Charlie Lovett: Das Buch der Fälscher

Peter Byerly, ein Antiquar, fühlt sich mit Büchern wohler als mit Menschen. Wenn er mit den Sondersammlungen der Ridgefield University arbeitet, befindet er sich in dieser Welt der seltenen Bücher in allerbester Gesellschaft. Dort lernt er das knifflige Handwerk der Buchrestauration und auch einiges über das Fälschen von Büchern. Nach dem Tod seiner geliebten Frau führt er noch mehr das Leben eines Einsiedlers in England. Beim Versuch, sein Leben zurückzugewinnen, stößt er auf ein jahrhundertealtes Aquarell-Porträt in einem Buch über Shakespeare-Fälschungen, das seiner Frau Amanda verblüffend ähnlich sieht. Als Byerly nach dem Künstler des Gemäldes sucht, stolpert er über ein Buch, das – wenn es echt wäre – nicht weniger als ein literarisches Erdbeben auslösen könnte – den “Pandosto”, jenem Buch von Robert Greene, in dem sich eine der wenigen Zeugnisse, die wir von William Shakespeare haben, finden und das dem großen Dramatiker als Vorlage seines “Wintermärchens” diente. Dieser Fund könnte den ewigen Streit zwischen Stratfordianern (jene, die glauben, der ungebildete Shakespeare habe diese Werke wirklich alle selbst geschrieben) und Oxfordianern (jene, die glauben, ein anderer hätte diese Werke geschrieben und Shakespeare wäre nur ein “Strohmann” gewesen) für immer begraben, so es denn echt wäre, denn Shakespeare hat es mit unzähligen Randnotizen versehen, als er sein eigenes Stück daraus machte. Byerly versucht also zwanghaft, die Authetizität des Buches zu klären. Wie es aber bei einer Rätselgeschichte so ist, ist nichts wie es scheint. “Charlie Lovett: Das Buch der Fälscher” weiterlesen

Gertrude Atherton: Der Strid

Anmerkung des Übersetzers: The Strid ist ein echter Ort in Yorkshire und der Namensgeber der Geschichte von 1896. In der Nähe von Bolton Abbey bezeichnet er eine der Kreuzungspunkte des Flusses Wharfe. Athertons Inspiration für die Geschichte stammt von den zahlreichen Todesfällen, die sich am Strid ereignet haben, einem schmalen Abschnitt des Flusses, der aus Stromschnellen, Wasserfällen, Unterwasserfelsen, tiefen Wasserfällen im Flussbett und plötzlichen Untertrömungen besteht. Es ist einer der tödlichsten Flussabschnitte der Welt, mit einer fast 100%igen Todesrate für diejenigen, die hineinfallen.

 

Weigall, ein provinzieller und distanzierter Zeitgenosse, war früh schon der Moorhuhnjagd überdrüssig. Es kam ihm vor wie eine Parodie auf die Vorfahren, die in den Mooren und Wäldern des West Riding of Yorkshire auf der eifrigen Jagd nach Wild, das es sich zu erlegen lohnte, umhergestreift waren, wenn man sich hinter einen Lattenzaun zu stellen hatte, während die Männer seines Gastgebers die Vögel mit langen Stangen in Richtung der Gewehre trieben. Doch wenn er sich im August in England aufhielt, akzeptierte er gerne, was für die Saison geboten war und schlug seinem Gastgeber vor, doch einmal Fasane in seinen Ländereien im Süden zu schießen. Er war der Auffassung, dass die Vergnügungen des Lebens mit der gleichen Philosophie akzeptiert werden sollten wie seine Übel. “Gertrude Atherton: Der Strid” weiterlesen

Tontafelkalender vom 23ten Hartung xx20, einem Durnstag

Ich befinde mich in einem Alter, in dem ich so wohlgeformt durch die Jahrzehnte des ausschließlich-schreibens und ausschließlich-anders-seins sehr weit weg bin von jedem literarischen Diskurs, und das vor allem, weil ich in meiner Abgeschiedenheit viel mehr internationale Impulse aufgenommen habe als die meines direkten Kulturkreises, natürlich immer nur selektiv. Die Führung, die im alltäglichen Zufall genannt wird, das waren mir die literarischen Abenteuer von oben nach unten und bald wollte ich das Gedicht, bald wollte ich Prosa, bis ich bemerkte, dass es keine Rolle spielt, dass jede Genrezuweisung nur ein Kunstprodukt für sich selbst ist, man das aber nur begreift, wenn man nicht ununterbrochen darauf aufmerksam gemacht wird. Erst dann liegen einem auch die Sprachepochen zu Füßen und man bindet seinen Geist an den rundgefüllten Eimer wie ein Ohr, das man abnehmen und überall hinlegen kann.

Ich stünd’ nicht gern an finstren Lauben
Ohn’ an die wilde Pflicht zu glauben
Es käm’ auf die Sekunde an
Das Tor könnt’ sich zum Nichtse biegen
Und alte Trauer dort versiegen
Wo ich einst meinen Wahn begann

In Großgaloschen trampelt hier
Das eine um das andre Tier
Und will mich aus dem Loch vetreiben
In dem ich warte, sitze, speie
Mit aller Freude dem verzeihe
Der’s schafft mich durch das Holz zu reiben

Denn bin ich drin will ich gleich wähnen
Die Tür zu öffnen mit den Zähnen
Damit man mich besuchen kann
Ich tischte Kuchenklänge auf
Und andren Schmaus für einen Bauch
Der Luft ablässt so dann und wann

Alte Fotografien sind mir oft mehr als zweidimensionale Übrigkeiten einer vergangenen Spanne. Ich achte oft hinter einer Lupe, die mich etwas spöttisch näher kommen heißt, auf eine flüchtige Geste, die möglicherweise im dort festgehaltenen Faltenwurf oder einem Sonnenstrahl, der eine Schulter etwas mehr aus dem Grau hebt, ein Spiel des Lesens von Augenblicken mit mir beginnen will. Ich verstehe nur halb, wie es kommt, dass es alles, was zu erkennen bleibt, nicht mehr gibt, verstehe es also als finstere Vertrautheit mit meinen eigenen Gedanken, die schon nachher verschwunden sein werden, wenn ich sie nicht irgendwohin notiere. Ich verstehe als nur halb, denn die andere Hälfte wehrt sich entschieden gegen eine Aufklärung, aus der Gewissheit heraus, dass es sich um eine Täuschung handelt, sobald man erklärt.


Nach dem Gequassel aus P. Highsmiths Werkstattbericht, mit dem ich sehr wenig anfangen konnte, weil ich eine gänzlich andere Arbeitsauffassung habe, bin ich schnell in die 20er Jahre verschwunden und vom “Josty ins Romanische Cafè” gegangen. Es ist die Kunst solcher Bücher, eine Lebendigkeit quasi aus der Retorte entstehen zu lassen, was dann, obwohl es sich m eine Illusion handelt, jene Gehirnhälfte temperiert, die bereits schlafen will – es ist halbzwei – und deshalb leichtes Spiel hat, denn der Schlaf und die eingefangene Vergänglichkeit verstehen sich recht gut.

Irgendetwas scheint komisch zu sein an meinen Zeitreisen. Man weiß ja erst, was uns an Geist verloren gegangen ist, wenn man sich in die Ferne nach hinten begibt.

Drachen

Diese seit menschengedenken in allen Kulturkreisen bekannten Wesen, die die Länder und Lüfte spielend eroberten wie kein anderes, sind in den Köpfen der Menschen, besonders in Literatur und Film, bis heute existent. Faszinierende Mischwesen mit einem großen langen Schwanz, die manchmal ihren Gegnern sogar vielköpfig Feuer unter’m Hintern machten. Manchmal mit einem Löwenkopf, manchmal mit einem Krokodils-, Panther- oder Wolfskopf. Einem Vogel gleich seien sie, da sie Flügel (häufig Flughäute) hätten, mit denen sie fliegen könnten. Schuppige Reptilien seien sie, die einer Schlange sehr ähnlich sähen. Ebenso aber seien sie Raubtiere mit riesigen greifartigen Klauen oder Tatzen an den Vorder- und Hinterbeinen, die verspeisen würden, was sie fassen könnten. In Klassen unterteilt wurden sie. Und so gab es auch jene, die man zu den Wyvern zählte, die vor allem in der Heraldik Einzug hielten, die nur zwei Vorderbeine, Flügel und einen schlangenartigen Unterleib hatten. Als auch jene, die man den Kriechdrachen zuordnete, die ganz ohne Füße auskommen mussten.

Im Lateinischen draco genannt, im Altgriechischen δράκων, was häufig mit “Schlange” übersetzt wird, jedoch streng genommen “der starr Blickende” bedeutet. Also dem Blick einer Schlange verwandt. So will man uns weismachen. Jedoch ist bedenkenswert, dass das, was uns den Blick einer Schlange als “starren” erscheinen lässt, auch von einer anderen Tatsache herrühren könnte, der Tatsache nämlich, dass sie über keine Augenlider verfügt, die sie vor ihrer Umwelt schützen. Weshalb wir uns überlegen können, ob dem so ist oder war. Oder ob es nicht durch viele Zeiten hindurch unserem Blick zuzuschreiben ist, der starr erblickte, was er, mindestens seit den Babyloniern, erblicken wollte. “Drachen” weiterlesen

Huckleberry Finn (Der Philosoph in der Tonne)

Wie viele herausragenden Ikonen ist auch Huckleberry Finn eine zutiefst amerikanische. Die Zeiten, in denen man die Figur halbwegs auch bei uns verstehen konnte, sind anscheinend vorbei, und doch führen seine Spuren durch die gesamte Kultur der westlichen Welt. Seine ursprüngliche Wildheit und Seltsamkeit mag Huck im Laufe der Zeit wohl verloren haben, er hat der heutigen Zeit jedoch mehr zu sagen, als man vermutet.

Ein Jahrhundert voller Filme, Cartoons, Comics, versteckter und weniger versteckter Anleihen in Romanen, sagten vor allem eines aus: wie frei und unschuldig die Kindheit früher war. Aber es gab auch im viktorianischen Amerika Banden, Schulschießereien und die Ängste der Eltern, dass ihre Kinder der gewalttätigen Popkultur ausgeliefert sind. Mark Twain schrieb über all das. Für heutige Eltern, die sich um ihre Kinder und deren Kontakt zu dekadenten Medien sorgen, sich über die Natur oder eine standardisierte Bildung Gedanken machen, ist Huck Finn kein Rückfall in eine unschuldigere Zeit, sondern erinnert sie nur daran, dass die gleichen Debatten seit mehr als einem Jahrhundert stattfinden.

Würde man Mark Twain sagen können, dass sich sein Buch im 20. Jahrhundert 20 Millionen Mal verkaufen würde, würde er sich wahrscheinlich freuen. In den USA war das Buch allerdings Schullektüre, und das hätte ihm weniger behagt. Ganz im Gegenteil brachte er seinen eigenen Kindern das Lesen bei, indem er ihnen verbot, Bücher zu lesen. Damit machte er sie zu einem begehrten und geheimnisvollen Objekt. Huck Finn sollte nie ein staubiger Klassiker werden, und das ist er ja auch nur zum Teil, denn die ganze zeitgenössische Jugendliteratur, angefangen von Harry Potter, wäre ohne Twain gar nicht denkbar. “Huckleberry Finn (Der Philosoph in der Tonne)” weiterlesen

Swamp Thing (Der Champion des Grüns)

Das Swamp Thing ist eine Comicfigur, die von Len Wein und dem Künstler Bernie Wrightson erfunden wurde. “The Swamp Thing” erschien erstmals, ursprünglich als einmalige Horrorgeschichte gedacht, in “House of Secrets #92” (Juni-Juli 1971). Bereits zu diesem Zeitpunkt hatte man die Figur mehrfach überarbeitet, bis sie für ihren eigenen Auftritt geeignet war. “Swamp Thing Vol. 1/1” erblickte im November 1972 das Licht der Welt. Die größte und endgültige Veränderung fand jedoch statt, als Alan Moore die Serie von 1983 bis 1987 übernahm. Für Moore war das sein erstes amerikanisches Projekt und das erste für DC.

Für viele ist das Swamp Thing dieser Phase neben “The Dark Knight Returns” und “Watchmen” einer der besten und kreativsten Werke in der Geschichte der Comics. Alan Moores Run übertraf alle Erwartungen und hat sich bis heute einen festen Platz unter den Klassikern verdient. “Swamp Thing (Der Champion des Grüns)” weiterlesen

Warum wir Fantasy-Literatur brauchen

J. R. R. R. Tolkiens “Der Herr der Ringe” hat sich weltweit rund 150 Millionen Mal verkauft, was ihn zu einem der meistverkauften Romane aller Zeiten macht. Einige behaupten sogar, es sei das größte Buch des zwanzigsten Jahrhunderts. Während Tolkiens Geschichten um Mittelerde immer beliebter werden, weigern sich viele Gelehrte immer noch, sie ernst zu nehmen. Die meisten Kritiker ignorieren sie nicht nur, sondern verachten sie mit feuriger Leidenschaft. Kritiker der jüngeren Generation konzentrieren sich – vor allem, weil sie müssen – auf die vermeintlichen sozialen Probleme in Mittelerde, wie Rassismus oder Sexismus. Aber die erstaunlichsten Aussagen kommen vor allem von der älteren Generation der Literaturkritiker, die behaupten, dass Tolkiens Schreiben einfach schrecklich ist.  In der Einführung zu Harold Blooms kritischen modernen Interpretationen behauptet er, dass Tolkiens Schreibstil “steif, künstlich antiquiert und überladen” sei. Bloom ist nicht in der Lage zu verstehen, “wie ein erfahrener und reifer Leser etwa fünfzehnhundert Seiten dieses malerischen Materials aufnehmen kann”. Diese Kritik ist ebenso absurd wie komisch. Wenn überhaupt, dann ist der “Herr der Ringe” antirassistisch und antisexistisch und wunderschön geschrieben. Natürlich ist der Wert jeder Arbeit im Wesentlichen subjektiv und die Geschmäcker sind verschieden. Dennoch muss man sich fragen, was die Ursache für die verächtliche Kritik und die ungerechtfertigte Gleichgültigkeit sein könnte, auch wenn viele Aussagen zum “Herr der Ringe” völlig selbstentlarvend sind. Es wäre nicht das erste und einzige Mal, dass sich Literaturkritiker, die leider ihr Geld damit verdienen, sich als literarische Idioten darstellen. “Warum wir Fantasy-Literatur brauchen” weiterlesen

Samanta Schweblin: Sieben leere Häuser

Im Grunde ist die ganze phantastische Literatur geprägt von der kurzen Form. Hier sind die eigentlichen Meisterwerke zu finden. Viele Literaturkritiker weltweit sind davon überzeugt, dass Samanta Schweblin zu diesen Meistern gehört. Man hat die Autorin bereits in eine Reihe mit Borges und Cortázar gestellt, hat David Lynch bemüht und – fast schon konsequent – Kafka. Sicher, diese ganzen Aussagen werden vom Feuilleton getroffen und entsprechen selten der Realität (was jedem klar sein muss); man möchte den Verlagen in erster Linie Futter für ihren Umschlagtext liefern, aber auf ein paar dieser kanonischen Meister hat Schweblin als Einfluss selbst hingewiesen. “Samanta Schweblin: Sieben leere Häuser” weiterlesen

Robin Hobb: Die Tochter des Drachen (Penhaligon)

Die große Robin Hobb ist zurück, und damit ein Garant nicht nur für durchschnittliche Fantasy, wie sie gegenwärtig den Markt überflutet, sondern für die Spitze des Genres, wo vielleicht nur eine Handvoll Autoren überhaupt zu finden sind. Als “Fool’s Assassin” 2014 im Original erschien, war gleich klar, dass dies wahrscheinlich die beste Veröffentlichung des Jahres werden würde. Bis es auch zu uns herüberschwappte, dauerte es zwar ganze fünf Jahre, aber Penhaligon hat dadurch den Vorteil, auch die gesamte neue Trilogie um einen der beliebtesten Charaktere der ganzen Fantasy in einem Atemzug vorzulegen, was in diesem Jahr mit Band 1: “Die Tochter des Drachen”, Band 2: “Die Tochter des Propheten” und Band 3:  “Die Tochter des Wolfs” dann auch geschehen ist. Über die merkwürdige Übersetzung der Titel kann man sich wie immer genauso lange streiten wie über das stereotype und lustlose Cover, nach dem Motto: One Fits All. Hast du ein Cover, reicht das für 1000 Bücher. Damit ist Penhaligon allerdings nicht allein. Keiner scheint mehr eine müde Mark in sein Artwork zu stecken. Wozu auch? Die Leser scheint es ohnehin nicht zu interessieren. Trotzdem muss ich eine Lanze für den Verlag brechen, denn Penhaligon hat es geschafft, alle drei Trilogien zeitnah zugänglich zu machen, und zeigt damit nicht nur eine herausragende Veröffentlichungspolitik, sondern auch, dass eben nicht nur eine Flut zweitklassiger Fantasy den deutschen Sprachraum dominiert.

Einst rettete Fitz Chivalric Weitseher seinen König und befreite den Kronprinzen. Bereits auf vielerlei Arten beschützte er das Reich. Er bewahrte sogar einen Drachen vor dem Tod. Für viele ist er ein großer Held! Doch ausgerechnet seine Tochter Biene hat Angst vor ihm. Sie scheint zu spüren, dass er ein Mörder ist. Erst ein schrecklicher Schicksalsschlag führt die beiden näher zusammen. Fitz will Biene um jeden Preis vor den Intrigen des königlichen Hofs von Bocksburg und den damit verbundenen Opfern und Gefahren beschützen. Um das zu erreichen, muss er sie verlassen. Dabei erkennt er viel zu spät, dass nicht er selbst, sondern seine Tochter das Ziel einer geheimnisvollen Gruppe von Verschwörern ist. — Klappentext.

Hobb wird oft an die Seite von George R.R. Martin gestellt, und das nicht ohne Grund. Wie Martin hat sie – begonnen bei der legendären ersten “Weitseher-Trilogie” eine Welt mit einer reichhaltigen Geschichte aufgebaut und greift ebenfalls auf eine leichte, aber umso erschreckendere Form von Magie zurück. Aber wo Martins “Lied von Eis und Feuer” eine groß angelegte Erzählung mit vielen Charakteren ist, bevorzugt Hobb Intimität und lässt uns schon Mal ein ganzes Buch mit nur ein oder zwei Stimmen im Kopf verbringen. Fitz hadert oft mit seinem Platz in der Welt, die wenig Sinn für Bastarde, aber ein großes Bedürfnis nach Helden hat. Es braucht einen geschickten Autor, um sicherzustellen, dass die unterschiedlichsten Parteien, die täglichen Aufgaben und das Gerede über entfernte Politik nicht langweilig werden, aber Hobb schafft es, ihre Welt farbenfroh und einladend zu gestalten, auch wenn der Schatten zukünftiger Tragödien über allem schwebt. So wie Bocksburg als bedeutendes Anwesen in der Weitseher-Trilogie diente, so ist auch das Herrenhaus Weidenhag eine wichtige Station, die mit ihren eigenen Geheimnissen angereichert ist – ein überraschend passendes Zuhause für einen ehemaligen Assassinen. Denn selbst in Weidenhag kann Fitz dem Mann, der er einmal war, nicht entkommen. Und wenn die Außenwelt in seinen sicheren Hafen eindringt, muss sich Fitz wieder einmal entscheiden, wer er sein will und wo seine Loyalität liegt. Das erweist sich als etwas schwierig bei den anstehenden Veränderungen seiner Familie.

Hobb ist eine unglaublich versierte Schriftstellerin, die sich intensiv mit dem Innenleben ihrer Figuren beschäftigt. Sie kann den Leser über den Tod eines Charakters weinen lassen, aber sie kann ihn auch über ein Gespräch zwischen einem Mann und einer Frau seufzen lassen, die endlich zueinander gefunden haben, ohne die Elemente des Kitsches bemühen zu müssen. Ihre Figuren sind lebendig und man möchte seine Lesezeit gerne mit ihnen verbringen, auch wenn gleich gesagt werden muss, dass Hobb nicht zu jenen Schriftstellern gehört, die ein oberflächliches Actionfeuerwerk abbrennen. Sie nimmt sich die Zeit, die notwendig ist, um das vorzubereiten, was sich ganz sicher im Verlauf der Trilogie zu einem richtigen Abenteuer entwickeln wird. Trotz des schleppenden Beginns sorgt Hobbs unnachahmlicher Stil dafür, dass auch jene dabei bleiben können sollten, die mit ihrer Aufmerksamkeitsspanne ein Problem haben. Aber ohne Frage ist das vorliegende Buch eher ein pastorales Familiendrama und ich halte es für notwendig, die beiden vorangehenden Trilogien gelesen zu haben, die eine andere Konzeption besitzen. Hobb hat hier aber nicht nur ein sich langsam entwickeltes Buch geschrieben, sondern auch einen Perspektivwechsel vorgenommen, der dem ganzen Weitseher-Zyklus eine zusätzliche Note verleiht. Zwar kehrt der Leser auch hier in Fitzens Kopf zurück und kann dadurch wie gewohnt zuverlässig (oder wenn man will unzuverlässig) die Handlung seiner Umgebung interpretieren. Wir sind in jeden seiner Gedanken eingeweiht, einschließlich der Tagebucheinträge, die er über längst vergangene Tage schreibt. Das ist eine einfache, aber sehr effektive Möglichkeit, den Leser daran zu erinnern, was vorher passiert ist. Doch Fitz wird diesmal durch eine zweite Perspektive unterstützt, die ebenfalls in der ersten Person geschrieben ist und ohne Abgrenzung vorwärts und rückwärts springt. So herausfordernd das sein mag, wird dadurch das schleppende Tempo der Geschichte zu einem interessanten Lesevergnügen. Man könnte auch sagen: Diese Passagen sind ein Jugendroman innerhalb eines Erwachsenenromans, denn sie werden von Biene vorgetragen und erinnern natürlich an formelhaftes Erzählen. Die Balance zwischen Biene und Fitz ist hervorragend. Bestimmte Ereignisse werden kontrastierend dargestellt, und so machen die jeweiligen Erzähler Aussagen über den anderen, die außerhalb der Realität dieser Figuren liegen. Auf diese Weise ergeht es Biene nicht anders wie Fitz. Auch sie kämpft darum, sich ihrer Umgebung anzupassen. Und wie Fitz ist sie oft nicht in der Lage, die Absicht derer um sie herum zu entschlüsseln und das Schlimmste anzunehmen, nicht einmal in ihrer eigenen Familie. Sie wird oft missverstanden, dabei ist sie weitaus fähiger, als irgendjemand der Erwachsenen das erwartet.

Hobbs alternative Sichtweise mag hier unter einigen kleinen Fehlern leiden, aber wenn man das Gesamtkonstrukt betrachtet, erhält der Leser dadurch einen viel umfassenderen Einblick in das vorgelegte Thema. Obwohl “Die Tochter des Drachen” keine Tour de Force ist, gelingt es Hobb in großem Stil, ihre Figuren funkeln zu lassen, weil selbst dieses ruhige Milieu perfekt strukturiert ist. Es gibt wenige Autoren auf dieser Welt, die solch eine Meisterschaft besitzen.

Mit Dank an das Rezensionsexemplar von Penhaligon.

Schwert und Zauberei (Sword & Sorcery)

Genre- und Subgenre-Labels gibt es aus gutem Grund – um die Leser mit der Art von Literatur zu verbinden, die ihnen gefällt. Zumindest heutzutage obliegt eine solche Kategorisierung eher den Vermarktern und Buchhändlern als einer tatsächlichen Unterscheidung durch Fans oder Autoren. Aber das war 1961 definitiv nicht der Fall, als Mitglieder der Robert E. Howard-Fangruppe, der Hyborian League, erkannten, dass sie einen Namen für jene besondere Art von Geschichten brauchten, die sie gerne lasen und schrieben. Die Frage, wie genau man diese Geschichten nennen sollte, stellte der junge Aufsteiger Michael Moorcock, und beantwortete der erfahrene Schriftsteller Fritz Leiber: “Schwert und Zauberei (Sword & Sorcery)” weiterlesen