Der Weg nach Raha: 3 Ränkespiel der Isobaren

Das leichte Gewand eines quälenden Schattens umzürnt meine Haut, als ich das Wasser verlasse, um halbiert im Zwielicht zu schaukeln, die Grenzfälle beim Rauschen störe, den Fluss am fortschnellen hindere. Ungeahnt die Nähe nichtanwesender Personen, unverstanden vom Tageslicht, geblendet vom Reflex bonbonfarbener Quellgeister; Symbole, konturlose Skulpturen, einer Firnis der Berührungslosigkeit entlaufen.

Technicolor der anderen Welt. Ein großes Gemälde unterworfener Momente, ein geiferndes Trugbild. Beschlagen von Zweifeln wabern die Sinne darin. Duktus der Augen, die dieses Bild entstehen lassen. Die Nacht mit ihrem Schlund, am Mark sonnenverbrannter Gedanken saugend, durch Tagpartikel aufgeladen.

An der Wand Blutspuren, ein zufälliges Gemälde, streng in Ocker lasiert. Den Hintergrund stellt ein dreckiges Weiß, einen Hügel, deine Scham. Ich befahre dich mit einer motorisierten Zunge. Ein Niemandsland bist du, in meiner Vision ein Landstrich eklektischer Provinzen. Doch du bist nicht da. Da sein bedeutet mehr als die Phantasterei zwischen Halbschlaf und Kontrollprogramm. Kalter Schaum webt dein Bildnis (die Kähne, das Papier ›Bazooka-Joe‹) in den Ausguss, durchdrungen vom Abfall meines Gesichts. Die Zunge liegt wie ein Rebus in meinem Mund, wie ein angekettetes Tier am Gaumen, Sprache nicht möglich.

Diese Zunge steckte schon überall in dir, gut aufgehoben, warm umschlossen. Dein Körper ist Gestalt, dein Körper ist Gericht in seiner Abwesenheit. Die Klänge deiner Vergangenheit vibrieren im Spalt unserer Lagerstatt, meiner Lagerstatt, deiner Lagerstatt. Ich spreche mit deinem Schaum, den du mir hinterlassen hast, spreche die Worte ohne sie zu berühren. Jetzt sage ich sie wie unter dem Zwang zu erbrechen. Ich sibiliere sie. Ich spreche und ich sage nichts dabei, sage nicht: Ich liebe; nicht, dass ich dich liebe, nicht, dass ich dich lieben könnte, sage nicht, dass ich mir wünsche, dich zu lieben, nicht, dass ich dich gern geliebt hätte. Ich sage deshalb nichts, spüre deinen Schaum aus nächster Nähe in die unbekannte Schlucht hinabtropfen. Ein zusammengefalteter Himmel liegt vor dem Fenster, ein Himmel voller Reklame für einen beginnenden Tag.

Die Erdachse hält auch heute dieser irrsinnigen Geschwindigkeit stand. Du lächelst. Zumindest deute ich, du könntest lächeln, wenn du jetzt hier wärst. Wir benutzen das gleiche Herz, sind das Ganze, sind nicht du, nicht ich. Ich hänge über dem Weltenrand, baumle an meinen langen Tagen, den Nächten im Sumpf, erkenne mich wieder in den nackten Träumen, den geschnitzten Masken zwischen der Sonne und mir, durch hölzerner Augen Licht, durch hölzerner Nasen Staub. Meine Leidenschaft ist ein Fluch der Götter. Wo frevelte ich sie, Göttin, dich?

Herausfallend sich wieder finden auf den Straßen, die nicht darüber entscheiden, wo ich ankommen werde, dennoch den Enthusiasmus wecken, in die Ferne zu ziehen, und sei es nur, um dort gewesen zu sein, um sich einmal fremd gefühlt zu haben. Dem Horizont entgegen schlängeln. Die Straße selbst kommt nie an. Ich bin es, der Einzug hält. Aber wo? An welchem Ort?

Es sind nur Agglomerationen. Die Wege halten stets eine Stadt bereit, die wie ein Organismus funktionieren. Ihre Gesetzmäßigkeiten unterliegen dem Chaos.

Die Figuren umkreisen das Zentrum ihres Universums, in dem die Zeit aufgehoben ist; vordem hatten die Zeiger eines Weckers die Ränder aufgebracht, scharfklingig, mit erstaunlicher Lust, ein Gemetzel anzurichten, das jetzt noch nicht wahrzunehmen ist, ein Meer, Ebbe und biegsame Flut, ein Universum, randgefüllt mit Wasser. Aus einer unsagbaren Ferne wehen die Klänge dickbreiiger Musik heran, die Sprache eines Pantagruel im Wasser auf der Suche nach der Flasche, das Rätsel des Raumes. Ich könnte mich erinnern, aber ich erinnere mich nicht an den Tag, der aus einem fortschreitenden Abend bestand. Das Gras roch wie nächtliche Haut, Dosen schepperten gegen Steine und Hausbeine.

Wir sind aufgeklappte Schilder, tugendhafte Gespenster, beanspruchen Sichtbarkeit nur für den mitternächtlichen Moment, wiederholen das Spiel der Jahrhunderte (die Taschen gefüllt mit Froschskeletten) mit Händen, die in eine Richtung deuten, die es längst nicht mehr gibt, entschwunden im Geröll unzähliger Geschichten, die alle dasselbe meinen, die Grenze möglicher Wanderschaft.

Die Welt ist ein merkwürdiger Ort, wir erfinden nur, was schon immer da war. Das Geheimnis des Alterns hängt mit unserer Programmierung zusammen. Jeder Tag, jedes Abenteuer behält sich ein wenig Energie von uns zurück. Erinnern wir uns, holen wir die Energie zurück, so wie man einen Koffer zurückholt, den man absichtlich zurückgelassen hat. Aber das Erinnern selbst ist nur das Erfinden von Erinnerungen. Menschen sind ungewollte Schatten. Sie geistern über die Erde, die selbst nur vage Umrisse hat. Bliebe ich hier in diesem Bett liegen, was würde dann in der Zwischenzeit mit der Welt geschehen? Wenn ich mich nicht bewegen würde, keinen Wind erzeugen, wenn mich niemand sehen könnte, niemand vergessen müsste?

Drückt man ein Kaninchen unter Wasser, erhebt sich das Volumen über sein eigentliches Niveau, nimmt die Masse der Materie Kaninchen auf. Auch wenn es unbedeutend scheinen mag: wohin dehnt sich das Universum aus mit mir darin?

Als sie ging, zerriss die Zeit. Ein Reißverschluss neben meinem Ohr wurde entweder geöffnet oder geschlossen. Von diesem Zeitpunkt an war ich allein. Ich betastete meinen Schwanz, zog die Vorhaut zurück und rieb meine Eichel mit Daumen und Zeigefinger ab, roch daran. Es waren die typischen Bocksgerüche, odores hircini, der Zersetzung von Sperma und Vaginalflüssigkeit, die ich schnupperte und am Laken abwischte.

Sie ist unsichtbar wie alle guten Dinge; aber auch wenn sie unsichtbar ist, heißt das noch lange nicht, dass sie keinen Körper besitzt. Hier ist sie unsichtbar, draußen ist sie irgendwo, niemand weiß, wo. Sie würde allerdings behaupten, sie wisse es ganz genau, sie würde sagen : »Ich befinde mich gerade an der Ecke Tournelle.«

Sie scheint von einer erstaunlichen Einbildungskraft beherrscht zu sein, wenn sie so schlendert, als habe sie kein Ziel, den Kopf bewegt, als beobachte sie die Menschen um sich herum, die Schaufenster, die Stimmen, das Fließen der Straße. Sie bildet sich ein, sie setze einen Fuß vor den anderen, bildet sich ein, aus dem Zimmer gegangen zu sein, um eine bestimmte Stunde die Tür geschlossen zu haben, einen Weg zu gehen, den sie aus der Erinnerung heraus kennt, um dann, nach einer gewissen Zeitspanne, an ein Ziel zu gelangen, das sie ganz bewusst angesteuert habe.

Von außen wirkt das Hotel, als ob es in einem Zug aus der Erde gestampft worden wäre, viele Stellen unverputzt.

Das wuchtige morsche Bett unter dem Fenster, das sehr kurzgeraten ist. Zwei Koffer, meine zwei einzigen Koffer, die abgetakelten Behelfsmöbel, die allesamt nach Wurmscheiße riechen, ein Tisch mit Ornamenten an den Beinen, zwei Stühle, die nicht zum Arrangement gehören, nervöses Wippen, ein muffiger Schrank, in dem verborgen Kleiderbügel aus Draht hängen.

Ein Schrank, nicht wahr? Darin steckt die Energie! Sie ist in Schachteln, Schränken, manchmal sogar in Töpfen eingesperrt, und Energie ist Erinnerung! Oh, es wird wahrscheinlich nur der Teufel selbst wissen, warum sich Erinnerungen gerne vergraben, dort wo es garantiert dunkel ist.

Es bewegt sich nichts, egal wie oft ich zum Fenster gehe, nachsehe. Es ist wie in einer Geisterstadt, kein Lärm, kein Mensch, kein Fahrzeug. Eine stille Stunde, eine verlassene Stunde. Ich sehe hinaus, ich sehe immer nur aus allem hinaus. Aus meinem Körper, dem Fenster. Die prophetischen Winde, die an die Tür klopfen. Ränkespiele der Isobaren, Taupunkt über dem schweißgetränkten Laken zahlreicher Liebesnächte mit ihrer intimen Akrobatik, mit ihrem Kesselkrieg, der so manches Haar gekrümmt. Du stehst in diesem Traumfunkeln, stehst da, bist nackt wie der Sonnenschein, mit deinen wunderschönen Mammas, deiner Scham, wo ich hingehöre, woraus ich komme, in die ich hinein muss, will ich jemals wieder komplett sein, an deinen Brüsten liegen. Du nährst mich, deine Säfte sind meine Nahrung, sind mir Notwendigkeit, zu leben. Deine Lippen sind die Kissen meines Schlafes, deine Bewegungen sind die Architektur meines Universums. Ich erinnere mich daran, wie es früher war, ohne dich.

Auf dem Flur befand sich ein Fenster mit Butzenscheiben, doch ließ es sich nicht öffnen. Ich hätte jetzt gern etwas Sauerstoff unter meinen Organismus gemischt. Rechts befand sich eine Treppe in den nächsten Stock, links verschwanden die Stufen ins Erdgeschoss, dahinter lagen die Zimmer 12 und 13, wobei es sich bei Zimmer 13 um eine Attrappe handelte. Es gab eine Tür, die aussah wie alle anderen Türen, aber dahinter befand sich lediglich die nackte Wand, bevor sich der weite Weg in einen rechtwinkligen Knick nach rechts hin verabschiedete, wie in einem Turm, nicht breit aber hoch.

Ähnliche Beiträge

  • Kirschlippenbrand

    Auf der Suche nach Zuckersuperlativen
    kam ich an Feldern vorbei, deren Ränder
    mich einluden, den Rüben lauter neue Namen zu geben –
    ich aber ging weiter zu den Zuckerhöckern,
    die unter dem Kandis-Himmel in die Höhe reckten.
    Oh Schlaraffenland der Sinne! Puderbauch! Kirschlippenbrand!

  • Was es ist

    Haben wir keine Stadt, vielleicht weil wir
    die konzentrischen Kreise noch nicht bilden können,
    müssen wir den Grundstein ausgraben. Kabel
    Fernsehen kostet Aufpreis, Ventilator, Hand
    Tuch, Bettzeug sind umsonst. Willkommen!

    Das Unmenschliche besteht im Schein der
    Freiheit; nur wenn du glaubst, bist du
    wirklich ein Gefangener. Sie machen dich
    glauben, darauf wette ich

    an ihr Geld an dich als Individuum. An

    deinen Nutzen außerhalb der Sklaverei, die
    so kompliziert ist, dass du dir nichts dabei
    denken musst, wenn du ihnen auf den Leim gehst.

    Wir haben eine Sprache, aber keine Sprache
    allein taugt dazu, die Welt zu verstehen. Ent
    weder du benutzt alle Sprachen oder du erfindest
    das, was an einer einzigen Sprache fehlt :
  • Vom Fliegen (Inspiriert von: El lado oscuro del corazón. Von Eliseo Subiela. Und dir.)

    K: Oliverio hat gesagt, sie, der Tod, kann ihn noch nicht haben. Verstehst du das?  

    F: Ja, ich kann Oliverio verstehen.  

    K: Wieso?  

    F: Er sucht die Frau, mit der er fliegen kann. Deswegen kann sie ihn noch nicht haben.  

    K: Fliegen ist toll!  

    F: Ja, sehr sogar! Alle wollen fliegen. Brauchen den Anderen dazu. Nur Kinder allein können das noch und nur für sich. So wie du. Sonst nur Vögel, Insekten und Fabelwesen. Erwachsene brauchen sich gegenseitig.  

    K: Aber was ist mit der Frau, mit der er fliegen kann? Wo ist sie?  

    F: Sie sitzt im Dunkeln, nackt auf einem Stuhl, die Beine gespreizt. Sie weiß, wie wunderschön das Fliegen ist. Hat ihre Hand auf ihr Geschlecht gelegt. Damit es nicht wegfliegt, weißt du. Sie muss es schützen. Für sich und Oliverio. Lauscht den Geräuschen der Welt. Spürt nur die Wärme. Die Brustkorbhebung. Die Brustkorbsenkung. Sie denkt an Oliverio. Weint. Auch weil sie weiß, wenn sie ihre Hand auf die Brust legt, dass sich durch die abgegebene Wärme ihre Milchgänge weiten. Gänge, durch die vielleicht nie etwas fließt. Strahlenförmige Galaktogänge sind das. Denn Milch, erst wenn sie austritt, erhält durch das Sonnenlicht ihre stillende Farbe, in der alle Farben sind.  

    K: Warum aber ist sie wegen ihm traurig, wenn sie doch mit ihm fliegen kann?  

    F: Na, weil das Fliegen eben schön ist. Weißt du doch! Und manchmal weinen wir Erwachsenen auch dann. Weinen, wenn uns etwas stärkt, wenn es uns gut tut. Aber du hast Recht! Denn ja, sie ist deswegen auch traurig. Weil sie noch mehr als mit ihm zu fliegen auch den Boden mit ihrem Geschlecht berühren will. Auch dafür braucht sie ihn. Allein kann sie das nicht. Und sie will es auch nur, weil sie beide fliegen können. Weil er ihr diese Kraft gibt. Ich kann Oliverio verstehen. Verstehst du ihn jetzt auch?  

    K: Ja! Er ist ein bisschen wie ich.

    (K: Kind; F: Frau, mit der Oliverio fliegen kann)

  • Etwas schleicht in Schleifen

    Es kann verbunden werden, das Geschehen nicht verkleistert, sondern
    In einem Rutsch auf das Ziel zugesteuert, das mag im Dunkel liegen,
    Mag sich sogar dem Einsatz entziehen, hat aber eine große Geltung
    Wenn es darum geht, zu bleiben wie man ist. Die Bewegung treibt sich
    Um das fokussierte Etwas herum, schleicht in Schleifen davon, kehrt
    Bei mangelndem Licht zurück, um etwas Körperloses zu sagen.

  • Schaufenstergefrierungen

    Fresko: Es gibt die vielen Ungereimtheiten beim Anblick einer Szene wie dieser. Ich meine das Steingesicht, das seine Schatten über die Narben wölbt.
    Zugig plempert die Sonne durch den Tag, in Lichtspitzen gekleidet das gelbe helle Ding, verströmt ein Plemper-Leuchten in dieser saumseligen Jahreszeit, Kräuterasche trägt träge Windes Algebra vor. Verfrorene Hüte bedecken wärmend Köpfe, damit diese eben nicht auch angefasst von Kältefingern in den nächsten Hauseingang stolpern müssen, den Regenabprall vor Schaufenstergefrierungen jedoch können sie nicht halten; wie im Spiegel daheim winkt da einer hinter mir mit kunterbunten Wollhandschuhen, ein sportliches Grinsen im ganzen Gesicht, ein Ballon mit Haarverlust sein Kopf. Falten, tief eingeprägt wie die Exerguen auf den karthagischen Münzen. Ich schließe mich an, denn die Bäckerei ist berühmt dafür, nächtliche Stürme wieder in die Flasche locken zu können, aus der sie zwar jeden Abend wieder entkommen werden, aber für den Moment …
    Sonnensoll und Sonnenzins (zwölf Uhr mittags auf der Nachtseite des Mondes) backt die Erde jetzt doch frisch auf. Semmelbrand breitet schwarze Schwingen über raubmordende Täler. Libellenwaben, windelblau und aufgefaltet, flippern mit den neuesten Bällchen, die jüngst in das Sortiment aufgenommen wurden. Lupinenhonig, spreizgeblümt, steht auf jedem Tisch. »Täterätää!« Die Zungen betreten den Saal durchs Aluminiumtürchen neben dem Toilettentrakt. Es wäre mir auch diesmal ernst gewesen, aber ich erwache jedes Mal und frage mich, wo diese Bäckerei wohl steht. Die Antwort ist immer dieselbe: in meinem Labyrinth, das aus Schenkeln besteht, nackte weiße Haut, Mandarinenduft.

  • Ludus

    Jeder geht seinen eigenen Weg des Verstummens.
    Ich kam aus der Tiefe eines verdichteten Meeres,
    Urgrund schwarzleuchtender Schlacke,
    trat flackernd an das Ufer,
    den dunklen Reptilien gleich,
    um wieder in die Schwärze hinabzusteigen,
    die niemanden kennt, die niemand kennt.
    Ich war so unbedeutend
    nur einen Atemzug ich selbst.

    Aus den Kelchen zusammen mit den Bienen
    in den Nektar verbissen, abschüssig das Bad,
    die Pfütze kleine luftschnappende Hälse,
    blaue Lippen.
    Aufragend die zerfallenen Pfeiler, Vasen aus Gips.
    Die Nymphen, nass, wogen in künstlichen Wellen,
    sehen den Bock unbehaart, sein Fell über einem Stuhl.