Ich bin die Nacht – 2 –

Die Siedlung war bereits auf den Beinen, man brühte sich Kaffee, der samt und sonders aus dem Tante-Emma-Laden der Familie Burges aus Kaiserhammer stammte, man schüttelte die Nacht wie einen Anzug aus, der noch eine Weile halten sollte. Wie die Stämme Nordamerikas den Büffelherden, so folgten sie hier den Fabriken, und hier waren sie nun alle gelandet. Früher waren es die großen Hammerwerke, die alle in Brot und Lohn brachten, die Glas- und Pechhütten, heute hieß die Zauberformel Kunststoff und Granit.

Freudig stürzten sich übermütige Vögel durch die Fliegenwolken, die große Löcher in den Himmel rissen. Nur die Aura irritierte die gefiederten Jäger etwas, so als wäre hier mit dem Magnetismus etwas nicht in Ordnung, so als kündigte sich ein Beben an. Der Hunger aber war stärker. Noch war er das.

Das jüngste Kind der Finners schielte durch seine Brille und watete durch den Schlick der Reifenspuren. Richard Finner glaubte nicht, dass er sein Vater war, was ihn kaum weiter störte, die beiden Mädchen waren ja ebenfalls nicht von ihm. Patchwork, das wird man später dazu sagen, aber noch waren sie dem Sprachgebrauch nach ein Haufen Zigeuner. Weil die Not auch eine Tugend hat, prahlte Richard mit seinem Nomadenleben, wo immer er konnte. Von wo sie wirklich abstammten, wusste er nicht, er betonte nur immer wieder, dass er unter einem Kettenkarussell zur Welt gekommen war und deshalb oft von herumwirbelnden Sesseln träumte, zumindest wenn er viel intus hatte. Dass er seinen Beruf mit Schiffsschaukelbremser angab, tat sein Übriges. Um seine Frau hatte er sich einst geprügelt, sie war der Gewinn eines Kampfes gewesen, der auf einem Schrottplatz stattgefunden hatte. An Ort und stelle wurden sie von einem Pastor getraut, der normalerweise nur Hundekämpfen beiwohnte und ansonsten Ford-Motoren segnete. Für eine Kiste Bier riss er sich jedoch zusammen und brachte sogar eine anständige Litanei zustande.

Wie ein Zirkusensemble waren sie einst hier aufgeschlagen. Grummeln, Brummeln, wie die Vorhut einer Invasion, stark motorisiert, drauf und dran, die Felder, die Äcker (die ganze Landschaft) im Flug zu nehmen. Dabei handelte es sich bei den brechenden Echos, die zwischen den Gebäuden und den heruntergekommenen Betriebswohnungen kein Reißaus fanden, um die Laute eines Ford Transit, der die Einfahrt hinauf durch den Staub marschierte; knatternd töffte und meckerte der nur von einem Draht festgehaltene Auspuff, die Lichtmaschine, die am helllichten Tage sämtliche Scheinwerfer auforgeln ließ, eben auch jene vier, die sich auf dem Dach befanden, ratterte, als müsse vor dem Blechmonstrum Nebel zerfetzt werden, um die Spur zu halten.

»Ich denke, das ist es«, sagte jemand, aber niemand stieg aus. Der Motor hörte auf zu prasseln und die Lichter hörten auf, mit der Sonne zu flirten, die heute garantiert 33° abarbeitete.

»Aber das hier ist nicht unten, unten ist auf der anderen Seite, das hier ist oben. So hat’s geheißen: unten; erst rauf, dann runter, unten ist der Eingang.«

»Halt lieber die Fresse! Halt lieber deine Fresse!«

Erneut begann der Höllenlärm aufzubranden, der Bus stotterte rückwärts und warf Kieselsteine nach vorne. In der Zwischenzeit nahm Bernhardt Langer seine Pfeife, führte sie durch den grauen Wald, der seinen Mund wie ein mystisches Gewässer umgab, zur Lippenmuskulatur und verließ seine Werkstatt, weil er durch die halbblinden Scheiben erkennen konnte, dass dem Wendemanöver im Hof nur in geringem Maße zu trauen war.

Der Auspuff des Ford und die Pfeife des Erfinders verständigten sich durch Rauchwölkchen, hatten angebandelt und mussten doch wieder auseinandergehen, als nämlich der Bus die akkurate Einfahrt rechts neben dem Wohnhaus doch noch fand und in kleinen Schritten auf den Sumpf zufuhr. Er sah, wie der Transit im Morast steckenblieb, den die letzte Überschwemmung hier angelegt hatte, und beobachtete weiter, wie ein hagerer Kerl mit mächtigem Schnauzbart, eine Frau, deren Oberarme sich weiß und lasch zur Erde neigten, zwei gleich große Mädchen, die an ihren Lippen sogen, und zwei unterschiedlich alte Jungen ausstiegen, der eine strohblond und klein, der andere gebeugt wie ein Fragezeichen und ebenso dürr wie sein vermeintlicher Vater, nachgerade in sich kauernd. Die Haustür fanden sie unverschlossen vor, der Schlüssel steckte, aber das konnte Langer nicht mehr sehen, und so zog diese Tatsache nur als eine nicht wahrgenommene Vermutung an ihm vorbei. Kein Mensch machte sich hier draußen die Mühe, jemanden zu empfangen. Während sie also ein paar Taschen aus dem Bus hievten, versank der langsam im Schlamm, die Räder waren schon kaum mehr zu sehen. Langer kehrte dorthin zurück, wo es nach Polyesterharz, Epoxidharz und Glasfilamentgewebe roch, weil er frische Luft ohnehin nicht lange ertrug.

Walden

Die Idylle in Puddingfarben. Hier leben die, die sich die Hände mit Schnaps waschen, den Kuhstall abschwemmen, das Spiel beobachten, Lust gewinnen, begehren, was sie sehen, sprechen : »Komm rein und bring die Wäsche mit!«; als ob ein Hammer auf die Bergkämme schlägt, ein Meister der Skulpturen, dieser trampelnde Gott; doch wer hat so ein Antlitz je mit eigenen Augen gesehen, vom Feuerrot umzingelt wie die wunderliche Walküre, die dem Einen harrt? Der Wind bläst die Laken vom Gestänge, das Hanfseil pfeift polyphon auf allen Flöten des Pan das Lied einer Begegnung, die Mädchen holen Wäsche ein und decken Töpfe zu, die Gärten werden abgesperrt, die Läden schon geschlossen.

Eingepfercht in die Freiheit mit Balkon, ausgesetzt der Stadt und deren ameisenartigen Bewohnern, observiert durch die Klänge dünner Wände, hingegeben der Evolution, Vielfalt der Skelette, atemlose Wunderwelt, Wirtschaftsertragsanimationen, Honigkerzen.

Etwas ungeplant macht sich das Dorf lang und länger, wird, von Thierstein kommend, zu nahezu vier Ortsteilen, wird zweimal von der Autobahn gestreift, was für so ein kleines Idyll eine große Schweinerei ist; man hört das Rauschen der Blechlawinen bis zum Rondell, die Vögel überlagern nicht mehr den entsetzlichen Wirbel, die Zeit reißt auf, aus einer Welt, die vorher nicht existierte, quillt Blut, das ziemlich nach Eiter stinkt.

Aber damals, wenn er mit Carlos zum Rondell ging, um dort vielleicht zu rasten, um dann womöglich noch ein Stück weiter in einem obskuren Gasthaus zu verschwinden (wenn es zum Beispiel Milchbrätlinge und Steinpilze gab), vergaß er nie, zu den Ameisen hinüberzuschlendern, die hier ihre Version von einem Tal der Könige hingestellt hatten, um sie zu grüßen und eine Weile beobachtend im Duft des Waldes zu stehen; die Lupinen reckten in die Höhe und Adam ertrank beinahe in ihrem Violett, weil er nicht größer war als die aufgeschossensten der Blumen. Da war nichts, was die Stille störte, die Vogelstille; die alte Bundesstraße hatte nichts von einer verfluchten Naht (zwei Welten, die sich niemals friedlich begegnen werden); Pandoras Büchse ist geladen : sie hat Scheiße und Verrecken mitgebracht (etwas ungeplant), aber sie ist schön und würde lieber Anesidora sein, denn mit ihrem Bauhelm sieht sie wirklich etwas lächerlich aus.

Stell dir vor, du gingst spazieren und sähest dich selber mit angstverzerrtem Gesicht auf dich zulaufen.

In all den Nächten gab es keine ausgelassene Stimmung, nicht die Heiterkeit, wie eine Sau durchs Dorf getrieben, in den zynischen Ursprung des Gelächters hinein. Die Zeit schrumpfte zu einer festen Kapsel zusammen. Ein Meuchelmorgen läßt uns waten in finsterem Gemäuer.

Der Geburtstag der Friederike 2

Von wahrer Bedeutung fand sie das, was die Bauernmädchen hier veranstalten würden. Heute vielleicht schon. Bei Hofe wurde unter die Kleider geschaut; pralle Früchte zeigte nur das Land. (Arkadia liegt, auf unserer Weltkugel daheim, etwa 1741 km südöstlich von Paris; in der Phantasie ist Arkadia überall.)

Da drüben räubert jemand tageslichtscheu aus dem Küchenflügel, ungelegen geknöpft, ein missglücktes Schauspiel aller Heimlichkeit – (die Speisen müssen auch immer durch den Garten spalieren, was den Vorteil hat, dass keiner unangemeldet nachsehen kommt, was die Küchenkobolde für Hexentaten unterm/aufm Tisch veranstalten : bar=pedes im Pudding passiert scho’Mahl, wenn man so unkommod auf dem Tisch genommen wird!) – schlitternd auf Gekrös’, das ansonsten aus den Fenstern baumelt, auchMahl die Schwerkraft nutzt.

Schinkenklopfen : ein Spiel für kraftstrotzende Backen und einer eleganten Hand beim Versuch, die Poularde schneller einzumürben als der Nacktarschige ein Glas Wein verkosten kann! : Ernst Buguslaw Wobeser! Diese Hofschranze, die ihren weißgepuderten Schwanz, die fettigen Finger obendrein, in jede Öffnung steckt; ein dämmerungsaktiver Buntmarder, der die angekündigte Sonne verschlafen will, an den Fingern suckelnd, den angetrockneten Traubenmatsch ablutschend einschläft.

Die üppig hinunter zu Tisch triefenden Rinnsale ausgestülpter inkompetenter Lippen (und auch Wildbart). Besteckfinger greifen abgekühltes Kochgut Kran Schaufel zwick zwack Wein Bier Kelch Steingut, überschwänglich berankt dicker süßer Blätter, lutherisch lüstern platscht plantscht das Fußbad (Kamillenschaum, Lavendelwasser) die Knochen fallen wo die Hunde lappend Boden suchen züngeln um das Hühnerbein.

Von außen fand man sich gleich in der Welt Carl Gontards wieder, aber die Spiegelscherbenkabinette im Innern waren doch ganz und gar ähnlich vorzüglich wie in der Schlossanlage zu Bayreuth, die man in den ausgewogensten Verhältnissen vorfindet : ein feines, zartes Relief der Gliederung. All das würde sich die Natur eines Tages wieder holen, Busch und Baum, aufsteigend in Fontänen von Strahlen und Strahlenfiguren.

Sie hatte im Traum etwas Orphisches gelesen: »Oh meine liebliche jüngere Schwester! Die Länder, die wir beide gemacht haben, sind noch nicht vollendet. Kehre also zurück!«

Und sie, die Schwesterbraut, antwortet: »Es ist wirklich bedauerlich, dass Ihr nicht früher gekommen seid, denn ich habe bereits von der Nahrung der Unterwelt gegessen.«

Sollte sie jemals ein Schloss ihr Eigen nennen, würde sie es ›Fantaisie‹ nennen; ›Schloss Fantaisie‹. À la longue sollte ihr das gestattet sein. (In Donndorf bei den Kyffhäusern wird sie’s finden und dort Blütenteppiche weben.)

Dann tauchte, wo sie sich gerade zum Pudern aufraffen wollte, diese Person auf, die eine Aura wie ein Geist um sich herum drapiert spazieren führte, ganz adrett gekleidet, aber mit den merkwürdigsten Verzierungen. Nicht wie ein Bauernbursche, aber auch niemand, der sich so bei Hofe sehen lassen konnte : die Arme frei wie ein Ausmister. Ganz durchscheinend näherte er sich, schien zu staunen, als wisse er gar nicht, wo er sich befand.

»Gehört das alles Ihnen?«, sagte er, deutete auf den Gebäudekomplex. ›Von Robbie Schumann zu den Crossroads‹ stand auf seinem Oberkleid mit den abgetrennten Ärmeln. Sollte sie ihn ohrfeigen? Durfte sie sich derart ansprechen lassen von einem Gogue?

»Wie heißt du?«, fragte sie ihn barsch, denn die Situation kam ihr nicht geheuer vor.

»Adam. Aber Sie können mich anders nennen!«

Und wie er spricht, gehört er zum Küchenpersonal; aber wie durchscheinend er ist!

»Solltest du nicht bei der Arbeit sein?«

»Ich arbeite doch noch nicht!«

Er kicherte, er lachte sie aus.

»Ich liege in meinem Bett und schlafe. Gar nicht weit von hier.« Er drehte den Kopf eulenhaft in alle Richtungen, deutete dann zum Jagdgarten hin. »Dort oben an der Eger. Nicht eine einzige Hütte!«

Wenn nur jetzt jemand käme, das Gespenst des Morgens von ihr zu nehmen, denn ganz sicher erkannte sie die Umgebung durch ihn hindurch. Schließlich fragte sie ihn nach seinen Absichten.

»Herausfinden, wo ich lebe. Aber Sie sind neu in meinem Traum!«

Burschen jagten beritten durch die Gänseschar, hackten nach den aufgereckt-aufgeregten Hälsen, die fliegenden Köpfe beschrieben perfekte Parabeln, wurden in den Achselgewölben gesammelt. Rotes Lärmen zementierte die Schau der juvenilen Schweinerei, markierte den Schlachtplatz für die Bauerndirnen, die sich etwas abseits bereits angifteten, während sie noch damit beschäftigt waren, sich jene Kränze aufzusetzen, die sie sich in Augenblicken wieder herunterreißen würden.

Der Gänsehüter, ein Jüngelchen von blassem Hager, hasste diesen Tag, aber an Rache war noch nicht zu denken, also wendete er sich ab, stopfe Margeritenknospen in seine Ohren, bemüht, nicht zu erbrechen.

Das schönste Mädchen der Stadt wurde prächtig aufgeputzt, man legte ihm ein niedliches Knäblein in den Arm und setzte beide auf einen kostbar aufgeschirrten Esel. Die Glocken läuteten und mit großem Pomp wurde die Messe gelesen. Der Eingang, das Kyrie, das Gloria und das Credo wurden jedoch mit dem Ruf des Esels beendet.

Jetzt gingen sich die Maiden an; die eine versuchte, das Gesicht einer anderen zwischen die Hinterbacken zu nehmen, der Kranz fiel von selbst aus dem nassen Kopfgestrüpp. Sie teilten sich platschende Hiebe, grunzende Knietritte und Stampfer ins Abdominale. Wasserfontänen sprotzten Gansfedern auf, die sich im Puls des Furientanzes verhakten oder einfach auf’s Gekrön setzten. Wieder fiel eine in die angerichtete Pfütze und wurde von Zweien gepackt, die selbst über die Gefallene hinweg krakten. Der Spaß war freilich, ihr im Gesicht zu sitzen, der Anderen vielleicht mit einem Knacken die Nase zu brechen, was beiden nicht gelang. ›A mock heroic poem‹ auch hinter deren Rücken, wo man schon Einer die Haut zerkratze, um sie auf einen Balken zu schnallen, um sie also restlos aufgebracht dem Adel darzubieten. Nun war diese keine Diana, unterm Adel kein Aktaion zu finden; der Fleischbeschau blieb ungesühnt, diente nur dem einen Zweck, sich Demut zu erzwingen. Wo alles sich in Fetzen reißt, wo alles übereinander fällt. Nur ein kurzes mörderisches Spiel.

Der Geburtstag der Friederike 1

Elisabeth Friederike Sophie von Brandenburg-Bayreuth geistert in den frühen Morgenstunden ihres 25. Geburtstages in der Waldmulde an den Ufern der Eger herum wie ein Firmamentgespenst auf Erden, tastet verschlafen den noch gar nicht fertigen, kühlen Triumphbogen, den man ihr zu Ehren hastig vor das Schloss gezimmert hat. Ein finsterer Schatten flaniert über die Weiden, hat sich in den zahlreichen Zimmern verschanzt und kriecht über die Uferwände des Flusses. Immer wieder schallte ein körperloses Rufen aus den offenstehenden Türen, versteckte sich unter Flechtenmänteln.

Sie befindet sich nun seit einem Jahr im Walditalien des Bayreuther Kreises. Vergessen ist, dass sie je nach Wirtenberg zurückkehren soll, wo sie ihr einziges Kind verloren, ein Totenhemdchen nach dem anderen genäht, die Segel in den Tod gestellt hat, den schwarzen, heimlichen Wind.

Der Stuck, der kühl unter ihrer Berührung keine Anstalten macht, ihr Trost zu spenden, ihre entweichende Klarheit aufzuhalten, verlottert bereits unter ihren Augen. Stummer Zeuge Mörtelkranz. Nur ein temporäres Sandsteinhäufchen, in Model gebracht.

Dass sie bereits so früh in der stillen Kühle, dem Niemandsland des Tages, herumstromerte, hatte mit den rappelnden Geräuschen in den Wänden ihrer Kobe zu tun. Schlaflosigkeit verstärkt, wie ein Brennglas jeden Luftzug, der ohne eine Öffnung keine Stimme hätte. Vom Schlüsselloch kommen kaum Weisheiten gesagt, wie denn in einen seligen Schlaf zu finden ist, also vermischen sich die Gedanken mit dem unheimlichen Klang und vergrotten. Vielleicht ist es schon der letzte Atemzug der ›Pirkerin‹, die in Hohenasperg ihre Kerkerrunde dreht, begleitet von den Ratten und ihrem Gesang, der sich den Lüften offenbart und von ihnen davongetragen wird, einst lieblich, jetzt schmerzvoll und ohne Takt, sinnlos; wie im Hildebrandslied: ›sunufatarungo!‹ Wie wohl hätte sie sich jetzt hier umgesehen, die Gedanken geschnürter Wind, der in ihrer Kehle Klänge schuf? Vor allem hätte ihr die mütterliche Freundin wohl angeraten, nicht so unbekleidet vor den Zinnen herumzugeistern.

Fünfundzwanzig Sommer mischten ihren Teint (ihr Gesicht war um diese Zeit noch gar nicht aufgetragen!); kein Satz wie dieser : »Ach Keuschelchen! Jetzt sei doch wieder schnuck!«

Ihr Vater nannte das hier die Wildkammer seines Landes – und vornehmlich waren das der Selber Forst, das Egertal mitsamt der Zuflüsse, die Moorgebiete der Häuseloher Verebnung, die Weiherketten am nördlichen und südlichen Rand des Wellertales, das Hengstberggebiet und die Schneeheide-Kiefernwälder; während ihre Mutter ständig unzufrieden über den popeligen, primitiven Landadel schnaubte, der sich hier fand.

Hier waren sie nicht nach der französischen Mode gekleidet, sprachen kein Französisch, und die Läuse in den Perücken dieser Leute hatten wohl einen älteren Stammbaum als die Adeligen selbst. Außerdem lebten sie wie die Phäaken.

Seit einem Jahr stand dieses neue Jagdschloss nun im lernäischen Gebiet des großen Hercynischen Waldes. Der Geruch orgiastischer Riten hing über dem Ort. Selbst die Mägde torkelten trunken-zerrauft einher. Casanova, der Sophie ›das bezauberndste und hübscheste Mädchen der deutschen Lande‹ genannt hatte, als sie noch ein Mädchen war, hätte dies hier nicht besser ersinnen können für seine Liebesmahlzeiten mit Grog und freiem Unterkörper, Schwert und Gewürzwein. Freilich war er nur ein Claquer, wenn auch ein Galan, der dem Hühnerstall nie entwachsen konnte, dem das Leben ein Abenteuer mit höchstem Einsatz blieb.

Doch was geschah mit dem bei der Jagd erlegten Wildbret? Nur ein geringer Teil davon wanderte in die Kaiserhammerer Schloßküche. Bei einem Aufenthalt Markgraf Friedrichs mit seinem Hofstatt vom 19. – 25. Oktober 1760 waren es gerade einmal 159 Pfund Hirsch und 22 Pfund Reh und 13 Hasen gewesen, während in derselben Zeit 1118 Pfund Hammel- und Lammfleisch, 657 ½ Rindfleisch, 426 ½ Kalbfleisch und 18 Pfund Forellen verzehrt wurden. Serviert wurde damals an 11 Tafeln. Das meiste Wildbret wurde an die Untertanen verkauft.

Notizen zur Sandsteinburg

Eine Kulisse ist mir oft alleiniger Beweggrund; das stimmt insofern, als dass colëiz das Flüssige meint. Anfangs dachte ich mir ein Kaleidoskop, doch das wiederum bezeichnet in seinem griechischen Urgrund eine schöne Gestalt. Auch Jigsaw Puzzle wäre eine trächtige Bezeichnung, denn Rätselhaftes und Wunderliches sind präsent, allerdings nicht im Sinne eines Ratespiels. Nein, es ist die Kulisse, die eben auch die Atmosphäre mitbetont.

Meine Urgroßmutter Johanna Specht lebte und starb in diesem Schloss (das nur noch einen Flügel besitzt); dieses Gebäude illuminiert den ganzen Roman, wie ebenfalls die Eger, Schwarzenhammer/Kaiserhammer. Bereits in der Entropia – im Grunde eine Fingerübung zur Sandsteinburg – machte ich den Ort zum Akteur. Außer Friederike Mayröcker hatte sich damals niemand für das schmale Büchlein interessiert, aber das ist nicht wesentlich, oder besser gesagt: es ist insofern wesentlich, als dass Friederike Mayröcker tausend Leser aufwiegt, denn es ist durchaus von Bedeutung, wer liest und wer versteht. Eine Masse hat keine Bedeutung für den Geist. Damit will ich jedoch nicht herunterreden, dass ich aufgrund meines solitären literarischen Geweses fremd in Zeit und Raum bin. Und anders wird es mir mit der Sandsteinburg, die neben GrammaTau mein Hauptwerk bildet, nicht ergehen. Doch hat auch das nur insofern eine Bedeutung, als dass ich eine Essenz in einem Flakon fange wie ein Körper seinen Lebensgeist beinhält.

Es sind jene Romane, die dem Gedicht gleichen, stets fragmentierte Romane. Es sind also jene Romane die höchsten Romane, die dem Gedicht gleichen. Kein unsinniges Einfangen der Welt, sondern das Einfangen der fraktalen Momente. (Das mit dem „Unsinn“ ist eine lässliche rhetorische Floskel – ich bin ein großer Verfechter des „Unsinns“, weil er so sehr (und so wichtig) dem poetischen Geist entspricht, man könnte sogar so weit gehen und behaupten, er sei der poetische Geist in seiner Quintessenz. Jedes echte Gedicht ist per se unsinnig. Bei dieser Beschäftigung entsteht ein Sub-Sinn, ein wirklicher Sinn in der Wahrnehmung, die ja seit der Industrialisierung verkümmert und auf einen angeblichen Zweck reduziert ist. In einem (modernen) Gedicht entdecken wir das, was wahr ist.). Und in einem Roman ist „Wahrheit“ ebenfalls nur dann aufzuspüren, wenn er ein absichtsvolles Fragment darstellt.

Alle Erfindung, die ich mache, geht von einem Impuls aus, der vielleicht selbst schon Erfindung ist. Mir erscheint wahr, was nicht zu erkennen ist, denn es muss mehr erahnt als gesehen werden. Die Irrungen sind selbstverständlich künstlerische Voraussetzung. Wenn da nicht die Sprache wäre, selbst ein irrationales System. Tatsächlich wird unsere Unzulänglichkeit gut in der Sprache sichtbar, in jeder Sprache, die wir wählen; natürlich ist Sprache nicht zur Kommunikation gedacht, dafür eignet sie sich nicht; sie eignet sich ausschließlich für den künstlerischen Ausdruck.

Ein ellenlanger Korridor 2

Die rote Sonne franst über den Häusern aus, die sich an der Egerstraße links und rechts durch den Wald bewegen wie Wanderdünen. Ihr Schlips ist auch ihr Kragen. Elastizität des Innenraums, Chor, Querschiff und Langhaus, der Treppeneffekt der Rippen entspricht der komplizierten Struktur im Innern des Körpers, das Prinzip der Überraschung, reife Früchte aus der Delfter Schale, die Wiedergabe des Fleisches in Abhängigkeit der Pose. Die größte Untugend ist allenfalls ein Mangel an stilistischer Konvention, nie ein Mangel an Können. Selbst durch das Plärren des Radios war das Gurgeln der Flüssigkeit zu vernehmen. Solange wir kein Gelegenheit haben, uns ein Bild zu machen, kommen wir nicht weiter.

Unter anderen Umständen hätte das amüsant sein können, altes Porzellan, Nippsachen, Elfenbeinschnitzerei und ein paar Götzenfigürchen einzupacken. Dieser sechste Sinn, von dem Carisma behauptete, er gehöre zur Familie, von dem wir gleichwohl so wenig wissen, jener Sinn, den die Phrenologen in einem Organ für Idealität zu lokalisieren versucht haben, um ihn mit Nützlichkeits-Erwägungen zu vermengen, Haarspalterei und kurzsichtige Logik zu betreiben, dieser Sinn erwachte nun in Adam. Als er die toten Fliegen durch den Orion schnellen sah, wusste er: Die Sonne ist jetzt ein Drama der Vertreibung.

Aus Adams Notizbuch:

Fast vergessen stürzen die Wände des Küchenflügels in die wartende Erde hinein, Scham bleibt in den Kellern verbuddelt, ein Gespenst mit Glockenrock humpelt schuhlos zu den Kartoffeln aus Gold, wahrgenommen nur von einem Wimpernschlag, die ehemalige Lebendigkeit ist nur ein kitzeliger Gruß, versendet von einer kaum zu spiegelnden Veränderung in den doppelten Kreuzstockfenstern. Ich hörte eine Stimme: »Hör mir zu; wo immer du bist, werde ich zu dir sprechen, wo immer ich durch den Hageldunst stürze, werde ich von dir reden, dir Bilder bereiten, Trabanten aus dem knöchernen Sand graben. In Flammen stürzen. Lausche der Stimme des Sängers, nichts anderes sei dein Ziel, als mir zu folgen. Lasset, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!«

Es gilt, die letzten Lebendigkeiten wegzuräumen, Besitztümer, die eine Existenz jahrzehntelang säumten, eine Ehe, eine Elternschaft ist daraus abzulesen, zusammengefasst unter der Begrifflichkeit ›verwaister Besitz‹, dem es nicht anstand nachzusterben oder sich auch nur in Luft aufzulösen (eine reimlose Zeile innerhalb einer gereimten Strophe).

Die abgestandene Luft riecht nach Milchhörnchen und Pulverkaffee, nach Linoleum und Fensterkitt. Wir gehen einen viele Ellen langen Korridor entlang, gesäumt von toten Insekten. Vorne fällt Licht ein, genau dort, wo die Pfeilspitze der entozentrischen Perspektive am schärfsten ist. Das Geläuf riecht nach totem Chitin, quietscht bei jedem Schritt, als träte man auf den Bauch eines Schweins. Die Dunkelheit ist eine Ferne der Erinnerung, im Traum aber leuchtet jedes Tableau unerschütterlich, solange es betrachtet wird. Ich bin Herr über seine Bewegungen und Taten, ein Impuls schlägt die Unveränderlichkeit in den neblichten Wind. Der Wille des So-Seins. Gerahmte Nacht, in die ich fassen kann, wenn ich die Sinne ausstrecke. Das Gedankenspiel (mein Modellierholz) reinigt die Figuren, die darin schwimmen wie missgestaltete Embryonen.

Doch weit vorn ein Fenster, mindestens eine Öffnung. Licht fällt ein. Der spritzende Fächer belichtet den Spiegel, eine Incluminacio, eingebildet und solitär; ein Brunnen, Bewegung in den Kammern. An Türen lauschen, Ächzen dort, Jammern, Klagen, Trampeln, Möbelrücken. Ich haste vorbei, Kammer um Kammer … ein ellenlanger, so viele Ellen langer Leib ist dieses stillgelegte Schloss.

Die Botanisiertrommel mit dem Perlenstickereiband steckten wir in eine Kiste neben dem Porzellan mit den Elastolin-Figuren; dahin packen wir auch das Cellba-Celluloidmädchen aus den 30er Jahren mit den weißblonden, perlmuttfarbenen Haaren. Als nächstes kommen die Figuren an die Reihe: ein Meißen-Eisbär, ein liegender Elch von Hutschenreuther, einige Metzler & Orloff-Rehe, sechs Herend-Teller mit Hagebuttenmuster – und nicht zuletzt das Biedermeier-Restdejeuner in Empireform, Blauzepter, um 1820 herum, das Deckelkännchen mit Tierkopftülle, das Milchkännchen mit Campanerhenkel. Alles Familienstücke der Ahnenreihe Specht. Adams Schatten hat endlich die richtigen Worte gefunden.

Ein ellenlanger Korridor 1

Im Innern des Küchenflügels roch es nach Linoleum und warmem Holz. Die breiten Treppenstufen quietschten bei jedem Schritt, den Carisma und ihr Enkelsohn taten. Das Geräusch erfüllte auch jene Ecken des Gebäudes, die gar nicht bekannt waren, die sich in fremden Winkeln und Fluchten verschanzten und den Schall mit der Beigabe ihrer Existenz zurückwarfen. Etwas Nachdrückliches lag in dieser Architektur, das sie zu einem vergessenen Bruder des Brandenburger Tors oder der Bayreuther Schloßanlagen machte.

Carisma atmete schwer, als sie die letzten Stufen erklommen hatten und inmitten eines Korridors standen, der hoch und lang in beide Richtungen floh. Unter einem Arm trug sie einen Wäschekorb aus Bast, in den sie beabsichtigte, einige wertvolle Stücke zu packen, die sich zweifellos unter den Hinterlassenschaften der jüngst verstorbenen Johanna befanden. Schon seit geraumer Zeit kam sie jeden Tag hier in den leeren Küchenflügel des ehemaligen Jagdschlosses, um das kleine Erbe zu sichten, zu verschnüren, und von Schmutz zu befreien, denn die Jahre lagen auf allen Dingen. Und heute wollte ihr Adam dabei behilflich sein.

»Wenn ich es nicht besser wüßte … aber diese Treppe scheint jeden Tag ein paar Stufen mehr zu bekommen.«

Adam war mehr an den Lichtspielen interessiert als an den niedergetretenen Holzstücken, er kannte das Innere des Gebäudes aus zahlreichen Besuchen, aber auch aus seinen Träumen. Beim ersten Mal hatte er sich nichts weiter dabei gedacht, außer daß ihm aufgefallen war, wie sehr sich das Gemäuer seitdem verändert hatte. Die Häuser, die nun das ganze langgestreckte Dorf ergaben, waren in seinem Traum nicht vorhanden gewesen. Allerdings bestand das Schloß aus drei großen Flügeln, die wie ein rechtwinkliges Hufeisen mitten im Wald standen. Aus der Luft betrachtet – denn oft genug schwebte er einfach wie ein Ballon über das Land – kam er sich vor, als würde er durch das Nebelgebirge wandern, die Füße in den Wolken verankert, die Felder und Äcker grün und braun, die tiefen Wälder von einem tiefen dunklen Blau, und inmitten das rote Schindeldach des Schlosses.

Aus Adams Notizbuch:

Ich sehe die glitzernden Steinchen von hier aus, höre ein Geräusch. Alles ist voller Ameisen, die dann im Schlangensaft ersaufen. Ich wachse mit ihnen, die Hose birst; besser man hat keine an, geht zum Bach : »Ich lege mich hin, ich habe nichts an!« Man wird den Succubus wohl jede Nacht empfangen wie einen Alptraum, der durch intensive Wiederholung zur Qual wird. Ich entferne mich vom Schloß. Als die Bäche versickerten, standen wir am Wehr, schmolzen langsam in den Sand, verwickelt in all diese Geschehnisse, träumend. Hinter den Halmen entstand Tumult, die Leiche des Landes lag wie eine ungeborene Glocke nur halb fertig vor unseren Augen unter einem zerrissenen Himmel, in dem Gespenster lauern. Als es die Nacht noch nicht gab, da lebten wir entgeistert und dem Körper fern.

»Ich weiß nicht, was du immer anschaust, wenn du so in die Luft schaust«, sagte Carisma. »Komm, hilf mir, die toten Fliegen zusammenzukehren.«

Adam schnappte sich einen Reisigbesen und kehrte los. Die Fliegen stoben wie Geschosse gegen die Wand, schnippten durch die dünn geschnittenen Äste einfach davon, eine stellare Staubwolke entstand, die Leben in einer Lichtmasse imitierte. Carisma beugte sich über ihr Zeitungspapier, um darin Porzellanfiguren einzuwickeln.

»Eine Bäuerin«, flüsterte sie und erinnerte sich an die Vorbehalte, die ihre Schwiegermutter gegen sie hatte.

Carlos hatte ihr erzählt : »Eine Bäuerin?, hat sie etwa pikiert gefragt.« Und jetzt wickelte sie Johannas Kelche und Figuren ein, die einen ansehnlichen Wert darstellten. Afrikanische Negerfrauen, kohlrabenschwarz und gazellengleich, die Miniaturen von Jagdhunden. Johanna, die immer nur Strickte, sagte : »Eine Bäurin?«

»Ja, Mutter, sie stammt von einem Bauernhof, aber ich heirate eine Stenotypistin und keine Bäuerin. Ihr Name ist Carisma.«

Über Prunus Spinosa in den „Streukapiteln“

Cornelius Schlehenfeuer, genannt Prunus Spinosa, Kuckuckskind im Kuckucksnest der Fürsten Brandenburg-Bayreuth, Erbauer des Jagdschlosses zu Kaiserhammer, durch eine gewisse Onkelei mit dem Freiherr Friedrich von Hardenberg verbandelt. Von ihm wird nicht gewusst, wer ihn gezeugt oder geboren hat.

Die Geschichte trug sich, so schwört es der Autor, wirklich zu. Werk und Sprache sind als Pastiche auf den Picaro-Roman angelegt. Anklänge auf das Vorhaben fanden sich bereits im Uhrenträger. Hier aber sind die Streukapitel teil der Sandsteinburg geworden.

Betrachtet man Cornelius Schlehenfeuer etwas genauer, so ergeben sich folgende Bilder:

1. Peter Schlehmil, der dem Teufel seinen Schatten verkauft.

2. Der unsterbliche Schellmuffsky (der von Cornelius auch zitiert wird)

und natürlich
3. Melchior Sternfels von Fuchshaim

Das derb-deftige wird im Cornelius Schlehenfeuer mit meinem unbändigen Hang zum Grotesken angereichert.