Von Hier bis zum Anfang / Chris Whitaker

Whitaker

Mit seinem dritten Roman „We begin at the End“ hat Chris Whitaker die weltweite Aufmerksamkeit auf sich gezogen.  Der Autor lebt in Großbritannien, siedelt seine Romane aber mit präziser Genauigkeit in den ländlichen Vereinigten Staaten an. Oft genug ist es ja gerade andersherum.  Er gewann in diesem Jahr nicht nur den Gold Dagger der Crime Writers Association, sondern wurde von vielen Fachmagazinen als bester Thriller des Jahres ausgezeichnet. Und heute schließe ich mich dem an. Erschienen ist das Buch bei Piper.

Und damit begrüße ich euch zu einer neuen Buchbesprechung. Kurz vor Schluss des Jahres kann ich jetzt also die Katze aus dem Sack lassen und behaupten, dass es für mich das Buch des Jahres ist.

Abgesehen davon, dass der Titel „Von hier bis zum Anfang“ nur schwer mit „Wir beginnen am Ende“ zu identifizieren ist, ist der Inhalt für heutige Verhältnisse gut übersetzt. Ich hadere lediglich damit, einen Titel, der wesentlicher Bestandteil des Werkes und des Inhalts ist, derart falsch widerzugeben.

„We begin at the End“ – Wir beginnen am Ende. Dieser Satz kommt oft im Buch vor und jeder, der es gelesen hat, weiß auch, warum Buch und Titel vom Autor gewählt wurden. Unsere Übersetzer wissen es scheinbar oft nicht.

Der Roman ist eine unerwartet intensive und unvergessliche Geschichte über Familie, Verlust und Hoffnung. Die Einstufung als Thriller oder Krimi ist zwar technisch gesehen richtig, könnte dadurch aber die Erwartungen einiger Leser enttäuschen. Und das ist ja auch hinreichend geschehen. Vielleicht wäre es effektiver, den Roman als literarischen Krimi zu bezeichnen. Whitakers Erzählweise ist durchdacht und wortgewandt, aber vor allem ist die Erzählung selbst ein Spiel auf der Klaviatur menschlicher Emotionen, wie man sie von griechischen Tragödien erwarten darf.

Einer der Protagonisten ist Chief Walker, den alle nur Walk nennen, langjährige Polizeichef von Cape Haven, einer kleinen fiktiven Stadt an der kalifornischen Küste, die sich gerade von einer beschaulichen Idylle der zerstörerischen Kraft der Moderne zuwendet. Die Menschen dort widersetzen sich weitgehend den Veränderungen, was sich gut in der allgemeinen trägen Atmosphäre der Bewohner und dem schwierigen, komplizierten Leben widerspiegelt, das sie alle führen. Und auch Walker würde die Zeit am liebsten 30 Jahre zurückdrehen, vor die Fahrerflucht, bei der sein bester Freund Vincent King die siebenjährige Sissy Radley tötete.

Der 15jährige Vincent wurde zu 10 Jahren Haft in einem Erwachsenengefängnis verurteilt und erhielt weitere 20 Jahre, als er einen anderen Häftling bei einer Schlägerei tötete. Der Roman beginnt, kurz bevor Vincent aus dem Gefängnis entlassen wird.

Als sie alle Teenager waren, waren Star Radley und Vincent ein Paar, Teil eines Vierergespanns, zu dem auch Walk und Martha May gehörten, und Walk ist sowohl Star als auch Vincent nach wie vor treu ergeben.

Während Vincents langer Abwesenheit ist Stars Attraktivität nicht unbemerkt geblieben. Der Metzger der Stadt wohnt auf der anderen Straßenseite und tut ihr ständig unaufgefordert einen Gefallen; der Nachbar von nebenan hat sie schon mehrmals um ein Date gebeten, immer erfolglos; und auch der örtliche Bauunternehmer Dickie Darke, eine äußerst zwielichtige Gestalt, ist hinter ihr her. Wenn sie sich schon nicht mit ihm verabredet, so kann sie vielleicht wenigstens den zurückkehrenden Vincent davon überzeugen, dem Unternehmer sein Haus in bester Küstenlage zu verkaufen. Dickie ist ein hünenhafter Mann mit dem Ruf, gefährlich und tödlich zu sein, auch wenn er versucht, die kleine Gemeinde zu entwickeln und sie aus ihrer wirtschaftlichen Flaute herauszuholen.

Die andere Hauptfigur ist Stars 13jährige Tochter Duchess Day Radley, die sich selbst als Outlaw bezeichnet und auch stets bereit ist, das unter Beweis zu stellen. An diesem Bild hält sie fest, weil es ihr das Überleben sichert.

Ihre Wut auf die Welt ist völlig gerechtfertigt, betrachtet man die vielen Tragödien, die sich in ihrem und dem Leben ihres wesentlich jüngeren Bruders Robin ereignen, um den sie sich mit einer Hingabe kümmert, die wirklich herzzerreißend ist. Sie ist es, die alle Energien aufwendet, Robin zu beschützen und ihre Familie so gut wie möglich zusammenzuhalten. Sie ist ein unglaublich komplexer Charakter, der mit einer Vielzahl von Traumata, Trauer und der Übernahme einer Elternrollen zu kämpfen hat, die ihr in ihrem Alter nicht zukommen sollten. Alles an ihr ist Ablehnung und Zorn, aber die Art und Weise, wie sie es schafft, sich in der Welt zurechtzufinden und zu lernen, anderen vielleicht doch zu vertrauen oder sie zumindest zu akzeptieren, hat Chris Whitaker hervorragend eingefangen.

So nimmt das Drama seinen Lauf, als Vincent King erneut des Mordes beschuldigt wird. Diesmal an Star Radley. Zu seiner Verteidigung sagt er kein Wort, obwohl Walk ihn darum bittet. Als Anwältin will er Walks ehemalige Freundin Martha May. Sie ist eine Familienanwältin in einer weit entfernten Stadt und hat sich nach einer schwierigen Trennung vor vielen Jahren von Walk entfremdet. Als er sich ihr wegen Vincents Fall erneut nähert, ist das für beide eine schwierige Reise in die Vergangenheit. Strafrecht ist nicht ihr Spezialgebiet, aber Vincent will niemand anderen in Betracht ziehen.

Walks Geschichte ist ruhiger als die von Duchess, denn er kämpft mit seinem körperlichen und geistigen Verfall sowie mit seinem eher banalen Alltag als Sheriff. Seine Veränderung und Entwicklung ist viel subtiler als die von Duchess, aber sie ist unvermeidlich. Seine Beziehungen zu Star und Vincent sind sehr kompliziert, aber die Art und Weise, wie Whitaker diese herausstellt und präsentiert, ist mehr als geschickt.

Dieses Buch ist keine Achterbahnfahrt, sondern eher ein langsamer Zug durch dunkle Wälder. Die Reise beinhaltet viele Wendungen und Gefahren, sowohl physischer als auch emotionaler Art, während sie sich stetig und unaufhaltsam vorwärts bewegt. Wer sich auf diese Zugfahrt einlässt, wird feststellen, dass sie sowohl bewegend als auch unvergesslich ist. Gegen Ende gibt es eine kleine, aber wichtige Enthüllung, die den Leser innehalten lässt, obwohl er sie vielleicht schon die ganze Zeit vor Augen hatte.

Es gibt in diesem Buch so viele subtile Beschreibungen, Wendungen und Metaphern, die Whitaker bis zur letzten Zeile wie Sprengstoff hochgehen lässt, und am Ende bewegt sich die Geschichte weit über das Buch hinaus.

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    Schon früher beschrieb er die Abgründe, in die junge Erwachsene Anfang der sechziger Jahre gerieten. Es ist eine Welt der Drogen, der Prostitution, der Verkommenheit und der blutigen Wohnungen.

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  • Das Korsett

    War bereits Laura Purcells Die stillen Gefährten ein herausragendes Debüt im Sektor der neuen Welle der Schauerliteratur, ist ihr Buch von 2018, das uns jetzt mit einiger Verspätung erreicht, nicht weniger bemerkenswert, was im Grunde zu erwarten war. Gegenwärtig gibt es – neben historischen Romanen – bereits zwei weitere Gothic Novels von ihr, und man kann nur hoffen, dass der Festa-Verlag an dieser Autorin dran bleibt. Es wäre gar nicht auszudenken, wenn wir hier wie so oft nur Publikum zweiter Klasse wären.

    Auch dieser Roman ist im viktorianischen England angesiedelt und die Atmosphäre ist in etwa dieselbe wie in Purcells Debüt. Während wir allerdings in den stillen Gefährten eine Insassin in einem Irrenhaus hatten, finden wir hier ein junges Mädchen von 16 Jahren namens Ruth Butterham im Oakwood-Gate-Gefängnis inhaftiert. Sie wird bald des Mordes angeklagt und höchstwahrscheinlich droht ihr der Strick, schließlich hat sie mehrere Morde gestanden.

    Mehr lesen „Das Korsett“
  • Der Umbra-Täschner

    die Umbra=Tasche des Umbra=Täschners, die fettgemordeten Fruchtfinger tappen in einem künstlich angelegten Schleck=Früchtewald, nur die Sektspitze ragt aus dem Leiber=Haus, dem ehemaligen Amöben=Bottich
    weitweißwild
    (und wieder zurück)
    die Geräusche sind jetzt bare Münze, ungläubige Bluttropfen räkeln sich nahe an Tischdecken, das laszive Wummern wird entdeckt & geradegerückt, eine Speerspitze der Nacht schwimmt in kaltem Kaffee, solange warten, bis sich die Brücke nähert, die Schlappen=Ablage beugt sich nahezu undenkbar (und nur halb so konkret) in den euklidischen Raum, sarabendentanzend, im Mittags
    Gesicht taucht ein Ulcus aus der zarten Melasse der flüssigen Haut, im Kühlschrank : die letzten Reste der Lindwurm=Schwarte

    Die schönste Vollendung unserer Eigentümlichkeit, die okkulte Qualität, vom Pfützen naschenden Symbol wird Wärme unerschöpflich ausgestrahlt (und sternförmig führen die Pfade von Dir fort); und Einer wird unterirdisch hell mit Phosphor betüncht, Sucher des elysischen Gesprächs, mit doppelter Zunge zwar, die er nötiger hat als ein Schatten seine Zweifel, denn er redet von den Schleiern, als gäbe es dahinter keine Überraschung mehr für ihn. Folge den Faltern in den Abgrund, der den Boden nicht erkennen läßt, stochere im Wasser ohne Grund. Dein Traum mag flügge werden, den Du mit Deinen Lenden träumst, die Falter sind Dein Licht im Spiel (und Deine Verletzung wird Erschöpfung sein!), der Urgrund nährt Dich mit Erdtönen. Das uneinholbar Unendliche geht Dir voran. So spricht das Bildnis seines Traumes kurz vor Morgengrauen, wo die Einbildungskraft eine letzte Höhe erklimmt. Man mag hier nur die Augen öffnen können ohne zu erwachen, hineingreifen in das bizarre Wirbeln der Moleküle, die sich Gestalten ausdenken.
    Dort in den Lichtfalten weiblichen Adels fehlte ihr nicht der nervöse Ansturm des Nymphenrufs, Urgemächt des augenblicklichen Lebens, als Zeit noch nicht ziellos umherschnellte.
    Aber genauso phantomhaft war unsere ganze Begegnung, unser Sein, Werden, und erst recht der Abschied :
    wir schieden nicht voneinander, uns gab es von einer Sekunde zur nächsten nicht mehr.

    ich komm mit aufmäntelchen gestockert; hierherein hierherein! ein laterniges rufen, brahmanisch irgendwie, so voller sternenlicht, so voller antiker quasare. Allschau : ein weg ins himmelbunte, dornfleischige, blütenwürzige.
    Vieler tritte tanz, vieler tanzschritte tritte, luftausgepolstertes singen über ansteigenden gassen, treppwege zu den auster=augen hin. Lispelndes laspelndes lachen stürzt unter die hüte DERER VON, die hüte tragen, da letzte haar krawallt und bäumt sich gegen die see, vom atem angesaugt.

    — Das lied : wie ists, wo ists : das lied ?

    — Im schneckenkasten eingefasst in blendend weißen taften, die an den spitzen außer sich geraten, flappen, flunkern, flügeln. Man säh da einen engel, meint man, man säh, wie er zum start sich hebt.
    Es finden sich jene, die ins unermeßliche steigen, um einen kranz von büsten kauern, der sämann Arepo hält mit mühe die räder, auf der suche, die andauert.