Tontafelkalender vom 23ten Hartung xx20, einem Durnstag

Ich befinde mich in einem Alter, in dem ich so wohlgeformt durch die Jahrzehnte des ausschließlich-schreibens und ausschließlich-anders-seins sehr weit weg bin von jedem literarischen Diskurs, und das vor allem, weil ich in meiner Abgeschiedenheit viel mehr internationale Impulse aufgenommen habe als die meines direkten Kulturkreises, natürlich immer nur selektiv. Die Führung, die im alltäglichen Zufall genannt wird, das waren mir die literarischen Abenteuer von oben nach unten und bald wollte ich das Gedicht, bald wollte ich Prosa, bis ich bemerkte, dass es keine Rolle spielt, dass jede Genrezuweisung nur ein Kunstprodukt für sich selbst ist, man das aber nur begreift, wenn man nicht ununterbrochen darauf aufmerksam gemacht wird. Erst dann liegen einem auch die Sprachepochen zu Füßen und man bindet seinen Geist an den rundgefüllten Eimer wie ein Ohr, das man abnehmen und überall hinlegen kann.

Ich stünd’ nicht gern an finstren Lauben
Ohn’ an die wilde Pflicht zu glauben
Es käm’ auf die Sekunde an
Das Tor könnt’ sich zum Nichtse biegen
Und alte Trauer dort versiegen
Wo ich einst meinen Wahn begann

In Großgaloschen trampelt hier
Das eine um das andre Tier
Und will mich aus dem Loch vetreiben
In dem ich warte, sitze, speie
Mit aller Freude dem verzeihe
Der’s schafft mich durch das Holz zu reiben

Denn bin ich drin will ich gleich wähnen
Die Tür zu öffnen mit den Zähnen
Damit man mich besuchen kann
Ich tischte Kuchenklänge auf
Und andren Schmaus für einen Bauch
Der Luft ablässt so dann und wann

Alte Fotografien sind mir oft mehr als zweidimensionale Übrigkeiten einer vergangenen Spanne. Ich achte oft hinter einer Lupe, die mich etwas spöttisch näher kommen heißt, auf eine flüchtige Geste, die möglicherweise im dort festgehaltenen Faltenwurf oder einem Sonnenstrahl, der eine Schulter etwas mehr aus dem Grau hebt, ein Spiel des Lesens von Augenblicken mit mir beginnen will. Ich verstehe nur halb, wie es kommt, dass es alles, was zu erkennen bleibt, nicht mehr gibt, verstehe es also als finstere Vertrautheit mit meinen eigenen Gedanken, die schon nachher verschwunden sein werden, wenn ich sie nicht irgendwohin notiere. Ich verstehe als nur halb, denn die andere Hälfte wehrt sich entschieden gegen eine Aufklärung, aus der Gewissheit heraus, dass es sich um eine Täuschung handelt, sobald man erklärt.


Nach dem Gequassel aus P. Highsmiths Werkstattbericht, mit dem ich sehr wenig anfangen konnte, weil ich eine gänzlich andere Arbeitsauffassung habe, bin ich schnell in die 20er Jahre verschwunden und vom “Josty ins Romanische Cafè” gegangen. Es ist die Kunst solcher Bücher, eine Lebendigkeit quasi aus der Retorte entstehen zu lassen, was dann, obwohl es sich m eine Illusion handelt, jene Gehirnhälfte temperiert, die bereits schlafen will – es ist halbzwei – und deshalb leichtes Spiel hat, denn der Schlaf und die eingefangene Vergänglichkeit verstehen sich recht gut.

Irgendetwas scheint komisch zu sein an meinen Zeitreisen. Man weiß ja erst, was uns an Geist verloren gegangen ist, wenn man sich in die Ferne nach hinten begibt.

Drachen

Diese seit menschengedenken in allen Kulturkreisen bekannten Wesen, die die Länder und Lüfte spielend eroberten wie kein anderes, sind in den Köpfen der Menschen, besonders in Literatur und Film, bis heute existent. Faszinierende Mischwesen mit einem großen langen Schwanz, die manchmal ihren Gegnern sogar vielköpfig Feuer unter’m Hintern machten. Manchmal mit einem Löwenkopf, manchmal mit einem Krokodils-, Panther- oder Wolfskopf. Einem Vogel gleich seien sie, da sie Flügel (häufig Flughäute) hätten, mit denen sie fliegen könnten. Schuppige Reptilien seien sie, die einer Schlange sehr ähnlich sähen. Ebenso aber seien sie Raubtiere mit riesigen greifartigen Klauen oder Tatzen an den Vorder- und Hinterbeinen, die verspeisen würden, was sie fassen könnten. In Klassen unterteilt wurden sie. Und so gab es auch jene, die man zu den Wyvern zählte, die vor allem in der Heraldik Einzug hielten, die nur zwei Vorderbeine, Flügel und einen schlangenartigen Unterleib hatten. Als auch jene, die man den Kriechdrachen zuordnete, die ganz ohne Füße auskommen mussten.

Im Lateinischen draco genannt, im Altgriechischen δράκων, was häufig mit “Schlange” übersetzt wird, jedoch streng genommen “der starr Blickende” bedeutet. Also dem Blick einer Schlange verwandt. So will man uns weismachen. Jedoch ist bedenkenswert, dass das, was uns den Blick einer Schlange als “starren” erscheinen lässt, auch von einer anderen Tatsache herrühren könnte, der Tatsache nämlich, dass sie über keine Augenlider verfügt, die sie vor ihrer Umwelt schützen. Weshalb wir uns überlegen können, ob dem so ist oder war. Oder ob es nicht durch viele Zeiten hindurch unserem Blick zuzuschreiben ist, der starr erblickte, was er, mindestens seit den Babyloniern, erblicken wollte. “Drachen” weiterlesen

Huckleberry Finn (Der Philosoph in der Tonne)

Wie viele herausragenden Ikonen ist auch Huckleberry Finn eine zutiefst amerikanische. Die Zeiten, in denen man die Figur halbwegs auch bei uns verstehen konnte, sind anscheinend vorbei, und doch führen seine Spuren durch die gesamte Kultur der westlichen Welt. Seine ursprüngliche Wildheit und Seltsamkeit mag Huck im Laufe der Zeit wohl verloren haben, er hat der heutigen Zeit jedoch mehr zu sagen, als man vermutet.

Ein Jahrhundert voller Filme, Cartoons, Comics, versteckter und weniger versteckter Anleihen in Romanen, sagten vor allem eines aus: wie frei und unschuldig die Kindheit früher war. Aber es gab auch im viktorianischen Amerika Banden, Schulschießereien und die Ängste der Eltern, dass ihre Kinder der gewalttätigen Popkultur ausgeliefert sind. Mark Twain schrieb über all das. Für heutige Eltern, die sich um ihre Kinder und deren Kontakt zu dekadenten Medien sorgen, sich über die Natur oder eine standardisierte Bildung Gedanken machen, ist Huck Finn kein Rückfall in eine unschuldigere Zeit, sondern erinnert sie nur daran, dass die gleichen Debatten seit mehr als einem Jahrhundert stattfinden.

Würde man Mark Twain sagen können, dass sich sein Buch im 20. Jahrhundert 20 Millionen Mal verkaufen würde, würde er sich wahrscheinlich freuen. In den USA war das Buch allerdings Schullektüre, und das hätte ihm weniger behagt. Ganz im Gegenteil brachte er seinen eigenen Kindern das Lesen bei, indem er ihnen verbot, Bücher zu lesen. Damit machte er sie zu einem begehrten und geheimnisvollen Objekt. Huck Finn sollte nie ein staubiger Klassiker werden, und das ist er ja auch nur zum Teil, denn die ganze zeitgenössische Jugendliteratur, angefangen von Harry Potter, wäre ohne Twain gar nicht denkbar. “Huckleberry Finn (Der Philosoph in der Tonne)” weiterlesen

Warum wir Fantasy-Literatur brauchen

J. R. R. R. Tolkiens “Der Herr der Ringe” hat sich weltweit rund 150 Millionen Mal verkauft, was ihn zu einem der meistverkauften Romane aller Zeiten macht. Einige behaupten sogar, es sei das größte Buch des zwanzigsten Jahrhunderts. Während Tolkiens Geschichten um Mittelerde immer beliebter werden, weigern sich viele Gelehrte immer noch, sie ernst zu nehmen. Die meisten Kritiker ignorieren sie nicht nur, sondern verachten sie mit feuriger Leidenschaft. Kritiker der jüngeren Generation konzentrieren sich – vor allem, weil sie müssen – auf die vermeintlichen sozialen Probleme in Mittelerde, wie Rassismus oder Sexismus. Aber die erstaunlichsten Aussagen kommen vor allem von der älteren Generation der Literaturkritiker, die behaupten, dass Tolkiens Schreiben einfach schrecklich ist.  In der Einführung zu Harold Blooms kritischen modernen Interpretationen behauptet er, dass Tolkiens Schreibstil “steif, künstlich antiquiert und überladen” sei. Bloom ist nicht in der Lage zu verstehen, “wie ein erfahrener und reifer Leser etwa fünfzehnhundert Seiten dieses malerischen Materials aufnehmen kann”. Diese Kritik ist ebenso absurd wie komisch. Wenn überhaupt, dann ist der “Herr der Ringe” antirassistisch und antisexistisch und wunderschön geschrieben. Natürlich ist der Wert jeder Arbeit im Wesentlichen subjektiv und die Geschmäcker sind verschieden. Dennoch muss man sich fragen, was die Ursache für die verächtliche Kritik und die ungerechtfertigte Gleichgültigkeit sein könnte, auch wenn viele Aussagen zum “Herr der Ringe” völlig selbstentlarvend sind. Es wäre nicht das erste und einzige Mal, dass sich Literaturkritiker, die leider ihr Geld damit verdienen, sich als literarische Idioten darstellen.

Natürlich gibt es eine Art Realismus-Lobby, die durchaus mit jener der Tabak- uns Zuckerlobby zu vergleichen ist (was die unfassbare Verlogenheit betrifft). Betrachtet man, wann der “Realismus” begonnen hat, die literarische Welt zu übernehmen, trifft man unweigerlich auf die Modernisten und die Generation der Jahrhundertwende um 1900. Dort wurde eine Literaturkritik etabliert, die auf ihre Weise ein unansehnliches kleines Monster ist. In dieser Schule für Fantasielosigkeit wird nichts außerhalb der verschiedenen Formen des “Realismus” ernst genommen. Universitäten haben Generationen von Studenten gelehrt, Genres zu meiden (es sei denn, sie wurden vor 1900 geschrieben und / oder als Magischer Realismus bezeichnet).

Aber “Realismus” ist eine sehr junge und kleine Bewegung. Vor dem achtzehnten Jahrhundert war Genre-Literatur noch nicht von der “ernsten” Literatur getrennt. Was macht also diese Art zu schreiben nach 1900 weniger bedeutend als ihre Vorgänger? Die Antwort kann nur lauten: Dünkel. Denn der literarische Wert eines Werkes kann gar nicht davon abhängen, zu welchem marktstrategischen Genre es gerechnet wird. Vielleicht verstehen diese Kritiker einfach nicht, wie man Fantasy liest. Und, wenn sie nicht verstehen, wie man Genre-Literatur liest, mit welcher Autorität können sie dann zum Beispiel den “Herrn der Ringe” kritisieren? Welche Autorität besitzen sie überhaupt?

Die Allegorie-Besessenheit der Kritiker kann eine der offensichtlichen Fallstricke sein, da Fantasy-Literatur – zumindest nach Tolkien – niemals auf diese Weise gelesen werden sollte. Im Vorwort zur zweiten Ausgabe von “Der Herr der Ringe” schreibt Tolkien:

Ich habe eine Abneigung gegen Allegorien in all ihren Erscheinungsformen, und zwar schon immer, seit ich alt und wachsam genug war, um ihr Vorhandensein zu entdecken. Ich bevorzuge viel mehr eine Geschichte, wahr oder erfunden, mit ihrer vielfältigen Anwendbarkeit auf das Denken und Erleben der Leser. Ich glaube, viele Leute verwechseln “Anwendbarkeit“ mit „Allegorie“; aber die eine ist der Freiheit des Lesers überlassen, die andere wird ihm von der Absicht des Verfassers aufgezwungen.

Natürlich ist es nicht falsch, jene Teile in Märchen zu finden, die auf unser eigenes individuelles Leben anwendbar sind: das ist eines der größten Merkmale an ihnen. Aber Harold Blooms Behauptung, dass der “Herr der Ringe” ein “riesiges Zeitzeugnis” über den Zweiten Weltkrieg sei, ist Unsinn. Einfach ausgedrückt geht es hier um einen Hobbit und seine Gefährten und ihre Reise, einen Ring zu zerstören. Tolkien schrieb keine Allegorie. Alles, was aus der Geschichte herausgelesen wird, liegt am Leser selbst. Zwar beeinflusste das Leben in beiden Weltkriegen Tolkiens Ideologie, und diese Ideologie fand ihren Weg in seine Arbeit – aber beim Schreiben seiner Bücher hatte Tolkien keine politische Absicht. Er wollte nur ein Märchen erschaffen.

Warum also ruft der “Herr der Ringe” so starke Einwände der Kritiker hervor? Möglicherweise ist die Frage zu konkret. Vielleicht ist es das Genre der Märchen, das Kritiker verabscheuen, nicht den “Herr der Ringe” selbst. Kritiker erheben die gleichen Einwände gegen andere moderne Fantasy-Werke, die große Anerkennung finden. In einer Rezension zu Harry Potter schreibt Bloom:

“Sich gegen Harry Potter zu erheben, bedeutet, sich Hamlet als Vorbild zu nehmen, der seine Waffen ergriff, um gegen ein Meer aus Schwierigkeiten anzutreten. Wer immer sich gegen dieses Meer erhebt, wird es nicht bereuen. Das Harry-Potter-Phänomen wird zweifellos noch einige Zeit weitergehen, so war es auch bei J. R. R .R. Tolkien, und dann verebben.”

Dies stammt aus einer Rezension zu “Harry Potter und der Stein der Weisen”, dem ersten Buch der Serie, und wurde 2007 geschrieben, während der Roman selbst zehn Jahre zuvor erschienen ist. Doch 22 Jahre nach der Veröffentlichung ist Harry Potter immer noch so groß wie eh und je, wenn nicht sogar größer. Es stellt sich die Frage, was Bloom von Amazons Plänen für eine neue “Herr der Ringe”-Serie hält (65 Jahre nach der Veröffentlichung sind nirgendwo Ermüdungserscheinungen des Publikums zu sehen). Diese quatschigen Aussagen führen also nirgendwo hin. Märchen werden nicht verschwinden, weil wir sie brauchen.

Es ist kein Zufall, dass das Fantasy-Genre zu den Anfängen der Literatur zurückgeführt werden kann. Wir brauchen die Helden, das Abenteuer, die Ungeheuer, die Magie. Die Erforschung dieser Aspekte der Fantasie ist eine großartige Möglichkeit, Einblicke in die Bedeutung des Menschseins zu gewinnen. Kritiker lieben es, Fantasy anzugreifen, weil sie keine ernsthafte Literatur sei, schließlich wäre Realismus die eigentliche menschliche Erfahrung. In Wahrheit ist es aber so, dass Fantasy-Literatur nicht nur die eigentliche menschliche Erfahrung umfasst, sondern dass sie auch besser ist als jede “realistische” Literatur. In seinem Essay “Hamlet und seine Probleme” skizziert T. S. Eliot seine Theorie einer objektiven Wechselwirkung:

“Die einzige Möglichkeit, Emotionen in Form von Kunst auszudrücken, besteht darin, ein “objektives Korrelat” zu finden.”

Mit anderen Worten: eine Reihe von Objekten, eine Situation, eine Kette von Ereignissen, sollen die Grundlage einer gewünschten Emotion sein, so dass, wenn die äußeren Fakten, die in einer sensorischen Erfahrung enden müssen, gegeben sind, die Emotion sofort hervorgerufen wird.

Sag uns nicht, wie du dich fühlst – zeig uns, wie du dich fühlst. Das ist ein Grund, warum das Erzählen von Geschichten so wichtig ist. Es ist nicht so, dass der “Realismus” das objektive Korrelat nicht ebenfalls auf schöne Weise integrieren kann, aber wie könnte man unsere Angst vor der Tiefe besser zeigen als durch Tolkiens Wächter im Wasser, unsere Angst vor dem Tod durch die Ringgeister, oder unsere Angst vor dem Wald durch den Düsterwald? Diese Bilder sind so viel stärker als alles, was der “Realismus” produzieren kann, denn der “Realismus” wird in vielen Fällen durch seine eigenen Grenzen gezwungen, sich mit Abstraktionen zu befassen, während die Fantasy uns konkrete Bilder von Emotionen liefert, die sonst nicht so anschaulich dargestellt werden könnten. Die Fantasy erlaubt es uns auch, unsere Wachsamkeit zu verringern, was es einfacher macht, ansonsten schwierige Themen zu verstehen und neue Perspektiven einzunehmen. Vielleicht sind die neuen Erkenntnisse über uns selbst, die wir aus der Fantasy-Literatur gewinnen, für Kritiker zu schwer zu akzeptieren. Die Leute geben normalerweise nicht gerne zu, dass sie sich irren. Und ob sie sich nun darüber bewusst sind oder nicht – das ist der Grund, warum sie Fantasy-Literatur meiden. Sie haben Angst davor, was sie durch die Lektüre über sich selbst herausfinden könnten. Die anthropozentrische Natur des “Realismus” macht uns zu Opfern und Helden unserer Realität, während die Fantasy uns zwingt, uns mit den Monstern in uns selbst auseinanderzusetzen. Das können Kritiker nicht akzeptieren. Viele können das nicht. Aber Wahrheit ist wichtiger als irgendwelche Befindlichkeiten.

Die Fantasy erinnert uns nicht nur an das, was wir sind, sie erinnert uns auch an das, was wir einmal waren. Die Industrialisierung unserer heutigen Welt hat uns von der Verbindung mit der Natur getrennt, die wir früher hatten. Ursula K. Le Guin brachte dies in einem ihrer Essays wunderbar zum Ausdruck:

“Die Felder und Wälder, die Dörfer und Pfade gehörten einst genau so zu uns, wie wir zu ihnen gehörten. Das ist die Wahrheit des nicht-industriellen Umfelds vieler Fantasy-Werke. Sie erinnern uns an das, was wir angefangen haben zu leugnen, woraus wir uns selbst verbannt haben.”

Tiere waren für uns einmal mehr als nur Fleisch, Schädlinge oder Haustiere: sie waren Mitgeschöpfe, Begleiter, Gleichgestellte … Was die Fantasy im Gegensatz zum realistischen Roman kann, ist, das Nichtmenschliche als Wesentliches miteinzuschließen.

Das ist möglicherweise ein weiterer Grund, warum Kritiker die Fantasy-Literatur diskreditieren. Die Fantasy ist in ihrer Grundlage nicht anthropozentrisch. Wir haben hier nicht das Sagen.

Die Idee des Fortschritts geht davon aus, dass sie für die Verbesserung des menschlichen Zustandes unerlässlich ist, aber es kann genau das Gegenteil sein. Die Auswirkungen einer solchen Philosophie ist eine narzisstische, materialistische und rücksichtslose Menschheit, die sich immer mehr von ihren natürlichen Wurzeln entfernt. Es ist kein Zufall, dass der “Realismus” während der industriellen Revolution die Rolle des primären literarischen Modus übernommen hat. Vielleicht sind wir zu geistlos geworden, um in kindlichen Märchen einen Sinn zu finden. Aber, während wir vor diesen kindlichen Themen von Hoffnung, Heldentum, Magie und Göttlichkeit davonlaufen, sind wir immer weniger geneigt, uns um irgendjemand oder irgendetwas anderes als uns selbst zu kümmern. Wir sind egoistisch geworden. Wir bauen uns auf, nur um andere niederzureißen; wir verschmutzen unsere Ozeane und zerstören unsere Wälder. Wir trennen uns von der Natur, mit der wir in Harmonie leben sollten. Vielleicht ist es also die Schuld der Gesellschaft, dass Kritiker den “Herrn der Ringe” und andere fantastische Literaturen meiden. Wir brauchen keine Magie, wir haben Wissenschaft. Wir sind unsere eigenen Helden, die für uns selbst da sind. Aber mit unserem industriellen Fortschrittswahn scheinen wir nichts zu erreichen: Wir leben in einer Welt der Gier, des Hasses und des ständigen Krieges. Möglicherweise ist das einer der Gründe, warum wir die Märchen und ihre Bedeutung aufgeben und völlig ignorieren. Das mag wie ein riesiger Sprung erscheinen, aber vielleicht können wir die Moral nur durch das Erzählen von Geschichten und aus der Magie der fantastischen Literatur lernen.

Samanta Schweblin: Sieben leere Häuser

Im Grunde ist die ganze phantastische Literatur geprägt von der kurzen Form. Hier sind die eigentlichen Meisterwerke zu finden. Viele Literaturkritiker weltweit sind davon überzeugt, dass Samanta Schweblin zu diesen Meistern gehört. Man hat die Autorin bereits in eine Reihe mit Borges und Cortázar gestellt, hat David Lynch bemüht und – fast schon konsequent – Kafka. Sicher, diese ganzen Aussagen werden vom Feuilleton getroffen und entsprechen selten der Realität (was jedem klar sein muss); man möchte den Verlagen in erster Linie Futter für ihren Umschlagtext liefern, aber auf ein paar dieser kanonischen Meister hat Schweblin als Einfluss selbst hingewiesen.

Meiner Ansicht nach wäre es dennoch besser gewesen, Schweblins eigenen Ton herauszustellen, ihre Eigenheit, ihr Können, tatsächlich ihre Meisterschaft. Ihren Charakteren passieren Dinge, gegen die sie nichts tun können. Sie verstehen nicht, was um sie herum vor sich geht oder wie sie aus dieser Situation herauskommen, in der sie sich befinden, denn es gelingt ihnen fast nie. Schweblin zeigt in der Tat einen gewissen Pessimismus auf, was unsere Fähigkeit betrifft, unser eigenes Leben zu kontrollieren. Vielleicht ist das gemeint. Das und die präzise und klare Struktur ihrer Texte, die völlig ohne Verzierungen daherkommen. Was Schweblin wirklich tut, ist, das Seltsame und Unheimliche an menschlichen Beziehungen herauszuarbeiten.

Ich denke, eine Geschichte beginnt immer mit etwas wirklich Ungewöhnlichem. Normalität ist eine große Lüge, eine der schmerzhaftesten Lügen, mit denen wir konfrontiert werden. Wir versuchen Tag für Tag, normal zu sein, aber Normalität ist eine Illusion. Es gibt eine Kluft zwischen zwei Menschen, aber niemanden, der diesen Raum einnimmt. Er ist leer. Wenn man eine Beziehung zu den Menschen um sich herum aufnimmt, dann entsteht diese Verbindung nicht aufgrund der guten Momente. Man baut diese Verbindung über Trauer und Vergebung auf, über die Akzeptanz, dass der andere wirklich anders ist als man selbst. Die Idee der Normalität trennt uns. (Schweblin im Pen Transmissions Magazine)

Sieben leere Häuser

In den Geschichten ihres dritten Buches gibt es hinter der angespannten und leicht melancholischen Atmosphäre, den Charakteren, die durch Räume wandern (in Vororten, Städten, Hintergärten von Häusern, Wohnungen, U-Bahnen, Krankenhäusern, Aufzügen), ein größeres Narrativ, das langsam konfiguriert, was einst als Kosmovision bezeichnet wurde und was wir heute etwas zurückhaltender als Ahnung oder Impuls identifizieren können: In Schweblins Geschichten kann alles passieren.

Samanta Schweblin hat eine klassische Vorstellung des Geschichtenerzählens. Sie hat in mehreren Interviews gesagt, dass sie bei ihrem Ausgangspunkt an Intensität oder gar Angst und Unerbittlichkeit denkt. Es gäbe eine Art Zaubertrick in der Gattung der Kurzgeschichte. Diese Vorstellung korrespondiert nicht nur mit den kanonischen Traditionen der Meister des phantastischen Genres, sondern auch mit der Theorie über die literarische Form, die Edgar Allan Poe mit seinem Urteil über den Effekt der Kurzgeschichte mit fast mathematischer Präzision aufgezeigt hat. Schweblin hat auf ihre Einflüsse hingewiesen: Franz Kafka, Ray Bradbury, Cortázar. Sie nimmt den narrativen Ton Kafkas, der mit völliger Natürlichkeit etwas erzählt, das schmutzig, schrecklich, oder einfach nur traurig sein mag; sie bewundert den unbändigen Optimismus Bradburys; und wie Cortázar betont sie die unaufhörliche Suche nach neuen Wegen des Erzählens.

Das krönende Beispiel für diese Einstellung zur Kurzgeschichte in dieser Sammlung ist “Ein Mann ohne Glück”. Die Erzählung wurde 2012 mit dem Juan-Rulfo-Preis ausgezeichnet und ist ein kristallklares Modell seiner Art. In ihr findet man Spannung und Geheimnis, spielerischen Geist und strukturelle Strenge, Wahrhaftigkeit, Seltsamkeit und ein vollendetes Ende, mit einem kleinen Mädchen, das ein Stück Papier schluckt, auf das ihr mysteriöser Begleiter seinen geheimen Namen geschrieben hat, den sie schweigend wiederholt, damit “sie ihn nie vergessen würde”.

In der Geschichte dieses kleinen Mädchens und eines Mannes, die sich zufällig in einem Wartezimmer eines Krankenhauses treffen, und er ihr am Ende ein neues Paar Unterhosen kauft, weil sie Geburtstag hat – und aus vielerlei anderen Gründen – steckt all das, was Schweblin als Schriftstellerin interessiert: Missverständnisse, unterschiedlich einsame Menschen, die sich in ihrer Entfremdung begegnen, Familiengeschichten und Hysterien, kleine Übertretungen, etwas exzentrische Charaktere, die Liebe zum Detail in Bezug auf die schwarzen Unterhosen, die sie stehlen. Die Geschichte ist in ihrer Zirkularität fast zu perfekt und wurde in die Originalfassung des Buches nicht aufgenommen, weil es keine Geschichte mit einem Haus ist. Allerdings wurde Schweblin gebeten, sie aufzunehmen, weil sie damit zwei Preise gewonnen hatte.

Die zweite Geschichte des Bandes, “Meine Eltern und meine Kinder” behandelt ein ziemlich merkwürdiges Ereignis. Erzähler und Protagonist ist hier Javier, der die Ereignisse so wiedergibt, als ob er sie selbst nicht ganz verstanden hätte. Diese Perspektive bringt die Dichotomie zwischen Kindern und Erwachsenen zur Geltung. Javiers Eltern, etwas senil, haben sich ausgezogen und springen wie spielerische Kinder nackt im Garten umher. Seine Ex-Frau Marga stellt ihm Charly, ihren neuen Freund, vor; die Spannung wächst. Und etwas passiert: Die Kinder verschwinden. Das Trio sucht nach Kindern und Großeltern. Marga verliert die Kontrolle und greift Javier an; Charly trennt sie voneinander, und wir Leser wissen, dass wir eigentlich vom Haupträtsel abgelenkt werden: Ist das ein Spiel oder ein schrecklicher Unfall? Die Polizei kommt und während sie mit dem Auto nach den vermissten Personen entlang der Straße suchen, entdeckt Javier die Wahrheit.  Auch die dritte Geschichte,”Es passiert immer wieder in diesem Haus”, ist von seltsamen Ritualen geprägt. Die Erzählerin spürt das Klopfen an der Tür wie Hammerschläge gegen ihren Kopf. Die Zutaten sind: das Paar nebenan, ein totes Kind, er traurig und resigniert, sie scheinbar gewalttätig wirft die Kleider ihres toten Sohnes immer wieder in den Garten der Erzählerin, die sich fragt, ob nun der Mann oder die Frau hinter dieser Tat steckt. Das andere Paar besteht aus der Erzählerin und ihrem Sohn, dem Vernünftigen, der sagt: “Die sind komplett durchgeknallt”, der damit droht, die Kleider zu verbrennen, wenn sie das nächste Mal in den Garten geworfen werden. In diesem Buch ist Gewalt immer als vager Schimmer präsent, eine Finte, die manchmal zu einer tieferen Verbindung führt.

In “Die Höhlenatmung” ist die Protagonistin wieder Teil eines älteren Paares. Hier finden wir alle Zutaten von Schweblins literarischem System: Geister (ein toter Junge, der der kranken Lola erscheint, ersetzt metaphorisch ihren eigenen Sohn, tot wie in “Es passiert immer wieder in diesem Haus”), Räume, die andere Dimensionen zu enthalten scheinen (das Haus nebenan, in das die ärmlichen neuen Nachbarn ziehen, Lolas Garten, in dem sich der Nachbarsjunge immer mit ihrem Mann traf, der Graben, in dem sie den toten Körper des Jungen finden), rätselhafte und bedeutsame Details (das Kakaopulver, das zur Besessenheit Lolas wird, ihre kontinuierliche Zusammenstellung von Kisten, Lolas Listen:  “Sich auf den Tod konzentrieren. Er ist tot. Die Frau von nebenan ist gefährlich. Wenn du dich nicht erinnerst, warte, warte ab”).

Wir sehen alles durch die Augen der alten Frau, die ihr Unwohlsein hinauszieht, damit sich ihr Mann schuldig fühlt, bis er vor ihr stirbt: “Er hatte sie mit dem Haus und den Kisten allein gelassen. Er war für immer gegangen, nach allem, was sie für ihn getan hatte.” Hier liegt das Herz der Geschichte, getragen von ihrer höhlenartigen Atmung.

Die Geschichten aus diesem und anderen Büchern Schweblins scheinen oft Alpträume im Text zu materialisieren, das ist auch der Fall in den abschließenden Geschichte “Weggehen”. Fast wie ein Kurzfilm erzählt, sehen wir in der ersten Einstellung ein Paar mit der weiblichen Erzählerin, die ihre Wohnung mit nassen Haaren und Pantoffeln verlässt. “Ich habe keine Schlüssel, sage ich zu mir, und ich bin mir nicht sicher, ob mich das beunruhigt. Ich bin nackt unter dem Bademantel.” Jeder, der in einem Mehrfamilienhaus wohnt, weiß, dass der Aufzug ein unvermeidlicher Treffpunkt ist. Die Frau trifft dort einen Mann, der ein Teil des Gebäudes zu sein scheint, jemanden, der dort etwas tut. Was folgt, ist eine Komplizenschaft, die durch den rätselhaften Satz des Mannes – “meine Frau wird mich umbringen” – und eine Reise im Auto in Buenos Aires auf der Calle Corrientes mit langsamer Geschwindigkeit gekennzeichnet ist. Wie in den Fällen von “Es geschieht immer wieder in diesem Haus” und “Ein Mann ohne Glück” wird die Verbindung zwischen zwei seltsamen, aber nicht voneinander entfremdeten Wesen in konspirativen Dialogen subtil umrissen, um sich dann aufzulösen. Es ist kein Zufall – nichts ist es jemals bei Schweblin -, dass der Mann behauptet, ein “Eskapist” in einer Geschichte zu sein, deren Protagonistin das Ziel, das sie selbst verfolgt, nicht erreicht.

Die erste Geschichte des Bandes, “Nichts von all dem” beginnt gleich bedeutungsvoll:

“Wir haben uns verfahren”, sagt meine Mutter.”

Dieser Verlust ist wörtlich und metaphorisch zu verstehen, denn die richtungslose Mutter gehört keinem Ort an und zieht deshalb ihre Tochter in die Invasion (das Leitmotiv des Bandes) fremder Räume hinein, zuerst im Auto, indem sie “einen doppelten Halbkreis aus Schlamm” zeichnet, und dann außerhalb davon zu Fuß in jene teuren Häuser eindringt, die nicht wie ihre sind, die von Bäumen umgeben sind, die weißen Marmor und luxuriöse Räume haben.

Wie in “Die Höhlenatmung” ist der Unterschied in der sozialen Schicht spürbar: “Wo bekommt man all diese Dinge her? . . Es macht mich so traurig, dass ich sterben möchte.”

Aber in diesem Fall ist der Kontrast mit dem Humor der Verwechslung und des Absurden überzogen, gekrönt durch das Bild der Mutter, die mit dem Gesicht nach unten auf dem Teppich des fremden Hauptschlafzimmers liegt. Die Tochter-Erzählerin, ihre verärgerte Komplizin, tritt an die Stelle des verantwortlichen und vernünftigen Erwachsenen: “Was zum Teufel machen wir in den Häusern anderer Leute?” fragt sie, und dann ein wenig später, “Was zum Teufel hast du in diesen Häusern verloren?” Das Ende erinnert in seiner Konfrontation an das von “Die Höhlenatmung”, aber was in Erinnerung bleibt, ist das Bild der Mutter, die die Zuckerdose, die sie gestohlen hat, im Garten ihres eigenen Hauses begräbt.

“Vierzig Quadratzentimeter” wiederum inszeniert ein komplexes Schema von kleinen Geschichten, die sich kaum miteinander verbinden: die Geschichte der Schwiegermutter der Protagonistin, Marianos Frau, und den Verkauf ihres Eherings; die Geschichte der Abreise nach Spanien und der Rückkehr der Jüngsten nach Buenos Aires, die Geschichte der Beziehung zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter, die Geschichte der Begegnung mit dem mysteriösen Bettler in der U-Bahnstation und die Geschichte der Aspirinpackung. Die Geschichte ist eine Reise und ein Abenteuer von jemandem, der, wie alle Charaktere des Buches, verloren ist und sich an etwas klammert: in diesem Fall, wie Lola, an einer Reihe von Kisten, die eine bereits veraltete Identität enthalten. Die Offenbarung kommt nicht durch die Anekdote, sondern durch Nachdenken: Die Schwiegermutter erklärt, dass sie, nachdem sie ihren Ring verkauft hat, an einer Bushaltestelle auf einer Bank saß und nichts tat. Sie verstand, dass sie auf vierzig Quadratzentimetern saß “und dass das der einzige Raum war, den ihr Körper auf dieser Welt einnahm”. Und so kann die Protagonistin auf der Karte, die sie dem Bettler zeigt, ihre eigene Adresse nicht finden.

Auf den ersten Blick sind die Häuser dieses Buches nicht leer. Vielmehr sind sie voller Objekte. Die Leere von “Sieben leere Häuser” ist eine andere: Das langsam und unvermeidlich zusammenbrechende Haus ist die innere Wohnstätte. Es ist die Welt der Erwachsenen, die uns konditioniert und antreibt, und angesichts dieser Welt leisten wir eine Art Widerstand, um nicht in resignierte Häuslichkeit zu fallen. Zwar ist das Samanta Schweblins am wenigsten phantastisches Buch, aber wir müssen Wege finden, um aus den einfachen und platten Kategorien zu entkommen. Anders können wir ihr Werk nicht beschreiben. Wichtiger ist es, von einer eigenen Syntax zu sprechen, die von der Wirkung des Exils und vielleicht einem gewissen Wunder vor der Existenz besessen ist.

Robin Hobb: Die Tochter des Drachen (Penhaligon)

Die große Robin Hobb ist zurück, und damit ein Garant nicht nur für durchschnittliche Fantasy, wie sie gegenwärtig den Markt überflutet, sondern für die Spitze des Genres, wo vielleicht nur eine Handvoll Autoren überhaupt zu finden sind. Als “Fool’s Assassin” 2014 im Original erschien, war gleich klar, dass dies wahrscheinlich die beste Veröffentlichung des Jahres werden würde. Bis es auch zu uns herüberschwappte, dauerte es zwar ganze fünf Jahre, aber Penhaligon hat dadurch den Vorteil, auch die gesamte neue Trilogie um einen der beliebtesten Charaktere der ganzen Fantasy in einem Atemzug vorzulegen, was in diesem Jahr mit Band 1: “Die Tochter des Drachen”, Band 2: “Die Tochter des Propheten” und Band 3:  “Die Tochter des Wolfs” dann auch geschehen ist. Über die merkwürdige Übersetzung der Titel kann man sich wie immer genauso lange streiten wie über das stereotype und lustlose Cover, nach dem Motto: One Fits All. Hast du ein Cover, reicht das für 1000 Bücher. Damit ist Penhaligon allerdings nicht allein. Keiner scheint mehr eine müde Mark in sein Artwork zu stecken. Wozu auch? Die Leser scheint es ohnehin nicht zu interessieren. Trotzdem muss ich eine Lanze für den Verlag brechen, denn Penhaligon hat es geschafft, alle drei Trilogien zeitnah zugänglich zu machen, und zeigt damit nicht nur eine herausragende Veröffentlichungspolitik, sondern auch, dass eben nicht nur eine Flut zweitklassiger Fantasy den deutschen Sprachraum dominiert.

Einst rettete Fitz Chivalric Weitseher seinen König und befreite den Kronprinzen. Bereits auf vielerlei Arten beschützte er das Reich. Er bewahrte sogar einen Drachen vor dem Tod. Für viele ist er ein großer Held! Doch ausgerechnet seine Tochter Biene hat Angst vor ihm. Sie scheint zu spüren, dass er ein Mörder ist. Erst ein schrecklicher Schicksalsschlag führt die beiden näher zusammen. Fitz will Biene um jeden Preis vor den Intrigen des königlichen Hofs von Bocksburg und den damit verbundenen Opfern und Gefahren beschützen. Um das zu erreichen, muss er sie verlassen. Dabei erkennt er viel zu spät, dass nicht er selbst, sondern seine Tochter das Ziel einer geheimnisvollen Gruppe von Verschwörern ist. — Klappentext.

Hobb wird oft an die Seite von George R.R. Martin gestellt, und das nicht ohne Grund. Wie Martin hat sie – begonnen bei der legendären ersten “Weitseher-Trilogie” eine Welt mit einer reichhaltigen Geschichte aufgebaut und greift ebenfalls auf eine leichte, aber umso erschreckendere Form von Magie zurück. Aber wo Martins “Lied von Eis und Feuer” eine groß angelegte Erzählung mit vielen Charakteren ist, bevorzugt Hobb Intimität und lässt uns schon Mal ein ganzes Buch mit nur ein oder zwei Stimmen im Kopf verbringen. Fitz hadert oft mit seinem Platz in der Welt, die wenig Sinn für Bastarde, aber ein großes Bedürfnis nach Helden hat. Es braucht einen geschickten Autor, um sicherzustellen, dass die unterschiedlichsten Parteien, die täglichen Aufgaben und das Gerede über entfernte Politik nicht langweilig werden, aber Hobb schafft es, ihre Welt farbenfroh und einladend zu gestalten, auch wenn der Schatten zukünftiger Tragödien über allem schwebt. So wie Bocksburg als bedeutendes Anwesen in der Weitseher-Trilogie diente, so ist auch das Herrenhaus Weidenhag eine wichtige Station, die mit ihren eigenen Geheimnissen angereichert ist – ein überraschend passendes Zuhause für einen ehemaligen Assassinen. Denn selbst in Weidenhag kann Fitz dem Mann, der er einmal war, nicht entkommen. Und wenn die Außenwelt in seinen sicheren Hafen eindringt, muss sich Fitz wieder einmal entscheiden, wer er sein will und wo seine Loyalität liegt. Das erweist sich als etwas schwierig bei den anstehenden Veränderungen seiner Familie.

Hobb ist eine unglaublich versierte Schriftstellerin, die sich intensiv mit dem Innenleben ihrer Figuren beschäftigt. Sie kann den Leser über den Tod eines Charakters weinen lassen, aber sie kann ihn auch über ein Gespräch zwischen einem Mann und einer Frau seufzen lassen, die endlich zueinander gefunden haben, ohne die Elemente des Kitsches bemühen zu müssen. Ihre Figuren sind lebendig und man möchte seine Lesezeit gerne mit ihnen verbringen, auch wenn gleich gesagt werden muss, dass Hobb nicht zu jenen Schriftstellern gehört, die ein oberflächliches Actionfeuerwerk abbrennen. Sie nimmt sich die Zeit, die notwendig ist, um das vorzubereiten, was sich ganz sicher im Verlauf der Trilogie zu einem richtigen Abenteuer entwickeln wird. Trotz des schleppenden Beginns sorgt Hobbs unnachahmlicher Stil dafür, dass auch jene dabei bleiben können sollten, die mit ihrer Aufmerksamkeitsspanne ein Problem haben. Aber ohne Frage ist das vorliegende Buch eher ein pastorales Familiendrama und ich halte es für notwendig, die beiden vorangehenden Trilogien gelesen zu haben, die eine andere Konzeption besitzen. Hobb hat hier aber nicht nur ein sich langsam entwickeltes Buch geschrieben, sondern auch einen Perspektivwechsel vorgenommen, der dem ganzen Weitseher-Zyklus eine zusätzliche Note verleiht. Zwar kehrt der Leser auch hier in Fitzens Kopf zurück und kann dadurch wie gewohnt zuverlässig (oder wenn man will unzuverlässig) die Handlung seiner Umgebung interpretieren. Wir sind in jeden seiner Gedanken eingeweiht, einschließlich der Tagebucheinträge, die er über längst vergangene Tage schreibt. Das ist eine einfache, aber sehr effektive Möglichkeit, den Leser daran zu erinnern, was vorher passiert ist. Doch Fitz wird diesmal durch eine zweite Perspektive unterstützt, die ebenfalls in der ersten Person geschrieben ist und ohne Abgrenzung vorwärts und rückwärts springt. So herausfordernd das sein mag, wird dadurch das schleppende Tempo der Geschichte zu einem interessanten Lesevergnügen. Man könnte auch sagen: Diese Passagen sind ein Jugendroman innerhalb eines Erwachsenenromans, denn sie werden von Biene vorgetragen und erinnern natürlich an formelhaftes Erzählen. Die Balance zwischen Biene und Fitz ist hervorragend. Bestimmte Ereignisse werden kontrastierend dargestellt, und so machen die jeweiligen Erzähler Aussagen über den anderen, die außerhalb der Realität dieser Figuren liegen. Auf diese Weise ergeht es Biene nicht anders wie Fitz. Auch sie kämpft darum, sich ihrer Umgebung anzupassen. Und wie Fitz ist sie oft nicht in der Lage, die Absicht derer um sie herum zu entschlüsseln und das Schlimmste anzunehmen, nicht einmal in ihrer eigenen Familie. Sie wird oft missverstanden, dabei ist sie weitaus fähiger, als irgendjemand der Erwachsenen das erwartet.

Hobbs alternative Sichtweise mag hier unter einigen kleinen Fehlern leiden, aber wenn man das Gesamtkonstrukt betrachtet, erhält der Leser dadurch einen viel umfassenderen Einblick in das vorgelegte Thema. Obwohl “Die Tochter des Drachen” keine Tour de Force ist, gelingt es Hobb in großem Stil, ihre Figuren funkeln zu lassen, weil selbst dieses ruhige Milieu perfekt strukturiert ist. Es gibt wenige Autoren auf dieser Welt, die solch eine Meisterschaft besitzen.

Mit Dank an das Rezensionsexemplar von Penhaligon.

H.P. Lovecrafts Schriften des Grauens: Xulhu (Blitz)

Wenn man sich etwas im Netz umsieht, dann gibt es eine unüberbrückbare Kluft zwischen den Anhängern von Festas “Lovecrafts Bibliothek des Schreckens” und “H.P. Lovecrafts Schriften des Grauens” aus dem Blitz-Verlag, obwohl beide Titelreihen eigentlich bei Blitz entstanden sind. über diese Querelen möchte ich mich an dieser Stelle nicht auslassen, aber während Festa mit seiner Reihe einen Schlussstrich gezogen hat, konnte Blitz keinen Geringeren als Jörg Kleudgen für die Redaktion gewinnen.

Die Anthologie “Xulhu” ist eine der neueren Veröffentlichungen dieser Reihe, allesamt schön aufgemachte Taschenbücher. In vorliegendem Fall wurde das Cover von Ernst Wurdack gezeichnet, und ich gehe wirklich selten auf Cover ein, aber wenn man sich die meisten Cover heutzutage anschaut – vor allem bei den Publikumsverlagen – wird einem schlecht. Da ragt der Blitz-Verlag wie ein gewaltiges Felsmassiv hervor.

Sechs Geschichten erwarten uns nach einem kryptischen Vorwort von Jörg Kleudgen, in dem er erklärt, dass er in sen 70er jahren in einem Reiseführer auf eine merkwürdige Karte stieß, die terra cthulhiana, die uns auf den ersten Seiten auch gezeigt wird. Es handelt sich dabei um eine Weltkarte, auf der sechs Icons zu sehen sind, von Venedig bis zur Südsee. Es versteht sich von selbst, dass es sich hier um Schauplätze der folgenden Geschichten handelt.

Tobias Reckermann: Xulhu

Den Auftakt macht eine sehr gelungene Reise nach Afrika. Reckermann macht gleich von Anfang an klar, dass man sich an Lovecraft annähern kann, ohne irgendetwas von ihm selbst übernehmen zu müssen. wer den Autor kennt, der weiß, dass er mit einer dichten Sprache an dem zu kratzen versteht, was wir als gegeben oder gesichert annehmen wollen. Reckermann ist kompromisslos in seiner Ausführung und sicher einer der besten Autoren dunkler Phantastik, die es in unseren Breitengraden zu lesen gibt. Der Erzähler, ein studierter Archäologe und Ethnologe begibt sich nach Zentralafrika, um ein rätselhaftes und erstaunliches Volk aufzusuchen: die Aneoi. Bereits der Beiname “Muette” weist auf die Besonderheit dieses Volksstammes hin: Weder sprechen sie, noch kommunizieren sie auf irgendeine uns bekannte Weise. Und doch funktioniert ihr soziales Gefüge perfekt. Der Erzähler betreibt also dort seine Feldforschung und lässt sich derart auf den Stamme in, dass sich sein Bewusstsein verändert. Die Kluft zwischen der uns bekannten Kommunikation, die in ihrer Hauptsache auf Sprache fußt – und einem Urgrund, der im Wachzustand unmöglich mehr wahrgenommen werden kann, ist schließlich das Dilemma des Erzählers, dem es gelingt, einer der Aneoi zu werden. Was das bedeutet und was der Preis dafür ist, das erfährt der Leser in dieser äußerst klugen, äußerst dichten und raffinierten Geschichte.

Ian Delacroix: Lasst die Puppen zu mir kommen!

Eine Geschichte, die zumindest in einer Art Venedig (oder Traumvenedig) spielt. Weniger aber eine Erzählung als eine Phantasmagorie, die mit traumartigen Fantasy-Versatzstücken arbeitet. Der Autor möge mir verzeihen, aber ich fand sie in ihrer Komposition ziemlich wirr. Man kann jetzt natürlich behaupten, so sei das nun mal in Träumen, aber das stimmt nicht. Man kann auch in einer Phantasmagorie klare Bilder schaffen. Der Herr stammt aus Italien und kann sicher das karnevaleske Flair der Venezianer gut einfangen, und die Puppenthematik, die hier auf eine groteske Weise dargestellt wird, hat zugegeben ihren Reiz, aber tatsächlich kam ich – und das mag etwas rein persönliches sein – mit diesem chaotischen Stil nicht zurecht.

René Feldvoß: Früchte der Südsee

Anfänglich eine Abenteuergeschichte, wie sie in den Gründerjahren der Weird Fiction stilprägend geworden ist. Klassisch ist hier auch die Geschichte in einer Geschichte. Man kennt das: ein Bericht oder eine Aufzeichnung wird vom Erzähler gefunden (hier eben die Notizen über anfängliches Abenteuer in der Südsee) und dann weiterverfolgt, wobei alles in einer Katastrophe endet oder zumindest anderweitig lebensentscheidend wirkt. Tatsächlich trägt Feldvoß diese Geschichte solide und unaufgeregt vor, in der es um seltsame Beeren geht, die von einer Insel nach Amerika gelangen. Das Thema hat mich tatsächlich interessiert, das Ende aber war dann aber doch etwas plump und stereotyp.

Serhiy Krykun: Der Meeresteufel

Ein Kapitän und ein Leuchtturmwärter. Besser gesagt: ein wahnsinniger Kapitän und ein wahnsinniger Leuchtturmwärter, beide irgendwo in der Nähe des amerikanischen Kontinents, ohne voneinander zu wissen. Die Geschichte ist recht kurz und springt vom Schiff, das auf den Leuchtturm zusteuert, und dem Leuchtturm in kurzen Kapiteln hin und her. Außer dem offensichtlichen Wahnsinn der beiden Protagonisten, teilen sie ihren unausweichlichen Untergang und eine Art Höllensuppe, die sie umgibt. Man könnte ihr Schicksal durchaus als ausgleichende Gerechtigkeit bezeichnen, aber auch als eine Art Höllenfahrt. Krykhun lässt genug Raum für Interpretation, indem er gerade so viel Information frei gibt, dass man den letzten halluzinatorischen Momenten der beiden Figuren genüsslich beiwohnen kann, dabei aber nichts entlarvt wird. Krykhun stammt aus der Ukraine und bezeichnet sich selbst als “Nightmare Illustrator”. Als solches hat er Bücher für Clive Barker, Thomas Ligotti oder William Gibson, Richard Laymon usw. mit Zeichnungen versehen. Aber er übersetzt auch und schreibt SciFi- und Horrorstories, die selbst in Amerika abgedruckt wurden. Natürlich ist diese Geschichte hier zu kurz, um sich eine umfassende Meinung zu bilden, aber sie ist stimmungsvoll in Szene gesetzt.

Rainer Zuch:  Das Gasthaus der Götter

Vielleicht handelt es sich bei diesem Gasthaus der Götter um eine Speisekammer, obwohl dort nur getrunken wird. Aber ‘Trinkhalle’ wäre nicht der richtige Begriff. Der Erzähler, der am Ende mit dem Leben davon kommen wird, um uns von seinen Erlebnissen in einem sehr alten Viertel einer alten Stadt zu berichten, greift dabei auf einige Lovecraft-Tropen – verwinkelte und enge Gassen zum Beispiel, die auf keiner Karte verzeichnet sind – zurück Die Stadt ist nicht näher bezeichnet, aber die Atmosphäre (und Jörg Kleudgens Vorwort) lassen vermuten, dass es sich um Prag handeln könnte. Dort führt ihn sein Studienkollege Viëtor hin, ebenfalls eine fast typische Figur aus dem Mythos, interessiert an Philosophie und obskuren Büchern; und sie trinken dort regelmäßig ein merkwürdiges Bier aus Krügen. Zunehmend verändert sich dadurch die Wahrnehmung unseres Erzählers, und an einer Stelle wird der Kern der Sache deutlich: “Wir trinken von ihnen und sie werden von uns trinken,” sagt Viëtor an einer Stelle. Das permanente halluzinatorische traumdunkle Wetter ist in der Erzählung fast schon zu stark angelegt, verbreitet aber die richtige Stimmung. Dr. Rainer Zuch dürfte sich mit Atmosphäre und alten Bauwerken auch gut auskennen, schließlich ist der Herr Kunsthistoriker. In der Goblin Press liegt außerdem sein Thronos vor, den ich mir demnächst etwas genauer anschauen werde. Jörg Kleudgen schrieb mir per Mail, dass dieser permanent ausverkauft zu sein scheint und er mit dem Nachdruck kaum hinterher kommt.

Jörg Kleudgen: Folge mir ins Dunkel!

Mit einer kleine bösen Story beschließt Jörg Kleudgen dieses Büchlein von 168 Seiten. Ein alternder Mann gelangt zufällig über eine Randnotiz in einem antiquierten Reisejournal an die Nachricht, dass in einem Schloss in Eisenberg Ewiges Leben auf ihn wartet. Er macht sich auf nach Stolzenstein zu diesem verlassenen und recht verwitterten Gebäude und findet das Buch, das ihm das begehrte Geheimnis offenbart, aber kaum so, wie er sich das vorgestellt haben dürfte. Es gibt hier ein doppeltes oder gesteigertes Ende, das dadurch noch eine Pointe verpasst bekommt.

Die Sammlung ist in sich schlüssig, was die teilnehmenden Autoren betrifft, auch wenn mir nicht alle Geschichten gleichermaßen gefallen ab. Herausragend ist Tobias Reckermanns Beitrag zu Beginn und Jörg Kleudgens Abschluss, auch wenn Letzteres eher ein kleines Gimmick ist. Der Rest bewegt sich in einem durchaus lesbaren Mittelmaß – was die Geschichten betrifft – aber im oberen Segment, was Stil und schriftstellerisches Können angeht. Insgesamt kann man die Sammlung also doch als gelungen bezeichnen.

Jazzuela

Liegt zwar auf meinem Plattenspieler, ist aber eine hübsch aufgemachte CD.

“Jazzuela ist meine bescheidene Hommage an Julio Cortázar”, schreibt Pilar Peyrats 2001 im Epilog seines Booklets zur CD, das eine echte Perle ist, weil sie durch die Arbeit von Julio Cortázar im Allgemeinen und detailliert durch die Kapitel von Rayuela führt – allerdings leider nur auf Spanisch und Französisch (Deutsch ist als Kultursprache ohnehin fast nirgendwo mehr anzutreffen – natürlich zurecht). Peyrat extrahiert hier Gespräche, Erklärungen, Kommentare und Apostillen rund um die Musik, die von den Protagonisten gehört wird. Die CD selbst enthält 21 Tracks (19, die in Rayuela vorkommen, und 2, die aus anderen Arbeiten Cortázars stammen). Rayuela (das in Frankreich “Marelle” genannt wird, zu lesen und Jazzuela zu hören, bedeutet, in eine Welt erstaunlicher Orte und magischer Klänge einzutauchen, die von Orchestern und Interpreten wie Duke Ellington, Louis Armstrong, Frank Trumbauer, Kansas City Six oder The Chocolate Dandies, der Stimme von Bessie Smith, Bill Big Bronzys Gitarre, Gillespies Trompete, Coleman Hawkins’ Saxophon und Eral Hines’ magischem Klavier aufsteigen.

Als Julio Cortázar 1951 beschließt, nach Paris zu reisen, um dort zu bleiben, beherrscht die Jazzmusik die kleinen Clubs, die eher als Höhlen am linken Seineufer zu bezeichnen sind. Die großen amerikanischen Persönlichkeiten des Genres spielen hier ihre besten Improvisationen für eine kleine Gruppe bedingungsloser Liebhaber und wohnen in kleinen Hotels in der Nachbarschaft, darunter das legendäre La Louisiane, in dessen Zimmern sie tagsüber schlafen, Abenteuer mit Pariser Intellektuellen und der Bourgeoisie erleben (noch heute bietet La Louisiane in der Rue de Seine den Touristen, meist Amerikaner, die die Geschichte des Hotels und des Jazz kennen, sehr günstige Zimmer mit minimalem Komfort – sie haben nicht einmal einen Fernseher – sind aber sehr gemütlich).

Ich war jetzt schon seit über zehn Jahren nicht mehr da, was vor allem daran liegt, daß ich nicht mehr reise, Jazzuela aber, da sich nun endlich auch in meiner Sammlung habe, gemahnt mich, diese Praxis noch einmal zu überdenken.

Julio Cortázar

“Was nützt ein Schriftsteller, wenn er die Literatur nicht zerstören kann?”

Die Frage stammt aus Julio Cortázars Roman Rayuela aus dem Jahr 1963, dem dichten, schwer faßbaren und raffinierten Meisterwerk, das gleichzeitig ein hochmodernes Spiel  um das eigene Abenteuer ist. Es enthält eine einführende Anweisungstabelle: “Dieses Buch besteht aus vielen Büchern”, schreibt Cortázar, “aber vor allem aus zwei Büchern.” Die erste Version wird traditionell von Kapitel eins an durchgelesen, die zweite Version beginnt bei Kapitel dreiundsiebzig und schlängelt sich durch eine nichtlineare Sequenz. Beide Lesemodi folgen dem weltmüden Antihelden Horacio Oliveira, Cortázars Protagonist, der von den lauen Gewissheiten des bürgerlichen Lebens enttäuscht ist und dessen metaphysische Erkundungen das Gerüst einer wogenden, höchst komischen Existenzkapriole bilden. Cortázar sagte lakonisch: “Ich bin auf der Seite der Fragen geblieben.” Aber es war der formale Wagemut des Romans – seine verzweigten Wege -, der auf die hartnäckigste und persönlichste Anfrage des argentinischen Autors hinwies: Warum sollte es nur eine Realität geben?

Die verbindende Durchgangslinie im Werk Cortázars ist das Beharren  auf der Elastizität der literarischen Kunst, um damit das einzufangen, was er als flüchtige, umstrittene und immer fließende Realität sah. Irgendwann sagte Cortázar:

Ich hatte ein Gefühl der Vertrautheit gegenüber dem Phantastischen, weil es mir so akzeptabel und echt erschien, wie die Tatsache, um acht Uhr abends Suppe zu essen”.

Das Phantastische ist also ein Mittel, um die Flachheit des weithin Akzeptierten oder nur Prosaischen zu verlassen. Das Gefühl wird so zu einem Refrain. Für Cortázar, wie für seine Schöpfung Horacio, war die freudlose Verengung der gelebten Möglichkeit eine Verschwörung der großeren Falschheit, die er “die vorgefertigte, vorfabrizierte Welt” nannte.

Während Cortázar nicht explizit erklärte, was er damit meinte, suggeriert seine Arbeit ein tiefes Mißtrauen gegenüber der Alltäglichkeit des Lebens, einen Verdacht, daß es sich um eine Lähmung handelt, die sich als beruhigende Routine ausgibt. “Es kam mir vor wie eine Art mentaler Rülpser”, sagt Horacio in einem der langen inneren Monologe von Rayuela, “dass dieses ganze A B C meines Lebens ein schmerzhaftes Stück Dummheit war, weil es allein auf der Wahl dessen basierte, was man Nicht-Verhalten nennen könnte, anstatt Verhalten”. Anderswo schreibt Cortázar mit ähnlichen Bedenken: “Wie es weh tut, einen Löffel abzulehnen, nein zu einer Tür zu sagen, alles zu leugnen, was die Gewohnheit zu einer angemessenen Geschmeidigkeit geschleckt hat”.

Für den Ableger der literarischen Moderne, den so genannten lateinamerikanischen Boom, in dem Cortázar in seiner Blütezeit der 1960er Jahre eine entscheidende Rolle spielte, kam eine radikale Neubewertung der Wirklichkeit auf. Der Boom, der unter anderem die überragenden Werke von Gabriel García Márquez, Carlos Fuentes und José Lezama Lima umfaßte, half, die Grenzen zwischen dem Alltäglichen und dem Phantastischen zu durchbrechen. Cortázar selbst brachte eine Art kosmopolitischen Kubismus in den Roman, in dem Zeit, Ort, Sprache, ja sogar der wörtliche Text selbst zu Orten der Auseinandersetzung, Teilnahme und des Spiels wurden. Die Read-as-you-like-Anweisungen von Rayuela (“Der Leser darf das, was folgt, mit reinem Gewissen ignorieren”) sollten nicht als bloße Spielkunst oder avantgardistische Haltung verstanden werden, sondern sie stellten sich aktiv gegen einen literarischen Realismus, der nicht mehr den fragmentierten Texturen des modernen Lebens entsprach.

“Wenn man an die Grenzen des Ausdrucks stößt”, sagt er in einem Vortrag, “beginnt ein Gebiet, in dem alles möglich und alles ungewiss ist.” In Cortázars Worten haben wir dann Eden erreicht: den ultimativen Zustand der Gnade.

Julio Cortázar (1914—1984) war einer der Begründer dessen, was als Lateinamerikanischer Boom bekannt wurde. Ein Romanschriftsteller, Dichter, Dramatiker und Essayist war er, aber – und das ist das Wesentliche seiner Arbeit – vor allem ein fleißiger Erzähler von Kurzgeschichten. Er begann seine Arbeit unter dem Einfluss des Surrealismus. Seine phantastischen Erzählungen beginnen meistens mit einem gewöhnlichen Setting, in das unerwartet das Fremde, Seltsame einbricht. Seine Tätigkeit als Übersetzer, inklusive der Erzählungen Poes, beeinflussten sein Schaffen ebenfalls.

Viele phantastische Geschichten kommen um eine thematische Ähnlichkeit nicht herum. Es scheint oft so, als stünden sie in Beziehung zueinander, wären verbrüdert und verbunden durch eine Röhre. Viele solcher Geschichten haben gemeinsame Einflüsse wie Arthur Machen oder H. P. Lovecraft, während andere die unheimliche Elemente benutzen, um zeitgenössische Stimmungen einzufangen. Manchmal sind diese Verbindungen offenkundig, in anderen Fällen braucht es mehrmaliges Lesen, bevor sie verstanden werden. Das ist bei Julio Cortázar stets der Fall.

Nehmen wir das Beispiel ‘Axolotl’ und daraus den ersten Absatz, der die Transformation vorwegnimmt:

“Es gab eine Zeit, in der ich viel an die Axolotl dachte. Ich besuchte sie im Aquarium des Jardin des Plants und brachte Stunden in ihrer Betrachtung, der Betrachtung ihrer Unbeweglichkeit, ihrer dunklen Bewegung zu. Jetzt bin ich ein Axolotl.”

Der Schlüssel an dieser Stelle ist nicht die ausgesprochene Transformation, sondern die Beobachtung und das andächtige  Schauen. Man kann die Geschichte als eine Absonderung und einen symbolischen Abstieg in einen schizophrenen Zustand lesen, vor allem durch die Schlusssätze, in denen Cortàzar das erzählerische “uns” (Axolotl) mit dem menschlichen “ihn” (der Mensch) vertauscht.

Am Anfang der Geschichte geht der Erzähler angefangen von der Faszination dieser Amphibien im Larvenstadium dazu über, mehr und mehr Informationen über sie zu sammeln. Tag für Tag besucht er sie im Jardin des Plantes.

“Ich stützte mich auf die eiserne Stange, die die Aquarien einfasst, und widmete mich ihrer Betrachtung. Daran ist nichts Besonderes, denn ich hatte vom ersten Augenblick an begriffen, dass wir miteinander in Verbindung standen, dass etwas wenn auch grenzenlos Verlorenes und Fernes uns offenbar vereinte.”

Hinter dem Gefühl der Obsession lauert etwas anderes. Es ist die Schärfe der Selbstidentifikation mit etwas Fremden. Im Laufe der Geschichte beginnt sie mit wiederholten Verweisen auf ihr Ursprungsland Mexiko, zurück zu den Azteken, die über das Land herrschten, bevor die Spanier kamen, Formen anzunehmen. Der Erzähler scheint verrückt zu sein, zumindest könnte man die Erzählung so deuten. Und doch könnte das alles auch eine Metapher sein für die Faszination für eine fremde Kultur, die soweit geht, komplett in sie eintauchen zu wollen, und zwar soweit, dass sie mit der ursprünglich eigenen Kultur getauscht wird. Dieses Gefühl fremder Akkulturation taucht in vielen Geschichten und Romanen Cortázars auf. Emigranten in surrealistsichen Geschichten, wie in seinem brillanten und epochemachenden Roman “Rayuela“.

In seinen Geschichten verwendet Cortázar das Unerklärliche, um die Wirren des Lebens zu erforschen. In “Das besetzte Haus” die alternden Geschwister, die in Abgeschiedenheit im Haus ihrer Großeltern leben, spüren, dass etwas in ihren abgeschlossenen Lebensraum eindringt und sie dazu zwingt, das Haus zu verlassen. Es ist ein langsames, schleichendes Grauen, das durch die Erzählung sickert.

“Südliche Autobahn” ist weniger eindeutig. Die Erzählung beginnt mit einem endlosen Stau im kafkaesken Stil. Die im Stau steckenden versuchen, sich irgendwie zu beschäftigen. Einige schlafen miteinander, andere versuchen, sich soweit wie möglich von allem und jedem zu entfernen. Beide Erzählungen ähneln “Axolotl”, indem sie von eindeutiger Realität in seltsame, surreale Landschaften hineinrutschen. Was real ist und was Ausgeburt der Phantasie, verschmilzt unentwirrbar miteinander, wird zu einer halluzinatorischen Einheit.

In den “Hüpf- und Sprungszenen” seines grandiosen Anti-Romans “Rayuela” zeichnet Cortázar das Leben eines argentinischen Emigranten in Paris und seine Suche nach seiner einstigen Geliebten Maga. Auch hier kommt es zum Zusammenprall der Kulturen, zu einer verschwommenen Linie zwischen Halluzination und Realität. In Horacio Oliveira erkennen wir den fast wahnsinnigen Erzähler aus “Axolotl”. Sein Taumel durch Paris und Buenos Aires, auf der Suche nach Maga, kann ebenso für die Suche nach einer schwer fassbaren Realität stehen. Die Anti-Struktur des Romans dient dazu, das Gefühl des Halluzinatorischen der Suche zu verstärken. Da gibt es Momente der stillen Bedrohung, ähnlich der des “besetzten Hauses”; und dann sind da die Momente, in denen Oliveiras Suche Quixotische Züge annimmt.

Im Laufe seiner 35 Jahre währenden Karriere als Schriftsteller hinterließ Cortázar eines der mächtigsten und unvergesslichsten Werke der Literatur des 20. Jahrhunderts unter Verwendung des Surrealismus, des Kulturkrachs, Selbstidentität und der Frage, wo Realität endet und Halluzination beginnt. Seine instabilen, aber schmerzhaft aufmerksamen Erzählerfiguren erlaubten ihm, durch das Unerklärliche Aussagen über das heutige Leben zu machen, wie es ein ‘Realismus’ niemals zu Wege bringen kann. Cortázar taucht tief in die Psyche seiner Protagonisten und offenbart dadurch beunruhigende Wahrheiten darüber, wie wir die verrückte Welt um uns herum wahrnehmen. Manchmal wird das durch den Verlust der Identität und der Trennung von unserer Vergangenheit ausgedrückt wie in “Axolotl” oder “Das besetzte Haus”.

Das Unheimliche dient Cortázar als Kanal und seine Geschichten funktionieren auf mehreren Ebenen. Es ist beinahe unmöglich, diese unglaubliche Nuanciertheit bei einem ersten Lesedurchgang zu erfassen und er ist einer jener wenigen Autoren, die man wieder und wieder mit Genuss lesen wird.

Der Geburtstag der Friederike 1

Elisabeth Friederike Sophie von Brandenburg-Bayreuth geistert in den frühen Morgenstunden ihres 25. Geburtstages in der Waldmulde an den Ufern der Eger herum wie ein Firmamentgespenst auf Erden, tastet verschlafen den noch gar nicht fertigen, kühlen Triumphbogen, den man ihr zu Ehren hastig vor das Schloss gezimmert hat. Ein finsterer Schatten flaniert über die Weiden, hat sich in den zahlreichen Zimmern verschanzt und kriecht über die Uferwände des Flusses. Immer wieder schallte ein körperloses Rufen aus den offenstehenden Türen, versteckte sich unter Flechtenmänteln.

Sie befindet sich nun seit einem Jahr im Walditalien des Bayreuther Kreises. Vergessen ist, dass sie je nach Wirtenberg zurückkehren soll, wo sie ihr einziges Kind verloren, ein Totenhemdchen nach dem anderen genäht, die Segel in den Tod gestellt hat, den schwarzen, heimlichen Wind.

Der Stuck, der kühl unter ihrer Berührung keine Anstalten macht, ihr Trost zu spenden, ihre entweichende Klarheit aufzuhalten, verlottert bereits unter ihren Augen. Stummer Zeuge Mörtelkranz. Nur ein temporäres Sandsteinhäufchen, in Model gebracht.

Dass sie bereits so früh in der stillen Kühle, dem Niemandsland des Tages, herumstromerte, hatte mit den rappelnden Geräuschen in den Wänden ihrer Kobe zu tun. Schlaflosigkeit verstärkt, wie ein Brennglas jeden Luftzug, der ohne eine Öffnung keine Stimme hätte. Vom Schlüsselloch kommen kaum Weisheiten gesagt, wie denn in einen seligen Schlaf zu finden ist, also vermischen sich die Gedanken mit dem unheimlichen Klang und vergrotten. Vielleicht ist es schon der letzte Atemzug der ›Pirkerin‹, die in Hohenasperg ihre Kerkerrunde dreht, begleitet von den Ratten und ihrem Gesang, der sich den Lüften offenbart und von ihnen davongetragen wird, einst lieblich, jetzt schmerzvoll und ohne Takt, sinnlos; wie im Hildebrandslied: ›sunufatarungo!‹ Wie wohl hätte sie sich jetzt hier umgesehen, die Gedanken geschnürter Wind, der in ihrer Kehle Klänge schuf? Vor allem hätte ihr die mütterliche Freundin wohl angeraten, nicht so unbekleidet vor den Zinnen herumzugeistern.

Fünfundzwanzig Sommer mischten ihren Teint (ihr Gesicht war um diese Zeit noch gar nicht aufgetragen!); kein Satz wie dieser : »Ach Keuschelchen! Jetzt sei doch wieder schnuck!«

Ihr Vater nannte das hier die Wildkammer seines Landes – und vornehmlich waren das der Selber Forst, das Egertal mitsamt der Zuflüsse, die Moorgebiete der Häuseloher Verebnung, die Weiherketten am nördlichen und südlichen Rand des Wellertales, das Hengstberggebiet und die Schneeheide-Kiefernwälder; während ihre Mutter ständig unzufrieden über den popeligen, primitiven Landadel schnaubte, der sich hier fand.

Hier waren sie nicht nach der französischen Mode gekleidet, sprachen kein Französisch, und die Läuse in den Perücken dieser Leute hatten wohl einen älteren Stammbaum als die Adeligen selbst. Außerdem lebten sie wie die Phäaken.

Seit einem Jahr stand dieses neue Jagdschloss nun im lernäischen Gebiet des großen Hercynischen Waldes. Der Geruch orgiastischer Riten hing über dem Ort. Selbst die Mägde torkelten trunken-zerrauft einher. Casanova, der Sophie ›das bezauberndste und hübscheste Mädchen der deutschen Lande‹ genannt hatte, als sie noch ein Mädchen war, hätte dies hier nicht besser ersinnen können für seine Liebesmahlzeiten mit Grog und freiem Unterkörper, Schwert und Gewürzwein. Freilich war er nur ein Claquer, wenn auch ein Galan, der dem Hühnerstall nie entwachsen konnte, dem das Leben ein Abenteuer mit höchstem Einsatz blieb.

Doch was geschah mit dem bei der Jagd erlegten Wildbret? Nur ein geringer Teil davon wanderte in die Kaiserhammerer Schloßküche. Bei einem Aufenthalt Markgraf Friedrichs mit seinem Hofstatt vom 19. – 25. Oktober 1760 waren es gerade einmal 159 Pfund Hirsch und 22 Pfund Reh und 13 Hasen gewesen, während in derselben Zeit 1118 Pfund Hammel- und Lammfleisch, 657 ½ Rindfleisch, 426 ½ Kalbfleisch und 18 Pfund Forellen verzehrt wurden. Serviert wurde damals an 11 Tafeln. Das meiste Wildbret wurde an die Untertanen verkauft.