Der falsche Preuße / Uta Seeburg

Uta Seeburgs Debüt um den Preußischen Sonderermittler Gryszinski, den es in die Landeshauptstadt Bayerns verschlagen hat, erschien im August 2020 und es war natürlich davon auszugehen, dass die Autorin bald ihrem zweiten Roman dieser überaus genussvollen neuen Reihe vorlegt. Der ist auch schon unter dem Titel „Das wahre Motiv“ erschienen und wir sehen uns auch den bald hier an.

Historische Kulissen sind bei Weitem nichts neues in der Literatur, aber in den letzten zehn Jahren ist das Genre regelrecht explodiert und während angelsächsische Erzähler an ihrem viktorianischen London arbeiten, Franzosen ihr pittoreskes Paris auspacken und auch in der Fantasy immer mehr auf historische Schlachten Bezug genommen wird, können deutschsprachige Autoren natürlich ebenfalls auf eine sehr erlebnisreiche Zeit zurückgreifen. Neben dem offensichtlichen Magneten zwischen den beiden Weltkriegen, hat sich Uta Seeburg für den nahenden fin de siecle entschieden, ein neunzehntes Jahrhundert, das mit reichlichen Innovationen zu Ende geht, die Elektrizität gerade auf dem Vormarsch ist und so eine Epoche des Übergangs markiert.

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Die Totenbraut / Jen Williams

Totenbraut Cover

Jen Williams ist vor allem für ihre Fantasy-Romane bekannt, für die sie auch auszeichnet wurde. Irgendwann hat sie sich wohl von dem allgemeinen Thriller-Fieber anstecken lassen und 2021 mit „Der Herzgräber“ ihren ersten geschrieben, der durchaus Beachtung fand. Da man bekanntlich auf einem Bein nicht stehen kann, hat sie mit „Die Totenbraut“ 2023 noch einmal nachgelegt. Den Ausschlag hierfür haben urbane Legenden gegeben, wie sie heute jeder kennt: Der Hakenmann, der Slender Man, oder jene, in der sich der Babysitter bei den Eltern am Telefon über die seltsame, lebensechte Clownsstatue in ihrem Wohnzimmer beschwert, und der Vater natürlich antwortet: ‚Wir haben gar keine Clownstatue …‘). Jen Williams Roman spielt mit diesen Elementen, während wir Charlie, die hier ihre Geschichte erzählt, durch die Vergangenheit und die Gegenwart begleiten, in den Urlaub mit ihrer Familie und schließlich in die verhängnisvolle Sommerfreundschaft mit der seltsamen Emily auf dem Campingplatz. Als Erwachsene kehrt sie dorthin zurück, um angeblich für ein Buch über lokale Gespenstergeschichten zu recherchieren.

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Holmes Bd. 1: Abschied von der Baker Street

Eigentlich ist dem Kanon von Sherlock Holmes nichts mehr hinzuzufügen, vor allem auch, weil durch unzählige Filme und grauenhafte Weiterschreibungen mittlerweile ein recht dreckiges und unansehnliches Wasser entstanden ist. Es gab nach Arthur Conan Doyle nur wenige autorisierte Autoren, die sich diesem Kanon mit allem gebührenden Respekt näherten. Von allem anderen sollte man tunlichst die Finger lassen, wenn man sich wirklich für den Mythos interessiert.

Jetzt könnte man natürlich reflexartig auch das Werk von Luc Brunschwig, das von Cécil gezeichnet wurde als apokryphen Nonsense verwerfen, aber das wäre dann doch ein wenig verfrüht. Die Prämisse, die hier geboten wird, ist nämlich eine, die durchaus auch schon von den Sherlockians diskutiert wurde: Wie weit ging Sherlocks Kokainsucht? Was könnte daraus resultieren?

Zeichnung: Cécil
Die gewohnte Idylle: Mrs Hudson serviert Tee, Watson liest die Times und Sherlock sinniert mit seiner Pfeife am Fenster. (c) Jacoby & Stuart; Zeichnung: Cécil

Am 4. Mai 1891 verschwand Sherlock Holmes in den Reichenbachfällen und nahm Professor Moriarty, seinen größten Feind, mit in den Tod. Doch ist der große Detektiv wirklich tot? Wenn ja, warum lässt sein Bruder Mycroft die Baker Street 221b räumen und alle Akten verbrennen, an denen er in den letzten zwei Jahren gearbeitet hat? Warum enthält die Moriarty-Akte, die Inspektor Patterson vom Yard ausgehändigt wurde, nur leere Blätter? Je mehr Dr. Watson ermittelt, desto größer wird das Rätsel…

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Die Mörder der Queen / David Morrell

Interessiert man sich für historische Kriminalromane, die das viktorianische London lebendig machen, sind David Morrells drei Romane um Thomas De Quincey ganz oben auf der Liste anzusiedeln. Morrell erreicht das hauptsächlich damit, dass er auch den Stil, in dem im 19ten Jahrhundert Romane geschrieben wurden, anwendet. Für heutige Autoren ist das gar nicht so leicht. Morrell hat sich viele Jahre lang in den Duktus der damaligen Zeit versetzt und darüber hinaus intensiv Recherche betrieben, um die viktorianische Zeit lebendig zu machen und die Fakten mit der Erzählung zu verschmelzen. Vielleicht ist der notwendige Aufwand auch der Grund, warum es so wenige erstklassige Romane in dieser Gattung gibt, denn man merkt als interessierter Leser sofort, wo die Fehlerquellen liegen.

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Mit Verstand und Weisheit: Der Aufstieg der Detektivinnen in der Kriminalliteratur

Von den nebelverhangenen Straßen des viktorianischen Londons, in denen Sherlock Holmes seine Runden drehte, bis zu den zwielichtigen Gassen von Los Angeles, in denen Philip Marlowe ermittelte, sind Detektive seit jeher das Herzstück der Kriminalliteratur.

Nancy Drew
Detektivinnen

Sie führen uns durch komplizierte Geschichten voller Täuschung und Gefahr, und ihr scharfer Verstand ist unsere stärkste Waffe im Kampf gegen das Rätsel, um das es geht. Doch was passiert, wenn immer mehr dieser Detektivrollen mit Frauen besetzt werden?

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Ein frommer Mörder / Liam McIllvanney

Der 2015 verstorbene William McIlvanney, der Vater von Liam McIlvanney gilt als einer der Paten des Tartan Noir, einer bei uns nahezu völlig ignorierten Spielart des schottischen Kriminalromans, der bis zu Louis Stevensons „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr Hyde“ zurückreicht. Geprägt wurde der Begriff von Ian Rankin und umfasst jene Werke, in denen es um die Dualität der Seele geht, um die Natur von Gut und Böse, Fragen der Erlösung, des Heils und der Verdammnis. Das schottische Konzept der Dualität eines einzigen Wesens ist eine treibende Kraft in der schottischen Literatur und kommt besonders im Genre des Tartan Noir zum Tragen. Ein weiterer Einfluss sind die amerikanischen Meister des Hardboiled-Genres wie Dashiell Hammett und Raymond Chandler.

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Die Assistentin / Alexandra Andrews

Als „Who is Maud Dixon?“ im März 2021 veröffentlicht wurde, wurde es für viele relevante Feuilletons, darunter die New York Times und Entertainment Weekly, als eines der besten Bücher des Jahres gehandelt. Jetzt ist der erste Roman von Alexandra Andrews mit dem Titel „Die Assistentin“ auch bei uns erschienen und bei Goldmann erhältlich, von dem ich auch das Rezensionsexemplar habe.

Es gibt Kritiker, die sich darin einig sind, dass Alexandra Andrews das Zeug dazu hat, in die erste Riege der Krimi-Autoren vorzustoßen, und auch wenn „Die Assistentin“ wenig Charakterentwicklung und wenig Plausibilität zu bieten hat, ist der Roman doch reich an der wichtigsten Zutat in dieser Art von Spannungsromanen: Einfallsreichtum. Die Handlung macht peitschenartige Wendungen, Loopings und plötzliche Umkehrungen. Die Twists beginnen in Marokko, schwenken nach New York und enden in der kühlen amoralischen Leere, die Fans der Ripley-Romane von Patricia Highsmith kennen. Wie könnte man das nicht genießen?

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Die Blaupause des Spionagethrillers: Die neununddreißig Stufen

Im August 1914, dem Monat, in dem Großbritannien in den Krieg eintrat, begann John Buchan mit der Niederschrift eines Romans, der als Blaupause für Spionagethriller in die Geschichte eingehen sollte: Die Neununddreißig Stufen. Als das Buch im Oktober 1915 veröffentlicht wurde, war es sofort ein Erfolg, nicht zuletzt bei den Soldaten an der Front: “Das ist genau die Art von Literatur für uns”, schrieb ein Offizier dem Autor.

Es wird vermutet, dass die Erstausgaben deshalb so selten zu bekommen sind, weil die meisten von ihnen im Schlamm Frankreichs verloren gingen. Das Buch, das Buchan nonchalant als “Schocker” abtat, veränderte sein Leben, und Hitchcocks Film von 1935, in dem der Inhalt massiv verändert wurde, zementierte es endgültig in der öffentlichen Vorstellung. Richard Hannay, der Held der Geschichte, wurde zum Inbegriff für Mut und Einfallsreichtum unter Druck.

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Huckleberry Finn (Der Aussteiger)

Wie viele herausragende Ikonen ist auch Huckleberry Finn eine zutiefst amerikanische. Die Zeiten, in denen man die Figur halbwegs auch bei uns verstehen konnte, sind anscheinend vorbei, und doch führen seine Spuren durch die gesamte Kultur der westlichen Welt. Seine ursprüngliche Wildheit und Seltsamkeit mag Huck im Laufe der Zeit wohl verloren haben, er hat der heutigen Zeit jedoch mehr zu sagen, als man vermutet.

Ein Jahrhundert voller Filme, Cartoons, Comics, versteckter und weniger versteckter Anleihen in Romanen, sagt vor allem eines aus: wie frei und unschuldig die Kindheit früher war. Aber es gab auch im viktorianischen Amerika Banden, Schulschießereien und die Ängste der Eltern, dass ihre Kinder der gewalttätigen Popkultur ausgeliefert sind. Mark Twain schrieb über all das. Für heutige Eltern, die sich um ihre Kinder und deren Kontakt zu dekadenten Medien sorgen, sich über die Natur oder eine standardisierte Bildung Gedanken machen, ist Huck Finn kein Rückfall in eine unschuldigere Zeit, sondern erinnert sie nur daran, dass die gleichen Debatten seit mehr als einem Jahrhundert stattfinden.

Huckleberry Finn With Rabbit

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Der Malteser Falke und die Flitcraft-Parabel

Malteser Falke
Diogenes

Dashiell Hammett gilt als einer der Meister des Kriminalromans, doch seine literarische Karriere war kurz und intensiv. Er begann als Autor von Pulp-Fiction-Geschichten, die er in hohem Tempo und mit großem Geschick verfasste. Zwischen 1922 und 1927 schrieb er mehr als hundert solcher Geschichten für verschiedene Magazine und erfreute seine Fans mit spannenden Plots und scharfsinnigen Dialogen.

Obwohl er vor allem für seine Kurzgeschichten bekannt war, schuf Hammett auch fünf Romane, die zu Klassikern des Genres wurden. Nach seinem letzten Roman im Jahr 1934 hörte er jedoch auf zu schreiben und widmete sich anderen Aktivitäten, wie dem politischen Engagement und dem Verfassen von Drehbüchern. Er starb 1961 ohne weitere nennenswerte literarische Werke hinterlassen zu haben.

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