Da tanzen sie im Rhythmus ihrer Negermusik durch die Küche, als ob sie das Brot höchstselbst erfunden hätten. Dass sie den Sauerteig nicht gleich mit ins Bett nehmen, um sich regelmäßig der nassen Pfütze in ihrer Mitte gewahr zu werden, sollte einer nachts aufwachen und Furcht vor geträumtem Psychoballast bekommen, verwundert mich dann doch bei derartigem Enthusiasmus. Nur weil ihnen mal etwas geglückt zu sein scheint.
Bis zum heutigen Tag hat uns die Wissenschaft noch nicht mitgeteilt, wie viel Gummischnuller nötig sind, um einen Körper von 90 Kilo damit an einer Gardinenstange zu befestigen, und wie lange es dauert, bis der Körper dann voraussichtlich doch runter kommt, weil so ein Schnuller ja schneller ermüdet als ein Pfund Hack, das man in ein Kopfkissen stopft, denn da ist ja noch der Bezug außen rum. Bevor jetzt jemand sagt: Gute Renate, warum sollte so ein verrücktes Zeug denn jemand tun?, dann will ich in meiner Instanz als kluge Hausfrau darauf hinweisen, dass es ja möglich sein könnte, dass man sein Federkissen irgendwo verloren hat. So ein Pfund Hack hat man aber doch wohl immer parat, oder etwa nicht? Und wenn Sie sich scheuen, ihr Fleisch ins Bett zu tragen, denken Sie daran, dass Sie das im Grunde täglich tun, nur fressen Sie’s nachher nicht auf, weil Sie dann ja immer weniger würden, während so ein Schweinchen immer nachzuwachsen scheint, was den lieben Bauern zu verdanken ist, die die Tierchen mit Schlamm und Scheiße begießen, auf dass sie sich so freudig vermehren.
Der Mensch, der da in unserer Nachbarschaft haust, fiel mir zuerst auf, weil er das Fernsehprogramm nachsprach. Ich kam gerade heim, vollbepackt mit Tüten, weil ich mein Roll-Dingens vergessen hatte, und lief unter seinem Fenster vorbei, wo er, gekleidet wie eine Schaufensterpuppe, der man die Klamotten falsch rum angezogen hatte, vor seinem Apparat hampelte und versuchte, die jeweiligen Stimmlagen zu treffen. Sie werden verstehen, dass sich sofort die Kundalini-Schlange der Angst meinen Buckel hinauf schob. Man hört ja oft, dass das bereits die Vorstufe zum Massaker sein könnte. Jetzt ist der, hab ich erfahren, ein Buchhalter.
Um ein Gulyás zu kochen, wäre es unbedingt erforderlich gewesen, ausschließlich Rindfleisch zu verwenden, und so wurde es bei uns heute nur ein Pörkölt, das aus verschiedenen Fleischarten besteht; was aber nimmt man, wenn man kein Schaf zur Hand hat und der Metzger sich nicht vom Fleck rührt, sobald man ihn auffordert, augenblicklich eines zu zerlegen, man bräuchte kleine magere Stücke, und die Wolle für den Überzieher nähme man auch gleich mit? Man schielt zur Sau, man denkt an die Sau, man nimmt die Sau und verdrängt das Gulyás für dieses eine Mal, weil das Rindfleisch zusammen mit dem Schwein heute günstiger angeboten wird. Außerdem flattert draußen ein Wenigelchen Schnee in der Luft herum und man denkt, das sei ein guter Tag für Pörkölt. Man nimmt noch einen ganzen Sack Zwiebeln, weil man davon ebenso viel braucht wie vom Fleisch, und besteigt seinen Schlitten, der, weil dieses verdammt seltene weiße Zeug nicht mehr liegen bleibt in unseren Breiten, seine Kufen bereits nach den ersten Hundert Metern völlig aufgebraucht hat. Das war dann wohl das Zahnfleisch des Transportmittels. Kurt, nimm mir mal den Sack da von dem Schlittern, Kurt, hörst du nicht? – Ah, da kommter! „Den Sack, Kurt!“ „Was gibts denn, Renchen?“ „Pörkölt!“ Wenn er jetzt noch lange so kuckt, lange ich ihm eine.
In seiner interessanten Abhandlung in Buchform, Danse Macabre (1981), stellte Stephen King die folgende Theorie über die grundlegende und beständige Anziehungskraft des Horrors auf:
Warum soll man sich schreckliche Dinge ausdenken, wenn es doch so viel wirklichen Schrecken in der Welt gibt?
Die Antwort scheint zu sein, dass wir uns Horror ausdenken, um mit dem wirklichen Übel fertig zu werden.
Die Analyse des Horrors ist, wie fast alles, was mit diesem Genre zusammenhängt, paradox. Da das Genre so stark von archetypischen Bildern und Tabuthemen geprägt ist, scheint jeder Versuch, es rein intellektuell zu betrachten oder zu verstehen, wirkungslos oder zumindest unzulänglich zu sein. Während die meisten anderen künstlerischen Ausdrucksformen vom Scharfsinn der Kritiker profitieren, die das Publikum über mögliche kryptische Anspielungen, Subtexte usw. aufklären, funktioniert der Horror offensichtlich etwas anders. Es ist ein gänzlich erfahrungsorientiertes Genre und wird daher zu einem großen Teil nach seiner Wirkung, genauer gesagt nach seinem Effekt, und nicht nach seiner Struktur beurteilt.
Während der NecronomiCon 2013 – einer Konferenz über alles, was HPL in seinem geliebten Providence veranstaltet hat – nahm ich an einem Panel über Weird Fiction teil. Während der lebhaften und interessanten Diskussion wurde die Meinung geäußert, dass viele seltsame- oder Horrorgeschichten aus einer “düsteren existenzialistischen Perspektive” heraus geschrieben zu sein scheinen. Das mag zwar durchaus zutreffen, aber ich war dennoch erstaunt darüber, wie sehr diese Perspektive mir selbst selbst stets ein Gräuel war.
Das Horrorgenre kann beim Publikum ein ganzes Kaleidoskop der Emotionen hervorrufen. Grauen, Lust, Angst, Schwindel und sogar Freude gehören dazu, manchmal in paradoxen Kombinationen. Eigenartigerweise scheint es so zu sein, dass die eine Emotion, von der sich das Genre ableitet, am seltensten hervorgerufen wird. Im Klartext: Das Genre ist selten wirklich beängstigend. Tatsächlich scheint der Großteil des zeitgenössischen Horrors seinen Fokus auf andere Effekte gelegt zu haben. Viele zeitgenössische Künstler in diesem Bereich sind offenbar mehr daran interessiert zu verstören, als beängstigend zu sein.
Die Frage, ob ich den Horror gefunden habe oder ob der Horror mich gefunden hat, ist eine sehr langlebige, und trotz vieler Überlegungen bin ich einer endgültigen Antwort nicht näher gekommen. Vielleicht gibt es keine. So oder so hat sich der Horror zweifellos schon früh und mit unauslöschlicher Macht in meine Welt eingeschlichen.
Das Horrorpublikum deckt ein weites Spektrum ab, aber am jeweiligen Ende finden sich zwei Extreme. Diese gegensätzlichen Positionen entsprechen weniger einem Interessenkonflikt als dem Grad des Morbiden.
An einem Ende haben wir die Leute, die den Horror genießen, wenn darin das übernatürliche Chaos in Schach gehalten wird. Deren extravaganter Anteil ist relativ gering. Die innere Logik der Horrorgeschichte muss sich nahe am täglichen Leben orientieren. Sie nehmen ihren Horror wie ein Abstinenzler Honig; nur, um den Gaumen ganz leicht zu kitzeln.