Wieder etwas in der Zeit zurück

Ich gehe wieder etwas in der Zeit zurück und beschäftige mich mit Erzählungen des 19. Jahrhunderts, die ich eventuelle auch in der Klangschmiede aufnehmen will. Da bin ich nun bei Der Marquise von O… gelandet, diesem „Grundstock für das Kunstjournal Phöbus“ (1807). Allerdings findet sich das Motiv der Erzählung bereits in Michel de Montaignes „Essay über die Trunksucht“ – 1588. Ein ähnliches Thema behandelt Cervantes in der Novelle „Die Macht des Blutes“. Doch sind das nur stoffliche Verwandtschaften, Kleist vertiefte die Problematik auf seine Weise.

Blumenkasten

Die Zigarette fiel mir aus der Zigarettenspitze und verfing sich eine Etage tiefer im Blumengesteck der Nachbarn unter mir, die sich gerade in Spanien aufhalten, was dazu führte, dass es ganz und gar unmöglich war, sie wiederzubekommen. Dort hing sie im Grün und qualmte vor sich hin. Ich steckte eine neue auf und beobachtete diejenige, die als verloren gelten musste. So rauchten wir gemeinsam, der Blumenkasten und ich. Dass wir dabei schwiegen, war mir ein doppelter Genuss.

Redgauntlet

Wie die Hunde hängen sie heute am Wasser rum, die Stadt ist wie leergefegt. Ich verkrieche mich (niemals ohne Kaffee) in meinem abgedunkelten Arbeitszimmer. Mich wirft alles aus der Bahn, komme nicht vor acht Uhr aus dem Bett, sehe dann aus wie ein gemästeter Hering in der Sonne. An mein tägliches Bad ist in den letzten Wochen ohnehin nicht zu denken. Hantiere an Tableau No. 9 herum, wünsche mir das Fieber zurück. Der Herbst vor der Tür, mich freuts. Beruhige und zentriere mich mit Sir Walter Scotts aus dem Roman Redgauntlet ausgekoppelter Erzählung Wandering Willie’s Tale, mit seiner authentischen schottischen Idiomatik, der mehrfachen perspektivischen Brechung und der Detailgenauigkeit. Ein Glanzstück englischer Ezählkunst, ganz eigentlich Scotts Meisterwerk.

Schlafmähre

Dunkle Wasser; die Nacht :
schnell rast sie an,
um die Ecke der Häuser gewickelt.

Ankerplatz. Bis wir endlich
mit Gewalt auf diese Insel der Träume rückten,
in den Hafen, den sie Schlaf nennen, einbogen,
und stiegen bei dem Elfenbeintor an Land.

Doch jetzt noch Schlaf finden,
Gespenster in Kellern, ich mit ihnen. „Wo hin? –
Wo hin?“, der Wind nimmt die Verfolgung auf;
schlaf, ein Herz, doch vorher richte dir ein Lager! –

Die Schulter dagegen, diese Tür ist zu;
eine wird sich finden lassen.
Schlafmähre, Elfentraum, Couchemar,
Fell so weiß. die Abendgeräusche.

Die Vererbung ist ein Speicher für alle Erfolge, die das leben jemals errungen hat. Die Niederlagen werden vergessen. Kein Fehler bleibt im genetischen Code bewahrt. Durch diese Perseveranz lernt die Natur aus ihren Fehlern nicht und wiederholt sie andauernd.

In der Kacke Blumen pflanzen

In der Tat will ich herausbrechen aus dem Immergleichen. Dass Hölle ewige Wiederholung ist, kann sich mittlerweile als Tropus sehen lassen. Ich trinke nicht mehr, ich rauche nicht mehr und habe auch nichts mehr übrig für das Insektengift Kaffee, das ich jahrhundertelang in mich hineingegossen habe. Die einzige Erkenntnis daraus ist die, kein Insekt zu sein. Ich schreibe selbst seit Monaten nicht mehr mit der Schreibmaschine, die seit eben dieser Zeit zugedeckt wie ein Walross im Flur steht. Ich kann die absolute Technokratie, die uns umgibt, kaum mehr ertragen, allerdings räume ich ein, dass sie der einzige Weg ist, allen die Seele zu entziehen. Sollten wir wirklich in diesem Jahr noch umziehen, werden wir alles, was nach 1970 gebaut wurde, auf den Müll werfen. Ich hätte noch nicht einmal etwas gegen einen Heizkessel einzuwenden. Am schlimmsten sind mir jedoch diese Scheißhäuser aus Blech auf den Straßen. Gebannt hoffe ich dieser Tage auf Fahrverbote, auch wenn Kempten davon nicht betroffen ist, aber wann immer eine Entscheidung gegen diesen schlimmen Feind meiner inneren Ruhe getroffen wird, dann erleichtert mich das. Oh ja, ich bin ein gewaltiger Feind des heutigen Automobils. Das Geklacker von Pferden und ein verschissener Gehsteig wäre mir hingegen sehr angenehm. Ich würde in der Kacke Blumen pflanzen.

Urlust

Manchmal reicht der Tag für eine einzige Strophe, die man getrost auch Absatz nennen darf. Wie bei Schuhen. Urlust des Scheinens. Die Säfte wallen auf, jede Begegnung ist total, damit sie einen Abdruck hinterlässt. Sprachlosigkeit hingegen ist nicht der Tag, an dem man keine Worte mehr findet, sondern der Tag, an dem die Sprache nichts mehr nützt.

Montsegur

Vortex-Reise, hinaus aus schalen Wassern kriecht
Das bildhafte Reptil, das Lungen
Überall an seinem Körper verteilt, damit atmet,
Brennt, Kiemen wandelt. Auskeimend,
Bringend weiches Leder zu den Tälern ins Stroh,
Ins sonnenlose Gras,
Zahnrascheln, in den Nacken stürzen,
Tief ins Blut taucht ein Zahn,
Betrinkt sich, gerinnt Blut im Castrum Montsegur.

Konstrukt, Relation

Keiner kann seine eigene Entdeckung gegen eine andere ausspielen, nur der poetische Wert hat hier Gewicht, warum sollte es nicht möglich sein, ein Labyrinth zu formen, wer das Sprache-Sein entschlüsselt, hat den Menschen entschlüsselt, man kann den Zufall nicht darstellen, denn in dem man das anstrebt, hält man bereits willentlich die Nichtdurchführbarkeit des Experiments in der Hand, auch wenn man machen kann, was man will, hat das nicht etwas mit Chaos zu tun, in einem Chaos, in einem Zufall können wir uns gar nicht mehr artikulieren, sämtliche Widersprüche wären dann momentan und unvergänglich, schreibe ich
- Ich gehe und gehe gleichzeitig nicht
entsteht bereits die Poesie der Unauflösbarkeit
(oder in einem Oxymoron)
der Unendlichkeit, nur so gelingt es, dem Irrsinn Ausdruck zu verleihen, Konstrukt, Relation, daran werden wir kaputt gehen
(die Liebe ist ohne Wenn und Aber)
weder ist sie relativ noch statisch, sie ähnelt deshalb der Geisteskrankheit, etwas Unverbindliches will sich verbinden, und scheitert bis in alle Ewigkeit, nur so entsteht Poesie, wenn die Poesie nun das eigentlich Schöne ist
(und damit meine ich nicht ausschließlich die Literatur)
ist sie überall zu finden, und es kommt nicht darauf an, wie sie dargestellt wird
(im Moment stabil)

Ewigkeit und Gegenwart

Die Ewigkeit ist absolute Bewegung, die selbst nichts mehr bewegen kann und die allein im Licht manifestiert ist. (Wo bist du?) Die masselosen Photonen könnten ebensogut als Stillstand ausgelegt werden, so dass Ewigkeit und absolute Bewegung zusammenfallen; Ewigkeit und Gegenwart als ein und derselbe Zustand (Plotin); oder: »Die Ewigkeit ist gegenwärtig überhaupt«; (Hegel).
Die Stunden tobten unter dem Eis. In Wärme nur, in Wärme nur: da könnten sie explodieren, doch bleiben unter Schollen; da geht es langsamer zu, langsamer die Welt, das Ganze, langsamer der Klang, die Fasern, das Echo, die Rückkehr dessen, was an der Oberfläche sucht; kriechender Nebel, immer entlang der tellurischen Ströme. Was lebt, ist wärmer; ich …, und das, was schmilzt, prallt ab, kommt nicht näher, kann nicht; nichts verbindet sich, stößt ab, wendet sich um, tastet fingerlos in Schwaden hinein, die aus mir bestehen. Ichgeist, spuke ich, gehe ich in Häuser; warte auf mich im Stroh! Meine Städte aus Schorf, Blumentöpfe im Garten; Felder Strunk; aus Nadeln spitzer Pflanzen perlt ockern der Duft des Narkotikums,vermischt sich mit den tobenden Stunden unter dem Eis; dein Azur ist Kälte. (Wo du bist?).
Das Vehikel, gefunden im Schrott der hiesigen Straßen, tauchte brummend empor wie eine Halluzination, postgelb zerhaut der Rumpf des schimpflichen Gefährts, die trübe Ästhetik, rollende Ankunft, Ausfahrt Nirgendwo West, City im Delirium, Katzen speisen Mäuse, ungesehen, kein Strafmaß, wenn die Pelztiger beginnen zu wursten, die Mausnuss abzuhängen, unter der Erde, jeder könnte es schwören, da stimmt nichts mehr, hinein in den Wahrnehmungszwang, Menschheit verwest, verrottet wie in baldiger Zukunft, ausgestopft, ich Wahrnehmender, ich reise gern, der Liebsten entgegen, die skelettiert unter Panzerstraßen meiner Rückkehr schmachtet.
»Weißt du noch, als wir das erste Mal am Rande des verrückten Gartens…?«
Es war doch nur ein Traum, der 6000 Jahre währt.
»Wir fanden uns vor Hallen goldener Locken!«
Ich weiß nicht, wie dein Geist in diese Wolken fahren konnte.
»Liebe ist doch unendlich!« schriebst du erst später, mein Herz, erst sehr viel später.