Schmerzlindernde Kanzblume

Ich bin im Schloss gewesen, denn dort lebten wir neben der schmerzlindernden Kanzblume am Flussrand, überginstert mit diesem morschen Zaun, der sich die Zähne aushob, frisch gebrochene Latten, von den Fähen im Trittbild wechselnder Schrittlängen mit dem Wildwuchs Hand in Hand (am Johannistag steckt in den Mulden Bergwohlverleih, um den Bilmenschneider zu verschrecken). Schandhaube oder Hahnenkamm, das Geschenk an dich. Es biegt sich um deine Nase, lässt sich für immer Frühling nennen, für immer aufgetanes Wunder, immer First auf Firsten, ochsenköpfig schneebebergt.

Die Novelle: Hört es sagen, von der abgerollten Rolle gelesen; (als stünd’ er da in Stulpen) mit diesem Erlass (und kann die Kurrentschrift schlecht lesen) scharrt auf dem Podest, ein Knopf weist auf eine Schublade hin, die unter dem Rhetor noch andere Rotuli enthält, frikative Labiale (hier etwas Speichel in den Backenofen fahren lassen, an der Zunge zunken, wie eine Zitze zutzellen, schnaupen durch ein einziges Nasenloch, Atem pfeifend ausstoßen, Luft anhalten um einen roten Kopf).

Fast wäre ich es gewesen, der es versäumte, dich reich zu illuminieren. Vom Tal zur Höhe ist es nicht einmal halb so weit wie gedacht, die Abkürzung ist nur ein vorübergehender Schwindel. Das Anrecht, mit den Fingern im Nacken zu graben, hat der Sturm. Schwarz ist die Wolke, schwarz das Licht.

Man kann diese Hände, die aus dem Mauerwerk ragen, nur schütteln, sehʼn kann man sie nicht.

Also: Wieder Nacht; wieder Schlaf – und immer so fort. Die Träume, die ich mir nicht merken kann, lasse ich mir wiederholen. Es bringt hingegen nichts, sich den Tag zu merken, das ist mehr was für die Kleinen, deren Tage randvoll sind mit Ungereimtheiten der eigenen Existenz. Dieser Überfluss, der in die Gräben rinnt, dieser fett sprudelnde Oneirokritikon (wenn so ein Fluss hieße, heißt das); und irgendwo ist immer Licht. Die gebeugten, die gebückten Szenen, würdelos angeflimmert. Ich erinnere mich nicht, ich müsste raten. (Wie du weißt, will ich nicht wirklich wandern, nur Ferngehen ist mein Ziel).

Ähnliche Beiträge

  • Zwei Faszinationen

    Erinnern ist wie träumen, zumindest in Fällen, in denen erinnern nicht erinnern, sondern träumen ist, womit ich bei einem Schrank angekommen wäre, der in einer Zimmernische steht, eine Bausünde, den der hineingeschobene Schrank rettet (die Schubladen lassen sich nicht ganz herausziehen, aber Sperriges wirft man ohnehin obenauf oder verstaut es im Keller oder auf dem Boden, der kein Boden ist, sondern unter dem Dach). Aber das ist nicht alles: später schob ich dort das Bett hinein (kam nachts der Schwindel, war die baldige Wand äußerst praktisch). Ich träume, dass die Nische nicht so sehr Nische war, das Bett ragte etwas in den Raum, aber als der Schrank da noch stand, war es genau das. Erste Faszination: gut versteckt sein, um das eigene Volumen richtig einschätzen zu können, Augen hereinblicken lassen, wenn der Blick ohnehin vom Fenster aus erfolgt. Zweite Faszination: das Andere. Jegliches Andere, dessen Bewusstsein nicht dem eigenen entspricht. Ein von innen beobachteter Raum kann von außen leicht gefunden werden, weil Bewusstsein nun einmal nicht von einer Wand getrennt werden kann.

  • Der Mann mit der Axt

    Die Stunde vierteilt sich, der Mann mit der Axt, nackter Teint, die Warzen: übergroß das Instrument, der Richter.
    Nicht in den Mantelsack der Nymphen fällt der Kopf, nicht aus dem Blute entspringt der Pegasus, der dünne Ölfilm einer Pfütze wirft das Bildnis einer Laterne zurück, immer wieder die Axt, auch die Laterne.
    Er hatte keinen Schlüssel, er klingelte, er klopfte; doch der Torso öffnete nicht.
    Wie der Traum die Eingeweide des Tages verwurstet (so sagt man, aber das ist natürlich nicht wahr).
    Die Tische haben ihre eigene Unterhaltung, er betrachtet die Stuckverzierungen an der Wand, den orientalischen Teppich in der Mitte, die gedämpften Stimmen begleiten einen immer leiser werdenden Rhythmus, nichts darf sich bewegen, das Ocker der Wände. Das Höhlengleichnis spielt sich ab in diesem Raum, die Figuren, die Schatten spielen ein Theater der Formen, entwickeln Rebusse, versuchen, formloses Dasein zu beschreiben und die Welt als eine Litanei der Schatten wiederzugeben. Gesichter werden mit dem beschmiert, was an die Wand zu malen nicht möglich ist.
    Er stürzt in die Dunkelheit mit einem Gefühl des Schwindels, der Schatten, die Nacht von lunarer Schönheit, das Gesicht hinter dem Schleier, geschlossene Augen voller absurder Schönheit, goldener Regen läuft durch eine Rinne (er) löst sich aus dem Brei des Anzugs; da müsste der Kopf noch liegen, der abgeräumte Lampenschirm (den seine Eltern schon in zweiter Ware erworben) mit dem teuren Purpur an der Borte, müsste die Enthauptete (oder die Gespaltene) wie ein Kleid, gefüllt mit Runkelrüben, über der Bettkante hängen, die Hände nach außen gestülpt, das Blut ein Sicker, kein Quell mehr, der sich durch die luftige Wiese formt, dann wieder eine quarkige Stille, dann wieder eine Zusammenkunft geringer Leute auf freiem Feld.
    Gefällt dir nicht das Bild, was?
    Die zersplitterte Tür, vor allem die Spreißel zur Divination, oder, wie man bei den Pfadfindern sagt: den Zunder.
    Aber die Bettdecke hebt und senkt sich und er will sie fragen, warum sie sich hebt und senkt, ob das denn atmen sein, ob das denn (wieder) einmal nur geträumt.
    Aber da liegt das Buch wie ein Hüttendach ohne Hütte, in das er seine vielen Namen schreibt (wie alle Suchenden ist er auf jedem Weg ein anderer).

  • Die Straße ‚Malheur‘

    Von meinem Platz aus konnte ich die Straße gut einsehen, während ich am Fenster sitzend Kaffee trank und hin und wieder etwas Gebäck zwischen meine Lippen nahm, mehr aus Gewohnheit, denn schon seit längerer Zeit plagte mich das Unwohlsein gegenüber jeder Nahrung, die zwar zum Erhalt gedacht mir dennoch wie der Versuch einer Selbstvergiftung erschien. So aß ich kaum mehr etwas, dessen Geschmack sich eindeutig bestimmen ließ. Geschmäcker verwirrten mich und ließen mich an der Entscheidung zweifeln, was wirklich zu schmecken war. Meine Parageusie trat besonders in meinen nervösen Zeiten auf, in denen ich selbst in einem Glas Wasser mehr entdeckte als ich eigentlich wollte. Rost, Kalk und der Geschmack von Chitin, auch wenn man annimmt, dieser Stoff reize die Geschmacksknospen nicht, waren dann die Hürden, die ich während einer hypersensiblen Phase zu überwinden hatte, um mich am Leben zu halten.

    Mehr lesen „Die Straße ‚Malheur‘“
  • Bogel

    Ronnie Teint war davon überzeugt, dass manche Vögel in Wirklichkeit Bögel seien. Um das zu beweisen, fing er einen ein, schnitt ihn auf und wurde bestätigt: ein Bogel glich einem Vogel bis auf das letzte Organ. Der einzige Unterschied war der Name.

  • Daphne

    Geschrieben von A. Anders

    Manchmal Wurzeln
    Das Haar

    Manchmal Rinde
    Das Gefühl

    Manchmal Blätter
    Die Organe

    Das Rauschen

    Manchmal Äste
    Die Arme

    Das Knarzen
    Der Wille zu dir

    Manchmal wie Harz
    Das Blut

    Die Möse
    Der Schwanz
    Das Aufbrechen der Borke

  • Dornröschen

    Der Meuchelmorgen läßt uns waten in finsteres Gemäuer, von den Scherben ging eine ängstliche Stille aus, als wir das Zimmer mit der zerschmetterten Puppe auf dem Boden schließlich fanden, abyssales Augenwerk riß Löcher, zur Hälfte denke ich, es war ein Traum und die Überraschung rührte daher, die schwere Pforte geöffnet zu finden, eine gewisse Stimmung von wild wuchernden Büschen, ein Scherz von Dornröschen. Die Puppe lustert nach dem hellen Licht, das in ihren Augen stets erlischt, wenn sie sich aus der Bettstatt schleppt, den Kummer gurgelnd in sich sprengt & nackend in das Düster steppt. Schon in den frühen Stunden der Balz wurden die Netze neu verknotet, wurden Aussagen uneindeutig, war das Unterbewußte der Nährboden – überhaupt der einzige Boden – in einer ewig rätselhaft erscheinenden Welt. Etwas kam uns gefährlich vor; das Formidable stand in der Luft & stank aus den Mauern heraus. Ohne die vergessene Puppe, ohne die verlassenen, schnell vom Tisch fortgerückten Stühle, die offenstehenden Küchenschränke, wären wir nicht gar so sehr erschrocken gewesen über die museale Begegnung. Wer klopft? Komm ‚rein und zieh‘ mir Zunder an
    & mach mir feuchte Feuer heiß
    & harze mir die Zunge aus
    & schleppe mich zur Glutenbarke !

    Es war nur natürlich, daß sich der Staub dort sammelte, durch die offenen Fenster schwirrten Pollen herein. Die Natur sah nach, ob sie sich ein Stück zurückerobern konnte. Gräser wuchsen aus den Fugen, ein Unkraut, wie Kamille beispielsweise, fingerte zwischen den Dielen hervor. Jetzt hämmern sie gegen die Tür, durchbrechen unser Atemspiel. Wo Du Deinen Atem hingetan hast, habe ich gesehen, ich könnte ihn mir jederzeit wiederholen. Sie wissen uns erschrocken für einen Moment, zusammengekauert, obwohl sie uns nicht sehen können.
    Sie hat sich bewegt, sagte Steff. In Wirklichkeit lag sie schon die ganze Zeit so seltsam da. Wir wußten alle, daß er etwas anderes meinte, als diese hingeschmissene Puppe. Das Fürchterliche fanden wir im angrenzenden Zimmer. Dort hing ein blaues Kleid auf einem Bügel an der Tür eines leeren Schrankes. Hier findet uns niemand. Hier sind wir vogelfrei. Für einen kleinen Augenblick halten alle den Atem an, weil Steff das Kleid berührt & es doch offensichtlich ist, daß dem blauen Kleid das Haus gehört, das heißt, daß sich dieses Kleid in der Nacht, vermutlich zur Geisterstunde, mit Leben füllt. Er zieht die Hand rechtzeitig zurück, etwas sagt ihm, daß er sonst Schwierigkeiten bekäme.
    Du kommst meine Beine hochgekrochen, kitzelst wie eine Arachnide. Die Tür jetzt zu öffnen wäre leicht, aber weniger unheimlich. Vielleicht haben sie uns gefunden, vielleicht sind sie uns gefolgt. Daß wir überlebt hatten, dafür konnten wir nichts. Es war Zufall. Dort, wo die Wand in sich zusammenfiel, klaffte eine Wunde. Nicht, daß die Wand nicht mehr da war, das Gestein unter Tapetenfetzen, Holz & Staub begraben lag, nicht, daß wir plötzlich hinaus sehen konnten, über das Schilf des kleinen Weihers hinweg, über den Wald hinweg.

    Wir dachten daran, daß der Wittib das Kleid gehört, aber das tat es natürlich nicht : das Gefühl jedoch, das wir hatten, wenn wir Esrabella im Dorf begegneten, wenn sie weder grüßte noch überhaupt in ihrem Ausdruck erkennen ließ, daß außer ihr noch jemand existierte, war verdammt nah dran an dem, was wir in diesem Moment empfanden. Ob wir rauchten oder nicht, interessierte die Witwe Gräf ebensowenig wie unser Vorhandensein; aber dem Kleid, das konnten wir spüren, wäre es nicht egal gewesen. Das ergaunerte Material heißt bei allen Stuyvesant, nur bei mir heißt es Windsor de Luxe. Es versteht sich von selbst, daß wir rauchen, was wir in unserer nächsten Umgebung vorfinden. Nur selten ziehen wir eine Packung aus dem Automaten. Wir sahen das Blut Schlieren ziehen, ein wäßriges Rot sammelte sich vor dem Tisch. Natürlich war hier jemand ermordet worden. Und noch immer hämmern sie gegen die Tür. Du schlotterst so sehr, sagst: mach daß es aufhört! Aber ich kann nicht. Ich bin nicht befugt, etwas zu ändern. Schließlich habe ich sie gerufen. Wir kehren jetzt zusammen zurück in den Ozean. Du hast keinen Namen, du bist der Succubus; alle Säfte sind Milch & Honig, alle Höhlen & Löcher sind die Tore zu Gott.