Ich bin die Nacht: 13 Die Nacht hat Tausend Augen

Thamyris, dem die Musen in einem Wettstreit, den er verlor, die Leier zerbrachen und das Augenlicht nahmen : das ist mehr als Influenca, weil man früher an den Einfluss der Sternkonstallation auf den Ausbruch der Epidemie glaubte, und jetzt ist die Katastrophe (unsere Welt) ein Ergebnis des Wissens, das expansiv ist, und nicht konservierend wie der Mythos.

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Dunst in Sepia

Der Mensch und die Paarung ertragen Intensität nicht lange; wie aber steht es mit dem Gedankenerwecker?

Ich folge den orphischen Vasallen, die in ihrer Sangeskunst Melodien aus Gedanken formen, die ein tanzendes Wort ergeben. Aus der Höhle erster Dunkelheit heben vergessen Zorn und Sein, Gespenster, die im Geisterrauch den Mund nicht brauchen. Da bist du, trägst uns durch dein Flötenspiel dem Hafen entgegen, den flaschengünen Nixen zu, den sonnenlosen Reichen, die keine Formen missen lassen.

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Vom Horizont walzt immer noch Licht

Der Mückenschwarm im Spätherbst singt sein Lied, eine Liebelei, ein Necken in den Lüften, in den Gräsern ein Berühren der Beine. Vom Horizont walzt immer noch Licht. Das Männchen hält das berührende Bein des Weibchens fest und beleckt den Kopf des Weibchens, rutscht nach hinten und beginnt mit der Kopulation, Summton und Duftstoff. Der Badeweiher quakt über seinen Fröschen. Zwei tote Schwimmer liegen nicht mehr im Gras. Vom Horizont walzt immer noch Licht. Wiesenschaumkraut zerdrückt, die Fischer schweigen in den Brodem des Räucherofens hinein, in dem ein weiterer Aal golden zwischen Backsteinen glänzt, aufgebaut im breiten Schilfgürtel, der den Weiher vom angrenzenden nassen Erlen- und Birkenbruchwald, sowie einem Gebüsch aus Weiden und Faulbäumen trennt.

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Die Läufer und die Fänger

Der Knecht auf dem Boden: schraubt mit der rechten Hand am Traktor herum, seine linke hält den klobigen Becher zu ihr hoch, würdigt sie keines Blickes, wie sie die Kanne schwenkt, um die Butter wieder unter die frische Milch hüpfen zu lassen. Keines Blickes, bis sie die Milch über den Rand der Kanne, am hingehaltenen Becher vorbei zwischen seine Hosenbeine schwappen lässt. Ssch. Und er dann hochschaut, den Becher senkt, dann hochschaut, überrascht, ihr völlig dämliches Gesicht ganz rot. Sie schielt und ihre Zähne stehen vor wie ein Schwellenreißer, den eine Zunge anhebt, die im Saft geschlafen hat. Unverändert steht sie da, die Kanne zum nächsten Guss bereit, leicht schief, und leckt sich die Werkzeuge: »Kannst’u nicht aufpassen!«

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Gasthof zum Schwarzen Hammer

Ich habe doch stets alles nur geträumt, im Kinderwagen, ich möchte sagen, da war ich bereits wach wie in einem Traum, und ich lag gebettet in himmelblaues Strickzeug an einem weinroten Dienstag, wie ein Rubin kletterte der Himmel über Köpfe. Von 198 Seelen 21 Schüler, 94 Frauen, ich das achte Kleinkind, die achte Feier, denn die Dämmerung dickwandiger Keller sorgte im Gasthof zum Schwarzen Hammer für ein Gefühl der Sicherheit und hielt die Atmosphäre der nahegelegenen Fässer und deren Tausend guter Trünke zusammen. Es gab genügend Licht, um den Sonnentropfen im Becher schweben zu sehen; nicht zu viel, damit das Auge nicht das Übergewicht erhielt über die Nase, die an der Blume saugt, vorsichtig genähert, tastend, leise gestrafft.

Garnieren wir uns mit der Substanz des Mahles, elefantengrau der Schlamm der Knochen. Augen sind rankend sich selbst überlassen und betrachten Faschingstänze und andere Festivitäten, eine Brücke zur Außenwelt.

Felsen der Bayonner

… dann stehe ich auf einem Felsen der Bayonner, über das Meer gebeugt. Der Abgrund lässt Nebelschwaden aufsteigen, das ist seine Art zu atmen. Sie, an die ich denke, hat kein Gesicht. Sie besteht nur aus einer veränderlichen Wolkenschicht. Sie, die mich zum Springen animiert, ruft: »Spring ins Ultramarin!« Doch ich kann nicht, habe das Springen nicht erlernt. Aus meiner Nase rinnt Blut auf die bleiche Textur meiner Textilien. Ein Traum, das Gefühl, am Leben zu sein. Harmonie im Chaos, wenn die Vögel mit Piccoloflöten, Blockflöten, Flageoletten die Luft zerpressen. Die Zikaden klirren, die Wälder rauschen wie ein grünes, wogendes Meer, die Hummeln legen ihren Tenor unter dieses Schalldach. Heute kenne ich die Sprache als einzige Realität.

Wo kommen sie her, die Feuergestalten, die ›Erasmus Spikher‹? Nicht die Zeiten, die Räume haben sich verändert. Das Aufbegehren gegen die Luxussanierung findet kaum statt, die Zerfetzung sämtlicher Lebensreiche schreitet vor, die Gedanken und Empfindungen – so das Ziel – sollen plan werden. Das Problem, dass wir unsere Häuser nicht rund bauen. Und früher haben wir alles gewusst und jetzt wissen wir nichts und kleiden es in viel. Wer keine Milch verträgt, stirbt aus.

Der Weg nach Raha: 3 Ränkespiel der Isobaren

Das leichte Gewand eines quälenden Schattens umzürnt meine Haut, als ich das Wasser verlasse, um halbiert im Zwielicht zu schaukeln, die Grenzfälle beim Rauschen störe, den Fluss am fortschnellen hindere. Ungeahnt die Nähe nichtanwesender Personen, unverstanden vom Tageslicht, geblendet vom Reflex bonbonfarbener Quellgeister; Symbole, konturlose Skulpturen, einer Firnis der Berührungslosigkeit entlaufen.

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Der Weg nach Raha: 2 Raha konnte überall sein

Die Erregung ließ so schnell nach wie sie gekommen war, und ich probierte mich vorsichtig, in Erwartung eines neuerlichen Lustschubs, noch einmal an der Tür. Diesmal schnappte sie auf und schwebte wie von selbst nach innen, kaum dass ich die Drehung im Schlüsselloch vollendet hatte. Ich blieb eine Weile stehen und blickte hinein. Natürlich war das Zimmer nicht auf dem neuesten Stand, das hatte ich auch kaum erwartet, aber es war längst nicht so schäbig, wie ich es mir vorgestellt hatte, es roch nach uraltem Holz an nassen Stein. Als ich hineingegangen war und die schwere Tagesdecke weggezogen hatte, kam ein gestärktes, aber gilbes Bettzeug zum Vorschein, etwas feucht verströmte es denselben modrigen Geruch, der den Raum dominierte. Weil er darauf zu warten schien, hier herauszukommen, öffnete ich das beinahe blinde Fenster über dem Bett, dessen Scheibe mit Schlieren und Einschlüssen in Bleistegen gefasst war.

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Dort beim Hexenkraut

Gerüchte ziehen durch das Land. Bodennah kriecht der feuchte Dunst, der von den Zungen platscht, über die Felder, und damit verderben sie dem Morgen die Schönheit der aufgehenden Sonne. Die Waldlaubsänger sirren in den frisch mit Tau bezogenen Baumbetten mit dem Zwielicht um die Wette, flappen um ihre Koje herum, bringen ihre Hymnen den Würmern dar, den großen Ernährern, die aus der Erde ragen, dem Humus, dem Sand.

Fressen oder gefressen werden.

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Lauwarmes Geschoss

In vielerlei Hinsicht stoppt uns das Maß der Dinge, wildgeworden von Peitschenhieben und einem Surrogat aus plüschähnlichen Pantoffeln. Es wurden Abdrücke hinterlassen, die wie Geisterschwämme vor allem Nachts für Furore sorgten. Nichts davon ist tagsüber noch übrig, nichts davon deutet auf jene Ausgiebigkeit hin, mit der sich ein fleischiger Nacken aufdrängt. Der Besitzer tut gut daran, eine Nummer in die Wählscheibe zu legen, die er gerne hat. Sie mag ihn an etwas erinnern, das ihm nie widerfahren ist, lauwarmes Geschoß, noch nicht zu einer allgegenwärtigen Hitze aufgestiegen.
Der Kreis wird von einer Nabelschnur geschlossen, einer Brosche, die tiefer reicht
als mit technischen Hilfsmitteln erkannt werden kann. Trotzdem darf ein Strich im Kalender nicht zu der irrigen Annahme führen, die Kessel verlören ihren Druck nur vom Hinsehen. Ein großer Albtraum nährt unsere Binsenweisheiten, er bleibt zum Essen und
verändert sich nur durch ein spanisches Pfeffergericht, aus dem die Pilze entfernt wurden. Stillstand legt man sich danach äußerst selten wieder aufs Brot.