Kein Kontakt

Die Zeit wird knapp, in aller Welt werden Bunker geschaufelt. Was aber hat das zu bedeuten? Der Brei der Massen vegetiert in aller Dummheit vor sich hin. Nie war die Welt uninformierter wie jetzt, was selbstverständlich ein Paradox ist, das wir uns selbst zuzuschreiben haben. Ich selbst bin mir noch nicht einig mit mir selbst, was ich von alldem zu halten habe. Natürlich ist es mir ein striktes Anliegen, keine persönlichen Kontakte zu pflegen. Keine. Gar keine. Die Gesellschaft in ihrem Primatendasein stört mich. Aber sie weiß nichts von mir, und das ist ein Segen. Dennoch suche ich die Anderen, und ich höre ihnen zu, so weit sie auch entfernt sein mögen (und sie sind tatsächlich weit entfernt). Aber wir werden uns nie begegnen, so wie ich den Toten nie begegnen werde, deren Bücher ich lese. Nun, ich lese auch manche, die noch am Leben sind, aber nur, um mich mit den Toten über sie zu unterhalten. Sie finden das witzig, wie ich selbst. Aus einer selbstgewählten Isolation heraus darf man hingreifen, wohin man möchte. Alles ist Zeichen, die Werte unterschiedlich. Weder oben noch unten.

No Contact

Time is running out, bunkers are being dug all over the world. But what does it mean? The masses are vegetating in stupidity. The world has never been as uninformed as it is now, which is of course a paradox that we have only ourselves to blame. I myself am not yet sure what to make of all this. Of course, I’m very careful not to cultivate any personal contacts. None. None at all. Society in its primacy bothers me. But it knows nothing about me, and that is a blessing. Nevertheless, I look for others and I listen to them, however far away they may be (and they are indeed far away). But we will never meet, just as I will never meet the dead whose books I read. Well, I read some who are still alive, but only to talk about them with the dead. They find it funny, as I do. From a self-imposed isolation you can go wherever you want. Everything is a sign, the values are different. Neither above nor below.

Borges out of print

Mit einigen Schrecken habe ich festgestellt, dass die Werke von Jorge Luis Borges, also mitunter die wichtigsten Bücher, die die Menschheit besitzt, weder bei Hanser (Hardcover) noch bei Fischer (Taschenbücher) weiterhin erhältlich sind. Das wäre weiter nicht schlimm, wenn es nicht selbst unmöglich wäre, diese Bücher – bis auf einzeln verstreute – antiquarisch zu erwerben. Das ist eines der beängstigendsten Dinge der letzten Jahre. Sicher, wir befinden uns seit vielen Jahren im kulturellen Verfall, allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass es bereits auf eine Vernichtung des Denkens hinausläuft.

weltfall

wir schauen der welt beim verfall in die zellen die verfallen es ist womöglich ein grosz geschrei auf den wänden sitzend herunterfließend bounce bounce

Die Zeugen / Jaime Begazo

Auch wenn oft behauptet wird, Jorge Luis Borges sei ein Meister der Irreführung gewesen, verhält es sich vielmehr so, dass er seine Leser doch eher davon überzeugte, dass es keinen Unterschied zwischen „Realität“ und Fiktion gibt. Dazu musste er nicht auf das Werkzeug einschlägiger Philosophen zurückgreifen; er begriff die bedeutende Rolle, die Sprache bei der Schaffung von Realität spielt und entwickelte das, was später die postanalytische Sprachwissenschaft dankbar aufnehmen sollte, durch sein literarischen Spiel.

Jorge Luis Borges wird völlig zurecht als der Inbegriff der Literatur gesehen. Damit löste er einst Kafka ab, wenn auch in gänzlich anderer Weise. Es ist für jeden an der Literatur interessierten wichtig, ihn so früh wie möglich zu studieren, aber nicht zu früh, weil eine gewisse Lebens- und Leseerfahrung vonnöten ist, dem großen Mann durch seine hermetischen Labyrinthe folgen zu können.

Spricht man über Borges, dann spricht man zu Eingeweihten, zu jenen, die einem geistigen Adel angehören, oder einer Gruppe von Intellektuellen, die den Templern ähnelt, man spricht über ein Geheimnis, in dessen Mitte unweigerlich Borges thront. Ähnlich verhält es sich damit, das Buch „Die Zeugen“ von Jaime Begazo zu lesen, der im Grunde – auch wenn er seine eigene findige kleine Erzählung präsentiert – damit nichts anderes tut, als eine letzte Geschichte Borges‘ zu Papier zu bringen, oder zumindest ein Geflecht vorzulegen, das auf das Literaturverständnis des großen Mannes rekurriert, inklusive des äußerst präzisen Stils.

In Borges‘ Erzählung Emma Zunz taucht einmal kurz der Name Milton Sills auf, ein Schauspieler der Stummfilmzeit, der – außer der Erwähnung einer Daguerreotypie mit seinem Konterfei – keine andere Rolle spielt, als Inventar der Geschichte zu sein. Jaime Begazo stellt sich allerdings in diesem kleinen Kabinettstückchen ganz berechtigt die Frage, was es mit dieser Erwähnung auf sich hat, ausgehend von dem Wissen, dass bei Borges kein einziges Wort jemals bedeutungslos ist. Der Erzähler berichtet uns von seinem Besuch in Genf, wo er Borges 1986, kurz vor seinem Tod, die Frage nach Stills stellen kann. Und der große alte Mann erzählt die „wahre“ Geschichte, die sich hinter Emma Zunz verbirgt. Das heißt, er betont die „Realität“ dieser Geschichte. Wäre das, was Borges dem Erzähler berichtet, wahr, könnte das alles, was man über Borges weiß, ins Wanken bringen.

Manche Türen kommen den Flur entlang

Es ist ein schwieriges Unterfangen in einer Welt zu existieren, von der man weder weiß, wie sie funktioniert, noch, wie man es überhaupt herausfinden kann. Dieses Problem haben – zugegeben – die Wenigsten. Ihre putzigen Probleme sind ein steter Anker der illusorischen Sicherheit, für die wir eigentlich alle mehr oder weniger Konditioniert werden. Nur funktioniert das halluzinogene Gespinst immer weniger und immer mehr werden durch die großen Risse im Netz fallen. Sie werden eines Tages vor sich selbst Rechenschaft ablegen und zugeben müssen, dass alles, was man ihnen in der Schule beigebracht hat, erstunken und erlogen ist. Aber wem ist dabei ein Vorwurf zu machen? Wer ist der eigentliche Interpret dieser konstanten und anhaltenden Desinformation? Natürlich ist es ein undurchdringliches Gestrüpp aus Wissenschaft (die keine ist), Medien (die längst schon korrumpiert sind), und Politik (von der noch nie etwas zu halten war). Wir bewegen uns im Dunklen und ich selbst bin hin und her gerissen, ob ich nicht lieber dort geblieben wäre, unter den Schafen, die aus ihrem tiefen Schlaf gar nicht herauswollen. Aber manche Türen öffnet man gar nicht absichtlich, sondern eher im Vorbeigehen. Zufällig. Oder die Tür ist beweglich und rauscht von alleine den langen Flur entlang, bis einem gar nichts anderes übrig bleibt als sie zu öffnen, um nicht von ihr erdrückt zu werden.

Natürlich ist es völliger Nonsense, darüber zu sprechen. Schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Ich komme mit dieser Isolation durchaus zurecht, die über die Jahrzehnte immer mehr zugenommen hat, aber – wenn ich ehrlich bin – schon immer der wesentliche Faktor meines Lebens gewesen ist. Viele Dinge, die ich Tat, wurden klein; und auch das Arbeiten an diesem oder jenem Blog ist ein grober Unfug, der nur dadurch erklärt werden kann, dass man sich selbst ein paar Notizen hinterlässt. Es ist gar kein Widerspruch, sich für Sherlock Holmes oder Donald Duck und Quantenphysik zu interessieren, für Freddy Krueger und Astrophysik. Für kleine Gespenster und Spuk und für ein gutes Kochrezept, Vinyl und Philosophie. Es war schon immer ein großes Ärgernis für mich, in diesem lächerlichen Land zu leben, obwohl es natürlich Vorteile hat, von Idioten umgeben zu sein.

Gu und der Teddypir

Anmerkung

Dies ist ein Auszug, der einer anderen Podcastsendung vorangestellt wurde und dort als Intro seinen Nutzen fand. Daraus resultierte dann die Idee, die beiden Figuren weiter auszubauen und in künftigen (eigenen) Sendungen zu übernehmen.

Nach nun mehr runden zehn Jahren Phantastikon-Magazin und Podcast war leicht abzusehen, dass wir mit dieser Arbeit auf äußerst wenig Interesse stoßen. So ein rundes Datum kann leicht dazu genutzt werden, eine Sache zu ändern oder zu beenden. In diesem Fall steht ein eher „lockeres Ende“ fest. Das bedeutet, dass alles im Netz stehen bleibt und hier und da ein Artikel neu hinzu kommt, wenn es sich ergibt. Allerdings findet der Podcast sein definitives Ende, oder besser gesagt: er wird restauriert und in anderer Form hier unter dem Banner der VERANDA weitergeführt (was bereits geschehen ist).

Das bedeutet aber auch, dass mit neuen Formen experimentiert wird, und eine davon ist die Hinzunahme der Figuren GU (Puppe) und Teddypir (ein blutsaufendes Monster aus dem fernen Ransilvanien). Um das auszuprobieren, habe ich ein kleines Intro für einen anderen Podcast erschaffen, der sich mit Musik beschäftigt: Allgäu Doom. Eine erste Originalsendung mit den beiden befindet sich bereits in Produktion. Dabei sollen die grundsätzlichen Themen merkwürdiger und bizarrer Geschichten beibehalten werden, allerdings aufgelockert durch etwas „Muppet-Vibe“.

Die Rose ist ohne Warum

Als ich anfing, war es ein Köter. Aber Mary hatte einen Zahn. Die Wiese ging nur bis zum Baum und verschwand in dem einen oder anderen Garten, schließlich waren wir alle nicht besonders rücksichtsvoll und wollten gemeinsam die Alte Mutter ausgraben, die hier irgendwo liegen sollte. Ich grub zuerst (und es war – dann doch) ein Köter, den ich fand. Knochig und von Würmern und Dingen mit so seltsamen Namen wie Triosephosphatisomerase befreit.

Er kam mit mageren Lenden, mageren Beinen, ohne jeden Makel außer seinen zuckersaugenden Lippen (wenn er Zucker fand, dann in Würfelform). Die Rippen eher wie die Adern eines Blattes, die Spanten eines versunkenen Schiffes: So schritt er den Gurtbogen am Tonnengewölbe entlang, kratzte sich die Kehle und blies wie ein Bügelhorn: Jetzt bin ich so weit gekommen, und wenn ich mich umdrehe, erkenne ich meine Hand vor lauter Augen nicht mehr, so neblig scheint mir der Weg, gesponnen aus der Dunkelheit der Seele!

Deine Mühlen werden besser beschienen, Kischote, wenn du dich von Mittag her näherst. Dann werden die Lupinen von deinen Taten zeugen und die Brunnen werden Heimweh haben. Dann wird sich die Erde erheben und die Berge werden dem Gesang lauschen, der hinter einem einsamen Duschvorhang erklingt. Auf einem geschnitzten Abfallhaufen landet deine Lanze, Kischote, wenn du dich vom Abend her näherst, auf einem nur gemalten Gaul, die Rotoren, von Mückenflug und Atemfluch getrieben, zermalmen den Zehnten, den Müller gleich mit, und seine Schürze hängt noch da, wenn du dich vom Morgen her näherst, der Mühle den Hintern zu versohlen, mit Rost und Federhelm und reichlich Irrglauben. Du wirst mit deinen Mühlen besser beschienen, Kischote, wenn du dich von Mittag her näherst.

Wir haben nie etwas voneinander gewusst, sahen uns jeden Tag, verbrachten Jahre miteinander und lernten das Leben kennen, das man uns versprach. Das Wunder ist nicht auszuschließen, aber rechnen dürfen wir nicht mit ihm.

Heute sage ich: Wo warst du? Wir haben das Leben zusammen kennengelernt, wo sind die anderen?

Und du sagst: Ich war fort, ich weiß nicht, wo ich war. Ich habe nichts besser gemacht. Ich hätte jung bleiben wollen. Es gab keine Gelegenheit dazu.

Um schließlich in den Bau zu gelangen, sollten noch einige Enten gescholten werden. Sie waren durch ein Gatter entkommen, das hinter alten Fassaden stand und dort auf uns wartete, kaum wahrnehmbar an einer Grenze zwischen Nebel und Dunkelheit.

Weil es Winter wurde, packten wir unsere Kaleidoskope aus, damit wir die Kälte aus einer anderen Perspektive wahrnehmen konnten, doch sie waren zu dieser Zeit nicht besonders zuverlässig, weshalb wir uns um Alternativen bemühten, die wir hinter Schornsteinen fanden. Mal waren sie da, mal waren sie absichtlich absent, indem sie sich versteckten, um uns zu zeigen, dass sie sich bereits nach Norden aufgemacht hatte.

Im Akt

Alles ist ein Akt, immer trägt er etwas anderes. Je mehr man spricht, desto stummer wird man. Je mehr man fragt, desto mehr antwortet man sich selbst. Nichts kommt zur Ruhe, nichts verwandelt sich. Alles bleibt Traum, von einem Moment zum nächsten.

Doch wie lange währt die Gegenwart? Sie scheint ewig zu dauern und vergeht doch zugleich. Wohin sie geht, sagt sie uns nicht. Wo sie verweilt, können wir nicht sein – Wanderer im unendlichen Äon.

Wenn ich keine Flächen mehr beschreibe, wachsen Blumen. Sie haben etwas zu geben, doch sobald ich mich nähere, werfen sie sich fort in ein dunkles, schwarzes Loch und sagen: „Es waren deine Worte. Folgst du ihnen, wird niemand wissen, wohin du gegangen bist. Tust du es nicht, bleibt dir nur das Warten.“

Ich muss hinaus. Heute scheint die Sonne, und ich spüre, dass ich hinaus muss. Mein Appetit kehrt nicht zurück, aber ich trinke viel Wasser. Es bleibt ein Vakuum, und mir gelingt es nicht, mich selbst zu beobachten, um herauszufinden, was ich tun soll.

Doch es ist notwendig. Ich muss mich zur Seite drehen, um nicht zu ersticken. Diese dunkle Phase ohne Worte, sie ist das Beben, das zeigt, dass man lebt. Ohne dieses Beben wüsste man es vielleicht nicht.

Schreiben ohne Hände – man könnte Schrift diktieren. Es gäbe immer einen Ausdruck, selbst mit den Augen, und letztlich mit den Gedanken. Doch wenn der Raum, aus dem das Schreiben stammt, geteilt wird mit dem, was zu empfinden wichtig ist, um die richtigen Worte zu finden, dann bleibt doch immerhin die Gefahr, wirklich stumm zu werden.

Worte sind mir gerade ein Gräuel. Nicht, weil ich sie nicht finden kann, sondern weil sie verschwinden, sobald ich sie gefunden habe. Sie verschwinden im Gesagten, werden übergangen. Zeichen helfen wenig, vielleicht bleibt nur der Klang.