Die Tigerin von Schächtiz

Im Abendlicht bog sich das nur schemenhaft zu erkennende Gebäude in die Länge. Das im Nebel liegende Anwesen selbst verlor sich im Nichts der Karpaten. Der Horizont wurde beherrscht von einer drohenden, schwerfälligen Masse unbestimmter Formen, die kaum mehr von einer vergeblichen Sonne durchdrungen werden konnte. Jahrmillionen alte Berge bissen in das weiche, fahle Himmelsfleisch und bildeten einen Klumpen konzentrierter Bösartigkeit.

Durch das darunter liegende Schloss zog die Karawane der Träume, angeführt von allerlei absonderlichen Gestalten, Gauklern und Scharlatanen in dunklen Kleidern.

Dieser abscheuliche Traum entsprang dem Schlaf der Gräfin Báthory, die, vollgestopft mit Opiaten, auf ihrem ausladenden Plüschbett lag. Der Träumenden entrann ein Bach, der sich mit blutigen Tränen füllte. In den Blutkristallen sah sie Gesichter aus längst vergangenen Tagen – und sie wusste nicht, dass es bereits die Gesichter des Wahnsinns waren.

Die osteuropäische Geschichte ist voll von Adeligen, deren Hang zu Mord, Grausamkeit und Blutvergießen beispiellos ist. Manche, wie die Gräfin, sollen sogar Vampire gewesen sein. Zu ihren abscheulichen Verbrechen, die schließlich aufgedeckt wurden, gehörten Folter, Mord und angeblicher Blutkonsum.

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Der Narrentanz zu Strasbur

Tanzwut
Tanzwut in Straßburg

In den Annalen der Geschichte gibt es einige Ereignisse, die sich einer rationalen Erklärung entziehen. Überhaupt scheinen wir nicht weit gelangt zu sein, wenn wir uns um die Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen konzentrieren. Ein solches Ereignis ist die Tanzwut von 1518. Mehrere Menschen begannen in Strasbur aus heiterem Himmel unkontrolliert zu tanzen, so als sei etwas in sie gefahren, das nie wieder hinaus möchte. In den Chroniken wird eine Frau namens Troffea genannt, aber sie könnte genauso gut auch Baldegunde heißen. Ihr Beruf war zumindest der einer Holzschichterin, die gar keinen Grund hatte, ihren Körper an einem gewöhnlichen Tag unter der Woche aufjauchzen zu lassen. Die Füße überrennen sich und platschen rechts und links davon und Staub kriecht in die Nase. Der Rücken wiegt sich Stumpf, noch zaghaft eckig und von einer Buckelkraxe zusammengehalten. Fein. Jetzt müsste die Füße scheppern und der Tanz als völlig nutzlos zu erkennen sein. Stattdessen wir Baldegunde interessiert betrachtet, bevor man erst in ihre Fußstapfen stieg, und dann ihren völlig unzauberhaften Gang nachahmte. Wer sich sonst im Leben nie außer dem Notwendigen bewegte, suchte sich einen Anhaltspunkt. Und der einzige Anker war die Frau Troffea, die eindeutig tanzte, wenn auch sich ihr Gesicht nicht dazu entschließen konnte, mitzumachen. Sie verlor ihr Meckerchen und gewann ihr Neckerchen. Allerdings waren die sechs Tage, die ihr noch lebendig vergönnt waren von überhaupt keiner Pause geprägt. Nachbarn kamen vorbei und sprachen mit ihr, aber sie japste meistens nur. Die Fähigkeit ein ordentliches Gespräch zu führen, wenn der andere hopst und schwankt, ist dann doch recht eingeschränkt. Also stimmt man sich auf diesen unhörbaren Rhythmus ein, weicht aber so weit von den Windmühlen einiger weniger zurück, wie man überhaupt nur kann. Will man selbst aufhören, gelingt das nicht und das fremd geführte Fleisch dreht sich um Troffea herum.

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Madame Blandot: Im Atelier

Hier kamen wir zusammen, in diesem brausenden Atelier. Die Wärme flirrte um die Hälse, die neugierig aus ihren Anzügen und Kleidern spähte. Gottsucher, Flüchtlinge und Künstler aus aller Welt reichten sich die Hände, umgingen sich und gestikulierten sich hermetische Grüße zu, verabredeten sich nach dem Tod oder vor dem Leben. Madame Blandot hatte all die bocksköpfigen Fruchtbarkeitsgötter durch ihre Hände geboren, sie befingerte sie, massierte sie aus namenlosen Klumpen zu Lustgestalten heran, oder schlug sie aus lebendigem Fels, ganz wie sie selbst es wohl vorgaben. In ihr pochten dann die Membrane und alles Wasser schwang sich aus ihrem Meer, der kalte Stein in ihrem Universum, Muttermund, der kalte Kuss, der Sog der Kreatur am Schaffen, wirkt um die Schafferin und zieht ihr sanft behütend das Höschen über die erschrockenen Wangen, doch nur kurz, bevor der Rausch nicht mehr alleine ist und ihr die Gestalt folgt, die Hände 

(nass vor Aufregung)

reiben, die Äderchen klopfen den Stein, den Ton, den Teig, sie sägen das Holz, den Sand, das Moos, die Augen formen Wonne, sehen nicht zu Sehendes, fahren die Konturen nach, das aufgerichtete Glied, das zu besitzen sich Madame sorgsam ausmodelliert, feilt, glättet, dann aufsitzt, gilvt, jauchzt, vergeht, Bockskopf, musst es mir sagen, ich beseele dich mit meiner Glut, ich erfriere innerlich, wenn ich deinen Steinphallos reite, allein ich kann keinem aufrechten Gang widerstehen. Kerzen und Rauch wurden entzündet und erfüllten den Raum mit milchigem Dunst, die Schwaden aufwärts, der Nebel allwärts, Mondlicht durchs Fenster herein, in die Duftbänke hinein, durch diese wehte Madame  auf die Gäste zu, und wie es schien, durch sie hindurch wie ein Geist, der sich mit den Schwaden liaisoniert, neben mir entdeckte ich ein Holzgestell, auf dem die noch nicht ganz fertiggestellte Holzplastik eines Mannes mit Hörnern stand, samt Zwillingspaar, das in geschmeidigen und raubtierhaften Zügen geschnitzt war, es handelte sich um Panther-Frauen, wundersame Begleiterinnen, hinreckend zur Kraft des Gehörnten, das Toben der Energie in Strünken, oh Salz, oh Geweih, oh allerliebstes Fluid und Soma, heiler Äther, aus dem Nebenraum erschien nun die Hierophantin, die sich als tartarische Adlige ausgab, und die kurz darauf wieder in einem Nebenraum verschwand, der mit glänzenden Tüchern abgeteilt war. Dorthin zog sie sich mit den jungen Damen zurück, um sie in den seltsamsten Liebesdingen zu beraten, den Geheimnissen des Vaginalmuskels, der tantrischen Vulva, dem Melken der Prostata und dem Yoga des Beischlafs, dem Ausstreifen der Energie aus dem Stab, der sich in den jungen Rachen ergießen wird, der Macht des Tanzes der Mitte der Unendlichkeit, dem allumfassende Beingriff, dem Drängen und Bezirzen.  »Alles Unglück ist über die Welt gekommen, weil man der Frau ihre Berufung als Priesterin geraubt hat!« 

An diesem Abend wurde Glas um Glas kräuterversetzten Wodkas getrunken, der Zigeuner Erich Zann funkelte mit den Augen und entlockte seiner Violine jene rasenden Töne, durch die der maßlose Georg Rasputin einst zu einer seiner zahllosen Liebesumarmungen, Prophezeiungen über die Reiche und Offenbarung seiner sagenhaften Heilkräfte gekommen ist, von Zeit zu Zeit verbeugte sich Madame Blandot vor dem Gehörnten und flüsterte seine Namen: »Pan, Leschy, Tschernibog, Perkampus.« 

Nebelsirene unter Wasser


Lüge und Manipulation, das sind die Stoffe, aus denen wir die Welt gemacht haben, quasi der Stoff aus dem die Träume nicht sind. Kaum hat Zarias die Augen aufgeschlagen, denkt er wieder an die Veranda. Das kommt in den letzten Tagen wieder häufiger vor. Hat er wirklich daran gedacht, das ganze sei überstanden? Manche Erinnerungen machen einfach für unbestimmte Zeit Urlaub, hängen ihr Tagwerk für unbestimmte Zeit an den Psycho-Nagel und gehen surfen, vielleicht liegen sie in Cancún am Strand, um neue Kraft bei einem Mexican Colada zu sammeln (oder um weiteren Anlauf zu nehmen), aber sie kamen immer wieder zurück. Es gab nichts Verläßlicheres als eine eingesperrte Obsession. Kurz nach der Ankunft seines Bewußtseins im heutigen Tag, hat er das Gefühl, die Träume ziehen weiter, auch wenn er sie nicht mehr mitmachen kann, zu vergleichen mit dem Leben, aus dem man herausstirbt. Die Träume – das Jenseits? Levke hätte das gewußt. Auch an ihn muß er wieder häufiger denken, aber noch nie ist ihm das direkt nach dem Aufwachen passiert, mehr am Abend, an dem sich stets eine philosophische Stimmung breitmacht, der Herbst des Tages. Vielleicht deshalb. Wenn etwas vergeht, schießt Schwarze Galle in den Bauchraum, verbindet sich mit Dung, Schleim und fermentierten Bazillen und schickt das ganze Gemisch ins Oberstübchen, um Melancholia auszulösen, eine Nebelsirene unter Wasser, ein nicht-ortbares Rufen aus einer geisterhaften Ferne. Zarias erhebt sich, aber wach ist er eigentlich nicht. Normalerweise gönnt er sich das Viertelstündchen (nichts ist so trüb in die Nacht gestellt / der Morgen leicht macht’s wieder gut), bevor er in die Möglichkeit vorstößt, die ihm ein neuer Tag anbietet, aber heute kann er nicht mehr richtig liegen. Die Stellungen sind abgenutzt: Bauch, Rücken, Embryo. Komm jetzt, du Faulfleck! Es ist schönstes Wetter! Aber auch wenn es nicht so wäre, das Liegen sollte den nächsten Schritt täglicher Entwicklung tun und zumindest zu einem Sitzen werden.

De Umbris Pactis

Ich saß von der windigen Dunkelheit eingehüllt auf der Brüstung des Rathauses und beobachtete die von hier aus einsehbare Fläche unter mir, denn wir alle waren abkommandiert, um die Schatten zu beobachten, die in unwahrscheinlichen Zahlen und Winkeln in die Stadt einfielen. Sie waren uns allzu ähnlich, und was wir zu berichten hatten, wurde mit großem Interesse verfolgt, wenn auch wir mit keinem unserer Auftraggeber sprachen, ein Beobachter ist nun einmal kein Sprecher.

Wir notierten alles in einer Sprache des Untergangs, denn das war es, was wir sahen. Bizarre Zwischentöne des Schreckens einiger Sekunden mussten wir zur Fiktion werden lassen, um ein Maß für das Unbegreifliche zu finden.

In Teseo Albinesis Aufzeichnungen aus dem Jahr 1539 wird beschrieben, wie der Okkultist Ludovico Spoletano den Satan beschwor, weil er – dem Doktor Faustus ähnlich – glaubte, alles bereits zu kennen, aber doch nichts zu wissen. Das dringliche Bedürfnis, zumindest ein Ding so zu Fassen, wie es beschaffen ist, treibt die Schwärme der Verzweiflung aus Staubwolken heraus und ermuntert jeden Schläfer, festzuhalten, was weniger noch als ein Quellstrom nicht zu greifen ist mit fünf oder zehn oder fünfzehn Fingern.

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Turmzimmer zu Karstenfels (Re-up mit Bild)

Ich muß erneut eingeschlafen sein. So viele Schlafe, da mag ein Schlaf getrost kein Schlaf sein. Schlaff natürlich wird der Körper, daher kommt’s; aufstehen, erschlaffen und so fort. Ich stecke im Hotelzimmer meiner Chimären fest, das vorzeitige Erwachen betrifft nur meine doppelte Existenz. Jede der beiden will die Oberhand gewinnen. Das könnte sich als wichtig erweisen, wenn es einmal darum geht, wer ich bin, wer ich heute bin, wer ich gestern war. Der Ausschluß anderer Existenzen ist der konsequente Wegfall vieler alternativer Möglichkeiten, aber die Existenz selbst ist so schwammig, daß jedes Philosophieren darüber nur ein weiteres Spiel bleibt, ein Zeitvertreib; jeder Gedanke an ein anderes Leben ein Schatten, der nie wirklich da ist, aber auch niemals ganz verschwunden; mauvaise foi.

Unter verklebten Lidern befindet sich noch ein Rest der wirklichen Umgebung, eine dampfende Laterne, von Faltern umschwärmt. Da ist keine Erinnerung, nur eine trockene Kehle. Körperfunktionen halten inne, der Puls ist ein kleinwüchsiges Klopfen, die Säfte sind erstarrt, tief ins Gewebe zurückgezogen; die letzten Inseln lauernder Funktionslosigkeit. Bilder kehren mit dem Blut zurück zum Herzen, reisen mit Transferrin im Eisenbahnwaggon, Schubtore geschlossen, damit während der Langsamfahrt niemand aufspringen kann, Rucksack in die Ecke, Guitarre raus (ein Hobo!). Nichts gegen den King Of The Delta Blues Singers oder Steve Earle, wir aber reden hier von Gedanken, von Geschehnissen. Das ist kein Swamp-Soundtrack, das ist eine Geige, die sich Ritzen sucht. Da fällt durch, was sie ausscheidet, klagende, kratzende Diarrhoe.

Das Licht spielt, wie es von jeher mit der Welt spielte. Planetenstaub, angebumst von koronalen Massenauswürfen, Tiktaalik rosea, der dann Affe wurde. Bettzeug, das nach barocken Liebeslagern muffelt. Die Zunge der Zeit hat hier mit fetten Zotten den frischen Geschmack in den Rachen befördert. Der Eindruck ist nur noch ein finsteres, oxidierendes Relief. Wo bin ich? Ich will nur meine Stimme hören, die mir der Katzenjammer zugesteht. Es gibt Märchen, da antwortet der Teekessel überschwappend der magischen Brühe : »Rauss mitt diiir, bevor man die Prinsesssin skalpiert!«

Und ein Pferd tritt ein (Ah! es ist ein Friesenhengst, mit Hafer in den Ganaschen!), der junge Held von burlesker, ganymed’scher Schönheit tränkt seinen Körper im jetzt golden dahinfunkelnden Sonnenschein, der durch die Risse der garstigen Schwiegermutterscheiben taumelt. Dann ein recht merkwürdiger Name, sagen wir, Behroka, sagen wir, Behroka Espenlauba, die zitternd mit noch blonder Mähne im Turmzimmer zu Karstenfels ganz oben unterm Dach dem Einen harrt, der eine sehr, sehr durstige Kehle hat. Das Märchen beschreibt das runde, zugige, und von außen abgeriegelte Zimmer mit ein, zwei romantischen Paradesätzen, verschweigt die Bettpfanne, den stinkenden Essenstrog, erwähnt allerdings die Unmöglichkeit, das Gemäuer zu erklimmen. Viele haben’s schon versucht, hört man da, alle sind sie schauerlich deformiert und zerbreit an ihrem Leib ins Geisterreich gefahren.

Dornröschen

Der Meuchelmorgen läßt uns waten in finsteres Gemäuer, von den Scherben ging eine ängstliche Stille aus, als wir das Zimmer mit der zerschmetterten Puppe auf dem Boden schließlich fanden, abyssales Augenwerk riß Löcher, zur Hälfte denke ich, es war ein Traum und die Überraschung rührte daher, die schwere Pforte geöffnet zu finden, eine gewisse Stimmung von wild wuchernden Büschen, ein Scherz von Dornröschen. Die Puppe lustert nach dem hellen Licht, das in ihren Augen stets erlischt, wenn sie sich aus der Bettstatt schleppt, den Kummer gurgelnd in sich sprengt & nackend in das Düster steppt. Schon in den frühen Stunden der Balz wurden die Netze neu verknotet, wurden Aussagen uneindeutig, war das Unterbewußte der Nährboden – überhaupt der einzige Boden – in einer ewig rätselhaft erscheinenden Welt. Etwas kam uns gefährlich vor; das Formidable stand in der Luft & stank aus den Mauern heraus. Ohne die vergessene Puppe, ohne die verlassenen, schnell vom Tisch fortgerückten Stühle, die offenstehenden Küchenschränke, wären wir nicht gar so sehr erschrocken gewesen über die museale Begegnung. Wer klopft? Komm ‚rein und zieh‘ mir Zunder an
& mach mir feuchte Feuer heiß
& harze mir die Zunge aus
& schleppe mich zur Glutenbarke !

Es war nur natürlich, daß sich der Staub dort sammelte, durch die offenen Fenster schwirrten Pollen herein. Die Natur sah nach, ob sie sich ein Stück zurückerobern konnte. Gräser wuchsen aus den Fugen, ein Unkraut, wie Kamille beispielsweise, fingerte zwischen den Dielen hervor. Jetzt hämmern sie gegen die Tür, durchbrechen unser Atemspiel. Wo Du Deinen Atem hingetan hast, habe ich gesehen, ich könnte ihn mir jederzeit wiederholen. Sie wissen uns erschrocken für einen Moment, zusammengekauert, obwohl sie uns nicht sehen können.
Sie hat sich bewegt, sagte Steff. In Wirklichkeit lag sie schon die ganze Zeit so seltsam da. Wir wußten alle, daß er etwas anderes meinte, als diese hingeschmissene Puppe. Das Fürchterliche fanden wir im angrenzenden Zimmer. Dort hing ein blaues Kleid auf einem Bügel an der Tür eines leeren Schrankes. Hier findet uns niemand. Hier sind wir vogelfrei. Für einen kleinen Augenblick halten alle den Atem an, weil Steff das Kleid berührt & es doch offensichtlich ist, daß dem blauen Kleid das Haus gehört, das heißt, daß sich dieses Kleid in der Nacht, vermutlich zur Geisterstunde, mit Leben füllt. Er zieht die Hand rechtzeitig zurück, etwas sagt ihm, daß er sonst Schwierigkeiten bekäme.
Du kommst meine Beine hochgekrochen, kitzelst wie eine Arachnide. Die Tür jetzt zu öffnen wäre leicht, aber weniger unheimlich. Vielleicht haben sie uns gefunden, vielleicht sind sie uns gefolgt. Daß wir überlebt hatten, dafür konnten wir nichts. Es war Zufall. Dort, wo die Wand in sich zusammenfiel, klaffte eine Wunde. Nicht, daß die Wand nicht mehr da war, das Gestein unter Tapetenfetzen, Holz & Staub begraben lag, nicht, daß wir plötzlich hinaus sehen konnten, über das Schilf des kleinen Weihers hinweg, über den Wald hinweg.

Wir dachten daran, daß der Wittib das Kleid gehört, aber das tat es natürlich nicht : das Gefühl jedoch, das wir hatten, wenn wir Esrabella im Dorf begegneten, wenn sie weder grüßte noch überhaupt in ihrem Ausdruck erkennen ließ, daß außer ihr noch jemand existierte, war verdammt nah dran an dem, was wir in diesem Moment empfanden. Ob wir rauchten oder nicht, interessierte die Witwe Gräf ebensowenig wie unser Vorhandensein; aber dem Kleid, das konnten wir spüren, wäre es nicht egal gewesen. Das ergaunerte Material heißt bei allen Stuyvesant, nur bei mir heißt es Windsor de Luxe. Es versteht sich von selbst, daß wir rauchen, was wir in unserer nächsten Umgebung vorfinden. Nur selten ziehen wir eine Packung aus dem Automaten. Wir sahen das Blut Schlieren ziehen, ein wäßriges Rot sammelte sich vor dem Tisch. Natürlich war hier jemand ermordet worden. Und noch immer hämmern sie gegen die Tür. Du schlotterst so sehr, sagst: mach daß es aufhört! Aber ich kann nicht. Ich bin nicht befugt, etwas zu ändern. Schließlich habe ich sie gerufen. Wir kehren jetzt zusammen zurück in den Ozean. Du hast keinen Namen, du bist der Succubus; alle Säfte sind Milch & Honig, alle Höhlen & Löcher sind die Tore zu Gott.

Castrum Montségur 1 (Die Ankunft des Heeres)

Vorläufiger Eingangstext; das ganze erste Kapitel der Erzählung in progress.

I. Die Ankunft des Heeres

In dieser Nacht würde das Leben sie verlassen. Es würde ihnen aus den Höhlen ihrer Brust gerissen werden, und ihre Gärten, die sie so liebevoll gepflegt hatten, würden zertrampelt und mit ihrem Blut getränkt die Ewigkeit hinter sich lassen müssen. Vor dem hoch aufragenden Kalkkegel stand das entschlossene Heer der Inquisitoren und brüllte Forderungen in die schwankende Luft, die den Montségur nicht erreichen konnten, gepaart mit Lügen, die aus ihren Mündern tropften und glühten wie das Feuer selbst, das sich auch in ihren Augen spiegelte und das sie ihre Fußtruppen bereits mit reichlich Holz vorbereiten ließen. Die Katharer sollten brennen! Ihre Häresie sollte ausgelöscht werden wie ein falsches Wort aus einem heiligen Manuskript.

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Der Geschirrbeobachter

„Hier habe ich zumindest ein paar Töpfe“, sagte sie. „Fürs Erste müsste das reichen; ich stelle sie hier vor die Tür, dann muss ich nicht reinkommen.“

Ich nickte. „Wie lange wird das vorhalten?“

„Das ist schwer zu sagen …“ Sie schielte die Töpfe an, als habe sie sie noch nie richtig betrachtet. „Ich würde auf zwei Tage tippen, die Teller sind dagegen nur Stunden, aber zusammen mit dem Besteck nähert sich das wieder an. Das bekommen Sie dann alles morgen, bevor die Zeit abgelaufen ist.“

Ich suchte in ihrem ausgefallenen Gesicht nach einer Antwort, fand aber nichts. Glichen ihre Augenbrauen nicht dem Futhark? Bildeten die haarigen Runen nicht die eigentliche Botschaft für mich? Mehr müssen Sie nicht wissen, sagte sie robust und kompakt, sie war schließlich in der Überzahl und konnte sich ihre Rindviehhaftigkeit leisten.

Nachdem sie wieder nach nebenan verschwunden war, holte ich einen Stuhl, um die Töpfe zu beobachten. Die Tür ließ ich geöffnet, eine andere Lösung hatte ich nicht, ärgerte mich aber darüber, sie nicht darum gebeten zu haben, die Töpfe in die Küche zu stellen. Jetzt würde es die ganze Nacht Durchzug geben, weil man mir noch keine Fenster eingebaut hatte. In der Probezeit war das natürlich unüblich, man wollte erst sehen, ob ich imstande war, die mir zugeteilten Aufgaben zufriedenstellend zu erledigen.

Gegen Abend hörte ich meine Nachbarin eine Arie anstimmen und war dankbar für das Gekreische, denn ich war gerade mit der Innenfläche der Töpfe beschäftigt, als ich kurz wegnickte. Mein Ziel war es, ein für mich bestimmtes Muster zu finden, die Beobachtung des Geschirrs etwas angenehmer zu gestalten, sicher, dass mir das in den folgenden Tagen, wenn mir Teller, Schüsseln und Besteck gebracht wurden, aufgrund der unterschiedlichen Formen, leichter fallen würde.

Ich konzentrierte mich vor allem auf die ungleichmäßige Verarbeitung, stellte mir vor, wie man in den Töpfen die verschiedensten Gerichte zubereitete und ging im Geiste die Rezepte durch. Zu jeder Delle dachte ich mir eine weitere Geschichte aus und sah die knetige Masse der Hände, die diese Töpfe gegen die Kugelgestalt ihres Kopfes donnerte so lebhaft vor mir, dass ich unter den Wogen der hysterischen Musik aufgrund der Eindrücklichkeit der Vision erschrak. Aus den Fingerklumpen der Nachbarin wurden meine eigenen, dagegen zarten, Dirigentenstäbe. Ich hieb so fest auf ihr gebirgiges Gesicht ein, dass mir sogleich ein gänzlich neuartiges Rezept in den Sinn kam, das ich mir versprach, aufzuschreiben, sobald die Töpfe wieder verschwunden waren.

So weit ich das zu beurteilen imstande war, gab es im Treppenhaus außer mir niemanden, der sich mit der Beobachtung fremden Geschirrs beschäftigte, aber es gab noch andere Tricks, die Miete zu begleichen. Ich hatte von Wäscheschindern gehört, von Wandstreichlern und Rundläufern, gesehen hatte ich das nie. Gleich fragte ich mich, ob ich meine Arbeit mit meinen Brotzeitpausen verknüpfen könnte, ob ich nicht die Wurst auf dem fremden Geschirr aufschneiden sollte, denn es ging ja vor allem darum, das mir anvertraute Service nicht aus den Augen zu lassen.

Nur wie sollte ich anschließend alles wieder sauber bekommen? Du könntest den Teller sauberlecken und mit deinem Hemd polieren! Morgen war der Tag, an dem ich das ausprobieren wollte.

Sie erschien recht früh, bückte sich und nahm die Töpfe wieder an sich, ohne ein freundliches Wort an mich zu richten. „Es wird heute schlimm werden“, sagte sie ohne Mitleid in der Stimme. „Ich habe mehr Geschirr, als ich dachte.“

„Wann werden Sie es mir bringen?“

„Machen Sie sich jede Sekunde darauf gefasst.“ Sie ging davon, und ich konnte endlich meine Türe schließen. Todmüde setzte ich mich in den Gartenstuhl, den ich am Straßenrand gefunden hatte.

Ich bin die Nacht: 1 Der Moloch (Re)

In der Tiefe der Nacht kann einem alles begegnen. Welten türmen sich auf und entfalten ihre grandiosen, weitläufigen Ebenen des Zerfalls. Mumifizierte Zeitzeugen murmeln aus trockenen Mündern von ihren Erlebnissen. Ein Gesicht hängt in Fetzen in Höhe des Mondes, die Wangen wie zerschnittener Stoff in einer Bastelstube. Dann ist es vorbei, wie bei einer Fahrt in einer Geisterbahn. Die Kufen führen aus der stinkenden Nacht in eine noch tiefere hinein und ruckeln weiter zur nächsten Szene. Und nirgendwo hat das Licht eine sichtbare Qualität; schwarz auf schwarz bestätigt es nur eine absolute Dunkelheit. Was man zu sehen bekommt, ist merkwürdigerweise unabhängig von einer Lichtquelle. Die Toten leuchten von innen, die Geister tun es ihnen gleich.

Eine chemische Reaktion, die sich über den Baumwipfeln zu einer Dunstglocke formierte – das war alles, was von ihm übriggeblieben war. Bald würde sein Rest zu Staub fremder Sterngruppen, zu Globulen und Dunkelwolken gehören. Unentdeckt von allen Teleskopen, die da noch kommen sollten. Die Sonne entdeckte den gemarterten Körper als Erste. Ihr tastendes Licht beendete die Nacht, die in vielen Seelen lauert. Nackt hing er an diesem Stamm gefesselt, übergossen mit flüssigen Exkrementen, in der Pose eines Gottes am Weltenbaum.

Schon öffnet der Moloch sein Bronzemaul, röchelt in allen Farben des Feuers und verschlingt alles. Vielleicht würde er sich sogar selbst verschlingen, aber vielleicht will er auch nur den süßen Saft des Lebens kosten, der ihm so fremd ist. Er will sich an den Rinnsalen des Leids aller sättigen, an dem herausgedrückten Seim. Vielleicht will er auch nur die nie von einer Sonne beschienene Statue sein, der Hochofen elementarer Angst.

In den letzten Sekunden seiner rituellen Ekstase sah er, wie die Nacht, die mit ihrer schneidenden Kälte bereits tief in ihn gedrungen war, Gestalt annahm. Durchs Gebüsch fegte ländliche Agonie. Der Mangel an Eindeutigkeit ließ ihn schauderhaft zittern. Er erkannte nicht, was seit Stunden um ihn herum kroch. Die Luft kündete von Maden, es war fürchterlich finster. Er zerrte an den Fesseln, doch das Hanfseil gab nicht nach. Was die Erscheinung tat, die sich weder bewegte noch an einem Ort verharrte, war für ihn nicht zu erkennen. Der Schmerz nahm beständig zu und die Angst hätte ihn verbrennen müssen, doch einige Minuten später war er ausgeschaltet und dieser zweigeteilte Baum war zu seinem Martergrab geworden. Er sank in die Hanfseile und sickerte langsam in die Erde, eine Hinterlassenschaft der Jäger, Fischer und Sammler der Nacheiszeit, die hier ihr Hüttenlager hatten. Die alte Erde sog sich voll mit Leben.