Das Experiment mit Eisen

Die großen Kriege haben auch dieses Land geprägt. Die Hussiten sind aus der Böhmischen Pforte bei Eger in die fränkischen Gaue ausgeschwärmt, Reform und Gegenreform haben tiefe Wunden in die Flanken geschlagen, der Dreißigjährige Krieg hat Bauerngehöfte bis auf die Grundmauern ausgebrannt. Voll schwerer Schicksale waren die Geschlechter in den beiden Weltkriegen da und dort und auch voll heiterer Schelmerei.

In sein 77. Notizbuch schrieb Cornelius Schlehenfeuer, der unter dem Dach des Jagdschloßes zu Kaiserhammer sein Laboratorium der Alchemie direkt von seinem Meister Vollpferd, der Newton freilich verachtete, übernommen hatte : Das Experiment mit Eisen ist geglückt. Leider weiß ich nicht das Mindeste mit diesem Ergebnis anzufangen.

Oh Territorium! (Der Wald ist tiefblau, er steigt an bis zum Rande des Himmels, stürzt jäh herab zu den Flüssen Eger und Röslau oder weicht zurück vor einer Stadt, vor einem Dorf wie Kaiserhammer eines ist). O Œuvre der zirkelnden, allseits ironisch blinzelnden Welt! Es mochten hier Kräfte walten, die noch gar nicht richtig entdeckt waren. Wie seltsam also, dass sie trotzdem funktionierten. Erklärungsarm blieb man am Rande des Spektakels stehen, ausgeschlossen von der schieren Schönheit des Einschlags, Punkt 22 Uhr und 22 Minuten an einem Samstag des Jahres 1792 bei allseits halbverdautem Abendessen im Ost-Trakt des Jagdschlosses, getroffen von einem Geschoss mit 240 Kalibern und 133kg, abgefeuert im Jahre 1915, also recht genau 123 Jahre nachdem der Einschlag das Dach, die Arkadenflügel, die ganze Fassade und die goldenen Ornamente der Rocaille hinüber nach Asch schickte, wo es dem Namen nach, so wird sich der Leser denken, hingehört. Weit gefehlt! Asch ist ein schönes und berühmtes Städtchen, in Böhmen gelegen, das uns von jeher mit Musik zu versorgen weiß, auch wenn man dort nicht anders in den Schenken grunzt, rülpst und furzt wie im guten alten Frankenland, seit 1810 zu Bayern gehörig, diesen Kuttelfressern, die das Fränkische Bier zwar nicht kopieren, aber nachäffen, und zumindest die ansässige Bratwurst loben.

Die Spindeln, die in Asch surren und das feine Ascher Tuch hervorbringen, das nicht nur die Schwanenhälse schmückt, hielten kurz inne, als der Staub sich eine Landemöglichkeit suchte und wohl auch fand.

Aber noch gehörte das Schloss, das der letzte Machthaber der Hohenzollern, Markgraf Alexander, erst im letzten Jahr mitsamt dem Alchemisten verkaufte, zu Preußen.

Wie ein Schlossgespenst haben sie mich verschacher, steht in einem von Cornelius’ Büchern, zu dem wir vielleicht noch eine Kleinigkeit anmerken müssen, um zu verstehen, dass zu einer gewissen magischen Größe nicht selten gleichzeitig ein Unglück neben der Wiege lauert, oder wie der Meister Vollpferd, als er noch lebte, einmal zu ihm sagte : »Die Welt besitzt nun einmal Geheimnisse, die wir niemals werden imstande sein zu ergründen. Mich bricht man auch nicht einfach auf und findet dann die Charta, auf der ich meine versteckten Schätze markiert habe, höchstens spreche ich davon in einer seltsamen Stimmung. Auf dem Marterpferd werde ich lügen, denn zu beweisen ist mir nichts. Und so lügt die Welt und die Wissenschaft fällt darauf herein wie ein Harung auf den Kescher. Die Standhaften aber, die voller Geduld auf eine seltene Gunst warten, sind in jeder Faculta verpeent. Früher waren das die Alchimisten, ich kann sagen, mein lieber Cornelius, sie sind es auch noch heute.«

Dass man den Cornelius Schlehenfeuer, genannt Prunus Spinosa verschmähte und verschwieg, bis er in völlige Vergessenheit geriet, soll uns jetzt eine kleine Episode aus dem Leben des Heimatforschers Malte Buschbeck beweisen, von dem man sagt, er sei im Besitz der bereits erwähnten 77 Notizbücher. Immer wieder sei er bei seinem Studium der Handschriften auf das Hammerwerk der Wendenschuchs gestoßen, kryptisch und hermetisch seien die Andeutungen des Cornelius, der eine eigenwillige Orthographie praktizierte, die an Jean Paul Richter, den großen Dichter des Sechsämterlands, angelehnt war, zum Beispiel der Vereinfachung der Doppelkonsonanten im Auslaut und vor Konsonanten, Wechsel zwischen ch und g beim Diminutiv in Theilgen oder Samenthiergen, dem Weglassen des Dehnungs-h’s bei warnemen, one, änlich, ausgenommen bei den Possessivpronomina, so dass ein klassisches Verständnis häufig in die Irre führte.

Es muss in den fünfziger Jahren gewesen sein, da sich Malte aufmachte, den damaligen Besitzer der Mühle, den Hammermeister Gerlach Faber, auszufragen, denn wo immer er sonst anklopfte, begegnete man ihm verständnislos und lud ihn höchstens zu einem Bier und einer Schlachtschüssel ein. Selbst die Aufzeichnungen, was denn mit dem Jagdschloss in Kaiserhammer geschehen war und warum nur noch der ehemalige Küchenflügel stand, die Sockel und Herme im Hofgarten ohne Figuren, voller Grünspan, von Holzschupfen gesäumt dahinkümmerten, entsprachen nicht dem Zeugnis, das Cornelius ablegte. Der nämlich sprach von einem Experiment mit Eisen, das zu einer Katastrophe ausgeartet sein musste, die offizielle Geschichte aber einfach nur davon, dass das Schloß mangels eines Käufers abgerissen worden war.

Hören wir nun die kurze, aber bezeichnende Geschichte, was dem Heimatforscher in Wendenschuchs Mühle, bevor der Herold sie übernahm, als Antwort dienen musste, und weshalb Malte sein Forschen bezüglich des Alchemisten zwar nicht direkt einstellte, aber doch in etwas anderes verwandelte.

Der Schmelzherd brodelte in der Mitte, das Hammerwerk jedoch stand still, weil der Meister Faber und sein Filius gerade damit beschäftigt waren, Garkupfertafeln und Altkupfer zu schmelzen, Verunreinigungen abzuschäumen und das Flüssigmetall in eiserne halbkugelförmige Tiegel zu gießen. Die riesigen Saurierköpfe des Zain- und Buchhammers, die über den Ambossen wie über einer Beute harrten, glitzerten im Blau- und Stahlfeuer. Weil es zischte und auch ohne Hammerschlag sehr laut zuging, hörte niemand, wie Malte nach dem Keßler rief. Das mochte das Vorbild des Höllenlärms überhaupt sein. Malte spekulierte, ob nicht der Teufel selbst so einem Kupferhammer vorstand, die Seelen schrotete und unter den Saurierköpfen Dämonen aus ihnen bog. Noch über die Symbolik, die ihm da in Gedankenblasen entfuhr, grübelnd – und von reicher Phantasie musste er ja wohl sein, wenn er sich der wahnwitzigen Geschichte des Cornelius überlassen wollte – wurde er erkannt als ein Eindringling, der da in der Nähe der Kühlschlangen herumstand, obwohl er gar nicht geladen war. Der Meister Faber schien ihn kaum als Mitglied des Menschengeschlechts zu kennen, und stürzte geradewegs mit ausgeleuchtetem, freilich feuerrotem, Gesicht auf ihn zu, als wolle er ihn gleich falzen und nieten. Der Filius Benno Brünn, ein mageres Kerlchen mit einer ihm unbekannten, aber für die Zunft beglückenden Tension im rechten Bizeps, lugte bestürzt hinter einem dampfenden Tiegel hervor, weil er wusste, dass es nicht gut war, wenn der Kupferschmied fluchte wie ein Seifensieder, und er dann, womöglich, heute kein Essen mehr bekam, wo es doch Buchteln geben sollte.

»Was, im Arsch, hast du hier zu suchen!«, brüllte der kupferrote Kopf (wie ein Seifensieder), oder sagen wir vornehmer : das Loch im Kupferkopf über der Lederschürze – und kam wahrlich erst zum Stillstand, als er Malte bereits hätte umrennen müssen. dass der Faber nicht weniger Hitze versprühte wie seine Esse, lag auf der Hand. Als stünde da ein Haufen Glühkohle vor ihm, wurde ihm neben der Mulmigkeit, die er spürte, auch noch schwindelig. Später wusste er selbst nicht, wie es zuging (oder gar, was es zu bedeuten hatte), aber er hörte sich, aus einem Mechanismus der Angst heraus, sagen : »Beim Prunus!« Womöglich weil er hier war, um etwas über diesen sehr abwesenden und zeitlosen Genossen in Erfahrung zu bringen. Zumindest stierte ihn der Meister Faber jetzt so an, als würde er sich daran erinnern, sein Gesicht schon einmal gesehen zu haben. Hätte er sonst nach dieser Beinahe-Attacke »Ah« gesagt und genickt? – jawohl; und dann sogar gefragt, was es denn gäbe? Der Filius, man merkte es ihm gleich an, konnte sich wieder der Aussicht einer Brotzeit erfreuen, nahm die Schaufel zur Hand und fütterte das Feuer mit Kohle.

»Ihr müsst schon recht verzeihen, Herr Faber, aber ich bin hier, um…«

»Du bist doch der Enkel von diesem Wagenmacher!«

»Ja. Ja genau, der bin ich, und ich…«

»Und der Sohn von diesem Köhler!«

»Oh ja. Ja, natürlich, aber ich…«

»Und was willst du von mir?«

»Also. Ich hätte nur eine Frage. Im Grunde nur eine Auskunft über…«

»Vor allem um diese Zeit! Hast du nichts zu tun?!«

»Doch, ja. Es gehört ja gerade zu dem, was ich zu tun habe, dass ich nun hier bin.«

»Du willst mich also sprechen?«

»Aber ja, deshalb bin ich ja…«

»Und um was geht es dir?«

»Um Prunus Spinosa!«

Gerade in dem Moment, als Malte schon glauben musste, eine völlig andere Sprache als der Schmied zu sprechen, fand er sich erleichtert, den Namen des Alchimisten geäußert haben zu können, trat aber, einem Instinkt folgend, nun doch einen Schritt nach hinten, lange nicht aus der Reichweite der Kohlenprügel heraus, die durchaus eine Ähnlichkeit mit menschlichen Händen aufwiesen, weil er gehört hatte, dass es nicht sehr klug sei, einen Unbekannten gegenüber einem Unbekannten zu erwähnen, von dem man nicht wusste, ob der ihn kannte und was er von diesem hielt, aber immerhin soweit, dass er nicht gleich sein Gesicht eingebüßt hätte. Die mögliche Maulschelle blieb jedoch aus, statt dessen glotzte Faber nur unschlüssig drein und wusste wohl nicht, wie er nun sagen sollte, dass er nicht wisse, was dieser Begriff zu bedeuten habe. Dann aber sagte er doch : »Was ist das?«

Es stellte sich heraus, dass dem Hammermeister auch der Name Cornelius Schlehenfeuer nichts sagte, es gäbe überhaupt keine Familie mit diesem Namen im ganzen Land, nur einen Schnaps, einen Likör, den er aber schon lange nicht mehr anrühren würde, weil sein Jähzorn ihn schon einmal dazu getrieben habe, sein ganzes Kleinvieh zu erschießen.

»Es war mir, als würde das Haus zu mir sprechen, als wäre es lebendig und würde mich und meine Familie hier nur dann dulden, wenn ich hinaus ginge und den Richter spielte. Sündige Seelen seien in meine Hühner und Hasen gefahren… jetzt glotz nicht so, ich sagte ja, ich rühre keinen Tropfen mehr an!«

Ein kurzes Aufflackern der Hoffnung, als Malte Buschbeck aus einem Instinkt heraus, im Grunde schon zum Gehen gewandt, sich nach einem Meister Vollpferd erkundigte. Die Miene des Hammermeisters wurde grauenhaft entstellt, das Innere seines Mundes wirkte, als würde er glühendes Eisen lutschen, die Zahnreihen diesem Stress nicht gewachsen sein.

»Der Trunkenbold! Über den erzählt man sich Geschichten, kann ich dir sagen, die erzählt man nicht in anständigen Stuben.«

Er sah sich zu seinem Filius um, der gerne größere Ohren gehabt hätte, das Rauschen und Zischen nämlich war alles, was er hörte. Hin und wieder musste er auch etwas dengeln, um den Schein zu wahren, stellte sich in seinen Gedanken aber vor, wie er zu seinem Meister hintrat und posaunte : »Ich will die Geschichte ebenfalls hören. Wie soll ich etwas lernen, wenn ich ausgeschlossen bin?«

Das tat er nicht, legte seine Wut über sich aber in die Hammerschläge hinein, so dass der Meister die Stimme lauter zu stellen gezwungen war und dieser glückliche Umstand es mit sich brachte, dass er von der Ankunft des Meister Vollpferd doch einen erheblichen Teil mitbekam.

»Der kam ins Dorf, hat gestunken wie eine angebrannte Ziege, die in ihrem eigenen Kot vergeht, voll wie einß mit Starkbier. Das sprach sich genauso schnell rum – den Geruch mein’ ich – wie seine Angewohnheit, morgens mit einem Luftsprung aus dem Bett zu hechten, ein Schwert gezückt, die Augen weit aufgerissen.«

»Das wissen Sie also gewiss?«

»Das erzählt man sich, es ist ja schon über hundertfuffzich Jahre her! Da hat das Schloss noch gestanden.«

»Ah! Und wissen Sie vielleicht auch, warum es heute nur noch den einen Flügel gibt?«

Faber zögerte, was ein gewisses Nachdenken symbolisierte. »Na, ist eingestürzt, vermute ich. Da hinten ist Schwemmland, die Eger wird das Fundament weggerissen haben.«

»Hat man sich jemals davon erzählt, dass auf das Schloß geschossen worden sein könnte?«

Ach was, daran glaube ich nicht. Warum ist dir das so wichtig? Schau dir ihn an…«

Faber deutete auf seinen Filius, der finster auf sein Werkstück blickte. »Tut so, als wüsste ich nicht, dass er gerne lauschen würde, was wir hier reden. Und warum? Weil es eben Geschichten sind. Die Witwe Gräf … die hast du doch sicher auch schon gelöchert mit deinen Fragen. Die erzählt doch gern, oder nicht? Und uralt ist sie außerdem.«

»Die Witwe Gräf? Esrabella Gräf? Ist sie nicht stumm wie ein Fisch, seid ihr Mann ums Leben kam?«

Faber lachte rußig und gußeisern. Sie redet nicht mit jedem, das ist wahr. Aber sie lebt schon immer hier, kennt alles und jeden. Keiner weiß, wie alt sie ist. Als ich nämlich noch ein Rotzlöffel war wie der da hinten – und du kannst auch noch nicht lange raus sein – war sie schon so knittrig und gebückt wie heute.«

Aber Esrabella Gräf war nicht bereit, mit Malte Buschbeck über irgendwas zu reden. Sie öffnete ihm nicht die Tür und beantwortete keinen einzigen Brief. Es gab Geschichten, die sollten besser bleiben, wo sie sind : in der Erinnerung längst ausgehobener und wieder festgestampfter Erde. Der junge Heimatforscher gab seine Recherche nie wirklich auf, wusste sich allerdings für die Zukunft zu rüsten und besser zu positionieren, in dem er bei der Frankenpost anheuerte, um Journalist zu werden. Vielleicht würde ihm der Zufall hold sein, wenn er sich recht intensiv um den Lokalteil kümmerte, das Selber Tagblatt zum Beispiel.

Adulf Tinkerbell aus Ypern, Flandern, Feldpostexped., 16.8.15

Die Ereignisse sind groß, meine liebe Johanna. Das Innere der Erde ist aufgewühlt, die Bestie, die unter anderem Gas heißt, freigelassen. Vielleicht erinnerst du dich an die Höllenkreise der Göttlichen Komödie. Wir sprachen einmal darüber, welche Landschaft der Dichter vor Augen gehabt haben könnte. Nun, ich befinde mich gerade vor Ort. Hier gibt es anhaltenden Nebel, der Himmel ist verdunkelt und gäbe es nicht die Schwerkraft, wir wüßten nicht, wo oben und unten ist. Meine Uniform ist naß, klamm und voller Dreck. In diesen Textilien fühlt sich der Schießpulvergestank besonders wohl. Der Abort einer Chemiefabrik könnte nicht schlimmer ausdünsten. In einem Brief nach Hause zu schreiben, dass jede Stunde die Hoffnung mehr schwindet, jemals zurückzukehren, ist sicher nicht der richtige Weg, dir und mir Mut zu machen. Sollte ich dir meinen Kummer ersparen oder dich darum bitten, ihn mit mir zu teilen? Wir schießen auf alles, was wir auch nur halbwegs vor uns erkennen können und hoffen dabei, dass es die richtigen trifft. Mit Bestimmtheit wissen wir das nicht, weil hier nur eine einzige Farbe existiert: grau, in allen Schattierungen, von Weiß bis Schwarz. Wir können uns hier nicht an den Schlaf erinnern, weswegen er auch dann nicht kommt, wenn wir eine Feuerpause, die wirklich selten ist, haben. Wir haben Stellungen ausgebaut, wo später die Franzosen drauf losgingen; der Angriff wurde aber unter ungeheuren Verlusten für den Gegner abgeschlagen u. Tausende von Toten bedeckten nachher das Gefechtsfeld. So kommt es vor, dass ein jeder von uns Halluzinationen aufsitzt. Denk dir, gestern erst verschwand eine Mörsergranate vor unseren Augen! Es war ein Augenblick, als sich der Nebel, der Pulverdampf, das ganze missgestaltete Wetter für einen Moment zurückzog, um uns zu zeigen, dass dahinter noch eine wirkliche Welt existiert und wir sozusagen nicht auf sonstwas feuern, sondern einen Angriff auf die Schöpfung selbst vortrugen. Oft sehen wir kaum das Mündungsfeuer, das aus unseren Höllendrachen speit, aber diesmal sahen wir die Granate davonsausen und in dieser licht gewordenen Spalte verschwinden. Wir rieben uns zwar nicht verwundert die Augen, aber wir lachten aus vollem Halse, als wollten wir auf der Stelle irr werden. Die ging direkt in die Hölle hinein, sagte ein Kamerad. Wir sehen ja nie, wo die Geschosse einschlagen und welchen Schaden sie dort anrichten, aber wir konnten immerhin sagen, in welche Richtung wir die Kaliber brachten. Dieses hatte vielleicht keine Lust, uns zu unterstützen. Gleich luden wir die Haubitze erneut, aber das Spektakel wiederholte sich natürlich nicht. Wir scherzten noch den ganzen Tag lang darüber, dass unsere Kugel fahnenflüchtig sei und ob wir es wohl melden sollten. Ich hoffe, dass ich dir bald wieder schreiben kann. – Dein Adulf

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  • Edith

    Ich kann nicht sagen, wie viele Hände ins große Spargelfeld meiner
    zweiten Mutter gesickert sind, und ob sie dort noch liegen.
    Ich erinnere nur das:

    Stets zur Mittagszeit refelten sich feinflechtig, an vier schwebenden
    Stühlen aufgespannt, zwei rote Beine auf.
    Ich blieb, um zu sehen, wie sie sich verflüchtigten.
    Konvex blieb um mich herum der Wald als große Lungenblase
    berstend gegen die Ortschaft stehen.
    Es dauerte bis in den Abend hinein bis die Spannung seiner
    Oberfläche einen Riss bekam, und er mir so sein dunkles Nadelmeer vor Augen spülte.

    Es war wie eine gewaltige Traube, die barst.
    Ich fand mich unter den Rücken der Tannen wieder.
    Von Weitem rief Edith nach mir.
    Ich lief zu ihr.
    Sie nahm mich an ihre rechte Hand, einen schwarzen
    Eimer, gefüllt mit Spargeln, in der linken.
    Mich mit ihren durch die dickwandigen Gläser, die sie trug, stark
    vergrößerten Augen anschauend, nahm sie mich mit sich.