Es mag merkwürdig klingen, aber ausgerechnet hierbei kam mir die Idee, all ihre Kleider und Schuhe zu verbrennen. Nennen wir es nicht Rache.

Wenn dich niemand beobachtet, wenn du in dir hockst, aufgemacht im Büserkleid, Lippen wie Glukoseschimmern, Augen wie ein See am Abend; es ist nichts in dieser Nacht.

Du würdest gerne in ein Nachtbuch eintragen : Die Realität ist das, was das Nichts tut, wenn es sich langweilt.

Räume entstehen, radieren die Wirklichkeit hinfort. Vor dem Haus tut die Welt so, als hätte sie das, was von den Wänden ummantelt wird, nicht verloren, als gäbe es noch einen Platz dazwischen, der ausreicht, dem Haus nicht zu nahe zu kommen. Alles ist Klang, ein Ton, doch war davor ein Rhythmus. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß die Trompeten trompten, denn trompeten kann nur der Trompeter.

Hinter der Luke : der Heuförderer, die Wendeltreppe nach oben. Die Landestelle ist leer, ein ausgelöffelter Teller. Der kalte Beton, der nie etwas von einer Sonne spürt, droht mit Knochenbrüchen: »Ich weiche nicht, wenn ihr da auf mich zurast, ihr zukünftigen Leiber. Ich bin verborgen, ein okkultes Lauern macht mich geil. Eines Tages wirst du ungebremst von mir aufgefangen werden, die letzte Bastion, die es zu überwinden gilt. Ich streife deinen Körper ab, stauche ihn zusammen.«

Wir malen die Dörfer, malen sie bitter mit der Zunge, die wir wie einen Rotmarderpinsel über die Leinwand des Gesichtskreises führen. Das Licht der Peripherie reißt den Rahmen auf, es geraten fremde Zungen hinzu. Mit Laternenfarben bröseln sie über die Kuppen, stauben über Hänge und Dachschindeln, verunreinigen das Wasser der Brunnen, die Spiegel, vor denen Eimer wünschelrutig hin und her schwanken. Der Spiegel, der den Himmel invertiert, Gesichter zurückwirft, Hände, die den Eimer in die Höhe ziehen, Wasser, das gebraucht wird, nächste Station im Zirkel des Lebens. Und ich bestehe aus Wasser, so wie die Farben, das Land; und ich bestehe aus dem Eimer und aus der Zunge, den Kuppen, dem Brunnen : tiefe Erdbecher.

Die Maler : die Zungen malen Landschaften und Epidemien, ausgehobene Gräber, Erde, Erdhügel, Leichenschmaus. Jetzt keimt die Wechselwirkung von geschaffenem Raum, geschaffener Zeit in den überhitzten Köpfen. Schnell eine Heuburg entwerfen, leise, leise, wir benutzen die Ballen als Ziegel und ziehen uns zurück, das Codewort lautet Shangri-La. Metaphysische Unsichtbarkeit bedingt soziale Unsichtbarkeit; der Unsichtbare tritt durch seine Tat in Erscheinung.

Ich komme gleich zurück, zu Gerüchten, zum Richtfest.

Wäscheboden

Manchmal setze ich mich auf dem Dachboden in den Sessel, der in der Wohnung seinen Platz für ein freies Teppichfeld räumen musste. Die Geruchsmischung aus altem Gebälk, weichgespülter Wäsche und der gewaltigen Enzyklopädie mit vergoldeten Schnittkanten, die ebenfalls vorerst aus meinem Arbeitszimmer verschwunden ist, weil sie einen ungemein bibliothekaren Duft verströmt, oder besser und wahrer gesprochen, weil ich in diesem Zimmer sonst nicht mehr treten kann, verleitet mich dann dazu, eine Pfeife anzustecken. Ich sitze da und betrachte die vertraute Wäsche. Wie wäre es, wenn ich unter dem Dach leben würde? Das ginge nicht ohne Hut. Ich gehe also hinunter in die Wohnung und wähle einen, den ich selten trage, schließlich sitze ich auch selten unter der Wäsche; wieder oben angekommen, finde ich das Tableau, das ich mit mir darin selbst nicht sehen kann, perfekt vor. Vielleicht aber habe ich die falschen Schuhe an, weil man das, was ich anhabe, nicht Schuhe nennen kann. Morgen aber, wenn ich die Wäsche abnehme, werden es die richtigen sein.