Mehr als nur ein Sidekick
Es gibt eine Frage, die Comicfans seit Jahrzehnten spaltet, und sie lautet ungefähr so: Warum braucht Batman überhaupt einen Robin? Der Dunkle Ritter, diese monolithische Figur aus Schmerz, Disziplin und Nacht, wirkt auf den ersten Blick vollständig in sich selbst ruhend. Er ist kein Teamplayer. Er braucht niemanden. Und trotzdem kehrt Robin immer wieder zurück, in verschiedenen Gesichtern, verschiedenen Kostümen, mit verschiedenen Lebensgeschichten. Hinter dieser Absicht steckt eine der klügsten erzählerischen Entscheidungen in der Geschichte des amerikanischen Comics.
Der erste Robin und die Wahrheit hinter seiner Erschaffung
Dick Grayson trat 1940 auf den Plan, gerade einmal ein Jahr nach Batman selbst. Geschaffen wurde er von Bob Kane, Bill Finger und dem Zeichner Jerry Robinson, wobei Robinson als der eigentliche kreative Motor hinter der Figur gilt, was in der Comicgeschichte leider lange zu wenig gewürdigt wurde. Die offizielle Begründung war zunächst eine rein kommerzielle: Batman verkaufte sich gut, aber die Redaktion von DC wollte eine Identifikationsfigur für jüngere Leser. Ein Teenager, der neben dem großen Helden kämpft, sollte es sein, und der dieselbe Sprache spricht wie der Leser zu Hause.

Gestaltet von Nicola Scott.
Das funktionierte. Die Verkaufszahlen schnellten nach Dicks erstem Auftritt in Detective Comics #38 in die Höhe. Aber was dabei entstand, war weit mehr als ein Marketinginstrument. Dick Grayson spiegelt Bruce Wayne auf eine Weise, die das gesamte emotionale Fundament der Figur verändert. Beide verloren ihre Eltern durch Gewalt. Beide kennen das schwarze Loch, das ein solcher Verlust hinterlässt. Der Unterschied ist, dass Dick Grayson trotzdem noch lacht. Wo Bruce Wayne sich in sein Trauma eingegraben hat wie in eine Festung, trägt Dick sein Leid mit einer Offenheit, die geradezu beunruhigend wirkt, wenn man es neben Batmans stoische Starre hält.
Das ist der eigentliche Grund, warum Robin existiert. Er ist das, was Batman hätte werden können, wenn Thomas und Martha Wayne in einem anderen Moment erschossen worden wären. Wenn Bruce ein Jahr jünger gewesen wäre, oder ein Jahr älter, oder wenn Alfred früher eingegriffen hätte. Robin ist die Möglichkeit, die Bruce Wayne nie hatte.
Nightwing, oder: Wie eine Figur erwachsen wird
Jerry Robinson hatte für Dick Grayson etwas Besonderes im Sinn gehabt, das über die bloße Sidekick-Funktion hinausging, aber die Comicgeschichte brauchte Jahrzehnte, um diese Möglichkeit wirklich einzulösen. Es war Marv Wolfman, der in The New Teen Titans ab 1980 gemeinsam mit Zeichner George Pérez die entscheidende Weichenstellung vornahm. Dick Grayson legte das Robin-Kostüm ab und wurde zu Nightwing.
Dieser Moment ist in der Geschichte des Superhelden-Comics fast einzigartig. Ein Sidekick, der seinen eigenen Weg geht, seinen Mentor herausfordert und als eigenständige Figur überlebt, ja sogar zu einem der beliebtesten DC-Charaktere überhaupt wird. Nightwing wurde zur Blaupause dafür, wie man mit einer Nebenfigur umgehen kann, wenn man ihr echte Entwicklung gönnt. Dicks Akrobatik, sein Charisma, seine Fähigkeit, mit anderen zusammenzuarbeiten statt gegen sie, all das steht im direkten Kontrast zu Batman, und dieser Kontrast ist äußerst produktiv.
Es ist kein Zufall, dass Nightwing in Umfragen regelmäßig als einer der moralisch kompetentesten Superhelden des DC-Universums abschneidet. Er hat Batmans Schule durchlaufen und ist trotzdem kein Bruce Wayne geworden. Das ist eine Leistung.
Jason Todd und das Gewicht einer Abstimmung
Dann kam Jason Todd, und mit ihm eine der dunkelsten Episoden in der Geschichte des Superhelden-Comics überhaupt.

Zeichner: Paolo Pantalena, Arif Prianto und Troy Peteri.
Jason war in seiner ursprünglichen Version, erschaffen von Gerry Conway und Don Newton im Jahr 1983, eine ziemlich direkte Wiederholung von Dick Grayson. Gleiche Herkunft, ähnliche Energie, wenig eigenständiges Profil. Das Leserpublikum blieb reserviert. Als dann 1987 Jim Starlin und Jim Aparo im Zuge der Crisis on Infinite Earths Jason komplett neu aufstellten, ihn rauer machten, kantiger, weniger sympathisch, wendete sich die Stimmung weiter ins Negative.
Was folgte, ist Comicgeschichte. In Batman: A Death in the Family (1988) richteten DC und Starlin eine 900er-Telefonnummer ein, über die Leser abstimmen konnten, ob Jason Todd sterben soll oder nicht. Die Abstimmung fiel für den Tod aus, angeblich mit einem Vorsprung von nur 72 Stimmen. Der Joker erschlug Jason mit einer Brechstange und ließ ihn inmitten einer Explosion sterben.
Man kann über die ethische Dimension dieser Entscheidung lange diskutieren, und das ist auch notwendig. Das war Publikumsbeteiligung auf eine Weise, die eine Figur zu einem Objekt kollektiver Aggression machte. Was DC damit gewann, war eine schockierende Geschichte mehr auf dem Konto. Was die Figur Jason Todd daraus gewann, war nachträglich aber noch etwas viel Interessanteres: Er wurde zur dauerhaften Wunde in Batmans Psyche. Das Kostüm im Glaskasten in der Bathöhle, die Inschrift A Good Soldier, das ist eine der bewegendsten Gesten, die das Batman-Narrativ kennt.
Dass Jason Todd 2005 bei Judd Winick als gewalttätiger Anti-Held Red Hood zurückkehrte, um eine Rechnung mit Batman zu beleichen, machte aus einer reaktivierten Figur plötzlich eine der komplexesten Stimmen im gesamten Bat-Kosmos. Red Hood stellt eine Frage, die Batman nie abschließend beantworten kann: Was wäre, wenn du den Joker einfach getötet hättest? Hätte ich dann überlebt?
Tim Drake und die Selbsterfindung des Genies

Gezeichnet von Brian Bolland.
Tim Drake ist der einzige Robin, der die Identität aktiv haben wollte, der sie sich also erarbeitet hat. Marv Wolfman schuf ihn 1989 unter anderem mit dem Hintergedanken, dass Batman einen Robin braucht, und zwar aus therapeutischen Gründen, und dass dieser Robin sich die Rolle verdienen sollte.
Tim ist derjenige, der Batmans und Nightwings wahre Identitäten durch reine Detektivarbeit herausfand. Als Kind. Das ist eine Charakterisierung, die sich auf eine einzige Handlung bezieht: Tim Drake ist der Robin, der auf Augenhöhe denkt. Kein Trauma als Eintrittskarte, keine Zufälligkeit – nur eine intellektuelle Entscheidung.
Seine Jahre als Robin und später als Red Robin sind geprägt von einer Leichtigkeit im Umgang mit Moral, die weder Dicks naive Güte noch Jasons verzweifelte Wut aufweist. Tim ist der Pragmatiker, der Stratege, der vielleicht Batman in seiner Denkweise am nächsten kommt, dabei aber empathischer bleibt. Er ist auch derjenige, um den die Community bis heute am leidenschaftlichsten kämpft, was die Handlungsstränge betrifft.
Stephanie Brown, die oft Vergessene

Stephanie Brown verdient mehr als eine Randnotiz; sie verdient ein eigenes Kapitel. Von Chuck Dixon zunächst als die Figur Spoiler geschaffen und dann zur ersten weiblichen Robin in der Hauptkontinuität gemacht, wurde ihre Geschichte von DC auf eine Weise behandelt, die viele Leserinnen und Leser bis heute beschäftigt.
Stephanie wurde Robin, wurde von Batman wieder gefeuert, versuchte trotzdem einen Einsatz, wurde dabei von Black Mask gefangen, gefoltert und starb. Oder starb scheinbar, wie sich später herausstellte. Was ihren Tod von Jasons unterschied: Es gab keinen Gedenkkasten in der Bathöhle. Es dauerte Jahre, bis DC auf den Druck der Fangemeinde reagierte.
Der No Batgirl Memorial Case-Aufschrei in der Community, initiiert u.a. von Gail Simone, war ein Moment, in dem Comiclesende laut sagten, dass die Behandlung dieser Figur eine inakzeptable Haltung gegenüber dem Publikum widerspiegelt. Stephanie Brown als Batgirl unter Bryan Q. Miller (2009) war dann eines der besten Soloprojekte im DC-Universum dieser Ära, von der Community geliebt, aber wieder abgebrochen durch den New 52-Relaunch. Ihre Geschichte ist eine über das Potenzial von Figuren, das regelmäßig institutionell vergeudet wird.
Damian Wayne und die Erbschaft des Bösen

Zeichnungen von Ivan Reis, Oclair Albert und Sula Moon.
Bruce Waynes leiblicher Sohn, der von der Liga der Schatten aufgezogen und zum Killer ausgebildet wurde, kam schließlich mit seinem Vater in Kontakt und ist vielleicht der herausforderndste Robin aller Zeiten. Mit Damian Wayne schuf Grant Morrison 2006 in Batman and Son eine Figur, die das Vater-Sohn-Verhältnis im Batman-Kosmos vollständig neu kalibrierte.
Damian ist arrogant und kalt. Er muss von Grund auf lernen, was es bedeutet, kein Leben einfach so zu nehmen, während er das Töten doch als das logischste Mittel betrachtet. Er ist das direkte Gegenteil von Dick Grayson, und genau deshalb die interessanteste Robin-Variante der letzten zwanzig Jahre. Sein Tod in Batman Incorporated #8 (2013) traf viele Leser härter als erwartet, weil Morrison die Figur in relativ kurzer Zeit so aufgebaut hatte, dass sie trotz ihrer Kälte zutiefst verletzlich wirkte.
Das Verhältnis zwischen Damian und Dick Grayson, die eine Zeit lang als Batman und Robin operierten, ist dabei besonders zu betonen. Es war das erste Mal, dass ein ehemaliger Robin zusammen mit einem jüngeren Robin ein gewaltiges Vermächtnis übernahm. Gleichzeitig war die Dynamik vollständig umgekehrt: Der kleinere, jüngere Robin war der gefährlichere, der ältere ( jetzt Batman) derjenige, der Geduld und Menschlichkeit in die Partnerschaft einbrachte.
Was Robin über Batman sagt
Wer all diese Figuren betrachtet, erkennt ein Muster: Jeder Robin ist eine Antwort auf eine Frage, die Batman selbst nicht beantworten kann. Dick fragt, ob man trotz Trauer Freude empfinden darf. Jason fragt, ob Gerechtigkeit ohne Gewalt überhaupt möglich ist. Tim fragt, ob Intelligenz allein reicht, wenn die Welt nicht intelligent auf unsere Fragen antwortet. Stephanie fragt, ob das System Platz hat für diejenigen, die es nicht braucht. Damian fragt, ob wir die Natur durch Erziehung überwinden können.
Batman ist, wenn man es ganz genau nimmt, die Antwort auf eine einzige Nacht in einer dunklen Gasse. Dieses Kapitel ist erschütternd und hat sich zur Mythologie entwickelt. Aber die Robins stellen die richtigen Fragen, die diese Antwort herausfordern, erweitern, manchmal sogar widerlegen. Ohne sie wäre Batman zwar vollständig. Mit ihnen aber wird er menschlich.
Die Robins sind nicht nur Sidekicks und keine Marketingentscheidungen. Sie sind wichtig, weil sie zeigen, was eine Figur braucht, um mehr zu sein als ein Symbol: einen Spiegel. Und manchmal, in den besten Geschichten, ist es der Spiegel, der interessanter ist als das Gesicht, das er zeigt.